Digitales Wohlfühlen und Verantwortung ― Tabula Rasa 2.0 für von digitalen Netzwerken Gestresste

Digitale Medien sind Teil unseres Alltags und interferieren mit unserem Privat- und Berufsleben. Digitale Netzwerke werden so entwickelt, dass sie unsere Aufmerksamkeit möglichst lange binden, mit unvorhersehbaren, variablen kleinen positiven Verstärkern, die unser intrinsisches Belohnungssystem stimulieren, hin zu unkontrolliertem, abhängigen Verhalten. Wie ist die Datenlage? Wer ist dafür verantwortlich und wer ist verantwortlich dafür, dass es mir gut geht? Was kann ich tun, damit es mir gut geht? Das sind die Fragen, auf die dieser Artikel antwortet.

Digitales Wohlfühlen: Fühle ich mich mit meinem digitalen Konsum (noch) wohl?

Der DAK Gesundheitsbericht 2019 zeigt, dass die große Mehrheit der Erwerbstätigen (85 %) soziale Medien nutzt. Unter sozialen Medien (die keineswegs „sozial“ sein müssen, d.h. „eine empathische Bedeutung im Sinne von ‚dem Gemeinwohl dienend‘ oder ‚den Schwächeren schützend‘“ (DAK Gesundheitsbericht 2019, S. 146-147) implizieren) wurden hier „digitale Medien und Plattformen gemeint, durch die Sie mit anderen Nutzerinnen und Nutzern in Austausch treten und/oder Inhalte erstellen und austauschen können. Das sind unter anderem soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder LinkedIn, Blogs und Internetforen, sogenannte Mikroblogs wie z. B. Twitter. Auch Messaging-Dienste wie WhatsApp oder Snapchat gehören dazu. Die Nutzung von E-Mail oder Web-Seiten gehört dagegen nicht dazu.“ […] „Gefragt nach den zwei wichtigsten sozialen Medien, die sie in den letzten 12 Monaten genutzt haben, geben die Befragten vor allem Facebook (51 Prozent) und WhatsApp (49 Prozent) an. Ein kleinerer Teil der Befragten zählen Instagram (18 Prozent) und Twitter (3,7 Prozent) dazu. (ebd., S. 147). Dabei sei der Anteil der Nutzer*innen sozialer Medien über alle Altersgruppen hoch, in der Altersgruppe 18-29 mit 95, 3 % am höchsten.

Schade, dass die Studie nicht zwischen den Messenger-Diensten, die ja irgendwie auch als „moderne Anrufbeantworter des geschriebenen Wortes + Emojis“ zwischen zwei einander bekannten Personen oder Kleingruppen (Study Groups, Familiengruppen) verstanden werden können und den, potentiell in die Welt projizierenden digitalen Netzwerken wie Facebook und Instagram unterscheidet.

Instagram-Fund; Quelle: Süddeutsche Zeitung Magazin

Wie scherzhaft von der Süddeutschen Zeitung auf Instagram visualisiert, geben auch 9 Prozent der in der DAK-Studie Befragten einen gewissen Kontrollverlust bei der Nutzung digitaler Medien an.

8 Prozent der in 2019 Befragten „haben oft soziale Medien genutzt, um nicht an unangenehme Dinge denken zu müssen“ (ebd., S. 151). Digitale Medien dienen somit auch als Flucht- und Abwehrmechanismus, wenn die Realwelt vermeintlich zu schmerzhaft wird.

Knapp 4 Prozent der Befragten geben einen Interessenverlust an Hobbies und Interessen durch die Nutzung digitaler Medien an (ebd., S. 151), der häufig auch mit einen Rückzug aus physischen Kontakten einhergeht und begleitet wird durch andere Beeinträchtigungen, wie starke Ängste, Schlafstörungen, Essstörungen oder Depressionen.

Die Zahlen, sowie das Ausmaß der Erscheinungen dürften sich aufgrund fehlender physischer Kontakte und fehlender adäquater Möglichkeiten zur Stressbewältigung durch die Corona-Pandemie mit ihren Begleitmaßnahmen erhöht, bzw. verstärkt haben. So berichtet auch Uta neulich von ihrem Digital Overload und ‚Zoom Fatigue‘ und Mario von weniger überladenen und vor allem weniger überlastenden Alternativen zum World Wide Web. Wenn Sie mal schauen möchten, wie sich Ihre tatsächliche Nutzung von digitalen Medien von Ihrer Erwartung und Selbsteinschätzung unterscheiden, habe ich dafür hier eine kleine Reflexionshilfe gebaut, die sich ausdrucken und analog ausfüllen lässt (Marter, 2021).

