Atmosphäre in Computerspielen (GameStar)

Manche Computerspiele spielt man vor allem der Atmosphäre wegen: Aufgrund bestimmter, oft schwer zu beschreibender Merkmale ziehen sie uns in ihre Welt, „überströmen“ uns mit einer spezifischen Stimmung. Die Spielmechanik (das Gameplay) erscheint dann mitunter zweitrangig. Unter dem Titel „Skyrims schöner Schein: Atmosphäre ist die Geheimwaffe in Spielen“ wurde dazu heute ein längerer Artikel von mir bei der GameStar veröffentlicht (im kostenpflichtigen Plus-Bereich der GameStar-Website).In dem teilweise recht persönlichen Text reichere ich diverse eigene Spielerlebnisse mit ein paar wenigen phänomenologischen Grundgedanken an, um Nachdenken darüber auszulösen, wie Atmosphäre in Spielen eigentlich entsteht, wie wir sie wahrnehmen, und warum „zu dichte“ Atmosphäre auch manchmal zu viel des Guten sein kann.

Andere Leute haben allerdings schon viel mehr zu dem Thema gemacht als ich. Als weiterführender Lesetipp daher unbedingt zu empfehlen: Der Sammelband „Zwischen|Welten“ (2015) von Christian Huberts und Sebastian Standke. Da geht es in zahlreichen wissenschaftlichen Aufsätzen um Atmosphäre in Spielen (aus verschiedenen Blickwinkeln, zwei Texte befassen sich auch mit meiner langjährigen Lieblings-Reihe The Elder Scrolls). Der Band gibt viele Anregungen, wie man Atmosphäre in Spielen als Philosoph, phänomenologisch Interessierte*r oder Forscher*in im Feld der Games Studies untersuchen kann. In meinem GameStar-Artikel habe ich aus dem Band einen Text von Annika Becker zitiert, die die Rolle von Klang in Spielen für die Herstellung von Atmosphäre untersucht hat.

Ich selber habe zu dem Thema bisher nur zwei Texte veröffentlicht:

Im Tagungsband „Dimensionen der Moral im Spiel“ (2018, zur Tagung HiStories III, 2016 in Rostock) hatte ich schon mal über Inkonsistenzen geschrieben, die es zwischen Gameplay und Atmosphäre geben kann. Das Thema griff ich auf der HiStories IV zwei Jahre später nochmal auf, wo ich über „Erzählung als Interaktionsform“ sprach, aber ich hatte damals keine Zeit, das hinterher als Text auszuarbeiten.

Im FS MAGAZIN 3/2018 habe ich mich damit beschäftigt, wie bei der Flugsimulation atmosphärische Szenerien das Eintauchen in die Simulation (Immersion) erleichtern können. Das war ein sehr kurzer Text, ist aber trotzdem recht prägnant. Bestimmt ist davon noch ein Heft oder eine PDF verfügbar, einfach mal beim VST-Verlag anfragen; Kontaktdaten auf der Homepage des FS MAGAZINs.

Im zweiten Band der Buchreihe „Über/Strom“, den ich gerade schreibe, geht es um Computerspiele. Atmosphäre wird darin eine sehr große Rolle spielen.

Die Verbitterung der Utopie? Star Trek: Picard

Heute lief die erste Folge der Serie Star Trek: Picard bei Amazon Prime. Wir sehen einen sehr alten, sehr müden Admiral a.D. der, wie er am Ende der Folge bemerkt, auf seinem Weingut auf den Tod gewartet hat. Er ist immer noch enttäuscht von der Sternenflotte, die ihn nicht unterstützt hat beim Versuch, Milliarden von Romulanern vor den Folgen einer Supernova zu retten — bloß weil es sich bei ihnen um einen Feind handelte. Der unerwartete Hilferuf einer jungen Frau, Dajh, weckt Picard aus seiner Verbitterung; er entscheidet sich, noch einmal auf eine Mission zu gehen, die ihm zunächst vor allem aus persönlichen Gründen wichtig ist.

Als ich klein war, da war noch DDR und ich im 1. Schuljahr. Zu dem Zeitpunkt, 1987, also mit sieben Jahren, hatte ich keinen Zweifel, dass wir in dem gerechtesten und friedlichsten Land der Welt lebten. Diese Naivität lag nicht nur an meinem Alter, sondern auch daran, dass ich nur dieses Land kannte. Westfernsehen hatten wir mangels Empfang nicht (und meine Mutter hat wirklich immer wieder versucht, was reinzubekommen, aber die Zimmerantenne gab trotz unserer Versuche, sie mit der Hand auszurichten, nicht viel her). Aber von Mitschüler*innen bekam ich immer mal wieder Einblicke — sei es, weil sie Westspielzeug aus dem Intershop oder von Verwandten hatten (z.B. Matchbox-Autos), sei es, weil sie irgendwelche Markennamen erwähnten, die mir komplett unbekannt waren.

Einmal erzählte mir ein Mitschüler auf dem Nachhauseweg von Raumschiff Enterprise und Captain Kirk. Das lief wohl im „ZDF“. Ich fand das alles sehr faszinierend, aber mangels Westfernsehempfang konnte ich mir nur ein sehr diffuses Bild machen (das ich übrigens im Kunstunterricht auch mal aufzeichnete, aber mein Lehrer fand mein Werk nicht so inspirierend. Es war halt eine Art fliegende Untertasse mit großen Bullaugen wie bei einem Schiff). Eines nachmittags war ich bei einem Verwandten zu Besuch, und da lief, leicht verzerrt, das ZDF. Ich verstand nicht, um was es in der Sendung eigentlich ging, aber ich hörte zumindest heraus, dass das nun wohl diese Enterprise sein musste, von der mir mein Mitschüler erzählt hatte. Und der relativ junge Mann, der sich in einer Kampfszene so elegant im Hechtschwung über ein paar Sessel warf, das musste wohl Captain Kirk sein.

