Böhmermann und Precht zur Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz

Letzte Woche Sonntag habe ich im ARD-Magazin „Titel, Thesen, Temperamente“ einen Beitrag über den Moderator und Journalisten Jan Böhmermann gesehen, der gerade sein Buch mit dem Titel Gefolgt von niemandem, dem du folgst: Twitter-Tagebuch. 2009-2020 veröffentlicht hat. Mein erster Gedanke war: Meine Güte, jetzt bringt der Böhmermann auch noch so ein nichtssagendes Twitter-Buch heraus, angelehnt an Rainald Goetz` Abfall für alle oder an Walter Kempowskis Tagebuch Alkor. Aber dann wurde ich hellhörig, als Böhmermann den Grund für die Veröffentlichung des Buches erklärte und nicht mit dem üblichen Allgemeinplatz daherkam, dass unsere reale Welt sich mittlerweile vor allem digital abspielt und wir deshalb anhand von Tweets die Geschehnisse der Welt erklären können. Nein, Böhmermann sprach sehr differenziert von einem Paralleluniversum, zu dem wir uns jeden Tag neu verhalten müssen und welches aufgrund seiner Konstruiertheit eben nicht die reale Welt abbildet. Dadurch werde zum Beispiel der Eindruck erweckt, als wenn fast schon die Mehrheit der deutschen Bevölkerung rechts denkt, weil die Rechten die sozialen Medien sehr clever für sich zu nutzen wissen.

Böhmermann plädiert für die Vergemeinschaftung von Google, Twitter & Co. Es ist nicht etwa so, dass er die erste prominente Person ist, die auf diesen Gedanken kommt. Aber in dieser eindrücklichen Form und mit einer klar verständlichen, einleuchtenden Argumentation, habe ich es lange nicht vernommen – nämlich, dass Google, Facebook und Twitter mittlerweile eine Infrastruktur bilden, die zu wichtig und systemrelevant ist (ähnlich wie Eisenbahn, Telefon, Fernsehen u.a.), um sie in der Hand von kommerziellen Firmen zu belassen.

Richard David Precht schreibt in seinem neuen Buch Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens, dass Google, Facebook und Amazon die Ökonomie mittlerweile soweit verändert haben, dass diese Firmen nun selbst zu Märkten wurden: „Kontrolliert wird der Markt nicht durch staatliche Ordnungspolitik, sondern durch eine Reihe subtiler Methoden wie Interfaces, Ratings und Trackings, durch die sich Nutzerverhalten steuern und Daten schöpfen lassen.“

Das sind alles keine ganz neuen Erklärungen – aber es ist wichtig, sie immer wieder zu äußern, um bei den Menschen die Reflexion darüber zu schärfen, wie sehr sie schon von der Digitalisierung und ihren (scheinbaren) Innovationen abhängig sind. Precht betont in seinem Buch den Unterschied zwischen Innovation und Fortschritt, nämlich, dass jede neue Innovation zur Künstlichen Intelligenz aus dem Silicon Valley noch lange kein Fortschritt für die gesamt Menschheit bedeutet. In erster Linie gehe es den „Propagandisten der Hightech-Konzerne“ nicht darum, das soziale menschliche Miteinander auf unserem Planeten zu verbessern, sondern um rein wirtschaftliche Interessen. Und dieses ökonomische Ziel einiger Konzerne steht im starken Widerspruch zu gemeinsamen Interessen aller Menschen, wofür Ethik-Kommissionen und differenzierte Debatten in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen notwendig sind. Mario Donick hat darüber auch in seinem Essay „Cyborg gegen KI? Elon Musks „Neuralink“ geschrieben.

