Träume – Spielwiese unserer selbst

Laut klackern meine Absätze auf dem Kopfsteinpflaster, der Hall wird in der engen Gasse reflektiert, während eine laue Frühlingsbrise meine Haare durchweht. Unbeschwert schlendere ich lange vor der Pandemie durch die Innenstadt Prags. Mein Blick fällt auf ein großes Bild, das im Schaufenster der unscheinbaren kleinen Galerie von Marie Brožová hängt. Sofort bleibe ich gebannt stehen: so viele Details! Ein älterer Mann, an einen Zauberer erinnernd, sitzt mit verträumtem Blick an einem Tisch in einer Art Höhle – womöglich ein hohler Baumstumpf? Wundersame Wesen bevölkern kleine Nischen, Durchgänge ins Freie und winzige, eingerichtete Räume in den Wänden. Minutenlang verliere ich mich in den Details dieses Bildes. Verzaubert betrete ich den kleinen Geschäftsraum, der Galerie und Laden in einem ist. Die Wände hängen voll mit ähnlich aufwändigen Zeichnungen – alle auf DIN A0-Papier und alle mit Buntstift gemalt, wie ich später erfahre. 

„Book of Life“ – mit freundlicher Genehmigung von Marie Brožová

Hinter einigen Ständern voller Postkarten mit diesen Motiven entdecke ich eine junge Frau an der Kasse. Ich frage, noch immer zutiefst beeindruckt, woher die Künstlerin wohl die Inspiration für diese magischen Motive bekommt und ob ihr nicht irgendwann die Ideen ausgehen? Nein, das würde sicher nicht passieren, antwortet die Dame. Frau Brožová male einfach das, was sie in ihren Träumen sehe. Und an Träumen mangele es ja nicht. Um ein paar Euro ärmer, aber einen Stapel Postkarten reicher, verlasse ich kurze Zeit später den Laden wieder. Die Tasche voll mit Traumwelten einer Künstlerin, die ich seither nicht mehr vergessen habe – ihre Bilder zieren nun mein Arbeitszimmer. Warum üben Träume eine so faszinierende Wirkung auf uns aus? Wieso ziehen uns manche Traum-Szenen so in ihren Bann? 

Träume als Spiegel unserer Seele 

Die Psychologie hat sich vor allem in der Geburtsstunde der Psychoanalyse intensiv mit Träumen beschäftigt. Freud machte den Anfang mit seiner berühmten “Traumdeutung” und sah in den Träumen den Königsweg zum frisch entdeckten Unbewussten. Dass es neben dem Bewusstsein eine ganze Welt gefüllt mit Inhalten und Erfahrungen in uns geben könnte, die uns nicht direkt zugänglich ist, war damals ein revolutionärer Gedanke. Später folgte unter anderem Carl Gustav Jung mit seinem Ansatz der subjektstufigen Deutung von Träumen. Die von ihm begründete analytische Psychologie postuliert dabei, dass alles, was uns im Traum begegnet, als Anteil unserer selbst verstanden werden kann – Menschen, Tiere, sogar ganze Landschaften.

Moment, die derbe Bäuerin aus dem Traum neulich könnte eine Persönlichkeitsseite von mir sein? Oder der afroamerikanische Soul-Sänger? Die Spinne? Der Elefant? Setzen wir uns mit diesen Traum-Gestalten auseinander, sind wir mitunter überrascht davon, wer und was sich in uns alles tummelt. Oft lohnt es sich, genauer hinzusehen, denn immer wieder begegnen uns im Traum sogenannte Schatten-Anteile, die wir aus unserem Bewusstsein ausgeschlossen haben. 

Die analytische Psychologie geht davon aus, dass uns im Traum Persönlichkeitseigenschaften oder innere Stimmen begegnen können, die nicht im Einklang mit unserem Selbstbild stehen. Solche dem Bewusstsein fernen Anteile befinden sich nach C.G. Jung im sogenannten Schatten, also einem Teil des Unbewussten. Tauchen bestimmte Gestalten oder Eigenschaften immer wieder auf, kann das demnach mitunter als Hinweis auf eine Einseitigkeit im Lebensvollzug und der Selbstwahrnehmung verstanden werden. Die Bäuerin könnte so für eine bodenständige, zupackende Persönlichkeitsseite stehen, der bisher wenig Raum zur Verfügung stand. Der Sänger könnte für einen leidenschaftlichen musikalischen Selbstausdruck stehen, der im Verborgenen bleiben musste, womöglich aus mangelndem Selbstvertrauen oder Scham.