Nun, er war es nicht. Stattdessen war es der damals noch bartlose Jonathan Frakes als Erster Offizier William T. Riker, und es war nicht Kirks Enterprise, sondern die von Captain Jean-Luc Picard (Patrick Stewart). Raumschiff Enterprise — Das nächste Jahrhundert hieß die Serie auf Deutsch; Star Trek — The Next Generation im Original. Ich fand das etwas verwirrend, aber diese wenigen Sekunden habe ich immer noch im Kopf. Als dann „Westen“ war und wir auch ARD, ZDF und N3 (was heute nur NDR heißt) empfangen konnten, schaute ich mir jede Star Trek-Folge an, die im ZDF noch lief. Da wir weiterhin nur unsere Zimmerantenne und daher jahrelang keine Privatsender hatten, war ich sehr traurig, als das ZDF die Serie irgendwann absetzte und stattdessen diese komische gelbe Cartoonserie zeigte — auch bekannt als Die Simpsons. Ab da lief Star Trek dann jahrelang auf Sat.1, was wir erst ab etwa 1997/98 empfangen konnten. Da hatten wir endlich „Kabel“ und ich konnte völlig in die sprichwörtlichen „Unendlichen Weiten des Weltraums“ eintauchen.

Wie vielen anderen Menschen gefiel mir die Serie, weil sie eine optimistische Sicht auf die Zukunft verbreitete — die Menschen hatten ihre diversen inneren Probleme überwunden; statt von Neid, Missgunst, Rassismus und religiöser Intoleranz waren sie von wissenschaftlicher Neugier getrieben, bemühten sich um Diplomatie, friedlichen Erkenntnisgewinn und um die Koexistenz mit den anderen Völkern der erforschten Galaxis. Es gab zwar auch Konflikte, es gab Waffen, denen man lieber nicht begegnen möchte, aber wenn überhaupt, wurden die nur sehr überlegt und mitunter nach langen ethisch-moralischen Grundsatzdiskussionen eingesetzt und stets zur Verteidigung. Die Enterprise sah von innen aus wie ein gemütliches Kreuzfahrtschiff, es war in sanften Pastelltönen gehalten, es gab Familien an Bord. Geld brauchte man nicht, so gab es auch kaum Verbrechen. Für Fleisch wurden keine Tiere getötet und statt Alkohol wurde in der von Guinan (Whoopi Goldberg) betriebenen Bar Synthehol ausgeschenkt, bei dem man die Rauschwirkung willentlich steuern und, wenn nötig, einfach beenden konnte. Mit dem Computer kommunizierte man per Sprache und das Holodeck wäre auch heute noch die Erfüllung aller Virtual-Reality-Sehnsüchte…

Aber es wurde düsterer. In der Nachfolgeserie Deep Space Nine (bis heute mein Favorit unter den Star Trek-Serien) zeigte sich, dass das Star Trek-Universum eigentlich nur an Bord der Föderations-Raumschiffe so utopisch war, und vielleicht noch auf der Erde, die im Mittelpunkt der Föderation lag und in Deep Space Nine deswegen auch einmal als „das Paradies“ bezeichnet wurde, in Abgrenzung zu einem Großteil des restlichen Universums, in dem es dann doch ständig Konflikte und Kriege, zwielichtige Händler und kriminelle Syndikate gab, abgesehen von der großen Bedrohung von „außen“, dem Dominion, das der Förderation einen mehrere Jahre dauernden „echten“ Krieg mit vielen Opfern bescherte. Deep Space Nine hatte einige sehr starke Folgen, die unsere echten gesellschaftlichen Probleme meiner Meinung nach besser reflektierten als die teils sehr klinische Next Generation. Doch schon damals gab es an so viel Dunkelheit Kritik. Statt ein Spiegelbild der eigenen unvollkommenen Gesellschaft wünschten sich viele Zuschauer*innen das Vorbild einer besseren Gesellschaft, nach dem es sich zu streben lohnte. Oder war es nur der Wunsch nach Eskapismus?

Auf jeden Fall ist es seitdem nicht heller geworden, im Gegenteil — bei uns und in der Star-Trek-Zukunft. Und selbst in der Hauptfigur aus The Next Generation, dem erwähnten Captain Picard, spiegelt sich das. In der neuen Serie hadert er mit seinen vergangenen Entscheidungen und der Sternenflotte. Als der Heimatplanet der Romulaner zerstört wurde, entschied sich Picard dafür, den Romulanern zu helfen, doch das Vorhaben scheiterte. Seine Vorgesetzten lehnten es ohenhin ab — es waren ja bloß Romulaner, bloß der Feind. Da wurde Picard bewusst, wie wenig sich die Föderation oder zumindest deren militärisch-wissenschaftliche Organisation (eben die Sternenflotte) noch an die einst hochgehaltenen Ideale hielt. Bei Deep Space Nine hatte sich das schon angedeutet.

Die erste Folge von Picard schließt da stimmungsmäßig fast nahtlos an. Sie ist für heutige Verhältnisse ruhig erzählt und gibt den Zuschauer*innen genug Zeit, dem Aufbau der Handlung zu folgen. Die Atmosphäre ist durchgehend melancholisch; wie nach dem Aufwachen aus einem schönen Traum von einer utopischen Welt, wo man sich schmerzhaft an die problembeladene Wirklichkeit erinnert. Wie man in Vorab-Rezensionen so liest, wird der ruhige Ansatz noch mindestens in Folge zwei und drei so bleiben — es soll wohl eine lange Exposition mit wenig echter Handlung sein. Ich habe damit überhaupt kein Problem — fürchte mich aber ein wenig davor, wie es dann weitergeht. Picard könnte relevantes Fernsehen werden — wenn die Macher*innen sich bis zum Ende Mühe geben und die neue Serie nicht so hektisch, chaotisch, mitunter unlogisch und oft abstrus wird, wie es Star Trek: Discovery leider meistens war.

