Film: TENET (2020)

Ich habe nun das zweite Mal Christopher Nolans Film TENET (2020) geschaut, denn es heißt ja, dass man das bei diesem Film tun sollte. Und zumindest für das Verstehen der Handlung stimmt das wohl. Ein Film, in dem die Entropie von Menschen und Objekten umgekehrt wird, sodass sich diese umgekehrt durch die Zeit bewegen, verlangt einige Einarbeitung. Gerade beim ersten Mal geht alles sehr schnell und es ist schwierig, Erzähllogik und Plot nicht aus den Augen und dem Sinn zu verlieren, während ebendiese mit der bloßen Wahrnehmung einer unterkühlten, aber ‚coolen‘ Actionszene nach der anderen ausgelastet sind.

Beim zweiten Mal versteht man dann schon besser, worum es geht — und dass es sich letztlich um eine eher banale Agentenstory handelt. Künftige Menschen einer klimazerstörten Erde greifen die Vergangenheit an, um ihr Schicksal zu ändern. Im Zuge dieses temporalen Krieges droht die ganze Welt unterzugehen. Aber das da leise durchscheinende Motiv der Klimagerechtigkeit wird nur in wenigen Sätzen abgehandelt; ob die unsichtbaren Gegner aus der Zukunft da vielleicht ein echtes Anliegen haben könnten, bleibt unklar. Im Zentrum von TENET steht allein der Einsatz des nur als „Protagonist“ bezeichneten sympathisch-lakonischen Hauptdarstellers (John David Washington).

Konkret wird die Bedrohung in der Figur des russischen Oligarchen Andrei Sator (Kenneth Branagh), der seine Anweisungen und sein Geld aus der Zukunft erhält. Als zeitgemäße James-Bond-Kandidaten — Agent und Superschurke — kämpfen Protagonist und Antagonist gegeneinander. Christopher Nolan zeigt die dabei entstehenden zeitlichen Verwerfungen in aufwendigen, durchaus staunenswerten Szenen, von deren Wirkung der Film im Wesentlichen lebt.

Erstmal jedoch müssen der Protagonist und sein Helfer Neil (Robert Pattinson) dem Oligarchen näherkommen, und das gelingt über dessen Frau Katherine (Elizabeth Debicki). Diese steht in ausgesprochen toxischer Beziehung zu ihrem Mann und ist die einzige interessante Figur in dem Film — das liegt daran, dass sie die einzige ist, die eine Entwicklung durchmacht. Man kann es als Karthasis ansehen, wenn sie sich am Ende endlich gegen ihren Oligarchen wendet; der zeigt bis dahin nämlich mehrfach, dass er das ‚verdient‘ hat. Aber trotz der Entwicklung von der passiven Opferrolle zur Rächerin gilt, was Katja Bohnet letztes Jahr bei culturmag.de in ihrer sehr unterhaltsamen TENET-Rezension geschrieben hat:

„Der Rest [der Figuren, M.D.] ist männliches Testosteron. Das blonde Sexgiftmuttertier soll bei der Rettung der Welt eine Schlüsselrolle spielen. Natürlich vergeigt sie es, weil sie lieber Rache an ihrem bösen Ehemann Andrei Sator üben will. […] O-Ton der Rächerin im Film: ‚Euch (Männern …) wird schon was einfallen.‘ Doofer geht’s schon gar nicht mehr. Männer sind Macher, geile Frauen blond, die Russen die Bösen. Die Welt mag unsicher geworden sein, aber auf diese Eckpfeiler ist Verlass.“

Nolans Filme Inception (2010) und Interstellar (2014) banden die Faszination für das Surreale — hier die geteilten Klarträume, dort die unwirklichen Weltraumszenen und mehrdimensionalen Räume — immer an konkrete Menschlichkeit, in beiden Filmen u.a. der Wunsch des jeweiligen Hauptdarstellers, zu seinen Kindern zurückkehren zu können. In TENET fehlt so eine Ebene, der Film ist reine Bildgewalt.

Und ja, das hat schon was. Die Idee, Menschen und Objekte den Zeitverlauf invertiert erleben zu lassen, führt zu unerwarteten Konstellationen, Situationen und Bewegungssuggestionen und erzeugt eine dauernde, auch durch den Soundtrack getriebene, Atmosphäre der Anspannung und Unruhe. Wenn Pistolenkugeln in die Waffe zurückfliegen — wenn scheinbar anonyme, gesichtslose invertierte Personen gegen den Protagonisten kämpfen — wenn Sprache und Musik rückwärts abgespielt werden — wenn sogar dieselbe Szene erst normal und dann invertiert gezeigt wird, oder sogar gleichzeitig, ja dann fühlt sich das auf eine ‚uncanny‘ Weise visuell und leiblich glaubwürdig an, aber gleichzeitig wie ein seltsamer Traum.

Wegen dieser Faszination bleibt man dabei und hat am Ende das Gefühl, schon irgendwie einen großen Film gesehen zu haben. TENET bietet keine große Geschichte, keine tiefen Charaktere, ist aber trotzdem eine nachhaltige leiblich-kognitive, quasi ‚mind-bending‘ Erfahrung.

(Titelbild: Wikipedia)

Interview mit Susanne Kaiser zum Buch „Politische Männlichkeit“

Im Buch „Politische Männlichkeit“ führt Susanne Kaiser in die Entstehung, Struktur und Ideologie der sogenannten Incel-Szene ein — eine vor allem online in Internetforen existierende Parallelwelt „unfreiwillig enthaltsam“ lebender Menschen; primär Männer, die dort ihren Selbst- und Frauenhass pflegen. Immer wieder entstehen aus der Szene heraus erschreckende Anschläge, aber es gibt auch ideologische Verbindungen zu rechten Parteien und Religionen. Im E-Mail-Interview hat mir Susanne Kaiser einige Fragen beantwortet.