Die Bedeutung solcher Traumbilder lässt sich dabei nicht pauschal festlegen, sondern muss, angereichert durch die eigenen Assoziationen, individuell erschlossen werden. Sich mit diesen inneren Bildern auseinander zu setzen und davon ausgehend den ein oder anderen Schritt im realen Leben zu wagen, kann dabei durchaus zu einer Reifung der Persönlichkeit beitragen oder kreative Potenziale freilegen. 

Luzide Träume

Eine wahre Spielwiese für Kreativität und ungeschütztes Ausprobieren stellen zweifelsohne die sogenannten luziden Träume dar. In ihnen ist sich die träumende Person der Tatsache bewusst, dass sie träumt und im Traum handlungsfähig ist. Anders als in einer VR-Umgebung oder Star Treks Holodeck ist es hier also möglich, sich nicht nur bewusst durch eine bestimmte Umgebung zu bewegen und in ihr zu handeln, sondern die Welt mitsamt ihren Gesätzmäßigkeiten, Bewohner*innen und Orten nach Belieben zu gestalten. Was wäre, wenn der Himmel grün wäre und das Gras blau? Was, wenn wir Menschen die Größe von Ameisen hätten? Fragen, die wir womöglich zuletzt als Kinder gestellt haben, können in luziden Träumen in Handlungen umgesetzt werden. Warum nicht mal den überdimensionierten Pinsel schwingen und die Welt bunt anmalen? Oder an einen ganz anderen Ort reisen?

Manche luziden Träumer*innen entschließen sich dafür, die Traumwelt als solche unangetastet zu lassen und einfach nur mit dem zu experimentieren, was das eigene Unbewusste ohnehin anbietet: Wie reagieren Traumfiguren darauf, wenn ich ihnen erkläre, dass sie sich gerade in meinem Traum befinden? Was antworten sie wohl, wenn ich sie frage, ob sie auch träumen? Wie fühlt es sich an, durch die Glasscheibe zu fassen, ohne, dass sie kaputt geht? Und funktioniert das Klavier eigentlich, das da drüben in der Ecke steht? Das Erforschen solcher Traumwelten und -Logiken kann inspirierende Erfahrungen und Erlebnisse bieten – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Bild: Modanung, ArtsonistDream (gemeinfrei)

Vorbereitung auf reale Erfahrungen

Dienen die Träume also ausschließlich dazu, uns kreative Erfahrungen zu ermöglichen oder uns mit inneren Anteilen zu konfrontieren? Vermutlich nicht; allerdings ist sich die Neurowissenschaft bis heute nicht sicher, welche Funktion(en) Träume tatsächlich erfüllen. So existieren Theorien, dass Träume dazu dienen, eine Überanpassung des Gehirns an die Realität zu verhindern und so die Funktionsfähigkeit zu gewährleisten – ähnlich einem neuronalen Netz, das immer wieder mit ungewöhnlichen Daten “gefüttert” werden muss. Andere Theorien gehen davon aus, dass wir in Träumen Erlebtes verarbeiten und uns auf potenzielle zukünftige Situationen vorbereiten. Sicher hat jede*r im Vorfeld eines wichtigen Ereignisses bereits von diesem geträumt und auf diese Weise mental mögliche Abläufe durchgespielt.

Um die luziden Träume nochmals aufzugreifen: Studien konnten darüber hinaus feststellen, dass das Üben von Bewegungsabläufen im Traum die Ausführung dieser Bewegungen in der Wachwelt verbessert. Die Kontrollgruppe, die die Traum-Übungen nicht absolviert hat, schnitt signifikant schlechter ab. 

Traumerinnerung

Seien es aufregende Abenteuer, kreatives Ausprobieren oder das Durchspielen von Situationen oder Bewegungsabläufen: Um die vielfältigen Möglichkeiten zu nutzen, die uns Träume bieten, müssen wir uns selbstverständlich an sie erinnern können. Glücklicherweise lässt sich die Traumerinnerung meist schon durch die Beschäftigung Träumen im Allgemeinen und den eigenen Träumen im Speziellen beschäftigen. Die Erfahrung zeigt, dass wir innerhalb der ersten Minuten nach dem Aufwachen das Geträumte sehr schnell vergessen. Wichtig ist daher, am besten direkt am Bett etwas zu haben, um Erinnerungen an die Träume festzuhalten. Viele Menschen nutzen dazu ein Notizbuch, einige auch die Diktiergerät-Funktion des Mobiltelefons oder das Textverarbeitungsprogramm auf dem Laptop. 

