7 aus dem Strom: 09/2019

Seit dem letzten (heraus)sieben von sieben relevanten Neuigkeiten aus dem ständigen Medienstrom ist schon wieder ein Monat vergangen. Ist auch gar nicht so einfach, schnell auf dem Laufenden zu bleiben, wenn das nur noch zu Hause am PC oder Laptop geht und nicht mehr unterwegs mit einem Smartphone. Aber nun ist es mal wieder Zeit dafür, ein paar interessante Berichte zu teilen.

Ende September ging durch die Medien, dass im Rahmen eines Google-Projekts das erste Mal die Quantenüberlegenheit belegt wäre, das heißt, die Überlegenheit von Quantencomputern gegenüber herkömmlichen Rechnern (beispielsweise berichteten die Süddeutsche Zeitung und Deutschlandfunk Kultur). Quantencomputer sind ein spannendes Thema — einerseits, weil sie sehr große Rechenleistungen versprechen, mit denen bis dato unberechenbare Probleme handhabbar werden; andererseits, weil der Grund für diese Leistungen faszinierend ist.

Mal zusammengefasst und teil-zitiert nach Kapitel 8 meines Buches „Die Unschuld der Maschinen„: In einem Quantencomputer werden Daten mit Hilfe von Quantenobjekten (z.B. Photonen) als sogenannte Qubits (Quanten-Bits) dargestellt. Wie bei gewöhnlichen Computern gibt es die Zustände 0 und 1 – daneben aber einen Zustand, der als Überlagerung bezeichnet wird. In der Überlagerung können mehrere Zustände gleichzeitig vorliegen, also 0 und 1 gleichzeitig. Die Teilchen können außerdem miteinander verschränkt sein. Miteinander verschränkte Teilchen lassen sich im Labor erzeugen und dann trennen – trotz der Trennung verändern sich die Eigenschaften beider Teilchen, wenn man nur eines davon manipuliert, und das sogar, wenn nach der Trennung viele Kilometer zwischen den Teilchen liegen.

Dank der Überlagerung können sehr hohe Datenmengen gespeichert werden; dank Überlagerung und Verschränkung sind sehr hohe Rechengeschwindigkeiten möglich. Das Problem dabei: Quantenzustände sind sehr instabil, sie neigen dazu, schnell zu zerfallen (Dekohärenz) und geeignete Fehlerkorrektur-Verfahren lassen die Menge benötiger Quantenbits stark steigen. Quantencomputer müssen bis nah an den absoluten Nullpunkt gekühlt werden, damit die Quantenzustände so lange wie möglich kohärent bleiben.

Darum ist das Ziel der Quantenüberlegenheit so bedeutsam — damit wird nämlich nicht nur gezeigt, dass Quantencomputer funktionieren (das ist schon lange bekannt), sondern auch, dass sie echte Vorteile gegenüber gewöhnlichen Computern haben, was letztlich eine aus praktischer Sicht nötige Rechtfertigung für den ganzen Aufwand darstellt. Ganz erreicht ist das Ziel mit Googles Projekt wohl noch nicht; eine gute Analyse findet sich bei golem.de sowie (tiefgründiger) hier.


Wenn Quantencomputer einmal Alltag werden, könnte es einige Probleme hinsichtlich der Datensicherheit geben — heute genutzte Verfahren etwa zur Verschlüsselung ließen sich mit Quantencomputern ziemlich leicht aushebeln. Passend dazu brachte das Quanta Magazine ein lesenswertes Interview mit der Physikerin und Informatikerin Stephanie Wehner, die an der Universität Delft (Niederlande) an einem „Quanten-Internet“ arbeitet, für das die schon erwähnte Verschränkung von Quanten genutzt werden soll. Dies soll nicht das bisherige Internet ersetzen, aber um für das Quantenzeitalter geeignete Sicherheitsmaßnahmen ergänzen sowie neue Formen verteilten Rechnens erlauben.


Ebenfalls im Quanta Magazine erschien ein Artikel über die Filterung von Informationen durch das Gehirn. Der Text beschreibt die Arbeit des Neurowissenschaftlers Michael Halassa (MIT), der nachweisen will, dass der Thalamus im Gehirn Reize nicht nur weiterleitet, sondern im Gegenteil Reize auch nicht weiterleitet, wenn diese für die derzeitige Aufgabe nicht relevant sind. Das wurde zuerst 1984 von dem Physiker und Biologen Francis Crick vorgeschlagen, konnte aber empirisch nicht belegt werden — offenbar bis jetzt.


Und nochmal das Quanta Magazine, nochmal ein Interview. Diesmal stellt der u.a. am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (Berlin) tätige Anthropologe Iyad Rahwan sein Forschungsgebiet des Maschinenverhaltens (Machine Behavior) vor. An dem Interview gefällt mir besonders Rahwans Antwort auf die Frage, ob nicht die Ingenieure und Entwickler diejenigen seien, die das Verhalten von Maschinen bestimmen würden. Rahwan unterscheidet in seiner Antwort kurz- von langfristigem Verhalten. Ingenieure würden das kurzfristige Verhalten bestimmen, aber über langfristige Prozesse wäre damit noch nichts gesagt:

„There are behaviors that manifest themselves across different timescales. So [when you’re building it] maybe you focus on short timescales, but you can only know that long-timescale behavior once you deploy these machines.“ (Iyad Rahwan)

Diese Sicht finde ich erfreulich anschlussfähig an Standpunkte der Technikanthropologie (z.B. Lucy Suchman) und der kommunikationswissenschaftlichen Technikforschung (z.B. ich), die ja auch das technische Artefakt im Kontext der späteren konkreten Nutzungssituation betrachten.


Die amerikanischen KI-Forscher Gary Marcus und Ernest Davis haben kürzlich ihr Buch „Rebooting AI“ veröffentlicht, in dem sie diskutieren, wie man KI-Systeme entwickeln kann, denen wir vertrauen können. Machine Learning sei dafür nicht genug; stattdessen müsste Künstliche Intelligenz die Aufgaben und die Welt um sie herum verstehen. Sonst könnten gefährliche Situationen entstehen. Bei Technology Review gibt es ein Interview mit einem der Autoren.


Anders als unser Gehirn vergisst das Internet nicht so schnell. Darum wird immer wieder ein Recht auf Vergessenwerden diskutiert bzw. gefordert. Vor fünf Jahren hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass man bei Google die Löschung von personenbezogenen Ergebnissen verlangen kann. Nun hat das Gericht klargestellt, dass das nur innerhalb der Europäischen Union gilt, was das Ganze angesichts der globalen Natur des Internet etwas widersinnig erscheinen lässt, aber offenbar verhindert, dass autoritäre Regime das Gesetz als Vorwand nutzen, um missliebige Informationen entfernen zu lassen. Und tatsächlich ist das Recht auf Vergessenwerden bei näherem Nachdenken durchaus zwiespältig, wie einige Beispiele zeigen, die in der guten Zusammenfassung von netzpolitik.org genannt werden.