Für die Leser*innen, die Ihr Buch und unsere Rezension noch nicht kennen: Was möchten Sie mit Ihrem Buch bewegen und wen vor allem ansprechen?

Ich möchte all diejenigen ansprechen, die sich mit dem autoritären Backlash auseinandersetzen, die sich für Phänomene wie den Aufstieg des Rechtspopulismus oder Extremismus interessieren und die gesellschaftliche Debatten spannend finden. Mit meiner zeitdiagnostischen Analyse will ich etwas beleuchten, von dem ich glaube, dass wir es noch zu wenig sehen: Der autoritäre Backlash ist männlich.

Wie sieht es da eigentlich mit den Reaktionen auf Ihr Buch aus? Bekommen Sie selbst „Rückmeldung“ von den im Buch diskutierten Kreisen?

Das eben Gesagte bestätigen auch die Reaktionen auf mein Buch von beispielsweise frauenfeindlichen Männerrechtlern, die selbst im Buch vorkommen. Sie geben sich viel Mühe, die Thesen im Buch zu widerlegen und dabei aber nicht zu feindlich aufzutreten, wie man es sonst von ihren Seiten im Internet kennt, die für ein kleineres Publikum gedacht sind. Nur manche kommentieren auch ganz offen Dinge wie „Wenn Frauen jemals etwas Bedeutendes hervorgebracht hätten – wüssten wir dann nicht davon?“. Alles in allem werden diese Bemühungen von den meisten Lesenden aber als genau das wahrgenommen, was sie sind: Der Beweis dafür, wie misogyn in ihrer Männlichkeit verunsicherte Männer reagieren.

Susanne Kaiser schreibt über gesellschaftliche Debatten, im November 2020 erschien bei Suhrkamp das Buch „Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen“

Die Beispiele, über die Sie berichten, bzw. die Bücher und „Manifeste“, aus denen Sie zitieren, sind erschreckend. Man will nicht wahrhaben, dass diese, Entschuldigung, völlig durchgeknallten Leute und deren Ideen so eine Wirkmächtigkeit haben. Andererseits gibt es Trump & Co. … Wo sehen Sie die Schnittmenge zwischen „Incels“ und Mannosphäre im engeren Sinne mit Tagespolitik, Mainstreammedien und der breiteren Bevölkerung?

Der Weg zwischen Incels und breiter Bevölkerung verläuft gradueller, als wir es als Gesellschaft wahrhaben wollen. Incelattentäter, Rechtsterroristen, religiöse Fundamentalisten werden reflexhaft als verrückte Einzeltäter oder Minderheiten dargestellt, die keinen Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit hätten. Aber das stimmt natürlich nicht. In unseren westlichen Gesellschaften herrschen immer noch patriarchale Strukturen vor, es gibt immer noch Sexismus und Frauenverachtung in breiten Schichten der Bevölkerung — solche extremen Bewegungen gedeihen also aus der Mitte der Gesellschaft heraus.

Im Alltag werden immer noch Sprüche wie „typisch Frau“ oder „Frauen sind halt so“ verwendet (und natürlich auch umgekehrt: „typisch Mann“). Dann die Werbung: Ich bekam vorhin eine Spam-Mail für eine amerikanische Segel-Zeitschrift, auf deren Cover sich eine Frau im Bikini auf dem Deck sonnte. Ein Shop für Flugsimulationen schaltete vor ein paar Jahren Anzeigen, die im Pinup-Stil Frauen vor Flugzeugen inszenierte, mit teils zweideutigen Sprüchen. Und für manche erfolgreichen Computerspiele entwickeln männliche Spieler Modifikationen, die die Körper von Frauen in pornografischer Weise in den Vordergrund stellen… Dieses weite Feld zwische Alltag und Medien trägt zu strukturellem Sexismus bei. Was können wir tun, um das zu bekämpfen? Reicht dafür politische Bildung aus, Appelle an die Vernunft, ständiger Widerspruch im Alltag, Leserbriefe an Medien? Oder braucht es härtere soziale Maßnahmen, zum Beispiel das „Canceln“?

Sexismus und Frauenverachtung sind weit verbreitet, aber wir sprechen darüber nicht offen. Wir nennen Femizide „Familientragödien“ und manipulative Vergewaltiger wie Marilyn Manson Genies, die „ihre Dämonen nicht verstecken“. Das wäre der wichtigste Schritt: Sexismus und Misogynie als solche sichtbar zu machen und darüber zu diskutieren. Bis hin zu Methoden der „Cancel Culture“, die ich für legitim halte. Wenn bei Politikerinnen herauskommt, dass sie ihre Doktorarbeit manipuliert haben, werden sie auch sofort gecancelt — das ist ganz normal und niemand fragt sich, ob die Öffentlichkeit nicht lieber erstmal auf irgendeine Gerichtsentscheidung warten sollte, bis sie den Rücktritt fordert. Warum sollte mit Leuten, die Frauen manipuliert oder vergewaltigt haben, anders verfahren werden? Warum sollte man sexistische Werbung, die Frauenkörper für kapitalistische Zwecke ausbeutet, nicht boykottieren — wenn wir aber gleichzeitig gegen Produkte Stimmung machen, die mit Tierversuchen oder anderem Tierelend ihr Geld verdienen?

