Nicht nur Eskapismus: Spielen bei Corona. Interview mit Jessica Kathmann

Jessica Kathmann ist Psychologin und arbeitet in ihrer Praxis psychotherapeutisch. Außerdem schreibt sie aus psychoanalytischer Perspektive Artikel über Computerspiele. In diesem E-Mail-Interview sprechen wir über Spielen in Zeiten der Corona-Gefahr, ihre an C. G. Jung ausgerichtete Arbeit und über Möglichkeiten, durch Spielen zu uns selbst zu kommen.

Kannst du zu Beginn bitte kurz beschreiben, was deine Arbeit im Normalfall ausmacht / was du tust?

Jessica Kathmann (Foto: privat)

Ich bin selbstständig und habe dadurch erfreulicherweise ein recht buntes Aufgabenfeld: Ich habe Aufträge in berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen, bin als Referentin unterwegs und arbeite auch in eigener Praxis.

In der Berufsvorbereitung betreue ich junge Erwachsene psychologisch, denen es aufgrund verschiedenster Schwierigkeiten (oft psychische Problemlagen) nicht gelingt, eine Ausbildung zu finden. Da ich eine Heilerlaubnis habe, arbeite ich in eigener Praxis klassisch psychotherapeutisch mit Erwachsenen jeden Alters.

Als Referentin spreche ich zu ganz unterschiedlichen Themen, meistens aber zu Computerspielen. Diesbezüglich bin ich auch gemeinsam mit einem Erziehungswissenschaftler an Schulen unterwegs und biete Vorträge für Eltern und Lehrer an. Und daneben schreibe ich, wie du schon erwähntest, Artikel, in denen ich Computerspiele aus der Perspektive der analytischen Psychologie nach C. G. Jung analysiere. 

Ein analytischer Zugang zu Spielen

Was ist das Besondere an C. G. Jungs Ansatz und wie kann man sich damit Computerspielen nähern?

Jungs Ansatz reizt mich so sehr, weil er sich unter anderem intensiv mit Symbolik und Traumdeutung beschäftigt hat. Er entdeckte, dass sich bestimmte Symbole oder Inhalte (wie beispielsweise die Struktur von Heldengeschichten) weltweit in den verschiedensten Kulturen finden. Daraus schloss er, dass es neben dem persönlichen Unbewussten auch ein kollektives Unbewusstes geben muss, in dem solche Motive verankert sind.

C. G. Jung (Bild: Wikipedia)

Begegnen uns beispielsweise in Träumen – oder eben auch in Computerspielen – solche „Archetypen“, wie er sie genannt hat, bringen sie also quasi eine Tiefenebene in uns zum Schwingen. Das kann sich in einer besonderen Faszination, in einem besonderen Reiz oder einer anderen Form von Reaktion zeigen, die wir meist nicht so ganz in Worte fassen können, weil es sich eben um unbewusste Prozesse handelt. Dabei reagieren wir besonders auf Motive, die etwas mit unserem persönlichen Unbewussten zu tun haben. Das kann sein, dass eine innere Spaltung überwunden werden muss und wir ein Spiel finden, das dieses Thema verhandelt. Oder wir gerne als Held durch die Welt ziehen – ein Motiv, das viel mit Persönlichkeitsentwicklung und Reifungsprozessen zu tun hat.

Für mich persönlich ist Jungs Geniestreich die sogenannte subjektstufige Deutung, die er in Bezug auf Träume entwickelt hat. Dabei geht man davon aus, dass die Elemente, die einem im Traum begegnen – seien es Personen, Objekte oder Landschaften – Anteile oder Themen unseres Inneren abbilden, oft eben eingekleidet in Symbole. Diese Deutungsform nutze ich auch gerne zur Analyse von Computerspielen.

Das findet sich dann in deinen Artikeln. Aber kannst du dazu trotzdem auch hier ein konkretes Beispiel geben?

Erst kürzlich ist ein Artikel von mir bei Spielkritik erschienen, in dem ich mich mit Ori and the Blind Forest beschäftige. Dort habe ich den Wald Nibel als Spiegel der Innenwelt Kuros, also der Antagonistin von Ori, gedeutet. So verstehe ich beispielsweise die vereisten Elendsruinen als Bild für erstarrte Gefühle Kuros und sehe in der nach und nach vollzogenen Wiederherstellung des Waldes eine Parallele zur Wiedererlangung ihrer „Menschlichkeit“.

In einem anderen Artikel, kürzlich erschienen bei Videospielgeschichten, deute ich den Weg durch das Indie-Spiel Candle als Prozess einer Person, die in eine seelische Krise gelangt ist und die eigene innere Landschaft erkunden muss. Dabei gehe ich insbesondere auf die Lichtsymbolik ein: ein Licht (der Erkenntnis?) muss in der Landschaft verteilt werden.

Bei diesen Überlegungen handelt es sich allerdings immer nur um eine mögliche Deutung — Symbole und Archetypen haben die Eigenschaft, niemals eindeutig zu sein. Aber, wenn es gut läuft, kann eine solche Deutung etwas im Spielenden ins Schwingen bringen und ihn/sie auf eine für ihn gewinnbringende Fährte führen.

Spiel und Therapie in Zeiten von Corona

Wie verändert sich deine Arbeit unter den Bedingungen der aktuellen Corona-Krise? Kann man da die Anliegen deiner Patient*innen ‚digital auffangen‘, oder ist Psychotherapie auf direkten Kontakt angewiesen?

Meine Arbeit hat sich in der Tat stark verändert. Konsultationen finden nunmehr nur noch digital statt, was aber weniger genutzt wird, als wenn ich vor Ort bin. Dafür habe ich beispielsweise für die Berufsvorbereitung einen „Psycho-Newsletter“ ins Leben gerufen, der allen Teilnehmer*innen zugestellt wird. In diesem stelle ich etwa alle zwei Tage Tipps und Tricks zur psychischen Gesundheit während eines Lockdowns oder Hilfen zur Strukturierung des Lernens zusammen. Meine Referententätigkeiten sind natürlich alle abgesagt.

Ob und inwieweit Therapie digital (z.B. auch über Videosprechstunden) funktioniert, ist von vielen Faktoren abhängig, z.B. von der Klientel, der Schwierigkeit, wegen der Hilfe gesucht wird und von individuellen Faktoren. Von Kollegen weiß ich, dass die digitale Arbeit mit Kindern schwierig bis unmöglich ist. Bei kleineren Kindern fällt beispielsweise das gemeinsame Spielen weg; wenn ältere Kinder über Konflikte mit den Eltern sprechen möchten und letztere jederzeit das Kinderzimmer betreten können, ist kein Schutzraum gewährleistet. Ähnliches gilt für Paarbeziehungen. Es ist gut, für solche Themen einen neutralen (Therapie-)Raum zur Verfügung zu haben.

Auch das „Drumherum“ (der Weg zum Termin, die Gestaltung des Therapieraums, die physische Anwesenheit des Therapeuten, …) ist mit einem digitalen Setting nicht vergleichbar. Umgekehrt bieten sich aber auch andere spannende Möglichkeiten – z.B. mal Einblick in die Wohnsituation im Rahmen einer virtuellen Wohnungsführung zu bekommen. 🙂

Man kann durchaus digital Therapie machen (sofern der Datenschutz gewährleistet ist!) und der kontinuierliche Kontakt ist insbesondere für psychisch instabile Menschen nun besonders wichtig, aber er ersetzt das Face-to-Face-Gespräch meines Erachtens nicht. Die Distanz ist einfach größer – nicht nur im physischen Sinne. 

Ich kann mir vorstellen, dass es zurzeit viele Personen gibt, deren … innere Verfassung gerade ziemlich auf die Probe gestellt wird: Da ist die konkrete Angst um die eigene Gesundheit und die von Familie und Freunden; die Sorge um wirtschaftliche Ungewissheit; vielleicht auch Befürchtungen um gesellschaftliche Langzeitfolgen in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Kannst du Tipps geben, wie man mit diesen Ungewissheiten umgehen kann, um nicht daran zu verzweifeln?

Für uns Menschen ist Ungewissheit unglaublich schwer auszuhalten. Das führt dazu, dass wir in Gedanken allerlei Szenarien durchspielen und aus der (noch ungewissen) Situation schnell eine Katastrophenphantasie basteln, in denen wir uns den Tod uns nahestehender Menschen, unseren wirtschaftlichen Ruin, den Zusammenbruch der Gesellschaft oder Ähnliches vorstellen. Das macht Panik und führt uns in Gedankenspiralen.