Abschließend: Bei ZEIT Online gibt es ein Interview mit dem Digitalisierungskritiker James Bridle, Autor des Buches „New Dark Age“.

„Suffizienz ist nicht Verzicht“: Interview mit Vivian Frick und Anja Höfner über Bits & Bäume

Eine gerechtere, umweltbewusste Welt heißt nicht, auf moderne Technologien zu verzichten. Aber es heißt, Technik anders zu denken und einzusetzen. Das wird im Tagungsband zur Konferenz „Bits & Bäume“ deutlich, über den wir bereits berichtet haben. Wir haben uns mit den beiden Herausgeberinnen des Bandes, der Soziologin Anja Höfner und der Umweltpsychologin Vivian Frick, per E-Mail ausgetauscht.

Frau Frick, Frau Höfner, könnten Sie beide bitte zunächst kurz erzählen, wer Sie sind, und wo und woran Sie arbeiten?

Vivian Frick (VF): Ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU Berlin und dem IÖW Berlin, und arbeite hier aus psychologischer Sicht an den Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit.

Anja Höfner (AH): Ich war Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation am IÖW und arbeite seit August 2019 beim Konzeptwerk neue Ökonomie zum Thema Digitalisierung.

Was ist Ihre persönliche Motivation bei Ihren Tätigkeiten?

AH: Digitalisierung wird oft als Selbstläufer gesehen: es passiert einfach so und wir können nichts unternehmen bzw. mitgestalten. Mir ist es ein Anliegen, mit meiner Arbeit dazu beizutragen, dies zu ändern und Digitalisierung aus einer kritisch-emanzipatorischen Perspektive zu betrachten.

VF: Persönlich habe ich meinen Beruf gewählt, um mich für den Umweltschutz einzusetzen. Als Umweltpsychologin interessiert mich dabei vor allem, wie menschliches Denken und Handeln nachhaltiger werden können. Auch im Forschungsfeld und der Gestaltung von Digitalisierung möchte ich das Augenmerk vermehrt auf Umweltverhalten und -bewusstsein lenken.

Sie beide haben vor kurzem den Tagungsband zur Tagung „Bits & Bäume“ herausgegeben, die letztes Jahr stattfand. Welches Ziel haben Sie mit der Tagung verfolgt? Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Tagungsband zu Bits & Bäume (Download)

AH: Der Andrang auf der Konferenz hat uns überwältigt: wir hatten ursprünglich mit 1.000 Teilnehmenden gerechnet, am Ende waren es knapp 2.000!

VF: Die Bits & Bäume war als Vernetzungsplattform für Menschen aus der Techie-Szene und der Nachhaltigkeits-Szene gedacht. Der Trägerkreis wollte dabei eine schon länger vorhandene Lücke füllen: Bei der Gestaltung von Digitalisierung muss Nachhaltigkeit viel stärkere Beachtung finden. Mit dem Ergebnis waren wir dann mehr als zufrieden. Über 120 Veranstaltungen, fast 2.000 Teilnehmende und der #bitsundbaeume-Trend bestätigten uns: das Bedürfnis, diese Themen zu verbinden, ist groß, die Diskussion steht ganz am Anfang.

Welches Feedback haben Sie von Teilnehmer*innen erhalten, wie war das Medienecho?

AH: Das persönliche Feedback und die Stimmung an der Konferenz waren total motivierend! Auch eine Online-Evaluation fiel sehr positiv aus, die Teilnehmenden wünschten sich eine Fortsetzung. Die Leute aus dem Trägerkreis bekommen jetzt noch regelmäßig die Frage zu hören, wann denn die nächste Bits & Bäume stattfindet.

Und, ist denn eine Wiederholung geplant?

AH: Eine nächste Bits & Bäume-Konferenz wie 2018 ist derzeit nicht geplant. Wir verfolgen vielmehr das Ziel, dass Bits & Bäume zur Bewegung wächst. Der Trägerkreis der Bits & Bäume will zivilgesellschaftliche Akteure motivieren, selbst aktiv zu werden. Und das ist unserer Meinung nach auf einem guten Weg.

So wurde der Name „Bits & Bäume“ freigegeben für alle, die eine Veranstaltung oder ein Projekt starten wollen, das sich mit den Forderungen (siehe hier) der Bits & Bäume identifiziert. Es gab in Dresden im Mai 2019 bereits eine kleinere Bits & Bäume Veranstaltung, in Dresden und Berlin gibt es außerdem regelmäßig stattfindende Stammtische und in Berlin ein Forum.

VF: Die von Anja Höfner eben erwähnten Forderungen für eine nachhaltige Digitalisierung können online unterzeichnet und mitgetragen werden. Auch innerhalb des Chaos Computer Clubs haben sich unter dem Namen Bits & Bäume bereits Engagierte gefunden, um das Thema Nachhaltigkeit auch in diesem Kontext stärker zu verankern.

Ergab sich die Tagung direkt aus Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit, oder ging das darüber hinaus (d.h. sind Sie beide auch außerhalb der Arbeit in technologischen und Nachhaltigkeitsszenen engagiert)?

VF: Unsere Forschungsgruppe hatte sich zum Ziel gesetzt, eine zivilgesellschaftliche Konferenz zu Digitalisierung und Nachhaltigkeit zu organisieren. Im Sinne der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung wollten wir mit unserer Forschungsarbeit eine gesellschaftliche Wirkung erzielen, das gesellschaftliche Bewusstsein für diese Themen stärken. Wir sind beide auch in der Nachhaltigkeitsszene aktiv — und dank der Konferenz kennen wir nun auch mehr Menschen im Techie-Bereich, besuchen Kryptoparties oder das Chaos Communication Camp, welches im August 2019 stattfand. Zumindest aus unserer persönlichen Perspektive ergab sich also tatsächlich ein Zusammenwachsen der Szenen.

AH: Genau, wir haben durch die Zusammenarbeit mit den Techies auf jeden Fall einen stärkeren Zugang zu dem Thema gefunden. Es macht Spaß, so eine ganz andere Kultur wie die der Techie-Bewegung kennenzulernen!

Die meisten Beiträge im Tagungsband diskutieren vor allem große Zusammenhänge, die in der Breite noch nicht unbedingt bekannt sind. Für das Individuum ergeben sich daraus zunächst Anhaltspunkte für eigene politische und ökonomische Entscheidungen (z.B. zum Konsumverhalten, für Wahlen, für Spenden an Organisationen, oder für weitergehendes zivilgesellschaftliches, publizistisches oder politisches Engagement). Was wünschen Sie sich, das Ihre Tagung und der Tagungsband bei den Leser*innen auslösen?