Dass extreme Bewegungen in der Mitte der Gesellschaft wachsen, zeigt sich auch darin, dass die Bewegungen, die ich dem autoritären Backlash zuordnen würde, politisch Einfluss nehmen: Indem sie sich unter dem Männlichkeitsthema vernetzt und zusammengeschlossen haben, haben sie Donald Trump ins Präsidentenamt gebracht. Da hat die rechtsextreme Altright-Bewegung Wählerstimmen in Incelforen mobilisiert und mit Evangelikalen gemeinsame Sache gemacht. Drei Gruppierungen also, die ja nur eine einzige Gemeinsamkeit haben: Sie wollen Frauen wieder auf einen untergeordneten Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie zurückverweisen, der Feminismus ist ihr Feindbild. Das sehen wir nicht nur in den USA, auch in Europa oder Lateinamerika gibt es solche Mobilmachungen, von der sich Teile der Bevölkerung abholen lassen. Und die politisch erfolgreich sind und dann Gleichberechtigung zurückrollen können.

Das Internet hat ganz neue Möglichkeiten der Sichtbarkeit, der Vernetzung und Organisationsfähgikeit geschaffen. Einsame soziophobe Nerds hätten sich im analogen Zeitalter per Definitionem nicht in großen Gruppen getroffen — heute können sie allein vor ihrem Rechner sitzen und sich mit einer großen Masse an Gleichgesinnten austauschen, sie können ihren Frauenhass organisieren und ihr verschwörungsideologisches Weltbild entwickeln. Wenn solche Menschen dann durch Gewalttaten — durch Terroranschläge gegen Frauen etwa, wie wir sie schon gesehen haben — Einfluss auf die Gesellschaft nehmen und auch in den Mainstreammedien sichtbar werden, ist die Grenze zwischen Paralleluniversum Mannosphäre und der „Wirklichkeit“, die wir so gerne konstruieren, spätestens aufgehoben.

In Kommentarspalten in großen Medien sind immer wieder frauenfeindliche Äußerungen zu hören, oft gepaart mit Rassismus. Was kann ein Medienunternehmen tun, wenn es dazu kommt? Entsprechende Nutzer wurden dann mitunter kurz verwarnt und bei Wiederholung geblockt. Ist das Blocken hier die beste Medizin oder besteht danach die Gefahr weiterer Radikalisierung?

Medienunternehmen müssen klare Grenzen ziehen, es gibt Dinge, die nicht öffentlich gesagt werden dürfen, nämlich alles, was sich als Hass, Beleidigung, Bedrohung, Herabwürdigung und so weiter äußert. Da sind Straftatbestände erfüllt und Menschenrechte werden angegriffen, die in unserer Verfassung stehen und unsere demokratische Basis darstellen. Medien haben da eine große Verantwortung, weil sie einen Standard setzen, was sagbar ist und was nicht. Das hat nichts mit Zensur oder „politischer Korrektheit“ zu tun, wie dann gerne eine solche Kommentarpolicy der Medien diffamiert wird, sondern mit Grundrechtsprinzipien. Grundrechte wie Würde, Gleichheit, Unversertheit regeln ja nicht nur das Verhältnis vom Staat zur Bürgerin, sondern auch das der Mitglieder einer Gesellschaft untereinander. Dem sind Medien selbstverständlich verpflichtet.

In dem Zusammenhang nochmal zu dem Werbungbeispiel: Die Grenze bei dem Covermotiv mit der Frau auf dem Sonnendeck oder den Pinup-artigen Flugzeugbildern kann man sicher unterschiedlich sehen — aus eher traditioneller, ‚männlich‘ sozialisierter Sicht mag das als ‚normal‘ gelten, vielleicht auch als schön oder gar mit einem künstlerischem Anspruch (Motivgestaltung) versehen. Aus kritischer Sicht geht es bei „Sex sells“ aber um die Ausnutzung des menschlichen Körpers für kapitalistische Zwecke (primär des Körpers der abgebildeten Frauen, indirekt auch des Körpers der meist männlichen Käufer, die davon angesprochen werden sollen, insofern die Werbung da auf deren körperliche Reaktionen setzt). Sind die derzeitigen Gesetze vielleicht noch viel zu weich, weil die Würde des Menschen auch durch solche akzeptierten Formen der Ausbeutung verletzt wird? Oder gibt es hier eine akzeptable Grauzone?

Man kann nicht alles mit Gesetzen regeln, es sollte eine Grauzone der gesellschaftlichen Verhandlung geben. Manche Dinge können nicht von oben verordnet werden — das hat das Scheitern des Staatsfeminismus in vielen Ländern, z.B. in Tunesien gezeigt, wo sich eine ultrakonservative reaktionäre Bewegung gegen Frauenrechte entwickelt hat. Aber Entwicklungen wie die Cancel Culture sollten dafür auch nicht reguliert werden. Gleichzeitig würden weichere Maßnahmen helfen, wie Quoten oder Förderungen für vorbildliche Beispiele — Positivanreize. Und offene Debatten, die aber muss die Gesellschaft leisten und die Politik dann aufnehmen.

Foren der Radikalisierung zu bannen, finde ich vernünftig. Dadurch nimmt Radikalisierung nicht zu, sondern ab. Denn gerade in der Incelszene gibt es viele, die sich hineinziehen lassen in das düstere geschlossene Weltbild, weil sie zufällig auf die Szene gestoßen sind. Das ist das gleiche wie in der salafistischen Szene in Europa. In Deutschland zum Beispiel sind die ersten Suchergebnisse, die einer Person angeboten werden, die „Islam“, „Konvertieren“ oder ähnliches sucht, solche von salafistischen Organisationen. So können junge Menschen auf der Suche in einen fatalen Sog geraten.

