Laptop, Internet und Yogalehr-Ausbildung gehen jetzt auch zusammen Teil 2/3

Eine der letzten analogen Hochburgen, die Yogalehr-Ausbildung ist nun auch digital. Ich durfte dabei sein! Dies ist Teil 2 von 3 meines Erfahrungsberichtes, aus dem sich Wertvolles und Hilfreiches für den Alltag im digitalen Zeitalter ableiten lässt.

Letzte Woche berichtete ich von der Geschichte der Yogalehrtradition und vom Intensiv-Programm des analogen Formates im Ashram und fragte:

Wie soll solch ein Intensiv-Programm nun online gehen?

Es geht super! Ich habe das Glück beide Formate vergleichen zu können. Da ich meine vier Intensiv-Wochen gesplittet habe. Ich habe 2 mal eine Woche im Ashram (klosterähnliches Meditationszentrum1 /Ort, an dem Yoga und andere spirituelle Praktiken praktiziert und gelehrt werden2) verbracht und dann kam Corona, so dass ich die letzten beiden Wochen am Stück online absolviert habe.

Die Online-Tage waren nicht ganz so lang. Sie gingen ‚nur‘ von 7 -21 Uhr, dafür waren die Pausen kürzer und es war nebenbei eine Hausarbeit zu schreiben.

Für mich sind beide Erfahrungen, Präsenz im Ashram und Online zu Hause, wundervolle Erfahrungen für die ich sehr dankbar bin und die ich nicht missen möchte.

Das Leben im Ashram ist wunderbar gesund, ruhig und entschleunigt. Man praktiziert dort sehr viel Yoga und Meditation, ist in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und hat so wenig Möglichkeit über den Alltag nachzudenken. Man kommt dort wirklich gut zur Ruhe und kann regenerieren. Auch wenn das Programm straff ist, merkt man wie die Arbeit mit Körper und Geist, die natürliche Umgebung und das gesunde Essen im Intervall einem sehr viel neue Energie geben.

Die große Herausforderung besteht dann darin, wenn man heimkommt, wenigstens einen Teil dieser sehr gesunden Verhaltensweisen und Einstellungen dauerhaft in den eigenen Alltag zu integrieren.

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Über die Notwendigkeit als Erwachsene überhaupt erst anfangen zu müssen, gesunde Verhaltensweisen und Einstellungen in den Alltag einzubauen, denke ich, gespeist aus und gespickt mit meinen Expertisen und Erfahrungen seit Jahren intensiv nach.

Mal wütend darüber, dass man uns einen gesunden Umgang mit unserem Körper, unseren Gedanken und unseren Gefühlen nicht beigebracht hat, mal besorgt, mit der Frage, was das für die Gesellschaft und das Glück jeder/jedes Einzelnen in unserer Gesellschaft bedeutet, mal handlungsorientiert mit Werkzeugen zur nachhaltig-gesunden Lebensführung.

Viele dieser Gedanken finden sich dann Anfang nächsten Jahren auch in meinem Buch über Stress in der Überstrom-Reihe für den Springer-Verlag.

Integration von Gelerntem in den Alltag

Es fällt mir seit der Ausbildung wesentlich leichter, den Tag mit Meditieren zu beginnen. Gerade morgens bin ich normalerweise voller Tatendrang und Gedanken und möchte eigentlich sofort losarbeiten, was mir die Meditation bisher immer zur Challenge gemacht hat und ich es letztlich ließ. Eine ruhige, fokussierte Morgenroutine ist aber sehr wichtig um nicht mittags schon im Stresslevel zu versinken und keine Sonne oder kein Land mehr zu sehen.

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Auch das Intervall-Fasten habe ich beibehalten. Durch die lange Pause, das Intervall von 16 Stunden zwischen der abendlichen und der vormittäglichen Mahlzeit (19 bis 11 Uhr) hat mein Körper mehr Zeit das Gegessene zu verdauen, das heißt zu verstoffwechseln, das heißt die Nährstoffe und Energieträger aus der Nahrung abzubauen, Energie zu generieren und neue, körpereigene Stoffe aufzubauen.

Die Pause dient auch dazu, dass der Körper nicht andauernd mit Verdauen beschäftigt, sozusagen friedlicher, ist. Der Körper hat so weniger Aufgaben zu erledigen und dadurch Zeit zum Entgiften und Reinigen, bevor die nächste Nahrungsaufnahme die Konzentration des Körpers wieder auf die Verdauung lenkt.

Anders als im Ashram, war es in der Online-Ausbildung nicht möglich, den Alltag komplett auszublenden und auch das habe ich als sehr positiv empfunden.

Ich höre die Nachbarn, ich reagiere auf E-Mails, der Postbote klingelt, das Essen besorgt sich nicht, wie im Ashram, von allein und auch die Wohnung macht sich nicht vollautomatisch selber sauber. All dies musste sich machen lassen und trotzdem war ein fokussiertes, von Alltagsstress-gelöstes Yoga und Meditieren möglich und damit einhergehend tiefe geistige und körperliche Entspannung und Regeneration in den eigenen vier Wänden.

Tabula Rasa mit alten Gewohnheiten

Meine Wohnung ist so auch ein wenig zu meinem Ashram geworden und ich gebe mir große Mühe die neuen Verhaltensweisen zu festen Routinen und letztlich spielerischen Gewohnheiten werden zu lassen.