Auch wenn zu Beginn nur ein flüchtiges Bild, vielleicht auch nur ein einzelnes Wort, in Erinnerung geblieben ist, lohnt sich das Aufschreiben. Die Beschäftigung und der Versuch des Sich-Erinnerns signalisiert dem Gehirn, dass es sich um relevante Informationen handelt. Nach und nach wird die Traumerinnerung detaillierter werden. Hier gilt es nur, am Ball zu bleiben.

Spielwiese unserer selbst

Träume bereichern uns also auf vielfältige Weise: Sie können uns zu fabelhaften Kunstwerken inspirieren, aufregende Abenteuer erleben lassen, ein Experimentierfeld bieten oder uns in Kontakt mit verschütteten Persönlichkeitsanteilen und inneren Themen bringen. Für die Forschung sind sie noch immer ein rätselhaftes und schwierig zu studierendes Feld. Und auch wir als Träumende werden häufig überrascht von den wundersamen Dingen, die uns im Schlaf widerfahren. Es lohnt sich, diesen verborgenen Welten in uns ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken.


(Titelbild: Jorm S / Shutterstock.com)

Den Kopf [frei kriegen] über den Wolken

War mal wieder so weit. Die übliche Runde ‚um den Block‘. Mittlerweile sieht es wieder viel trockener aus als letzten Monat, der Elbpegel ist wieder gesunken.

Wir sprachen heute kurz darüber, dass das Selber-Fliegen ein großes Privileg ist. Aber das ist es nicht nur wegen der Landschaft usw. Sondern weil das räumliche Herausheben auch für den Luxus steht, den Alltag hinter sich lassen zu können. Ich weiß nicht, wie das bei Berufspilot*innen ist oder bei Fluglehrer*innen, für die das der normale Job ist. Aber wenn ich vielleicht drei, wenn’s hoch kommt, vier mal im Monat für je eine halbe bis dreiviertel Stunde unterwegs bin, ist das immer noch etwas Besonderes. Und etwas, wo ich dann ganz bei der Sache und mir selbst bin. Für diese Zeit verschwinden alle eigenen und medial vermittelten Weltschmerzen. Das ist das eigentliche, zu hinterfragende, Privileg.

elementary OS 6 im Test: Freiheit für Minimalist*innen

Die Hoffnung auf „Linux auf dem Desktop“ ist nicht kleinzukriegen. Und so erschien am 10.08.2021 die Linux-Variante elementary OS in der nun schon sechsten Ausgabe. Durch bewusste Reduktion auf das Wesentliche verspricht elementary OS Einfachheit und Konsistenz. Aber wie gut funktioniert das im normalen Arbeitsalltag? Ich habe das System in einer Testversion bereits seit einigen Tagen auf meinem Schreib-Laptop im Einsatz. Hier sind meine Eindrücke von elementary OS 6 im Test.

Vorbemerkung

Wer sich aus Datenschutzgründen, intransparenter Produktkultur oder aus Prinzip nicht länger von großen Softwarefirmen abhängig machen will, hat zwar viel Auswahl, aber es trotzdem nicht leicht. Denn Windows (Microsoft) und macOS (Apple) sind im Heim- und Bürobereich Standard. Auch die großen Anwendungen im Bürobereich (Word, Excel, PowerPoint) und in der Medienbranche (Photoshop, InDesign, diverse DAWs, usw.) erscheinen nur für Windows und macOS. Freie Alternativen wie das in zig Varianten verfügbare Betriebssystem Linux sowie alternative Werkzeuge wie LibreOffice, Gimp, Scribus oder Ardour haben es schwer. Denn deren Nutzung setzt Neugier, Bereitschaft zum Verlernen alter Gewohnheiten und manchmal Bereitschaft zum Verzicht voraus.

