(un)freundliche Worte: Zum ‚Spiel‘ Kind Words

Im … nennen wir es ‚Computerspiel‘ … Kind Words sendet man anonym „requests“ (Anfragen) an andere Spieler*innen und bekommt ebenfalls anonym Antworten darauf. Das ist optisch alles ziemlich kindlich gestaltet: das Spiel zeigt ein rosafarbenes Zimmer, die Briefe werden von einem Rentier gebracht, im Hintergrund spielt entspannende Musik. Thematisch geht es in den Anfragen jedoch um ernsthafte Probleme, die die oft jungen Spieler*innen gerade plagen.

A game about writing nice letters to real people. Write and receive encouraging letters in a cozy room. Trade stickers and listen to chill music. We’re all in this together. Sometimes all you need are a few kind words.

Kurzbeschreibung von Kind Words aus im Steam-Shop

Kind Words funktioniert wie der Kummerkasten einer Zeitschrift, der Besuch der Beichte oder das Erstellen und Bearbeiten von Support-Tickets im Kundendienst: Ein längerer Austausch zwischen zwei Personen ist nicht möglich. Die einzige messbare Belohnung für die antwortenden Spieler*innen sind Sticker, die man durch das Bearbeiten der requests sammeln kann; ansonsten wird Kind Words nur wegen der titelgebenden „freundlichen Worte“ gespielt. Die Befriedigung beim Spielen entsteht entweder, weil man etwas loswerden kann, das einem auf der Seele liegt, oder weil man anderen Menschen durch die eigene Antwort hilft — wobei es für letzteres keine Garantie gibt, denn eine nochmalige Rückmeldung auf eine Antwort gibt es nicht.

Man sollte annehmen, dass dieses Konzept auch ‚Trollen‘ Tür und Tor öffnen würde, mit Antworten, die bewusst nicht freundlich, sondern im Gegenteil verletzend gemeint sind. Aber offenbar hält sich die Anzahl entsprechend gemeldeter Beiträge bisher in Grenzen. Doch dies führt zu einer Kritik, die zu Kind Words mitunter geäußert wird: dass das Leben nicht nur aus Freundlichkeit bestehe bzw. dass lediglich freundliche Antworten nicht immer das sind, was eine Person in einer Problemsituation wirklich braucht. Und dass dies insbesondere jüngere Spieler*innen unter Umständen ein falsches Bild vom Menschen vermitteln würde.

Und so ist Kind Words am ehesten als anonymes, auf Kurzzeitkontakte ausgelegtes virtuelles Gruppenkuscheln zu beschreiben. Eine Sequenz aus Anfrage — Antwort mit der Anforderung, nur freundliche Aussagen enthalten zu dürfen, ist am Ende nicht mehr als der kurze, Smiley-geschönte, aber letztlich inhaltsleere und damit folgenlose Kontakt, den meine Kollegin, die Kommunikationswissenschaftlerin Uta Buttkewitz, in ihrem aktuellen Buch als fragwürdiges Merkmal unseres „Zeitalter[s] des Verschwindens“ (S. 71) beschreibt. Das kann für diejenigen, die auf ernstgemeinte verzweifelte Anfragen aufmunternde Antworten erhalten, zwar eine für den Moment positive Erfahrung sein — aber wie dann weiter? Eine Rückfrage, wie etwa eine Antwort gemeint war oder ob man etwas näher erklären kann, ist nicht möglich.

Gerade dies kann auch für die Antwortenden auf Dauer anstrengend sein. Man arbeitet sich an den echten Problemen anderer Menschen ab, ohne einen Fortschritt zu sehen (das Spiel belohnt einen, wie erwähnt, lediglich mit virtuellen Stickern, die man sammeln kann). Auch darum hat Kind Words mit echten Spielen wenig zu tun. Eher ist es eine verklausulierte Form der Gamification — dem Einzug bestimmter spielerischer Elemente ins Arbeitsleben.

Die Medienwissenschaftlerin Marlen Hobrack beurteilt Kind Words in einer Rezension in der Wochenzeitung „der Freitag“ daher eher skeptisch: „Ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, nach Feierabend an meinem PC zu sitzen und andere Menschen psychologisch zu beraten […] So viel Verantwortung erzeugt einen Modus der Ernsthaftigkeit […] man muss schon einen größeren Helferkomplex haben, um dieses ‚Spiel‘ mit Gewinn zu spielen“ (der Freitag, 23.04.2020, S. 14).

(Titelbild: Steam-Shop)

Buch: Nutzerverhalten verstehen — Softwarenutzen optimieren: Kommunikationsanalyse bei der Softwareentwicklung

Im Juni 2020 erscheint bei Springer endlich mein Fachbuch über Kommunikationsanalyse bei der Softwareentwicklung — vorab ist bereits die eBook-Version verfügbar (auch für Kindle). Das Buch ist sozusagen der letzte Teil einer Trilogie zu diesem Thema, das mit der Veröffentlichung meiner Dissertation 2016 begann und 2019 als leicht verdauliches Sachbuch „Die Unschuld der Maschinen“ aufbereitet wurde. Mein neues Fachbuch ist nun die praktische Essenz aus meiner damaligen Untersuchungsmethodik.

Hier der Klappentext:

Software muss nicht nur technische Definitionen, Standards und Normen erfüllen, sondern von ihren Benutzern auch entsprechend wahrgenommen werden. Nutzer und Käufer erwarten eine bestimmte Leistung, die zu den eigenen Zielen passen muss und es ist Aufgabe der Softwareentwickler, diese Leistung zu liefern.