Gleichzeitig stellt sich Precht jedoch auch die Frage, was im Zuge der Weiterentwicklung von KI mit dem einzelnen Menschen passiert, der zwar als Konsument*in, Verbraucher*in und Nutzer*in eine große Rolle spielt, jedoch nicht, wenn es um sein ganz persönliches Wohlbefinden geht. Und ist es nicht auch wirklich so, dass durch Digitalisierung und KI den Menschen technische Neuerungen aufgezwungen werden, die sie subjektiv für sich gar nicht so positiv bewerten, aber in einem technischen Ordnungsrahmen gefangen sind, der ihnen nicht nur einen wissenschaftlichen objektiven Fortschritt bietet, sondern auch versucht, in seinen ganz persönlichen, privaten Bereich vorzudringen? Im Rückgriff auf den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard fragt Precht, wie wir in der modernen, digitalisierten Welt unseren Platz finden, glücklich werden können und unsere eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse nicht in den Hintergrund drängen lassen. An dieser Stelle hat Precht einen ganz wichtigen, wunden Punkt getroffen; nämlich inwiefern wir uns durch den derzeitigen Optimierungsfuror von unserer eigenen Natur zu weit entfernen könnten. Im Gegensatz zu Precht bin ich in dieser Hinsicht jedoch etwas optimistischer.

(Titelbild: Gerd Altmann auf Pixabay.com)

Zur Anmutung von Zeitungsartikeln

Die Zeitung als Printmedium hat lange Zeit die für eine Gesellschaft gerade relevanten Themen gesetzt — im wahrsten Sinne des Wortes, denn auf dem begrenzten Blatt Papier drückt sich auch im Satzspiegel aus, was mehr oder weniger relevant ist: Wie groß wird ein Artikel dargestellt, ist er gar Aufmacher auf der Titelseite oder prominent auf Seite 3? Welche Bilder werden ausgewählt, welche weggelassen? Von welchen anderen Artikeln wird ein Text eingerahmt, von welcher Werbung wird er begleitet, und damit mal bewusst, mal unfreiwillig kontextualisiert?

Wenn dabei nicht aufgepasst wird, führt das manchmal zu schlimmen Peinlichkeiten. Im Jahr 2006 etwa verkündete ein Strom- und Gasanbieter: „E.ON sorgt schon heute für das Gas von morgen“. Die Anzeige erschien damals in der „Lüneburger Landeszeitung“ direkt neben einem Artikel, der eine Ausstellung zum Schicksal nach Auschwitz deportierter Sinti thematisierte; in weißer Schrift auf rotem Hintergrund nahm sie ein Viertel der Seite ein. Diese krasse Unachtsamkeit schaffte es als Medienereignis dann in viele andere Medien … Jedenfalls wird die Anmutung bzw. Wahrnehmung eines Artikels von seiner Gestaltung und seinem Kontext beeinflusst.

Beispiel: Feuer an der US-Westküste – Print und e-Paper

Man kann dies gut erkennen, wenn man den selben Artikel mal in der gedruckten Zeitung, mal im als Druck-Layout vorliegenden e-Paper und mal im auf Internet- oder App-Format optimierten Design anschaut.

Die „Washington Post“ berichtete gestern über die ausgedehnten Feuer an der US-Westküste. In der Printausgabe und im e-Paper war der Artikel zweigeteilt: Der Artikel war Aufmacher auf der Titelseite. Dort war er in der oberen Hälfte mittig platziert, die Überschrift „it burns your chest“ und die vier Textspalten waren von viel Weißraum umgeben, darüber das Foto einer Amerikanerin, die derzeit in Auto und Zelt lebt, aber immerhin mit Teppich, Campingtisch und Blumengesteck; hinter ihr Wohnwagen, grelle Flutlichter und der apokalyptische Dunst der rauchverhangenen Atmosphäre.

Eingerahmt wird der Artikel durch kürzere Artikelanfänge, darunter ein Text, der den Zusammenhang der Feuer mit dem Klimawandel hervorhebt, und ein Artikel, der die Auswirkungen Corona-induzierter Arbeitsplatzverluste auf das US-amerikanische Gesundheitsfürsorgeprogramm Medicaid zum Thema hat. Sie alle sind in der Zeitung fortgesetzt.

Der Aufmacher wird ebenfalls weiter hinten fortgeführt. „In their hair, in their clothes, in their cars, in their lungs“, fasst die Überschrift eine Kernaussage des Artikels zusammen (dass der Rauch und Ruß überall sind, dass man ihm nicht entkommen kann, dass man ihn nicht abgewaschen bekommt).