Dieser Test richtet sich nicht an erfahrene Linux-Nutzer*innen; für diese gibt es Fachportale im Internet. Ich schreibe aus der Über/Strom-eigenen Perspektive, also für Menschen, die sich von der digitalen Gesellschaft schon das eine oder andere Mal gestresst fühlen, aber nicht grundsätzlich technikfeindlich sind. Personen, die ein modernes, auch optisch schönes und sicheres Betriebssystem möchten (ohne von großen Konzernen überwacht und gegängelt zu werden), die aber gleichzeitig nicht selbst Expert*in werden wollen.

Konkret geht es mir darum, ob elementary OS 6 mit seinen Versprechen von Einfachheit und Konsistenz für einen stressfreieren und sicheren Nutzungsalltag sorgen kann.

Ausprobiert habe ich elementary OS 6 auf einem gebrauchten ThinkPad T420 aus dem Jahr 2011, auf dem bis vor kurzem noch Windows 10 lief.


Übrigens: Am 17.08. erscheint mit Zorin OS 16 ein anderes Linux-Betriebssystem, das sich an Ein- und Umsteiger*innen richtet. Das schauen wir uns nächste Woche näher an.


Was ist elementary OS 6? Kurze Einordnung in die Linux-Welt

elementary OS ist ein Betriebssystem (Operating System, OS), ähnlich wie Windows oder macOS. Es sorgt also dafür, dass ein Computer überhaupt etwas tut.

Das System ist eine Variante der zahlreichen Linux-Betriebssysteme. Linux wird seit 1991 von Linus Torvalds entwickelt und ist konzeptuell dem noch viel älteren UNIX ähnlich (der Wikipedia-Eintrag zur Geschichte von Linux ist technikgeschichtlich sehr interessant). Linux war von vornherein als „freies“ Betriebssystem gedacht (frei wie in ‚Freiheit‘, nicht wie in ‚kostenlos‘, auch wenn viele Linuxe nichts kosten). Bekannte und traditionsreiche Linux-Distributionen sind zum Beispiel Slackware, Debian, openSUSE oder Fedora, es gab und gibt aber hunderte weitere. Eine Distribution ist der eigentliche Betriebssystemkern (Linux eben) plus eine Auswahl weiterer Programme. Manche Distributionen verlangen sehr viel technisches Wissen, andere richten sich an unerfahrenere Menschen.

Zu einigem Erfolg in dieser Kategorie hat es das auf Debian basierende Ubuntu gebracht, hinter dem seit 2004 die Firma Canonical steht. Canonical wurde vom ursprünglich aus Südafrika stammenden Unternehmer Mark Shuttleworth gegründet (übrigens jemand, der sich auch gut in einer Reihe mit Richard Branson, Jeff Bezos oder Elon Musk machen würde, denn Shuttleworth war 2002 der erst zweite Weltraumtourist und der erste Südafrikaner im Weltraum). Ubuntu hat viel dazu beigetragen, Linux aus der Nische der absoluten Hardcore-Nerds zu holen. Ein zeitweiliger Deal mit Amazon (bei der Suchfunktion wurden den Nutzer*innen Produktvorschläge angezeigt) brachte Ubuntu zwar viel Kritik und Shuttleworth 2013 den österreichischen Big Brother Award ein, aber die Funktion wurde 2016 abgeschaltet, und Ubuntu ist nach wie vor eine der wichtigsten Linux-Distributionen.

Regelmäßig werden neue Versionen von Ubuntu veröffentlicht, einige davon mit sogenanntem Langzeitsupport (Long Time Support, LTS), sodass man sicher sein kann, über mehrere Jahre hinweg mit Sicherheitsupdates versorgt zu werden. Unter anderem dies führte wiederum zu Varianten von Ubuntu (ja, der Stammbaum von Linux ist groß und verzweigt). Besonders beliebt ist seit einiger Zeit etwa Linux Mint. Aber auch kleinere Projekte gibt es, und elementary OS ist eines davon. Es entstand 2011 als eine eigene Distribution, die Ubuntu als (für Endnutzer*innen idealerweise unsichtbaren) Unterbau nutzt.

Wie wirkt elementary OS?