Da es hierbei nie eine vollständige Passung geben kann, entsteht ein Kommunikationsproblem – ein Kommunikationsproblem zwischen Menschen, das noch zu selten ernstgenommen wird. Über bekannte Ansätze hinausgehend zeigt das Buch anhand vieler praxisnaher Beispiele ein Verfahren, mit dem Sie Kommunikationsprobleme während der Entwicklung von Software aufdecken und bearbeiten und mit dem Sie auch nach der Veröffentlichung Ihrer Software Möglichkeiten der Optimierung identifizieren können.

Zusätzliche Fragen per App: Laden Sie die Springer Nature Flashcards-App kostenlos herunter und nutzen Sie exklusives Zusatzmaterial, um an weiteren Beispielen zu üben und Ihr Wissen zu prüfen.

Home Office Spring II

Das hätten wir schon längst machen sollen. Manchmal hat man das richtige Möbelstück längst da, aber man braucht Monate, bis es einem auffällt.

Durch die lange Trockenheit vergilbt das Gras im Nordpark langsam; das saftige Grün, das neulich noch überall sichtbar war, ist an vielen Stellen schon verschwunden. Zeitweise, wenn hier morgens bis mittags die Sonne auf den Balkon knallt, riecht es nach Hochsommer. Dabei ist noch nicht mal Mai.

Aber es sind viele Leute draußen, man merkt, dass entweder das Wetter zu angenehm oder die Angst vor Corona nicht mehr stark genug ist.

Bowie, Bolly and the Guv — zum 10jährigen Serienende von Life on Mars und Ashes to Ashes

Vor zehn Jahren, am 21. Mai 2010, endete mit der Ausstrahlung der letzten Folge von Ashes to Ashes ein britisches Serienuniversum, das am 9. Januar 2006 als Life on Mars seinen Anfang genommen hatte — ein ganz eigenartiger Mix aus Krimi, Spaß, Kulturkritik und Melancholie. In beiden Serien werden zwei moderne britische Polizist*innen in die 1970er bzw. 1980er versetzt, wo sie schnell feststellen müssen, dass ihre modernen Formen der Polizeiarbeit dort nicht nur vollkommen unbekannt sind, sondern als lächerlich bis verrückt erscheinen. Eine Erinnerung, ein ‚Nachruf‘.

Take a look at the lawman / Beating up the wrong guy

David Bowie, Life on Mars
Sam Tyler (John Simm) in Life on Mars (Bild: Wikipedia)

In Life on Mars erwacht Detective Chief Inspector (DCI) Sam Tyler (John Simm) im Jahr 1973, nachdem er von einem Auto angefahren wurde. „Am I mad, in a coma or back in time?“ fragt er von nun an im Vorspann jeder Folge, während er sich daran gewöhnt, nur noch Detective Inspector (DI) in einem homophoben, frauenfeindlichen, rassistischen und auch auf alle sonst denkbaren Weisen von toxischer Männlichkeit geprägten Team zu arbeiten.

Wobei Team nicht der richtige Ausdruck ist — es ist eher das kleine Königreich von Tylers neuem Chef, DCI Gene Hunt (Philip Glenister). Hunt, oder kurz: der Guv, versteht unter richtiger Polizeiarbeit etwas komplett anderes als Tyler. Verdächtige und manchmal auch Zeugen werden höchst unsanft befragt, Beweise auch schon mal platziert, und weibliche Polizistinnen nicht für voll genommen. Man rauft sich jedoch zusammen, lernt voneinander, respektiert sich, geht in den Pub und am Ende will Sam gar nicht mehr zurück ins, im Vergleich, klinisch-sterile 2006.

I’m happy, hope you’re happy, too

David Bowie, Ashes to Ashes
Alex Drake (Keeley Hawes) in Ashes to Ashes (Bild: Life on Mars Wiki)

In Ashes to Ashes erwacht DCI Alex Drake (Keeley Hawes) im Jahr 1981, nachdem sie angeschossen wurde. Drake, die sich als Polizeipsychologin vorher mit dem Fall Sam Tyler befasst hatte, ist mehr als überrascht, als sie — plötzlich wie eine Klischee-Prostituierte gekleidet — von denselben selbsternannten „Three Armed Bastards“ gerettet wird, über die sie vorher so viel von Sam erfahren hatte.

„Oh my god, it’s Gene Hunt“, spricht’s und fällt sogleich in Ohnmacht. Doch anders als Sam, der von der Situation völlig überrascht war, ist Alex überzeugt, dass es sich bei allem um mentale Konstrukte handelt und kann so eine distanziertere ironische Haltung einnehmen. Noch deutlicher als Sam weist Alex so auch immer wieder darauf hin, wie hanebüchen das Menschenbild ihrer neuen ‚alten‘ Kollegen ist. Insbesondere auf die junge Kollegin Shaz Granger (Montserrat Lombard) macht das einen inspirierenden Eindruck (während die troglodytes, wie Shaz sie einmal süffisant bezeichnet, es kaum fassen können, wie Alex mit ihnen umgeht).

Fire up the Quattro!

DCI Gene Hunt
Gene Hunts Audi Quattro (Bild: Wikipedia)

Soweit also die Ausgangslagen, die auf der Oberfläche nicht mehr sind als unterhaltsame, mit extrem vielen popkulturellen und politischen Referenzen versehene, Krimiserien. Musik, alte TV-Shows, Ladi Di, der Falkland-Krieg, Maggie Thatcher, alles kommt vor. Ein nostalgischer Rückblick, dem Philip Glenister 2008 in seinem Buch „Things Ain’t What They Used to Be“ noch ein paar Sätze hinzugefügt hat (vor allem als von Glenister vorgetragenes Hörbuch ganz unterhaltsam).