Insbesondere die digitalen Netzwerke (ich möchte sie nicht sozial nennen) haben Suchtpotential; mindestens für solche, die ohnehin schon Suchtthematiken haben. Und auch wenn sie kein Suchtpotential hätten, so haben sie doch einen starken Einfluss auf die Art und Weiße wie wir kommunizieren, unsere Zeit verbringen, unsere physische, psychische und emotionale Gesundheit und unsere Gesellschaft.

Wer verantwortet mein intrinsisches Belohnungssystem?

Früher (als das Leben noch unbequemer war) haben Menschen mit Suchtthematiken ‚nur‘ zu viel getrunken, dann auch (zu viel) geraucht (wenn man einmal die Problematik ‚harter‘ Drogen ausklammert). Im digitalen Zeitalter nun kommen durch Digitales induzierte Dopamin-Kicks (und vieles mehr) im Belohnungssystem des Gehirns hinzu. Das Belohnungssystem schließt auch das emotionale Zentrum (das limbische System) mit ein. So kommt es, dass wir uns, wenn wir ‚gestresst‘, traurig, ängstlich oder wütend sind, eine sogenannte ‚Belohnung‘ suchen, die uns vermeintlich beruhigt und entspannt. Heute wird dafür dann recht schnell das Smartphone gezückt. Wichtig zu wissen ist, dass es sich hier nicht um eine echte, gesunde Belohnung handelt, sondern mindestens um eine Ablenkung, in der Regel einen Abwehrmechanismus, der uns der Lösung des Ursprungsproblems der leid-auslösenden Emotion nicht näher bringt.

Ein mich inspirierender und meine Message unterstützender Fund aus irgendeinem digitalen Netzwerk. Quelle unbekannt.

Wie bei Alkohol und Nikotin ist der Weg über eine ungesunde Gewohnheit in eine potentielle Abhängigkeit schleichend. Einstieg und Zugang sind niedrigschwellig und gesellschaftlich anerkannt, wenn nicht sogar anerkannter als der Verzicht. „Wie, du bist nicht bei Whatsapp!“ + Augenverdrehen. „Wie, du trinkst keinen Alkohol!“ + Bist du schwanger?“ oder „Spaßbremse!“

Für den Konsum von Tabak haben sich diese Phänomene der Gruppendynamik durch politische Regelungen drastisch geändert. So ist das Rauchen in gastronomischen Einrichtungen und Diskotheken seit 2008 verboten. Binnen kürzester Zeit sind nun die Rauchenden zu den Spaßbremsen und Spalter*innen geworden.

Ich bin allerdings überhaupt keine Freundin des Trends, überall sofort politische Lösungen zu fordern. Zumal diese ja auch sofort wieder abgelehnt und bekämpft werden und von anderen wieder neue, andere politische Lösungen gefordert werden. Viele vergessen bei all ihrer Arbeit, zwischenmenschlichen Problemen und automatisierten Ablenkungs- und Abwehrmechanismen durch Smartphone, Alkohol, Zucker, Konsum und Co., dass sie selbst eine Verantwortung für Körper, Psyche und Emotionen und ein soziales Miteinander zum Wohle aller haben.

Letztlich brauchte es ein politisches Eingreifen in Sachen Nichtrauchendenschutz, weil das Rauchen in Diskotheken und der Gastronomie ‚normaler‘ war als das Nichtrauchen. Deshalb kamen Rauchende gar nicht auf die Idee, zum Rauchen raus zu gehen, um so andere durch ihr eigenes ungesundes (Sucht-)Verhalten nicht zu schädigen. Ähnlich verhält es sich mit der Gleichstellung der Geschlechter und dem Pfandsystem für PET-Flaschen. Beim Pfandsystem gilt der politische Eingriff dem Schutz der Erde durch den sinnvollen Umgang mit Ressourcen. Er war nötig, weil wir Verbrauchenden von allein nicht ausreichend recyceln und die Produktion von neuem Plastik für die Herstellenden günstiger als Recyceln ist. (Deposy, 2021)