Bevor elementary OS eine Distribution wurde, war das Projekt als Elementary bekannt. Ziel war eine konsistente Sammlung von Programmen für Ubuntu. In der Designsprache orientierte man sich an Apples macOS. Und noch heute sind diese Wurzeln unverkennbar, wie der folgende Screenshot zeigt:

elementary OS 6 desktop
elementary OS 6

Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass alles wie Apple aussieht (und schon gar nicht so bedient wird), aber die Inspiration ist unverkennbar – wie auch die Liebe zum Detail ähnlich ist. Tatsächlich scheint sich das ganze System an Leute zu richten, die Wert auf Feinschliff legen und bereit sind, für ein konsistentes und elegantes Äußeres einige Kompromisse einzugehen.

Das Anwendungs- oder Startmenü zeigt standardmäßig eine alphabetische Symbolübersicht, die an Smartphones oder Tablets erinnert. Alternativ kann man es kompakter und in Kategorien sortiert anzeigen. Die Suchfunktion ist nichts weiter als die bekannte Tastenkombnation [ALT] + [F2]; sie findet Programme und kann einfache Matheaufgaben lösen, ist aber keine Volltextsuche.

An wen richtet sich elementary OS?

Elementary OS richtet sich an Menschen, die so wenig wie möglich mit dem Betriebssystem zu tun haben wollen. Es soll nicht kompliziert sein, es soll sicher sein, nicht ’nach Hause telefonieren‘, es soll ohne Aufwand gut aussehen und einen ansonsten in Ruhe lassen. Im Prinzip wären Apple-Nutzer die perfekte Zielgruppe, wenn da nicht noch das eingangs erwähnte Problem der fehlenden Standard-Anwendungsprogramme wäre.

Für Linux ist diese Ausrichtung aber Pro und Contra zugleich. Elementary OS ist auch in Version 6 nur in engen Grenzen an die eigenen Bedürfnisse anpassbar, zumindest dann, wenn man nicht in die Tiefen von Linux eindringen will. Wenn man das doch tut, dann kann man auch gleich eine der größeren Distributionen nutzen, die von vornherein mehr Auswahl lassen.

Nein, Elementary OS will genau so genommen werden, wie es ist, und es ist bewusst minimalistisch. Natürlich lässt sich das Hintergrundbild ändern, man kann einen Farbakzent auswählen und optional einen „Dark Mode“ aktivieren. Aber das war es fast schon. Im Fokus steht die eigentliche Nutzung des Computers, zum Schreiben, Surfen, Bilder bearbeiten, Musik hören, Programmieren und so weiter. Das Betriebssystem bleibt im Hintergrund und so der Faktor „Technik“ insgesamt.

Die Auswahl mitgelieferter Hintergrundbilder ist stilvoll und unterstützt wirkungsvoll das allgemeine Design.

Bewusster Verzicht, bewusste Wahl

Zumindest theoretisch. Denn in der Praxis braucht man eben auch nützliche Programme. Die unter Linux üblichen Anwendungen wie LibreOffice, Gimp, Inkscape oder Scribus sind zwar alle verfügbar. Aber nicht direkt nach dem Auspacken bzw. Installieren. Und wenn sie installiert sind, dann in deren je eigenen Designs, die sich nicht an die Vorgaben von elementary OS halten. Dann sind Farben, Symbole und Schriften dann doch wieder so vielfältig, wie unter Linux seit eh und je üblich.

Vielleicht aus diesem Grund ist das „App Center“ von elementary OS – quasi dessen App Store – anfangs noch sehr leer. Nur Programme, die sich an die recht strengen Gestaltungsrichtlinien des Systems halten und geprüft wurden, sind vorhanden. Leider sind das nur kleine Helferlein, aber nichts, mit dem man im Berufsalltag ernsthaft arbeiten könnte (außer, man ist Programmier*in; dafür ist der Texteditor Code recht brauchbar).

Das AppCenter von elementaryOS sieht wie ales im System sehr elegant und durchgestylt aus. Leider enhtält er zu Beginn nur eine sehr geringe Auswahl an einfachen Hilfsprogrammen. Aktualisierungen für installierte Programme sowie den Ubuntu-Unterbau lassen sich hier jedoch sehr einfach erledigen – bequemer als bei anderen Ubuntu-Derivaten.

Mehr Programme gibt es in sogenannten Flatpaks. Das ist eine seit einigen Jahren gebräuchliche Form, Linux-Programme so zu verbreiten, dass sie bequem installierbar und kein Sicherheitsrisiko sind. Jedes Programm läuft in seiner eigenen Sandbox und kann daher dem Rest des Systems nicht gefährlich werden.