Es heißt ja, nach 21 Tagen hat sich eine Gewohnheit gefestigt. Ich glaube, dass es länger dauern kann, eine ungesunde Gewohnheit gegen eine Gesunde zu ersetzen.

Wie lange das dauert, hängt auch davon ab, wie gefestigt die alte Gewohnheit ist, das heißt z.B. auch wie lange übe ich sie schon aus? Wie wichtig war mir diese Gewohnheit, d.h. welches Bedürfnis hat sie befriedigt? Und auch, wie unspezifisch sind die Reize mit der Zeit geworden, die das Verhalten (die ungesunde Gewohnheit) auslösen.

Von solchen Faktoren hängt die Größe des Gedächtnisses ab und deshalb u.a. auch die Zeit die es dauert, bis ein neues, gesünderes Gedächtnis groß genug ist um das ältere, ungesunde Gedächtnis im Verhalten automatisch abzulösen.

Ein kleines harmloses Beispiel ist das Kaffee trinken. Es ist eine unnötige Gewohnheit, basierend auf mehreren ungesunden Glaubenssätzen, z.B. „Ich bin müde, ich brauche erstmal einen Kaffee“, usw. Auch Generationsgedächtnissen spielen eine große Rolle: Das Kaffeetrinken (Verhalten / Gewohnheit) gehört über viele Generationen zur Morgenroutine und war ursprünglich ein Zeichen des Wohlstandes.

Es wird von den Eltern, inklusive der Glaubenssätze, völlig automatisiert an die nächste Generation weitergegeben. Der morgendliche Kaffee ist für viele so selbstverständlich, als gäbe es nur diese eine Option, diese eine Wirklichkeit, wie Watzlawick3 sagen würde.

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Obwohl die ersten Tassen Kaffee wohl kaum einem Jugendlichen wirklich schmecken, ist der Einstieg in das Kaffeetrinken, aufgrund des Kaffeeverbotes für Kinder, auch ein Einstieg in das Erwachsensein, mit der Hoffnung und dem Bedürfnis auf Augenhöhe behandelt zu werden.

Die Wirklichkeit endet ohne den Kaffee nicht. Kein Mensch braucht wirklich Kaffee um morgens wirklich wach zu werden. Wer morgens nicht wach wird, ist körperlich oder geistig erschöpft und sollte besser Körper und Geist erholen.

Kaffee ist dabei sogar kontraproduktiv, weil das Koffein, wenn es denn überhaupt noch eine Wirkung4 auf den habituierten (gewöhnten) Körper hat, unruhig macht, anstatt zu beleben und Körper und Geist so noch mehr erschöpft…

Das bringt den unruhigen erschöpften Geist nun auf die Idee noch mehr Kaffee zu trinken…, oder sogar ein Zigarettchen dazu zu rauchen, wenn das Rauchen Teil der Lebensgewohnheiten ist, oder auf dem frühen Abend vom Kaffee zum Bierchen überzugehen… …Feedbackloop zur morgendlichen Erschöpfung…

Die Macht solcher Gewohnheiten wird mir im Verzicht besonders deutlich, weshalb die Yogalehr-Ausbildung schon im Präsenzteil, im Online-Teil zu Hause dann noch einmal mit stärkerem Bezug zu den eigenen Alltags-Routinen so wertvoll und ‚erleuchtend‘ war.

Dieses war der zweite Streich. Im letzten Teil, nächste Woche, soll es um die soziale Komponente der Online-Yogalehr-Ausbildung gehen.

Stay tuned.

Eure Kathrin

Literaturverlinkungen

1 www.de.wikipedia.org/wiki/Aschram

2 www.wiki.yoga-vidya.de/Ashram

3 https://www.youtube.com/watch?v=zjrX5GhqWck, Ein Audio-Vortrag von Paul Watzlawick mit dem Titel “Wie wirklich ist die Wirklichkeit” ausgestrahlt von RadioKultur

4https://www.ted.com/talks/matt_walker_how_caffeine_and_alcohol_affect_your_sleep, Ein wunderschöner TED-Talk zu den Effekten von Kaffee und Alkohol auf unseren Schlaf.

Ein virtuelles Universum als Ort: Interview mit Egosoft über X4: Foundations

Vorbemerkung: Räume und Orte

Leser*innen meiner Texte kennen mein Interesse an der Frage, wie wir uns aus einem beliebigen virtuellen Raum (der nur durch seine messbaren Dimensionen bestimmt ist) einen individuell bedeutsamen Ort machen — wie Medien-Orte entstehen, wie Virtual Reality Ortscharakter gewinnt. In einem Artikel bei spielkritik.com schrieb ich: „Die Begriffe ‚Raum‘ und ‚Ort‘, oder in der englischen Literatur ’space‘ und ‚place‘, drücken aus, dass wir uns Räume immer erst aneignen; dass wir sie durch eigenes Handeln und Erleben mit Bedeutung aufladen. […] Erst das schrittweise Erkunden, allein oder mit anderen Menschen, teilte den Raum in handhabbare Teile auf, die irgendwann eine Bedeutung für mich erhielten. Der Raum wurde zum Ort.“ Dies durch virtuelles Flanieren immer wieder neu zu erleben, macht mir ziemlich viel Spaß. 🙂

In dem Artikel ging ich auch auf das Weltraumspiel X4: Foundations ein, was neben der Elder-Scrolls-Reihe seit Jahrzehnten (meine Güte, was für eine lange Zeit …) meine liebste Open World ist. Der Weltraum, durch den wir uns dort bewegen, um Handel zu treiben oder Kämpfe zu bestreiten, sieht toll aus und ist wie das echte Universum prinzipiell endlos, aber doch „nicht der Realität nachempfunden, sondern eine Abstraktion, die Gameplay-Zwecken dient. Dass dieser abstrakte Raum trotzdem nicht beliebig wirkt, liegt an seiner visuellen und narrativen Ausgestaltung“ (ebd.), mit Texten, kurzen Videos, und mit konkreten Missionen, die wir erledigen können. Das bildet „einen Hintergrund, der beim Durchfliegen des abstrakten Raums das langsame Entstehen eines Ortsbewusstseins erlaubt.“ (ebd.).