Die oberen zwei Drittel der Seite werden durch drei schwarz-weiß Bilder dominiert, um die herum der Text des Berichts gesetzt ist. Das untere Seitendrittel enthält einen weiteren Artikel, der sich mit dem Besuch Donald Trumps in Kalifornien und Angriffen Joe Bidens gegen Trump befasst.

Insgesamt mutet das Thema des Artikels durch seinen Umfang, seine Positionierung, seine Gestaltung und seine Flankierung durch verwandte Artikel wichtig an. Die Bildauswahl und -anordnung erzeugen eine bedrückende Atmosphäre, die die im Text beschriebenen Atemprobleme durch die starke Rauchbelastung widerspiegelt. Man muss sich etwas Zeit nehmen, den Artikel vollständig zu lesen und zu erfassen. Die Berichterstattung nimmt im Layout von Druckausgabe bzw. e-Paper den Raum ein, der dem Thema gebührt und lässt das Thema intensiv wirken.

Dagegen die für App und Online optimierte Darstellung

Die App der „Washington Post“ bietet neben der der Druckausgabe entsprechenden e-Paper-Ansicht auch eine für Bildschirme optimierte Darstellung, die man durch Antippen der einzelnen Artikel aufruft. Diese Darstellung ist wesentlich nüchterner und letztlich ein langer Fließtext, durch den man sich viel schneller scrollt als durch das Print-/e-Paper-Layout. Er ist zudem mit zusätzlichen Fotos illustriert, die Fotos werden alle farbig angezeigt und im Text sind ein paar Hyperlinks enthalten — eben ein typischer Beitrag, wie er auch auf der Internetseite der Zeitung erscheint. Obwohl der Text identisch ist, ist seine Darstellung / seine Anmutung und damit seine Wirkung eine andere.

Der Artikel, der auf der Titelseite der Printausgabe gerade durch den Weißraum und seine Position hervorgehoben war bzw. im Innenteil wie ein schwerer Monolith wirkt, verliert in der optimierten Darstellung seine Präsenz. Er wird von dominanten Fotos erdrückt und reiht sich nahtlos in den endlosen Strom aus Neuigkeiten ein, dem wir im Internet ständig ausgesetzt sind und der schnell an uns vorüberzieht. Das schnelle Scrollen verführt zum Überfliegen; der Blick bleibt eher an den Bildern hängen als sich auf die Worte einzulassen. Eher kommt es zum Querlesen, zum schnellen Fakten-suchen im Sinne der 6 journalistischen „W“-Fragen des Wer, Was, Wo, Wann, Wie und Warum. Ist das beantwortet, wischt es sich schnell zum nächsten Text.

Geschrumpfter Riese

Zum Schluss noch ein Blick auf ein ähnliches Beispiel aus der deutschsprachigen Zeitungslandschaft. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat eine App, die im e-Paper ebenfalls das Layout der gedruckten Zeitung anzeigt. Aber wie winzig wirkt diese eigentlich so große, fast monumentale Institution auf dem Tablet-Bildschirm!

Die Seiten, die man sonst nur äußerst raumgreifend bequem lesen kann, werden zu Vorschauen reduziert (1. Bild oben), in die man zwar hineinzoomen kann (2. Bild), deren leibliche Wirkung sich als e-Paper aber trotzdem nicht einstellen will, sodass man am Ende vielleicht doch den nüchternen Fließtext aufruft (3. Bild), um sich schnell zu informieren, statt für längere Zeit in die vom Satz angelegte Atmosphäre einzutauchen.

(Titelbild: Th_G / Pixabay.com; die Screenshots der Apps von Washington Post und ZEIT dienen zur Verdeutlichung der Beobachtungen dieses Artikels.)

Qualitätswerb…, äh, zeitungen

Ein paar Mal im Jahr, meist im Spätwinter und im Spätsommer, verfalle ich in eine Phase verstärkten Zeitung lesens. Statt hektisch durch die Online-Angebote von Spiegel, Zeit & Co. zu scrollen, kaufe ich Printmedien oder zumindest deren kostenpflichtige Produkte in App-Form. Dann tauche ich für Stunden in den analog-digitalen Blätterwald ein. Ich nehme mir Zeit für längere Artikel, an deren Ende keine aufgebracht-verbitterten Kommentare von Leser*innen warten, die den Artikel augenscheinlich nicht oder nicht vollständig gelesen haben oder ihn mit Absicht missverstehen wollen.

