Grün.

Manchmal ergeben sich im Alltag ganz unabsichtlich kohärente mediale Konstellationen, die sich einem reflexiv geradezu entgegenwerfen!

Das Buch hinter dem Tablet („Transhumanistische Mythologie“ von Max Franz Johann Schnetker, Unrast-Verlag) ist eine Analyse transhumanistischer Ideen (technologische Singularität, KI als Kindermädchen, usw.), die diese als ideologisch rechts entlarvt bzw. vor ihnen warnt. Liest sich erstmal ganz plausibel.

Das Zeitalter des Verschwindens und die Boshaftigkeit des Digitalen. Interview mit Uta Buttkewitz

Die Rostocker Kommunikations- und Kulturwissenschaftlerin und Autorin Uta Buttkewitz (auch Co-Herausgeberin dieser Online-Zeitschrift und der dazugehörigen Buchreihe) stellt in ihrem aktuellen Buch die These auf, dass wir im „Zeitalter des Verschwindens“ leben, dessen Kommunikationsform der „kurze, folgenlose Kontakt“ sei. Statt aber hektisch-aktionistisch zu werden und damit nur noch mehr folgenlose Kommunikation zu produzieren, plädiert sie für mehr Lässigkeit im Umgang miteinander und den uns umgebenden digitalen Medien. Ein Gespräch über den Luxus des Analogen und die ‚Boshaftigkeit‘ des Digitalen.

In deinem Buch sprichst du davon, dass wir im „Zeitalter des Verschwindens“ leben. Was ist damit gemeint?

Ich meine damit, dass immer mehr das, was wir tun, für unsere Mitmenschen nicht sichtbar ist. Wir tun ganz viel von dem, was wir früher offline gemacht haben, nun online, sozusagen in einer Black Box: einkaufen, die Bankgeschäfte erledigen, den Urlaub planen, kommunizieren, lesen, Musik hören, Filme schauen usw. Sobald ich meinen Laptop und mein Smartphone ausschalte, sind alle diese Tätigkeiten unsichtbar bzw. physisch nicht mehr greifbar: keine Überweisungsbelege, weniger Urlaubskataloge, kaum noch herkömmliche Briefe, keine CDs, keine DVDs usw.

Dr. Uta Buttkewitz studierte Germanistik, Geschichte, Ur- und Frühgeschichte und Englische Sprachwissenschaft an der Universität Rostock und wurde über das Problem der Simulation in Texten von Thomas Mann promoviert. Nach einem Volontariat am Museum für Kommunikation in Berlin arbeitet sie seit mehreren Jahren im Wissenschaftsmanagement an der Universität Rostock. (Foto: Julia Tetzke, Uni Rostock)

Ich sehe das nicht absolut, denn ich weiß natürlich, dass bei vielen Aktivitäten auch noch die Offline-Variante vorhanden ist bzw. praktiziert wird – aber der Trend geht eindeutig momentan noch weiter in die digitale Richtung – auch wenn an einigen Stellen das Pendel schon wieder umschwingt; Stichwort: das Revival der Vinylschallplatte. Und das Besondere an diesen vielen Online-Aktivitäten ist auch, dass sie nicht nur nicht sichtbar sind, sondern dass sie zur Vereinzelung der Menschen führen und damit etwas Gemeinsames, das die Menschen verbindet, verloren geht.

Vinylplatten – ist das nicht schon fast ein Sinnbild für einen „Luxus des Analogen“? Oder Online-Artikel im Internet, wo man oft auf die nächste Seite klicken muss, damit es weitergeht (und neue Werbung geladen wird), wovon man sich bei manchen Medien durch Abschluss eines Abos freikaufen kann („Artikel auf einer Seite“). Ist das Digitale heute das Normale, Alltägliche, während man das Analoge heute auf andere Weise wertschätzt, und für das man Zeit und ggf. auch Geld braucht?

Ja, das kann man so sagen.  Ich sehe auch schon wieder einen ganz leichten Trend zurück zum Analogen – die Erlebnisse in der Natur können glücklicherweise vom Digitalen noch nicht verschlungen werden, ebenso wenig wie die „echten“ zwischenmenschlichen Begegnungen, wie wir während der Corona-Pandemie auch bemerkt haben. Das zeigen ja auch die vielen Diskussionen zu der Frage, wieviel Digitales wir ertragen können, und die Sehnsucht nach unverfälschten und ursprünglichen Erlebnissen.