In meinem in Kürze erscheinenden Buch „Let’s Play: Was wir aus Computerspielen über das Leben lernen können“ (das ist Band 2 der Über/Strom-Buchreihe) spielt X4: Foundations im Kapitel über das Entstehen von Atmosphäre in Spielwelten eine Rolle. Interessant finde ich dabei, dass die Raumstationen, die Raumschiffe und die Wirtschaft in der virtuellen Welt dynamisch simuliert werden, d.h. obwohl die Räume — die Sektoren, die sichtbaren Planeten, Sterne, Nebel usw. — bei jedem Spieldurchlauf dieselben sind, kann sich ihr Ortscharakter doch stark unterscheiden, denn unsere Erlebnisse darin sind jeweils andere. Zu diesem Aspekt habe ich für das Buch ein E-Mail-Interview mit Egosoft-Gründer Bernd Lehahn und seinem Kollegen Michael Baumgardt geführt, was es aber leider aus Platzgründen nur auszugsweise in den gedruckten Band geschafft hat. Daher veröffentliche ich es nun hier im Blog zur Buchreihe.

Interview: Das dynamische Universum in X4: Foundations

Die X-Serie ist mittlerweile über 20 Jahre alt. Sie begann 1999 mit X: Beyond the Frontier. Das 2018 veröffentlichte X4: Foundations ist ungleich größer und komplexer. Habt ihr eine „Vision“, die ihr seit Beginn verfolgt?

Die große Vision ist in der Tat das simulierte offene Universum und die völlige Freiheit für den Spieler darin. Der Unterschied zu früher ist meist durch die technische Weiterentwicklung gegeben. Mehr Speicher, schnellere Rechner etc. erlauben von Generation zu Generation einfach näher an das Ziel zu kommen.

Wie entscheidet ihr, welche Elemente älterer Spiele ihr in den neueren Spielen fortführt und welche nicht?

Die meisten Entscheidungen ergeben sich fast von allein aus der Zielsetzung, möglichst viele Freiheiten in diesem Universum zu geben. Natürlich hören wir auch immer genau auf Feedback aus der Community, nur muss man dabei natürlich vorsichtig sein, da es dort auch sehr widersprüchliche Meinungen geben kann. In Fällen, wo es Konflikte im Design gibt, sind wir hier dann eher Vermittler zwischen den Fronten, die versuchen gute Kompromisse zu finden. Solche Konflikte ergeben sich aber nur in wenigen Bereichen, meist dann wenn es auch wichtig wird, das Spiel einsteigerfreundlicher zu machen.

Zur Erzählzeit von X4 gibt es mehrere kriegerische Konflikte, die wir zumindest miterleben. Ist es aus eurer Sicht auch möglich, sich als Spieler*in daraus herauszuhalten?

Das Universum sollte im Idealfall groß genug sein, um jeder Art Spieler eine Nische zu bieten. Natürlich entstehen trotzdem Konflikte bei der Zielsetzung, aber es sollte zumindest immer die Möglichkeit geben, auszuweichen.

Das Universum in X4 bewegt sich auch unabhängig von uns weiter: Völker treiben selbstständig Handel, bauen Stationen und Schiffe, und müssen sich gegen Angriffe böser Mächte verteidigen. Das kann man sich auch mal ein, zwei Stunden angucken, ohne selbst einzugreifen. Dadurch entsteht eine besondere, lebendige Atmosphäre. War es von Anfang an euer Wunsch, ein so komplexes Universum zu gestalten?

Das Ziel war von Anfang an da und auch die Umsetzung in X: Beyond the Frontier ist schon diesem Grundprinzip gefolgt. Was sich im Laufe der Jahre verändert hat, ist der Detailgrad. Zu Beginn konnten wir nur den Handel zwischen den Stationen simulieren, nicht aber den Verbrauch der Waren, etwa um Schiffe herzustellen. Inzwischen reicht die Simulation auch in die Politik der Beziehungen der Völker zueinander und vieles mehr.

Werdet ihr die Politik noch ausbauen? Kann man irgendwann, wie in einem Strategiespiel, Verhandlungen zwischen Fraktionen beeinflussen?

Das Update 3.0 (Frühling 2020) brachte viele Missionen, die genau in diesen Bereich der Diplomatie zielen. Wir sehen das allerdings auch in der Zukunft eher als Mittel im Rahmen von Story-Missionen.

Sehr interessant ist das Entstehen unvorhergesehener Situationen, mit denen man nicht rechnet. Gerade so etwas gehört ja zum Leben insgesamt dazu, weswegen das X-Universum so glaubhaft wirkt. Wie stellt ihr sicher, dass das Spiel dabei nicht aus dem Rahmen läuft?

