Lesetipp: Retro-Programmieren auf dem KC85 (Videospielgeschichten.de)

Hier wieder ein Lesetipp in eigener Sache (ohne Paywall): für Videospielgeschichten.de habe ich einen kleinen Bericht über eine Retro-Programmierwoche geschrieben, die ich letzte Weihnachten eingelegt hatte. Da hab‘ ich für einen emulieren DDR-Computer (KC85, quasi das Ost-Gegenstück zum C64) ein Computerspiel programmiert (ein roguelike, ähnlich wie mein ‚richtiges‘ Spiel LambdaRogue: The Book of Stars). Anfang bis Mitte der 1990er hatte ich einen echten KC85/3, und es war recht spaßig, nochmal in diese Zeit zurückzugeben. Den Artikel habe ich übrigens ebenfalls mit einem KC-Textprogramm verfasst. Hier geht’s zum Artikel: https://www.videospielgeschichten.de/retro-programmieren-auf-dem-kc85/

Gedanken zu Dune (2021)

Frank Herberts 1965 erschienenes Buch „Dune“ (dt. „Der Wüstenplanet“) fasziniert mich seit meiner Kindheit. Das erste Mal lieh ich es mir aus der Kleinstadtbibliothek mit etwa 10 oder 11 Jahren aus, 1991/92, und dann immer wieder. Allerdings las ich damals vor allem die fiktionalen historischen Darstellungen in den Anhängen. Eine menschliche Gesellschaft aus Feudalstaaten, zehntausende Jahre in der Zukunft, ohne Computer (die verbannt waren), aber mit Raumfahrt und mysteriösen Religionen, die in ihren Begriffen noch seltsam vertraut klangen… All das sprach mich an.

Faszination

Ganz konkret in den Bann zogen mich die schlichten Schwarz-Weiß-Zeichnungen von John Schoenherr, besonders die steinerne Kugel, von zwei Händen umfasst, die die Widmung am Anfang des Buches illustrierte. Auch die Sprache, die in der Übersetzung Ronald M. Hahns (1978) seltsam altmodisch und damit auch gewichtig wirkte, ließ mich nicht los. Dass die übersetzte Widmung so ziemlich das Gegenteil von dem ausdrückte, was Herbert eigentlich geschrieben hatte (und was erst 2016 in der Neuübersetzung von Jakob Schmidt behoben wurde), und dass überhaupt die Übersetzung an manchen Stellen eine recht poetische, aber auch freie Nachdichtung war, konnte ich damals nicht wissen.

Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich das Buch wirklich zu lesen begann. 1995 kaufte ich mir auf einem Schulausflug eine illustrierte Ausgabe, die neben Schoenherrs Zeichnungen auch Fotos aus dem Kinofilm von 1984 enthielt. Ein bisschen verknallt war ich damals in die Portraitaufnahmen von Lady Jessica (Francesca Annis). Lady Jessica war die Konkubine von Herzog Leto Atreides (Jürgen Prochnow) und Mutter der Hauptfigur des Romans, Paul Atreides (Kyle MacLachlan). Die Verfilmung von David Lynch wurde nicht besonders gut aufgenommen (übrigens auch nicht von Lynch selbst, zumindest nicht in der Fassung, die am Ende in die Kinos kam), aber wie schon das Buch sog mich der Film durch seine Fremdartigkeit ein. Der Film hat bis heute seine Fans.

Viele Jahre sind seitdem vergangen und September 2021 kommt eine Neuverfilmung in die Kinos. Regisseur ist diesmal Denis Villeneuve (u.a. „Bladerunner 2049“).

Die Story dürfte dieselbe sein: Auf dem Planeten Arrakis, der eine einzige Wüste ist, wird das seltene Spice (Gewürz) angebaut, das den Blick in die Zukunft erlaubt. Das Spice wird von der Raumfahrergilde benötigt, um durch das All zu navigieren – Voraussetzung dafür, dass das Imperium der Menschen Bestand haben kann. Das Haus Atreides wird als Verwalter des Planeten bestellt, was dem konkurrierenden Haus Harkonnen misfällt.

Der junge Paul Atreides wird in diesen Streit hineingezogen, kann aber in die Wüste fliehen und trifft dort auf die Bewohner von Arrakis, die Fremen, die Frank Herbert als eine entfernt islamisch und arabisch geprägte Kultur gestaltet hat. Für die Fremen erweist sich Paul oder Muad’Dib, wie sie ihn nennen, als Messias, als Kwisatz Haderach („Abkürzer des Weges“, das ersehnte Ergebnis einer Generationen andauernden Züchtung). Paul wird zum Anführer der Fremen und führt sie als Armee in einen heiligen Krieg (Jihad) gegen das Imperium, um dessen Herrschaft über Arrakis zu beenden.

Zweifel

Aus heutiger Sicht klingt diese Story nach Imperialismus (weiße Leute beuten eine für sie fremde Welt und deren Menschen aus) und nach dem „white savior“-Motiv (die ausgebeuteten Menschen werden erst durch einen weißen Retter befreit). Oft fällt der Vergleich mit Thomas Edward Lawrence und dem ihm gewidmeten Film „Lawrence von Arabien„. Es wird auch darauf hingewiesen, dass Dune unter amerikanischen Rechten ein beliebter Roman sei, und es wird kritisiert, dass an der Neuverfilmung eines Stoffes, der Anleihen an Kulturen aus dem arabischen Raum nimmt, keine entsprechenden Schauspieler*innen beteiligt sind.

Für den auch gern medienkritisch auftretenden Historiker Paul B. Sturtevant mündet das in der Grundsatzfrage, ob ein Film wie Dune heute wirklich angebracht ist. Er bezweifelt das: „Maybe Dune, a Story about a White Superman Created by a Eugenics Program, is Not the Film We Need Right Now“ („Vielleicht ist Dune, eine Geschichte über einen weißen Supermann, der durch ein Eugenik-Programm geschaffen wurde, nicht der Film, den wir gerade brauchen“).

Am Ende der Handlung des Buches gibt es einen Moment, an dem Paul Atreides an seinen Taten zweifelt, denn in einer Spice-induzierten Vision erkennt er, dass sein als Muad’Dib geführter heiliger Krieg immenses Leid über das bekannte Universum bringen wird. Auch Frank Herberts eigene Aussagen, nach denen er typisches Heldentum ablehnt und kritisiert, werden von manchen als Beleg dafür herangezogen, dass sich Dune in Wahrheit gegen Imperialismus stellt und es sich daher nicht um das „white savior“-Motiv handeln könne.

Doch Paul B. Sturtevant lehnt diese Argumentation ab. Denn in der Romanhandlung dienen die Fremen nur zu zwei Dingen: Sie werden entweder kolonisiert (erst durch das Haus Harkonnen und dann das Haus Atreides, beide zanken sich um Arrakis im Namen des Imperiums), oder sie werden befreit (durch Paul Atreides). Sie erscheinen passiv, haben keine eigenen Ziele, keine eigene „agency“ oder Handlungsfreiheit. Erst Paul Atreides gibt sie ihnen scheinbar. Das ist für Sturtevant der Kern des „white savior“-Motivs: „A lack of agency on the part of the people of color is the core of the ‚white savior.'“ Dass davon am Ende bei Leser*innen und Zuschauer*innen der Eindruck hängen bleiben kann, dass ‚arabisch‘ gelesene Menschen gegen ‚den Westen‘ in den heiligen Krieg ziehen, würde ohnehin bestehende Vorurteile verfestigen.

Was tun?

Unabhängig von diesen, bisher vor allem im englischsprachigen Raum geführten, Debatten wird der Film vermutlich ein großes Publikum anziehen. Der bekannte Regisseur, die zu erwartende gute handwerkliche Qualität und Hans Zimmers Überwältigungs-Soundtrack, der diesmal Anleihen an ‚orientalisch‘ gelesenen Klängen nimmt, werden daraus einen lang ersehnten Blockbuster machen.

