7 aus dem Strom: KW21

Forschung und Diskussionen zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, veränderter Mediennutzung oder neuen technologischen Entwicklungen wirken wie ein endloser Strom mit vielen Abzweigungen. Einmal in der Woche verlinken wir sieben besonders interessante Neuigkeiten.

Künstlerische Darstellung des Mars 2020-Rovers. Bildnachweis: NASA / JPL-Caltech

Im Juli 2020 will die NASA wieder einen Rover auf den Mars senden. Die Sonde soll u.a. nach Spuren mikrobiellen Lebens suchen und Methoden zur Generierung von Sauerstoff aus der Mars-Atmosphäre testen. Für Mars 2020 wurde nun eine Marketing-Aktion wiederbelebt, bei der Menschen ihre Namen an Bord des Rovers mitschicken können. In einem Formular gibt man Namen, Land und E-Mail-Adresse ein, anschließend wird ein „Flugticket“ generiert, das man sich als Andenken abspeichern oder ausdrucken kann. Dieselbe Aktion gab es schon in den Jahren 2014 und 2018. Beim ersten Mal „flog“ der Name beim Testflug des Orion-Raumschiffs mit; letztes Jahr ging es mit InSight schon einmal auf den Mars.


Elon Musks Weltraumunternehmen SpaceX hat mit einem Start ihrer Falcon 9-Rakete 60 Kommunikationssatelliten gleichzeitig ins All geschossen (Video). Die Satelliten gehören zu einem Starlink genannten Projekt und sollen einmal 12.000 an der Zahl werden. Sie sollen Internet-Zugang auch für entlegene Regionen der Welt ermöglichen. (Quelle: spiegel.de)


Auf ZEIT online ist ein umfangreiches Interview mit der italienischen Astronautin Samantha Cristoforetti erschienen, in dem sie auch über die Herausforderungen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Nationen auf der Internationalen Raumstation spricht.


Murray Gell-Mann (Bildnachweis: Wikipedia/Joi)

Der amerikanische Physiker Murray Gell-Mann (1929-2019) ist am 24. Mai gestorben. Gell-Mann forschte am California Institute of Technology (Caltech) zur Teilchenphysik. Am bekanntesten ist er als einer mehrerer Entdecker der Quarks genannten Teilchen, aus denen u.a. Protonen und Neutronen (Bestandteile von Atomkernen und Beispiele für Hadronen) bestehen. Gell-Mann postulierte die Quarks im Jahr 1964; im Jahr 1969 erhielt er den Nobelpreis für Physik für seine Arbeiten zur Klassifizierung der Elementarteilchen. Gell-Mann war an einer großen vereinheitlichten Theorie (Grand Unified Theory) interessiert; später arbeitete er zur Frage komplexer Systeme in Biologie, Ökologie, Soziologie und Informatik. Dies stellte er 1994 in seinem Buch „Das Quark und der Jaguar“ für die breite Öffentlichkeit dar (vgl. dazu Bernd Gräfraths durchaus kritische Rezension aus dem Jahr 1995).


In freier Wildbahn lebende Schimpansen scheinen möglicherweise in der Lage zu sein, für die Zukunft zu planen. Dies ist zumindest eine Intepretation, die Simone Pika, Harmonie Klein, Sarah Bunel, Pauline Baas, Erwan Théleste und Tobias Deschner in einem Paper zur Schildkrätenjagd durch Schimpansen vertreten. Zwischen 2016 und 2018 beobachteten die Autor*innen mehrere Schimpansen-Individuen im Loango-Nationalpark (Gabun) bei der Jagd nach Schildkröten und ihrem Umgang mit der Beute. In einem Fall aß der männliche Schimpanse seine Beute nicht vollständig auf (oder ließ sie einfach liegen), sondern verstaute die Reste in einer Astgabel. Etwa 100 Meter entfernt baute er sich in einem anderen Baum ein Nest und schlief. Am nächsten Tag ging der Schimpanse zum ersten Baum zurück und verzehrte die Reste vom Vortag. Die Autor*innen sehen zwei Möglichkeiten als plausible Erklärung für ihre Beobachtung: Einerseits kann es sich einfach um eine gute Gedächtnisleistung des betreffenden Individuums handeln — der Schimpanse könnte am zweiten Tag Hunger verspürt und sich an die ablegte Futterquelle erinnert haben. Dies, so die Autor*innen, würde aber nicht erklären, warum der Schimpanse die Schildkröte in die Astgabel gelegt (anstatt einfach liegen gelassen) hat. Die Autor*innen halten es daher für möglich, dass der Schimpanse für ein zukünftiges Bedürfnis geplant hat. (Quelle: spektrum.de)