Durch „trial and error“. Das ist hart, aber der einzig gangbare Weg. Natürlich versuchen wir, unerwünschtes Verhalten vorher zu sehen und auszuschließen, aber die Praxis lehrt uns, dass wir dabei immer wieder Dinge vergessen oder falsch einschätzen. Da hilft letztlich nur das (zeitbeschleunigte) Simulieren des Universums, um es dann mit dem gewünschten Zustand zu vergleichen.

Kannst du ein Beispiel geben, wo ihr völlig überrascht davon wart, wie sich das Universum entgegen eurer Erwartungen entwickelt hat?

Jede Simulation verläuft anders, mal mehr, mal weniger, insofern gibt es immer eine Überraschung, wenn es ans Auswerten geht. Es ist durchaus spannend zu sehen, wie sich die Fraktionen entwickeln und teilweise ungeahnt expandieren – oder nahezu ausgelöscht werden. In der Entwicklung sind natürlich die extremsten Ergebnisse oft auf Fehler zurückzuführen, aber gerade dabei wird einem der „butterfly effect“ recht deutlich vor Augen geführt.

So sorgte ein kleines Problem mit einem Versorgungsschiff dafür, dass eine einzige Station niemals die von ihr gewünschten Resourcen erhalten konnte. Das Spiel hat verzweifelt versucht, diesen Warenbedarf zu decken, indem zunächst mehr Transportschiffe und schließlich mehr Fabriken gebaut wurden. Nach vielen hundert Stunden sind dabei zahllose neue Stationen errichtet worden und nochmal mehr, um wiederrum deren Produktionen zu versorgen – am Ende waren es über 500 und es sah auf der Karte aus wie in einer Petrischale mit lebenden Kulturen.

Einmal gefunden, war dieser Fehler schnell behoben und wir haben noch einige weitere Mechanismen eingebaut, um zu verhindern, dass die Situation nochmal derart ausufert.

In der Erzählung der Serie spielen die sogenannten Xenon eine große Rolle – Künstliche Intelligenz, die von Menschen erschaffen wurde, aber im Laufe der Jahrhunderte völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Was waren eure ursprünglichen Inspirationsquellen dafür?

Schwer zu sagen. Die Story ist am Anfang aus der Feder mehrerer Leute gewachsen. Wir haben Ideen hin und her geworfen und auch in diesem Bereich unterschiedliche Ideen ausprobiert. Natürlich waren wir alle inspiriert von Star Trek oder auch Star Wars. Ich persönlich bin ein großer Fan der Geschichten von Isaac Asimov. Auch er hat ja viel mit der Idee der (allerdings meist dem Menschen gut gesinnten) KI gespielt. Schließlich hat Helge Kautz mit der Story für den ersten X-Roman Farnhams Legende begonnen, den Grundstein für die erweiterte Story jenseits des Spiels zu legen.

Die Xenon sind, wie erwähnt, KI. Ein Forschungsfeld, das heute, in der echten Welt, immer wichtiger wird. Könnt ihr euch vorstellen, dass künftige X-Spiele durch Machine-Learning-Verfahren angereichert werden? Es hätte eine gewisse Ironie, wenn ein Spiel, in dem eine böse KI der Hauptgegner ist, auf KI setzen würde.

Denkbar ist alles. Machine Learning ist auf jeden Fall eine sehr interessante Disziplin. Wir hatten hier auch schon Überlegungen in diese Richtung. Für einen echten Einsatz ist es aber noch zu früh.

Wir haben intern nur Ideen diskutiert Deep Learning für die KI des Raumschiff-Flugs zu nutzen. Es gibt in der Industrie schon einige Ansätze, zum Beispiel für das Erstellen glaubwürdiger Pfade zur Verbesserung der Bewegung computergesteuerter Figuren (NPCs). Speziell wenn die Ergebnisse gar nicht live im Spiel berechnet werden müssen, wird dies auch bereits von einigen Spielen eingesetzt.

Heute sind Online-Spiele sehr beliebt, für das Weltraum-Genre denke ich an EVE Online oder Star Citizen. Versucht ihr, das bestmögliche, lebendige Offline-Universum zu machen?

Es gibt ja durchaus seit einigen Monaten einen Online-Modus in X4: Foundations. Noch ist das ein Experiment, aber wir planen definitiv, das weiter auszubauen. Für uns ist aber das Universum jedes einzelnen Spielers nicht automatisch nur ein Teil eines größeren Online-Universums, da wir sonst unweigerlich auch die Freiheiten des einzelnen Spielers stark beschränken müssten. Natürlich kann der Spieler in unserem Spiel weitaus mächtiger werden und schneller große Fortschritte erzielen, als das in einem vollständig synchronen Universum aller Spieler machbar wäre.

Wir versuchen hier ebenfalls wieder einen Kompromiss zu finden, der auf der einen Seite die Vorteile von Onlinespielen (vor allem der Community-Aspekt) mit den Vorteilen von einem Einzelspieler-Universum (schnellerer Fortschritt des Spielers und mehr Macht und Einfluss) verbinden kann.

Ich danke euch für die Zeit und das Interview!

Laptop, Internet und Yogalehr-Ausbildung gehen jetzt auch zusammen

Eine der letzten analogen Hochburgen, die Yogalehr-Ausbildung ist nun auch digital. Ich durfte dabei sein!

