Cyborg gegen KI? Elon Musks „Neuralink“

Auf den Unternehmer Elon Musk scheint der etwas abgegriffene Begriffs des „Machers“ noch zu passen: Elektroautos nicht nur bauen, sondern als attraktiv vermarkten? Das tut Musk mit seiner Firma Tesla, in die er seit 2004 investiert. Dafür in Windeseile eine Fabrik in Brandenburg hochziehen? Scheinbar trotz Protesten kein Problem. Eine private Alternative zur staatlichen US-Raumfahrt bieten? Musk und SpaceX tun das seit 2002; vor ein paar Monaten erstmals auch mit zwei Astronauten an Bord. Menschen und Fracht mit fast Schallgeschwindigkeit durch Tunnelröhren transportieren? Daran arbeitet seit 2013 Musks Hyperloop-Projekt.

Doch neben Transportmitteln interessiert sich Elon Musk auch für die Natur des Menschen selbst: Seit 2016 untersucht Musks Firma Neuralink Möglichkeiten, Computerchips in menschliche Gehirne einzupflanzen. Gehirnchips, die unsere Fähigkeiten erweitern – für die einen Horrorvorstellung, für die anderen nur Beginn transhumanistischer Sehnsucht. Den Prototypen eines Gehirnchips stellte Musk im Juli 2019 vor, und in einem Livestream präsentierte er am Samstag einige Fortschritte bezüglich der Implantation des Chips selbst – 1.024 Elektroden werden von einem Roboter implantiert, angeblich sanfter als bei früheren Methoden (Bericht bei golem.de).

Soll es am Anfang noch um Unterstützung für körperlich beeinträchtigte Menschen gehen, ist Musks Fernziel, die kognitiven Fähigkeiten von Menschen so zu steigern, dass wir mit Künstlicher Intelligenz (KI) mithalten können. Musk hat schon früher betont, dass er KI als zwar nützlich, aber auch als potenzielle Bedrohung ansieht; er unterstützt deshalb die Non-Profit-Organisation OpenAI, die im März mit GPT-3 die bislang am erfolgreichsten funktionierende KI zur Erzeugung längerer englischsprachiger Texte vorgestellt hat.

Die Philosophin Susan Schneider warnte 2019 nach Musks Ankündigung vor den Gefahren, die Musks Pläne für den menschlichen Geist bedeuten würden. In der Financial Times und in der New York Times warnte Schneider vor einem „Selbstmord des menschlichen Geistes“ (näher ausgeführt hat Schneider das etwas später in ihrem Buch „Artificial You: AI and the Future of Your Mind“). Erstaunlicherweise wurde in den Medien aber kaum über Musks Ausgangsthese gesprochen, die ja besagt, dass wir von KI bedroht werden und gleichsam aufrüsten müssen, um dieser Bedrohung Herr zu werden. Dabei ist gerade das Verhältnis von Mensch und KI eine Frage, die zu klären wäre, bevor wir ihretwegen wahlweise zu Cyborgs werden oder jegliche transhumanistische Idee sofort abtun.

Ist also KI für uns Technik wie jede andere, die wir als mündige Nutzer*innen verwenden, um ein konkretes Problem zu lösen?

Oder ist KI etwas, der wir uns einfach nicht werden entziehen können, von deren Leistungen wir abhängig werden (zumindest, wenn wir gesellschaftlich nicht ‚abgehängt‘ werden wollen), und die uns deswegen auch fremdbestimmen wird?

Die Antwort hängt davon ab, welche Einstellung wir modernen Technologien gegenüber einnehmen. Stehen wir ihnen optimistisch gegenüber, oder nehmen wir sie als Bedrohung wahr?