Das AppCenter von elementary OS ist auf Flatpaks vorbereitet – aber dafür muss man zunächst ein einziges Mal ein Programm von der Website Flathub.org herunterladen und installieren. Dies schaltet dann die ganzen anderen verfügbaren Flatpaks im AppCenter frei.

Im Flathub gibt es viele bekannte Programme als Flatpaks. Wenn man hiervon eines installiert, sind danach all die anderen direkt im AppCenter erhältlich.

Als normale*r Nutzer*in, die*der sich nicht gerade in Fachforen rumtreibt, dürfte dies verwirrend sein, schließlich will man da einfach nur schnell eine brauchbare Anwendung zur Erledigung der je anfallenden Aufgaben haben. Das AppCenter könnte wenigstens einen Hinweis anzeigen, dass man auch mal im Flathub vorbeischauen sollte.

Wer als erfahrene*r Linux-Nutzer*in die traditionelle Art der Software-Installation bevorzugt (mittels eines sogenannten Paketmanagers), ist derzeit sogar auf das Terminal angewiesen. Da kommt man mit klassischen Befehlen wie sudo dpkg -i oder sudo apt-get install meist doch noch ans Ziel. Die so installierten Programme können anschließend auch über das AppCenter aktuell gehalten werden.

Traditionelle Programme im Debian-Paketformat .deb installiert man mit dem Konsolenbefehl dpkg. Eine grafische Paketverwaltung gibt es zurzeit nicht.

Man kann dies als unnötig komplizierte Einschränkung kritisieren, die dem Ziel der einfachen Verfügbarkeit vieler Anwendungen zuwider läuft. Oder man spricht positiv von einer ‚kuratierten Erfahrung‘, die bewusst auf eine große Auswahl verzichtet. Denn wo keine übertriebenen Wahlmöglichkeiten sind, da stellt sich auch keine diesbezügliche Überforderung ein.

Ungewohnte Bedienung

Auch elementary OS verwendet Fenster, die grundsätzlich ähnlich bedient werden wie in anderen Systemen auch. Allerdings etwas anders. Der Knopf zum Schließen liegt auf der linken Seite der Titelzeilen; auf der rechten Seite befindet sich ein Knopf zum Vergrößern auf Vollbild. Einen Knopf zum Minimieren gibt es nicht – stattdessen muss man entweder das Programmsymbol im Dock am unteren Bildschirmrand anklicken oder die Tastenkombination [SUPER] + [H] drücken (die Super-Taste ist auf PCs die Windows-Taste). Das ist ungewohnt, aber man gewöhnt sich daran schnell.

Eine Übersicht zu weiteren Tastenkombinationen wird durch alleiniges Drücken von [SUPER] angezeigt. So kann man den Umgang mit Fenstern, mehreren Desktops (Arbeitsflächen), Screenshots oder auch mit der Bildschirmlupe einfach mal ausprobieren. Wer nicht auf Tastaturkürzel steht, kann teilweise auch Mausgesten verwenden, oder die Maus in eine der vier Bildschirmecken bewegen. Dort können dann auch diverse Aktionen ausgelöst werden. Solche Optionen gibt es aber auch in anderen Linux-Varianten.

Auf dem Schreibtsch (Desktop) lassen sich keine Dateien und Ordner anlegen. Er dient wirklich nur als Hintergrund, vor dem die gerade aktiven Fenster angezeigt werden. Dem liegt offenbar das Konzept des ‚minimal desk‘ zu Grunde, nach dem auch auf einem echten Schreibtisch nur die gerade relevanten Aufgaben zu sehen sein sollten, aber kein ‚kreatives Chaos‘ herrschen und auch kein Missbrauch als Ablageort.

Wie arbeitet es sich mit elementary OS?

Wenn der Reiz des Neuen verflogen ist, kann man mit elementary OS ganz normale Büroarbeiten erledigen. Das ist ja letztlich das, was ich den ganzen Tag mache – schreiben, kommunizieren und ab und an programmieren. Halt ‚Irgendwas mit Medien‘ 😉 Das tue ich nun schon seit Sonntag Nachmittag und fühle mich dabei recht wohl.