Hat man sich an die nostalgischen Bezüge gewöhnt, sieht man die Serien erstmal als sozialkritische Kommentare. Man ist schnell fassungslos ob der Machokultur, die scheinbar in den 1970ern bis 1980ern noch herrschte. Man kann es kaum fassen, wie respektlos die weiblichen Polizistinnen (und überhaupt alle anderen Frauen, sowie jegliche Minderheiten) behandelt wurden. Und doch wächst einem selbst eine Figur wie der wirklich eklige Ray Carling (Dean Andrews) ans Herz, vor allem, wenn er sich in Ashes to Ashes endlich weiterentwickeln darf, eine gewisse fachliche Kompetenz durchscheint und deutlicher wird, dass seine ganze — ich wiederhole mich — wirklich eklige Art ein dicker Schutzpanzer ist.

Gene Hunt (Philip Glenister) in Ashes to Ashes (Bild: Life on Mars Wiki)

Gene Hunt (der „Guv“) wirkt mit Mantel, Krokodil-Lederstiefeln und seinen Autos (Ford Cortina Mk3 in Life on Mars bzw. Audi Quattro in Ashes to Ashes) wie eine Antisuperhelden-Comicfigur. Man kann Hunts ‚altmodische‘ Methoden der Polizeiarbeit nicht gutheißen und doch nachempfinden, warum seine Untergebenen ihn wie einen Vater verehren und ihm überall hin folgen würden.

Denn letztlich kümmert sich „Gene Genie“ (wie er sich nennt) um die Leute, die er beschützen soll, egal ob es sich dabei um die Einwohner*innen von Manchester (Life on Mars) und London (Ashes to Ashes) handelt, oder um seine Mitarbeiter*innen. Und er lernt von Sam und Alex (die Hunt meist nur Bolly oder Bols nennt) auch, dass seine Methoden der Polizeiarbeit nicht mehr zeitgemäß sind.

Doch ist Genes kleines Königreich mehr als einmal gefährdet. Sowohl Sam als auch Alex sind unfreiwillig in Hunts Welt gelandet und sie wollen alles tun, um wieder zurück in ihr vertrautes Leben zu gelangen. Dies schließt ein, sich mit anderen Gestalten gegen Gene Hunt zu verbünden und sein Team zu zerstören. Bei Sam Tyler ist es DCI Frank Morgan, der ihn am Ende von Life on Mars aufsucht; bei Alex Drake ist es DCI Jim Keats (Daniel Mays) von Scotland Yards Abteilung für Discipline and Complaints, der in der ganzen dritten Staffel von Ashes to Ashes interne Ermittlungen gegen Hunt führt. Alex, die mit Hunt eine Art Hassliebe verbindet, ist hin und her gerissen — soll sie Keats helfen, dem Handeln Hunts, das sie selbst immer wieder kritisiert hat, ein Ende zu setzen? Oder bleibt sie auf Hunts Seite, der immer wieder durchscheinen lässt, dass er Alex als echte Partnerin begreift?

Im Verlauf dieser Handlung entdecken einzelne Charaktere, wie der erwähnte Ray Carling und sein Kollege Chris Skelton (Marshall Lancaster), ihre eigene Geschichte, die sie schon zu Zeiten von Life on Mars vergessen hatten; genauso geht es ihrer Kollegin Shaz. Nach und nach wird aufgedeckt, worin das Geheimnis, der Zweck, des Hunt’schen Universums besteht, und spätestens ab der zweiten Hälfte der dritten Staffel sind die Kriminalfälle nur noch Nebensache — viel wichtiger wird, was man über die Charaktere erfährt. Das ist wirklich sehr spannend, auch wenn es sicher nicht jede*m gefallen wird.

Immer deutlicher wird, dass Genes Welt nicht mehr lange in der althergebrachten Weise weiterbestehen kann. Diese letzte Staffel beider Serien insgesamt ist eine bittersüße Angelegenheit, die man am besten nicht am Stück ‚bingewatcht‘, sondern ganz langsam anschaut, maximal eine Folge am Tag, um die besondere Atmosphäre aufzunehmen und die Schwere und die Trauer auszukosten, die am Ende jede Oberfläche einreißt.

You and me, Bolly, you and me.

DCI Gene Hunt

Link: „Beobachtete Beobachter“: Spiegel Online interviewt Malte Hagener über Splitscreens

In einem leider recht kurzen, aber mit vielen Beispielen versehenen Spiegel-Online-Interview spricht der Marburger Medienwissenschaftler Malte Hagener über ein Phänomen, das es im Film schon lange gibt und das es derzeit vermehrt auch nach Hause schafft: den geteilten Bildschirm, den Splitscreen. Dabei wären wir „beobachtete Beobachter“, eine Formulierung, die unweigerlich an den „Beobachter 2. Ordnung“ aus Heinz von Foersters Kybernetik 2. Ordnung und Luhmanns Systemtheorie erinnert, auch wenn dieser Bezug im Interview nicht hergestellt wird. Hier der Link zu dem Artikel: https://www.spiegel.de/kultur/kino/splitscreen-realitaet-wir-sind-beobachtete-beobachter-a-3cc0d866-14fe-4315-a9f2-f1649a509c45

Am anderen Ende der Hotline – Kafka lässt grüßen

Sicher hat sich jede*r schon mal über die berühmten Warteschleifen in Hotlines geärgert genauso wie über die Tatsache, dass man ständig neue Mitarbeiter*innen an der Strippe hat, denen man zum x-ten Mal sein Anliegen vorbeten muss – auch wenn es das so genannte Ticketsystem gibt und jede*r Mitarbeiter*in immer wieder Notizen zum jeweiligen Fall macht, so dass die*der nächste Mitarbeiter*in mit Hintergrundwissen den Fall bearbeiten kann.