VF: Ganz im Sinne der Konferenz hat auch das Buch vor allem die Aufgabe, zu informieren und zu politisieren. Bewusst sprechen wir die „großen Fragen“ an, denn das Individuum ist eben gerade nicht passive Konsument*in. Natürlich ist es auch wichtig, was und wieviel wir konsumieren — digital wie analog. Aus Sicht der überlasteten Umwelt, dem benachteiligten Globalen Süden, aber auch aus Perspektive des Datenschutzes sollte man um gewisse soziale Medien oder E-Commerce-Riesen besser einen Bogen machen. Im Buch finden sich einige nachhaltigere Alternativen.

Vielmehr wünschen wir uns jedoch, die Leser*innen zu zivilgesellschaftlichem Engagement zu motivieren, und die politische Selbstwirksamkeit zu stärken. Damit Digitalisierung sozial-ökologisch wird, müssen wir alle mitreden können — ganz nach der ursprünglichen Idee des Internets als demokratischer, offener Raum.

Die (derzeitige Form von) Digitalisierung ist nicht nur problematisch für die Erde, die Menschheit und für Gesellschaften als Ganzes. Sie kann sich auch für das einzelne Indivduum überfordernd anfühlen — mitunter das Gefühl erzeugen, in einem rasenden Strom mitgezogen zu werden, der zwar fasziniert, aber doch auch ganz schön anstrengend ist. So entstehen dann Ideen wie „Digital Detox“, man meldet sich von Facebook oder stellt sein Smartphone auf Graustufen, weil irgendwo im Internet steht, dass man dann weniger raufgucken würde. Frau Frick, aus psychologischer Sicht gefragt, inwiefern könnte eine nachhaltigere Digitalisierung auf gesellschaftlicher Ebene sich auch „positiv“ auf den Alltag einzelner Menschen im Umgang mit und der Betroffenheit von digitalen Medien auswirken?

VF: In der psychologischen Forschung bestätigt sich, dass viele digitale Anwendungen so programmiert wurden, dass sie möglichst viel Aufmerksamkeit der Nutzer*innen binden. Wir merken dies vor allem bei sozialen Medien, personalisiertem Online-Marketing oder bei Streaming-Diensten. Diese „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ ist in vielen Belangen nachteilig: Sie kann zu mangelnder Konzentration, Leistungsabfall, Prokrastination, aber auch Abhängigkeit und Sucht, insbesondere der (auch umweltbelastenden) Kaufsucht führen.

Video- und Spiele-Streaming vermeidet Transportwege und verzichtet auf Ressourcen für die Produktion physischer Datenträger, aber dafür steigt beim „bingewatching“ der Energieverbrauch. (Tagungsband Bits & Bäume, S. 34, CC)

Die Antwort auf diese „psychologische“ Problematik ist aber keine individuelle oder konsumseitige. Vielmehr gilt es, die Gestaltungsfrage zu stellen: Welche Akteure bauen diese Apps mit welchem Ziel? Solange wir die Gestaltung des digitalen Raumes weitgehend kommerziellen Akteuren überlassen, wird psychologisches Wohlbefinden oder Nachhaltigkeit nicht sein Design bestimmen. Es braucht mehr gesellschaftliche Debatte: wozu möchten wir die Digitalisierung einsetzen, für Konsumsteigerung oder das Gemeinwohl?

Könnte ein auf Suffizienz ausgerichteter Umgang mit Technik und Digitalisierung (wie er zum Beispiel in Ihrem Tagungsband in dem Beitrag von Steffen Lange, Tilman Santarius & Angelika Zahrnt beschrieben wird) auch gegen individuell empfundenen digitalen Stress wirken?

VF: Auf jeden Fall! Nur dass in unserer zunehmend vernetzten Gesellschaft ein kompletter „Digital-Entzug“ auf individueller Ebene weder machbar noch sinnvoll ist. Vielmehr müssen wir Wege finden, die Technik selbst alltagstauglicher, gemeinwohlorientierter zu machen. Wie es ja auch das Konzept der digitalen Suffizienz vorschlägt.

Frau Höfner, kann man aus soziologischer Sicht erklären, warum wir so ungern bereit sind, zum Wohle größerer Gemeinschaften auf liebgewonnenen Luxus zu verzichten?

AH: Nun, ich glaube, die Frage sollte nicht speziell lauten, dass wir nicht nur zum Wohle größerer Gemeinschaften nicht bereit sind, auf Luxus zu verzichten, sondern es ist generell schwierig, auf Annehmlichkeiten zu verzichten, an die wir uns gewöhnt haben (wie Vivian Frick weiter unten beschreibt). Warum wir dies trotzdem — auch wenn wir wissen, dass es für andere Menschen besser wäre, weniger zu konsumieren — nicht tun, liegt meiner Meinung nach daran, dass es schwierig ist, sich dies ständig in Erinnerung zu rufen bei unseren alltäglichen Abläufen.

Zudem ist dies nicht nur eine individuelle Frage, sondern eine gesellschaftliche: Wie wir unser Leben innerhalb der Gesellschaft führen, ist durch gesellschaftliche Strukturen wie Arbeit(steilung) oder Freizeitgestaltung und soziale Normen zu einem wesentlichen Teil bereits vorgegeben. Sich dem zu entziehen und Dinge anders zu machen, erfordert viel Zeit und persönliche Ressourcen. Es ist schon schwierig, sein eigenes Verhalten zu ändern – gesellschaftliche Strukturen zu verändern, ist noch viel schwerer.

Frau Frick, gleiche Frage an Sie aus psychologischer Sicht?

VF: Wir schweifen wir hier ein bisschen ab vom Thema Digitalisierung, aber generell ist es keine Neuigkeit, dass materieller Wohlstand nur bis zu einem gewissen Maß das Wohlergehen fördert. Psycholog*innen sprechen hier von einem Tretmühleneffekt: der Mensch gewöhnt sich sehr schnell an neu gewonnene materielle Annehmlichkeiten: Was erst noch als luxuriös empfunden wird und Freude auslöst, wird bald zur Notwendigkeit und der Verzicht darauf wäre unangenehm. So geht es uns gerade bei vielen digitalen Innovationen, wie beim Smartphone oder beim Netzausbau.

Bei Suffizienz geht es darum, auszuloten was für ein Gutes Leben nötig ist. Wie viele materiellen Güter brauchen wir, um glücklich zu sein? Und gehören zu diesem Guten Leben nicht auch Zeit, soziale Kontakte, Sinnhaftigkeit, Solidarität? Ein suffizienter Lebensstil grenzt ja nur materiellen Überfluss ein — dies kann zu ökonomischer Entlastung führen, auch zu mehr Zeitwohlstand.