Leider sind die mitgelieferten Programme für E-Mail und Web nicht optimal. Das E-Mail-Programm synchronisiert zeitweise nicht mit dem Server und der Browser ist ziemlich träge. Und mit dem überladenen LibreOffice bin ich ohnehin noch nie ganz glücklich geworden. Doch in wenigen Minuten hatte ich mir Flatpak-Alternativen im AppCenter oder per dpkg-Befehl eingerichtet.

Als Word-, Excel- und PowerPoint-Ersatz habe ich SoftMaker Office 2021 gekauft (das sieht zwar optisch nicht aus wie elementary OS, kann aber Microsofts Office-Dateien fast perfekt lesen und schreiben). Als Grafikprogramm nutze ich wieder mal Gimp (das benutze ich sowieso seit dem Jahr 2004, egal welches Betriebssystem). Als E-Mail-Programm habe ich Mozilla Thunderbird entstaubt (nicht gerade hübsch, aber funktioniert immer noch so gut wie früher). Nur als Browser, tja, da verwende ich die Linux-Version von … Microsoft Edge (ein Paradoxon für sich, aber da ich auf dem großen Windows-PC und dem Android-Tablet ebenfalls Edge nutze, will ich auf die Synchronisierung von Lesezeichen usw. nicht verzichten).

Bei Kalender und Aufgabenliste ist nichts Besonderes dabei. Und das ist keine Kritik.

Einschränkungen gibt es bei der Wiedergabe vieler Videoformate mit dem Standard-Videoprogramm. Zum Beispiel wurde selbst bei selbst aufgenommenen mp4-Videos (2016 bis 2019 mit dem Smartphone) nur der Ton abgespielt. Ich habe aus der Flatpak-Auswahl dafür das Programm Celluloid installiert, alternativ stünde auch der bekannte VLC-Player zur Verfügung. Die Streaming-Portale Netflix und Amazon Prime funktionieren nur mit Googles Chrome-Browser, aber nicht mit Edge oder gar dem Standardbrowser. Das ist etwas schade, aber da kann das Betriebssystem nichts für.

Lästige Fehler

Leider ist elementary OS 6 noch nicht so stabil, wie es gerne wäre. Ich habe beim Testen und im nun täglichen Gebrauch diverse lästige Bugs gefunden. Beispielsweise lässt sich der Laptop nicht stabil aus dem Ruhezustand wecken: Zwar kann man sich einloggen, aber der Bildschrim bleibt danach dunkel, nur die Maus ist zu sehen und kann bewegt werden. Ich habe deshalb momentan jegliche Ruhezustands-Funktionen abgeschaltet.

Ein anderes Problem: Das systemweit ausgeschaltete Bluetooth schaltet sich immer wieder ein, wenn man den Bildschirm sperrt und sich danach wieder anmeldet. Das ist aber eher lästig; ein einfacher Mausklick schaltet es wieder aus.

Einige Nutzer*innen in Foren berichten davon, dass sich das System gar nicht erst installieren lässt, v.a. wenn man es parallel zu einem bereits vorhandenen Betriebssystem testen will. Ich selbst habe es einfach meine ganze Festplatte formatieren lassen, das machte keine Schwierigkeiten. Aber wer elementary OS erstmal nur als Zweitsystem testen will, muss sich mit Linux bereits auskennen – die Zielgruppe wird hier momentan noch verfehlt.

Fazit

Elementary OS 6 kann auf der Website des Projekts, elementary.io, heruntergeladen werden. Nach dem Motto „Zahl, wie viel du willst“, bittet das Team um eine Spende, man kann aber auch 0 eingeben und das System kostenlos erhalten. Eine Installationsanleitung gibt es auch.

Grundsätzlich ist elementary OS 6 ein schönes, übersichtliches und gut nutzbares System. Durch den bewussten Minimalismus kommt man nicht in Versuchung, Ewigkeiten mit der Suche nach der perfekten Konfiguration zu verbringen. So kann man auch nur schwer irgendetwas kaputt machen.

Sicherheits- und Programmupdates gehen schnell und schmerzlos über die Bühne. Durch Ubuntu 20.04 (Long Time Support-Version) als Basis wird das System auch bis 2025 unterstützt. So ist man eine ganze Weile sicher vor Update-Stress.

Schattenseite ist, dass die Programmauswahl am Anfang künstlich begrenzt wird (so lange, bis man von flathub.org das erste Programm installiert hat) und dass einige Fehler den sonst so guten Eindruck trüben.