Wie Künstliche Intelligenz zu ihren — aus naiver Beobachtersicht nicht selten beeindruckenden — Schlüssen kommt, ist zurzeit oft unklar — man sieht die Ergebnisse, aber nicht, worauf sie beruhen. Dies ist ein Problem, das der Informatik durchaus bekannt ist und an dem gearbeitet wird. Die FAZ berichtet über zwei Studien, bei denen KI-Systeme die Schlüsse ihrer neuronalen Netze erklären. In einer der Studien geht es um die Einstufung von Tumoren. Wenn ein medizinisches KI-System seine Ergebnisse in verständlicher Sprache darlegt (offenbar ebenfalls durch ein neuronales Netz ermöglicht), können Ärzt*innen die Ergebnisse besser beurteilen als sich schlimmstenfalls blind darauf verlassen zu müssen.


Häufig werden neuronale Netze als mathematisches Modell in gewöhnlichen Computern erzeugt. Es gibt aber auch Ansätze, Computerchips als künstliche Neuronen auszulegen; dies nennt man „neuromorphe Chips“. Wiederum die FAZ berichtet über ein Projekt, bei dem Forscher aus Münster, Oxford und Exeter einen neuromorphen Chip entwickelt haben, der keine elektrischen Bauteile nutzt, sondern allein Licht verwendet. Getestet wurde das System, wie oft bei neuronalen Netzen, mit Mustererkennungs-Aufgaben.

7 aus dem Strom: KW19-20

Forschung und Diskussionen zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, veränderter Mediennutzung oder neuen technologischen Entwicklungen wirken wie ein endloser Strom mit vielen Abzweigungen. Einmal in der Woche verlinken wir sieben besonders interessante Neuigkeiten.

Die Möglichkeit, in Echtzeit gesprochene Sprache zu übersetzen, ist seit langem ein Traum vieler Science-Fiction-Autor*innen — sei es, eher satirisch, als Babelfisch in Douglas Adams Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“, oder ernstgemeint als „Universalübersetzer“ in „Star Trek“. Im Google AI Blog stellen die bei Google tätigen Ye Jia und Ron Weiss nun ihren „Translatotron“ vor. Statt gesprochene Sprache erst in Text umzuwandeln, der anschließend maschinell übersetzt und dann per Sprachausgabe quasi vorgelesen wird, nutzt das neue System Spektrogramme der Eingabe und generiert direkt Spektrogramme in der Zielsprache. Die klingt dabei sogar ähnlich wie die ursprünglichen Sprecher*innen. In dem Blogbeitrag sind mehrere Beispiele zu hören, weitere gibt es hier, wobei auch bewusst nicht so gut gelungene Übersetzungen präsentiert werden.


Neue Technologien orientieren sich an Formen, die wir kennen. Dies ist anfangs nötig, um sie möglichst problemlos nutzen zu können oder anfängliche Barrieren und Sorgen abzubauen. Im Interview in meinem jetzt als E-Book verfügbaren Buch „Die Unschuld der Maschinen“ sagt der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Sucharowski dazu: „Ein neuer Gegenstand muss mit etwas Bekanntem verbunden werden können, um mit ihm hantieren zu können. Als beispielsweise die ersten Mails auftraten, war ihre Nutzung kein Problem, sie wurden medial einem erweiterten Handlungskonzept Brief zugeschrieben. Das Smartphone folgte dem Konzept Telefon. Der Computer avancierte zur optimierten Schreibmaschine.“ (Das gedruckte Buch erscheint im Juni 2019).


Eine ähnliche Beobachtung macht auch Peter Glaser unter dem Titel „Warum keiner mehr rangeht“ bei Technology Review. Glaser stellt fest, dass die Telefonkultur verschwindet. Als wichtiges Merkmal der Telefonkultur sieht Glaser „die Übereinkunft, dass Kommunikation, die mit Maschinenhilfe transportiert wird, eine geheimnisvolle Zunahme an Wert erfährt und Vorrang genießt.“ Wenn das Telefon klingelt, dann hatte man ranzugehen, alles andere wurde unwichtig. Dies sei heute nicht mehr so. Und Smartphones, so Glaser, „heißen nicht so, weil sie Telefone sind, sondern weil die Leute wissen, was ein Telefon ist“.