Techniknutzung und Postwachstum (Tagungsband Bits & Bäume, S. 105, CC)

AH: Suffizienz ist also nicht Verzicht, sondern eine andere Gewichtung bei der Definition des Guten Lebens. Daneben thematisiert Suffizienz die soziale Gerechtigkeit: Brauche ich jedes Jahr ein neues Smartphone, wenn die dafür nötigen Ressourcen immer noch unter menschenunwürdigen Bedingungen abgebaut werden, ebenso wie die Arbeitsbedingungen bei der Produktion?

Ich frage mich, wie man Menschen dazu bewegen kann, sich nachhaltiger zu verhalten. Eine Idee, die mir eher als Horrorvorstellung erscheint, aber in China schon umgesetzt wird, sind Sozialpunktesysteme, die computergestützt, ggf. mit Machine-Learning-Verfahren, unser Verhalten bewerten und darauf basierend Privilegien verteilen oder wegnehmen. Könnte dies ein Weg der Steuerung sein, wenn der „maßvolle Wohlstands- und Technologieboykott“, den Niko Paech neulich gefordert hat, nicht zustande kommt, weil ‚die Leute‘ das halt von allein nicht oder nicht schnell genug einsehen?

VF: Diese Maßnahmen klingen sehr aufwendig und nicht ohne ein erhebliches Maß an Überwachung und Bürokratie umsetzbar. Ein viel direkterer Weg wäre es, den ehrlichen Preis für unseren Konsum zu zahlen: Die Förderung fossiler Energien sollte nicht mehr subventioniert, und multinationale Konzerne angemessen besteuert werden.

Dieses Jahr war die sogenannte „Flugscham“ ein großes Thema in vielen Medien, denn der Anteil des Luftverkehrs an Klimaveränderungen ist sehr groß. Kann Scham ein wirksames Mittel sein, solchen Problemen zu begegnen?

VF: Scham emotionalisiert und privatisiert ein gesellschaftliches Problem. Der Begriff spiegelt nur, wie die neoliberale Wirtschaftsweise die soziale Verantwortung an Individuen abzutreten versucht.

Aus Sicht der Umweltpsychologie hat es sich als wirksamer erwiesen, Menschen zu nachhaltigem Verhalten zu befähigen, Ohnmacht gegen Selbstwirksamkeit einzutauschen, und ihnen die Vorteile solidarischen, umweltbewussten Verhaltens aufzuzeigen.

Das ist ein Hoffnung machendes Fazit. Ich danke Ihnen beiden für das Interview und wünsche Ihrem Buch viele Leser*innen!

 

Breiter Weg III — „Out of the Void“

Die vielen Baumaßnahmen Magdeburgs, über die ich neulich am Beispiel des Breiten Wegs berichtet habe, kann man positiv als Zeichen von Entwicklung und Aufbruch sehen. In der Stadt passiert noch viel, es entsteht Neues, das ist durchaus spannend. Als 2015 Zugezogener hatte ich jedenfalls von Anfang an nicht das Gefühl, dass die Stadt von Leere und Stillstand geprägt wäre — es geht ja nicht nur um leerstehenden Gewerberaum. Kulturell beispielsweise gibt es immer wieder Momente, an denen es tatsächlich schwer ist, sich zu entscheiden, zu welcher Veranstaltung man hingehen will — die Auswahl ist oft ziemlich groß, die Qualität gut.

Aber die Außenperspektive ist oft anders als die Innensicht, und offenbar sind Leere und Stillstand doch das, was viele Magdeburger*innen umtreibt — so sehr, dass sie im Zentrum des gestern vorgestellten 1. Bewerbungsbuches zur „Kulturhaupstadt 2025“ steht (hier die offizielle Broschüre). Titel der Bewerbung ist „Out of the Void“ oder „Raus aus der Leere“, und damit ist trotz Bezug auf den Lokalhelden Otto von Guericke nicht nur dessen Halbkugelexperiment zum Vakuum gemeint. Ich habe mal die entsprechenden Stellen der Broschüre angestrichen:

Ausschnitt aus der Broschüre zur Bewerbung Magdeburgs als Kulturhauptstadt 2025

Der Wettbewerb kürt diesmal je eine deutsche und eine slowenische Stadt. Magdeburg tritt in der ersten Antragsphase gegen die Mitbewerber Nürnberg, Hannover und Dresden, Hildesheim, Chemnitz, Zittau und Gera an. Am 11. Dezember stellt eine Kommission das Projekt in Berlin vor einer Jury vor, am 12. Dezember wird bekanntgegeben, welche Bewerberstädte in die zweite Runde kommen und bis Mitte 2020 ein zweites Bewerbungsbuch abgeben dürfen.

Es wird immer wieder betont, dass bei dem Wettbewerb nicht die Stadt gewinnt, die am meisten hat (z.B. historische Bauten), sondern die, die das überzeugendste Zukunftskonzept vorstellt. Der Titel „Kulturhauptstadt“ ist also ganz pragmatisch eine Fördermöglichkeit, um vorhandenes Potenzial besser auszuschöpfen, und der Prozess ist ein normales zweistufiges Antragsverfahren, wie es auch bei weniger öffentlichkeitswirksamen Anträgen auf Fördermittel üblich ist. Doch genau an der Stelle, dem Fokus auf die Zukunft, macht sich ein skeptisches Gefühl breit.

Zumindest in seinen großen kulturellen Projekten betont Magdeburg eine Vergangenheit, in der es bedeutender und urbaner war, als es heute scheint, und an die es scheinbar wehmütig zurückdenkt:

  • der deutsche Kaiser Otto I. der Große, dem im 2018 eröffneten Dommuseum „Ottonianum“ eine hübsche Ausstellung gewidmet ist, die aber dessen Bindung an Magdeburg für meinen Geschmack etwas übertreibt (er hat ein Erzbistum gegründet und wurde im Dom beigesetzt, aber war dann doch viel woanders unterwegs; in der offiziellen Stadtchronik, die 2005 erschien und eine umfangreiche Sammlung geschichtswissenschaftlicher Aufsätze ist, gibt es einen kritischen Beitrag, nach dem Magdeburg mitnichten Ottos „Lieblingspfalz“ gewesen sei)
  • das „Magdeburger Recht“, über das kürzlich eine Sonderausstellung im Kulturhistorischen Museum eröffnet wurde, mit Schirmherrschaft des Bundespräsidententen recht hoch angesiedelt; das war ein Stadtrecht, das vor allem für Osteuropa wichtig wurde
  • der Physiker Otto von Guericke mit seinen Leistungen zur Vakuumtechnik
  • der Komponist Georg Philipp Telemann, der für die Musik des Barock bedeutsam war, zu seiner Zeit erfolgreich war, aber später von der sich wandelnden Kritik verachtet wurde und erst im 20. Jahrhundert „rehabilitiert“ wurde
  • die mehrfachen, fast vollständigen Zerstörungen Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg und im Zweiten Weltkrieg, wodurch Magdeburg so gut wie keine wirklich historische Innenstadt besitzt — nostalgisch erinnern Ausstellungstafeln und Bilder an verschiedenen Stellen an den einst prunkvollen Breiten Weg
  • einige Bezüge zur Bauhaus-Kultur und zum „Neuen Bauen“, das in den 1920er Jahren von Bruno Taut umgesetzt wurde, insbesondere die Idee der bunten Stadt