Meistens helfen uns Informationen dabei, Unsicherheit zu reduzieren, allerdings ist es hier eher umgekehrt: Wir haben gerade ein Überangebot an Informationen, die uns allerdings keine Beruhigung bieten, weil eben so vieles noch ungewiss ist. Es kann daher helfen, nur zu festgelegten Zeiten (z.B. einmal morgens und einmal nachmittags, bitte nicht direkt vor dem Schlafengehen) Corona-Infos zu konsumieren und auch Push-Benachrichtigungen entsprechender Apps ausschalten. Mit jeder neuen Corona-Nachricht versetzen wir unser Gehirn nur in noch mehr Alarmbereitschaft, die aber in der aktuellen Situation zu nichts führt.

Wichtig ist es auch, sich mit anderen Menschen auszutauschen und zu hören, dass wir alle mit ähnlichen Fragen und Sorgen beschäftigt sind. Aber bitte auch hier Maß halten und daraus kein tagesfüllendes Programm machen.

Ganz grundsätzlich hilft gegen das Gefühl von Ungewissheit, an anderen Stellen Gewissheit zu schaffen. Beispielsweise durch eine Tagesstruktur, bei der an jedem Tag zur selben Zeit verlässlich Dinge gemacht werden, z.B. Aufstehen, Essen, Sport, … Es sollten viele Aktivitäten eingeplant werden, bei denen man nicht mit dem Corona-Thema in Berührung kommt.

In Filmen, in Fernsehserien und in Computerspielen werden oft katastrophale Zustände geschildert: Ein Virus geht um die Welt und rafft in kurzer Zeit Tausende dahin. Irgendwelche absolut bösen Fantasymonster bedrohen uns. Außer Kontrolle geratene Künstliche Intelligenz (KI) versucht, biologische Lebensformen zu unterdrücken oder auszulöschen. In solchen Geschichten gibt es in der Regel ein Happy End: Trotz hoher Verluste wird wie durch ein Wunder ein Heilmittel für die Krankheit gefunden, das Gute siegt und die KI wird zurückgeschlagen (oder man einigt sich mit ihr auf Koexistenz).

Macht es Sinn, zurzeit solche Geschichten zu sehen und zu spielen, etwa um sich abzulenken und womöglich sogar unbewusst diese Geschichten als Symbol für unsere konkreten Sorgen zu verstehen und dadurch die Sorgen ein Stück weit zu verarbeiten? Oder ist das eher ein eskapistisches Davonlaufen vor den Sorgen und man sollte sich lieber einen konkreten Plan machen, wie man im Angesicht der Krise handeln möchte?

Ich denke, man darf Computerspiele in Bezug auf Corona auf jede Weise nutzen, die einem gut tut. Sich nur noch mit Corona beschäftigen ist psychotherapeutisch ohnehin keine gute Idee, also darf man auch im Sinne des so oft verteufelten Eskapismus gerne einfach mal ganz gepflegt Realitätsflucht betreiben.

Allerdings sind wir innerlich natürlich trotzdem sehr viel mit der Thematik beschäftigt – schon allein deswegen, weil sich unser Alltag in den letzten Tagen doch stark verändert hat. Das bringt es mit sich, dass man (vielleicht auch unbewusst) im Kampf gegen die „Horden des Bösen“ vielleicht doch auch ein bisschen den eigenen Kampf gegen das Virus (oder die Angst davor) verhandelt. Oder beim einsamen Streifen durch die Landschaft mit der Einsamkeit aufgrund einer Quarantäne konfrontiert ist. Oder aber besonders belebte virtuelle Plätze aufsucht und damit dann auch wieder beim Thema ist. Ich denke, man kann das Eine vom Anderen gar nicht ganz trennen.

Eine Auseinandersetzung in der Realität ist natürlich ebenfalls wichtig und richtig. Allerdings sollte das, wie vorhin schon ausgeführt, sowohl zeitlich als auch thematisch begrenzt stattfinden. Sich mit Katastrophenphantasien über die Zukunft auseinanderzusetzen ist nicht zielführend. Konkrete praktische Überlegungen, was beispielsweise die Tagesplanung oder die finanzielle Sicherung (sofern das derzeit möglich ist, noch ist ja auch politisch vieles unklar) sollten natürlich im Blick behalten werden.

Ja, für viele Menschen ist die derzeitige Lage finanziell oder auf anderer Ebene existenzbedrohend. Wer in solch einer Situation ist, soll und darf sich natürlich auch ablenken, soweit es irgend möglich ist. Und es bleibt trotzdem eine schreckliche Situation, keine Frage. Davor können wir weder als Außenstehende noch als Betroffene die Augen verschließen. Diese Hilflosigkeit und Ungewissheit aushalten zu müssen ist sicher eine der größten Herausforderungen dieser Tage.

Spiele als Ventil — Spielen zur Entspannung

In The TALOS Principle löst man Rätsel in surrealen ‚Parkanlagen‘, die sich beim antiken Ägypten und Griechenland sowie dem Mittelalter bedienen und abseits des Rätsellösens auch gut zum entspannten Spazierengehen taugen.

Können Computerspiele dem Abbau konkreten Stresses dienen, wenn man zum Beispiel nicht zu körperlicher Aktivität in der Lage ist? Als Beispiel: Statt seinen Ärger auf die zu dicht hinter einem stehende Person an der Supermarktkasse an dieser Person auszulassen, oder das beim Joggen o.ä. abzubauen, spielt man ein Spiel, dass das „virtuell“, quasi symbolisch erlaubt?

Ich habe schon immer die Meinung vertreten, dass Computerspiele durchaus ein Ventil sein können. Ich lerne durch meine Arbeit allerdings oft insbesondere junge Menschen kennen, die für innere Spannungszustände jedweder Art überhaupt keine (anderen) Ausdrucksmöglichkeiten finden. Manche berichten dann, dass sie sich in Spielen abreagieren. Auch dort wird Adrenalin ausgeschüttet und laufen physiologische Prozesse ab, die denen einer körperlichen Aktivität zumindest teilweise ähnlich sind.

Allerdings ist es grundsätzlich wichtig, verschiedene Ausdrucksformen, insbesondere für Emotionen wie Wut, zur Verfügung zu haben. Das kann Sport sein – selbst wenn es in der Wohnung ist und man nur Sprudelflaschen stemmt oder sich an Liegestützen probiert. Man kann auch auf seine Matratze einprügeln oder einen künstlerischen Ausdruck suchen, indem man beispielsweise mit einer knalligen Farbe auf großen Papierbögen rumschmiert – quasi ganz expressiv. Am wichtigsten scheint es mir, wirklich auszuprobieren (nicht nur darüber nachzudenken), was einem selber in welcher Situation am besten tut. Das ist tatsächlich eine sehr individuelle Sache.

Da geht es sicher meist um „Action“. Können virtuelle Welten auch eine Alternative zum Spazierengehen sein, wenn man vielleicht völlig unter Quarantäne steht und das Haus wirklich gar nicht verlassen darf? Zum Beispiel denke ich an die etwas surrealen Rätsel-Parkanlagen in The TALOS Principle, in denen ich auch ohne Rätsel zu lösen gerne bin – da passiert dann nichts, außer dass man da ist. Oder (was ich erst vor kurzem für mich entdeckt habe) die Griechenland-Umsetzung in Assassins Creed Odyssey.

Selbstverständlich können auch virtuelle Spaziergänge einen Entspannungseffekt haben. Zwar fehlt die frische Luft und die Bewegung, aber der visuelle Input durch malerische Landschaften, feurige Sonnenuntergänge, beiläufig umherstreifendes Wild und Ähnliches tut uns natürlich trotzdem gut. Insbesondere eine vertraute Umgebung, vielleicht ein Spiel, das man schon lange spielt, kann diesen Effekt haben. Ganz abgesehen natürlich von der wunderbaren musikalischen Untermalung, die häufig dabei ist.

Dass uns Computerspiele gut tun, hat sicher auch damit zu tun, dass wir in ihnen Selbstwirksamkeitserfahrungen machen können. Insbesondere auch jetzt, da wir uns dem Corona-Virus gegenüber doch ziemlich machtlos erleben.

Ach, schön, dass du von Selbstwirksamkeit sprichst. Die meisten Spiele verlangen ja auch immer das Lösen von Problemen, aber oft in einer geordneteren Weise als es in der ‚Wirklichkeit‘ der Fall ist. Spielziel und mögliche Schritte dahin sind oft klar strukturiert oder strukturierbar. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Erfahrung, in der Spielumgebung erfolgreich Probleme zu lösen, sich langfristig auch auf das Selbstbewusstsein auswirkt, mit dem man echten Problemen gegenübertritt. Kritiker*innen könnten hingegen befürchten, dass man Spiele irgendwann der Wirklichkeit vorzieht, weil man sich nur  in Spielen als selbstwirksam erlebt (und womöglich, dass dies so sei, weil man zu viel spielt).