Doch wie bei vielen erfolgreichen Unterhaltungsmedien stellt sich die Frage, wie man mit der eigenen Hybris und Verantwortung umgeht. Ob man sich etwa trotz zweifelhafter Aspekte für den Moment von ihnen mitreißen lässt (Sturtevant spricht kritisch von einer „willing suspension of disapproval“); oder ob man den Film zwar anschaut, aber mit bewusst aufrecht erhaltener kritischer Distanz; oder ob man ihn sogar boykottiert, wie das vereinzelt gefordert wird.

Lesetipp: Flugsimulation ist mehr Romantik als Realismus (GameStar, Paywall)

Für den Plus-Bereich der Zeitschrift GameStar habe ich einen kleinen Essay geschrieben über das Paradoxon, dass die sehr „realistische“, von echten Luftbildaufnahmen teils nicht zu unterscheidende Grafik im Microsoft Flight Simulator (2020) gerade erst zu einem Gefühl der Unwirklichkeit fühlt. Das ist am Ende mehr Romantik als Realismus — und das, wo ja gerade der technische Begriff „Simulation“ zumindest auf den ersten Blick für alles andere als Romantik zu stehen scheint. Der Text ist eher ‚gefühlig‘ und beruht auf dem Unterschied des Spiels zu meinen echten Flugerfahrungen, aber einen kurzen Verweis auf Benjamins Aura-Begriff konnte ich mir trotzdem nicht verkneifen, wenn es um das Fehlen echter Dynamik und Lebendigkeit bei der Darstellung unserer Erde im Spiel geht. Hier geht’s zum Artikel: https://www.gamestar.de/artikel/microsoft-flight-simulator-romantik-des-fliegens,3372099.html

„Algorithmen werden erst verständlich, wenn man sie durch die menschliche Linse betrachten kann.“ Interview mit Anna Lena Schiller von Unding.de

Was tun, wenn ein Computer-Algorithmus eine Entscheidung trifft, die unser Leben beeinflusst? Wenn die Buchung des Corona-Impftermins nicht klappt, weil die Software in Arztpraxen und Behörden dafür nicht geeignet ist? Der wichtige Kredit abgelehnt wird, weil die SCHUFA aus intransparenten Gründen die Kreditwürdigkeit als zu gering einstuft? Oder ein Fotoautomat in Behörden nur für ‚weiße‘ Menschen funktioniert? Bei Firmen und Behörden selbst gegen falsche oder fragwürdige automatisierte Entscheidungen vorzugehen, ist oft aussichtslos, denn die menschlichen Ansprechpartner*innen können selbst oft nicht sehen, warum eine Entscheidung getroffen wurde — geschweige denn, diese übersteuern. Da fällt es schwer, Technik zu vertrauen. Das Unding-Projekt der Organisation AlgorithmWatch will hierbei helfen. Im E-Mail-Interview erklärt Unding-Managerin Anna Lena Schiller, wie das genau funktioniert und warum wir uns alle mit den Auswirkungen von Algorithmen befassen sollten.

Die Startseite von Unding.de

Können Sie bitte am Anfang kurz sagen, was das Unding-Projekt ist und wer die Macher*innen sind?

Unding ist die Anlaufstelle für Menschen, die durch automatisierte Entscheidungen benachteiligt oder diskriminiert worden sind. Dahinter steht die Organisation AlgorithmWatch, die sich seit 2016 dafür einsetzt, die Auswirkungen von automatisierten Entscheidungen auf die Gesellschaft zu beobachten und darüber zu berichten.

Das Projekt ist entstanden, weil uns aufgefallen ist, dass viele Firmen nicht verantwortlich sein wollen für die Auswirkungen ihrer Software. Die wenigen Beschwerdewege, die es gibt, sind entweder intransparent oder funktionieren gar nicht. Gleichzeitig gibt es keine unabhängigen Stellen, die Betroffenen helfen. Die Lücke wollen wir mit Unding schließen.

Wie muss man sich die offiziellen Beschwerdewege bei Firmen vorstellen? Sind das Kontaktformulare oder E-Mail-Adressen? Und antworten da dann einfache Servicekräfte, die selbst gar keine Befugnisse haben?

Die offiziellen Beschwerdewege gleichen meist Labyrinthen. Man schickt eine Nachricht über ein Online-Formular, und wenn man Glück hat, bekommt man eine Antwort aus Textbausteinen zurück. Wenn es schlecht läuft, versackt die Anfrage einfach irgendwo im Internet und man ist auch nicht schlauer als vorher. Wahrscheinlich nur noch genervter.

Bei öffentlichen Stellen wir Behörden sieht es etwas besser aus. Dort gibt es oft eine E-Mail oder sogar eine*n direkte*n Ansprechpartner*in. Vielleicht sogar eine Telefonnummer.

So oder so, es fühlt sich für viele nach einer ewigen Odyssee an, Ausgang ungewiss. Man könnte fast das Gefühl haben, Feedback sei gar nicht erwünscht. Wie immer, Ausnahmen bestätigen die Regel. Es gibt sicher auch gute Beschwerdewege und Mitarbeiter*innen, die helfen, die Probleme anzugehen.

Wie geht Unding vor, wenn man Sie einschaltet? Schreiben Sie die Unternehmen an? Und was erhalten Sie dann als Antwort? Oder gehen Sie andere Wege?

Aus der Nutzer*innen-Perspektive läuft das so ab: Man wählt ein Problem und wird durch einen Dialog geführt, der möglichst einfach als Chat dargestellt ist. Dadurch wird das Problem eingegrenzt und am Ende ein Anschreiben generiert. Das wiederum kann der*die Nutzer*in direkt an die verantwortliche Stelle schicken. Geht eine Antwort ein, wird man von Unding benachrichtigt und kann die Antwort auch gleich bewerten. Kommt nichts zurück, hakt Unding automatisch bei den Firmen nach.

Ein Problem bei Unding zu melden, ist sehr einfach. Über Hinweise zu neuen Problemkategorien freuen sich die Macher*innen sehr.

Sind Sie da auch auf die von Ihnen erwähnten offiziellen Kanäle angewiesen, oder gehen Sie da anders vor?

Die Technologie hinter Unding basiert auf E-Mail-Verkehr. Wir recherchieren für jeden Falltyp die richtigen Adressaten (Firmen, Behörden etc.) und die E-Mails gleich dazu. So umgehen wir zumindest die Schleife aus Online-Formularen, die man sonst oft bei Beschwerden verwenden muss. Es kann natürlich sein, dass auch von offiziellen E-Mails keine Antwort zurückkommt. Aber auf Unding kann man es im Gegensatz zu Formularen transparent machen, ob und wann eine Antwort eingegangen ist und wie nützlich sie für die Nutzer*innen war.

Für die Zukunft ist geplant, dass wir Bewertungen, Antwortzeiten und Anzahl der Beschwerden in einem Dashboard anzeigen können. Dadurch lässt sich dann einfach nachvollziehen, wie verantwortlich Firmen mit solchen Beschwerden umgehen. Und je mehr Bewertungen wir öffentlich machen können, desto mehr Druck kann Unding auf die Verantwortlichen ausüben, am Problem an sich etwas zu ändern.

Außerdem wollen wir die Unding-Technologie auch anderen Organisationen zugänglich machen, die Kontakt zu Betroffenen haben. Wir stellen uns z.B. vor, dass man direkt über Webseiten der Unding-Partner Fälle melden kann.