In drei Teilen berichte ich in den nächsten Wochen von meinen Erfahrungen, aus denen sich Wertvolles und Hilfreiches für den Alltag im digitalen Zeitalter ableiten lässt.

Zur Geschichte der Yogalehre

Der Yoga ist uralt. Er wurde wahrscheinlich viele Jahrhunderte lang in Indien mündlich an ausgewählte Schüler*innen weitergegeben. Die ältesten Darstelllungen von Yoga-Stellungen sollen über 5000 Jahren alt sein1,2, die ältesten Yoga-Schriften, die Veden, bzw. Teile davon sind mindestens 800-1500 v. Chr. entstanden (Auffassung der westlichen Indologie), wenn nicht sogar mehr als 3000 v. Chr. (klassische indische Auffassung) 3.

Mal sehr populär, mal fast vergessen, wurde der Yoga nur von Yoga-Meister*innen (jemand, der die Erleuchtung oder einen hohen Grad an spiritueller Verwirklichung erreicht hat) an ausgewählte Schüler*innen weitergegeben. Den Legenden nach waren diese Yoga-Schüler*innen zum Teil auch große Könige, die ihre Königreiche für die Lehre bei den großen Yoga-Meister*innen hinter sich ließen. Ein*e Yoga Meister*in war jemand, bei dem Yoga-Schüler*innen viele Jahre wohnten und dienten, um Yoga zu lernen.

Sowohl die Yoga-Meister*innen, als auch die Yoga*Schülerinnen habe ich hier bewusst gegendert. Denn es gab sie, die Frauen, in der langen Tradition des Yoga4, wenn auch nicht zu allen Zeiten und sicher eher in der Minderheit und in einer männlich dominierten Öffentlichkeit, weniger wahrgenommen.

Ihre Wahrnehmung & Akzeptanz sinkt zusätzlich, zum Beispiel auch durch ungegenderte Online-Beiträge.

In den letzten 100 Jahren bis heute gibt es einige große Yoga-Meisterinnen und heute, zumindest in der westlichen Welt mehr Yoga-Schülerinnen5 als Yoga-Schüler.

Die Gründe für die Umkehr des Geschlechtes unter den Schülerinnen und Schülern mit der Verbreitung des Yoga im Westen sind allerdings kein Zeichen für Geschlechtergerechtigkeit, sondern den unterschiedlichen Assoziationen der Kulturen mit dem Yoga geschuldet:

Während der Yoga in Indien z.T. nur ausgewählten, in der Regel wohlhabenden Personenkreisen und hier im Besonderen den Männern vorbehalten war, gilt der Yoga im Westen der Entspannung, der Schulung von Achtsamkeit, der Wahrnehmung und Vereinigung von Körper und Geist. Themen, mit denen der gemeine westliche Mann leider noch nicht unbedingt etwas anfangen kann und möchte.

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Auch Auszubildende gehen heutzutage sozusagen als Schüler*innen für mehrere Jahre und wenig Entlohnung in die Lehre, d.h. (eigentlich) in eine umfangreiche Betreuung zu einer*m Meister*in des jeweiligen Faches.

Während ernsthafte Aspirant*innen (spirituell Suchende) auch heute noch oder vielleicht gerade im digitalen Zeitalter auf der Suche nach einer*m Lehrenden sind, die/der auf dem spirituellen Weg unterstützt, hat sich an der Art der Ausbildung im letzten Jahrhundert vieles verändert.

So ist z.B. das Ziel des Yoga im Westen für einen Großteil der Yoga-Praktizierenden kein Spirituelles und vielleicht werden deshalb die alten Yoga-Schriften in den Grundausbildungen zunächst einmal nur angerissen. Yogalehrende, welche ihr Wissen in diese Richtung vertiefen möchten, können das in weiterführenden Seminaren und Ausbildungen tun.

Zu diesen Veränderungen des Yoga lässt sich durchaus Kritisches anmerken, wenn der Yoga nicht groß wäre und für Vielfältigkeit und Individualität stünde. So wird gesagt, das eine Jahrhunderte alte indische Tradition „aus seinem gesamten spirituellen, historischen und kulturellen Kontext“6 genommen wurde und der Westen, insbesondere über die Briten während der Kolonialzeit, sich den Yoga kulturell angeeignet habe6,7 und damit z.T. zu einer Dehnübung reduziert.

Vieles was in der Yoga-Tradition, -Philosophie, – und dem Lebensstil wichtig und heilend ist, kann, in Abhängigkeit vom Lehrenden, im Fitnessstudio verloren gehen. Wenn ich auch selbst eine Verunglimpfung der Yoga-Tradition, z.B. im Bier-Yoga sehe und manchmal auch keine Lust mehr habe, immer wieder zu erklären, dass (mein) Yoga nicht nur Sport ist, teile ich obige Ansicht nur bedingt:

Es gibt viele Quellen, so auch mein Yoga-Lehrenden-Handbuch aus der Ausbildung, die davon berichten, dass es Wunsch, Wille und Streben einiger großer indischer Meister des späten 19. Jahrhundert und des 20. Jahrhundert war, den Yoga im Westen populär zu machen und es so heute auch in Deutschland möglich ist, den Yoga in seiner Ganzheit (und nicht nur als Dehnübung) zu erlernen.

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Yogalehre im digitalen Zeitalter

Yoga dient den meisten Praktizierenden im digitalen Zeitalter zur Entspannung und zur Erhöhung der körperlichen Fitness. Der Yoga ist für sie Gegenstück zu einem sehr schnell-lebigen, reizüberflutenden, materialistischen und häufig ungesundem Alltag.