Eine gute Frage! Tatsächlich erlebe ich es immer wieder, dass sich Menschen genau deswegen in virtuelle Realitäten zurückziehen. Man bekommt auf sichtbare Handlungen (z.B. einen Kampf mit einem Drachen) meist ein unmittelbares Feedback (z.B. Sieg über den Drachen). In der Offline-Realität ist das häufig anders: Ich muss beispielsweise auf eine Prüfung lernen, sehe tagelang nur Papierstapel, die ich von A nach B bewege, dann schreibe ich die Prüfung und muss lange auf das Ergebnis warten. Der (sich hoffentlich einstellende) Erfolg lässt also viel länger auf sich warten und der Fortschritt ist nicht so gut quantifizierbar, wie das beispielsweise bei einem Fortschrittsbalken oder einem Levelaufstieg der Fall ist.

Aber natürlich ist es dennoch wichtig, die Selbstwirksamkeitserfahrungen nicht ausschließlich in virtuellen Umgebungen zu machen. Vielleicht können diese positiven Erfahrungen allerdings dazu beitragen, den Mut zu fassen, auch in der Offline-Realität auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Manche Selbstwirksamkeitserfahrungen kann man ja auch gut bewusst aufsuchen: etwas basteln, bauen oder kochen, regelmäßig Sport treiben und Verbesserungen feststellen, endlich mal wieder Aufräumen usw. Das kann ja wirklich ganz klein anfangen. Und dann eben die Disziplin aufbringen, sich doch mal an die größere Aufgabe zu wagen. Zwischenziele festlegen hilft dabei im Übrigen sehr.

Damit man durch die vielen kleinen Aufgaben nicht ins Prokrastinieren verfällt?

Schlussendlich ja. Wir prokrastinieren ja häufig deswegen, weil uns eine Aufgabe zu groß erscheint und wir mit ihr überfordert sind. Das Festlegen von Zwischenzielen sorgt dann einerseits dafür, dass die Aufgabe nicht wie ein großer Berg vor einem steht und andererseits, dass wir schneller ein Feedback bekommen. Schreibe ich mir als To Do „Wohnung aufräumen“ auf, ist das ein großer Berg und das gute Gefühl kommt erst ganz zum Schluss des Aufräumens – wenn ich überhaupt damit beginne. Zwischenziele wie „Vorratsschrank sortieren“ oder „im Wohnzimmer Staub wischen“ helfen uns beim Strukturieren und Vorwärtskommen. Ist der kleine Punkt geschafft und kann abgehakt werden, fühlt es sich gleich viel mehr danach an, dass man etwas erreicht hat – damit hat man eine Selbstwirksamkeitserfahrung gemacht.

Zu uns selbst kommen

Wenn man in The TALOS Principle nicht gerade Rätsel löst oder spazierengeht, kann man sich philosophischen Überlegungen zum Bewusstsein widmen.

Bieten Computerspiele neben der vorhin angesprochenen Entspannungsfunktion auch eine Möglichkeit, ‚tiefer‘ zu uns Selbst zu kommen? Man könnte vermuten, dass Spiele trotz ihrer möglichen positiven Effekte dennoch bloße Aktivität sind, um ja nicht über uns Selbst reflektieren zu müssen? Ich meine die Frage in Anlehnung an Erich Fromms Unterscheidung zweier Arten von Aktivität. Du hast vorhin schon über Symbole gesprochen, also scheinen Spiele mehr als nur Eskapismus zu erlauben?

Ich bin absolut überzeugt davon, dass die Spiele, die wir auswählen, immer in irgendeiner Beziehung zu unseren inneren Themen stehen, auch wenn es dabei wahrscheinlich meist um unbewusste Prozesse geht. Die Vorliebe für die einen und die Abneigung gegen andere Spiele haben natürlich, wie bei anderen Unterhaltungsmedien auch, etwas mit unserem Geschmack zu tun und der ist nun mal von unserer inneren Landschaft geprägt.

Mir fällt da zum Beispiel eine junge Patientin von mir ein mit schizoider Persönlichkeitsstruktur, welche sich unter Anderem in einem großen Misstrauen anderen Menschen gegenüber und einer extremen Zurückgezogenheit und Einzelgängertum zeigt. Am allerliebsten spielte sie Survival-Games, in denen es ja darum geht, in einer feindlich gesonnenen Umgebung unter widrigen Umständen allein zu überleben. In diesem Fall schlug sich also das innere Erleben der Welt im gewählten Genre nieder.

Umgekehrt heißt das freilich nicht, dass man zwingend schizoid strukturiert sein muss, um ein gutes Survival-Game zu schätzen zu wissen. Aber, um im Beispiel zu bleiben, geht es in dem Fall (auch) um eine Auseinandersetzung mit der Einsamkeit – da sind wir zum Beispiel bei einem Thema, das ganz viele von uns betrifft.

Oder denken wir an die vielen Heldengeschichten, die von Entwicklungs- und Reifungsprozessen erzählen. Spiele, in denen wir einfach mal das Gefühl von Selbstwirksamkeit haben können. Ich glaube, Computerspiele „wirken“ damit auf einer Ebene ganz unabhängig davon, ob wir uns bewusst mit deren Inhalten beschäftigen oder nicht, ganz ähnlich wie Märchen.

Interessant! Kannst du dazu noch mehr sagen?

Märchen und Mythen sind Geschichten, die schon seit hunderten oder tausenden von Jahren tradiert werden. Sie strotzen nur vor Symbolen und archetypischen Motiven: das göttliche Kind mit besonderen Fähigkeiten, der Held, die große Mutter, der alte Weise usw. Schon allein die Tatsache, dass sich diese Geschichten so lange halten, deutet darauf hin, dass sie etwas in uns zum Schwingen bringen – denn schlechte Geschichten erzählt man ja nicht weiter. Genau aufgrund dieser archetypischen Motive, die wir intuitiv (und oft nur unbewusst) verstehen, können die Märchen eine innere Wirkung entfalten.

Leider sieht man Märchen heutzutage eher als Geschichten für Kinder an. Dafür haben wir nun neue „Märchen“ in Form von Filmen oder eben auch Computerspielen, die Symbole und archetypische Motive aufgreifen und in etwas modernerem Gewand neu verhandeln. Wenn man sich bewusst mit solchen Spielen auseinandersetzt, vielleicht auch im Rahmen einer Therapie, haben sie wirklich großes Potenzial, uns mit uns selbst und unseren inneren Themen in Kontakt zu bringen.

Wie muss man sich das vorstellen? Lässt du deine Patient*innen etwas Bestimmtes spielen, erzählen sie dir von den Spielen, die sie ohnehin spielen, oder wie funktioniert das im Rahmen einer Therapie?

Wie das konkret aussieht, ist wieder einmal eine ziemlich individuelle Sache. Ich habe bisher noch keine Spielvorschläge gemacht, würde das aber grundsätzlich nicht ausschließen. Meist kommen wir einfach darüber ins Gespräch, was mein Gegenüber gerade spielt. Ob es dabei einfach um das Teilen und in-Worte-Bringen der Erfahrungen geht oder um die konkrete Übertragung auf alltägliche Situationen, ist individuell verschieden.

Beispielsweise kam mal ein junger Mann mit Beziehungsschwierigkeiten zu mir, über die er aber nicht so gerne sprechen wollte. Es wurde allerdings deutlich, dass er seiner Freundin gegenüber sehr überprotektiv handelte. Er spielte gerne The Witcher 3 und berichtete, Ciri sei gestorben, weil er sie „zu viel beschützt“ habe (ich führe das aufgrund der Spoilergefahr nicht weiter aus, wer es gespielt hat, weiß, was gemeint ist). Hier haben wir dann tatsächlich an der Parallele zwischen seinem Verhalten im Spiel und seinem Verhalten seiner Freundin gegenüber gearbeitet, was ihm dabei half, seine grundsätzliche Beziehungsgestaltung langsam zu überdenken.

Bei meiner oben beschriebenen Survivalspielerin hingegen blieben wir in der Spielwelt. Mir schien es, als ob allein durch das Erzählen und das Screenshot- und Video-Zeigen aus dem Ein-samen etwas Gemein-sames werden konnte, was sich dann auch tatsächlich in einer deutlichen Vertiefung unseres Kontaktes niederschlug. Gerade für Menschen mit einer schizoiden Struktur ist das ein riesiger Schritt, weil es bedeutet, den inneren Rückzug zumindest ein Stück weit zu verlassen und eine (innere) Erfahrung mit jemandem zu teilen.