Das muss man sich leisten können, oder? Nicht nur finanziell – auch zeitlich, und vielleicht hat es sogar mit dem Bildungsstand zu tun?

Ich weiß nicht so recht, ob der Genuss von analogen Erlebnissen wirklich vom Bildungsstand, der Zeit oder den Finanzen abhängig ist. Meiner Meinung nach ist es einfach eine Sache der Gewöhnung und Bequemlichkeit. Wenn man bedenkt, dass viele Leute mehrere digitale Abos besitzen (Netflix; Amazon Prime; Spotify; Zeitungsabos; kostenpflichtige Apps usw.), dann sind wahrscheinlich die analogen Varianten kostengünstiger.

Zum Beispiel kaufe ich mir als absoluter Musikfan immer noch richtige CDs, die in ein paar Jahren sicher auch wie die Vinylschallplatten ein Revival erleben werden – die Preise für CDs sind innerhalb der letzten Monate auch schon gestiegen. Aber ich möchte wenigstens versuchen, mich in der Freizeit etwas vom Digitalen zu lösen, weil ich merke, dass ich beim analogen Musikhören und beim analogen Lesen viel konzentrierter bin. Und ich denke, dass ich am Ende dabei sogar kostengünstiger wegkomme, weil ich nur ausgewählte CDs kaufe und man sich diese in Bibliotheken auch ausleihen kann genauso wie DVDs. Das Digitale verleitet meines Erachtens zu mehr Konsum, weil dieser so bequem ist und man dafür einfach zu Hause bleiben kann.

Sowohl Richard David Precht als auch Byung-Chul Han sprechen beide davon, dass wir es verlernt haben, bekannte und vertraute Rituale wertzuschätzen und dadurch Glück und Zufriedenheit zu erleben, sondern immer gierig nach einem neuen Kick und der neuesten Technik streben. Der faustische Erkenntnisdrang ist im Menschen verankert, aber wir sollten uns dabei die Frage stellen, wie wir mit diesem umgehen und welche Verluste wir dafür in Kauf nehmen wollen.

Optische Datenträger wie CDs, DVDs oder Blu-rays sind an sich ja auch digital – ist das „ursprüngliche Erlebnis“, das du ansprichst, da das Haptische, das Herausnehmen aus der Hülle, das Papierbooklet, und evtl. die Begrenztheit des Speichermediums? Die CD ist irgendwann zu Ende und es wird nicht, wie bei Streaming-Diensten, ein potenziell endloser Strom „zueinander passender“ Musik gespielt, bei der das einzelne Lied oder bei Alben auch ein Albumkonzept schnell untergeht.

Ja genau. Ich mag es, CDs aus der Hülle zu nehmen, in Ruhe das Booklet durchzublättern und vor allem das ganze Album zu hören und wertzuschätzen. Jedes Musikalbum ist ein Gesamtkunstwerk und transportiert eine besondere Stimmung und Atmosphäre. Da gehört es auch dazu, dass einem einzelne Titel auf dem Album vielleicht nicht so gut gefallen. Aber diese einfach zu ignorieren und nur einige ausgewählte Songs zu hören – das ist für mich Konsumieren, während das andere für mich etwas mit Wertschätzung und Kunstgenuss zu tun hat. Einem gefallen ja in einer Gemäldegalerie auch nicht alle Bilder – aber man kann sich trotzdem mit ihnen auseinandersetzen, Besonderheiten entdecken und sich an verschiedenen Deutungen versuchen.

Ich denke, in der Zukunft wird das Digitale sich mehr in speziellen Technologien und bestimmten Branchen wiederfinden und dagegen im privaten Alltag mehr in den Hintergrund treten. Ich kann diese Prognose im Moment noch nicht richtig begründen; aber ich denke, es geht in diese Richtung.

Meinst du mit „in den Hintergrund“ treten, dass das Digitale immer ubiquitärer wird – es ist da, aber unsichtbar? Oder dass es weniger relevant wird, also nicht mehr da ist?