Und zu guter Letzt planen wir auch Nicht-Betroffene mit einzubeziehen. Zum Beispiel durch Umfragen, Datenspenden oder Crowd-Recherchen, in denen sich die Erfahrungen der Menschen mit automatisierten Entscheidungen und Algorithmen widerspiegeln.

Wie funktioniert das Nachhaken von Unding bei den Firmen?

Das Nachhaken funktioniert auch automatisch. Das System schaut, wo noch keine Antwort eingegangen ist, und verschickt dann ohne Zutun eine Erinnerungsmail an die Adressaten.

Arbeiten Sie mit Verbraucherschutzorganisationen oder Anwält*innen zusammen?

Wir arbeiten momentan an einem Partner*innenprogramm, dass wir ab Herbst 2021 umsetzen wollen. Wir möchten gerne schneller und direkter mit Betroffenen in Kontakt kommen. Und dafür sind etablierte Akteure und Organisationen natürlich sehr hilfreich, weil die oft schon in Verbindung stehen mit solchen Personen.

Da die Falltypen bei uns thematisch sehr vielfältig sind, halten wir momentan breit Ausschau nach potenziellen Partner*innen, die mit Unding kooperieren möchte. Wer sich hier angesprochen fühlt und Interesse hat, soll sich sehr gerne bei mir melden! Verbraucherschutzorganisationen oder Anwält*innen natürlich eingeschlossen.

Bisher kann man bei Ihnen Probleme mit der Google-Vorschlägen, der SCHUFA, rassistischen Fotoautomaten, Probleme bei der Impfterminvergabe in Berlin und unsinnigen Routen von Navigationssystemen melden.  Wovon hängt es ab, ob ein „neues“ Unding aufgenommen werden kann?

Es gibt zwei Wege, neue Undinge aufzuspüren: entweder über unsere Recherche (da hilft AlgorithmWatch als Mutterorganisation mit viel Erfahrung und Wissen), oder über Hinweise von Nutzer*innen, die in den letzten Monaten auch schon fleißig eingegangen sind.

Dann fragen wir, ob das Problem skalieren kann. Betrifft es möglicherweise viele Menschen? Dann hat es das Potenzial zum Unding.

Wichtig ist auch noch, ob wir die Story dahinter erzählen können. Warum ist das ein Problem? Wen betrifft das? Was sind die Auswirkungen? Algorithmen werden oft erst verständlich, wenn man sie durch die menschliche Linse betrachten kann.

Können Sie ein Beispiel für so eine „Story“ geben? Etwas, wo ganz prägnant wird, wie jemand unter falschen Algorithmen- oder Prozessauswirkungen Nachteile erleiden musste?

Zwei Beispiele fallen mir da aus Recherche für Unding ein.

Das erste wäre Thieshope, ein kleiner Ort in Niedersachsen. Ich nenne es manchmal auch das Gallische Dorf der Navi-Ära. Thieshope hat das Pech, gleich an der A7 zu liegen. Und in unmittelbarer Nachbarschaft auch noch die A1 und die A39 zu haben. Wenn man in solch einem Autobahndreieck wohnt, lernt man schnell die Nachteile von Navigationssystemen kennen. Gibt es einen Stau auf der Autobahn, dann bieten die Navis alternative Routen an. Das Problem dahinter: Es wird nicht immer die offizielle Umleitung angezeigt, sondern der kürzeste Weg zum Ziel. Und der führt oft durch solche Orte wie Thieshope, die auf Autobahn-Blechlawinen von LKWs und PKWs gar nicht ausgelegt sind. Das führt zu Lärmbelästigung und Ärger bei den Anwohner*innen vor Ort. Es ging sogar einmal so weit, dass die Polizei einschreiten musste, weil die Anwohner sich mit den Autofahrern angelegt haben.

Ort wie Thieshope gibt es zu Dutzenden, wahrscheinlich Hunderten in Deutschland. Und wir wollen mit Unding die Menschen unterstützen, sich gegen die Benachteiligung zu wehren. Wer also das gleiche Problem vor Ort hat, bitte melden.

Das zweite Beispiel dreht sich um Fotoautomaten in Behörden. 2015 kam es zum ersten Mal ans Licht der Öffentlichkeit, dass manche dieser Fotoautomaten, die in Ämtern aufgestellt sind, Schwarze Menschen nicht erkennen. Das war leider kein Einzelfall, denn in den Jahren darauf hörte man immer wieder von solchen Vorkommnissen. Zum Beispiel erging es auch Audrey K. so. Deren Geschichte haben die Zeit und die taz sehr gut aufbereitet. Sie wollte in der Führerscheinbehörde Hamburg ein biometrisches Foto von sich machen, aber der Automat erkannte ihr Gesicht nicht. Die von Menschen mit hellerer Haut allerdings schon. Auch in Fotoautomaten und Bild- bzw. Gesichtserkennung steckt Software. Und die kann wie in diesem Fall diskriminieren, wenn die dahinter liegenden Daten nicht repräsentativ genug sind.

Gibt es Ihrer Erfahrung nach genügend Bewusstsein in der Gesellschaft darüber, dass wir von automatisierten Entscheidungen, Algorithmen, KI-Einstufungen usw. betroffen sind, oder merkt man das meist erst, wenn es einen selber mal trifft?

Genügend Bewusstsein? Ein klares Nein. Automatisierte Entscheidungen sind ja auch nicht per se schlecht. Und wenn Digitalisierung unser Leben bequemer macht, dann zweifeln wir das in den seltensten Fällen an.

Routingsoftware z.B. kann den Alltag ungemein erleichtern. Aber es hat eben auch seine Schattenseiten, wenn LKWs kleine Dorfstraßen verstopfen und man in der Fahrradstraße nicht mehr durchkommt, weil alles voll mit Autos ist, die dort per Software hin navigiert wurden.

Oder die Routingsoftware das Auto in den See lotst – wobei man da wohl auch hinterfragen muss, bis zu welcher Stelle man dem dann noch vertrauen würde

Gesellschaftlich fehlt uns noch der differenzierte Blick auf die Auswirkungen von Algorithmen. Vorteile und Nachteile gleichzeitig sehen, die Ambivalenz von Technologie aushalten, nicht dem Glauben an die Neutralität der Software verfallen, automatisierte Systeme erkennen und hinterfragen. Das sind Kompetenzen, die wir uns gesellschaftlich aneignen müssen, um souverän mit Algorithmen umgehen zu können.

Sind Politik und Verbraucherschutzorganisationen hier bereits genügend sensibilisiert? Gerade letztere sind ja die traditionellen Anlaufstellen, wenn Verbraucher*innen Probleme mit Firmen haben.

Das Thema haben sowohl die Politik als auch der Verbraucherschutz auf dem Zettel. Ich würde die Antidiskriminierungsstellen auch noch dazu zählen. Aber es bräuchte Unding ja nicht, wenn das alles schon rund liefe. Ein Grund dieses Projekt zu starten war, dass die Auswirkungen von algorithmischen Entscheidungssystemen noch nicht hoch genug auf der Agenda dieser Akteure stehen. Oft braucht es mehrere Punkte, die Druck ausüben. Verbraucher*innen, Diskriminierte und Betroffene, zivilgesellschaftliche Organisationen und Verbände.

Wir versuchen unseren Teil dazu beizutragen, damit das Thema stärker in den Fokus gerät. Um breiter wirken zu können, wollen wir das gerne mit anderen im Verbund machen. Dazu das bereits erwähnte Partner*innenprogramm. Und natürlich sprechen wir in diesem Rahmen u.a. auch mit dem Verbraucherschutz und Politiker*innen.

Wie kann man Menschen, die sich nicht beruflich oder aus persönlichem Interesse mit der Problematik befassen, ihre eigene Betroffenheit bewusst machen?