Falls es den Beteiligten diesmal gelingt, ein Gleichgewicht zu finden und die schlimmsten Logiklücken zu umschiffen (also diesmal eine handwerklich gute Geschichte zu erzählen), dann interessiert mich vor allem eine Frage: Wird am Ende wieder eine positive Vision der Zukunft stehen? Oder bleibt die Menschheit auch in der einstigen Utopie weiterhin so ambivalent, sich nach dem Guten sehnend, aber es stets verfehlend, wie wir sie schon in den schrecklichen Nachrichten unseres 21. Jahrhunderts erleben?

Zum Schluss ein Lesetipp: Die Picard-Rezension bei Zeit Online

Laws of Form als Formular – Lesetipp: „Formular komplexer Form“ (Dirk Baecker)

In aller Kürze nur ein schneller Lesetipp: Der Soziologe Dirk Baecker teilt in seinem catjects-Blog ein Manuskript, in dem er den Nutzen zeigt, den Spencer-Browns Laws of Form für die Kommunikationsforschung haben, insbesondere tatsächlich die, hm, Grundform, die Baecker in seinen anderen Texten immer wieder (man möchte fast sagen formelhaft) auf seine Gegenstände anwendet:

Zu Baeckers Beitrag

Ein guter Text, da er wie eine Einführung in Baeckers Zugang (und sich daran orientierende Ansätze) funktioniert.

Über Schreiborte

Über/Strom ist, wie öfter erwähnt, vor allem eine Buchreihe. Während sich Band 1 zum Thema zwischenmenschliche Kommunikation im Internet gerade in der Herstellung durch den Verlag befindet, habe ich nun mit Band 2 begonnen: Über die Frage, was wir eigentlich aus Spielen über das Leben lernen können, und zwar nicht in Hinblick auf irgendwelche — in letzter Instanz ökonomisch — verwertbaren Kompetenzen oder irgendwelches Faktenwissen, sondern bezogen auf so ‚weiche‘ Themen wie unsere Wahrnehmung, Kreativität, unser Verhältnis zur Umwelt, und auch unsere Erwartungen und Vorurteile.

Meine bisherigen Bücher und längeren Essays (wie etwa die sechsteilige Head Canon-Reihe oder das Buch über Virtual Reality, beide sind hier verlinkt) habe ich an den unterschiedlichsten Orten verfasst. In meinem persönlichen Blog hatte ich vor zwei Jahren auch schon mal etwas dazu gesagt. Das Folgende ist ein Update des damaligen Artikels.

Der eigene Schreibtisch

Ich finde es immer sehr schön, wenn in Feuilletons und Magazin-Beilagen zu großen Tageszeitungen die Schreibtische bekannter Schriftsteller, Wissenschaftler, Architekten, Künstler usw. gezeigt werden. Vorhin habe ich sowas mal wieder in einem (sehr lesens- und sehenswerten) Artikel im T Magazine über den japanischen Architekten Kengo Kuma gesehen. Sowas erhebt Anspruch auf Authentizität, wird aber eher eine Inszenierung sein. Mein Schreibtisch steht im Arbeitszimmer, das ich mir mit meiner Frau teile — in einer Ecke des Raumes steht ihrer, in der diagonal gegenüberliegenden Ecke meiner. Wenn ich aber jetzt darüber nachdenke, dann merke ich, dass dort nur Texte entstehen, die mit Flugsimulation zu tun haben: technische Handbücher, Workshops und Rezensionen für das FS MAGAZIN (das ist eine Fachzeitschrift für Flugsimulation), usw. Liegt sicherlich daran, dass dort auch der Computer steht, auf dem die Simulationen laufen und teilweise entwickelt werden.

Der Couchtisch

Viele Texte entstehen in unserem Wohnbereich, auf dem Sofa, an einem vollkommen unergonomischen Couchtisch, auf mehr oder weniger alten Laptops. Ein gebrauchtes ThinkPad ist da mein liebstes Schreibgerät. Meist liegen dann irgendwelche Stapel von Fachliteratur verstreut auf dem Fußboden und auf dem Sofa. Im Fernsehen laufen Columbo, Bares für Rares, u.ä., oder (wenn ich mich vor mir selbst als intellektuell inszenieren will/muss), im Radio der Deutschlandfunk Kultur. Was gar nicht funktioniert: bewusstes Musik hören von CDs oder MP3s. Erstens taktet sich dadurch die Zeit (da ich ja weiß, wie lang einzelne Lieder oder ganze Alben sind), wodurch das Versinken im Schreibprozess erschwert wird, und zweitens wende ich mich quasi automatisch dem aktiven Zuhören zu anstatt es nur Hintergrundberieselung ist.

Im „Retreat“ anderswo

Manchmal habe ich den Luxus, woanders zu sein, komplett losgelöst von der normalen Umgebung. Oft saß ich schon an einem Tresen in der, hm, Wohnküche meiner Über/Strom-Co-Herausgeberin und Autorin Uta und schaute dabei auf die leicht hügelige Landschaft südlich von Rostock. Die klare Inneneinrichtung dieses Raumes und der ländliche Eindruck draußen haben sich schon mehrfach als sehr hilfreich beim Exzerpieren, Denken und Schreiben erwiesen. Zentrale Kapitel meines Buchs zu virtueller Realität sind hier entstanden, und der eine oder andere Vortrag.