Unbehagliche Umweltkomplexität

Dass wir uns als Menschen von Technik bedroht fühlen, ist nichts Ungewöhnliches. Das betrifft uns sowohl als Gesellschaft (etwa hinsichtlich Umweltfragen und der Gefahr des Arbeitsplatzverlustes) als auch als Individuen. Insbesondere Technik, deren innerer Aufbau und deren Funktionsweise nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, kann zu Unbehagen führen. Das betrifft erstens ihren Einsatz, wenn wir direkt mit ihr zu tun haben, und zweitens Nebenfolgen, von denen wir als Dritte betroffen sein könnten. Denken wir etwa an das Fliegen:

  1. Viele Menschen haben Flugangst. Die Gründe dafür können vielfältig sein, aber eine der Ursachen können wir als ungläubiges Staunen vor einer als unbegreiflich empfundenen Technik beschreiben: Man ist gleichermaßen fasziniert von der Technik wie man besorgt ist, ob sie auch wirklich wie versprochen funktioniert. Wie kann es sein, dass ein Flugzeug bei Triebwerksausfall nicht einfach vom Himmel fällt? Erst wenn man Funktionsweise und Kontext der am Fliegen beteiligten Techniken und physikalischen Zusammenhänge kennt, kann man Risiken rational abschätzen und begründen.
  2. Neben dem Mitfliegen als Passagier*in sind wir vom Fliegen betroffen, weil es in unserer Umwelt stattfindet und diese Umwelt teils massiv verändert. Darauf reagieren Menschen: Denken wir etwa an Flugscham, an Proteste bei Flughafen-Ausbauten oder an Lärmbeschwerden von Anwohner*innen in Flughafennähe. Nicht das Fliegen selbst wird hier als Bedrohung gesehen, sondern die Folgen und die Voraussetzungen des Fliegens werden als Bedrohung Umwelt und der eigenen Gesundheit wahrgenommen.

Ganz ähnlich ist unsere Beziehung zu Technik insgesamt. Wir sehen uns Technik gegenüber: Wir sitzen als klar abgegrenzte Akteur*innen im Flugzeug, vor dem Computer, wir halten die Bohrmaschine in der Hand, und so weiter. Systemtheoretisch ist das eine Leistungsbeziehung zwischen System und Umwelt. Technik ist Umwelt gesellschaftlicher Systeme, wie Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, aber auch einzelner Nutzer*innen. Nach Niklas Luhmann ist die Leistung von Technik, Komplexität zu verringern. Technik wird von ihren Entwickler*innen so eingerichtet, dass sie diese Leistung in den als am wahrscheinlichsten angenommenen Situationen erbringen kann. Um Technik zu nutzen, müssen wir nur gewisse Grundkenntnisse erwerben und können ansonsten darauf vertrauen, dass die Technik unsere Erwartungen erfüllt (wir müssen freilich auch mit Enttäuschung dieses Vertrauens umgehen).

Die systemtheoretische Perspektive auf Nutzer*in und Technik passt gut auf Verhältnisse, in denen man als Beobachter*in unterschiedliche Systeme und ihre Umwelten klar voneinander abgrenzen kann. Schwierig wird es jedoch, wo diese klare Trennung schwer fällt. Künstlicher Intelligenz etwa stehen wir nicht als gewöhnliche Nutzer*in gegenüber wie einer Bohrmaschine oder einer Textverarbeitung. Womöglich wissen wir gar nicht, dass KI hinter einer erbrachten Leistung steckt.

Im Sommer 2019 füllte die „FaceApp“ kurzzeitig das journalistische Sommerloch. Damit können Sie das Foto eines Gesichts mit KI-Hilfe und Bildverarbeitung verändern, zum Beispiel aus einem jungen Mann einen weise aussehenden älteren Herrn zu machen. Oder aus einer jungen Frau eine nette, gütige „Oma“. Andere, technisch ähnliche Anwendungen, erlauben die Generierung fiktionaler Gesichter, die ebenfalls absolut lebensecht aussehen. Das erleichtert Identitätsbetrug.