Ein politischer Eingriff in unseren Alltag durch Restriktion des Konsums digitaler Medien zum Schutz unserer körperlichen, psychischen und emotionalen Gesundheit ist natürlich undenkbar und nicht erstrebenswert. Zumal gut aufbereitete digitale Medien und der digitale Austausch z.B. in Lockdown-Zeiten zum Erhalt der Gesundheit beitragen können. Ich selbst bekomme durch die Kanäle, die ich abonniert habe, immer wieder wunderschöne Erinnerungen und Inspirationen zu Aspekten eines gesunden Lebens und Arbeitens oder freche Frauenpower-Kommentare, die meinen Horizont erweitert und mich über die Jahre wachsen lassen haben.

Visualisierte Daten: Ein mich inspirierender Facebook-Fund von Lena Deser über editionF.
Ein mich inspirierender Facebook-Fund. Quelle: unbekannt

Es ist an uns, an jeder und jedem einzelnen von uns Verantwortung zu übernehmen und gesund, fair, sozial und nachhaltig zu denken, zu sprechen und zu handeln. Jede*r von uns kann dabei ein strahlendes Licht für Werte sein ohne andere zu belehren, Ängste zu schüren, zu beleidigen oder Meinungen aufzudrücken. Jede*r von uns kann so zu einem gesünderen, neuen Normal beitragen. Dafür müssten wir regelmäßig aus der Eskalationsspirale des Außen (d.h. der Reizüberflutung und dem unrealistischen Leistungsdruck im beruflichen Alltag, TV und digitalen Medien), uns beruhigend, entspannend, klärend und so deeskalierend bei uns selbst ankommen. Das hilft auch gegen Sucht und jede andere Art des Versuches der ungesunden und nicht zielführenden Bedürfnisbefriedigung.

Im Selbst ankommen macht handlungsfähig und gestaltungsfrei

Aus der Sicherheit und Verankerung, die beim Ankommen bei sich selbst wieder wahrgenommen werden können, erwachsen Ruhe und Zentrierung. Das Herz kann sich wieder öffnen, der eskalierte Verstand beruhigt sich. Vertrauen in die eigenen Stärken, Vertrauen in die Welt, Geduld und Humor mit den eigenen Schwächen und denen anderer wird wieder möglich.

Umso mehr wir in Liebe und Vertrauen bei uns selbst ankommen, umso heller scheint unser Licht und der Wunsch sich nicht mehr an gesellschaftlichen Eskalationsprozessen zu beteiligen, was nicht gleichbedeutend ist, mit: keine Meinung zu haben und diese nicht auch angemessen zu vertreten.

In der Kraft, zentriert und mit offenem Herzen fällt es schwerer, Margarine mit Palmöl zu kaufen, wenn der Preis dafür die Abholzung der Regenwälder ist. Auch die Billigsalami lächelt einen nicht mehr an, ganz im Gegenteil.

Weil wir uns nicht mehr in einem Zustand des Mangels empfinden, brauchen wir auch nicht mehr 2 € ‚sparen‘, um bei den gängigsten Online-Anbietern ein neues Scrabble-Spiel zu bestellen. Auch diese Klicks stimulieren das Belohnungssystem auf eine ungesunde und manipulative Weise und der ständige Hinweis darauf, dass nur noch drei, zwei, ein Stück auf Lager sind/ist, gibt uns gezielt das Gefühl, nicht genug zu bekommen und gestresst, noch schneller und unreflektierter auf den Kauf-Button zu drücken. Danach stellt sich kurzzeitig vermeintlich belohnende Erleichterung ein, weil wir das wertvolle Stück zum Mindestpreis ergattert haben und diesmal nicht diejenigen sind, die ‚zu spät‘ kommen und leer ausgehen.

Geankert, herz-offen und zentriert, beteiligen wir uns so nicht an ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, haben die Möglichkeit im Laden in einen physischen, sozialen Kontakt zu gehen, ein Stadtbild mit kleinen Lädchen zu erhalten, die wiederum ihre Steuern im Land des Lädchens zahlen und so auch zu sehr vielem beitragen, dass uns im Wohlstand hält.

„Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“

―Mahatma Gandhi

In diesem Zustand der Handlungsfähigkeit und Gestaltungsfreiheit fragen wir uns recht bald auch, von wem wir uns inspirieren, leiten oder manipulieren lassen möchten.

  • Möchte ich meine wertvolle Frei- und Regenerationszeit mit digitalen Medien verbringen, die es darauf anlegen, meine Aufmerksamkeit durch gezielt eingesetzte verhaltenswissenschaftliche Konzepte (z.B. Konditionierungen, Ansprache des Belohnungssystems,…) so geschickt und ungesund zu binden, dass ich selbst keine Kontrolle mehr darüber habe, was ich da eigentlich tue? (Giesler, 2018)
  • Möchte ich getrieben sein von der Angst, in der fiktiven Parallelwelt meiner digitalen Filterblase etwas zu verpassen („Fear to miss out“)? Was verpasse ich denn wirklich? Was kann ich gewinnen, wenn ich keine Angst habe? Was mache ich statt dessen? Wer kann mich unterstützen? Mit wem möchte ich spazieren gehen, mit wem Scrabble spielen?
  • Möchte ich mich, das leuchtende, geerdete, zentrierte, liebende und geliebte, wertvolle, herz-offene, sanfte Wesen, das ich bin, abhängig machen von Like-Buttons und Likes Unbekannter? Was braucht es für mich wirklich, um meine menschlichen Bedürfnisse nach Nähe und Wertschätzung zu befrieden? Wieviel davon braucht es wirklich von außen? Und wo muss ich erstmal anfangen, mich selbst zu liken? Wieviel mehr Lebensqualität kann ich wohl erlangen, wenn ich mich selber mag?
  • Wenn ich in den digitalen Medien Reize und Informationen konsumiere, welche sind das? Machen sie mir Angst, mich traurig oder wütend? Sind sie gut recherchiert und von Menschen mit Expertise geschrieben? Haben sie die Absicht mich zu schwächen oder machen sie mich handlungsfähiger?

Digitale Ruhe und Besinnlichkeit zwischen den Jahren

In Vorbereitung auf die Rauhnächte, einer Zeit der inneren Einkehr, und auf meine Rauhnächte Meditation Challenge hab ich gestern alle digitalen Netzwerke von meinem Smartphone deinstalliert. Ich faste mal wieder, d.h. ich verzichte freiwillig.

Nun brauche ich allerdings neue gesunde Routinen für die neu-gewonnene Zeit und Freiheit (in der Regel macht man*frau sich da vorher einen Plan für) und eine neue gesunde Routine, um die digitalen Netzwerke, auch für meine beruflichen Tätigkeiten weiterhin regelmäßig zu nutzen, ohne dass wertvolle Zeit und Lebensenergie unkontrolliert vergeht. Ich dachte da so an eine Stunde pro Tag am Vormittag vom Rechner aus, mit Timer.

Als nächstes wird dann auch das E-Mail-Postfach im Smartphone um sein Dasein fürchten müssen. Das braucht aber wirklich einen Plan und Zeit damit nichts verloren geht. Meine analoge Uhr hab ich auch aus den Tiefen der Verbannung befreit. Sie braucht aber eine neue Batterie und damit habe ich einen neuen Punkt auf meiner To-Do-Liste, den ich abarbeiten muss, um in die neue Freiheit (gesunde Belohnung) zu kommen. 

Gesunde intrinsische Belohnungen

Heute habe ich Wikipedia gespendet, um einen kleinen Beitrag zu daten- und literaturbasierter Informationsverbreitung zu leisten (gesunde Belohnung). Nachher geh ich noch ein Scrabble-Spiel, Milch und Kerzen kaufen (gesunde Belohnung) und auf den Weihnachtsmarkt (gesunde Belohnung), um das Privileg des Analogen zu genießen (gesunde Belohnung). Ich habe vor, alle Welt anzulächeln (gesunde Belohnung). Ich habe heute auch schon ein überraschendes Weihnachtspäckchen bekommen und freue mich sehr (gesunde Belohnung).

Drücken Sie mir die Daumen, wie ich Ihnen die Daumen drücke!