Letztes Jahr führte das übrigens ins Extrem: Anfang 2019 fuhr ich für je ein paar Tage erst nach Wien, dann nach Berlin und dann nach Rostock — um die vor Ort wichtigen Zeitungen zu lesen und das mit ziellosem Umherstreifen durch die Stadt zu verbinden. Was zumindest in Wien leider verdammt kalt war. Ich hatte jedenfalls vor, daraus vielleicht irgendwann einen längeren Essay zu machen — „Zeitung lesen in …“, aber am Ende dieses Urlaubs war ich so platt, dass ich für mehrere Wochen keine Zeitungen mehr anguckte und auch das Vorhaben vorläufig zu den Akten legte. Es ist so viel einfacher, irgendwelche Bücher über Probleme menschlicher Computernutzung, Computerspiele und Flugsimulation zu schreiben, als medientheoretisch relevante Texte …

Bei überregionalen Zeitungen, die nicht als Boulevardblätter gelten, nutzt man gern den Begriff „Qualitätszeitung“. Das DWDS definiert das so: „Qualitätszeitung — Zeitung mit hohen journalistischen Standards und anspruchsvollen Inhalten“. Einen für das Selbstverständnis solcher Zeitungen aufschlussreichen Beleg für das Vorkommen des Begriffs findet das DWDS in einem FAZ-Artikel vom 17.03.2003: „In einem wahrhaft evolutionären Prozeß hat sich in den vergangenen Jahren bei den deutschen Qualitätszeitungen eine wachsende und immer umfassendere intellektuelle Kompetenz herausgebildet.“

Solcher Anspruch kostet natürlich Geld, und so stecken diese Zeitungen voller Werbung, die wesentlich stilvoller daherkommt als Online-Werbung — sozusagen Qualitätswerbung.

Während Online-Werbung meist ein stressiges Hintergrundrauschen ist, das man auch durch Gewöhnung nie ganz ausgeblendet bekommt (… Ad Blocker wären natürlich auch eine Methode, aber ganz um ihre Einnahmen bringen will man die Portale dann doch nicht), wirkt die Werbung in Printzeitungen immer ganz massiv im Moment. Ganzseitige Anzeigen von Modemarken mit komisch gekleideten Leuten, riesige Autowerbung oder mehrseitige Sonderbeilagen von Uhrenherstellern nehmen das komplette Sichtfeld ein und sagen mir deutlich, dass ich nicht wirklich die wirtschaftlich relevante Zielgruppe dieser Zeitungen bin, egal ob nun Süddeutsche, FAZ, Zeit oder New York Times — taz und Freitag sind dahingehend wesentlich angenehmer (obwohl ich es auch wirklich skurril fände, in der taz auf eine zweiseitige Gucci- oder Chanel-Werbung zu stoßen).

Werbung als Aufstiegsversprechen

Gerade bei einem Medium wie der New York Times, die ein linksliberales Weltbild vertritt, steht die enthaltene Werbung auch symbolisch für gesellschaftliche Trennlinien und den oft illusorischen Traum, diese zu durchbrechen. In der App der NYT kann man das indirekt an einem Quiz sehen, das dort alle paar Tage möglich ist. Unter dem Titel „What would you choose?“ werden im Immobilienteil der App Wohnungssuchende vorgestellt, die sich zwischen drei Angeboten entscheiden mussten. Die Wünsche der Personen sowie drei Angebote werden mit kurzem Text und einem Foto gezeigt, und die Leser*innen können dann anklicken, was sie selbst nehmen würden und was sie glauben, was die Suchenden genommen haben. Danach kann man sehen, wie andere Leser*innen abgestimmt haben. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass dieses Spiel eine Art guilty pleasure ist und meine Frau und ich das Sonntag morgens gerne mal machen — pleasure, weil es interessant ist, die Leute anzugucken, die Inneneinrichtungen und Wohnlagen zu vergleichen und zu überlegen, was man selbst nehmen würde; guilty, weil der prekäre Wohnungsmarkt und die exorbitant hohen Preise für selbst kleinste Apartments (60 m² für umgerechnet 2.000 EUR?) eigentlich nichts sind, woran man sich mit so einem Quiz erfreuen sollte.