Die Ausbildungen zur/zum Yogalehrenden, so auch die 4-Wochen-Intensiv-Ausbildung, welche ich vor einigen Wochen abgeschlossen habe, versuchen die westlichen Anforderungen an den Yoga mit dem hohen Anspruch und Niveau des traditionellen Yoga anzugleichen.

Deshalb meint intensiv in der Ankündigung ‚4-Wochen-Intensiv-Ausbildung‘ auch wirklich intensiv! Intensiver, als ich es mir habe vorstellen können und ganz anders (besser, wenn auch herausfordernd) als man Aus- und Fortbildung normalerweise in Deutschland gewohnt ist.

In weiser Voraussicht und weil auch für mich ein beruflicher Alltag zu bewältigen ist, habe ich meine Ausbildung in drei Teile geteilt. Ich war zweimal eine Woche in der Präsenzausbildung im Ashram (klosterähnliches Meditationszentrum8 / Ort, an dem Yoga und andere spirituelle Praktiken praktiziert und gelehrt werden9) in Bad Meinberg und habe Corona-bedingt, die letzten beiden Wochen am Stück online zu Hause absolviert.

Intensiv bedeutet in der Präsenzausbildung im Ashram u.a., dass der Tag (das Aufstehen nicht inklusive) um 6 Uhr morgens mit Atemübungen, Meditation, gemeinsamem Singen, rituellen, hinduistischen Zeremonien und einem Vortrag zur Yoga-Philosophie bis 8:30 Uhr beginnt.

Dem schließt sich fast nahtlos die erste mehr als zwei-stündige Yoga-Praxis des Tages von 8:45 bis 11:05 Uhr an, bevor es bis 12 Uhr gesunde biologische, mindestens vegetarische Vollwertkost gibt. Dann folgen 45 Minuten Karma-Yoga (für mich Putzen in der Küche) und 45 Minuten Studienzeit. Schon ist es 14 Uhr und es geht weiter: Vortrag bis 16 Uhr, Yoga-Praxis bis 18 Uhr, Essen 18-19 Uhr, Meditation, Vortrag und gemeinsames Singen bis 22:10 Uhr.

12 Stunden jeden Tag. Und immer stehen die sogenannten ‚Türengel‘ an der Tür, bei denen man sich anwesend zeichnen lassen muss. Fehlzeiten sind nicht gestattet.

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Wenn man allerdings einfach mal im Vortrag einschläft, so wie ich, ist das in Ordnung. Und auch, wenn man die ein oder andere Yogaübung auslässt, ist das ganz normal. Jeder achtet auf seinen Körper mit seinen aktuellen Grenzen (die sich mit der Zeit verschieben!)! Auch kritische Fragen und Diskussionen zu den Themen waren gewünscht, wurden aufgenommen und geklärt.

Es stehen auch Fasten- und Schweigetage auf dem Programm, wobei insbesondere das Fasten freiwillig ist, zumal der ‚normale‘ Rhythmus der Nahrungsaufnahme im Ashram ja schon ein Intervall-Fasten ist. (Hier zu meinem Artikel über das Fasten von Gewohnheiten…)

Der Verzicht auf Fleisch, Fisch, Eier, Tabak und Alkohol während der Ausbildung ist selbstverständlich, wo doch in der ‚normalen Welt‘ das Gegenteil selbstverständlich scheint.

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Für Menschen mit hohem Autonomiebedürfnis hört sich dieses Programm vielleicht schockierend an und löst Gegenwehr aus. Auch ich war manchmal ziemlich genervt, weil überfordert.

Ich habe meine (automatisierten, neuronal nicht-mehr anstrengenden) Routinen vermisst. Routinen, die Sicherheiten geben und an die auch mein Körper sich gewöhnt hat (z.B. das Kaffee trinken).

Routinen, die ich als meine bezeichne, von denen ich aber annehmen darf, dass es sich auch um Generationsgedächtnisse der Generationsgedächtnisse meiner Eltern und Großeltern und dem sozio-kulturellen Einfluss der deutschen Gesellschaft handelt.

Routinen, von denen ich mich im Yoga-philosophischen, sowie verhaltensneurobiologischem Kontext auch fragen darf (oder darüber meditieren darf), ob es denn bei der ein oder anderen erlernten Routine nicht sinnvoller wäre, sie loszulassen, weil sie nicht gesund ist und mir nicht gut tut…

Ich war vorher noch nicht im Ashram und hatte sicher eine falsche, westliche Vorstellung von der Ausbildung. Und das, obwohl sowohl Vorbereitungswochenenden zur Ausbildung angeboten werden als auch im Internet viele Informationen, insbesondere das Programm detailliert beschrieben sind. Ich hatte einfach noch keine Neuronen für diese Vorstellung.

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Es war eine sehr intensive und gesunde Erfahrung und beide Male wollte ich bei der Abreise schon am Bahnhof lieber wieder zurück in den Ashram. Gleichzeitig wollte ich aber auch wieder zurück in meinen Alltag. Das waren sehr widersprüchliche Gedanken, letztlich mit dem Vorsatz, so viele gesunde Routinen wie möglich in meinen Alltag zu integrieren.