Es kann aber natürlich auch darum gehen, ein Spiel in seiner Gesamtheit zu versuchen zu verstehen: welches Grundmotiv wird verhandelt und passt das vielleicht zu meiner inneren Landschaft? Ich habe inzwischen einige Artikel zu solchen Gesamtdeutungen geschrieben. Wie schon oben erwähnt, sind Archetypen in ihrem Bedeutungsgehalt allerdings niemals eindeutig – deswegen kann eine „passende“ Deutung für einen Spielenden nur im Dialog entstehen und nicht von Außen übergestülpt werden. Aber auch ohne eine (individuelle) Deutung, mit der wir uns intellektuell auseinandersetzen, „wirken“ Spiele auf uns, davon bin ich überzeugt.

Ich denke also, wir können in Games schlussendlich gar nicht wirklich vor uns selber fliehen. Eskapismus von der äußeren Realität finde ich hingegen durchaus auch mal erlaubt – gerade in Zeiten wie diesen. 🙂

(Titelbild: Karen Smits / pixabay.com)

Würdiges Ende, Unnötiger Neubeginn: Star Trek: Picard

Die erste Staffel der bei Amazon Prime laufenden Serie Star Trek: Picard, über die ich vor ein paar Wochen schon einmal schrieb, ist nun zu Ende. Spontan schießen mir dazu folgende, spoilerhaltige Gedanken durch den Kopf:

  • Star Trek: Picard ist von Anfang bis Ende besser als der vorige Versuch einer Wiederbelebung des Franchise, Star Trek: Discovery, was allerdings auch nicht schwer ist.
  • Star Trek: Picard ist aus heutiger Sicht auch besser als die ersten paar Folgen von Star Trek: The Next Generation (TNG, 1987-1994), in denen die Rolle des Captain Jean-Luc Picard erstmals eingeführt wurde.
  • Was auch daran liegt, dass die Rolle der Titelfigur in der neuen Serie wesentlich sympathischer rüberkommt als gerade zu Beginn von TNG. Damals war Picard ein (man muss es leider sagen) arroganter, unsympathischer übertrieben distanzierter Militärangehöriger (erst im Verlauf von TNG hat sich das abgeschwächt). Heute ist er ein alter, langsamer, unsicherer alter Mann, der noch einmal etwas Gutes tun will.
  • Die neue Serie funktioniert vor allem deshalb, weil so viele alte Figuren auftauchen, es viele kleine und große Bezüge zu früher sowie bekannte Rituale gibt. Im Prinzip ist Star Trek: Picard ein melancholisches Klassentreffen alt gewordener Held*innen.
  • Aber ausgerechnet die Titelfigur, die sich immer noch bemüht, als Stimme der Vernunft und des Friedens in einem abweisend gewordenen Universum wahrgenommen zu werden, muss erfahren, dass sie ihre Zeit hinter sich hat. Weder wird in der Sternenflotte und anderswo auf Picards Rat gewartet, noch wird auf ihn gehört.
  • Die in der ersten Staffel gezeigte Geschichte ist nichts Besonderes, aber in Ordnung. Es geht um künstliche Lebensformen; Androiden, wie der bekannte Commander Data, der ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Menschen und Romulaner fürchten sich gleichermaßen vor den Androiden. Während die Menschen Androiden deshalb verboten haben, bemühen sich die Romulaner gleich um ihre komplette Auslöschung.
  • Picards selbstauferlegte Mission ist es daher, eine der Androidinnen, Soji, zu beschützen. Das liegt daran, dass Picard in Soji eine ‚Verwandte‘ seines im Film Star Trek: Nemesis zerstörten Freundes Data erkennt. Soji (die erfreulich unaufgeregt gespielt wird) weiß erst selbst nicht, dass sie kein ‚echter‘ Mensch ist, aber in der zweiten Staffelhälfte erkennt sie es und will zu dem Planeten reisen, von dem sie stammt.
  • Dort gibt es nämlich eine ganze Kolonie von Data-artigen Androiden, die auch alle so ähnlich aussehen, manche mehr, manche weniger künstlich. Da die Serie Jahrzehnte nach TNG spielt, halte ich das für nicht unplausibel. Es war schon immer Datas Wunsch, sich fortzupflanzen, und dass der Sohn von Datas Erfinder Dr. Soong nun dabei unterstützt, ergibt Sinn.
  • Leider ist die Chefin der Kolonie, eine weibliche Androidin, überzeugt, dass biologische Lebensformen die Androiden alle vernichten werden. Darum ruft sie irgendwelche (sehr seltsam aussehenden) Maschinenwesen ‚von außerhalb‘ herbei, die das biologische Leben vernichten sollen, und Soji hilft ihr dabei.
  • Die Maschinenwesen ‚von außerhalb‘ sehen leider lächerlich aus und sind offenbar riesige eckige Würmer mit großen Mündern. Das ist ein Discovery würdiger Fremdschäm-Moment, der glücklicherweise schnell vorbei geht, weil Soji endlich doch auf Picards Flehen hört, es sich mit der Vernichtung allen Lebens noch einmal zu überlegen.
  • Die „KI-kämpft-aus-Angst-um-sich-gegen-ihre-Schöpfer“-Geschichte ist eine alte Geschichte. Ihre philosophische Tragweite wird in Star Trek: Picard nicht ausgeschöpft. Besser hat das 2009-10 das leider nur kurzlebige Battlestar Galactica-Prequel Caprica gemacht.
  • Um sich gegen die scheinbare Bedrohung zu wehren, wäre es im Sinne einer kohärenten Geschichte sinnvoller gewesen, wenn die Androiden statt der Kontaktaufnahme zu den seltsamen Maschinenwesen versucht hätten, den von den Romulanern übernommenen Borg-Würfel zu zweckentfremden. Die ganze Borg-Nebenstory ist nämlich insgesamt eher austauschbar — d.h. alles, was in dem Borg-Schiff passiert ist, hätte auch in einem anderen Kontext geschehen können.
  • Trotzdem war es cool, als die aus Star Trek: Voyager bekannte Ex-Borg Seven of Nine kurzzeitig zur neuen Borg-Königin wurde und Hunderte wiedererwachte Borgdrohnen ihr Sprüchlein aufzusagen begannen („Wir sind die Borg. Widerstand ist zwecklos“). Begannen, weil sie alle kurz darauf von der bösen Romulaner-Agentin ins All geblasen wurden.
  • Solche Spiele mit nicht erfüllten Erwartungen gibt es übrigens öfter, was ich an der neuen Serie durchaus mag. Man glaubt oft zu wissen, was nun kommt, und tatsächlich scheint genau das zu geschehen — aber dann doch nicht. Neben der eben erwähnten Szene und den ständigen erfolglosen Appellen Picards ist auch der Höhepunkt am Ende der letzten Folge so ein Moment. Vorgeschädigt vom wirklich schlechten Ende der zweiten Staffel von Star Trek: Discovery, erwartet man eine unsinnig choreografierte Massenschlacht zwischen viel zu vielen schlecht erkennbaren Raumschiffen — aber glücklicherweise hört Soji am Ende endlich auf den alten Mann und bricht die Verbindung zu den komischen bösen Maschinenwesen ‚von außerhalb‘ ab.
  • Captain Picard stirbt am Ende der Serie an der neurologischen Krankheit, die schon zu TNG-Zeiten erwähnt wurde. Und dabei hätte man es belassen sollen, denn dann wäre Star Trek: Picard eine nette kleine Geschichte geblieben; wie ein Kinofilm in Überlänge, der insbesondere Datas Suche nach Menschlichkeit zu einem wirklich okayen Abschluss bringt.
  • Leider hat man sich entschieden, das Bewusstsein von Picard nach seinem Tod in einen perfekt menschlich aussehenden Androidenkörper zu transferieren, wiederum wie damals bei Caprica, sodass die (schon lange bestellte) zweite Staffel der Serie möglich ist. Über die womöglich traumatischen Folgen so einer transhumanistischen Todeserfahrung für das Individuum verliert die Serie kein Wort. Stattdessen steht man friedlich vereint auf der Brücke, Picard-im-Androiden-Körper sagt wie früher: „Energie!“ und das Raumschiff fliegt los in Richtung Staffel zwei.
  • Es gibt diverse Logiklücken. Die zwei schlimmsten meiner Ansicht nach: Warum kann sich Picards früherer erster Offizier William T. Riker so einfach aus dem Ruhestand holen lassen und bekommt dann gleich mal das Kommando über eine hunderte Schiffe umfassende Flotte, um Picard gegen die Romulaner zu unterstützen, obwohl die Sternenflotte Picard gar nicht unterstützen will? Und muss sich Dr. Jurati nicht noch für ihren Mord an Dr. Maddox verantworten?