Das sind so die Fixpunkte, an die Magdeburgs Identität als Stadt heute versucht, anzuknüpfen. Zumindest die, die deutlich sichtbar sind.

Die Bewerbung stellt offenbar fest, dass das für den Wettbewerb nicht reicht und betont die Leerstellen, die sich nach der einst großen, aber halt verlorenen Vergangenheit auftun. Die Bewerbung zeigt, dass man weiß, dass man sich nicht auf der Vergangenheit ausruhen kann, dass man irgrendwas tun muss / irgendwo hin will, aber mir wird nicht ganz klar, was das sein soll. Irgendwie kommen mir auch die vielen kleineren kulturellen Projekte zu kurz, die es bereits jetzt gibt. Die Broschüre erweckt den Eindruck, als gäbe es außer Leere nichts von Bedeutung. Das ist mir nicht selbstbewusst genug. Aber gut, das ist der eingangs erwähnte Kontrast von Außen- und Selbstwahrnehmung …

Die Punkte, die in der Broschüre genannt werden, finde ich alle gut und unterstützenswert, aber die könnten so auch von jeder anderen Stadt aufgeführt werden: „Sport, Urban Gardening, Virtuelle Realität oder Esskultur“ (S. 4), „soziale Vielfalt und Zusammenhalt stärken“ (S. 5), „Stadtteile aufwerten“ (S. 5f.), Leerstellen mit kreativen Projekten füllen (S. 6), Umweltschutz (S. 6), unter Einbeziehung digitaler Medien den Kulturbegriff erweitern (S. 6) u.a. Diese Punkte sind natürlich an konkrete Magdeburger Kontexte angebunden (z.B. Stadtrecht, Elbe, Telemann, das zerteilte Stadtbild usw.), aber sind das nicht alles Selbstverständlichkeiten, die für jede moderne Stadt gelten sollten?

Ich bin gespannt, wie die Magdeburger Präsentation am 11.12. ankommen wird. Ich würde mich auch sehr über einen Erfolg freuen, denn davon würden hoffentlich viele kulturelle Projekte profitieren, die es zumindest vor der Entscheidung, sich auf den Titel zu bewerben, nicht immer leicht hatten.

Vortrag zur „Unschuld der Maschinen“ (20.10.2019, Frankfurter Buchmesse)

Am 20.10.2019 zwischen 11:30 und 12:00 Uhr werde ich auf der Frankfurter Buchmesse mein Buch „Die Unschuld der Maschinen“ vorstellen. Ich spreche darüber, dass wir heute oft Technik vertrauen müssen, die zwar recht „smart“ erscheint, aber aus der wir als ihre Nutzer*innen nicht immer ganz „schlau werden“. Woran das liegt, wie wir damit umgehen und wie wir auch unbekannte Technik besser verstehen können — dazu werde ich in Halle 4.2 C94 auf der „Frankfurt EDU Stage“ ein paar Gedanken äußern.

Link zur Veranstaltung: https://www.buchmesse.de/veranstaltungen/die-unschuld-der-maschinen-springer-sachbuchreihe-ich-will-es-wissen

Breiter Weg II

Vorgestern habe ich ja ein paar Gedanken zu Magdeburgs Breitem Weg geteilt. Heute erschien beim mdr ein Artikel, der noch eine weitere Perspektive auf diese Straße darstellt, nämlich das Problem des ziemlich großen Leerstands im Einzelhandel. Da der Breite Weg eigentlich die wichtigste Einkaufsstraße Magdeburgs ist (war), fällt das schon sehr auf.

Hier geht’s zu dem Bericht: https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/magdeburg/magdeburg/leerstand–geschaefte-magdeburg-100.html

Honigbiene VR

Eine der faszinierendsten Virtual-Reality-Apps, die ich in den letzten Wochen probiert habe, ist eigentlich nur eine kurze Sammlung verschiedener Szenen im Leben eines Bienenstocks und seiner summenden Bewohner. Die App Honigbiene VR wurde am 26.07.2019 vom Südwestrundfunk veröffentlicht und ist kostenlos im App Store der Oculus Go erhältlich.

Die App versetzt die Nutzer*innen ins Innere des Bienenstocks und auf ein Blütenblatt, Auge in Auge mit den Bienen (und scheinbar noch etwas kleiner als die bedrohten Insekten). Man erlebt beeindruckend nah und groß, wie sich Bienen um ihren Nachwuchs kümmern, wie der Stock gegen eine gefühlt riesige Hornisse verteidigt wird oder wie Nektar aus Blüten gesammelt wird.

Eine Biene füttert eine Larve. (Bildnachweis: Oculus Go Store)

Technisch reiht die App vorgerenderte Animationen aneinander, zwischen denen man durch Blickeingabe wechseln kann. Die Szenen sind von sehr hoher visueller Qualität und das Immersionsgefühl ist sehr stark. Insbesondere die Bienen selbst sind äußerst detailreich — durch die besondere Perspektive, die so nur in Virtual Reality möglich ist, erkennt man, wie komplex und schön diese Tiere sind. Ein Sprecher gibt Erklärungen zu den Szenen ab.

Zwischen den Szenen wechselt man, indem man einige Sekunden lang Kreise anschaut, die an manchen Stellen eingeblendet sind. Leider wird man dadurch manchmal gezwungen, den Kopf weit in den Nacken zu legen, was mit der VR-Brille etwas anstrengend ist. Neben dem etwas zu leisen Sprecher ist dies ist aber der einzige echte Kritikpunkt, den ich an der App habe. Lediglich etwas mehr Inhalt würde ich mir wünschen — noch zwei, drei Szenen mehr und noch mehr optional zuschaltbare Informationen wären schön. Davon abgesehen sollte sich jede*r Oculus Go-Nutzer*in diese kostenlose App einmal anschauen.