Ein noch fiktives bedrohliches Szenario könnte die behördlich angeordnete Einschränkung Ihrer Bewegungsfreiheit sein, weil Sie laut KI-Prognose bald eine Straftat begehen werden, von der Sie selbst noch gar nichts wissen. Womöglich könnten Sie Widerspruch gegen die Entscheidung einlegen, hören dann aber nur die Antwort „Es tut mir leid, aber unsere Risiko-KI hat das so entschieden.“ Dann fühlen Sie sich so hilflos wie einst Josef K. in Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ – einem System ausgeliefert, dessen Entscheidungen man nicht versteht und gegen die man nichts, aber auch gar nichts, tun kann.

So eine KI wäre zwar immer noch Umwelt der anderen Systeme, aber ihre Leistungen kämen eher einer Naturgewalt gleich statt einer kontrollierbaren Technik. Die KI würde eher Umweltkomplexität erzeugen statt sie zu verringern. Wer mag es einem Elon Musk da verdenken, dass er Menschen mittels Chip im Kopf die Möglichkeit geben will, einer KI quasi auf Augenhöhe zu begegnen?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Hauptproblem an Musks Ansatz nicht die technische Machbarkeit. Es ist auch nicht die – philosophisch sicher spannende – Frage, ob ein Chip im Gehirn den menschlichen Geist erweitert, so wie es etwa Andy Clark und David J. Chalmers 2013 in ihrer Extended Mind Theory schon für einfache Techniken wie ein Notizbuch behaupteten (und ähnlich schon früher die Medientheorie Marshall McLuhans), oder ob Susan Schneider mit ihrer Selbstmord-These Recht hat. Wenn wir wirklich von KI bedroht sein sollten, ist das Hauptproblem derzeit, ob Musks Ansatz geeignet ist, das Problem zu lösen, oder ob es nicht auch einfacher geht.

Statt Gehirnchips: Verstehen und Intervention

Eine Alternative finden wir in der Forderung, in Bezug auf Digitalisierung eine „Code Literacy“ auszubilden (so Douglas Rushkoff in seinem Buch „Program or be Programmed“), also verstehen zu lernen, wie Computer und Algorithmen mit unseren Daten umgehen, damit wir mündige Nutzer*innen sein können. In Bezug auf KI denke ich dabei an drei Aspekte:

  • die Fähigkeit, zu erkennen, dass wir in einer bestimmten Situation von KI betroffen sind;
  • das Wissen darüber, was eine KI grundsätzlich tun kann oder nicht – wo also ihre realistischen Fähigkeiten und Grenzen liegen;
  • das Wissen darüber, was Menschen, die eine KI einsetzen, mit ihrer Hilfe tun können oder nicht.

Es geht, kurz gesagt, darum, die System-Umwelt-Verhältnisse der beteiligten menschlichen, gesellschaftlichen und technischen Systeme zu klären und die erwarteten und erbrachten Leistungen einzuordnen. Dann ist es möglich, Interventionsmöglichkeiten zu identifizieren und, anders als Josef K. in Kafkas Roman, KI nicht als mystische Macht wahrzunehmen, die irgendwo im Hintergrund lauert, sondern als Technik wie jede andere auch. Die Ausbildung dieser auf KI erweiterten Code Literacy führt zu einer Demystifizierung, die schon Max Weber in Bezug auf Wahrheitsansprüche gefordert hatte, und an die zu erinnern mir mittlerweile auch für das Alltagsleben geboten erscheint.

Aktuelle KI-Systeme sind lediglich mathematische Modelle, deren Einzelteile fast lächerlich einfach erscheinen können (z.B. das einzelne künstliche Neuron eines neuronalen Netzes). Nur dank der großen Zahl der Einzelteile (z.B. aller Neuronen des Netzes) und mehrfach wiederholter Berechnungsdurchgänge entstehen Ergebnisse, die mitunter selbst die Entwickler*innen überraschen. Aber es ist nach wie vor bloße Mathematik, und eine KI kann nicht, wie in der Science Fiction, auf geradezu magische Art über sich hinauswachsen. Entwickler*innen wählen Trainingsdaten aus, legen Aktivierungsfunktionen und Gewichtungen fest, markieren Ergebnisse als gewünscht, um eine Abbruchbedingung für die Berechnung zu haben, und entwickeln Algorithmen, die selbst bei KI-Systemen auf einer basalen Ebene existieren. Daher tut auch eine KI nur das, wofür sie programmiert wurde. Sie ‚trifft‘ keine eigenen Entscheidungen.