Insgesamt hat es mir Spaß gemacht, die Serie zu schauen, und ich werde sie mir sogar noch einmal am Stück angucken. Große Fernsehgeschichte dürfte sie wohl nicht schreiben, aber das muss auch nicht sein. Trotz ihrer Mängel ist sie unterhaltsam und ein nostalgischer Blick zurück. Aber ob eine zweite Staffel wirklich nötig ist … da bin ich mir nicht sicher. Die müsste aus mehr bestehen als nur Nostalgie. Ich bin gespannt.

Die individuelle Krise in der Corona-Krise, die Angst und die Bedürfnisse dahinter

Die aktuelle Corona-Krise ist eine für uns noch nie dagewesene Situation, deren Folgen wir gerade auf der kurzfristigen Ebene deutlich spüren. Auch mittel- und langfristig wird sie viele, sehr facettenreiche, komplexe globale, nationale, regionale und persönliche Auswirkungen haben (Abb. 1). In diesem Artikel beleuchte ich die individuelle Krise, die sich für jeden einzelnen von uns aus den Gesamtsituationen ergibt und ordne sie den ersten zwei von vier Krisenbewältigungsphasen nach Verena Kast (1989) zu, um die hinter unseren aktuellen Gedanken und Verhaltensweisen stattfindenden Prozesse deutlich zu machen und Handlungsmöglichkeiten zu schaffen.

Abbildung 1: Grobe schematische Übersicht möglicher Bestandteile der aktuellen Krise/Krisen

Eine Krise zeigt sich zunächst einmal immer als unangenehm. Sie tut in irgendeiner Art und Weise weh. Täte sie es nicht, wäre es keine Krise. Eine Krise entsteht, wenn unsere Denk- und Verhaltensweise nicht mit der aktuellen Situation, einem oder mehreren Pressoren aus der Umwelt in Einklang ist. Die Krise nötigt uns, unser Denken zu überdenken und unser Tun zu ändern. Das bedeutet aber auch, dass die Krise eine Entwicklungschance ist. Wer die Krise meistert, geht mit neuer Denke, neuem, sinnvollerem Verhalten, gewachsen, entwickelt und gestärkt aus dieser hervor.

In der ersten Phase einer Krisenbewältigung greifen die meisten von uns unbewusst auf Abwehrmechanismen, z.B. die Verdrängung, zurück, um Körper und Geist zu schützen: Vermutlich haben die meisten von uns die Auswirkungen, die die Ansteckungsgefahr und die zum Teil lange Inkubationszeit bis zu den ersten Symptomen mit sich bringen und auch die Folgen, die eine Infektion für die Risikogruppen und damit einhergehend für die Krankenhäuser und deren Kapazitäten bedeutet, erst einmal unterschätzt. Auch dann noch, als wir über die Medien professionell informiert wurden.

Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, haben es ja gar nicht versucht, es war gar nicht Teil unserer Realität, dass es jemals nötig sein könnte, alle Schulen, Kitas, Sportvereine, Museen, Bibliotheken etc. zu schließen, alle Veranstaltungen, sogar Fußball! abzusagen und möglichst alle Angestellten ins Home Office zu schicken. Und das, obwohl sich in China und Italien die gleichen Szenarien bereits abspielten.

Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde.

Albert Camus, Die Pest, 1947

Das ‚Nicht wahrhaben wollen‘ ist Teil der individuellen Krisenbewältigung. Diese Phase muss jedoch überwunden werden, weil das Verdrängen nicht zu einer Bewältigung der individuellen Krise führt. Die Verlagerung der Krise ins Unbewusste wird sich letztlich in körperlichen Symptomen, z.B. Kopfschmerzen, Nackenverspannungen etc. zeigen, da die Gefühle, die dann in der zweiten Phase der Krisenbewältigung Ausdruck bekommen sollen und die in Zusammenhang mit der Krise stehen, nicht ausgedrückt werden. Der Ausdruck von Gefühlen wie Angst, Trauer und Wut in der zweiten Phase der Krisenbewältigung zeigte sich in Deutschland recht deutlich im Toilettenpapierankauf.

Der Ausdruck der Gefühle bringt jeden von uns heftig mit uns selbst in Kontakt! Hier lohnt es sich, achtsam zu schauen, denn hier zeigen sich die eigentlichen Ängste, Sorgen, unbefriedigten Bedürfnisse, die bei jedem die individuelle Krise auslösen und deren liebevolles Ausdrücken (weinen, wütend und/oder ängstlich sein), Annehmen und adäquate Bedürfnisbefriedigung uns der Bewältigung unser individuellen Krise näher bringt und uns lernen, wachsen, entwickeln lässt.

Wir haben leider, mit pandemischem Ausmaß, nicht gelernt, Gefühle von Trauer, Wut und Angst angemessen zuzulassen und auszudrücken: Wir haben schon in der Kindheit verdrängt, so dass es hier nun aus einem starken, von Angst und/oder Wut getriebenen Stresslevel heraus zu z.T. heftigen Gefühlen und Verhalten kommen kann, die denen unseres ‚Schattenkindes‘ mit seinen Ängsten und Sorgen, oder seiner Wut und/oder Trauer entsprechen und aus denen sich die eigentlichen Bedürfnisse ablesen, letztlich aber auch befriedigen lassen.

Um die menschlichen Bedürfnisse darzustellen, nutze ich hier vereinfacht das Modell der Maslowschen Bedürfnispyramide (1943). Das Modell beschreibt aus positiver, humanpsychologischer Sicht, was uns im Laufe unseres Lebens antreibt (Abb. 2). Ich habe aktuelle Verhaltensweisen aus den Medien gesammelt, den Bedürfnisebenen zugeordnet und Prognosen zu den dahinterliegenden, typischen Antrieben erarbeitet. Ich zeige Handlungsmöglichkeiten auf, mit denen wir das jeweilige Bedürfnis zielführend und aus eigener Kraft befriedigen können – verantwortungsbewusst, aus erwachsener Perspektive, mit erwachsenen Möglichkeiten und besonnen (wie die Politik uns bittet).

Abb. 2: Mögliche Erklärungen für aktuelle Verhalten, dahinter stehende Antriebe und Handlungsalternativen zur Bedürfnisbefriedigung auf der Grundlage der Maslowschen Bedürfnispyramide (1943)

Besonnenheit, ein antikes, großes Wort, bedeutet laut Wikipedia „überlegte, selbstbeherrschte Gelassenheit in schwierigen […] Situationen […], um vorschnelle und unüberlegte Entscheidungen oder Taten zu vermeiden“ (Wikipedia, 25.03.2020). Besonnen können wir sein, wenn wir zunächst einmal unser Stresslevel körperlich beruhigen. Dabei kann uns vieles helfen: Ruhe, gutes Essen, ausreichender Schlaf. Wer viel Energie hat, der geht (zurzeit allein) raus, laufen oder Fahrrad fahren, oder powert sich in Live-Online-Kursen aus (zum Beispiel mit mir).

Auf diese Weise wird zum einen das Stresslevel heruntergefahren und Besonnenheit möglich, zum anderen werden aber schon eine Vielzahl der angstauslösenden Bedürfnisse befriedigt. Zu jeder Sorge, die sich uns in unserem Verhalten oder unseren Gedanken dann zeigt, dürfen wir uns fragen, ob sie wirklich begründet ist: Ist das wirklich wahr? (eine sehr effektive Fragenmethode von Byron Katie, 2002). Es ist für unser Nervensystem sehr hilfreich, die verneinenden Antworten zu verschriftlichen. Vielleicht spüren Sie auch den Impuls, ihre positiven Antworten an den Kühlschrank oder den Badezimmerspiegel zu kleben und sich immer wieder ins Gedächtnis zu holen. Das wäre wunderbar und ist sehr effektiv, um Ängste zu lösen.

Es ist wichtig, mit den vorhandenen Ängsten konstruktiv zu arbeiten, gut zu sich zu sein, die Ängste entweder als unbegründet zu entlarven oder Wege zu finden, die Bedürfnisse auf hilfreiche, adäquate Weise zu befriedigen.
Die Tabelle in Abb. 2 kann dazu Impulse geben. Wir Menschen sind aber sehr komplexe wundervolle ‚Zauberwesen‘, deren Verhalten, Denken und Fühlen sich durch eine Tabelle nur unzureichend verallgemeinern lässt. Schauen Sie für sich selbst, was sich für Ihre individuelle Krise oder die individuellen Krisen in Ihrem Umfeld richtig anfühlt, passen Sie für sich an, wo sie anpassen wollen und lassen Sie weg, was für Sie nicht wichtig scheint.