Der Kontrast ist wirklich stark. Das merkt man erst, wenn Körper und Geist durch den Yoga und das Meditieren mal richtig runtergefahren, zentriert und gestärkt sind, die Lungen vom vielen Yoga, den vielen Atemübungen und der Landluft wieder frei sind, der Körper durch das Intervall-Fasten, den Yoga und das gesunde Essen entgiftet ist und das Herz durch das Singen, die schönen, alten Geschichten und die Gemeinschaft wieder weit offen ist…

Wie solch ein Intensiv-Programm nun online gehen kann, erfahrt ihr in der nächsten Woche…

Stay tuned.

Eure Kathrin

Literaturverlinkungen

1 http://www.wiki.yoga-vidya.de/Yoga_Geschichte

2 http://www.yogaeasy.de/artikel/Die-Geschichte-des-Yoga

3 http://www.wiki.yoga-vidya.de/Veden

4 http://www.vedanta-yoga.de/yogameisterinnen-heilige-frauen-rishikas/

5 http://www.yoga.de/yoga-als-beruf/yoga-in-zahlen/yoga-in-zahlen-2018/

6 http://www.zeit.de/kultur/2019-09/yoga-geschichte-historie-sport-achtsamkeit-spiritualitaet

7 http://www.bento.de/sport/yoga-ist-mehr-als-sport-und-nicht-so-harmlos-wie-wir-denken-a-68cf3b17-8cc5-4839-a392-547e69b3bd66

8 http://www.de.wikipedia.org/wiki/Aschram

9 http://www.wiki.yoga-vidya.de/Ashram

Bald: „Let’s Play! Was wir aus Computerspielen über das Leben lernen können“ (Über/Strom Band 2)

Bald erscheint der zweite Band unserer Über/Strom-Buchreihe. Darin geht es um Computerspiele. Im Vorwort des Buches mit dem Titel „Let’s Play! Was wir aus Computerspielen über das Leben lernen können“ schreibe ich: „Die Geschichten, die in Spielen erzählt werden, die Darstellungsformen, mit denen die Geschichten gezeigt werden und die Spielmechaniken, mit denen die Formen benutzt und erkundet werden, sind Ausdruck der Menschen in der Gesellschaft, in der sie erdacht, produziert und rezipiert werden. Hieraus lässt sich viel über diese Gesellschaft und deren Umgang mit der Wirklichkeit lernen.“

Um das zu zeigen, unternehme ich in dem Buch eine Reise durch eine subjektive Spiele-Auswahl, die ich feuilletonistisch an verschiedene Themen anbinde, u.a. Kreativität, Kommunikation, leibliche Wahrnehmung, Träume und Albträume. Am Anfang steht die Frage, ob „wir, mit Erich Fromm gesprochen, beim Computerspielen nicht bloß ‚geschäftig‘ statt in einem nachhaltigeren Sinne ‚tätig‘“ sind, ob Spiele also bloß der Ablenkung dienen, damit wir ja nicht zu uns selbst kommen müssen, oder ob Spiele vielleicht gerade das Potenzial haben, uns auf uns selbst zu stoßen.

Dabei ist meine optimistische These, „dass wir mit Computerspielen durchaus unser eigenes Tätig-sein entdecken können. Wir können Spiele dazu nutzen, mehr über uns selbst herauszufinden. Allerdings, und das ist die Aufforderung dieses Buches, heißt dies, anders zu spielen als von Herstellern, von Freund*innen oder uns selbst erwartet.“

Coming soon.

Lesetipp: NYTimes: The Decameron Project (Kurzgeschichten und Corona)

In Anlehnung an Boccaccios Decamerone (1349-1353) ist im neuen New York Times Magazine eine illustre und illustrierte Sammlung von Kurzgeschichten internationaler Autor*innen erschienen, die sich alle um Lockdown und Corona drehen — The Decameron Project: https://nyti.ms/2ZOdyDO

Lesetipp: Susan Arndt über die Geschichte des Rassismus

Bei der taz ist ein längerer, lesenswerter Essay der Literaturwissenschaftlerin Susan Arndt über die Geschichte des Rassismus erschienen: https://taz.de/Geschichte-des-Rassismus/!5694138/ Von der Antike über das Mittelalter und die Renaissance bis heute wurden immer wieder Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe entmenschlicht und herabgesetzt, um Versklavung und Eroberung zu rechtfertigen. Das ist eine mehrere tausend Jahre lange Wirkungsgeschichte. Hoffentlich dauert es nicht so lange, bis das endlich aufhört.

Die Balance zwischen Kontrolle und Loslassen (Teil I)

Was haben professionelle Kommunikation und Fliegen gemeinsam? Sie gelingen nur dann, wenn es eine Balance gibt zwischen geplantem Handeln (Steuern und Kontrolle) und der Bereitschaft, auch mal loszulassen und die Dinge laufen zu lassen. Darüber möchte ich in diesem zweiteiligen Artikel schreiben. Heute geht es zunächst ums Fliegen; nächste Woche dann um Kommunikation.

Disclaimer: Das Problem von Klimafolgen und Flugscham blende ich in diesem Artikel einmal komplett aus. Dazu kommt im Lauf des Sommers noch ein größerer Beitrag.

Vorbemerkung

Wie wir als Menschen mit Unsicherheit, Ungewissheit oder unerwarteten Ereignissen umgehen, treibt mich schon lange um. In Bezug auf Computertechnik habe ich dazu meine Dissertation geschrieben und daraus zwei Bücher gemacht. Ich finde das Thema erstens gesellschaftlich wichtig, weil früher gewohnte Sicherheiten heute einfach nicht mehr greifbar sind und neue Gewissheiten noch nicht erkennbar. Aber zweitens habe ich auch individuell damit immer mal wieder zu kämpfen.