Die New York Times berichtet von einem britischen Forschungsprojekt, bei dem die DNA von Colibakterien „umgeschrieben“ wurde, um deren Erbgut zu komprimieren. Die Bakterien seien ungewöhnlich geformt und würden sich nur langsam vermehren, aber am Leben. Die New York Times wirft die Frage auf, ob es sich um künstliches Leben handle.


Wenn es um künstliche Intelligenz (KI) geht, haben wir es heute mit sogenannter schwacher KI zu tun. Die hat nichts mit selbstbewussten, kreativen Wesen zu tun, wie man sie aus der Science Fiction kennt, sondern es handelt sich im Wesentlichen um die Analyse riesiger Datenmengen, aus denen bestimmte Merkmale extrahiert und ggf. neu kombiniert werden. Wie KI-Systeme das im Detail machen, und wie sich das für Beobachter darstellt, ist selbst ein neues Forschungsfeld, wie die FAZ berichtet. In dem Original-Artikel, den die Initiator*innen dieser „Machine Behavioural Studies“ bei Nature veröffentlicht haben (kostenfrei lesbar), wird der interdisziplinäre Ansatz deutlich: Es wird nicht nur auf ingenieurwissenschaftliche Methoden zugegriffen, sondern auch Erkenntnisse der Verhaltensforschung zu biologischen Akteuren berücksichtigt. Besonders wichtig erscheint mir, dass die Autor*innen individuelles maschinelles Verhalten, kollektives maschinelles Verhalten und „hybrides“ Verhalten von Mensch und Maschine als Ökosystem betrachten, bei dem es zu gegenseitigen Wechselwirkungen kommt. So ein systemisches Verständnis ist heute mehr denn je nötig.


Die Wissenschaft ist permanent damit befasst, Lösungen für große Probleme unserer Zeit zu entwickeln oder über die Folgen möglicher Lösungen zu reflektieren. Dies könnte eigentlich einen großen Einfluss auf die Gesellschaft haben — hat es aber nicht genug, wie Judith Reichel in einem Beitrag im scilogs-Blog „Mit Herz und Hirn“ beklagt. Die Autorin stellt fest, dass zwar ständig wissenschaftlich relevante Themen wie Klimawandel oder Impfpflicht in den Medien vorkommen, dass aber die wissenschaftliche Arbeit dahinter kaum zur Sprache kommt. Reichel stellt die wichtige Frage: „Wie können Vertrauen und Zuversicht in eine Disziplin verlangt werden, wenn über diese selbst nichts bekannt ist?“ Die Autorin stellt fest, dass sich Wissenschaftskommunikation zuletzt sehr verbessert hätte, aber in den traditionellen Medien trotzdem kaum Resonanz finden würde.


Die Grumpy Cat ist tot und WIRED-Autorin Angela Watercutter sieht dies als Zeichen für das Ende des freudvollen („joyful“) Internet. Die Katze, deren Name eigentlich Tardar Sauce war, tauchte 2012 im Internet auf, und sah — zumindest aus menschlicher Perspektive — ziemlich schlecht gelaunt aus. Sie wurde schnell zum Mem. Damals, so die Autorin, „waren Meme noch keine Massenvernichtungswaffen“ und „wir wussten noch, was ein Troll war“. Mit dem Tod von Grumpy Cat verschwinde eine Ära, in der das Internet mehr ein Ort der Freude denn des Hasses war.

Jeder an seinem Platz – Theresa Hannig: Die Optimierer

Theresa Hannigs Roman „Die Optimierer“ (2017) fühlt sich an wie „Der Prozess“ in der Computergesellschaft. Am 28.06.2019 veröffentlicht Hannig die Fortsetzung „Die Unvollkommenen“. Hier posten wir noch einmal die Rezension zum ersten Teil.