Für die Betrachtung unserer individuellen Krisen sind alle Ebenen der Bedürfnispyramide interessant. Ein toller Motivator ist, dass uns die erfolgreiche Bearbeitung unserer Ängste und Sorgen auf den ‚unteren‘ Ebenen der Selbstverwirklichung näher bringt. Das meint es, wenn es heißt ‚die Krise ist eine Entwicklungschance‘! Viele Ängste und Sorgen auf der physiologischen und biologischen Ebene sind für die meisten Menschen in Deutschland tatsächlich unbegründet (es gibt Luft zum Atmen, genug zu Essen und zu Trinken, …). Wir dürfen uns darauf besinnen, dass wir in einem reichen Land leben, in dem (materielle) Grundbedürfnisse auch in Krisenzeiten gut abgesichert sind; einem Land, in dem wir nicht verhungern und verdursten werden und auch immer ein Dach über dem Kopf haben werden.

Schauen Sie selbst in die Tabelle zur Bedürfnispyramide und nehmen Sie wahr, welche Bedürfnisse tatsächlich allein durch staatliche Maßnahmen abgedeckt werden. Besonnene Zuversicht und Positivität sind wichtige Impulse für unser Nervensystem und helfen, das Stresssystem zu entlasten. Besinnen wir uns auch auf unsere Größe, auf all das, was wir im Leben schon geschafft haben, beruflich und privat und darauf, dass unsere Kompetenzen und Expertise mit der Krise nicht verloren gehen und spätestens nach der Krise, mit voller Kraft voraus! auch wieder gebraucht werden.

Die zweite Ebene der Pyramide scheint aktuell noch besonders relevant: das Bedürfnis / der Wunsch nach Sicherheit in dieser Zeit der Veränderung. Der Wunsch nach Gesundheit für sich selbst und die Lieben, die Sorge, sich selbst und die Familie nicht versorgen zu können (dazu hier eine kleine Rechnung) oder gar das eigene zu Hause zu verlieren. Auf dem Weg der individuellen Krisenbewältigung arbeiten wir uns alle unbewusst die Bedürfnispyramide nach oben. Großartig!

Die dritte (Soziale Bedürfnisse) und vierte (Individualbedürfnisse) Ebene werden, denke ich, im Verlauf der nächsten Wochen an Bedeutung zunehmen. Bewegungsmangel und eine, für die meisten ungewohnt niedrige Anzahl sozialer Kontakte werden sich ungewohnt bis unangenehm anfühlen. Für Personen, welche sich schon vor der Pandemie in schwierigen Situationen befanden, Personen mit psychischen Erkrankungen, Betroffene von häuslicher Gewalt, Menschen, die unter Einsamkeit leiden, ist die aktuelle Situation noch schwieriger. Melden Sie sich bitte regelmäßig bei betroffenen Personen in Ihrem Umfeld, laden Sie an Ostern zum Eier färben über Skype ein, oder machen Sie per Skype oder Telefon gemeinsam Mittagspause. Wenn Sie betroffen sind, zögern Sie bitte nicht, Hilfetelefone in Anspruch zu nehmen. Ich habe unten einige aufgelistet.

Die aktuellen Belastungen, Sorgen und Ängste sind für jeden von uns sehr real, nicht trivial und sehr verständlich. Es ist in Ordnung, besorgt zu sein und darüber zu sprechen. Nach der Annahme der Sorge/Angst gilt es, Lösungen zu generieren. Wir müssen flexibel kreative Lösungen für uns und andere finden, für die Zeit in der Krise, aber auch für danach. Uns gegenseitig zu unterstützen, wird auch unsere eigenen individuellen sozialen Bedürfnisse und das Bedürfnis nach Wertschätzung und Anerkennung befriedigen (Abb. 2) und uns näher zusammenbringen.

Es gibt bereits großartige Unterstützungs- und Solidaritätsangebote, z.B. von Nachbarn, die für Personen in Quarantäne oder Personen der Risikogruppen zur Verfügung stehen und helfen. Es gibt viele Berater*innen (z.B. karrierekunst.de, Benita Königbauer, Anwaltskanzleien wie haerting.de , u.v.m.), die ihre Expertise gerade kostenfrei zur Verfügung stellen. Darüber hinaus gibt es z.B. die Industrie- und Handelskammer und zahlreiche staatliche Informationsplattformen, welche auf verschiedenen Ebenen unterstützen.

Ganz wichtig! Wenn Sie betroffen sind, zögern Sie nicht, Hilfetelefone in Anspruch zu nehmen. Das sind z.B.:

Literatur & Verweise

  • Kast, V. Der schöpferische Sprung: Vom therapeutischen Umgang mit Krisen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1989
  • Katie, B. Lieben was ist – Wie vier Fragen Ihr Leben verändern können. Goldmann Verlag, München 2002
  • Maslow, A. A Theory of Human Motivation. Psychological Review, 1943, 50;4

Betrachtungen aus dem Home Office

Tja, nun befinde ich mich also auch im Home Office, da die Universität, an der ich arbeite, erst einmal bis Mitte April geschlossen wurde. So ein bisschen bedauere ich es, dass mein Buch „Smiley – Herzchen – Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co.“ schon fertig ist. Wie viele tolle Beispiele hätte ich noch diskutieren können – jetzt, wo gerade Online-Meetings und WhatsApp-Gruppen Hochkonjunktur haben. Die Server glühen. Die Sehnsucht der Menschen nach Kommunikation ist unersättlich – das wird gerade in diesen Zeiten sichtbar, und ich merke es bei mir selbst. Allein im Home Office hat eine WhatsApp-Nachricht eine ganz andere Bedeutung und wird zu einem kleinen Highlight. Und als Trost sind da immer noch die Anderen, denen es genauso geht.

Wir werden uns zwar in den nächsten Wochen damit arrangieren können und Online-Meetings werden nach und nach besser funktionieren. Aber es ist jetzt schon zu merken, dass digitale Medien den persönlichen zwischenmenschlichen Austausch bei weitem nicht ersetzen können. Im Büro können wir unsere Kolleg*innen gleichzeitig wahrnehmen, können die Atmosphäre spüren und auch erkennen, in welcher Stimmung sie sich gerade befinden. Das können wir in gewissem Maß auch via Skype, GoToMeeting oder Zoom, aber nicht so, wie es unter normalen Umständen möglich wäre. Es gibt natürlich auch humoristische Momente, wenn zum Beispiel zehn Personen versuchen, ein Online-Meeting abzuhalten und sich darüber in der WhatsApp-Gruppe austauschen. Im Sekundentakt werden Nachrichten verschickt, die da lauten: „Ich bin noch nicht drin“, „Ich kann Euch sehen, aber nicht hören“, „Ich kann Euch sehen und hören, aber ihr mich nicht“, „Ich bin wieder rausgeflogen“, „Versuchs nochmal“, „Du musst das Mikro anmachen“, „Ich hänge gerade“ – das ist schon sehr lustig. Das Positive daran ist, dass jetzt auf einmal ganze viele Leute das Medium der Videotelefonie kennen lernen, d. h. eine neue Fähigkeit dazugewinnen.

Man könnte die derzeitige Corona-Krise auch als ein sozialwissenschaftliches und gesellschaftliches Experiment bzw. eine Übung verstehen, die auslotet, wie sich eine Gesellschaft in Krisenzeiten verhält und welche Dinge als Essenz übrigbleiben, die eine Gemeinschaft zusammenhält.

Auf mich wirkt die Situation im Moment noch etwas surreal oder „hyperreal“, wie es Jean Baudrillard formulieren würde. Ich weiß, dass die Krise real stattfindet. Gleichzeitig wird sie jedoch so sehr medial begleitet mit stündlichen Aktualisierungen von Grafiken und Zahlen (wie es Mario Donick in seinem Blogeintrag schon beschrieb), wie es bisher bei keiner Krankheit gemacht wurde, so dass die Menschen, die sich noch nicht intensiv mit Infektionskrankheiten auseinandergesetzt haben, keine Vergleichsgrundlage haben. Das heißt, die Krise findet real statt, wird aber sofort in den medialen Kreislauf eingebracht, so dass es uns als Beobachter*innen nur möglich ist, uns mit der medialen Version der Krise auseinanderzusetzen. Es gibt Corona-News, Corona-Newsletter, Corona Kompakt, Corona Spezial, Corona-Podcast usw.