Kann man sagen: Je weniger Alltagssexismus es gibt, desto größer die Gefahr durch radikale Incels oder zumindest durch eine sehr konservative Reaktion? Oder gibt es trotz der internationalen Vernetzung Hoffnung, dass sich auch das Incelphänomen im Laufe der Zeit abschwächen wird — weil die Vertreter dieser Sicht irgendwann akzeptieren, dass ihre Sicht nicht zeitgemäß ist, oder sie durch eine neue Generation abgelöst werden?

Nein, genau andersherum: Weil es noch so viel Alltagssexismus gibt und Männer immer noch mit Ansprüchen gegenüber Frauen, zum Beispiel auf deren Körper und auf sexuelle Verfügbarkeit, sozialisiert werden, gibt es überhaupt Incels und andere Maskulinisten. Natürlich reagieren diese Gruppierungen so heftig, weil ihre männlichen Privilegien in Gefahr sind dadurch, dass Frauen mehr Rechte haben als jemals zuvor und eine viel größere Rolle spielen in Politik und Gesellschaft. Aber das Problem ist ja nicht die Gleichberechtigung, sondern dass manche Männer sich damit nicht abfinden wollen, dass es heute nicht mehr reicht, einfach nur männlich zu sein, um etwas bestimmtes zu haben oder zu erreichen.

Es gibt diese Wendung aus der zweiten Welle des Feminismus: Wenn man Privilegien gewöhnt ist, fühlt sich Gleichberechtigung wie Unterdrückung an. Das ist das Problem.

Vielen Dank für das Interview!

Incels, Fundamentalisten, Autoritäre und das Patriarchat: „Politische Männlichkeit“ von Susanne Kaiser (2020)

Es vergeht kein Jahr, in dem es nicht zu aus Hass begangenen Attentaten junger Männer kommt, die meist als ‚Amoklauf‘ bezeichnet werden, so als handelte es sich um ein kontextloses ‚Durchdrehen‘ — zuletzt der Anschlag eines 21jährigen auf Supermarkt-Kund*innen in Boulder, Colorado, USA am 22.03.2021; eine Woche vorher, am 16.03.2021, das Attentat auf einen ‚Massagesalon‘ in Atlanta. Während das Motiv der Boulder-Tat noch unklar ist, gibt es beim Anschlag in Atlanta klare Bezüge zu Rassismus und Sexismus. Die Opfer des ebenfalls 21jährigen Täters waren vorwiegend Frauen asiatischer Herkunft — die Tat ist damit nur ein Beispiel für die seit Beginn der Corona-Krise um 149 (!) Prozent gestiegene Zahl antiasiatischer Hasskriminalität in den sechzehn größten amerikanischen Städten. Siebzig Prozent der Opfer sind Frauen.

In dem verlinkten Artikel weist Vina Yun darauf hin, dass „das weiße Nordamerika asiatische Frauen fast ausschließlich durch eine sexuelle Linse betrachtet.“ Es gebe, so Yun, „eine direkte und kausale Linie zwischen der Hypersexualisierung asiatischer Frauenkörper und der Gewalt gegen Frauen, die als asiatisch wahrgenommen werden“. Diese Linie steht laut Yun in einer noch älteren europäischen, kolonialistischen Tradition, die bis Marco Polo zurückgehe — „die ‚orientalische Frau‘ als Produkt westlicher männlicher Imagination“. Der Täter von Atlanta, heißt es, sei selbst Kunde des ‚Massagesalons‘ gewesen und hätte diesen „Ort der ‚Versuchung'“ vernichten wollen.

Der ‚autoritäre Backlash‘

Um ein umfassenderes Verständnis solcher Taten zu erlangen, ist es nötig, gesellschaftliche Kontexte aufzuschlüsseln. Anders als von Politik und manchen Medien gern dargestellt, handelt es sich bei Taten wie der in Atlanta nicht (oder nicht nur) um das Werk einzelner, psychisch gestörter Personen. Stattdessen ordnet es sich nicht nur in eine lange kulturelle Tradition der Unterdrückung und Ausbeutung ein (wie Vina Yun im o.g. Artikel zeigt), sondern auch in das vergleichsweise neue Phänomen der sogenannten „Incels“ („involuntary celibates, unfreiwillig zölibatär lebende) — aufgrund ihrer eigenen unerfüllten Sexualität frustrierte Männer leben im Internet ihre Frauen- und Selbstverachtung aus und einige von ihnen begehen schreckliche Verbrechen. Dass es hier um eine globale, nicht eben kleine, Szene geht, von der echte Gefahr für ein freies gesellschaftliches Zusammenleben ausgeht, wird deutlich, wenn man das im November 2020 bei Suhrkamp erschienene Buch „Politische Männlichkeit“ von Susanne Kaiser heranzieht.

Dabei war der Begriff „Incel“ zu Beginn nicht negativ besetzt. Er entstand 1997, als die kanadische Studentin Alana Boltwood eine Website und Mailingliste einrichtete, um eine Plattform zum Austausch für unfreiwillig enthaltsam lebende Menschen jeden Geschlechts einrichtete. Daher gibt es, so Kaiser, eine weite und eine enge Definition des Begriffs: „Im weiteren Sinne meint ‚Incel‘ jeden Menschen unabhängig vom Geschlecht, der unfreiwillig enthaltsam lebt“. Für diese Menschen gibt es seriöse Selbsthilfeforen zum Erfahrungsaustausch. Die enge Definition dagegen ist die, von der Gefahr ausgeht: „Im engeren Sinne […] handelt es sich um eine Bewegung von Männern, die ihren Frauenhass kultivieren und organisieren.“

Liest man Kaisers Buch, kommt man aus dem Erschrecken nicht heraus. Erschrecken über motivisch zumindest lose verbundene Gewalttaten, unter anderem von Anders Breiveik (2011, Oslo und Utøya) über Elliot Rodger (2014, Santa Barbara) und Brenton Tarrant (2019, Christchurch) bis zum Attentäter von Halle, Stephan Balliet (2019). Erschrecken über die Ideologien, die dahinter stehen und die sich in einer oft kruden, frauenfreien „Mannosphäre“ entwickeln, deren Ideale meist nichts mit einer aufgeklärten liberalen Demokratie zu tun haben.