Vor zwei Wochen war es dann wieder soweit: Die Corona-Krise war da, die ersten Videokonferenzen verliefen holprig – ich musste also endlich ein Upgrade meines Internetvertrages vornehmen lassen, damit ich im Home Office gut arbeitsfähig bin und auch aktiv an Videokonferenzen teilnehmen kann und nicht nur zugucken muss, wenn Gespräche nicht so verlaufen wie ich es möchte, mich aber nicht zu Wort melden kann, weil mich keiner hört. Ich hatte schon lange über ein Upgrade nachgedacht, es aber immer wieder verschoben – nicht zuletzt aus Angst vor Hotlines und den daraus resultierenden Schwierigkeiten. Leider kam es wie befürchtet, obwohl es am Anfang scheinbar ganz gut lief.

Ich rief also bei meinem Internetanbieter vor Ort an, der für ein großes Telekommunikationsunternehmen Servicedienstleister ist. Sofort konnte ich auch mit einem Mitarbeiter telefonisch sprechen, der mich auch bis jetzt noch gut und schnell berät. Aber er machte mich auf ein entscheidendes Detail nicht aufmerksam – nämlich, dass mein neuer Vertrag kein WLAN enthielt.

Das neue Modem kam dann also pünktlich innerhalb von zwei Tagen nach Vertragsabschluss – ich war erleichtert und dachte bei mir, jetzt easy das Modem anschließen und alles ist gut. Der Anschluss verlief auch problemlos; nur: ich hatte zwar Internet, aber kein WLAN. Mmh, an meinem nagelneuen Rechner konnte es nicht liegen – also den Technischen Service des Telekommunikationsunternehmens anrufen – es war Wochenende und der Service vor Ort nicht erreichbar.

Da es Wochenende war und kurz nach Beginn der Coronakrise – hing ich teilweise bis zu einer Stunde in der Warteschleife. Der erste Mitarbeiter sagte mir, dass der neue Vertrag erst ab 00:00 Uhr gilt. Also schlief ich beruhigt ein und wartete gespannt auf den nächsten Morgen: Kein WLAN weit und breit– also wieder die Hotline anrufen. Jetzt sagte mir der gleiche Mitarbeiter, dass er gerade sieht, dass in meinem Vertrag gar kein WLAN gebucht wurde. Ich war erstaunt, war ich doch wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass WLAN heutzutage immer inklusive ist, zumal ich auch vorher WLAN hatte – allerdings mit einem selbst gekauften Modem. Und mein neuer Rechner besitzt auch gar keinen LAN-Anschluss mehr. Und ich hatte auch keine Lust, mir einen teuren Adapter zu kaufen. Also was folgte? Richtig, ein erneuter Anruf bei der Hotline, diesmal beim Kundenservice. Der Mitarbeiter vom Technischen Service gab mir nämlich den Tipp, dort anzurufen und das Problem zu schildern, dass er übrigens selbst unmöglich fand – ich war also an einen kritischen Mitarbeiter geraten, immerhin. Die Mitarbeiter*innen dort würden mir das wahrscheinlich kostenlos dazubuchen – das Problem schien also öfter vorzukommen.

Ich rief also beim Kundenservice an und nach einer Stunde Wartezeit sagte mir dort eine Mitarbeiterin, dass sie jetzt bei meinem neuen Vertrag WLAN kostenlos dazugebucht hätte, obwohl sie das eigentlich nicht dürfe. Die neuen Verträge würden über Nacht freigeschaltet – spätestens am nächsten Vormittag hätte ich mein WLAN. Es wurde eine aufregende Nacht – am nächsten Morgen würde endlich alles gut sein, hoffte ich. Aber täglich grüßt das Murmeltier – wieder kein LED-Blinken am Modem. Sie können sich sicher vorstellen, was nun folgte… Ein netter Mitarbeiter vom Technischen Service sagte mir, dass er gerade sehe, dass das WLAN nicht dazugebucht wurde. Ich sagte, dass die andere Mitarbeiterin mir hundertprozentig gesagt hat, dass sie mein WLAN dazugebucht hätte. (Außerdem hatte ich in meiner Euphorie das Gespräch mit ihr super bewertet) Es half nichts, er wüsste auch nicht warum dies nicht passiert sei – er vom technischen Service könne das Problem jedoch leider nicht beheben, weil er mit dem Kundenservice nicht kommunizieren kann, was ihn selbst nerve. Danach hatte ich dann einen netten weiteren Mitarbeiter vom Kundenservice an der Hotline, der mir jetzt das WLAN noch einmal dazu buchte und mir versprach, dass es am nächsten Morgen definitiv so weit sei. Ich, mittlerweile schon zur Hotline-Expertin und zum Kontrollfreak geworden, rief clever wieder beim Technischen Service an und ließ mir dort bestätigen, dass diesmal das WLAN wirklich dazugebucht worden sei. Können Sie eigentlich noch folgen? Mir fiel es selbst schon schwer.

Zufrieden ging ich ins Bett und schlummerte ein. Am nächsten Tag schien wie immer die Sonne und es schien, ein perfekter Tag zu werden. Sie können sich sicher vorstellen, was passierte? Genau, gar nichts, nothing, zero – keine blinkende LED-Leuchte an der entscheidenden Stelle. Nahe dem Nervenzusammenbruch rief ich jetzt bei meinem Internetanbieter vor Ort an (das Wochenende war ja vorbei) und hatte sofort eine nette, verständnisvolle Mitarbeiterin am Apparat, bei der ich mich gleich geborgen und gut aufgehoben fühlte – ach wie schön – endlich jemand, die sich kümmert und keine anonyme, unwirkliche Hotline. Sie sagte mir, dass sie selbst eigentlich denkt, dass in meinem Vertrag das WLAN inklusive sei. Sie werde sich noch einmal mit einem Kollegen besprechen, der mich dann zurückruft. Parallel habe ich an meinen ersten Berater (sie erinnern sich) eine E-Mail geschrieben und mein Anliegen geschildert – ich wollte jetzt keinen Kommunikationsweg ungenutzt lassen – ich war wütend und selbstbewusst und mir verblieb nur noch ein Tag bis zur nächsten Videokonferenz.