Eine Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und der Hyperrealität ist nicht mehr möglich. Und da wir alle zu Hause bleiben müssen, sind wir auf die Medien angewiesen, von denen wir unsere Informationen bekommen. Wir lechzen nach den neuesten Einschätzungen der Virologen, der wichtigsten Berufsgruppe im Moment. Und die Redewendung „die Kurve kriegen“ hat in diesen Tagen auch eine neue Bedeutungsvariante dazubekommen.

Ich möchte mich gar nicht in die Diskussion einbringen, ob sich die Gesellschaft nach der Krise zum Positiven verändern wird, andere Prioritäten von der Politik gesetzt werden und die Menschen geläutert zum Alltag zurückkehren. Höchstwahrscheinlich wird es nicht dazu kommen oder nur in einigen Bereichen, wie zum Beispiel im Gesundheitswesen. Aber ich würde mich freuen, wenn das Runterfahren des gesamtgesellschaftlichen Betriebs die Menschen nicht lähmt, sondern sie zu mehr Kreativität, zum intensiven Nachdenken und zu einer Lust, neue Dingen und Projekte auszuprobieren, anstiftet.

(Titelbild: Free-Photos auf Pixabay)

Der Kokon platzt auf. E. M. Forster: „Die Maschine steht still“

Eines Tages werden die Menschen in kleinen wabenartigen Zellen unter der Erde leben, umsorgt von automatischen Systemen, die sie als Gott verehren und deren Handbuch für die Menschen die Rolle eines religiösen Textes einnimmt. Eingelullt durch sanfte Klänge, denken die Menschen sich fortwährend „Ideen“ über theoretische Fragestellungen aus, teilen sie per Streaming mit anderen Menschen oder tauschen sich darüber per Videokonferenz aus. Physischer Kontakt zwischen Menschen ist ein Tabu und findet, ebenso wie die Reise an die Oberfläche, nur im äußersten Notfall statt.

Dieses Szenario entstammt keiner „Black Mirror“-Folge und ist kein dystopisches Weiterdenken derzeitiger Corona-Isolation, sondern wurde 1909 in einer Kurzgeschichte des britischen Schriftstellers E. M. Forster (1879-1970) beschrieben. Vor ein paar Jahren erschien sie als hübsches kleines Büchlein bei Hoffmann und Campe. Der Klappentext zitiert den Virtual-Reality-Pionier Jaron Lanier, der die Geschichte als „früheste und treffendste Beschreibung des Internets“ bezeichnete. In der Tat ist es erstaunlich, wie sehr die Eingangsszene heutigen Leser*innen vertraut vorkommt.

Eine Frau sitzt in ihrem Sessel und hört Musik, nachdenkend. Plötzlich wird sie durch eine Klingel unterbrochen, ein Videoanruf. „Sie hatte Abertausende Bekannte“, schreibt Forster (S. 6), aber dieser Anruf stammt von ihrem Sohn. Richtiggehend belästigt fühlt die Frau sich von der unangekündigten Störung, ist irritiert, warum der Sohn nicht das schnellere Kommunikationsmedium der Rohrpost verwendet, nimmt sich aber dennoch einige Minuten Zeit. Aber ihre Hoffnung, dass es schnell vorbeigehen möge, wird nicht erfüllt. Denn ihr Sohn verlangt etwas Ungeheuerliches: Er will sich persönlich mit seiner Mutter treffen.

Man spürt förmlich die Erleichterung der Frau, als das Gespräch nach kurzer Zeit endet und sie sich wieder in ihr soziales Netzwerk versenken kann. Zwar ist sie auch davon genervt, beantwortet alle Anfragen in der „gewissen Gereiztheit, ein Wesenszug, der in jenem beschleunigten Zeitalter um sich griff“ (S. 12), aber es ist nur der gewöhnliche Alltagsstress, vor dem sie das Dasein in ihrer Wabe nicht schützt. Dann endlich ist es „an der Zeit für ihren Vortrag über Australische Musik“, der, wie wir erfahren, lediglich zehn Minuten dauert, aber „positiv aufgenommen“ wird.

Man kann Jaron Lanier verstehen, wenn ihn das alles an das Internet erinnert. Die technischen und sozialen Kommunikationsformen, die E. M. Forster in einer Zeit ersann, als gerade einmal das Telefon verbreitet war (ein Medium, das laut eines Spiegel Online-Berichts gerade wiederentdeckt wird), erinnern deutlich an die schnellen, oft inhaltsleeren Kontakte (wie es Uta Buttkewitz in ihrem neuen Buch kritisch beschreibt) unserer Zeit. E. M. Forster geht es aber nicht um die Technik. Der Titel des Buches deutet es schon an: Der fast im Wortsinn zu verstehende Kokon, in dem sich die Menschen in Forsters Erzählung befinden, hält nicht ewig.

„Die Probleme nahmen schleichend ihren Anfang“, schreibt Forster. Nach und nach kommt es zu ungewöhnlichem Fehlverhalten der alles steuernden Maschine. Bald zeigt sich, dass die streng nach Handbuch vorgenommenen Eingaben der Menschen an das „Gremium des Korrekturapparats“ (heute würde man von Support-Tickets reden) zu keinen Verbesserungen führen. Sie müssen der Wirklichkeit ins Auge sehen: Der Kokon bricht auf.

Es ist kein positives Ende, das E. M. Forster seinen Figuren spendiert. Dennoch verbleibt ein Hoffnungsschimmer, für die Menschheit als Ganzes, denn die „Heimatlosen“ — Menschen, die außerhalb des trügerischen Luxus des unterirdischen Wabenlebens stehen — warten schon …

„Die Maschine steht still“ ist kein ausufernder Science-Fiction-Roman, sondern eine kurze Allegorie auf eine zunehmend technisierte Welt. Das Thema der Isolation hat etwa Isaac Asimov in seinem Roman „Die nackte Sonne“ (1957) als recht spannenden Science-Fiction-Kriminalroman bearbeitet. Anders als Asimov (der seinen Roman in seine Robotergeschichten einbettet und in der Reisen durch den Weltraum Alltag sind), wirken die wenigen konkret benannten Techniken in Forsters Erzählung ihrer Form nach anachronistisch, in ihrer Funktion aber sehr vertraut.

Und gerade weil „Die Maschine steht still“ auf das Wesentliche beschränkt ist, wirkt die Erzählung immer noch wie ein mahnend-düsteres Spiegelbild.

E. M. Forster, „Die Maschine steht still“, Hoffmann und Campe, 2016, 78 Seiten.


(Titelbild des Blogeintrags: Pete Linforth / Pixabay.com)

„Smiley. Herzchen. Hashtag.“ Digitale zwischenmenschliche Kommunikation

„Haben Sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht, was passiert, wenn Sie Ihr Smartphone und Ihren Computer ausschalten? In welcher Welt leben Sie dann? Ist die Welt eine andere geworden? Vermissen Sie etwas? Was vermissen Sie?“ Dies ist nur eine der Fragen, die die Kommunikationswissenschaftlerin Uta Buttkewitz in ihrem neuen Buch „Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co.“ stellt.

Der Autorin geht es nicht darum, internetbasierte Kommunikation einfach nur als gut oder schlecht zu bewerten (gerade zurzeit, wo wir alle durch die Corona-Krise aus der Bahn geworfen sind, sind wohl alle ganz froh, dass wir zumindest über das Internet miteinander verbunden bleiben). Uta Buttkewitz möchte vor allem „den Wandel der Kommunikation im digitalen Zeitalter beschreiben und zeigen, dass sich dieser Wandel nicht isoliert vollzieht, sondern dass sich dadurch die Beziehungen zu unseren Mitmenschen verändern und auch die Entwicklung anderer gesellschaftlicher Bereiche davon nicht unberührt bleibt.“

In Form eines medientheoretischen Essays (in dem auch kurz ein Überblick über die Mediengeschichte gegeben wird) reflektiert Buttkewitz über die Doppelseitigkeit digitaler Kommunikation. Im ‚Kleinen‘ betrifft das etwa die Feststellung, dass das Telefon trotz aller neuen Technologien nicht verschwindet, wir aber trotzdem oft das Gefühl haben ‚zu stören‘, wenn wir spontan anrufen anstatt jemanden nur schriftlich zu kontaktieren. Im ‚Großen‘ geht es um den Eindruck, dass uns mit digitaler Kommunikation ein unendlicher Raum an Möglichkeiten offenliegt, dem aber die Endlichkeit unseres Lebens gegenübersteht. Eine Lösung für diese und weitere Konfliktfelder sieht die Autorin in der Zurückgewinnung einer gewissen „Lässigkeit“ im Umgang mit den Medien und unserem Leben, in der wir uns nicht der Aufmerksamkeitsökonomie vieler sozialer Medien unterwerfen, sondern auch gut damit zurechtkommen, einmal nichts zu posten.


Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram & Co.“ von Uta Buttkewitz ist jetzt bei Springer Fachmedien erschienen. Bei Amazon gibt es bereits die Kindle-Version; das gedruckte Buch ist voraussichtlich ab 21.04.2020 lieferbar. Das Buch ist der erste Band der Buchreihe „Über/Strom: Wegweiser durchs digitale Zeitalter“.

(Titelbild Blogeintrag: Tanja-Denise Schantz / pixabay.com)

"Smiley. Herzchen. Hashtag." Digitale zwischenmenschliche Kommunikation

„Haben Sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht, was passiert, wenn Sie Ihr Smartphone und Ihren Computer ausschalten? In welcher Welt leben Sie dann? Ist die Welt eine andere geworden? Vermissen Sie etwas? Was vermissen Sie?“ Dies ist nur eine der Fragen, die die Kommunikationswissenschaftlerin Uta Buttkewitz in ihrem neuen Buch „Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co.“ stellt.

Der Autorin geht es nicht darum, internetbasierte Kommunikation einfach nur als gut oder schlecht zu bewerten (gerade zurzeit, wo wir alle durch die Corona-Krise aus der Bahn geworfen sind, sind wohl alle ganz froh, dass wir zumindest über das Internet miteinander verbunden bleiben). Uta Buttkewitz möchte vor allem „den Wandel der Kommunikation im digitalen Zeitalter beschreiben und zeigen, dass sich dieser Wandel nicht isoliert vollzieht, sondern dass sich dadurch die Beziehungen zu unseren Mitmenschen verändern und auch die Entwicklung anderer gesellschaftlicher Bereiche davon nicht unberührt bleibt.“

In Form eines medientheoretischen Essays (in dem auch kurz ein Überblick über die Mediengeschichte gegeben wird) reflektiert Buttkewitz über die Doppelseitigkeit digitaler Kommunikation. Im ‚Kleinen‘ betrifft das etwa die Feststellung, dass das Telefon trotz aller neuen Technologien nicht verschwindet, wir aber trotzdem oft das Gefühl haben ‚zu stören‘, wenn wir spontan anrufen anstatt jemanden nur schriftlich zu kontaktieren. Im ‚Großen‘ geht es um den Eindruck, dass uns mit digitaler Kommunikation ein unendlicher Raum an Möglichkeiten offenliegt, dem aber die Endlichkeit unseres Lebens gegenübersteht. Eine Lösung für diese und weitere Konfliktfelder sieht die Autorin in der Zurückgewinnung einer gewissen „Lässigkeit“ im Umgang mit den Medien und unserem Leben, in der wir uns nicht der Aufmerksamkeitsökonomie vieler sozialer Medien unterwerfen, sondern auch gut damit zurechtkommen, einmal nichts zu posten.


Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram & Co.“ von Uta Buttkewitz ist jetzt bei Springer Fachmedien erschienen. Bei Amazon gibt es bereits die Kindle-Version; das gedruckte Buch ist voraussichtlich ab 21.04.2020 lieferbar. Das Buch ist der erste Band der Buchreihe „Über/Strom: Wegweiser durchs digitale Zeitalter“.

(Titelbild Blogeintrag: Tanja-Denise Schantz / pixabay.com)

Corona-Müdigkeit

Vor knapp einer Woche ist die Corona-Krise in Deutschland richtig ernst geworden und ein Ende ist nicht in Sicht. Am schlimmsten finde ich persönlich gar nicht die Sorge vor einer eigenen Ansteckung, sondern den medialen Lärm, der sich in Berichten und Leser*innen-Kommentaren unter Berichten ausbreitet. Leiblich, im phänomenologischen Sinne, fühlt sich das für mich an wie ein dumpfer (metaphorischer) Subwoofer, der am Rande der Wahrnehmungsschwelle vor sich hin wummert, ab und zu unterbrochen von … einem ebenso metaphorischen Fiepen, wenn es besonders panisch wird. Sehr unangenehm also.

Während ich daher in den ersten Tagen stundenlang jeden nur verfügbaren Artikel in Zeit, Spiegel, Süddeutsche, taz und FAZ zum Thema gelesen und den Fehler gemacht habe, auch die Kommentare darunter zu lesen, hat mein Interesse daran merklich nachgelassen. Letzten Endes gibt es nur eine wichtige Sache: Hände waschen, Abstand halten, informieren ob es schon die Ausgangssperre ™ gibt.

Überhaupt, die Ausgangssperre. „Sie wird spätestens Montag kommen“, wurde schon letztes Wochenende von manchen Kommentar-Schreiber*innen prophezeit — oder herbeigesehnt. Dieses Wochenende entscheidet sich wohl, ob es wirklich zu so einer Maßnahme kommt, die ich früher nur aus den Nachrichten oder dystopischen Science-Fiction-Szenarien kannte. Ich hatte zwar in den letzten Jahren zunehmend Befürchtungen, dass ein zunehmender Erfolg politisch rechtsextremer Parteien auch irgendwann zu sowas führen wird, aber dass das durch ein Virus nun wohl viel schneller geschieht, hat mich doch etwas überrascht.

Noch ist es ja nicht entschieden. Es kommt darauf an, wie sich die Leute am Wochenende verhalten. Ob sie aufhören, sich in großen Gruppen zu treffen als hätten sie Ferien oder Urlaub. Dennoch habe ich heute in meinem 9-to-14-Halbtagsjob eine offizielle Bescheinigung erhalten, die ich im Fall der Ausgangssperre bei mir tragen darf, damit ich unbehelligt ins Großraumbüro und zurück darf. Yeah.

Der bekannte Spruch „Freiheit stirbt mit Sicherheit“ steht an den Pfeilern einer Elbbrücke hier in der Nähe. Das ganz reale Wechselspiel beider Seiten in den nächsten Monaten bis Jahren zu beobachten, dürfte interessant werden. Auf jeden Fall habe ich davor etwas Angst.

Klar, ich habe auch Angst, dass Freund*innen und Familienmitglieder von COVID19 betroffen sein werden, und auch ich selbst fürchte mich davor. Soweit ich weiß, habe ich keine Vorerkrankungen und ich bin erst 38, aber dennoch heißt das ja nicht, dass es nicht trotzdem unschön wird. Also, ich hätte schon gerne, dass der Kelch an mir und uns vorübergeht oder wir nur ein, zwei Tropfen daraus trinken müssen. Von daher kann ich Rufe nach mehr Sicherheit verstehen. Ich hatte sogar schon selbst den Gedanken: „Mensch, die Deutschen sind doch angeblich so obrigkeitshörig. Dann bleibt doch endlich mal zu Hause, wenn alle möglichen Medien, Politiker, Wissenschaftler usw. dazu aufrufen“. Aber wie lange kann das gutgehen? Wie lange muss so ein Zustand aufrecht erhalten werden? Wie gehen die Menschen damit um, wenn es zu lange ist und an der Psyche nagt?

Es ist ein deprimierendes Erlebnis, auf dem Feierabend-Heimweg durch eine fast leere, abgeschlossene Stadt zu gehen. Kein Café, kein Museum, kein Kino. Kein Zoo, keine Ämter, keine Kirchen. Alles unzugänglich. Das Leben besteht damit zurzeit aus Arbeit und zu Hause. Sehr ungewöhnlich. Sehr irritierend.

Lichtblick: Bessere Luft in China und Norditalien, bessere Wasserqualität in Venedig.

Und im Nordpark vor unserem Haus blühen dieses Jahr endlich wieder viele blaue Blumen.

(Titelbild: Pixabay / Alexas_Fotos)

Wie aus Räumen in Spielen Orte werden (spielkritik.com)

Die Begriffe »Raum« und »Ort«, oder in der englischen Literatur »space« und »place«, drücken aus, dass wir uns Räume immer erst aneignen; dass wir sie durch eigenes Handeln und Erleben mit Bedeutung aufladen. Das gilt für die „echte“ Welt, aber auch für offene Welten in Computerspielen. Bei spielkritik.com habe ich ein paar Gedanken dazu veröffentlicht.

Bernhard Pörksen über Medien und Corona

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat auf Zeit online einen sehr lesenswerten Essay über die Medien unserer Zeit und das Coronavirus geschrieben. Hier der Link:

https://www.zeit.de/kultur/2020-03/coronavirus-medien-internet-vernetzung-information-panik/komplettansicht