Die Verantwortung für Fehlentscheidungen tragen Menschen, und an die müssen wir uns bei Fehlentscheidungen wenden. Zu verstehen, wie KI funktioniert und zu was sie in der Lage ist (und wozu nicht), hilft dabei. Neben bereits bestehenden Arbeiten zur menschenfreundlichen Darstellung von KI-Entscheidungsprozessen wäre es wünschenswert, wenn die Modelle und Datenbasen einer KI einer Open-Source-Pflicht unterliegen würden. Darüber hinaus bedarf es gesellschaftlicher Organisationsformen als Entlastungsfunktion – zum Beispiel in Form spezieller Abteilungen in Unternehmen und Behörden, die unsere Widersprüche gegen KI-Entscheidungen bearbeiten und KI-Entscheidungen übersteuern können, sowie neutraler Schiedsstellen, an die wir uns wenden können, wenn eine andere Einigung nicht möglich ist. Ein zu erwartender Wegfall von Arbeitsplätzen durch KI muss gesellschaftlich bearbeitet werden – von Fortbildungsprogrammen bis hin zu Grundeinkommensmodellen (denn trotz Fortbildung wird nicht jede*r eine andere Tätigkeit finden), ebenso wie mögliche ökologische Folgen des Energieverbrauchs.

Dies wären Ansatzpunkte für eine menschliche Umgangsweise mit Herausforderungen von KI-Einsatz – zwar kritisch und durchaus der Gefahren bewusst, aber unaufgeregt und grundsätzlich technik-optimistisch. KI hingegen als quasi naturgegebene Macht anzusehen, der wir uns nur durch technische Aufrüstung im Gehirn erwehren können, kommt der Bekämpfung von Feuer mit Öl gleich. Neuralinks Produkt wäre für diesen Einsatzzweck eine Technik, die mehr Komplexität schafft als sie verringert, und zumindest in dieser Hinsicht widersinnig. Nicht nur aus Machbarkeitsgründen wäre es sinnvoller, den Fokus auf die viel naheliegenderen medizinischen Möglichkeiten solcher Chips zu legen, die Musk aber nur als Einstieg sieht.

Titelbild: chenspec / pixabay.com

Den Artikel habe ich zeitgleich in meinem Blog in der Freitag.de-Community gepostet.

GameStar-Podcast zu Flugsimulation

Vor ein paar Tagen hat Microsoft einen neuen Flight Simulator veröffentlicht. Die GameStar bringt dazu ein Sonderheft raus, für das ich diverse Artikel beigesteuert habe. Außerdem gibt es begleitend einen Podcast, in dem unter anderem ich interviewt wurde und der heute online ging (leider hinter der Paywall): https://www.gamestar.de/artikel/podcast-flight-simulator,3361102.html

Mehr Spiele, Feste und Gemeinschaft bitte! Byung-Chul Han: Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart.

Byung-Chul Han, der Schnellschreiber im digitalen Zeitalter, hat wieder ein Buch vorgelegt, das äußerst inspirierend daherkommt und dem unverwechselbaren Han-Stil entspricht. Es ist nicht so leicht, Rezensionen zu Büchern des Philosophen und Diagnostiker des digitalen Zeitalters zu schreiben, da sie in sich sehr organisch sind und in ihrer Gesamtheit immer einen fortlaufenden Gedankenprozess an einem Stück darstellen – vergleichbar mit einem Kinofilm, der ohne einen einzigen Schnitt gedreht wurde und nur aus einer einzigen Einstellung besteht.