Der erwartete Anruf von meinem lokalen Internetanbieter kam und ich erhielt die Antwort, dass die Zubuchung des WLANs im System hängengeblieben war. Ich hatte keine Kraft mehr, nach dem WARUM zu fragen und mich darüber aufzuregen, wie so etwas denn passieren könne. Mein Herz wurde leicht, als mir der nette Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung sagte, dass er es jetzt endlich geschafft hätte, das WLAN zu aktivieren. Auf einmal blinkte es an meinem Modem – erst noch ganz zaghaft und dann dauerhaft. Welch ein Glücksgefühl durchströmte mich in dieser Sekunde. Ich genoss diesen Moment. Vielleicht war der ganze Ärger mit der Hotline nur nötig, um mir mal wieder so einen richtigen Glücksmoment in der Krise zu verschaffen – DANKE HOTLINE!!!

Ich könnte jetzt diese Geschichte ausführlich weitererzählen und davon berichten, dass ich danach noch versucht habe, meinen WLAN-Kennwortschlüssel zu ändern, was nicht klappt, weil ich dieses über WLAN versuchte – dieses Wissen bekam ich aber erst nach zwei weiteren Hotline-Anrufen heraus. Schließlich rettete mich ein YouTube-Video vor einem weiteren Nervenzusammenbruch, weil mir die Mitarbeiterin der Hotline sagte, sie dürfe mir nicht sagen, wie mein Netzwerkschlüssel wieder vom PC erkannt würde – ich müsse dazu einen PC-Spezialisten befragen.

Am Ende war das Upgrade des Internets notwendig und sehr hilfreich (bin jetzt auch zufrieden), aber bei den Videokonferenzen verstand mich nach wie vor niemand. Schließlich fehlte die Installation eines Audiotreibers bei meinem neuen Rechner, was ich eines Abends zufällig entdeckte.

Dieses ganze Vorkommnis dauerte insgesamt eine Woche – ich war völlig erschöpft. Jetzt, zwei Wochen später, kann ich endlich ohne zu viele Emotionen darüber schreiben.

Wer wissen möchte, warum es gerade im digitalen Zeitalter so schwierig ist, den richtigen Kommunikationsweg zu finden und warum neben standardisierten Kommunikationscodes das „Zwischenmenschliche“ genauso wichtig ist, dem empfehle ich mein Buch „Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co.“, das seit gestern auch als Taschenbuch erhältlich ist.

Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram & Co.“ von Uta Buttkewitz ist jetzt bei Springer Fachmedien erschienen. Das Buch ist der erste Band der Buchreihe „Über/Strom: Wegweiser durchs digitale Zeitalter“.

(Titelbild Blogeintrag: Helmuth Pandora / pixabay.com)

Fasten und Verzicht vor Ostern, nach Ostern und in der Corona-Krise

Zur Bedeutung des Fastens vor Ostern

Die Fastenzeit, im christlichen Sinne der bewusste Verzicht auf feste Nahrung, ist mit Ostern zu Ende gegangen. In allen Religionen praktiziert, beginnt die wichtigste Fastenzeit im Christentum in der Nacht von Faschingsdienstag auf Aschermittwoch. Sie endet 40 Tage später am späten Nachmittag des Gründonnerstag bzw. je nach Auslegung und Zählweise am Karsamstag (40 Tage, weil Jesus, höchstwahrscheinlich nur mit Wasser, in der Wüste auf Nahrung verzichtete und betete).

Gründonnerstag ist der Tag des letzten Abendmahls, der Tag vor der Kreuzigung. Am darauf-folgenden Karfreitag stirbt Jesu am Kreuz, am Karsamstag gilt die Grabesruhe. Am Ostersonntag feiern wir die Auferstehung Jesu Christi und das eigentlich drei Tage lang: Ostersonntag, Ostermontag und -dienstag.

Die 40 Tage vor Ostern, Ostern selbst (Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu Christis) und die mit dem Ostersonntag beginnende fünfzigtägige Freudenzeit (Osterzeit) bis einschließlich Pfingsten ist dabei in unseren Breiten die Zeit des Frühlings – eine Zeit des Neubeginns, in der alles Leben nach dem (grauem, kalten) Winter wieder erwacht (aufersteht).

Eine Freudenzeit, in der die Tage spürbar länger und lichtvoller werden; in der die Sonne wieder wärmende Kraft entwickelt und in der es uns langsam wieder mehr nach draußen treibt.

Fastenzeit – Leidenszeit?

Die Fastenzeit ist aus der christlichen Liturgie heraus häufig mit Leiden (den Leiden Christi) assoziiert. In anderen Religionen gibt es andere Sichtweisen auf und Gründe für das Fasten.

Muslime fasten einen ganzen Monat (Ramadan) von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang sowohl Nahrung als auch Getränke.

Im Judentum gibt es religiöse Fastentage, an denen Nahrung und Getränke für maximal 25 Stunden gefastet werden.

Im Buddhismus sind weder Völlerei noch Hunger empfehlenswert. Beides schadet Körper und Geist, genauso wie Alkohol, Nikotin, große Mengen und/oder täglicher Fleischkonsum und vieles mehr. Bei den buddhistischen Mönchen und Nonnen ist das Ziel einer einzigen, täglichen Mahlzeit um zwölf Uhr mittags die Beruhigung von Körper und Geist für die Meditation auf dem Weg zum inneren Frieden und der Erleuchtung.

In den hinduistischen Religionen und den Yoga-Philosophien wird unterschiedlich intensiv gefastet. Manch ein*e (spirituelle) Yogin*i fastet regelmäßig, z.B. einmal pro Woche, andere zu Vollmond, wieder andere an Ehrentagen der Gottheiten. Von strengem Nahrungsverzicht bis zu leichten Einschränkungen bei der Ernährung sind alle Abstufungen zu finden.