Vor einer Weile stieß ich auf zwei Romane deutschsprachiger Autoren, die eine durchoptimierte Gesellschaft beschreiben. Leif Randts „Planet Magnon“ (2015) präsentierte eine Gesellschaft, die dank scheinbar perfekter Computerkontrolle von allen Konflikten befreit ist. Unterschiedliche Lebensentwürfe sind in dieser Welt nur in Form entsprechender Kollektive möglich, ein austariertes System für diejenigen, die es nicht in Frage stellen. Freilich braucht es in solchen Romanen trotzdem einen Konflikt, und der wird durch das „Kollektiv der gebrochenen Herzen“ eingebracht, das sich mit dem System nicht anfreunden mag. Randts Roman spielt auf verschiedenen Planeten eines fremden Sonnensystems, ist aber eher Parabel als „harte“ Science Fiction. Im Vordergrund stehen politische Modelle und deren Auswirkungen auf Individuen, technische Details auch zur namensgebenden mysteriösen „Flüssigkeit Magnon“ gibt es keine. „Planet Magnon“ zieht seine Faszination in erster Linie aus der Beschreibung der unterschiedlichen Kollektive (die teilweise auch als Parodie des akademischen Betriebs lesbar sind) und der Hinweise darauf, wie der Computer („ActualSanity“) auf die Gesellschaft einwirkt. Am Ende stellt sich die Frage, ob das aggressive „Kollektiv der gebrochenen Herzen“ nicht sogar nötig (und durch ActualSanity gewollt) ist, um das Gleichgewicht der Gesellschaft zu erhalten.

In der Grundthematik ähnlich, aber in der Ausführung viel „realistischer“ ist Theresa Hannigs Roman „Die Optimierer“ (2017). Der Roman spielt im München des Jahres 2052. Anders als etwa in Carl Amerys Klassiker „Der Untergang der Stadt Passau“ (1975) ist Bayern kein Opfer postapokalyptischer Wirren, sondern wohlhabener Teil einer stabilen und nach außen abgeschotteten Bundesrepublik Europa (BEU). In der BEU wurde nach dem Kollaps der EU die soziale Marktwirtschaft durch eine „Optimalwohlökonomie“ ersetzt: Jeder erhält ein bedingungsloses Grundeinkommen, darüber hinausgehende Lebensentwürfe werden von einer Agentur nach dem fast kommunistisch anmutendem Motto „Jeder an seinem Platz“ verteilt, basierend auf Fähigkeiten, Interessen und bisherigen Leistungen, die in Sozialpunkten gezählt werden. Wer nicht arbeiten will oder kann, oder für wen das System keine optimale Verwendungsmöglichkeit findet, wird in die „Kontemplation“ geschickt, sozusagen ein aufgezwungenes zehnjähriges Sabbatical, bei dem man tun kann was man will — nichts, Hobbys frönen oder sich weiterbilden, falls man später erneut eine „Lebensberatung“ haben möchte, um doch noch einer geachteten Tätigkeit nachzugehen.

Der Mensch als Vollstrecker von Algorithmen

Anders als in „Planet Magnon“ sind es in „Die Optimierer“ noch Menschen, die Lebensberatungen für andere vornehmen, wenn auch unterstützt durch allgegenwärtige Daten zu allem und jedem, per Kontaktlinse ständig im Sichtfeld. Einer der Berater ist Samson Freitag, ein Beamter. Er lebt ein angesehenes Leben im Sinne des Systems, hat viele Sozialpunkte, die eine baldige Beförderung versprechen — insgesamt ein ruhiges, vorhersagbares Leben, inklusive der Option, es nach 85 Jahren freiwillig zu beenden, um der Gesellschaft nicht zur Last zu fallen. Diese Ordnung gerät aus den Fugen, als verschiedene Ereignisse zu immer schlechteren statistischen Bewertungen und Vorhersagen über Freitag führen — obwohl er, wie er selbst mehrfach betont, überhaupt nichts falsch gemacht hat, sondern im Gegenteil die Regeln des Systems buchstabengetreu befolgt.