In seinem Buch „Vom Verschwinden der Rituale“ greift Han seine alten Themen wieder auf – nämlich die Beschreibung der aktuellen Digitalisierungsgesellschaft, die vom Subjekt und nicht mehr durch die Gemeinschaft bestimmt wird. Dieses Mal geht Han von Ritualen aus, die als symbolische und formalistische Handlungen der modernen Gesellschaft abhanden gekommen seien. Rituale bringen eine „Gemeinschaft ohne Kommunikation“ hervor, während unsere heutige Gesellschaft durch eine „Kommunikation ohne Gemeinschaft“ geprägt sei. Wir leben in einer Gesellschaft ohne „Symbolkraft“, sagt Han, denn Daten und Informationen haben nichts Bleibendes an sich, sondern ändern sich ständig, so dass sie der Gesellschaft keine Stabilität bieten und kein kontemplatives Verweilen mehr zulassen. Die Logik des Kapitalismus nimmt den Dingen ihre Dauer, da die Dinge ständig neu produziert und konsumiert werden. Auch das scheinbar Moralische, womit vor allem verschiedene Varianten der Selbstoptimierung gemeint sind, wird vom Kapitalismus absorbiert und sofort verwertet, so dass sich die moralischen Werte nicht auf die Gemeinschaft beziehen, sondern damit nur der eigene „Selbstwert erhöht wird“.

Die digitale Gesellschaft zeichnet sich laut Byung-Chul Han durch ständige Wiederholungen des immer Gleichen aus. Es handelt sich hierbei jedoch um eine andere Art des Wiederholens als bei Ritualen, die ja auch das Element der Wiederholung in sich tragen, aber dadurch gekennzeichnet sind, dass sie in sich geschlossen sind, so Han. Er stellt die These auf, dass sich Daten und Informationen uns in einer Endlosschleife präsentieren, aus der wir uns nicht befreien können und wodurch das Leben zu einem reinen Überleben verkommt ohne jegliche symbolische Rituale, die eine Gemeinschaft festigen. Die souveräne Lebenskunst und das sinnlose Verweilen gehen damit verloren. Der fortwährende kapitalistische Produktionszwang negiere den Abschluss des Lebens. Der Tod werde nicht mehr akzeptiert.

Rituelle Zeremonien wie Gottesdienste, religiöse Feiertage, benötigen laut Han keine Psychologie und keine Empathie, weil das Subjekt im Kollektivismus aufgeht und die eigenen, subjektiven Probleme keine Rolle mehr spielen. Der Mensch fühle sich im kollektiven Ritual geborgen und eingehaust. Leider wird Han an dieser Stelle nicht konkreter, so dass man sich ein paar Beispiele für rituelle Handlungen gewünscht hätte, die man wieder aktivieren könnte, ohne dass sie aus der Zeit gefallen wirken und ihr erneutes Aufleben nicht konstruiert wirkt. Denn bei dem Wort Ritualehaben wir sowohl negative als auch positive Assoziationen. Schöne Rituale können beispielsweise ein ausgiebiges Frühstück am Wochenende oder eingeübte und beruhigende Abläufe vor dem Schlafengehen sein. Wir denken wir bei Ritualen aber auch gleichzeitig an dunkle Geheimnisse und an mystische Begebenheiten.

Des Weiteren kritisiert Han, dass die digitalen Menschen ständig neue Reize benötigen, immerzu konsumieren und damit die Dinge keine Geschichten mehr erzählen und keine Erinnerungen in sich tragen. Außerdem wendet er sich gegen Veranstaltungen, die nur mehr Events genannt werden und damit die Flüchtigkeit schon im Namen tragen. Aus meiner Sicht widerspricht sich Han hier in gewisser Weise selbst, da zum Beispiel auch große Musikkonzerte etwas rituelles an sich haben, da sich die Zuschauer:innen dabei völlig entrückt verlieren können und in Ekstase geraten – ohne sich als Subjekt wahrzunehmen. Und gerade solche emotionalen Großereignisse verinnerlichen besonders junge Menschen sehr stark und bewahren sie dauerhaft als Erinnerung und wertvolle Zeit in ihrem Leben.