In Ashrams (das sind klosterähnliche spirituelle Meditationszentren) ist das Intervall-Fasten fest in den Alltag integriert. Beispielsweise wird in den deutschen Yoga Vidya-Ashrams der Swami Sivananda-Tradition nur zwei Mal am Tag gegessen: vormittags um 11 Uhr und abends um 18 Uhr, rein biologisch, mit möglichst regionalen Zutaten, vegetarisch und z.T. vegan.

Schon der Verzicht auf liebgewonnene Gewohnheiten wie tierische Produkte, Kaffee und Süßigkeiten bedeutet für viele Menschen ein Fasten, sofern der Verzicht bewusst und freiwillig geschieht.

Dazu kommt die lange Pause, das Intervall von 16 Stunden zwischen der abendlichen und der vormittäglichen Mahlzeit (19 bis 11 Uhr). Die Pause dient dazu, dass der Körper nicht andauernd mit dem Verdauen beschäftigt, sozusagen friedlicher, ist. Der Körper hat so weniger Aufgaben zu erledigen und dadurch Zeit zum Entgiften und Reinigen, bevor die nächste Nahrungsaufnahme die Konzentration des Körpers wieder auf die Verdauung lenkt.

Wenn die Ziele des Fastens nun nicht das Leiden und der Verzicht selbst sein müssen, sondern eine Entlastung, Entgiftung und Reinigung von Körper und Geist zum eigenen Wohlergehen, dann lässt sich, aus meiner Sicht, vieles fasten, und jederzeit!

Vor allem und zuerst die Dinge, die uns eh nicht gut tun: Im digitalen Zeitalter sind das z.B. Stress, Selbstoptimierung, viel sitzen, viel quatschen, viel Fernsehen, viele digitale Medien, viele Computerspiele, viel Alkohol, viel Zucker, viel Plastik, viel Lärm, viel künstliches Licht, viel Salz, viel Weizen, viel materieller Besitz…

Der Verzicht aus Liebe zu sich Selbst

Das tolle am Fasten, am bewussten, freiwilligen Verzicht, ist, dass man die Gelegenheit bekommt, sich sehr genau zu beobachten und zu hinterfragen.

So muss man sich vor dem Fasten überlegt haben, was man den mit dem Fasten erreichen möchte. Dabei dürfen Fragen aufkommen wie: „Was tut mir gut?“, „Was tut mir nicht gut?“, „Wovon habe ich zu wenig in meinem Leben?“, „Wovon habe ich zu viel in meinem Leben?“.

Anschließend stellt sich die Frage, wie und wie lange möchte ich fasten, wann möchte ich damit anfangen und was möchte ich tun, wenn ich mein Fasten breche oder brechen muss?

Spätestens wenn das Fasten dann beginnt, lohnt es sich ein Fasten-Tagebuch zu schreiben, um die Beobachtungen und die Reflexionen zu verschriftlichen. Es ist etwas anderes, Gedanken und Gefühle, Empfindungen (des Körpers) und Bedürfnisse niederzuschreiben, als sie nur mal kurz zu denken. Dann sind sie im nächsten Moment wieder weg bzw. kommen unkontrolliert immer wieder und belasten so den Geist, ohne Lösungen zu generieren.

Wenn sie niedergeschrieben sind, sind sie fester, manifest, können besser hinterfragt und losgelassen werden. Das Aufschreiben funktioniert ähnlich wie das Denkarium aus Harry Potter, in dem Professor Dumbledore mit seinem Zauberstab seine Gedanken & Erinnerungen aus dem Kopf herausziehen und außerhalb abspeichern konnte. Unser Zauberstab dafür ist der Stift zum Schreiben.

Beim Fasten geht es zwar auch um Selbstdisziplin, aber nicht in der Weise, in der wir es in der westlichen Welt gewohnt sind. Wir fasten ja bewusst und freiwillig, um uns etwas Gutes zu tun, um gesund und glücklich zu sein.

Das darf auch unser Antrieb sein: „Ich verzichte heute (bzw. einmal pro Woche) auf Salz, weil der Verzicht meinem Körper gut tut und ich gesund sein möchte“. Gesprochene oder gedachte Worte wie „Sollen“, „Müssen“, „Nicht dürfen“ sind dabei kontraproduktiv. Sie verstärken eine negative Perspektive des Verzichts, lösen Stress in uns aus und erschweren oder behindern so das Fasten ungemein.

Auch wenn ich im Fasten merke, dass ich auf das, was ich gerade fasten möchte, nicht verzichten kann, und es mir mit dem Verzicht nicht gut geht, dann ist es möglicherweise wichtig für meinen Körper und es liegt vielleicht eine organische Ursache vor, die es abzuklären gilt.

Seinen Körper und Geist unter diesen Umständen mit „Sollen“, „Müssen“, „Nicht dürfen“ unter Druck zu setzen, kann dann gesundheitsschädigend sein. Das Schwierige ist, das eine (die Gewohnheit) vom anderen (das körperliche Bedürfnis) zu unterscheiden. Das Fasten ist ein Weg, nicht das Ziel. Das Ziel ist Erkenntnis.

Das Fasten, also der bewusste, freiwillige Verzicht auf Dinge, die uns nicht gut tun, kann durch das Selbstliebe-Prinzip hervorragend geübt werden.

Wir kommen unseren Konditionierungen auf die Spur, wir lernen unseren Körper und Geist und auch die Abwehrmechanismen unseres Geistes kennen und können uns langsam in Enthaltsamkeit und Abstinenz üben, wenn wir das wollen. Die eigenen Abwehrmechanismen kennenzulernen, herzlichst anzunehmen und zu lösen, hilft dann auch, langfristig schwierige Projekte wie Ängste und Sucht in den Blick zu nehmen.