Das von Hannig beschriebene System ist die logische Fortführung bereits heute absehbarer technischer Gegebenheiten: Big Data, Social Networks, Augmented Reality, Roboter — diese und andere Versatzstücke wurden schon oft dargestellt. Ich fühlte mich stark an Fernsehserien der 2010er Jahre erinnert, insbesondere „Continuum“ und „Caprica“. Der Zwang, den das System auf sich für angepasst haltende Individuen so lange ausübt, bis sich diese endlich vom System abwenden, ist aus älteren Dystopien bekannt, insbesondere „1984“ und „Fahrenheit 451“, teilweise auch „New York 1999“. Theresa Hannig gelingt es jedoch, so nah an der heutigen, spezifisch deutschen Gesellschaft zu bleiben und diese zugleich so zu verfremden, dass ihr Roman über technologisch-technokratische Oberflächlichkeiten hinausgeht. Die zunehmende Verlassenheit des Herrn F., pardon, des Samson Freitag erinnert an ein ganz anderes Individuum, das tragisch an übermächtigen Apparaten zugrunde geht: An Josef K. aus Franz Kafkas „Der Prozess“.

Die Ausgangslagen beider Protagonisten ähneln sich: Sowohl K. als auch Freitag arbeiten in ihren jeweiligen Institutionen auf mittlerer Ebene und haben es dort zu relativem Wohlstand gebracht; im privaten Bereich leben sie in Beziehungen. Beide bestimmen über den Erfolg anderer Menschen — Freitag in seinen verbindlichen Urteilen der Lebensberatung, K. in seiner Beteiligung an Verhandlungen mit Geschäftsleuten, die seine Bank aufsuchen. Beide sind auf die weitere Entwicklung ihrer Karriere bedacht und daher besorgt um ihr Ansehen bei Vorgesetzten und Umfeld. Dieses Ansehen wird durch unerwartete Begebenheiten und in der Folge getroffenen falschen Entscheidungen immer mehr gefährdet und schließlich zerstört. Wie K. ist auch Freitag Opfer eines nicht verstehbaren Systems aus Regeln und Urteilen, gegen die man sich nicht wehren kann.

Das Justizsystem im „Prozess“ ist durch seine Unzugänglichkeit und Verästelung in immer höhere Stufen gekennzeichnet. Jede Form möglicher Hilfe führt in eine weitere Sackgasse, weil letztlich niemand weiß, wie das System funktioniert, worauf dessen Urteile beruhen und wie man überhaupt zu ihm durchdringen kann. Im Gegensatz dazu ist das optimalwohlökonomische System in „Die Optimierer“ scheinbar ganz transparent. Anstatt stickiger Dachbodenkammern in unbekannten Stadtvierteln befindet sich die Zentrale der Münchner Lebensberatung in bester Lage und soll durch viel Glas Offenheit vermitteln. Jeder Bürger kann statistische Daten und Bewertungen über sich selbst einsehen und so theoretisch nachvollziehen, warum bestimmte Optionen gesellschaftlicher Teilhabe möglich oder ausgeschlossen sind. Anders als Josef K. muss sich Samson Freitag nicht ewig fragen, warum er sanktioniert wird. Er kriegt im Gegenteil sogar staatlicherseits Infomaterial zugeschickt, das ihm mögliche Handlungsweisen aufzeigt, um seinen Status wieder zu verbessern. Dazu zählt auch die Möglichkeit, Verbesserungsvorschläge zu jedem denkbaren Aspekt des Systems einzureichen, die oft sogar akzeptiert werden. Damit unterliegt das Individuum zwar dem Zugriff des Systems, aber es hält das System auch aktiv aufrecht. Für Freitag erscheint das verlässlich und fair. Niemand wird wirklich gezwungen, etwas zu tun oder zu lassen, sodass auch beim Lesen des Romans einem stellenweise der Gedanke kommen kann, dass das alles so schlecht nicht ist.

Ohnmacht trotz Transparenz

Bis man begreift, dass die wahren Spielregeln nicht die sind, die Freitag bisher stets eingehalten hat. Trotz all der Daten und Fakten, der Überwachung und der Algorithmen eines überbordenden Fürsorgestaates, für den Freitag selbst steht, muss Freitag erkennen, dass Fehler passieren, wenn man sich zu stark an die Regeln hält. Das Optimum für Person und Gesellschaft ist nicht zwangsläufig das, was die Algorithmen vorschlagen. Freitags Eltern, seine Freundin Melanie und sein Kollege Gordon wissen dies längst, doch Freitag wirkt davon überfordert. Zusätzlich stellt Freitag fest, dass es Bereiche gibt, die komplett außerhalb der offiziellen Spielregeln zu liegen scheinen. Es ist diese Erkenntnis individueller Ohnmacht dem System gegenüber, in der „Die Optimierer“ dem „Prozess“ besonders nahekommt. Josef K. wunderte sich über seine Verhaftung: „K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht“. K. musste erkennen, dass dieser Rechtsstaat und die bekannten Gesetze nur die Oberfläche waren; dass es darüber Mächte gab, deren Zugriff er sich nicht entziehen, die er aber auch nicht erreichen konnte. Samson Freitag macht in „Die Optimierer“ ähnliche Erfahrungen, die aber zeitweise wie ungewollte Nebenfolgen der allgegenwärtigen Algorithmen wirken — oder: Pech.