Ja, vielleicht kann man das so beschreiben. Das Digitale ist da, wird aber nicht mehr so bewusst wahrgenommen. Gleichzeitig bestimmt es nicht mehr so sehr unseren Alltag – der Umgang mit ihm wird routinierter und schafft dadurch Lücken, uns wieder dem sozialen Miteinander zu widmen. Das klingt jetzt sehr optimistisch und idealistisch. Ich hoffe einfach, dass es so kommt. Ein Motor für diese Entwicklung könnte die Corona-Pandemie sein, weil wir jetzt wirklich merken, was uns fehlt – nämlich Live-Erlebnisse und Ereignisse, die wir auch körperlich bzw. leiblich mit anderen Menschen teilen. Daraus entsteht die berühmte „Resonanz“, die Hartmut Rosa in seinen Büchern beschrieben hat, d.h. wir beziehen uns gemeinsam auf ein bestimmtes Ereignis, sprechen darüber, sind gemeinsam begeistert und bleiben nicht mit einem Erlebnis allein zurück, das ich mir gerade virtuell angeschaut habe. In öffentlichen Debatten rücken solche Themen wie Einsamkeit, Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliches Engagement allmählich mehr in den Fokus. Darin sehe ich einen gegenläufigen Trend zum individualistisch geprägten Digitalen.

Folgenlose Kontakte

Du schreibst, die Kommunikationsform des „Zeitalters des Verschwindens“ sei der „kurze, folgenlose Kontakt“. Wie unterscheidet der sich von anderen Formen der Kommunikation?

Unter Kontakt verstehe ich ein schnelles Empfangen von Signalen wie bei der Kommunikation durch Kurznachrichten und teilweise auch durch E-Mails und in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram. Wir nehmen in Bruchteilen von Sekunden eine Nachricht in Form eines Textes, eines Bildes oder eines Videos auf und antworten darauf sehr schnell, zum Beispiel in Form eines Likes, Smileys, Teilens oder eines sehr kurzen Textes. Das heißt, wir beginnen mit dem Sender der Nachricht keine längere Unterhaltung bzw. ein Gespräch, sondern nehmen diesen Kontakt nur kurz wahr und dabei bleibt es dann. Hier wird also eine Nachricht nach dem Sender-Empfänger-Modell codiert und decodiert, ohne dass beide Kontaktpartner*innen einen größeren persönlichen Kontext beachten würden. Der Philosoph Byung-Chul Han sagt, dass die digitale, extensive Kommunikation nicht mehr Beziehungen, sondern nur noch Verbindungen herstellt, das heißt, die digitale Kommunikation findet derzeit in einer derart hohen Frequenz statt, dass sie es gar nicht mehr schafft, auf die Beziehungsebene zu kommen.

Heißt das, wenn wir uns etwa am bekannten 4-Ohren-Modell der Kommunikation (Schulz von Thun) orientieren, dass nur noch eine oder zwei der Ebenen (Sachinhalt, Beziehung, Selbstaussage, Appell) im Vordergrund stehen, z.B. die Selbstaussage und bestenfalls der Appell (wie die Aufforderung: „Liked mich!“)?

Ja, dem würde ich zustimmen. Bei WhatsApp sind es wahrscheinlich eher die Ebenen Sachinhalt und Appell, die im Vordergrund stehen, da es häufig nur um einen kurzen Informationsaustausch geht und sich die einzelnen Nachrichten sprachlich wenig unterscheiden – egal ob sie an Freund*innen oder an Kolleg*innen gerichtet sind. Bei Facebook und Instagram würde ich auch sagen, dass vor allem der Appell und die Selbstaussage im Vordergrund stehen. Hier geht es zwar auch um die Übermittlung eines Inhalts, aber ein Post innerhalb eines sozialen Netzwerks verlangt nicht sofort eine inhaltliche Reaktion (anders als bei Kurznachrichtendiensten wie WhatsApp) sondern, wie du schon sagst, vor allem ein Like.

Unter vielen online veröffentlichten Artikeln gibt es Leser*innen-Kommentare. Mir erscheinen die oft wie Rauschen, bei dem einzelne Personen ihre immer gleiche Sicht unterbringen, die sie schon in ähnlicher Form unter andere Artikel geschrieben haben, egal worum es in dem gerade kommentierten Artikel eigentlich geht. Da verschwindet dann das ursprüngliche Thema. Aber auch die Absicht des Kommentars geht in der Masse anderer Kommentare unter. Wie könnte ein Kommentarsystem organisiert sein, um einerseits eine gewisse Themennähe sicherzustellen und andererseits die einzelnen Kommentare nicht nur als folgenlosen Kontakt erscheinen zu lassen, sondern als Kommunikation?