Verzicht in der Corona-Krise

Auch in der Corona-Krisenzeit müssen wir auf vieles verzichten und auch das kann, wenn wir die Situation aus der entsprechenden Perspektive betrachten, ein Fasten sein. Für die meisten Menschen ist es das jedoch nicht, weil der Verzicht nicht freiwillig ist.

Der Virus zwingt uns z.B. die Kontaktsperre auf. Viele leiden unter dem Verzicht auf bestimmte Gewohnheiten, aber auch wichtige Bedürfnisse werden nicht oder nur unzureichend befriedigt.

Das natürliche, menschliche Bedürfnis nach Nähe und persönlichem Kontakt steht dabei, denke ich, auf Platz 1. Für mich kommt die regelmäßige körperliche Betätigung, das Bewegen und Durchbluten meiner Muskulatur, das gesunde und gewohnte Kalorien- und Energieverbrennen gleich danach.

Dass dieser Verzicht nicht freiwillig ist, drückt auch auf unser Autonomie-Bedürfnis und verstärkt momentan spürbar den Widerstand in manchen Menschen. Die Maßnahmen werden z.T. kritisch hinterfragt und diskutiert, z.T. wird der Blick für den Grund der Einschränkungen und das Vertrauen in die zuständigen Systeme verloren und lautstark durch die digitalen Medien geschrien. Wie immer, ein breites Portfolio an Verhaltens- und Ausdrucksmöglichkeiten.

Ich mache den Perspektivwechsel, ich faste weiter. Ich beobachte und reflektiere, was das Sozial- und Bewegungsfasten mit mir macht.

Ich lebe und feiere die Traurigkeit und Unausgeglichenheit, die dieses spezielle Fasten an einigen Tagen mit sich bringt und heile sie in Yoga und Meditation, mit tollen ätherischen Ölen und mit, was immer ich meine, was mir in diesen Momenten gut tut.

Da sind sie wieder, diese wichtigen Fragen: „Was tut mir gut?“, „Was tut mir nicht gut?“, „Wovon habe ich gerade zu wenig in meinem Leben?“, „Wovon habe ich zu viel in meinem Leben?“.

Ich spiele in Gesellschaft online Gitarre und schnattere was das Zeug hält, spiele lustige Ratespiele, schreibe und schaue Fernsehen.

Letzteres ist ein Kompensations- und Verdrängungsmechanismus aus vergangenen Tagen, der mich kurzfristig abschalten und zur Ruhe kommen lässt, der mir durch vermeintliche Normalität Stabilität gibt, weil ich das ja seit vielen, vielen Jahren so gewohnt bin.

Ich spüre aber auch immer wieder, dass das Fernsehen eigentlich nur unnötig Kraft und neuronale Energie kostet und mich letztlich eher frustriert als nährt.

Ich könnte dem Sozial- und dem Bewegungsfasten jetzt noch TV-Fasten hinzufügen. Mach‘ ich aber nicht! Denn diese Zeit ist ereignisreich, anstrengend und lehrreich genug und, wie gesagt, Fasten muss nicht zum Leiden werden, sondern darf auch ein Akt der Selbstliebe und Selbsterkundung sein!

Renaissance des Festnetztelefons?

In ihrem Artikel „Bist Du noch da?“ auf ZEIT-Online beschreibt Carolin Würfel wunderbar erfrischend, wie sie momentan das Festnetztelefon und seine Vorteile wiederentdeckt. Bis vor kurzem hat sie keine Lust mehr zum Telefonieren gehabt, hat die meisten Anrufe bewusst nicht erwidert und nicht zurückgerufen oder ihre Anrufe nur unterwegs von ihrem Handy erledigt, um damit die Telefonate extra kurz halten zu können. Sie hatte ihr Festnetztelefon deaktiviert. Jetzt, ausgelöst durch die Corona-Krise, hat sie den Stecker wieder eingesteckt und genießt die herrlichen Belanglosigkeiten, die sie mit ihren Freund*innen und Anverwandten austauscht – ganz ohne Ziel, Effizienz und Zeitdruck – eben einfach zwischenmenschlich.

(Titelbild des Blogeintrags: Julieta Lach Julie auf Pixabay.com)

Atmend durch die Corona-Krise

Während einige Menschen in Zeiten des Kontaktverbotes der Corona-Pandemie von mehr Zeit und Ruhe berichten, berichten viele andere von Stress und Unausgeglichenheit.

Letztere können mindestens noch einmal unterteilt werden, in die, die Veränderungen grundsätzlich als etwas Negatives empfinden und ohne ihre Routinen in Unsicherheiten geraten, welche ihnen Stress verursachen und die, deren Belastungen, z.B. durch Sorgen wegen fehlenden Einkommens, und vieler anderer Sorgen und Ängste im Zusammenhang mit dem Virus, oder der Kinderbetreuung neben dem Home Office tatsächlich gestiegen sind.

Beide brauchen neue Strukturen, Rituale, Regeln, Absprachen und Handlungsweisen um das neue Chaos zu bändigen und den eigenen Stress (und damit eventuell auch den des Umfeldes) zu reduzieren.

Ob und wie wir Stress haben, wird in unserem Körper durch unser Nervensystem reguliert

Unser vegetatives Nervensystem, bestehend (neben dem Darmnervensystem) aus dem parasympathischen Nervensystem (Parasympathikus) und dem sympathischen Nervensystem (Sympathikus) reguliert, kurz- und langfristig, über Hormonausschüttungen u.a. in Gehirn, Nebennieren und Nebennierenmark, unsere Körperfunktionen.

Stark vereinfacht, ‚feuern‘ die Nervenzellen des sympathischen Nervensystems in Stresssituationen, und erhöhen auf diese Weise die Stoffwechselrate vieler Organe (andere Organe die in der Stressreaktion primär eher nicht gebraucht werden, werden gehemmt), die mit Bewegung und erhöhter Leistungsbereitschaft in Zusammenhang stehen.