Ein ähnlich wirkungsvoller Rückzugsort ist das Ferienhaus „Haus Rehblick“ im Schwarzwald, das eigentlich zum FS MAGAZIN gehört, in dem ich aber ebenfalls kommunikations- und medientheoretische Sachen geschrieben habe.

Und ein letzter Ort sei wehmütig erwähnt: Vor, ich glaube, sechs oder sieben Jahren war ich auf einer Tagung im Zentrum für Interdisziplinäre Forschung in Bielefeld, wozu auch eigene Unterkünfte gehörten. Ich weiß nicht, ob das heute immer noch so ist, aber damals waren das kleine, fast monastisch anmutende „Zellen“ mit Bett und großem Schreibtisch. Entscheidende Teile meiner Dissertation sind dort an nur zwei Tagen entstanden (was ganz passend war, wegen Bielefeld — Luhmann — usw.)

In Bahn und Café

Mit dem Zug unterwegs zu sein oder im Café zu sitzen, ist jeweils ein zweischneidiges Schwert. Entweder befördert es den Schreibvorgang mit jedem gefahrenen Kilometer oder jeder getrunkenen Tasse (in der früheren Version dieses Artikels noch koffeinfreien, aber darüber bin ich hinweg… ) Kaffees — oder es lullt mich ein in eine zuerst nachdenkliche, später gedankenlose Passivität. Beides kann hilfreich sein. Im ersten Fall entstehen meist ganz brauchbare Entwürfe für die eigentlichen Texte. Im zweiten Fall wird der Kopf frei und Ideen können sich unbewusst weiterentwickeln (oder ich bilde mir das ein).

Im Co-Working-Space

Bis auf den „Retreat“ haben alle bis hierher genannten Orte den Nachteil, dass sie entweder sehr viel Ablenkung bieten oder gar nicht immer verfügbar sind. Darum ist seit diesem Jahr ein weiterer Schreibort dazu gekommen: Ein Co-Working-Space im Magdeburger Stadtteil Stadtfeld, in einem schönen Altbau gelegen, mit hellen Räumen und hohen Decken. Dort habe ich jetzt tageweise einen Schreibtisch gemietet. Die Büros gehören zu einer Eventagentur und bieten zumindest derzeit noch viel Ruhe und Platz — und mir einen Grund, auch mal diesen generell sehr hübschen Teil Magdeburgs aufzusuchen, der mir sonst wegen einer gefühlt unendlichen Tunnelbaustelle sonst wie abgeschnitten vorkommt von meinem normalen Umfeld.

So sitze ich also gerade an diesem herrlich großen und fast leeren Schreibtisch, vor mir ein großes Fenster mit schönem Rundbogen, aus dem ich auf die Dächer Stadtfelds blicken kann. Bis auf ein paar Bilder und einige, hm, zugegeben etwas klischeehafte Motivationssprüche an den Wänden gibt es hier nichts, das vom Arbeiten ablenkt. Und wenn einem doch mal der Sinn nach anderen Menschen geht, finden sich immer mal wieder andere fleißige Leute hier. Insgesamt eine Atmosphäre, die mich an frühere Uni-Zeiten erinnert und mir gerade deshalb gerade sehr gefällt.

Das Manuskript für das eingangs erwähnte Buch muss ich Ende März abgeben. Bis dahin werde ich noch viel zwischen einigen der genannten Schreiborte hin und her wechseln. Ich bin mal gespannt, wer dieses Frühjahr mein Favorit wird.

scobel: „Die Weltrevolution“ und die „Theorie U“

Eher zufällig blieb ich gestern Abend auf 3sat bei „scobel“ hängen. Dort ging es um Komplexität. Genauer gesagt darum, dass die drängenden Probleme auf der Welt nicht jedes für sich gelöst werden können, sondern nur im Zusammenhang, dass aber dies aus verschiedensten Gründen sehr schwierig ist. Die Sendung ist insgesamt recht sehenswert und ich verlinke hier mal den Beitrag in der 3sat-Mediathek.

Einer der Gäste der Sendung war Otto Scharmer, der mit der „Theorie U“ ein Management-Konzept entwickelt hat, das dem Organisationswandel dienen soll. Ich kannte das bis gestern nicht, aber ich hatte in dem erklärenden Beitrag in der Sendung das Gefühl, dass mir da was verkauft werden soll.

Bei der sogleich angestoßenen Google-Suche nach Kritik zu dem Modell stieß ich auf einen Text des Soziologen Stefan Kühl, der Scharmers „Theorie U“ als nur eine neue Management-Mode wie andere zuvor einstuft. Außerdem hebst Kühl die esoterisch-spirituellen Hintergründe der „Theorie U“ (u.a. Antroposophismus) hervor.

Kühls Text findet sich als PDF hier.

Eine weitere Kritik, diesmal von Svenja Hofert, ist ebenfalls interessant. Die Autorin bezieht sich teils auf Kühl, geht aber noch mehr auf die generellen Gefahren ein, wenn man Management-Theorien nicht nur als Anregung nimmt, sondern als absolute, allein selig machende Lösung zu sehen beginnt.

Aus der Kommunikationsforschung kenne ich Ähnliches, wenn man etwa im Studium das 4-Ohren-Modell Schulz von Thuns lernt und glaubt, damit Kommunikation verstanden zu haben, oder wenn sich Luhmanns Systemtheorie selbst gegen Kritik immun macht.