Für mich ist die virtuelle Kommunikation mit mir unbekannten Menschen zu einem bestimmten Thema generell nicht sinnvoll; einen möglichen Nutzen kann ich darin nicht erkennen. Wie Du schon sagst, gibt es unter den Artikeln eine Reihe von Kommentaren mit verschiedenen Meinungen auf unterschiedlichem Niveau. Mir erschließt sich nicht, was das für einen Mehrwert bringen soll.

Etwas anders sieht es bei moderierten Foren aus, in dem sich Gleichgesinnte zu einem bestimmten Thema austauschen. Dann ist bei den Kommentierenden zumindest der gemeinsame Nenner eines geteilten Interesses vorhanden. So eine Moderation müsste es dann generell bei allen Kommentierungsmöglichkeiten geben, wobei das aufgrund ihrer vorhandenen Vielzahl schlichtweg unmöglich erscheint.

Ist das geteilte Interesse aber hier nicht der Medienartikel, unter dem kommentiert wird, und der Wunsch, sich dazu auszutauschen? Ich erinnere mich noch, wie der Kommentarbereich bei Spiegel Online vor gar nicht so langer Zeit eine Weile als „Debatte“ bezeichnet wurde. Aber mittlerweile hat man sich von dem Begriff wieder verabschiedet – könnte das ein Eingestehen der Tatsache sein, dass eben nicht „debattiert“ wird, sondern bestenfalls Kontakte und Folgekontakte generiert?

Ich denke, viele dieser Kommentare werden sehr spontan geschrieben und haben keine Debatte und keinen Dialog als Ziel, sondern werden geschrieben, um einfach eine schnelle Meinung loszuwerden, ohne auf die Ansichten der Mitmenschen ernsthaft eingehen zu wollen. Oder es entstehen, wie teilweise im Fernsehen auch, nur kurzzeitige alarmistische Debatten. Da wird zum Beispiel bereits im Vorfeld eine Woche lang medial über die anstehende Demonstration der Gegner*innen der Corona-Regeln in Berlin diskutiert, wodurch man erst recht eine Vielzahl von Demonstrant*innen herbeischreit und quasi nur auf eine Eskalation lauert.

Mir fällt im normalen Arbeitsalltag auf, dass Menschen öfter Schwierigkeiten haben, die Kernaussagen eines Textes zu verstehen – also jetzt nicht in dem Sinne, dass sich nur das für die eigene Meinung oder Erwartungshaltung passende herausgepickt wird, sondern das selbst kurze Texte einfach nicht verstanden werden. Und zwar nicht, weil die Menschen es nicht könnten, sondern weil sie sich keine Zeit lassen – oder keine Zeit haben, weil es vielleicht einfach alles zu viel ist. Etwas Ähnliches ist vielleicht auch beim Kommentieren zu merken.

Mittlerweile potenzieren sich die digitalen informativen Angebote ja noch von Monat zu Monat. In der Corona-Krise sind die Podcasts quasi wie Pilze aus dem Boden geschossen. Mir persönlich ist es immer noch ein Rätsel, wie manche Menschen so viele verschiedene mediale Angebote in kurzer Zeit konsumieren können. Jedes Mal denke ich, jetzt müsste doch einmal der Zenit überschritten sein. Die hohe Frequenz der medialen News innerhalb verschiedener Formate und Plattformen führt zu einem oberflächlichen und weniger konzentrierten Lesen. Dazu gibt es auch schon wissenschaftliche Untersuchungen. Ich gehöre zu den Menschen, die sich lieber mit weniger Texten und Informationen beschäftigen – dafür gut ausgewählt und tiefgründig.

Ein Plädoyer für Lässigkeit

Du vergleichst die Menschen in sozialen Medien mit einer Flipperkugel, die sich umhertreiben lassen, was aber keiner Entspannung dienen würde. Du plädierst für mehr Lässigkeit. Was meinst du damit?

Der Begriff der Lässigkeit bedeutet für mich das Gegenteil von Aktionismus, der im digitalen Zeitalter immer mehr zu Tage tritt. Aus meiner Beobachtung heraus, sowohl beruflich als auch privat, reagieren die Menschen durch die Vielzahl der Nachrichten, die sie jeden Tag erreichen (In meinem Buch beschreibe ich die verschiedenen parallel vorhandenen Kommunikationsmedien), immer aktionistischer und bilden sich sofort eine Meinung, ohne erst einmal in Ruhe abzuwägen, zu überlegen, Hintergrundinformationen einzuholen und mit anderen darüber zu diskutieren, da die Zeit dafür oftmals nicht vorhanden ist.