Bei einer 2001 durchgeführten Studie „[gab] [f]ast die Hälfte der befragten sexlosen Erwachsenen an, generell unfähig zu sein, eine soziale Beziehung herzustellen“. Kaiser spricht von einer Antriebslosigkeit , die alle Bereiche des Lebens durchziehe: „Viele sind arbeitslos und nur in einem Feld aktiv: im Internet, entweder als Gamer oder beim Posten“ in Foren, in denen „sich Incels in einen zynischen, oft auch suizidalen Nihilismus hinein[steigern]“. Ebenfalls erschreckend: Wir reden hier nicht über ein paar hundert, sondern über mehrere zehntausend Menschen, die sich in diversen Reddit-Foren und Imageboards sammeln.

Susanne Kaiser zeichnet in ihrem Buch die Entstehung und Verbreitung dieser Szene nach, erklärt Begriffe und Codes dieser Parallelwelt, geht auf die theoretischen Grundlagen ein, auf die sich Incels gern berufen, und ordnet Medienereignissse entsprechend ein. Kaiser zeichnet das Paradoxon nach, dass Attentäter wie Elliot Rodger zwar ein patriarchales männliches Anspruchsdenken hätten, aber gleichzeitig überhaupt nicht dem Männlichkeitsideal entsprächen, von dem sie ausgingen: „Einerseits hängt Rodger einem althergebrachten patriarchalen Männlichkeitsideal an, dem zufolge Frauen ihm Sex und andere ‚Dienstleistungen‘ schulden. Andererseits aber verkörpert er selbst überhaupt nicht das Ideal hegemonialer Männlichkeit. […] Er wartet passiv und frustriert ab.“ Dies sei das Spannungsverhältnis, das bei Incels wie Rodger zu Frustration und letztlich zu Verbrechen führte.

Aber, und das ist wichtig, solche Anschläge sind nur der Extremfall für ein gesamtgesellschaftlich häufig vorhandenes männliches Anspruchsdenken, so als würden Frauen den Männern etwas schulden. Die zahlreichen Fälle im Kontext von #MeToo, die Missbrauchsvorwürfe um den Musiker Marylin Manson, aber auch die Vorgänge um den (jetzt früheren) Intendanten der Berliner Volksbühne Klaus Dörr und den BILD-Chef Julian Reichelt zeigen genau dasselbe Anspruchsdenken, bei denen Männer in Machtpositionen diese Macht auf aggressive Weise (ob nun körperlich oder nur verbal) ausleben.

Dass solche Fälle zunehmend thematisiert werden, zeigt einerseits, dass patriarchale Strukturen zunehmend gefährdet sind. Doch dies, so Kaiser im Rückgriff auf die Gewaltforscherin Jess Hill und den Männlichkeitsforscher Michael Kimmel, bedeutet andererseits eine größere Gefahr durch Gewalt: „‚Die erhöhte Aufmerksamkeit für männliche Gewalt […] könnte Täter gerade gefährlicher machen.‘ Hill beobachtet diesen Zusammenhang für Australien. […] ‚Der Backlash ist real und er ist gewalttätig.'“

Die konkreten Formen des Backlash unterscheiden sich im Einzelnen — während sich Anders Breivek in seinem ‚Manifest‘ eine ‚heile Familie‘ der 1950er herbeifantasierte, wünschen sich andere Extremisten eine Art ‚weiße Scharia‘ –, aber (das arbeitet Susanne Kaiser klar heraus) „[i]hnen gemein ist die Herabwürdigung von Frauen. Und dass es sich dabei eben nicht um Wahnvorstellungen einzelner Irrlichternder handelt, sondern um ein transformatorisches Programm, zeigen die zahlreichen Akteure, die diese Ideen in politisches Handeln zu übersetzen versuchen.“

Akteure, die sehr heterogen sind und von Religion über Vereine bis zur Politik ein großes Spektrum abdecken. In manchen Ländern Europas, wie Polen und Ungarn, sind sie in Regierungsverantwortung, in anderen Ländern handelt es sich um starke Lobbygruppen. In Deutschland ist u.a. an die AfD zu denken. Die verschiedenen Akteure mögen im Einzelnen unterschiedliche Schwerpunkte verfolgen. Aber „[s]chaut man […] hinter die verschiedenen Anliegen, findet sich immer dasselbe Muster […] Der Herrschaftsanspruch und die Privilegien, die mit — meistens weißer — Männlichkeit verbunden sind, werden erbittert verteidigt.“

Kaiser zeichnet gegen Schluss ihres Buches nach, wie die „Anti-Genderisten“ sich finanzieren und ihre Politik umsetzen, und welche Rolle Figuren wie der frühere US-Präsident Donald Trump, die französische Rassemblement National-Vorsitzende Marine Le Pen oder die AfD-Politikerin Alice Weidel dabei spielen, die rückwärtsgewandte Politik für möglichst viele Wähler*innen (nicht nur Männer) attraktiv zu machen.