Wenn ich selbst die Person bin, von der professionelles Handeln erwartet wird, neige ich dazu, einen Plan zu machen, diesen kontrolliert abzuarbeiten und Abweichungen vom Plan korrigieren zu wollen. Aber — und darum geht es in diesem Artikel — das ist oft gar nicht nötig. Es ist mitunter kontraproduktiv und das Ergebnis am Ende besser, wenn ich nicht ständig eingreife. Schauen wir uns das erstmal am Beispiel des Fliegens an, bevor ich in Teil II auf Kommunikation eingehe.

Das Steuer loslassen

Wenn wir mal das ganze Drumherum weglassen, das man bei großen Verkehrsflugzeugen findet und wir auf kleine propellergetriebene Flugzeuge schauen, dann sehen wir: Fliegen an sich ist erstaunlich einfach. Bei genügend Geschwindigkeit hebt man fast von allein ab. Solange man nicht zu langsam wird, hoch genug ist und genug sieht, kann auch nichts passieren. Den Umgang mit und die Zusammenhänge von Quer-, Höhen- und Seitenruder, der Motorleistung und den Landeklappen hat man schnell verinnerlicht. Einem entspannten Sonntagsausflug zum Bratkartoffelessen auf dem Nachbarflugplatz steht schnell nichts mehr im Wege.

Da die meisten Flugzeuge aerodynamisch stabil gebaut sind, muss man nach Erreichen der gewünschten Flughöhe kaum noch eingreifen (wenn nicht gerade etwas Unerwartetes geschieht — aufmerksam sein, ist natürlich wichtig). Das Flugzeug fliegt einfach so, wie man es eingestellt (getrimmt) hat. Vielleicht wackelt es wegen Thermik oder Turbulenzen hin und her, oder es hebt oder senkt mal die ‚Nase‘, aber in der Regel bringt es sich von selbst wieder in die eingestellte Ausrichtung. Und wenn es doch mal etwas stärker abweicht, genügen sanfte Stupser mit den Fingerspitzen, um das zu korrigieren. Man kann also sehr entspannt sein und die Landschaft genießen.

Eigentlich.

Ziemlich viel Betrieb für einen Sonntag morgen in der Schleuse Rothensee, die Elbe (hinten) und Mittellandkanal (vorne) verbindet.

Denn wie viele andere Flugschüler*innen vor mir neige ich dazu, zu viel Kontrolle ausüben zu wollen. ‚Mit dem Knüppel rühren‘, wird das genannt: Wie einen Kochlöffel bewegt man den Steuerknüppel nach links oder rechts, oder spielt ständig an der Motorleistung herum, um ein Verhalten des Flugzeugs ausgleichen zu wollen, das zwar für den Moment unerwünscht scheint, aber das sich in den meisten Fällen wenige Momente später ganz von selbst korrigieren wird. Man arbeitet also gegen die natürliche Stabilität des Flugzeugs.

Dass das auf Dauer sowohl körperlich anstrengend ist als auch generell stresst, kann man sich bestimmt denken. Körper und Geist sind angespannt statt entspannt, als wäre man ständig auf dem Sprung. Zwar ist es wichtig, aufmerksam zu sein, den Luftraum zu beobachten und die Instrumente im Auge zu behalten. Aber wenn man sich schon beim normalen Fliegen, wo absolut nichts Aufregendes passiert, ständig unter Strom setzt, ist es viel schwieriger, ruhig und besonnen zu bleiben, wenn wirklich mal was Unerwartetes geschieht. Man weiß dann zwar, was zu tun ist, kann das aber nicht, nicht richtig oder nur verzögert in Handlungen umsetzen. Was dann unter Umständen alles noch schlimmer macht.

Letztlich sollte man also darauf vertrauen, dass das Flugzeug das tut, wofür es gebaut wurde: Fliegen. Meine beiden Fluglehrer geben sich glücklicherweise viel Mühe, dass ich dieses Vertrauen immer wieder bestätigt sehe, und dafür, dass ich früher Flugangst hatte, sind wir sehr weit gekommen. Eine Übung haben wir heute einige Male gemacht: Für einige Sekunden den Schubhebel und den Steuerknüppel loslassen, die Hände auf die Oberschenkel zu legen, den Blick nach draußen schweifen lassen, die Landschaft genießen, das Flugzeug einfach machen lassen, tief durch die Nase ein- und langsam durch den Mund ausatmen, und dann körperlich und geistig entspannter wieder übernehmen. Trotz einiger spürbarer Thermik, tiefen Wolken und ziemlichem Wind hat sich das sehr positiv auf den weiteren Flug ausgewirkt.

Mein Rundflug heute um Magdeburg

Eigenstabilität der Kommunikation

Was hat das alles nun mit Kommunikation zu tun? Meine These ist, dass wir auch in Kommunikationssituationen, etwa zwischen Kund*in und Mitarbeiter*in einer Hotline, von einer Eigenstabilität der Kommunikation sprechen können, die wir dazu nutzen können, die Kommunikationssituation insgesamt ruhiger und erfolgreicher zu erleben.


Zu Teil II

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(Titelbild: Mopsgesicht / Pixabay.com)