Dabei sind solche Modelle und „Theorien“ (wissenschaftstheoretisch ein Begriff, der streng genommen gar nicht immer passt) alles nur Anregungen, Perspektiven, die je nach Kontext mehr oder weniger brauchbar sein können. Sowas wird wohl auch für Scharmers „Theorie U“ gelten. Da ist bestimmt viel Nützliches dabei, aber in der „scobel“-Sendung wurde sie mir zu sehr als wohl der zukunftsfähige Vorschlag präsentiert, wogegen die beiden anderen Gäste, Stefan Brunnhuber und Patrizia Nanz, eher blass wirkten — obwohl gerade Nanz‘ Betonung der Schwierigkeiten, Komplexität zu bearbeiten, ehrlicher ist als mal eben ein Modell als Lösung hervorzukramen.

Da ich Scharmers Arbeit nicht kenne, kann ich das alles noch nicht einordnen, aber wenn mir etwas als Allheilmittel angepriesen wird, werde ich sofort skeptisch. Scheinbar bin ich nicht der einzige.

Toss a Coin to Your Witcher: Fantasy-Popsong und Freelancer-Hymne

Fantasyfilme und -serien, die etwas auf sich halten, brauchen offenbar eingängige Lieder, die idealerweise in ihre Handlung eingebaut sind. Für Produzent*innen kann so etwas nur gut sein, denn das generiert zusätzliche Aufmerksamkeit und hält das jeweilige Produkt länger im Gedächtnis. Man kann sich heute fast sicher sein, dass nur Stunden nach Veröffentlichung die ersten Coverversionen auf YouTube auftauchen. Oft sind es aufstrebende Musiker*innen, die ihre Karriere auf YouTube aufbauen und durch Cover hohe Aufrufzahlen ihrer Videos und idealerweise den einen oder anderen mp3-Verkauf erzeugen können. Natürlich finden sich auch einfach Fans der Filme/Serien, die Spaß am Singen der Lieder haben.

In Peter Jacksons Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (2003) wurde eine traurige Szene mit einigen gesungenen Versen aus Tolkiens Gedicht „A Walking Song“ untermalt, gesungen von Pippin-Darsteller Billy Boyd. Derselbe Schauspieler sang auch den Popsong The Last Goodbye im Abspann von Jacksons Der Hobbit: Die Schlacht der Fünf Heere (2014). Für seine Herr der Ringe-Abspänne hatte Jackson zuvor schon Enya („May it Be“), Emilíana Torrini („Gollum’s Song“) und Annie Lennox („Into the West“) verpflichtet; für den Hobbit Neil Finn („Song of the Lonely Mountain“) und Ed Sheeran („I see Fire“).

Einige Jahre später trat derselbe Ed Sheeran mit einem kurzen Stück in der Serie Game of Thrones auf. Er spielte einen Soldaten, der seinen Kameraden am Lagerfeuer ein paar Verse vorsang. Dann kam Arya Stark (Maisie Williams), eine der Hauptrollen der Serie, dazu, man unterhielt sich über einige Alltagssorgen (den Vater, der allein auf seinem Boot ist; die Frau, die gerade ein Kind geboren hat). Sheerans Auftritt wurde angeblich eingebaut, weil die Produzenten der Serie Maisie Williams eine Freude machen wollten, die Szene wurde allerdings stark kritisiert („schmerzhaft unsubtil“). Als der Sänger kurz nach Veröffentlichung der Episode seinen Twitter-Account deaktivierte, wurde spekuliert, dass er dies wegen der Kritik getan hätte (was Sheeran jedoch leugnete).

Offenbar in Anlehnung an die Game of Thrones-Kritik scherzte der polnische Fantasy-Autor Andrzej Sapkowski schon 2018, dass er einen Auftritt Sheerans in der Netflix-Umsetzung von Sapkowskis Witcher-Reihe nicht zulassen würde. Dennoch wartet Netflix‘ Serie mit einer ganzen Reihe eingängiger Songs auf. Den größten Ohrwurm-Charakter hat das von Sonya Belousova und Giona Ostinelli geschriebene und von Schauspieler Joey Batey gesungene „Toss a Coin to Your Witcher“ (Original-Version auf Soundcloud) — im Wesentlichen eine Aufforderung an die Menschen, den Hexer Geralt, der sich für sie um unliebsame Monster und andere Widrigkeiten kümmert, anständig zu bezahlen.

In der Serie spielt Batey den Barden Rittersporn, der Geralt zeitweise auf seinen Reisen begleitet und dieses Lied quasi im Sinne einer PR-Kampagne einsetzt, um das schlechte Image des Hexers aufzubessern. An ihr eigenes Freiberufler-Dasein erinnert, bezeichnen manche Autor*innen den Witcher daher schon als „Helden der Gig-Ökonomie“ (so Melanie McFarland in einem Artikel bei salon und Scott Meslow in einem Kommentar bei Vulture).

Zumindest im Internet unserer Welt haben Rittersporn bzw. die Produzent*innen zumindest großen Erfolg. Musik trägt in der Serie generell dazu bei, sie über Durchschnitt hinauszuheben, aber insbesondere „Toss a Coin to Your Witcher“ sorgt dafür, dass The Witcher auch nach Ende der ersten Staffel (sie hatte nur 8 Folgen und sie waren alle gleichzeitig verfügbar) noch länger präsent bleibt. Die Anzahl der Versionen ist mittlerweile immens. Zum einen hat Netflix selbst dafür gesorgt, indem Lied und Szene in mehreren Sprachen produziert wurden (im Deutschen heißt es etwa „Reichet Gold eurem Hexer“). Zum anderen wurde der Song von YouTubern in diversen Coverversionen von Klassik bis Metal nachgespielt.