Fazit

Susanne Kaisers Buch ist ein wichtiger Beitrag, der den Blick auf sonst nur am Rande wahrgenommene Phänomene lenkt, wenn wieder einmal ein sogenannter ‚Amoklauf‘ durch die Medien geistert. Kaiser zeigt sehr plausibel, dass es eine ideologische Ebene gibt, auf der Taten von ‚Incels‘, etwa Anschläge wie der in Atlanta, zusammenhängen mit häuslicher Gewalt von Männern gegen Frauen sowie mit mit Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien weltweit. Zurück geht dies letztlich auf Verteidigungsreflexe eines patriarchalen Weltbilds.

Das Buch „Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen“ von Susanne Kaiser erschien 2020 bei Suhrkamp.

Lesetipp: Gentrifizierung als Verblassen städtischer Atmosphäre am Beispiel von Paris (New York Times)

Im Quartier Latin (Lateinisches Viertel) in Paris sterben die Buchläden, wie die New York Times berichtet. Das hat auch mit der Corona-Pandemie zu tun, aber vor allem mit Gentrifizierungs-Prozessen, die seit Jahren stattfinden. Menschen fühlen sich von dem Charme eines Stadtviertels angezogen, im Beispiel etwa den engen Straßen, den vielen Buchläden, den Kinos, den Cafés, der studentischen Atmosphäre. Darum ziehen sie da hin, verdrängen durch steigende Mieten die früheren Bewohner*innen und damit auch traditionelle Geschäfte.

Buch- und Plattenläden würden durch Hotels und Supermärkte ersetzt, statt studentischer Bewohner*innen (die sich die Mieten nicht mehr leisten können) kämen Wohlhabende und Airbnb-Tourist*innen. Und die wundern sich dann, dass die Atmosphäre, wegen der sie gekommen sind, nach und nach verblasst: „new residents were attracted by the neighborhood’s cultural atmosphere but ‚do not participate in it'“ wie es im NYT-Artikel heißt.

Das ist der Kern des Problems. Atmosphäre ist nicht einfach da und wird passiv wahrgenommen, sie entsteht im Austausch von und mit Menschen. Gentrifizierung ist der erfolglose (auf Ebene der Einzelperson sicher oft unbewusste) Versuch, lebendige städtische Atmosphären für eine wohlhabende Zielgruppe zu konservieren. Das kann nicht funktionieren.

+++ Betrachtungen zur aktuellen Corona-Lage +++

Wie mein Kollege Mario Donick habe ich auch längere Zeit nichts mehr in diesen Blog geschrieben, da die derzeitige Corona-Glocke sehr viel Motivation und Kreativität einfach so verschluckt. Aus meiner Sicht liegt es vor allem an diesem merkwürdigen Vakuum, in dem wir uns seit Monaten befinden und wodurch es zunehmend für einen selbst immer schwieriger wird, zu bewerten, welche Entscheidungen bzw. Maßnahmen noch angemessen sind und welche nicht – gerade, weil wir uns zu schon zu sehr mittendrin in der Ausnahmesituation befinden und uns die Außenperspektive immer mehr abhandenkommt. Und diese quälende Langsamkeit beim Impfen ist kaum mehr zu ertragen…

Mir fallen momentan gesellschaftliche Diagnosen immer schwerer, weil man nicht so richtig einschätzen kann, in welche Richtung sich unsere (Welt-)Gesellschaft nach der Pandemie entwickeln wird und welche Themen dann vor allen Dingen im Fokus stehen werden. Ist es die Identitätspolitik oder ist das jetzt schon Schnee von gestern? Ist es der Klimawandel? Sind es soziale Ungleichheiten? Oder werden wir uns wieder hedonistisch ins Leben stürzen und alle Probleme erst einmal verdrängen, um das Leben wieder so richtig genießen zu können?

Kürzlich habe ich das Buch des Soziologen Steffen Mau „Lütten Klein“ gelesen. So wie er wurde ich auch in den 1970er Jahren in Rostock geboren. Ich bin allerdings nicht in Lütten Klein, sondern in Groß Klein 😉 aufgewachsen. Mau blickt zuerst auf den DDR-Alltag zurück und analysiert im Anschluss, welchen Veränderungen die DDR-Bürger:innen nach 1989 ausgesetzt waren und in welche Richtung sich der Stadtteil Lütten Klein entwickeln hat. Ich habe mich in dem Buch sehr wieder erkannt und stimme fast mit allen Beobachtungen von Mau überein. Und interessanterweise wurde mir beim Lesen immer bewusster, dass die Ostdeutschen fast mehr durch die Wende selbst als durch die DDR geprägt wurden. Steffen Mau verwendet dafür den Begriff der „Transformationsgesellschaft“, die sich während des Umbruchs in den ostdeutschen Bundesländern herausgebildet hat.

Der Zusammenfall der DDR und die Einbindung dieser in ein kapitalistisches Wirtschaftssystem war mit Transformationsprozessen verbunden, die die ehemaligen DDR-Bürger:innen völlig aus ihrem Gleichgewicht brachte und eine jahrelange Neu-Orientierung und Anstrengung nötig war, um sich im neuen System zurechtzufinden. Das hat mich in gewisser Weise an unsere Situation in der Corona-Pandemie erinnert. Mittlerweile dauert sie schon ein gutes Jahr und das ist ein Zeitraum, der in Gesellschaften schon eine sehr nachhaltige Wirkung entfalten kann. Ich bin gespannt, wie vor allem die Jugendlichen diese Zeit verarbeiten und wie sie in ihrem Verhalten als Erwachsene dadurch geprägt werden. Denn wie Steffen Mau herausgearbeitet hat, waren es vor allem die 13- bis 14-Jährigen, die besonders große Schwierigkeiten hatten, den Umbruch der DDR zu verkraften und sich an die neuen Verhältnisse anzupassen, da ihnen ihre Eltern als orientierende Wegweiser oft nicht zur Verfügung standen, da sie mit sich selbst genug zu tun hatten – die meisten wurden von einem auf den anderen Tag arbeitslos und waren gezwungen, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben und dafür viel Mut aufzubringen.