Zwar verdient die Mittelklasse in New York in absoluten Zahlen gemessen relativ viel Geld, aber erstens sind Mittelklassejobs offenbar rar, und zweitens geht auch mit so einem Job ein sehr hoher Teil des Lohns für Miete sowie weitere Lebenshaltungskosten drauf (im Blog „New York aktuell“ war dazu 2019 mal ein interessanter Artikel). So ein Immobilienquiz wie in der NYT-App richtet sich offensichtlich an Leute, die ebenfalls auf Wohnungssuche sind, oder waren, oder sich zumindest in die gezeigten Menschen hineinversetzen können

oder hineinträumen: Eines Tages können wir uns sowas auch leisten.

„Qualitätswerbung“ in Qualitätszeitungen (und übrigens ganz stark auch in deren wöchentlichen Magazinbeilagen) schlägt in die gleiche Kerbe aus Aufstiegsversprechen und Aufstiegsanreiz. Werbung erzeugt und verkauft schon immer kleine und große Wünsche und Träume, aber großformatige Werbung für hochpreisige Waren oder Luxusartikel zeichnet einen ganzen Lebenstil vor. Der Berufs- oder Karriereteil der Zeitung gibt dann Hinweise, wie man zu einem Job kommt, mit dem sich so ein Lebensstil finanzieren lässt; der Stellenmarkt der Zeitung bietet dann vielleicht gleich passende Inserate für Jobs in Wirtschaft und Wissenschaft; und der Wirtschafts- oder Finanzteil, mit seinen Aktien- und Fondskursen und Steuerspartipps, zeigt, wie man seinen erreichten Status optimieren kann.

Feuilleton und Sportteil bieten Erholung von dem ganzen Stress — und sind mitunter auch die einzige Schnittstelle zu Menschen, die vom Rest nicht angesprochen werden.

Die Warteschlangen-Metapher

Die linksliberale Soziologin Arlie Russell Hochschild verbrachte während der Präsidentschaft Barack Obamas längere Zeit mit konservativen bis rechten Tea-Party-Mitgliedern, um deren Einstellungen besser zu verstehen. Sie führte zahlreiche qualitative Interviews durch, deren Hintergründe und Ergebnisse sie 2016 in einem Buch darstellte (deutsch 2017). Die Autorin schreibt darin auch über den Mediengebrauch ihrer Interviewpartner:

„Eine belesene Frau, begeistertes Tea-Party-Mitglied, informierte sich hauptsächlich […] auf Fox News […] Manchmal schaute sie sich jedoch auch liberale Medien an und kaufte gelegentlich die Sonntagsausgabe der New York Times, ’nur für das Feuilleton‘. Den Rest der Zeitung ‚werfe ich weg‘, sagte. ‚Die ist zu liberal, um sie zu lesen'“ (Arlie Russell Hochschild: Fremd in ihrem Land. Eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten, 2017, S. 177f.)

Nur für das Feuilleton. Den Rest werfe sie weg.

Die befragte Person, eine Flugbegleiterin, bezieht sich primär auf die Inhalte der Artikel, aber die Werbung kann meiner Ansicht nach ebenfalls eine Rolle spielen — wenn man nämlich erkennt, dass der beworbene Lebensstil für immer unerreichbar bleibt und auch symbolisch für Einstellungen steht, die man nicht teilt (nach dem Motto: Leute, die sich sowas leisten können, sind global orientiert, haben linke Vorstellungen, verstehen mein Leben nicht, usw.)