Und so findet sich eine Version eines Chors aus der russischen Stadt Omsk:

… gleich neben einer Hip-Hop-Variante:

… und einer Synthie-Pop-Version::

Der freiberufliche Monsterjäger — dem vom freiberuflichen Barden ein PR-Song erdichtet wird — den manche fantasyaffinen Freiberufler*innen in unserer Welt als inoffizielle Hymne bezeichnen — und die von YouTuber*innen weltweit gecovert wird — wodurch das Produkt The Witcher, nebst der Romanvorlage und den drei schon lange erhältlichen Computerspielen (2007-2015) kommerziell so erfolgreich ist wie lange nicht mehr — da gewinnen doch alle — oder?

Wäre ich Kulturkritiker, würde ich jetzt damit beginnen, die Songtexte der bis hierher benannten so erfolgreichen Lieder auseinanderzunehmen. Auf ihre doch teils „harte“, „männliche“ Sicht der Welt hinzuweisen, etwa im „Lonely Mountain“-Song aus dem Hobbit, der betont: „Some folk we never forgive“, oder im „Song of the White Wolf“ aus dem Witcher, der die grundsätzliche Einsamkeit des männlichen Helden hervorhebt, eine Einsamkeit, die erst durch Frau (Yennefer) und Ziehtochter (Ciri) gedämpft wird. Auch das Problem, dass manch eineR im Internet die absurde Sicht hat, dass die Serie The Witcher viel zu divers besetzt sei und zu viele starke Frauenrollen besitze (eine Kritik, die vor ein paar Jahren auch schon Star Trek: Discovery vorgeworfen wurde, weil sie eine starke weibliche, nicht-weiße Hauptfigur besitzt), müsste eigentlich ausführlich diskutiert werden.

Beim Witcher wird die Hauptrolle Geralt fast uninteressant dargestellt. Er ist halt der Held, der Monster erlegt. Er ist allein, will allein sein, wird aber zunehmend dazu gedrängt, sich um andere Menschen zu kümmern, und eigentlich sieht man ihm trotz aller ‚Coolness‘ auch an, dass er Mitleid mit den Menschen hat. Eben „ein Freund aller Menschen“, wie Rittersporn es besingt. Trotz dieser Entwicklung viel interessanter ist die Geschichte der Magierin (und späteren Witcher-Freundin) Yennefer, deren Herkunft aus armen und unterdrückten Verhältnissen zwar in einer starken Episode gezeigt wird, deren Entwicklungsprozess aber viel mehr Zeit verdient hätte.

Eine Diskussion dieser Themen würde mehr Zeit benötigen, als ich sie gerade habe. Abschließend daher nur ein Lesetipp: Bekannt wurde der Hexer Geralt von Riva ja vor allem durch die Computerspiele, nicht durch die Bücher, die lange vorher erschienen. Vor drei Jahren hat Carolyn Petit bei Feminist Frequency den Text „Contained in Our Moments“ veröffentlicht. Darin beschreibt die Autorin ihre Begeisterung für das Spiel Witcher 3, analysiert aber gleichzeitig die Probleme, die es aus feministischer Sicht hat. Obwohl sich die Autorin auf das Spiel bezieht, ist vieles davon auch für die Serie brauchbar.

Dirk Baecker über Spiele

Manchmal sind die — an sich lesenswerten, weil für Nicht-Systemtheoretiker oft ungewohnte Perspektiven einbringenden — Texte des Soziologen und Kulturwissenschaftlers Dirk Baecker etwas ärgerlich. Das liegt nicht unbedingt an den einzelnen Texten selbst, sondern an der Erwartung, die man an einen neuen Text Baeckers mittlerweile stellen möchte, wenn man denn schon einiges von ihm gelesen hat. Stets bilden Baeckers Rezeption der Luhmann’schen Systemtheorie und der Spencer-Brown’schen Laws of Form den Rahmen, vor dem sich Baeckers Beschäftigung mit gesellschaftlichen und kulturellen Fragestellungen abspielt.

Dagegen ist auch nichts zu sagen, man kann mit Baeckers Perspektive gut arbeiten, wenn man Luhmanns Systemtheorie für eine grundsätzlich geeignete Grundlage hält, unsere zunehmend diverse Gesellschaft zu beobachten. Ärgerlich finde ich es, wenn ich beim Lesen an Stellen gerate, an denen Baecker selbst darauf hinweist, dass nun eigentlich empirische Belege nötig wären, dass er die aber nicht bringen kann. Aktuell habe ich dieses Empfinden bei Baeckers kleiner Textesammlung „Intelligenz, künstlich und komplex“ (Merve Verlag, 2019), insbesondere bei einem Aufsatz zum Thema „Games und Gamification“ (S. 68-80).

In dem Aufsatz erkennt Baecker Spiele-Entwickler*innen, Manager-/Berater*innen und Künstler*innen als die drei relevanten Beobachter-Instanzen der Spielebranche. Ihre Aktivitäten sind als eine bestimmte Form von Wette beschreibbar: „Jede konkrete App“, so Baecker, „ist sowohl eine Wette […] als auch ein Wetteinsatz, der gewonnen und verloren werden kann“ (S. 78f.) Gewettet wird auf „kognitive Hegemonie“ (ebd.), also um Aufmerksamkeit und Vorherrschaft der App bei den Nutzer*innen, wo Gehirn, Bewusstsein, Kommunikation und App „Versuch[e] sind, den eigenen Modus als ‚Wirt‘ unter Kontrolle zu halten und als ‚Gast‘ hinreichend souverän zu machen“ (ebd., 79). Gelingt dies, kann das Spiel weitergehen, aber kann keine Kontrolle aufrechterhalten werden, dann komme es, so Baecker, zu Phänomenen wie Sucht, Erschöpfung, Isolation und Langeweile (ebd., 80).