Seit einem Jahr müssen wir unser Leben wieder neu sortieren; Wünsche hintenanstellen. Damit verbunden ist, dass wir vieles in Frage stellen, was bis heute selbstverständlich war. Am Anfang der Pandemie schien die Digitalisierung noch als ein Allheilmittel und eine große Chance zu gelten, was sich aber schon teilweise als ein Trugschluss herausgestellt hat. Denn die Menschen sehnen sich nach zwischenmenschlicher Nähe und möchten endlich wieder gemeinsam Zeit verbringen, ohne durch einen Bildschirm getrennt zu sein. Wir befinden uns in einer erschreckend inhaltsleeren Zeit. Wenn Menschen nicht real miteinander – sondern nur über elektronische Medien – kommunizieren dürfen, dann stagniert scheinbar das Denken und die Entwicklung neuer Ideen. Klar, es ist gut, dass wir uns jetzt mit Videokonferenzen auskennen und uns smarter durch den digitalen Dschungel bewegen können – die digitale Kommunikation bringt aber keine „Neue Normalität“, sondern sie ist lediglich ein gutes Instrument, um die Einschränkungen abzufedern und trotzdem zwischenmenschlichen Kontakt möglich zu machen. Es bleibt aber immer nur eine schlechte Kopie des Originals – nämlich unserer analogen Kommunikation in der „primären Realität“. Die Welt erscheint mir im Moment schon fast lächerlich banal – die Fokussierung nur auf ein einziges Thema vernebelt das Gehirn. Umso länger die Einschränkungen dauern, umso mehr erkenne ich, wie sehr wir neue Reize und Erlebnisse brauchen – durch Kultur, Mobilität und gemeinsame Erlebnisse mit anderen Menschen. Und dann beginnt hoffentlich eine Zeit von neuen Visionen und wieder mehr Kreativität.

(Titelbild von Alexandra Koch / Pixabay)

Geschichte(n) der Textverarbeitung: „Track Changes: A Literary History of Word Processing“ von Matthew G. Kirschenbaum (2016)

Nachdem ich im Dezember einen kleinen textverarbeitungstechnischen Retro-Anfall hatte, stieß ich auf eine sehr lesenswerte Literaturgeschichte der Textverarbeitung. Im 2016 erschienenen Buch „Track Changes: A Literary History of Word Processing“ zeichnet der US-amerikanische Autor und Englisch-Professor Matthew G. Kirschenbaum die Geschichte der Textverarbeitung am und mit dem Computer nach. In einer Mischung aus Anekdoten, kurzen Textauszügen und medientheoretischen Interpretationen wird deutlich, wie der PC als Schreibwerkzeug mal begeistert aufgenommen und mal als echte Bedrohung für literarische ‚Qualität‘ wahrgenommen wurde.

Die Auswahl der Autor*innen, die Kirschenbaum anführt, ist US-zentriert und entstammt recht oft dem Bereich der Phantastik (d.h. Science Fiction, Fantasy, Horror) — da darf natürlich der Verweis auf George R.R. Martins WordStar-Nutzung genausowenig fehlen wie Stephen Kings jahrelanges Festhalten an einem Anfang der 1980er herausgekommenen Textverarbeitungssystem des Herstellers Wang. Es ist sehr interessant, die Meinungsäußerungen aus einer Ära zu lesen, als das Schreiben mit dem Computer noch als etwas sehr Neues und für viele Menschen auch sehr Aufregendes wahrgenommen wurde — im Gegensatz zur heutigen Welt, in der „Typing on Glass“ (so ein Kapitelname) dank überall verbreiteter Touchscreens gar nichts Besonderes mehr ist.

Glücklicherweise bleibt Kirschenbaum nicht beim bloßen chronologischen Erzählen stehen, sondern streut an passenden Stellen auch medientheoretische Perspektiven ein. Die wichtige EXECUTE-(ausführen)-Taste an Stephen Kings Wang-Textprozessor etwa wird von Kirschenbaum mit Walter J. Ongs Konzept der sekundären Oralität der digitalen Kommunikation in Verbindung gebracht:

Computers thus make the written word actionable. EXECUTE was the juice, the lightning, the scroll in the forehead of the golem (to invoke the old Jewish legend).

Matthew G. Kirschenbaum, Track Changes, 2016, S. 79.

Wenn Textverarbeitung ins Spiel kommt, handelt es sich bei Wörtern nicht mehr um Signifikanten, sondern um etwas Ausführbares, wie Kirschenbaum mit Friedrich Kittler darstellt. Kittler hatte darauf hingewiesen, dass der Name des in den Achtzigern beliebten Textprogramms WordPerfect zu lang war, um ihn bei der damals unter MS-DOS geltenden Längenbegrenzung für Dateinamen auszuschreiben, was angesichts der im Namen versprochenen Perfektion sehr ironisch war:

For Kittler, word processing marked a definitive break with prior writing technologies because words stopped being mere signifiers and become executables instead: „Surely tapping the letter sequence of W, P, and Enter on [a] keyboard does not make the Word perfect, but this simple writing act starts the execution of WordPerfect.“

Ebd., S. 48.