Dazu gehören unter anderem

  • unser Gehirn zur kurzfristigen Erhöhung von Konzentration, Aufmerksamkeit und Denkvermögen,
  • unser Herz pumpt in Stresssituationen schneller Blut und unsere Blutgefäße werden verengt (der Blutdruck erhöht), so dass mehr Nährstoffe und Sauerstoff durch unseren Körper transportiert werden, damit u.a. Muskelzellen gut versorgt sind und schnell arbeiten können,
  • unsere Pupillen werden durch die sympathische Innervation geweitet (damit wir besser sehen können), auch die anderen Sinnesorgane werden ‚geschärft‘,
  • die Leber (zur Aktivierung von Energiereserven),
  • und unsere Bronchien werden erweitert, unsere Atmung beschleunigt, damit wir mehr Sauerstoff zur Verfügung haben.

Den Sauerstoff brauchen wir unbedingt, um in den Körperzellen Energie zu produzieren, auf diese Weise alle in diesem Moment ‚systemrelevanten‘ Körperfunktionen aufrecht zu erhalten, Aufnahme-, denk- und handlungsfähig zu sein.

All dies passiert unbewusst. Wir müssen uns nicht darum kümmern. Weil unsere Körper ziemlich coole Socken sind!

Nun ist es aber so, dass wir im digitalem Zeitalter auch im Zeitalter des chronischen Stresses leben und dieser wiederum Ursache vieler körperlicher und seelischer Erkrankungen unserer Zeit ist. Die Gründe dafür sind vielfältig und werden in meinem Buch für die Über/Strom Reihe beim Springer-Verlag ausführlich und vertiefend erläutert (Erscheinungsdatum Anfang 2021). Die Lebensumstände, Gedanken und Gefühle, die die Corona-Krise mit sich bringt, erhöhen das Stresslevel vieler Menschen allerdings noch einmal zusätzlich, dass Gedanken-Karussell dreht und dreht sich und der Körper kommt nicht zur Ruhe.

Obwohl der Sympathikus autonom handelt und wir unsere Herzfrequenz, Pupillengröße etc. nicht bewusst steuern können, können wir doch Einfluss nehmen auf unsere Atmung, auf unsere Gedanken durch, z.B. die Art und Menge der Medien mit denen wir unsere Sinnesorgane und unsere Nervenzellen fluten.

Das Stresslevel darin ungeübter Menschen lässt sich nicht mal eben auf Knopfdruck ausschalten. Das ist ein Lernprozess. Und Lernen bedarf Training.

Atmen gegen den Stress

Der erste und wichtigste Schritt zur Kontrolle unseres Stresssystems ist unsere Atmung. So einfach ist das! Weil gerade alles neu ist, haben wir gerade die Möglichkeit uns neue Rituale zu schaffen und das Atmen, darüber die Kontrolle des Gedanken-Karussells und darüber unsere Gesundheit besser in den Griff zu bekommen und vor allem die neuen Handlungsweisen und Programme dann langfristig in unseren Alltag einzubauen.

Wenn wir uns vornehmen, uns in den nächsten Wochen jeden Tag 2-3x 5 Minuten mit unserer Atmung zu beschäftigen, haben wir gute Chancen, kurzfristig auf unser Stresslevel einzuwirken und langfristig und nachhaltig etwas für unsere Gesundheit zu tun:

  • Wir können morgens voller Dankbarkeit und Liebe für uns selbst aufwachen und uns mit der Hand auf dem Herzen und emotional aus tiefstem Herzen bei uns selbst, unserem Körper, unserem Nervensystem, unserer Atmung dafür bedanken, dass wir die ganze Nacht völlig mühelos und automatisch weitergeatmet haben.
  • Mit ebenso viel Liebe können wir uns abends dafür bedanken, dass unser Körper uns mit knapp 20.000 Atemzügen pro Tag durch den Tag gebracht hat, damit wir tun können, was wir tun wollen.
  • Wir können im Laufe des Tages immer wieder mal unserer Atmung folgen, spüren wie die Bauchdecke sich hebt und senkt und die Dauer einer Ein- und Ausatmung zählen. Wir können visualisieren, wie der Sauerstoff in unserem Körper zirkuliert, die Energie spüren, die durch unsere Arterien fließt und/oder wie diese Energie in den Körperzellen pulsiert.
  • Wir können einen Frühlingsspaziergang machen (achten Sie bitte auf die momentanen Bestimmungen ihres Bundeslandes im Zusammenhang mit der Kontaktsperre) und den Spaziergang, oder immer wieder mal Teile davon, ganz bewusst unserer Atmung schenken. Die Luft wird gerade so schön warm und ist sauberer als sonst. Wir können uns bewusst machen, wie diese wundervolle gesunde Frühlingsluft unseren Körper und Geist nährt. Wir können uns den Frühling bewusst machen, ihn riechen, schmecken und fühlen und womöglich können wir in diesen Momenten der Ruhe, Acht- und Dankbarkeit tiefes Glück empfinden.
  • Wir können versuchen, unsere Atmung zu verlangsamen, indem wir Ein- und Ausatmung mitzählen. Für Anfänger empfehlen sich 4-6 Sekunden lang durch die Nase einzuatmen und anschließend 4-6  Sekunden lang durch die Nase auszuatmen. Fortgeschrittene Anfänger bauen 2-3 Sekunden Atempausen in der Atemfülle und Atemleere ein.

Wer regelmäßig übt, kann sein Atemvolumen so enorm erhöhen, Körper und Geist enorm beruhigen, den Körper regelmäßig in die nötige Regeneration bringen und aus diesem Gefühl des Versorgt-Seins, tiefes Glück erfahren.