Hochschild erklärt in ihrem Buch das frustrierte Weltbild rechtskonservativer Wähler*innen mit der Metapher der Warteschlange vor einem Berg. Zu Beginn steht man geduldig in der Warteschlange, aber dann bemerkt man scheinbare Vordrängler, die den Gipfel schneller als man selbst erreichen. Hochschild beschreibt das Ergebnis ihrer vielen Interviews als „Tiefengeschichte“, die sie im „Du“-Stil präsentiert:

„Du siehst, wie Leute sich vordrängen! Du hältst dich an die Regeln, sie nicht. Ihr Vordrängen fühlt sich an, als würdest du zurückgedrängt.“ (S. 190) — „Um dich gewürdigt zu fühlen, musst du das Gefühl haben, voranzukommen –- und auch so gesehen zu werden […] Du möchtest gegen diese Abwärtskräfte angehen“ (S. 199).

Die Autorin zeigte diese Geschichte ihren Tea-Party-Bekannten; eine von ihnen sagte dazu: „Nach einer Weile haben die Leute, die gewartet haben, genug und stellen sich in ihre eigene Schlange.“ (S. 201).

Da ist dann wohl die Trennung vollzogen.

Der Widerspruch

Qualitätszeitungen brauchen wir mehr denn je, um radikalen Weltbildern etwas entgegenzusetzen, immer wieder, jeden Tag. Wir brauchen sie auch als Alternative zu kostenfreien Online-Angeboten, deren hektisches Flirren von einer News zur nächsten nicht genügend Ruhe lässt, um in die Tiefe zu gehen, einen Beitrag wirklich aufzunehmen, darüber nachzudenken und in Beziehung zu setzen. Wir brauchen gute altmodische Zeitungen, ob nun in Papierform oder als e-Paper.

Aber das kostet Geld, das unter den Jüngeren immer weniger Leute bezahlen wollen, sodass Werbung unverzichtbar erscheint. Aber der Lebensstil, der im Verbund von Artikeln und Werbung gezeigt wird, erscheint teilweise so alltagsfern, dass er zusätzlich abschrecken kann. Es ist widersprüchlich, in der Zeitung Artikel über prekäre Arbeitsverhältnisse, oder das Leid von Flüchtlingen, oder über den Kampf oppositioneller Menschen in Diktaturen wie Belarus, usw., zu lesen und daneben wirbt ein Schmuckhersteller im Großformat für mit Edelsteinen besetzte Ringe.

Und weil dieser Widerspruch irgendwann kaum aushaltbar erscheint, endet meine eingangs angesprochene Phase des intensiven Zeitung lesens dann wieder. Der Widerspruch legt den Finger in die Wunde, ohne es explizit auszusprechen: Du gönnst dir hier den Luxus des Analogen, schön für dich, dass du so viel Zeit und Geld hast.

Vielleicht noch ein Schnittchen dazu?

Die Balance zwischen Kontrolle und Loslassen (Teil II)

Seit dem ersten Teil dieser Artikelreihe zum Thema Kontrolle und Loslassen ist schon wieder viel Zeit verstrichen. Eigentlich wollte ich in diesem zweiten Teil die Flug-Metapher aus Teil eins jetzt auf berufliche Kommunikationssituationen anwenden, aber vorher will ich doch noch auf etwas anderes hinweisen. Das Loslassen der Arbeit insgesamt.

Die letzten zwei Monate waren sehr arbeitsintensiv, insbesondere, was das Schreiben angeht. Erstens hatte ich im Juli mein nächstes Buch fertiggestellt, das ich diesmal auch noch selbst layoutet habe (weil ich wegen des Themas — Computerspiele — statt der Standardvorlage des Verlags gerne etwas Zweispaltiges und Buntes haben wollte). Dieser Satzprozess (mit der Software Scribus) hat fast einen Monat gedauert, weil ich mich auch inhaltlich nicht ganz lösen konnte. Immerzu gab es noch kleine Ergänzungen, obwohl es eigentlich längst vollständig war. Und eigentlich hätte ich noch lange so weitermachen können. Nach der Abgabe fiel ich in dieses „Loch“, das eigentlich bedeuten könnte: Endlich mal Entspannung, aber mir drängt sich eher die Frage: „Was als nächstes?“ auf.