Baecker gelingt es hier, mit knappen systemtheoretischen Konzepten ein ganzes Problemfeld plausibel zu umreißen, doch das ist bereits das Ende des Textes. Da, wo es es spannend wird, hört es auf. Baecker schreibt: „An dieser Stelle der Argumentation müsste die Beobachtung konkreter Games und konkreter Verfahren der Gamification eingebaut werden.“ (S. 78). Ja, genau!, möchte man ihm zurufen. Jetzt wurde alles so schön systemtheoretisch eingeleitet, anschlussfähig an alles, was Sie und Luhmann und die großen Vorbilder von Foerster und Maturana, erarbeitet haben, und nun kommen Sie bitte zum Hauptteil, bringen Sie Beispiele, diskutieren Sie Kommunikationsverläufe, zeigen Sie konkrete Apps. Doch ach: „Das kann ich hier nicht leisten.“ (ebd.) Wie schade. Denn in Baeckers Beobachtung liegt ein großes Potenzial. Wann Spieler*innen als Spieler*innen zu beobachten sind, und wann in einem anderen Modus, habe ich ansatzweise in meiner Dissertation empirisch untersucht, indem ich konkrete Nutzungssituationen ausgewertet habe. Man kann mit Systemtheorie und Laws of Form empirisch arbeiten und die vielversprechenden Thesen unterfüttern.

Meine Enttäuschung über den Spiele-Aufsatz ähnelt einer anderen Enttäuschung, die ich das erste Mal vor gut zehn Jahren hatte, als ich Baeckers „Form und Formen der Kommunikation“ (Suhrkamp, 2007) las. Das ist noch heute ein wichtiger Grundlagenband, wenn man sich aus kommunikationssoziologischer Sicht mit Kommunikation befasst, denn Baecker geht darin auf kommunikative Prozesse zahlreicher Teilsysteme der Gesellschaft ein und macht seine systemtheoretische Sichtweise anschlussfähig an andere wissenschaftliche Perspektiven.

Als ich „Form und Formen der Kommunikation“ damals las, war ich gerade mit meiner Dissertation beschäftigt. Zeitweise haben wir, d.h meine damaligen Mit-Promovend*innen und ich, dieses Buch ständig mit uns herumgetragen, denn sein Aufbau hatte etwas Tröstliches: Auf jedes kommunikationswissenschaftlich relevante Problem fand man darin eine Anregung, eine Reflexion oder eben eine form, mit der man weiterdenken konnte, auch wenn uns oft nicht ganz klar war, ob wir das jetzt richtig verstanden hatten — was auch daran liegt, dass Baecker sich eben für die Laws of Form als Darstellungsmittel entschieden hatte, was ästhetisch ansprechend und intuitiv ’schon irgendwo sinnvoll‘ war, aber eigentlich erstmal das Studium Luhmanns und Spencer-Browns verlangte, um zu verstehen, was Baecker da eigentlich machte. (Und das Studium kritischer Texte, die verschiedentlich darauf hinwiesen, dass die Laws of Form eigentlich für Mathematik gedacht waren, und dass Luhmann et al. sie doch eher metaphorisch verwenden würden oder vielleicht komplett missverstanden hätten …)

Der ärgerliche Moment in „Form und Formen der Kommunikation“ kam jedenfalls in dem Kapitel, wo Baecker kurz in die Laws of Form einführte. Spencer-Brown nennt zwei zentrale Gesetze: Das law of calling und das law of crossing. Baecker erklärt sie, damit man den Rest seines Buches verstehen kann. Das Calling (Nennen) tritt als Konfirmierung (Wiederholung) und Kondensierung auf. Das Crossing (Kreuzen) gibt es als Aufhebung und Kompensation. Wenn man etwas nennt, wiederholt, aufhebt oder kompensiert, trifft man eine Unterscheidung (man unterscheidet ein Element vor einem anderen; die Elemente kann man als A, B usw. bezeichnen). Bei der Konfirmierung wird ein vorher eingeführtes Element A nochmal wiederholt, ohne dass etwas Neues dazu kommt. Bei der Kondensierung fallen zwei Elemente A und B auf etwas Neues zusammen (das ist sozusagen der ‚Sinn‘, der sich für mich hinter der Beschäftigung mit einem A und B ‚verbirgt‘). Bei der Aufhebung wird ein vorher eingeführtes Element A zurückgewiesen. Eine Kompensation ermöglicht das Treffen neuer Unterscheidungen. (Soweit in etwa meine Sicht auf diese Gesetze, wie ich sie seit meiner Dissertation bei der Analyse von Transkripten menschlicher Kommunikation verwende.)

Zu Konfirmierung, Kondensierung und Aufhebung nun brachte Baecker kurze, aber anschauliche Beispiele aus dem Alltag (nämlich zur Kommunikation von Freunden über Konzert- und Kinobesuche, S. 101-103). Mit diesen Beispielen hatte ich damals das Gefühl, halbwegs zu verstehen, warum diese seltsamen Laws of Form nützlich für die Kommunikationsforschung sein könnten. Aber was war mit der Kompensation? Die sah Baecker etwa in der Kompensation von Leere gegeben (S. 103). Okay? Und was heißt das? Um dies zu beobachten, würde man „Anlässe und Anhaltspunkte brauchen“ (ebd.) — Aha. — „Aber wer suchet, der findet.“ (ebd.) — Oh je. — „Man denke nur an die Romane Gustave Flauberts […], in denen eine Gesellschaft vorgeführt wird, die nichts anderes bewegt, als die Kompensation der eigenen Leere.“ (ebd.) — Hmmm. — Diesen Verweis auf fiktionale Literatur empfand ich damals als sehr frustrierend, da ich mich mit ‚echter‘ Kommunikation in ‚realen‘ Situationen beschäftigen wollte und nicht mit literarischen Beobachtungsformen.