Das Buch habe ich vor der Corona-Krise geschrieben. Aber viele Thesen daraus finden jetzt noch einmal im Besonderen ihre Bestätigung. Mit den vorgeschriebenen Regeln, die dazu dienen sollen, die Corona-Pandemie einzudämmen, zeigt sich, dass die Lässigkeit noch einmal mehr eingeschränkt wird. Damit meine ich, sich einfach so zu verhalten, wie man es selbst für richtig hält und wie es dem eigenen Gefühl, dem eigenen Sein entspricht – natürlich immer unter den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die eine Gesellschaft ausmachen und für sie auch wichtig sind.

Damit möchte ich nicht die Corona-Regeln kritisieren, die ich prinzipiell für richtig halte. Aber es tritt dabei ein interessanter Aspekt zu Tage, nämlich der, dass Leute kritisiert und teilweise auch denunziert werden, wenn sie sich nicht korrekt verhalten. Ich finde die momentanen Abstands- und Hygieneregeln in Ordnung, weil ich auch keine andere Möglichkeit sehe. Aber eigentlich könnten wir uns auch darüber freuen, dass die Menschen generell die Sehnsucht haben, zusammen zu sein und die Nähe der Anderen zu spüren. Das ist ein sehr positives Zeichen für unsere Gesellschaft. Insofern leben wir derzeit wirklich in einer sehr paradoxen und absurden Situation.

Man kann jetzt einwenden, dass diese gewisse Gleichgültigkeit von Corona-Demonstrant*innen, zusammen mit Rechtsextremen auf derselben Demo zu sein, nicht nur paradox und absurd ist, sondern gefährlich, weil sie rechte Ideologien und teilweise auch Verschwörungsglauben legitimiert – als wäre das ein akzeptierter Teil einer breiten Gesellschaft. Wäre in solchen Kontexten nicht weniger Lässigkeit – weniger Laissez-faire – angebracht?

Meines Erachtens ist es sehr schwierig, das Gefahrenpotential dieser Demonstrationen einzuschätzen. Ich finde die Mischung der Demonstrant*innen wirklich sehr krude. Von daher glaube ich, dass sich die Demonstrationen größtenteils erledigt haben werden, wenn sich die Corona-Pandemie abschwächt. Ich bin überzeugt davon, dass man medial damit gelassener und souveräner umgehen muss. Damit meine ich nicht, den Rechtsextremismus herunter zu spielen und ihm gleichgültig gegenüber zu stehen – ganz im Gegenteil. Ich glaube aber, dass man mit medialem Hype eher das Gegenteil bewirkt – nämlich die Aufmerksamkeit auf diese Gruppen verstärkt. Souverän und lässig wäre es, darüber sachlich zu berichten und damit zu zeigen – „unsere Demokratie ist so gefestigt, dass wir uns von Euch nicht einschüchtern lassen“.

Der viel zitierte Begriff vom gläsernen Menschen, schränkt diese Lässigkeit insofern immer mehr ein, als dass man ständig aufpassen muss, wie und was man kommuniziert – das hat sich mittlerweile auch auf die Offline-Welt übertragen. Wir müssen wieder mehr lernen, unserem eigenen Lebenstempo zu vertrauen. Thomas E. Schmidt nennt das Naturzeit – im Gegensatz zur linearen kapitalistischen Globalzeit. An dieser Stelle möchte ich noch einmal den Philosophen Byung-Chul Han zitieren, der dazu in seinem Buch „Vom Verschwinden der Rituale“ sagt, dass gegenwärtig die Zeit zu einer bloßen Abfolge punktueller Gegenwart zerfalle und es damit das Verweilen nicht mehr gäbe oder Augenblicke, die einfach nur andauern.

Die Boshaftigkeit des Digitalen

Alles scheint derzeit weiter auf die Globalzeit hinauszulaufen. In einem taz-Artikel wurde kürzlich darauf hingewiesen, dass die Digitalisierung, zu der mittlerweile ja auch die metrische Erfassung des Menschen, seiner Wünsche, seiner Leistungen usw. gehören, „das Datensubjekt Untertan machen“ bzw. es „kolonisieren“ würden. Gibt es einfache Dinge, die man im Alltag tun kann, um sich nicht zu sehr vereinnahmen zu lassen? Oder geht letzten Endes nur: Stecker ziehen?

Was man dagegen tun kann, ist einfach, ständig kritisch und hellhörig zu bleiben und alles zu hinterfragen und sich neue digitale Entwicklungen  erst einmal ein paar Wochen und Monate anzuschauen, bevor man sie selbst nutzt.