Glücklicherweise kam darauf schnell eine Antwort, in Form eines ziemlich spontanen GameStar-Sonderhefts über den neuen Microsoft Flight Simulator (dessen Veröffentlichung am 18.08. ebenfalls sehr kurzfristig war). Innerhalb weniger Wochen haben wir dieses Projekt fertiggestellt, und das Heft enthält allein über 40 eng bedruckte Seiten von mir. Das war viel Schreiben und Ausprobieren — gut, dass ich dank Urlaub genug Zeit dafür hatte 😉 Die Zeitschrift ist seit Freitag erhältlich und insgesamt bin ich sehr zufrieden damit. Doch wieder war ich noch Tage nach Abgabe der Artikel irgendwie „grundnervös“ und es hat ziemlich lange gedauert, bis ich langsam runtergekommen bin. Das ist immer so nach dem Beenden eines größeren Schreibprojekts, und diesmal gab es eben gleich zwei nacheinander.

Das gedankliche Loslassen fiel mir also schwer. Und damit auch die Konzentration auf andere Dinge. Eigentlich fühle ich mich erst seit heute wieder entspannt — seit ich heute wieder fliegen war, mit dieser für mich paradoxen Mischung aus Freiheit und Reminiszenzen an frühere Flugangst-Zeiten, die sich wieder in dem Drang äußert, das Flugzeug viel stärker kontrollieren zu wollen als nötig, wenn es wegen Thermik oder Turbulenzen hoch- und runter hüpft, oder sich zur Seite neigt. Dieses Einlassen auf diese Bewegungen, das entspannte Zurücklehnen, muss ich nach zwei Monaten Flugpause immer wieder erst bewusst zulassen — durch Loslassen.

Dies soweit. Im nächsten Teil dann endlich die Übertragung auf das Kommunikationsthema.

7 aus dem Strom, 01.09.20

Es wird mal wieder Zeit für eine kleine Sammlung lesenswerter Artikel. Diesmal über rassistische Computersysteme, deren Dekolonialisierung, nochmal Neuralink, Teslas Fabrik in Brandenburg, den Symbolgehalt des Berliner Reichstagsgebäudes und dessen sogenannter „Erstürmung“ durch Corona-Maßnahmen-Gegner*innen, sowie ein Interview mit einer Physikerin über Gravitation.

„Dekolonialisierung von Algorithmen“: Bei taz.de schreibt Adrian Lobe über strukturellen Rassismus in Algorithmen und KI-Systemen. Lobe weist darauf hin, dass Versuche, KI weniger anfällig für rassistische Einstufungen zu machen, eher sekundär ist angesichts des Problems, dass die Klassifizierung, Metrisierung und technische Einbindung des Menschen selbst bereits im Kern rassistischen Ursprungs ist — Lobe zieht eine Linie von den Fingerabdrücken, die im 19. Jahrhundert die indische Kolonialverwaltung an Soldaten nahm, zur Entsperrung des Handys mit dem eigenen Fingerabdruck: „Biometrische Verfahren kolonisieren den Körper und machen das Datensubjekt untertan“, so Lobe.


Ein wichtiger Text, auf den sich Lobe offenbar bezieht, stammt vom südafrikanischen KI-Forscher und DeepMind-Mitarbeiter Shakir Mohamed, erschien bereits 2018. Er ist Essay und optimistischer Aufruf zugleich und endet mit ganz praktischen Schritten, die man als Forderung nach Transparenz und Offenheit zusammenfassen könnte: „We can continue to strengthen open-source software, open-data, and open-access science— publishing more, not less; we can further support accessible machine learning frameworks, and accessible scientific communication; and we can continue to find solutions to the challenges of fairness, privacy, safety, verification, and governance.“ Und als Aufforderung zur Selbstreflexion: „And we can go further, by always challenging our settled assumptions and world-views as we expand the frontiers of our knowledge.“


Als „Neuroscience Theater“ kritisiert Antonio Regalado in Technology Review das kürzliche Update zu Elons Musks Neuralink-Projekt. Regalado weist auf das Science-Fiction-artige Design des für die Implantation der Chips genutzten Roboters hin und ist skeptisch, inwieweit die medizinischen Ziele Neuralinks wirklich eine Rolle spielen. Musk sei in seiner Präsentation immer wieder abgeschweift zu seiner Idee eines „general population device„, mit dem sich Menschen mit Computern verbinden, um mit KI-Systemen Schritt halten zu können.