Ich hatte damals den Eindruck, als rutsche der Text auf einer schillernden Ölspur aus und der Autor sei vielleicht selbst froh, dass er die kritische Stelle hinter sich gelassen hatte. Mittlerweile vermute ich, dass diese Schwammigkeit einfach mit der metaphernhaften Verwendung der Laws of Form selbst zu tun hat. Die waren, wie erwähnt, eigentlich zum Rechnen in einem engeren mathematischen Sinne gedacht. Leute wie von Foerster, Luhmann und Baecker nutzen sie hingegen als Darstellungsmittel, weil man damit systemtheoretische Konzepte wie Autopoiesis, Selbstreferenzialität und System-Umwelt-Verhältnisse anschaulich aufschreiben kann. (Was ich, anders als manche Mathematiker- und Philosoph*innen, nicht schlimm finde.)

Als ich heute nun den Spiele-Aufsatz las, kamen mir jedenfalls die damaligen Eindrücke wieder in den Sinn. Da, wo es im Text noch anschaulicher werden müsste, um den empirischen Wert von Baeckers Ansätzen zu zeigen, da hört es auf. Schade. Allerdings muss man Baecker zugute halten, dass es sich bei dem Text um eine Verschriftlichung eines Vortrags beim Spiele-Festival „Next Level“ (2018, Düsseldorf) handelt. Das war vielleicht nicht der Ort, um in die Details der empirischen Forschung zu gehen. Aber gerade zum Thema von Spielen und Gamification würde ich mir doch ein Buch wünschen, zu dem der kurze Aufsatz dann die Einleitung sein könnte.

Die Aufsatzsammlung „Intelligenz, künstlich und komplex“ von Dirk Baecker (135 S.) ist im Herbst 2019 im Merve Verlag erschienen.

Hypes & Computerspiele (Update)

Von einem neuen Produkt „gehyped“ zu sein, kann Spaß machen — wenn es einen neuen Teil der Lieblings-Spieleserie gibt, ein neues Buch des*der Lieblingsautori*in oder eine neue technologische Entwicklung und man darüber große, positive (Vor)freude empfindet, ist das erstmal nicht schlimm. Problematisch wird es, wenn man am Ende auf den Boden der Tatsachen fällt und enttäuscht wird: Doch nicht alles so schön, wie angekündigt. In Bezug auf Computerspiele habe ich zum Thema „Hypes“, ihrer Enttäuschung und ihrer kommunikativen Bearbeitung jetzt einen Artikel bei GameStar.de veröffentlicht (sorry, bis auf die Einleitung hinter der Bezahlschranke).

Update: Mein Artikel ist jetzt auch in der gedruckten GamePro 2/2020 erschienen 🙂

2020+

Nach einer ausgedehnten Weihnachtspause (bis auf die Ankündigung des ersten Bandes unserer Buchreihe!) erwacht nun auch das Über/Strom-Blog wieder zum Leben. Eigentlich wollte ich etwas über die (fast schon zum Klischee gewordene) Vorstellung der „neuen“ Zwanziger Jahre schreiben, die nun begonnen haben. Der Rückblick auf die sowohl „Goldenen“ als auch düsteren 1920er bzw. der Vergleich mit diesen liegt ja rein menschlich nahe, und zahlreiche Medien jeder Couleur versuchen sich daran. Der aktuelle Iran-Konflikt passt leider zu den negativeren der Vergleiche, wie überhaupt die zunehmend härtere Politik weltweit. Das neue Jahrzehnt geht also eher entmutigend los. Vor einer Dekade nahm ich die Welt insgesamt noch hoffnungsvoller war. Aber genug davon.

Über/Strom ist in erster Linie eine Buchreihe, und der Untertitel lautet bekanntlich: „Wegweiser durchs digitale Zeitalter“. Damit sind tatsächlich die Jahre 2020-2029 gemeint. Die ersten Bände der Reihe erscheinen 2020 und dann ist geplant, bis 2029 jährlich Bände herauszubringen. Dieses Blog begleitet und ergänzt die Reihe.

Wir haben das Blog im Mai 2019 aufgesetzt und mit verschiedenen Artikelformaten getestet — kleinere Essays, Interviews, Buch- und Musikvorstellungen, sowie mehr oder weniger stark kommentierte Linksammlungen. Diese Mischung werden wir im Wesentlichen beibehalten, allerdings die Anzahl der Artikel erhöhen und eine stärkere Vernetzung herstellen.

Regelmäßigkeit ist in der „Aufmerksamkeitsökonomie“ des Internet offenbar ein entscheidender Faktor. Im ersten dreiviertel Jahr dieses Blogs konnten wir gut sehen, wann sich Zugriffszahlen erhöhen, wann sie wieder sinken und wie sie relativ stabil bleiben. Regelmäßigkeit und Vernetzung haben insbesondere im Sommer letzten Jahres Wunder gewirkt; sobald man aber nachlässt, gehen Zugriffszahlen auch schnell zurück. Beiträge müssen sich gegenseitig stützen — längere, aber seltenere Texte von kürzeren, aber häufigeren begleitet werden.

So etwas verlangt, dem Blog ausreichend Zeit zu widmen. Die Voraussetzungen dafür habe ich Ende des letzten Jahres geschaffen, indem ich eine meiner anderen freiberuflichen Tätigkeiten beendet habe und ab sofort auch andere, ablenkungsfreiere Schreibumgebungen ausprobiere. Wir werden mal sehen, wie das funktioniert. 😉 Blogeinträge, in denen steht, dass man künftig häufiger bloggen will, sind ja manchmal auch ein Zeichen dafür, dass noch weniger passiert. Ich gebe mir Mühe, dass das nicht geschieht.

Auf jeden Fall wünschen wie allen Leser*innen ein gesundes 2020 🙂