Gute Frage! Ich teste das immer an meinen Eltern. Die sind so halb-digital und nutzen Chat-Apps und Online-Banking, aber Algorithmen sind dann doch nicht mehr auf ihrem Radar. Ich versuche Beispiele zu finden, die sehr nah an deren Alltag sind. Zum Beispiel warum ältere Menschen oft automatisch bei Krediten abgelehnt werden. Oder ganz aktuell: wie die Impfterminvergabe durch Algorithmen beeinflusst wird. Und was dabei schieflaufen kann.

Die größte Herausforderung für „Normalos“ ist dabei, überhaupt zu erkennen, wo automatisch entschieden wurde und wo nicht. Das sieht man ja nicht immer so einfach von außen. Wenn ich mich z.B. auf einen neuen Job bewerbe – woher kann ich wissen, ob mein Lebenslauf von einem Programm ausgelesen wurde und ich deshalb die Stelle (nicht) bekommen habe? Oder steckt da doch ein Mensch dahinter? Oder beides?

Um den KI-Blick zu schulen, braucht es Beispiele, Geschichten und immer wieder Aufklärung. Meine Mutter schneidet mir inzwischen Artikel aus ihrer Tageszeitung aus, in der es um Algorithmen geht. Das finde ich eine wunderbare Übung. Falls sie dann wirklich mal Algorithmen-Opfer werden sollte, merkt sie das dadurch hoffentlich schneller. Und kann ihren Fall gleich auf unding.de melden.

Sie haben schon AlgorithmWatch erwähnt – worin besteht da ihr Arbeitsalltag? Auf der Website werden verschiedene Projekte genannt – kann man sich das so ähnlich wie Forschungs- und Entwicklungsprojekte an Unis oder Forschungseinrichtungen vorstellen? Oder betreibt AlgorithmWatch v.a. journalistische Arbeit? Und steht auch Bildungsarbeit (in Schulen, Unis, Volkshochschulen) auf Ihrem Programm?

AlgorithmWatch hat mehrere Säulen. Ich beschreibe die Organisation mal aus dem Blick meiner Rolle als Unding-Projektmanagerin, dann ist es vielleicht am besten nachzuvollziehen.

Anna Lena Schiller ist bei AlgorithmWatch für Undinge zuständig (Foto: Julia Bornkessel, CC BY 4.0)

Zuallererst darf ich mich ums große Ganze kümmern. Mit anderen zusammen die Strategie für Unding bauen, und davon Maßnahmen ableiten, wie das Partner*innenprogramm. Die Umsetzung liegt dann ebenso in meiner Verantwortung. Das macht Spaß, denn so habe ich direkt Einfluss auf die Entwicklung des Projekts.

Dann hat AlgorithmWatch noch Softwareentwickler. Die sind immens wichtig, denn einige unserer Projekte, wie z.B. Unding, sind eine konkrete digitale Dienstleistung, die erstmal gebaut werden muss.

Unding soll natürlich auch bekannt gemacht werden, z.B. über Öffentlichkeitsarbeit, wie dieses Interview hier, aber auch Betreuung von Unding-Social Media-Kanälen. Dafür spreche ich mich mit der PR-Abteilung ab, die übergreifend alle Projekte betreut.

Dann wäre noch die Frage, wie wir auf neue Fälle für Unding kommen. Das geht über unsere Journalisten, die die Hintergründe recherchieren und aufbereiten. Gerade heute habe ich einen Hinweis über verunglückte Automatisierung bei einer Jobplattform erhalten. Da recherchiert der Kollege jetzt weiter.

Unsere Policy- und Advocacy-Abteilung beobachtet, was politisch passiert. Das Team formuliert dafür z.B. Forderungen zur Regulierung von Automated Decision Making? Wir überlegen aber auch, ob Policy-Entwicklungen wie das neue KI-Gesetz Auswirkungen haben, auf die wir mit Unding antworten können.

Zu guter Letzt gibt es noch den wissenschaftlichen Teil. Der ist bei Unding nicht so ausgeprägt, bei anderen Projekten dafür wesentlich stärker. Wir arbeiten in einem internationalen Netzwerk mit Wissenschaftler*innen, Universitäten und Forschungsorganisationen zusammen.

Bildungsarbeit kommt auch immer mal wieder vor, z.B. durch Anfragen von Bildungsinstitutionen für Workshops oder Paneldiskussionen.

Kann man abseits von Geldspenden und als Tippgeber*in bei AlgorithmWatch aktiv werden?

Wir veröffentlichen gerade ein neues Produkt namens Dataskop. Dabei geht es auch um Spenden, allerdings nicht finanzieller Natur, sondern Datenspenden. Den Ansatz der Datenspende haben wir jetzt in mehreren Projekten erfolgreich ausprobiert (z.B. OpenSchufa). Dieses Mal geht es um YouTube-Daten und ganz konkret um die Videoempfehlungen rund um die Bundestagswahl. Auch mit Unding sind Datenspenden geplant.

Wer sich gerne in die Richtung engagieren möchte, kann dafür den AlgorithmWatch-Newsletter abonnieren – und bekommt rechtzeitig Bescheid zu neuen Initiativen. Darüber hinaus freuen uns über alle, die uns längerfristig mit Dauerspenden fördern wollen.

Und natürlich Undinge melden!


(Titelbild: local_doctor / Shutterstock.com)

Bald: „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ (Band 3 der Über/Strom-Buchreihe)

Dass unser digitales Zeitalter ganz schön anstrengend sein kann und Stress verursacht, ist keine Neuigkeit mehr, aber immer noch eine Herausforderung für den persönlichen Umgang mit digitalen Medien. Wie viel davon möchten wir uns selbst zumuten, wie hilfreich oder hinderlich sind Twitter, LinkedIn, Blogs & Co. für unser Wohlbefinden, und was tun wir, wenn wir wie gefangen von Stresserfahrungen sind? Dieses Problems nimmt sich die Neurobiologin und Über/Strom-Autorin Dr. Kathrin Marter in ihrem in Kürze erscheinenden Buch „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ an.

Cover von „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ von Kathrin Marter (erscheint 2021)

„Du bist, was Dich stresst!“ ist der 3. Band der Über/Strom-Buchreihe. Nachdem in Band 1 Uta Buttkewitz das Phänomen der kontaktlosen, aber trotzdem stressenden Nicht-Kommunikation in digitalen Medien untersucht hat, und ich in Band 2 eher eskapistische Auswege im Computerspiel suchte, widmet sich Kathrin nun der Frage, wie wir das Problem des Stresses der digitalen Zeit direkt am Schopfe packen.

Ein paar Wochen dauert es noch, bis alles gesetzt und gedruckt ist (und ich bin sehr freudig aufgeregt 😀 es ist so schön, wenn ein Projekt wächst und fertig wird), aber hier ist schon mal der Klappentext:

Viele Menschen nutzen täglich die Vorteile des digitalen Zeitalters: wenn sie mal eben ihr Zugticket mit dem Smartphone buchen, sich von ebendiesem zum vereinbarten Treffpunkt navigieren lassen und dann per Textnachricht erfahren, dass die werten Kolleg*innen ein paar Minuten zu spät kommen, der Tisch im Restaurant online schon reserviert wurde und das „Tisch-Ticket“ per QR-Code gleich mitsenden. Viele Menschen erfahren sich bei aller Erleichterung zunehmend reizüberflutet, überfordert und in der Folge gestresst.

Der Begriff und Zustand „Stress“ (heutzutage im Sprachjargon als diffus definierter Normalzustand verankert und schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen) ist allerdings tatsächlich ein Zustand, der vielfältigen Leidensdruck verursacht und krank macht.