Gleichzeitig stimme ich Han dahingehend zu, dass er ähnlich wie ich in meinem Buch „Smiley Herzchen Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im digitalen Zeitalter“ die Leichtigkeit und die Gelassenheit in unserer gegenwärtigen Gesellschaft vermisst. Er vermisst vor allem das Spielerische und Theatralische und die oberflächliche Höflichkeit als rituelle Handlungen, wie sie im 18. Jahrhundert üblich waren und heute noch in der japanischen Gesellschaft gelebt werden. Han plädiert auch für das Spielerische, das Schauspielerische und die Schönheit von Sprache, die nichts meinen muss und nur durch den Schein des Schönen attraktiv ist.

Einige Sätze im Buch sind aus meiner Sicht etwas zu plakativ formuliert, zum Beispiel: „Den neoliberalen Dispositiven wie Authentizität, Innovation oder Kreativität wohnt ein permanenter Zwang zu Neuem inne. Sie erzeugen aber letzten Endes nur Variationen des Gleichen“. Meiner Meinung nach fehlt dem digitalen Zeitalter gerade Authentizität und Kreativität, wodurch alles mehr und mehr gleich wirkt. Im Kult der Authentizität erkennt Han dagegen eine Verrohung der Gesellschaft – eine mittlerweile inflationär gebrauchte Aussage in unserer Gesellschaft. Da verweise ich immer gern auf die Weltkriege im 20. Jahrhundert. Wenn wir jetzt eine Verrohung der Gesellschaft haben – was hatten wir dann damals?

Auch wenn sich Byung-Chul Han in seinen Büchern selbst zu Wiederholungen neigt, so findet man in ihnen immer wieder geniale Sätze, die einen inspirieren und verführen und wofür sich das Lesen seiner Bücher lohnt, wie zum Beispiel: „Die Depression entsteht am Nullpunkt der Resonanz […]. Das neoliberale Regime vereinzelt die Menschen. Gleichzeitig wird die Empathie beschworen. Die rituelle Gesellschaft benötigt keine Empathie, denn sie ist ein Resonanzkörper.“

(Titelbild: Free-Photos auf Pixabay.com)

Laptop, Internet und Yogalehr-Ausbildung gehen jetzt auch zusammen Teil 3/3

Eine der letzten analogen Hochburgen, die Yogalehr-Ausbildung ist nun auch digital. Ich durfte dabei sein! Dies ist Teil 3 von 3, meines Erfahrungsberichtes, aus dem sich Wertvolles und Hilfreiches für den Alltag im digitalen Zeitalter ableiten lässt. In der ersten Woche berichtete ich kurz von der Geschichte der Yogalehrtradition und vom Intensiv-Programm des analogen Formates im Ashram (klosterähnliches Meditationszentrum1 /Ort, an dem Yoga und andere spirituelle Praktiken praktiziert und gelehrt werden2).

In der zweiten Woche berichtete ich vom Online-Format und davon, wie Analog- und Onlineformat der Yoga-Lehrausbildung mit all seinen Gesunderhaltungsmaßnahmen zum Aufbau neuer gesünderer Verhaltensweisen anregen kann.

Nun möchte ich, nach zwei-wöchiger freiwilliger Isolation mit Intensiv-Programm in den eigenen vier Wänden, etwas zur sozialen Komponente der Online-Yogalehr-Ausbildung sagen.

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Wo Menschen sind, da menschelt’s!

Ein großer Vorteil der Online-Ausbildung war aus meiner Sicht, dass ich mich ganz auf mich selbst fokussieren durfte. Viele Gespräche, das ‚Sich zum Essen verabreden‘, sich gemeinsam über die Intensität des Programmes ärgern, oder darüber, dass der Dozent gefühlt immer überzieht, obwohl das Programm schon so dicht ist, sich gemeinsam über nervig oder überflüssig empfundene Fragen anderer Teilnehmer*innen ärgern und Höflichkeiten, wie das Türen aufhalten, fallen weg.