Breiter Weg

Gestern habe ich auf dem Weg zur Arbeit ein paar Fotos mit der schlecht auflösenden Kamera meines neuen Handys (Handy, nicht Smartphone) gemacht, insbesondere vom Breiten Weg, Magdeburgs wichtigster Straße in der Innenstadt. Hierzu ein paar Gedanken.

Der einstmals als barocke „Prachtstraße“ bekannte Breite Weg wird heute durch ein Sammelsurium unterschiedlicher Stile dominiert — meist eine Mischung aus Nachwendebauten und DDR-Plattenbau, dazwischen einzelne Gebäude in Bauhaus-Tradition und wenige erhaltene Gründerzeitbauten. Nur der Hasselbachplatz am Südende des Breiten Wegs und die teils parallel zum südlichen Breiten Weg verlaufende Hegelstraße bieten konsistentes und fast vollständig saniertes Gründerzeitflair.

Ursache für diese mitunter als deprimierend zu empfindende Gesamtsituation sind Zweiter Weltkrieg und vierzig Jahre DDR. Die historische und ursprünglich dicht bebaute Innenstadt Magdeburgs wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe zerstört. Das Areal wurde in der DDR im Sinne sozialistischer Städteplanung durch breite Straßen und große Aufmarschplätze gegliedert und zunächst im Stil des sozialistischen Klassizismus („Stalinbauten“) und später durch Plattenbauten bebaut.

Derzeitige Bebauung

In der Nachwendezeit entstanden ebenso nüchterne Zweckbauten — zwei überdimensionierte Shoppingmalls und diverse Geschäftshäuser. (Etwas detaillierter habe ich das in Teil IV der „Head Canon“-Reihe beschrieben und aus phänomenologischer Sicht kommentiert, v.a. in Abschnitt 4).

Magdeburgs Breiter Weg, Blick Richtung Süden. Die linke Straßenseite ist eine zwar interessante, aber etwas unverbundene Aufzählung unterschiedlicher Stile. Das gelbe Wohnhaus links wurde in der DDR errichtet, dahinter folgt das rosafarbene Hundertwasserhaus (2005), dahinter das blaue Gebäude der Norddeutschen Landesbank (2002).

Hervorstechend ist im Breiten Weg vor allem das „Grüne Zitadelle“ genannte Hundertwasserhaus (fertiggestellt 2005) am Domplatz. Relativ mittig im Südabschnitt des Breiten Wegs gelegen, erzeugt das abwechslungsreiche Gebäude mit kleinen Läden, Café, Theater, Innenhöfen, Bäumen, Wohnungen und Kindergarten ein städtisches, mitunter touristisches Flair.

Das Hundertwasserhaus „Grüne Zitadelle“ (2005) zieht Tourist*innen und Einwohner*innen gleichermaßen an. Der Bau war umstritten, das Haus bildet aber einen dringend nötigen lebendigen Kern im Südabschnitt des Breiten Wegs.
Das blaue Gebäude der Norddeutschen Landesbank (2002) ist interessanter als man beim schnellen Vorbeigehen wahrhaben möchte.

Der weitere Aufbauprozess rund um den Domplatz ist immer noch im Gange. Einige historische Gebäude erstrahlen schon länger in altem Glanz, wie das Gebäude der Reichspost (erbaut 1895-1899) neben der katholischen Kathedrale. In der Reichspost ist heute ein Justizzentrum mit mehreren Gerichten untergebracht (aber eine Postfiliale ist auch noch drin).

Andere Gebäude wurden erst kürzlich saniert, etwa die Alte Reichsbank (erbaut 1921-23) in Nachbarschaft des (heute evangelischen) Doms (1207-1363), der dank seiner gothischen Architektur auch eine touristische Sehenswürdigkeit ist. Im Reichsbank-Gebäude waren nach dem Krieg die Staatsbank der DDR und nach der Wende eine Filiale der Bundesbank untergebracht (interessant, dass gerade da so eine Kontinuität vorherrschte).

Heute ist das Haus Standort des Dommuseums „Ottonianum“; außerdem wacht der strenge Blick eines steinernen Adlers über das Eingangsportal der Wohnungsgenossenschaft, der das Haus gehört.

Neubauten

Vom Domplatz zum Hasselbachplatz klaffte nach Abriss eines großen Plattenbaus mehrere Jahre eine Lücke. Die wird nun in großen Schritten gefüllt. Eine Herausforderung dabei ist sicher, die unterschiedlichen Stile von Hundertwasserhaus, Landesbank und Dommuseum einerseits zu verbinden mit dem gründerzeitlichen Hasselbachplatz andererseits.

Ein von Baugerüsten befreiter Teil der Neubauten, die die Lücke vom Domplatz zum Hasselbachplatz schließen. Die Fassadengestaltung ist abwechslungsreicher, als ich befürchtet hatte. Ob hier eine Atmosphäre städtischer Lebendigkeit entsteht, wird sich nach Fertigstellung zeigen …
In der Mitte des neuen Komplexes wird ein kleines Hochhaus errichtet, das in der Nahansicht ‚okay‘ ist, aber dessen graue Fassade aus der Ferne eher abweisend wirkt.
Das südliche Ende des neuen Komplexes ist noch unter Gerüsten verborgen. Dahinter beginnt das Gründerzeitviertel um den Hasselbachplatz.

Der Südabschnitt des Breiten Wegs ist nicht die einzige Stelle der Straße, wo in kurzer Zeit neue Großbauten aus dem Boden gestampft werden. Weiter nördlich, am Alten Markt, bauen die Magdeburger Stadtwerke ihren neuen Firmensitz. Bis zum Abriss 2016 befand sich dort ein großer, 1967 errichteter Plattenbau, der nur als „Blauer Bock“ bekannt war.

Historisches Foto von den Bauarbeiten zum ‚Blauen Bock‘ 1967 (Blick von Ost nach West) (Bildnachweis: Wikipedia)
Der ‚Blaue Bock‘ wurde 2016 abgerissen, an derselben Stelle bauen die Magdeburger Stadtwerke ihren neuen Verwaltungssitz. Der vordere, hochhausartige Gebäudeteil nimmt die vertikale Ausdehnung der nach wie vor existierenden ‚Stalinbauten‘ auf der rechten Seite auf (die sind hier nicht zu sehen, aber oben auf dem historischen Foto).

Die Orthaftigkeit medialer Räume, Beispiel New York

Viele geographische und soziale Räume kennen wir nur aus den Medien. Trotzdem fühlen sie sich an, als würde man sie kennen. Man verbindet etwas mit ihnen. Vielleicht hat man sogar das Gefühl, nach Hause zu kommen, wenn man sich ihnen medial aussetzt. Sie werden zum Medien-Ort. Besonders prägnant in dieser Hinsicht ist die US-amerikanische Großstadt New York.