Elon Musk ist auch Thema in der FAZ, wo Simon Strauß den Unternehmer als Prophet bezeichnet, auf dessen Ankunft in dieser Woche „ganz Brandenburg“ warten würde – „Ein Raumschiff landet in Brandenburg“. Insbesondere folgender Beobachtung Strauß‘ kann ich zustimmen: „Es geht dem neunundvierzigjȁhrigen Musk immer auch um das Streben nach dem Unerreichbaren. Ein futuristischer Übermut treibt diese Firma“ Und dieser Übermut trifft nun auf die brandenburgische Provinz, ein Widerspruch, den Strauß ausführlich ausarbeitet. Ich persönlich muss allerdings auch an Rainald Grebe denken (… ja, das ist schon alt, ich weiß), der damals sang: „In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt! Was soll man auch machen mit 17, 18 in BRANDENBURG?“ Vielleicht in Zukunft mit Teslas … in den Baum …? Aber nein. Diese Autos wird sich angesichts des dortigen niedrigen Lohnniveaus wohl nur eine Minderheit leisten können oder wollen.


„Einschüchternd offen“ betitelt Gerhard Matzig seinen Artikel in der Süddeutschen Zeitung über das Berliner Reichstagsgebäude, dessen Kuppel schon immer Anlass zu Kritik gab — weil Kuppelbauten Macht ausdrückten. Der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II. lehnte die Reichstagskuppel ab, weil ihm das dadurch ausgedrückte Machtbewusstsein des Parlaments missfiel. Als es nach der Wende zum Umbau des Reichtstagsgebäudes kam, war eine Kuppel erst nicht vorgesehen, wurde aber von der Politik gefordert und in der Presse kritisiert. Am Ende ist dies für Matzig jedoch nicht entscheidend. Matzig urteilt: „in einem föderalen System, das auch die durchgeknalltesten Formen der Meinungsfreiheit verträgt, wird die Demokratie nicht an zentralen Plätzen und in staatstragenden Herz-Bauten verteidigt, sondern im Alltag. Die Symbolkraft politischer Architektur ist in Wahrheit so überschaubar wie das sinnlose Wüten dagegen.“ Leider, möchte ich ergänzen, ist es den Demonstrant*innen mit ihrer Aktion gelungen, große Aufmerksamkeit zu erzeugen.


Auch bei der ZEIT geht es daher um das Reichstagsgebäude. Unter dem Titel „Sie brauchten nur dieses eine Foto“ analysiert Dirk Peitz „die Macht der Bilder“, die am Samstag entstanden, als „Querdenken“-Demonstrant*innen auf die Treppe des Reichstagsgebäudes „stürmten“ und dort ein zugleich skurriles wie Besorgnis erregendes Bild boten mit ihren USA-, Russland- und Deutsches-Reich-Flaggen. Peitz fragt sich (übrigens wie ich mich auch), warum eigentlich nicht das Bundeskanzleramt als Symbol der Regierung Ziel war, sondern das Parlament. Der Autor vermutet, diese Demo-Teilnehmer*innen „wollen ‚das Volk‘ sein und ‚das Volk‘ wird vertreten im Parlament. Die vermeintlichen Reichstagserstürmer vom Samstag wollten offenbar als selbsternannte Volksvertreter verstanden werden und sich als solche ins Bild rücken, nicht so sehr als Opponenten gegen die auf Zeit gewählte Inhaberin der ‚Macht‘, die sie ja ohnehin als nicht legitimiert verstehen und also nicht akzeptieren.“


Zum Schluss etwas Grundsätzliches: Im Quanta Magazine war kürzlich ein Interview mit der Physikerin Claudia de Rham, die sich intensiv mit der Gravitation und Einsteins Relativitätstheorie auseinandersetzt. Ein schönes Interview, in dem sowohl die Faszination für theoretische Physik deutlich wird, als auch, wie Forschung in dem Bereich funktioniert.

(Titelbild: cocoparisienne / pixabay.com)