Hier besteht eine gewisse Gefahr, dass ihr mich im besten Fall für unsozial haltet. Das bin ich ganz sicher nicht. Wenn es nun aber für ein bis zwei Wochen das Ziel ist, nach innen zu schauen, zu beobachten auf welchen Schaukeln denn die Affen im eigenen Kopf so unterwegs sind und zur Ruhe zu kommen, ist es sinnvoll nicht unentwegt nach außen reagieren zu müssen.

Im Alltag und auch an den Schweigetagen im Analog-Format im Ashram merkte ich, wie wahnsinnig energieaufwendig und anstrengend Kommunikation doch sein kann.

Obwohl für die menschliche Psyche und darüber auch für den Körper unverzichtbar, wertvoll, freude-bringend und gesund, wenn erfolgreich, tun sich in zwischenmenschlicher Kommunikation eben auch immer wieder schwere Abgründe und Missverständnisse auf. Diese wiederum können das Gefühl von Unverstanden sein, unmittelbar damit verbunden, der Einsamkeit und tiefer Traurigkeit mit sich bringen.

Das liegt heute sehr viel daran, dass das Gegenüber in der Regel, vor allem im Alltagsstress und irgendwann aus Gewohnheit, gar nicht wirklich zuhört (im Sinne von Aktivem Zuhören nach Carl Rogers), sondern seine eigenen Neuronen schon auf der Suche nach eigenen Mustern sind, die dann als Antwort von den zuständigen Motoneuronen ausgespuckt werden und mit meiner Aussage nicht mehr viel zu tun haben. Häufig fängt der Satz des Gegenübers dann auch mit ‚aber‘ an, oder wird irgendeine Art von Belehrung.

„Ich weiß nicht, was ich gesagt habe, bevor ich die Antwort meines Gegenübers gehört habe.“

Paul Watzlawick

Herz und Kopf schmerzen mir dann, weil ich weiß, dass dies wieder eines der Gespräche ist, die nicht auf Augenhöhe stattfinden und nicht dafür da sind, das Gegenüber tatsächlich besser zu verstehen.

Und selbst wenn das Zuhören klappt, sind Realitäten, Worte und Interpretationen von Worten beider am Gespräch Beteiligter so vielschichtig, dass man doch häufig aneinander vorbei redet und es eben ganz viel Zeit, Herzwärme und aktives Zuhören braucht, bis sichergestellt ist, das Person B die Lebenswelt von Person A ansatzweise verstanden hat und so auch für sich selbst etwas neues mitnehmen kann.

Bildquelle: unbekannt

Wenn es bei all diesem Aufwand nur um das Wetter geht, darum, ob es nun zu warm, zu kalt, zu windig, zu wolkig, zu sonnig, zu trocken, zu nass ist, dann möchte ich mir den Energieverlust, welcher meinem Gehirn bei diesem Gespräch entstehen würde, gerne ersparen.

Die Schweigetage im Analog-Format der Ausbildung und das Online-Format boten sich hervorragend an, um selbst zu merken, welche Gespräche wirklich nötig sind und welche eben unnötig. Ganz herrliche Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin.

Und doch möchte ich deutlich hervorheben, dass eine dauerhafte Isolation der Gesundheit schadet. Ich habe mich (so gut es eben durch die Corona-Maßnahmen ging) vorbereitet, z.B. habe ich vor und nach meiner zwei-wöchigen freiwilligen Isolation sehr proaktiv dafür gesorgt, Treffen mit Freund*innen zu haben und auch an den zwei halb-freien Tagen des Online-Formats unter Menschen zu sein und einige der Pausen draußen an der frischen Luft zu verbringen.