Man musste also den Programmnamen abkürzen, um WordPerfect zu starten. Doch WP einzutippen, sorgte nicht für perfekte Wörter, oder bedeutungsvolle Worte, sondern führte einfach das Programm aus. Kurz und knapp fällt der Startbefehl WP aus, eine unbeabsichtigte Erinnerung an die plötzliche Effizienz des Schreibens, die viele Autor*innen bei ihrem ersten Kontakt mit einer Textverarbeitung mal erschrocken, mal begeistert bemerkten (vor allem im Vergleich zur Linearität der Schreibmaschine).

Stephen King und John Updike waren fasziniert vom Gedanken, durch Schreiben Wirklichkeit zu verändern. King veröffentlichte 1983 in der Zeitschrift Playboy eine Geschichte namens „The Word Processor“, in der der Protagonist Richard (Lehrer und eher erfolgloser Autor) mit der Löschen-Taste (DELETE) seines Computers rumspielt — und so nach Belieben manche Personen aus Richards echter Welt einfach löscht, während er andere einfügt (INSERT). Ebenfalls 1983 veröffentlichte John Updike das Gedicht INVALID.KEYSTROKE. In der zweiten Stophe klingt auch bei Updike die Faszination für die Macht des Schreibens/Ausführens an:

Your.cursor–tiny.blinking.sun–

Stands.ready.to.erase.or.run

At.my.COMMAND.to.EXECUTE

Or.CANCEL:.which? The.choice.is.moot.

Ebd., S. 85.

Die Alltagserfahrung von Autor*innen in ihrer Zeit mit der neuen Technologie wurde von ihnen literarisch verarbeitet, selbst wenn das mal nur im Titel eines Gedichts explizit wird, wie in Patricia Freed Ackermans „Poem Written at Work on a Wang Word Processor Sometime in the Afternoon Wanting to Leave“ (S. 143), ein Gedicht, das am Arbeitsplatz einer Sekretärin oder Schreibkraft entstand, die viel lieber woanders sein mochte:

In an ideal world

I would sit by a clear

lake an occasional

sailboat would

flutter by an

occasional butterfly fan

Ebd., S. 143.

Ein See mit Segelboot und Schmetterlingen, größer kann man sich den Kontrast zu einem Computerarbeitsplatz der frühen Achtziger kaum vorstellen. Aber, so Kirschenbaum, die Dichterin ist gefangen, „bound by her job, compelled to remain at the keyboard even if there is no work to be done“ (S. 144). Der Mensch selbst wird hier zur Maschine: „Like the word processor, she must be constantly ready, available, on call — on-line“ (ebd.) Das Textverarbeitungssystem sei eine Prothese, eine Erweiterung der Identität der Dichterin. Womit wir wiederum an Marshall McLuhan denken können.

Kirschenbaums insgesamt recht kurzweiliges Buch wird immer dann am spannendsten, wenn, wie in diesem Beispiel, historische Darstellung, Medientheorie und literarische Texte zusammenkommen.

„Track Changes: A Literary History of Word Processing“ von Matthew G. Kirschenbaum erschien 2016 bei The Belknap Press of Harvard University Press; eine deutschsprachige Ausgabe gibt es nicht.

Titelbild: Fathromi Ramdlon / pixabay.com

Corona-Müdigkeit IV: Gegen den Inneren Lockdown

Es ist jetzt fast auf den Tag genau ein Jahr her, dass ich das erste Mal über Corona-Müdigkeit schrieb. Da war COVID19 in Deutschland gerade erst so richtig angekommen, und mit „Müdigkeit“ bezog ich mich vor allem auf den medialen Lärm. Vier Monate später hatte sich dann Müdigkeit hinsichtlich der Gesamtsituation in mir breit gemacht, die aber dank der Sommermonate und viel Arbeit nicht sehr anhaltend war. Ende November kam sie zurück, und ehrlich gesagt hielt sie bis vor kurzem an. Während ich das im Dezember und Januar aber produktiv nutzen konnte, um unter anderem auch viele Texte für Über/Strom zu produzieren (auch eine Form von Eskapismus), waren der Februar und die erste Märzhälfte von einer echt unangenehmen Dumpfheit erfüllt, die ziemlich genau das war, wogegen sich zuletzt Kathrins Ideengeber-Artikel „Do’s & Don’ts im Lockdown des Jahrhunderts“ gerichtet hatte. Ach, diese Ironie. 🙂 Zwar habe ich weiter eine Menge geschrieben (vor allem sehr lesenswerte GameStar-Artikel). Aber bezogen auf andere Projekte habe ich mich innerlich doch irgendwie schreibblockiert gefühlt.

Und dann beschloss ich, angesichts gerade etwas niedrigerer Corona-Fallzahlen, das Home Office meines ’normalen‘ Jobs mal wieder zu verlassen und ins Büro zu gehen. Gott, war das eine gute Entscheidung. Echte Menschen. Echte Gesichter. Stimmen. Lachen. Fluchen. Diese typische Büro-Geruchsmischung aus Kaffee, Teppich, Computern, von draußen ekliger Zigarettenrauch, und irgendwo hat wieder wer nicht richtig die WC-Tür geschlossen, was man selbst mit FFP2-Maske wahrnimmt. War das schön. Ich komme eigentlich gut mit mir allein zurecht, aber offenbar kann selbst ich vereinsamen, wenn alle Kontakte nur virtuell sind.

Leider steigen die Fallzahlen jetzt wieder, sodass fraglich ist, wann ich das nächste Mal ins Büro gehe. Aber selbst diese eine Woche war ein scheinbar sehr nötiges soziales Auftanken, ohne das man gegen den inneren, ich möchte fast sagen seelischen, Lockdown nicht ankommt. Echt spannend.