Vorhin habe ich mir das Angebot einer Pizza-Lieferkette durchgelesen. Kurz hängen blieb ich bei einem Pastagericht, das den schönen Namen „Central Park“ trägt. Neben Nudeln besteht das Gericht aus Pesto-Sauce, Pilzen und Bacon-Chips. Ich habe keine Ahnung, was das mit New Yorks bekanntem Park zu tun hat, aber der Klang des Namens mit all seinen Assoziationen wirkt trotzdem. Er macht mehr aus dem Convenience-Essen als dahinter steckt. Der Central Park — den kennen wir doch alle, selbst wenn wir noch niemals dort waren, und wenn es aus Zitaten berühmter Personen ist.

Öfter sind es aber Film und Fernsehen: In der Comedyserie Friends (1994-2004, sie wird am 22. September 25 Jahre alt) spielte der Name des Cafés „Central Perk“ auf den Park an. In Sex and the City (1998-2004) spielten einige wichtige Szenen mit „Mr. Big“ an Orten im Central Park, nämlich am Central Park Lake und im Plaza Hotel südlich des Parks. Im selben Hotel spielte auch eine Szene in Mad Men (2007-2015). In How I Met Your Mother (2005-2014) wird Marshall angeblich von einem Äffchen beklaut und gräbt Robin nach einem verlorenen Medaillon. Der erste Teil der Filmreihe Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind (2016) im Harry-Potter-Franchise hat eine ausgedehnte Szene im Central Park. Viele weitere Filme wurden dort gedreht, u.a. Breakfast at Tiffany’s (1961) und Ghostbusters (1984). Die Website des Central Park gibt an, dass er mit über 350 Filmen der häufigste Drehort der Welt sei.

Interessant am 1859-1873 eingerichteten Central Park ist, dass er eine Konstante in der sich stets verändernden „city that never sleeps“ (die aber wohl doch mal schläft) ist: Während sich die Stadt um den Park herum laufend veränderte, blieb die Anlage im Wesentlichen erhalten. Auch für Außenstehende ist er sofort zu erkennen, in Luftaufnahmen Manhattans oder beim Blick auf eine Landkarte (zum Beispiel den Streckennetzplan der New York Subway … ich habe ja eine Vorliebe für Streckennetzpläne und die Geschichten, die ihre Ortsnamen erzählen, auch ohne, dass ich jemals dort war). Der Park ist ein Orientierungspunkt auch für jene, die nur in filmischem, literarischem oder spielerischem Fernweh schwelgen. Er ist Orientierungspunkt für einen Ort, an dem man nie war.


Craig Armstrong feat. Evan Dando – Wake up in New York (2002) / inoffizielles Video von Olesya Barkovskaya (2011)

Medien-Orte

Ein Ort ist ein Raum, den wir erlebend mit Bedeutung aufladen. Im Englischen spricht man von space, der zum place werden kann. Wenn Räume, die in Medien gezeigt werden, für uns Ortscharakter oder Orthaftigkeit gewinnen, obwohl wir ihn nur medial vermittelt wahrnehmen, möchte ich sie als Medien-Orte bezeichnen. Ein Medien-Ort entsteht, wenn Räume in Medien dargestellt werden, oder Medien anderweitig auf Räume Bezug nehmen, und wir bei der Rezeption der Medien oder im (z.B. spielerischen) Umgang mit Medien Bedeutung generieren, die nicht nur das jeweilige „Thema“ fokussieren, sondern auch den Ort selbst eine Hauptrolle zuweisen.

New-York-Filme gibt es wie Sand am Meer: Martin Scorseses New York, New York (1977), Woody Allans Manhattan (1979) oder der Episodenfilm New York, I Love You (2008). Für Fernsehserien gilt fast dasselbe — zu den oben genannten Comedyserien gesellen sich z.B. noch das erfreulich diverse Brooklyn 99 (seit 2013), King of Queens (1998-2007) und Seinfeld (1989-1998). Zu nennen sind natürlich auch die Krimiserie CSI: New York (2004-2013) und ggf. Die Sopranos (1999-2007, wenn man New Jersey mal großzügig dazu zählt). Auch in Büchern ist die Stadt oft Bühne und quasi Charakter; zuletzt in Erinnerung geblieben ist mir Teju Coles flaneurhaftes Open City (2014, siehe die Rezension bei schiefgelesen.net) sowie Garth Risk Hallbergs monumentales City on Fire (2015). Aber auch die Jerry Cotton-Heftromane oder die Hörbuchreihe Manhattan 2058 (beide stammen aus Deutschland) tragen ihren Teil zum literarischen New York bei. In Computerspielen wurde New York ein begehbares Denkmal gesetzt als „Liberty City“ in der Grand Theft Auto-Serie (Teil III in 2001 und Teil IV in 2008). Musikalisch muss man natürlich an Frank Sinatra denken, meine persönliche „mediales New York“-Hymne ist aber Craig Armstrongs Wake Up in New York (2002, siehe das Video weiter oben).

Der fiktionale Rahmen, der durch diese Medienvielfalt gespannt wird, lässt sich anreichern durch Reiseführer, Dokumentationen oder Zeitungen, die zumindest einen Ausschnitt des „echten New York“ versprechen — wie etwa die New York Times (in deren App ich mir äußerst gerne Immobilien anschaue, die ich mir nie werde leisten können, die aber offenbar für die Zielgruppe dieser Zeitung genauso relevant sind wie die permanente Cartier- und Louis Vuitton-Werbung in ihrer gedruckten Ausgabe oder in ihrem Magazin).

Die New-York-Bilder der verschiedenen Medien ergänzen sich. Unterschiede verwischen, Fiktion vermischt sich mit Realität, und die Grenze ist für Außenstehende nicht erkennbar. Man weiß um die Fiktionalität, man rechnet mit Klischees, man hat gehört, dass gerade die Comedy-Serien der 1990er bis 2000er ein unrealistisch weißes Bild von New York präsentieren, und doch geht man als Tourist in die Friends-Ausstellung zum Serienjubiläum oder sucht nach „MacLarens Bar“ (die es, wenn Geld oder Klimagewissen eine Reise nach New York nicht hergeben, als Nachbildung auch in Berlin gibt).

Nimmt man all das zusammen, hat man einen Medien-Ort „New York“, von dem man kaum annehmen kann, dass er mit dem Vorbild viel zu tun hat, der aber gleichwohl sehr reichhaltig gestaltet ist. Man erlebt diesen Ort gemeinsam mit Freunden: echten Freunden, z.B. beim gemeinsamen Fernsehen oder darüber-reden, und fiktionalen Freunden, nämlich den Protagonisten der Medien, z.B. den ewigen Endzwanzigern der genannten Comedyserien, den Verbrechern, die man in GTA spielt, oder den Polizisten, die in CSI: NY Verbrecher jagen. Durch wiederholte Rezeption kann man immer wieder an den Ort zurückkehren kann, ohne je dort gewesen zu sein, und immer neue Medien lassen den Ort nie langweilig werden, er verändert sich mit uns.