Die Autorin unterstützt allgemeinverständlich, anschaulich sowie naturwissenschaftlich und psychologisch fundiert bei der Auseinandersetzung mit Stress, Stressoren und Prozessen der Langzeitgedächtnisbildung. Letztere sind nicht unwesentlich an unserem chronischen Stresslevel beteiligt. Langzeitgedächtnisse, die, häufig schon in der Kindheit geformt, starke negative Glaubenssätze beinhalten. Diese negativen Glaubenssätze erfahren durch die Herausforderungen der digitalen Welt permanente Verstärkung und begünstigen dadurch chronischen Stress – mit seinen für viele Menschen spürbaren Folgen.

Das Buch lädt ein, klärt auf und gibt fundierte, anschauliche und handlungsorientierte Ansätze zur Selbstreflexion und Entwicklung einer gesunden Handlungskompetenz gegenüber dem eigenen Stresslevel, folglich der eigenen Gesundheit und dem eigenen Glück.

Gedankenlos

Sobald das Flugzeug abhebt, verfliegen alle Gedanken.

Das Gefühl des Steigens, körperlich und leiblich, und der Blick auf Geschwindigkeit, Steigrate, Richtung, mehr ist nicht wichtig, und je kleiner die Welt unter mir wird, umso irrelevanter erscheinen die Sorgen des Alltags aus der ersten Tageshälfte.

Spontan (statt nur Platzrunden) ein Rundflug, die Stadt von oben in 2.000 Fuß ist so ruhig, alles so klein und unwichtig. Magdeburg habe ich mittlerweile schon so oft aus der Perspektive gesehen, aber trotzdem ist es immer wieder neu.

Der Elbpegel ist mit knapp 2,50 m gerade recht hoch (im Vergleich zu den letzten Jahren) und aus der Luft sieht man gut, wie der Fluss vor kurzem noch begehbare Spazierwege überschwemmt hat:

Da unten, auf dem schmalen grünen Streifen unterhalb des Hafens, war neulich noch viel mehr Platz.

Sogar Gräben in der Umgebung sind voll mit Wasser gefüllt.

Aber das ist alles noch im Rahmen, fast „normal“, so wie man sich einen großen Fluss vorstellt.

Nach der Landung das übliche Highsein.

Und das Abendessen, Pilzsuppe am Flugplatzrestaurant. Dort zufällig einen ebenfalls fliegenden Bekannten getroffen, der erzählt, dass das Restaurant in Stendal jetzt auch wieder geöffnet hat, mit gutem Eiskaffee. Und unverständlich, dass es in Dessau am Platz nicht mal Kaffee gibt, und auch keinen Fahrradverleih (mehr). Luxusprobleme, die mir aber in diesem Moment sehr interessant erscheinen.

Dann die Fahrradfahrt nach Hause, noch mal 9 Kilometer durch die laute Abendstadt, die zurzeit noch wie vor Corona wirkt, und die ich lange nicht mehr so gesehen haben. Nach der Ruhe am Himmel wirkt sie doppelt.

Zu Hause die Nachrichten, um auch gedanklich wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen, mit den Fluten in Südwestdeutschland …

Weltraum (oder so).

Grenzen sind ja immer so eine Definitionssache. Das sieht man gut an Staaten, die der Ansicht sind, diese oder jene Region, Insel oder Halbinsel würde doch eigentlich zu ihnen gehören, während der Rest der Welt das mitunter ganz anders sieht (aktuelles Beispiel: China und das US-Kriegsschiff, ein Szenario, das frappierend an den Beginn des kürzlich erschienenen Romans „2034“ von Elliot Ackerman und James G. Stavridis erinnert, ein Buch übrigens, das eher nüchternes Sandkastenspiel denn spannende Erzählung ist). Jedenfalls beginnt der Weltraum, die gern beschworene „letzte Grenze“, nach internationaler Ansicht in etwa 100 km Höhe, bei der sogenannten Kármán-Linie. Ungefähr ab dieser Höhe reicht die Dichte der Erdatmosphäre nicht mehr aus, um auf konventionelle Weise (= mit Tragflächen, die Auftrieb brauchen) zu fliegen.

Darum muss Richard Branson, der u.a. das Musiklabel Virgin, diverse Fluggesellschaften und die Weltraumtourismus-Firma Virgin Galactic gegründet hat, mit dem Spott seines Konkurrenten Jeff Bezos (Blue Origin und, vor allem, Amazon) leben. Branson kam nämlich gestern als Passagier seines eigenen Raketenflugzeugs VSS Unity (SpaceShipTwo) nur auf 83 km — was allerdings immer noch ca. 8 Mal mehr ist, als Sie bei Ihrem nächsten Urlaubsflug erreichen, und zumindest optisch schon sehr nach Weltraum aussieht. Schwerelos ist man auch, zumindest knapp vier Minuten lang, bevor es schon wieder nach unten geht.

Der kurze Ausflug reichte trotzdem dafür, dass Branson und seinen Kolleg*innen das Astronautenabzeichen der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA verliehen wurde (übrigens angesteckt vom kanadischen Astronauten Chris Hadfield, der vor ein paar Jahren durch sein in der Internationalen Raumstation aufgenommenes Gitarrencover des Bowie-Songs „Space Oddity“ bekannt wurde). Denn die USA hat mal irgendwann definiert, dass das Weltall schon bei 80 km beginnt. Jeff Bezos, der eigentlich vor Branson der erste sein wollte, wies schon mal darauf hin, dass seine Astronauten keine Fußnote an ihren Titel anhängen müssen — denn Blue Origins Rakete New Shepherd kann die Kármán-Linie überqueren. Bezos will das am 20. Juli zeigen, und unter anderem wird er die 82jährige Wally Funk mitnehmen. Wally Funk ist Pilotin und bestand in den 1950er Jahren dieselben medizinischen Tests wie die ersten männlichen US-amerikanischen Astronauten, durfte selbst aber nie ins All fliegen. Mehr als 50 Jahre später kann sich das nun ändern.

Der dritte im Bunde verhielt sich bei dem derzeitigen … (schreibe ich das jetzt? Ach, was soll’s …) … galaktischen Schwanzvergleich sehr ruhig. Kurz vor Bransons Start twitterte Branson noch ein Foto, auf dem er zusammen mit Elon Musk zu sehen war — gute Freunde, kurz vor der Fahrradtour am Wochenende. Musk, der neben der Elektroauto-Firma Tesla und dem Gehirnchip-vs.-KI-Unternehmen Neuralink auch der Firma SpaceX vorsteht, kann sich allerdings auch entspannt zurücklehnen. SpaceX führt inzwischen regelmäßig Auftragsflüge für die US-Raumfahrtbehörde NASA durch, seit letztem Jahr auch mit menschlichen Crews. Alles sehr durchgestylt und PR-optimiert, aber bisher immerhin zuverlässig. Auch Bezos hat das eines Tages vor; Blue Origins Schwerlast-Rakete New Glenn soll 2022 das erste Mal starten.

Neben Elon & Jeff on Mars (wie der Satiriker Marc-Uwe Kling die beiden in seinen Känguruh-Comics bei ZEIT online nennt) erscheint Bransons Ansatz als der — gemessen am Nutzen für die Menschheit und Erde — nicht nur umweltschädlichste (ein Flug verursacht 60% der Emissionen eines Transatlantikflugs, und während im Death Valley gerade erst 56,7 °C gemessen wurden, fliegen reiche Leute klimaschädlich durch die Gegend), sondern auch als der sinnloseste. Oberflächlich betrachtet geht es bei Virgin Galactic allein um den kurzen Kick für vergnügungssüchtige Superreiche, die noch auf leicht bekleidete Galionsfiguren an Flugzeugrümpfen stehen (die bei Virgin Atlantic aber mittlerweile immerhin divers gestaltet sind, statt wie vorher nur Frauen zu zeigen).