Mir fällt es zum Beispiel gerade verstärkt auf, dass auf den von mir besuchten Webseiten ständig ein Fenster erscheint, bei dem ich anklicken muss, dass ich mit Cookies bzw. Tracking-Aktivitäten einverstanden bin. Und diese Fenster sind immer so gestaltet, dass man einfach auf „Akzeptieren“ klicken kann und schon geht es weiter. Man muss schon genauer hinschauen, um zu entdecken, dass ich die Einstellungen auch ändern kann und nicht alle Tracking-Aktivitäten bestätigen muss. Das zeigt für mich die „Boshaftigkeit“ des Systems.

Boshaftigkeit? Was meinst du damit genau?

Damit meine ich, dass das Internet, hinter dem natürlich Menschen und riesige Konzerne stecken, kein Interesse am Wohl des Menschen hat, sondern ständig den Profit im Auge hat und überlegt, wie man die Daten der User noch differenzierter analysieren kann, um sie zu immer mehr Konsum anzutreiben. Natürlich leben wir im Kapitalismus, so dass wir auch im Supermarkt den Werbepsycholog*innen ausgeliefert sind. Aber das Internet hat den Kampf um die Konsument*innen um ein Vielfaches verschärft und geht damit bis an die Grenzen des Erträglichen.

Ich fühle mich dabei als Person und Mensch angegriffen. Wenn es den Webseiten um die Menschen gehen würde, würde man anders handeln. Jede*r sollte wirklich für sich genau hinterfragen, ob er*sie nicht lieber analoge Zeitungen lesen möchte – ohne „Beobachtung“ bzw. Datenerfassung – oder sich vom System zwingen lässt, ein Abo zu kaufen, um sich von der Werbung freizukaufen. Warum nehmen wir so  ein entwürdigendes Vorgehen einfach so hin? Und mir wird auch häufig ganz anders, wenn ich gerade eine private E-Mail erhalten habe und ich kurz danach im Internet dazu passende Anzeigen sehe. Oder man bekommt ständig ungefragt automatische E-Mails, die man theoretische abbestellen kann, was aber häufig nicht funktioniert. Das Internet fühlt sich dann wie eine aufdringliche Schmeißfliege an, die man einfach nicht los wird und die sich ungefragt in unseren privaten Alltag einmischt.

Ich glaube, manchmal hilft es wirklich nur, den Stecker zu ziehen, um sich vor allem auch die nötige Distanz zum Digitalen zu bewahren und nicht Gefahr zu laufen, die Sicht eines*r kritischen Beobachters*in zu verlieren, die es uns noch ermöglicht, jeder Zeit aus dem System aussteigen zu können.


Uta Buttkewitz: Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2020.

Gesellschaftsdiagnose und Traumabewältigung. Wolfgang Ullrich: Feindbild werden

Der seit 2019 zwischen Feuilleton und Leinwand ausgetragene Konflikt um einen Artikel des Kunstkritikers Wolfgang Ullrich in der ZEIT und dem in jenem Artikel genannten ostdeutschen Maler Neo Rauch hätte einen gewissen Unterhaltungswert, wenn man ihn lediglich distanziert als weiteres Beispiel für das ja immer mal wieder komplizierte Verhältnis von Kunst und Kritiker nehmen würde. Allerdings ist so ein Konflikt, der sich an der Ost-West-Linie der deutschen Gegenwart abspielt, doch zu wichtig als ihn nur amüsant zu finden. Und glücklicherweise ist das Buch, das Ullrich nun darüber veröffentlicht hat, mehr weitsichtige Gesellschaftsdiagnose denn persönliche Traumabewältung, auch wenn der Autor immer wieder auf seine Person zurückkommt. Aber der Reihe nach:

In Ullrichs ursprünglichem Artikel ging es um die Beobachtung, dass politisch rechts stehende Künstler*innen sich zunehmend als Verteidiger*innen der Kunstfreiheit aufspielen — ein etwas paradoxes Selbstbild, denn die Rechten wären wohl die ersten, die Pluralität und Diversität abschaffen würden, wären sie einmal an der Macht. Ullrichs Artikel war eine sachliche Analyse, provozierte aber Neo Rauch dazu, mit einem Gemälde als Leserbrief zu antworten. Das Bild mit dem Titel „Der Anbräuner“ zeigte offenbar seinen Kritiker als Maler, der mit seinen eigenen Fäkalien eine Leinwand beschmiert. In das Fenster des engen Dachbodenateliers wirft Hitler seinen Blick — Rauch sah sich also offenbar von Ullrichs Artikel als rechts, oder gar als Nazi, denunziert, „angebräunt“ eben. Dass es sich bei dem Maler auf Rauchs Bild um Ullrich handeln soll, wird außer dem Kontext auch aus den Initialen WU deutlich.