Theresa Hannigs Roman zeigt, dass die Verheißungen schon heute verfügbarer Technik gepaart mit technokratischen Politikstilen selbst bei Einsehbarkeit der Daten durch die Betroffenen und Feedback-Möglichkeiten eine ähnlich kafkaeske Gesellschaft erschaffen können wie Kafka selbst es gezeigt hat — nur dass die Wirkung auf aus dem System herausfallende Menschen noch ungleich stärker wäre, da der Kontrast zwischen scheinbarer absoluter Transparenz dieser Gesellschaft und tatsächlicher individueller Ohnmacht so groß wäre: Wenn alles offen ausgebreitet liegt, und jeder alles sehen kann, dann ist man auch allen ausgeliefert. Mit dieser Erkenntnis könnte die Geschichte enden, sie wäre dann ein Kommentar zu den Gefahren des selbstgewählten Überwachungsstaates einer hochgradig vernetzten Gesellschaft. Doch das durchaus überraschende und recht befriedigende Ende des Romans deutet an, dass es beim gezeigten Status Quo wohl nicht bleiben wird.

Und tatsächlich erscheint im Juni 2019 die Fortsetzung von Hannigs Roman unter dem Titel „Die Unvollkommenen“ — zumindest auf Grundlage des Werbetexts des Verlags darf man durchaus gespannt sein, wie die Autorin die Geschichte weiterstrickt.

Die Optimierer
 - Theresa Hannig - Taschenbuch
Bildnachweis: Bastei Lübbe (Shop)

Theresa Hannigs Roman „Die Optimierer“ ist im Oktober 2017 bei Bastei Lübbe erschienen. Leif Randts Roman „Planet Magnon“ erschien schon 2015 bei Kiepenheuer & Witsch, als Taschenbuch 2017. Am 28. Juni 2019 erscheint Hannigs Roman „Die Unvollkommenen“.

Anmerkung: Diese Rezension habe ich zuerst in meinem Blog in der Community von freitag.de veröffentlicht. Anlässlich der baldigen Fortsetzung habe ich die Rezension hier erneut gepostet.

Über/Strom

Bildnachweis: complize / photocase.de

Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft – das ist nicht bloß eine Behauptung von Wissenschaft und Medien, sondern wir alle erleben das jeden Tag. Die Welt scheint in rasendem Tempo zu drehen, und wir sind mittendrin in diesem Flirren. Aber wo genau?

  • Verändern sich menschliche Beziehungen, und wenn ja, wie?
  • Welchen Stellenwert hat heutzutage noch das ‚alte‘ Analoge?
  • Wie können wir mit Künstlicher Intelligenz leben?
  • Wo bleiben nicht-männliche (weibliche, diverse, *) Blicke auf die Digitalisierung?
  • Wie verändern sich Arbeitsbedingungen und Arbeitsverhältnisse?
  • Wie lässt sich persönliche Identität in einer projektbezogenen Arbeitswelt stabil halten?
  • Was heißen Inklusion und Diversität in einer ‚smarten‘ globalen Gesellschaft?
  • Wie helfen uns Erzählungen, Geschichten, Mythen heute noch?

Mit der Buchreihe „ÜberStrom“ und begleitet durch das gleichnamige Blog laden wir Sie ein, Ihre persönliche Betroffenheit von der Digitalisierung zu erkennen, über Ihren eigenen Umgang damit nachzudenken und am Ende einen eigenen Standpunkt zu entwickeln. Es sollen Wege durch das Dickicht der ständig neuen technologischen Entwicklungen gefunden werden, um souverän und selbstbestimmt durchs Leben zu gehen – ohne sich durch die digital entstandene neue Komplexität der Welt aus der Ruhe bringen zu lassen.