Trotzdem zieht Branson in seiner Inszenierung alle PR-Register echter Raumfahrt — extra designte blaue Overalls, die so richtig nach Astronaut*in aussehen; die Autokolonne zum Startflugzeug (mehrere Range-Rover-SUVs mit Plugin-Hybrid-Technik, was gut klingt, aber nach Ansicht von Kritiker*innen eher in die Kategorie Greenwashing gehört); die Bezeichnung „Mission Specialist“ für die Besatzung, deren einzige „Mission“ aber Mission ist, also Marketing und zu schauen, wie sich das ganze Erlebnis eigentlich aus Passagiersicht anführt; und natürlich der Live-Stream, der in bester SpaceX-Tradition Innen- und Außenansichten des Fluges anbot.

Und ja, ich nehme das den Leuten an Bord schon ab, dass sie da viel Spaß hatten und fasziniert waren von dem Flug, von der Schwerelosigkeit, vom Anblick der Erde aus so großer Höhe. Ich kann die kindliche Faszination des 70jährigen Branson völlig nachvollziehen, und hätte ich genug Geld und wäre die Technik jahrelang erprobt, wer weiß, ob ich nicht selbst auch mitfliegen würde. Der kleine Kapitalist in mir findet es auch sinnvoll, dass die Raumfahrt privatwirtschaftlich vorangetrieben wird — verschiedene Unternehmen, verschiedene Ansätze, irgendwas davon wird sich vielleicht durchsetzen und irgendwann vielleicht einen erschwinglichen Weg ins Weltall bahnen. Schon als Jugendlicher, so mit 16, 17, wollte ich ins All. Damals stellte ich mir vor, man würde mir einen Flug zum Mars ohne Wiederkehr anbieten — würde ich „ja“ sagen? Und natürlich hätte ich „ja“ gesagt, in meinem jugendlichen Übermut, der von Science-Fiction-Serien wie Star Trek und Babylon 5 geprägt war, aber weder Freundin, Job noch sonstige Verpflichtungen kannte.

Leider steht es nicht gut um die Welt, und wir sind nicht wirklich in einer Lage, in der man unbeschwert darüber nachdenken sollte, wie man die Welt verlassen kann statt sie zu retten. Bransons Ansatz ist der Kurzstreckenflug der Raumfahrt — der schnelle Hüpfer, für den es keine Notwendigkeit gibt und der eigentlich zu unterlassen wäre. Bezos‘ und Musks Ansätze tun wenigstens so, als wären sie nützlich (Internationale Raumstation; Frachttransporte), auch wenn dieser Nutzen zu hinterfragen wäre. Wie viel davon dient der Forschung, und wenn ja, welcher Art von Forschung? Geht es dabei nicht auch am Ende nur um Wirtschaftswachstum?

Bei all dem Gejammer gerade ist mir meine eigene Hybris sehr bewusst — nicht nur, dass ich das Fliegen quasi promote, indem ich Artikel für Flugsimulations-Zeitschriften schreibe, sondern auch, dass ich selbst Flugzeug fliegen lerne, was ich mir damit schön rede, dass Ultraleicht nur wenig Treibstoff verbraucht, ich kein Auto fahre und bisher nur selten als Passagier in den Urlaub geflogen bin. Aber im Prinzip tue ich im Kleinen nichts anderes als die Milliardäre, auf die ich so zynisch herabblicke. Oder wie die Leute, die mit Hingabe an ihren Autos oder Motorrädern schrauben. Die Faszination für Technik und dafür, mit Hilfe von Technik über sich hinauszuwachsen.

Gott, in meinem GameStar-Artikel neulich über eine Simulation des sehr alten Flugzeugs Douglas DC-6 (Paywall) aus den 1950ern habe ich sogar einen Satz geschrieben, der mir irgendwie peinlich ist, gerade weil ich ihn ernst meinte: „Seht ihr, wie schön die Zeiger der ganzen Rundinstrumente zittern, während die Motoren an Leistung gewinnen?“ Das ist nicht mehr weit weg von Leuten wie dem Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt, der neulich in einem taz-Interview davon schwärmte, wie geil er Ferrari-Motoren findet. Und Bransons Trägerflugzeug WhiteKnightTwo mit dem SpaceShipTwo in der Mitte finde ich auch mal sehr schön. Solange umweltschädliche Technik auf diese Weise wirkt (weil sie so inszeniert und ihre Wirkung so tradiert wird), wird das nichts mit der Klimawende. Verdammt.


Hinweis: In der ersten Version des Artikels habe ich den „Spaceport America“ fälschlicherweise in die Mojave-Wüste verlegt. Das war falsch; dort liegt lediglich der „Mojave Air & Space Port“, auf dem u.a. Virgin Galactics erstes Raketenflugzeug, SpaceShipOne, getestet wurde.

(Titelbild: Virgin Galactic)

Windows 11 und das Problem fehlender Technik-Transparenz

Microsofts kommendes Windows-Update „Windows 11“ war in technikaffinen Medien zuletzt häufig Thema. Unter anderem, weil Microsoft eher undeutlich kommuniziert, auf welchen Computern das Betriebssystem überhaupt funktioniert und so implizit nahelegt, sicherheitshalber Geld für neue Hardware auszugeben. Aber Windows 11 steht auch stellvertretend für einen jahrelangen Trend zu immer mehr Abgeschlossenheit von Computern. Bei GameStar Plus (leider Paywall) hat Georg Löschner einen sehr guten, etwas sarkastischen Kommentar geschrieben, der auf den Punkt bringt, was das Problem bei den Produkten großer Computerkonzerne heute ist: Konzerne wie Microsoft und Apple stellen nur noch hübsche, glattgebügelte Oberflächen bereit, die kaum noch echte Eingriffe seitens der Nutzer*innen zulassen.

Die zunehmende Abgeschlossenheit von Computern bei ihrer gleichzeitig immer größeren Verbreitung in verschiedenen Formen ist ein Problem, das auch bei Über/Strom immer wieder Thema ist, und mit dem ich mich seit Jahren befasse. In meinem Buch „Nutzerverhalten verstehen – Softwareenutzen optimieren“ schreibe ich:

„Transparent gegenüber Nutzer∗innen ist Software, wenn Nutzer∗innen jederzeit die Möglichkeit haben, sich über Hintergründe und Aktivitäten der Software in der aktuellen Situation sowie über das Zustandekommen der Berechnungs- oder Verarbeitungsergebnisse zu informieren. Die undurchsichtige Blackbox Software soll also ein Stück weit transparent gemacht werden.“ (S. 18).

Diese Art von Transparenz halte ich für wichtig, wenn wir als Nutzer*innen nicht nur Konsument*innen sein wollen, sondern weiter selbstbestimmt handeln. Und ja, das ist mit Arbeit verbunden, sowohl für Entwickler*innen als auch für Nutzer*innen:

Nutzer∗innen haben gewissermaßen eine Holschuld, indem sie bereit sein müssen, grundlegende Funktionsprinzipien von Software verstehen zu lernen. Anstatt mal indifferent, mitunter staunend, oft fluchend vor den Ausgaben eines Programms zu sitzen, sollten sie eine Vorstellung davon entwickeln wollen, was das Programm gerade für sie tut. Auf der anderen Seite haben Entwickler∗innen eine Bringschuld, indem sie Software so gestalten, dass Nutzer∗innen sie verstehen können(Hervorh. M.D., S. 19).

Ist Techniktransparenz elitär?