Im Prinzip ist das erstmal nichts anderes als das von rechter Seite oft zu hörende Gejammer, dass man ja heute gar nichts mehr sagen dürfe; dass ja immer gleich die Nazikeule käme, nur weil man mal ausspreche, was ‚alle‘ denken würden — die häufige Verwechslung von Meinungs- und Redefreiheit mit dem Wunsch, dass die eigene Rede doch bitte unwidersprochen bleiben möge bzw. der Vorwurf der Zensur, wenn es zu Widerspruch kommt. Der Diskurs um Ullrichs Artikel und Rauchs Gemälde ist da erstmal nur die gehobene, feuilletonistische Spielart dessen, was man jeden Tag im Internetrauschen von Kommentarbereichen beobachten kann.

Aber dieser spezifische Konflikt, und das stellt Wolfgang Ullrich nun in seinem Buch „Feindbild werden“ deutlich heraus, steht für mehr. Erstens werden in ihm unterschiedliche Funktionen und Eigenschaften deutlich, die man in einer Gesellschaft ‚dem Künstler‘ und ‚der Kunst‘ zuschreibt. Und zweitens stehen diese stellvertretend für nach wie vor (oder sogar wieder stärker?) vorhandene Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, die von Rechten in ihrem Sinne verstärkt und ausgenutzt werden. Ullrichs Buch nimmt den Konflikt mit Rauch zum Anlass, über diese Unterschiede nachzudenken.

Da ist also zunächst das Verständnis von Kunst und Künstler*in: entweder klassisch als überzeitliche, identitätsstiftende, wohl auch moralische Instanz, zu der man aufblickt und der man einen Sonderstatus zugesteht — oder postmodern, wo all diese Kategorien keine große Rolle mehr spielen, weil es immer auch Alternativen zum gerade als aktuell Gesetzten geben kann.

In Westdeutschland, so Ullrich, hätte man auch durch die kapitalistische Waren- und Produktvielfalt gelernt, mit Vielfalt und Alternativen umzugehen. „Der Glaube an Festes und Absolutes schwand“ (S. 67). In Ostdeutschland hingegen hätte Kunst sich gegen einen autoritären Staat behaupten müssen und musste schon von daher selbst einen absoluten Anspruch setzen; eine Postmoderne im westlichen Sinne habe es in der DDR nicht gegeben. Dies wirkt bis heute nach, und wenn ein Kunstkritiker ‚aus dem Westen‘ wie Ullrich auf rechte Tendenzen in ostdeutscher Kunst hinweist, dann fühlen sich die Kritisierten auch deshalb angegriffen, weil sie ihr überzeitliches Kunstverständnis nicht aufgegeben haben, denn die entsprechende Sozialisation durch Alltagskapitalismus und intensive Beschäftigung mit postmodernen Theorien in der akademischen oder künstlerischen Ausbildung war eben nicht da.

Die Krux an der Sache ist, dass im wiedervereinten Deutschland nun rechte politische Kräfte den Osten als gleichsam letzte Bastion gegen den an die Postmoderne, an Liberalismus, an Multikulturalität und Diversität verloren geglaubten Westen betrachten. Sich als unterdrückt wähnende Künstler (die aber wie Neo Rauch durchaus erfolgreich sind, auch finanziell — „Der Anbräuner“ wurde auf einer Leipziger Wohltätigkeitsveranstaltung für 750.000 EUR versteigert) kommen da wie gerufen.

Wolfgang Ullrichs sehr lesenswertes Buch schält den Kern dieser Situation heraus, auch unter Bezugnahme auf Soziologen wie Andreas Reckwitz („Die Gesellschaft der Singularitäten“) und Steffen Mau („Lütten Klein“). Ob der recht dramatische (wohl vom Wagenbach-Verlag wie ein Aufkleber auf dem Umschlag platzierte) ‚zweite‘ Untertitel „Der neue Ost-West-Konflikt“ wirklich angemessen ist, dürfte sich wohl in den nächsten Jahren zeigen, wenn die in den Jahrzehnten nach der Wende kapitalistisch und postmodern sozialisierten jüngeren Ostdeutschen sich in Wirtschaft und Politik etabliert haben.