Auch handelte es sich bei der Online-Ausbildung zwar um einen längeren Zeitraum ohne körperliche Kontakte. Ich war aber doch den ganzen Tag intensiv und gemeinsam mit rund 40 anderen Teilnehmenden in ein Programm eingebunden und hatte so eine feste Struktur. Solch eine feste Struktur kann sehr viel Sicherheit mitbringen und konnte für mich so einige Unsicherheiten und fehlende Routinen im Zusammenhang mit den notwendigen Corona-Maßnahmen ausgleichen.

Wir brauchen den persönlichen Kontakt und das persönliche Gespräch, auch wenn es nicht immer zufriedenstellend sein sollte. Auch das muss sich beobachten und durch geeignete Werkzeuge aushalten oder ändern lassen.

Uta Buttkewitz veröffentlichte ja gerade zur Kommunikation im digitalen Zeitalter mit seinen Herausforderungen und möglichen Gefahren in der Über/Strom-Reihe ihr Buch „Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co.“

Tiefes Lernen durch tiefe Erfahrungen

In der Online-Ausbildung konnte ich mich sehr gut auf die Lehrinhalte konzentrieren. Ich konnte selbst mal eben etwas nachschlagen oder vertiefen und die Inhalte sind bei mir deshalb und aufgrund der stressfreien Umgebung auch sehr gut ‚hängen‘ geblieben. Inhalte, von denen ich ohnehin schon mehr weiß, als die Ausbildung abdecken konnte, z.B. Körperphysiologie, habe ich weniger intensiv gehört, bzw. tiefere Parallelen zum Yoga ziehen und verinnerlichen können.

Ohne Ablenkungen von außen war auch die Konzentration in der Meditation für mich leichter zu erreichen. Auch die Tiefenentspannung war tiefer und energetisierender. Und weil ich so ohne große Ablenkung war, habe ich auch Dinge gelernt, die ich in der Präsenzausbildung vermutlich nicht in Angriff genommen hätte. So kann ich jetzt auch den Kopfstand und übe das Rad. Am Pfau versuche ich mich auch, aber der braucht noch ein bissel bis ich ihn vorführen wollen würde.

Gemeinschaftsgefühl geht auch online

In unserer Online-Ausbildung gab es viele engagierte Teilnehmende, welche auch kleinere Gruppen für Chats und WhatsApp-Gruppen zum Austauschen organisiert haben.

Auch die Lehrproben fanden in kleinen Gruppen von 3-4 Personen statt, in denen wir hübsch geschnattert haben, Daumen für den Prüfling gehalten haben, uns anleiten lassen haben, selber Prüfling waren… Das hat ein schönes Gemeinschaftsgefühl geschaffen. 

Unsere Ausbilder*innen und das Team drumherum haben durch ihre persönliche Art und persönliche Geschichten viel Nähe geschaffen. Die Hauptausbilderin meinte sogar, dass sie in der Online-Ausbildung mehr Persönliches geteilt hat, als jemals zuvor in den Präsenz-Ausbildungen. Einer der Zoom-Technik-Verantwortlichen hat uns über WhatsApp, Bilder von ‚hinter den Kulissen‘ geschickt, weil er diese Ansicht mit uns teilen wollte. Das fand ich großartig und hat für mich viel Nähe geschaffen.

Der Höhepunkt an Gemeinschaftsgefühl war für mich der bunte Abend, den wir Teilnehmenden selbst organisierten. Hier haben viele Teilnehmenden Geschichten aus dem eigenen Leben erzählt. Eine Teilnehmerin hat aus ihrem Nepal-Reisetagebuch gelesen, das war sehr berührend. Andere haben musikalisch performt, eigene Gedichte gelesen, oder uns zu indischen Rezepten angeleitet.

In der Summe gab es sehr viele, sehr schöne soziale Gemeinschaftserlebnisse in der Online-Ausbildung, so dass zumindest ich mich in meinem zwei-wöchigen Rückzug niemals allein, geschweige denn einsam gefühlt habe.

Namasté und viele Sonnengrüße

Kathrin

Literaturverlinkungen

1 www.de.wikipedia.org/wiki/Aschram

2 www.wiki.yoga-vidya.de/Ashram