Aber das sehen nicht alle so. Der Nutzer „Zwart“ kommentierte unter Löschners Artikel:Elitärer Bullshit. Dass der Betrieb von PC immer einfacher wird und immer mehr Menschen dazu befähigt, das Potential zu nutzen, ist eine gute Entwicklung.“ (Hervorh. M.D.; Tippfehler habe ich im Zitat korrigiert). Auf den ersten Blick könnte man Löschners Artikel tatsächlich so sehen. Schreibt da nicht nur jemand, den es nervt, dass sein eigenes Expertentum heute nicht mehr gebraucht wird, weil heute eben jede*r einen Computer benutzen kann?

Aber der Kommentar übersieht den Kerngedanken des Artikels: Die Leute sollen heute gar nicht mehr tun wollen, was abseits schicker Oberflächen eigentlich möglich wäre. Je abgeschlossener und „glatter“ Technik wird und je weniger echte Einblick- und Eingriffsmöglichkeiten sie bietet, desto weniger wissen Menschen, welches Potenzial da eigentlich vorhanden wäre. Genau dadurch entsteht dann erst das Elitäre. Sie kommen auch gar nicht auf die Idee.

Meine Frau, die Lehrerin an einer berufsbildenden Schule ist, hat mir neulich erzählt, dass ein u.a. Technik unterrichtender Kollege festgestellt hat, dass Schüler*innen heute gar nicht mehr auf die Idee kommen, technische Geräte einfach mal auseinander zu nehmen und nachzugucken, wie die innen drin aufgebaut sind. Klar – wieso sollten sie auch? Technik lädt ja nicht mehr dazu ein. Smartphones und Tablets sind meistens verklebt, keine Schrauben oder große Lüftungsschlitze trüben das Bild. Nichtmal Akkus lassen sich wechseln.

Techno-Schamanismus?

Also ist die Technik halt da, und sie ist, wie sie ist. Georg Löschner schreibt in seinem Artikel:

„Wir beten den Rechner an, weil er läuft, ohne dass wir darüber nachdenken müssen, warum. Und wie bei jeder göttlichen Anhimmelung inklusive Selbstaufgabe stehen wir dumm da, wenn dann mal irgendwas nicht funktioniert. Denn heutzutage wird das Suchen nach dem Fehler hinter schicken ‚Ich helfe Dir! (kurz nach Hause telemetrieren, brb)‘-Mitteillungen versteckt, aber mangels Wissen, was da wo rödelt … denkt euch euern Teil.“

Die religiöse Metapher ist nicht neu, aber immer noch treffend. Schon Anfang der 1990er gab es dahingehend in einem Usenet-Posting eine dystopische „Vision“: Irgendwann wäre Software so verbreitet und verschlossen, dass wir sie nur noch wie eine Naturgewalt wahrnehmen. Nur sogenannte Techno-Schaman*innen wären in der Lage, sie im Auftrag ihres Stammes zu beherrschen. Sie wissen zwar nicht mehr, warum bestimmte Handlungen funktionieren (das hat die Gesellschaft insgesamt längst vergessen), aber zumindest, dass sie funktionieren, was für den Alltag der neuen Stammesgesellschaft ausreicht.

Unterscheiden lernen

Auch der Soziologe Niklas Luhmann sprach von Technik als Umwelt und als „zweiter Natur“, aber ganz so düster wie in o.g. Vision hat Luhmann das meines Wissens nicht ausgemalt. Technik war für Luhmann Umwelt von Gesellschaft, aber für seine eigenen Analysen noch nicht im Zentrum. Luhmann-Schüler Dirk Baecker hat das Thema seit den 2000ern dankbar aufgegriffen und theoretisch erarbeitet, wie sich Kommunikation in der „Computergesellschaft“ verändert.

In meiner Dissertation (ein kostenloses Druckexemplar schicke ich auf Anfrage gerne zu … ehrlich, die müssen weg) habe ich vor ein paar Jahren Baeckers „Formen der Kommunikation“ (2004) angewendet, um Nutzer*innen bei der Computernutzung zu beobachten und ihr Handeln besser zu verstehen. Ich habe also aufgezeichnet, was sie tun und das dann interpretiert. Systemtheoretisch ausgedrückt: Ich habe das Treffen von Unterscheidungen von Nutzer*innen-Systemen beobachtet, d.h. wie sie mit Selektionen bestimmte Elemente der Nutzungssituation vor dem Hintergrund der Situation unterschieden und damit andere Möglichkeiten ausschließen.

(Das klingt komplizierter, als es ist, darum hab ich ja auch später das oben erwähnte andere Buch geschrieben 😉 ).

Im Fazit der Arbeit schrieb ich jedenfalls:

„es [ist] nicht ausreichend, den Umgang mit Strukturen der Software zu ‚erlernen‘ oder möglichst effiziente Modelle von Nutzerhandeln zu entwickeln. Erfolgreiche Nutzung benötigt die immer wieder neue Erschließung der Software im jeweiligen Einsatzkontext. Immer wieder muss während der Nutzung erkannt werden, vor welchen Hintergründen die Nutzung weitergehen kann – grundsätzlich, und im Falle von Problemen ganz besonders. Das verlangt, sich (a) zu orientieren über die Möglichkeiten; (b) die Möglichkeiten auf ihre Eignung zum je aktuellen Zeitpunkt zu prüfen; und (c) sich zu entscheiden für eine Möglichkeit, was neue zu prüfende Möglichkeiten mit sich bringt. […] [Dazu] ist [es] nötig, das hinter der Oberfläche verborgene Funktionsprinzip der Software zu durchschauen. […] Nur wenn hinterfragt wird, was geschieht, wenn eine bestimmte sichtbare Option ausgewählt wird, kann geprüft werden, ob die Option eine geeignete Selektion wäre. (Hervorh. M.D., S. 325f.)

Früher war alles besser?

Der Trend geht freilich in genau die entgegengesetzte Richtung. Technik wird immer glatter und ihre Funktionsweise wird immer mehr versteckt. In den großen Consumer-Systemen Windows und macOS wird man kaum mehr motiviert, hinter die Oberfläche zu blicken, und weil sich Nutzer*innen daran gewöhnen, wird das auch gar nicht mehr hinterfragt oder nachgefragt. Selbstironisch stellt sich Georg Löschner im Autorenkasten seines Artikels als aus der Zeit gefallen dar. Er

„ist ein grummeliger alter Sack. Influencer und das laute Geschrei von Social Media nerven ihn, und dass die jetzt (wahrscheinlich) auch noch das neue Windows zuspammen dürfen, beschert ihm mehr Puls als ein achtfacher Espresso auf nüchternen Magen. Er kommt nämlich noch aus einer Zeit, als Rechner sich so zurechtpfriemeln ließen, wie man das gerne hätte.“

War also früher alles besser? Nein, natürlich nicht. Früher war es eine Grundvoraussetzung, zu wissen, wie ein Computer im Innern funktioniert, um ihn zu benutzen. Das war gesellschaftlich nicht gut, weil es viele Leute ausschloss.

Aber heute haben wir das andere Extrem – durch die einfachen, funktional einschränkenden Oberflächen sind Computer zwar so verbreitet wie noch nie. Aber sie sind jetzt so „einfach“, dass man gar nicht mehr auf die Idee kommt, hinter die Oberfläche zu blicken und oft nicht hinterfragt, ob das, was einem da vorgesetzt wird, wirklich wünschenswert ist.

Auch heute sind Expert*innen die einzigen, die das können; das ist nicht anders als früher. Und nach wie vor sorgt das nicht nur für Stress und Frustration, sondern – und das ist eben das Neue – für große Unklarheit darüber, was ein Computer eigentlich gerade mit unseren Daten tut. Die Hürde, das zu kontrollieren, ist hoch, und die einzige echte Wahl besteht heute nur noch darin, abzuschalten, sich mit alternatien Systemen wie Linux anzufreunden (was aber, wenn es kontrolliert sein soll, Wissen voraussetzt, das man aus genannten Gründen heute nicht mehr voraussetzen kann, also wiederum in Abhängigkeit von Expert*innen drängt) oder einfach mitzumachen in der schönen glatten durchdesignten Welt.