Wolfgang Ullrich: Feindbild werden. Ein Bericht. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2020.

P.S.: Dass auch im Kleinbürgertum und in der Mittelschicht im Westen lange Zeit ein klassisches Kunstverständnis herrschte, und wie man dieses überspitzt zusammenfassen kann, zeigt übrigens das Lied „Künstler“ des Kabarettisten Rainald Grebe:

Let’s Play U-Bahn-Plan

Als ich letzten Sommer in der Corona-Müdigkeit zwischendurch mal keine Lust hatte, an meinem in Kürze erhältlichen Let’s-Play-Buch weiterzuschreiben, widmete ich mich erstmal einem fiktiven Streckennetzplan, in dem ich für mich die Kapitelstruktur und die Querverbindungen visualisierte. Da drin steckten zwar bestimmt drei Tage PowerPoint, aber im fertigen Buch habe ich den Plan trotzdem weggelassen. Ich befürchte, dass er für Leser*innen eher als verwirrende Spielerei denn als hilfreiches Werkzeug erscheint (und so dick ist das Buch ja nun auch nicht, als dass man dafür so eine Karte bräuchte). Visuell finde ich den Plan trotzdem cool.

„Let’s Play!“-Buch ab 9. November erhältlich (eBook schon jetzt)

Mein neues Buch „Let’s Play — was wir aus Computerspielen über das Leben lernen können“ (= Band 2 der Buchreihe Über/Strom) ist ab 9. November erhältlich (die eBook-Version gibt es als PDF bereits jetzt beim Verlag). Ich schaue mir Computerspiele aus mehreren Perspektiven an — vom kreativen Problemlösen über Aspekte leibphänomenologischer Wahrnehmung und Kommunikation in Spielen, aber auch fragwürdige Themen wie Rassismus und Sexismus in von Spieler*innen erstellten Modifikationen sowie die häufige Gewalt in Spielen und meist unkritisch implementierte kapitalistische Wachstumsvorstellungen. Unter anderem schreibe ich über die Rollenspielreihe The Elder Scrolls, das Weltraumspiel X4: Foundations, Flugsimulationen wie X-Plane 11 oder Microsoft Flight Simulator, das Action-Adventure Hellblade: Senua’s Sacrifice oder die Horror-Reihe Silent Hill; ich gehe auf die Faszination von Strategiespielen ein und das Phänomen, wenn Spiele in uns selbst etwas verändern.

Ich habe das Buch geschrieben, weil ich immer wieder — auf der Arbeit, im ÖPNV, in Geschäften — Menschen sehe, die ganz rigoros, ganz kategorisch ausschließen, dass sie oder ihre Kinder jemals Computerspiele spielen würden, so als wären Spiele grundsätzlich schädlich oder abzulehnen. Das sehe ich (offensichtlich 😉 ) anders. Ich will in dem Buch sowohl zum Spielen einladen, als auch zum Reflektieren über das Gespielte anregen. Denn wir können aus Spielen viel über uns selbst als Teil einer Gesellschaft lernen. Spiele sind Ausdruck und Kommentar unserer Lebensweisen.

Der Klappentext des mit vielen Bildern versehenen Bandes lautet wie folgt:

Computer- und Videospiele sind mittlerweile so vielfältig, dass sich aus ihnen viel lernen lässt: über unsere eigene Wahrnehmung, über unseren Umgang mit Erwartungen und Enttäuschungen, über Geduld und Ungeduld, über Vorurteile und Weltbilder, über menschliche Kommunikation und Kooperation und vieles mehr.

Das Buch ist ein Reiseführer durch die Welt der Spiele und richtet sich nicht nur an alle, die mit Computerspielen aufgewachsen sind, sondern auch an jene, die Spielen nach wie vor skeptisch gegenüberstehen.

Auf unseren Touren wird deutlich, wie vielfältig und anregend Computerspiele heute sind – dass sie nicht nur bloße Konsumprodukte einer viele Millionen Euro schweren Unterhaltungsindustrie sind, sondern buntes Zeugnis menschlicher Kreativität. Das Buch zeigt Ihnen, wie Spiele uns allen Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung bieten – oft in einem viel weiteren Sinne, als Spiele-Entwicklerinnen und -Entwickler selbst vorhersehen können.