Der Hintergrund ist entscheidend

Damit ein Medien-Ort seine anziehendes Potenzial entfalten kann, muss er — wie jede Kommunikation — sich vor einem Hintergrund abheben, nämlich vor dem, was man aus eigener Erfahrung kennt und das im Vergleich zum Medien-Ort in irgendeiner Weise defizitär erscheint.

Medien-Orte zeigen etwas, das wir aktuell nicht haben, und das uns, wenn schon nicht attraktiv im engeren Sinne erscheint, doch zumindest so fasziniert, dass wir uns immer wieder damit beschäftigen. Das kann neben Kunst und Kultur, und womöglich unendlich vielen inspirierenden Eindrücken auch einfach die schiere Größe sein, die Lautstärke, das Verkehrssystem, die Diskrepanz aus Hoffnung und Scheitern.

Das mediale „New York“ gäbe es nicht, wenn nicht auch das echte New York fast mythisch aufgeladen wäre (was wir in der Regel natürlich auch nur aus Medien wissen). Jahrelang war New York verheißungsvolle erste Anlaufstation für europäische Aus- bzw. Einwanderer, die hofften, in Amerika ein neues, vielleicht glücklicheres Leben beginnen zu können. Und noch immer wird am New-York-Mythos gearbeitet. 2017 hat die Süddeutsche Zeitung eine Serie dazu veröffentlicht, in der im Stil von Reiseführern über Klischees und Wirklichkeit berichtet wird. Sogar die Reise der Klimaaktivistin Greta Thunberg baut den Mythos aus — Ziel ihrer Reise mit dem Segelboot musste natürlich New York sein. (Dort ist immerhin der Hauptsitz der Vereinten Nationen, theoretisch das staatenübergreifende Zentrum der Welt, praktisch leider ziemlich machtlos.)


Medien-Orte, Urlaubsorte

Ein häufiges Phänomen: Man zieht weg aus einer Stadt, die für andere Leute als erstrebenswert gilt und wird dafür von den Bewohner*innen am neuen Wohnort überrascht, fast vorwurfsvoll angesehen:

„Wie kannst du nur, da hast du doch Strand, und die schöne hansestädtische Architektur, und ich fahr da zum Urlaub hin!“

(Ja, eben — zum Urlaub, darum wird der gewöhnliche Alltag, der dort genauso ist wie anderswo übersehen.)

„Ja, aber an den Strand geh ich vielleicht zwei, drei Mal im Jahr.

„Ach so? Also ich würde da jeden Tag hinfahren. Oder jedes Wochenende.“

„Nein, würdest du nicht.“ (Aber das spreche ich nicht aus).

[Besonders wirkungsvoll wird der Vorwurf übrigens, wenn man den Sehnsuchtsort Anderer verlässt in Richtung einer Stadt, die gemeinhin als unattraktiv gilt. 2015 sind wir von Rostock nach Magdeburg gezogen, und genau da mussten wir solche Dialoge führen. Rostock und Umgebung sind oft Urlaubsort für Magdeburg*innen.]

Der Blick auf Medien-Orte ähnelt diesem verklärten Blick auf Urlaubsorte. Im Gegensatz zu echten Orten sind Medien-Orte und Urlaubsorte kuratierte Orte. Sie zeigen in Auswahl nur das, was man sehen soll oder sehen möchte, und so ist es einfacher, Diskrepanzen auszublenden. Der normale Alltag findet nicht statt oder wird selbst medial ins Positive übertrieben. Daraus gewinnen Medien-Orte und Urlaubsorte ihre Anziehung.

Neo hatte auch so eins.

In gewisser Weise hat mich wohl gerade eine Art „Retrofieber“ gepackt. Das hatte sich ja hier und hier schon angedeutet. Nun ist vor kurzem mein Smartphone kaputt gegangen (der fest verbaute Akku blähte sich auf, sodass sich die Rückseite des Telefon löst und es insgesamt nicht mehr sehr vertrauenswürdig aussieht). Ich habe mir nun aber kein neues Smartphone gekauft, sondern die 2018 erschienene Neuauflage des Nokia 8110 — das ist das gebogene Handy mit Schiebecover, das seine Bekanntheit vor allem dem Film Matrix verdankt (siehe Bild unten).

Das alte Nokia 8110, auch bekannt als „Matrixphone“ (Bildnachweis: Wikipedia)

Die Neuauflage 8110 4G des Herstellers HMD Global (Nokia ist ja nur noch ein Markenname Edit: Okay, scheinbar ist HMD doch enger mit Nokia verbunden, als ich dachte…) hat mit dem alten Gerät technisch nichts zu tun, und es ähnelt ihm auch optisch nur wenig, aber das Design und das Schiebecover sind trotzdem cool. Es macht auf gewisse Weise Spaß, einen Anruf durch das entschiedene Zuschieben des Covers zu beenden. Das hat sowas Endgültiges.

Das 2018 erschienene Remake des Nokia 8110 von HMD Global (Bildnachweis: Wikipedia)

Das Handy hat auch 4G-Internet, aber das ist vor allem für einfache Sachen wie E-Mail brauchbar. Auf dem kleinen Bildschirm sind Websites eine Qual und die YouTube-App finde ich auch eher unnötig. Allerdings gibt es auch WhatsApp (was ich schon länger nicht mehr benutze), Google Maps (nützlich) und den Google Assistant — gerade der ist besonders verführerisch, denn damit ist eine SMS viel schneller verschickt als mit der altmodischen Tastatur.

Letztlich habe ich mir dieses Handy statt eines Smartphones gekauft, weil ich damit nicht stundenlang Zeit vergeude. Auf einem Smartphone würde ich in Pausen oder sonstigen Leerlaufzeiten ständig im Internet sein; Nachrichtenwebsites lesen, E-Mails schreiben, Blogartikel skizzieren und so weiter. Ich hab auch ständig Fotos gemacht von irgendwelchen als schön empfundenen Momenten und Dingen anstatt sie einfach so wahrzunehmen. Das alles ist zunehmend stressig geworden — und geht mit dem 8110 4G kaum noch in sinnvoller Weise.

Das ist für mich sehr stressreduzierend. Als Nebeneffekt ist auch der Stromverbrauch gering, die Akkulaufzeit relativ lang und man kann man den Akku rausnehmen und tauschen.