(Titelbild: sdx15 / shutterstock.com)

Führt das Ausleben unserer Individualität zukünftig auch zu mehr Isolation?

Diana Kinnert/Marc Bielefeld: Die neue Einsamkeit. Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können

In den letzten Monaten habe ich einige Interviews der jungen CDU-Politikerin Diana Kinnert gesehen, die mich sehr beeindruckt haben, weil es sich hier um eine Politikerin handelt, die in einem völlig anderen Sound als andere Politiker*innen spricht und dazu noch Inhalte vertritt, die man selten aus der CDU hört. Obwohl ich keine Nähe zu der Partei verspüre, begeistert mich die junge unkonventionelle Diana Kinnert, die als Markenzeichen einen Cowboyhut trägt und die ansonsten auch eine sehr lässige Erscheinung ist.

Was mir besonders an ihrem Buch „Die neue Einsamkeit“ gefällt, ist die Tatsache, dass darin keine üblichen politischen Phrasen gedroschen werden, sondern Kinnert in ihrer Gesellschaftsanalyse und beim Beschreiben des Phänomens „Einsamkeit“ vom Menschen und seinen Emotionen ausgeht, was in der Politik und auch in gesellschaftlichen Debatten meistens zu kurz kommt. Sie versucht sich auf knapp 500 Seiten der Frage zu nähern, warum die Vereinzelung innerhalb der Gesellschaft, das Gefühl der Einsamkeit und der Bedarf an psychologischer Therapie besonders bei jüngeren Leuten zunehmen. Dabei kommt sie zu dem originellen Ergebnis: „Der Mainstream ist in tausend Subkulturen zerfasert – und diese tausend Subkulturen sind gerade dabei, zum Mainstream zu werden“. Sie bezeichnet unsere Gesellschaft als „überindividualisiert“, da jeder Mensch sein eigenes Leben heutzutage ganz individuell kreieren und gestalten kann – zunehmend unabhängig von Geschlechterzugehörigkeit, sozialen Schichten und tradierten Normen. Diese durchaus positiv zu bewertende Entwicklung hat aber auch eine negative Seite.

Ähnlich wie der Philosoph Byung-Chul Han stellt auch Kinnert fest, dass der moderne Mensch im digitalen Zeitalter die Lust auf Spiritualität, auf das Rätselhafte und auf die Frage nach dem Sinn des Lebens verloren hat. Das Smartphone produziere die „maximale Unverbundenheit durch maximale Absorbiertheit“.

Die scheinbare digitale Revolution befördert die Arroganz, Selbstherrlichkeit und Überzeugtheit der Jetztmenschen, in einem Zeitenumbruch zu leben, so wie keine Generation vor uns. Dabei ist diese Annahme wissenschaftlich betrachtet absoluter Nonsens und dazu noch völlig unlogisch, denn wir kennen nun einmal nur unsere Jetztzeit und können uns in das Lebensgefühl der späteren und früheren menschlichen Generationen überhaupt nicht hineinversetzen.

Wie viele andere Autor*innen, die in den letzten Jahren Bücher zum digitalen Zeitalter geschrieben haben, analysiert Diana Kinnert, dass das Smartphone und die sozialen Medien das Unverbindliche, Oberflächliche und Flüchtige befördern. Das ist erst einmal kein neuer Befund. Neu ist jedoch, dass hier eine junge Politikerin und Publizistin in einer unprätentiösen, authentischen Art und Weise und in einer direkten Sprache den aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus anprangert: „Und darum würde ich heute, nach allen Betrachtungen und Überlegungen, ganz besonders die Jugend mit Nachdruck und Überzeugung dazu auffordern, dem verlogenen Schein- und Community-Kapitalismus zu sagen: fuck you. Ich würde einfach wieder siezen“. Das ist eine herrlich erfrischende Sprache und tut gut. Die Autorin folgt dabei der Analyse des Soziologen Richard Sennett, der die Jugend dazu aufgefordert hat, sich einfach nicht auf den ausufernden Neoliberalismus einzulassen – das erinnert an das berühmte Zitat aus einem Gedicht von Carl Sandburg: „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“

Der zweite Teil des Buches verliert sich teilweise zu sehr im Allgemeinen, was bei dem Thema nicht ausbleibt, da das Gefühl der Einsamkeit ein sehr subjektives ist und auch per se nicht unbedingt negativ sein muss. Kinnert unterscheidet in ihrem Buch die emotionale, soziale und kollektive Einsamkeit. Und sie macht deutlich, dass das Gefühl des unfreiwilligen Ausgeschlossenseins aus Gemeinschaften eines der traumatischsten Erlebnisse ist, die ein Mensch erfahren kann. Es reiche nicht aus, einfach nur physische oder virtuelle Orte der Begegnung zu schaffen (wie zum Beispiel Mehrgenerationenhäuser), um der Vereinzelung entgegenzuwirken, so die Autorin. Notwendig sei es, eine tiefere Verbundenheit der Menschen untereinander zu fördern, zum Beispiel durch „neue Modelle der ökonomischen Partizipation“.

Auch wenn Kinnert am Ende des Buches keine Lösung des Problems präsentiert und dieses auch gar nicht möglich ist – ist es auf jeden Fall ein großes Verdienst, das Thema aus der kommunikativen Tabuzone herausgeholt zu haben, da es mit sehr viel Scham belegt ist und sicher viel mehr Menschen unter Einsamkeit leiden, als nur diejenigen, die den Mut haben, darüber zu reden.

Die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie haben einen kleinen Ausblick darauf gegeben, wie es sich anfühlt, wenn die digitale Kommunikation im Privaten und im Beruf weiter zunimmt. Eine gesellschaftliche, interdisziplinäre Debatte darüber, wieviel digitale Kommunikation den Menschen und uns als Gesellschaft guttut, wäre wünschenswert. Wenn wir zum Beispiel berufliche und private Reisen aus ökonomischen und ökologischen Gründen einschränken, bedeutet das im gleichen Atemzug weniger persönliche, soziale Kontakte und weniger Möglichkeiten, neue Menschen kennenzulernen – denn das funktioniert nur persönlich.

Möchten wir das? Und wie lassen sich Klimaschutz, soziale Nähe und funktionierende Zusammenarbeit miteinander verbinden? Mobiles Arbeiten führt unter Umständen zu weniger körperlicher Bewegung und ebenfalls zu weniger persönlichen Gesprächen mit Kolleg*innen. Ist das für ein gutes Miteinander und das gegenseitige Verständnis wirklich förderlich, wenn man nur noch am Rande erfährt und spürt, woran die Kolleg*innen gerade arbeiten oder was sie umtreibt? Und droht nicht das Gemeinschaftsgefühl verloren zu gehen, wenn sich die Individuen mit ihren Familien oder Freundeskreisen immer mehr in ihrer eigenen privaten Blase befinden, die für andere kaum mehr sichtbar und zugänglich ist?

Das sind meines Erachtens wichtige Fragen, die wir diskutieren sollten. Die rasend schnell gewordene Kommunikation und der Überstrom an Nachrichten, der uns täglich überflutet, lässt Erinnerungen an vergangene Ereignisse immer schneller verschwinden bzw. verblassen, so dass wir uns immer weniger Zeit dafür nehmen, neue Arbeitsprozesse, Verhaltensweisen und Routinen, die durch die Digitalisierung geprägt sind, mit der Vergangenheit zu vergleichen und auf ihre Tauglichkeit und Sinnhaftigkeit zu bewerten.

(Titelbild: Jeshu John, http://www.designerspics.com/)