Geerdete, herz-offene und zentrierte Sonnen- und Weihnachtsgrüße,

Ihre Dr.in Kathrin Marter

Zurück zu den Wurzeln: Gemini als kleiner ‚Zwilling‘ des Internets

Nicht nur wir bei Über/Strom leiden mitunter am digitalen Overload, wie es Uta gestern formuliert hat. Im Fokus unserer Kritik stehen oft Online-Konferenzen oder Social-Media-Dienste, wo es also um Kommunikation zwischen Menschen geht. Aber auch das World Wide Web (WWW) fühlt sich mitunter überladen an, was nicht nur an der vielen Werbung liegt. Was als Möglichkeit zum akademischen Austausch begann und in den Neunzigern noch gern als Realisierung von Vannevar Bushs Memex-Konzept (1945) gesehen wurde, ist heute Alltag — ein nie endender Strom von Texten, Bildern, Musik, Videos, in dem man sich leicht verlieren kann: Über/Strom eben. Eine bis heute existierende Alternative zum WWW, Gopher, hat auch wegen technischer Unzulänglichkeiten an Bedeutung verloren. An der Stelle stieg 2019 das Gemini-Projekt ein.

Minimalismus

Das Gemini Protocol ist ein Daten-Übertragungsprotokoll ähnlich dem Hypertext Transfer Protocol (HTTP), das dem WWW zugrundeliegt. Adressen fangen bei Gemini nicht mit http:// oder https:// an, sondern werden mit gemini:// eingeleitet. Normale Webbrowser verstehen das noch nicht, aber es gibt eine Menge spezieller Gemini-Browser.

Screenshot von Lagrange, einem Gemini-Browser für Windows, Linux und macOS

Der Name des Protokolls bezieht sich auf die US-amerikanischen Gemini-Raumschiffe (1961-1966). Gemini-Websites werden daher auch Kapsel / capsule genannt. Wie beim WWW wird ein Browser benutzt, um Gemini-Seiten zu betrachten (vgl. Screenshot oben). Wer sich keinen extra Browser installieren will, kann Gemini-Adressen auch über einen Proxy aufrufen, zum Beispiel https://proxy.vulpes.one — darüber können Sie sich zum Beispiel die Projektbeschreibung von Über/Strom auf unserer brandneuen Gemini-Kapsel anschauen (eventuell werden dort künftig als Experiment ausgewählte Artikel unserer Zeitschrift gespiegelt. Die Gemini-URL ist dann: gemini://ueberstrom.flounder.online ).

Statt der im WWW üblichen Auszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language) oder gar komplexen Formatierungen mit CSS und für besondere Funktionen nötigen Skriptsprachen wie JavaScript besteht der Geminispace aus einfachen Textdateien, die lediglich mit wenigen Befehlen formatiert sein können. Das Format wird Gemtext genannt. Die Dateiendung ist .gmi statt .html.

Neben normalem Text erlaubt Gemtext Überschriften (maximal drei Ebenen), unnummerierte Listen (nicht verschachtelt), Blockzitate und vorformatierten Text — das war’s. Hyperlinks werden nicht innerhalb des Texts eingefügt, sondern separat als einzelne Zeile. Cookies, Formulare, eingebettetes Multimedia, also das ganze Zeug, das das WWW so vielfältig, aber auch so anstrengend macht, gibt es nicht.

Wie auf Zeitreise

Entsprechend liegt der mögliche Nutzen von Gemini vor allem im Präsentieren von Hypertexten im engeren Sinne. Ein guter Browser formatiert diese Texte so, dass sie angenehm lesbar sind. Gemini ist dahingehend quasi das Äquivalent zum distraktionsfreien Schreiben, wie es in diversen mittlerweile recht beliebten Markdown-Editoren wie Typora möglich ist.

Den mit derzeit ca. 209.000 einzelnen Seiten noch recht überschaubaren Geminispace zu erkunden, versetzt ein wenig zurück in die Anfangszeit des WWW — als das noch neu und aufregend war, als man nicht wusste, was sich wohl hinter dem nächsten Link verbirgt, und als noch keine großen Konzerne das Web dominierten. Daher gibt es auch noch etwas, das im WWW längst keine Bedeutung mehr hat: von Hand gepflegte Seitenverzeichnisse.

Klickt man sich da durch, findet man neben inoffiziellen Spiegelungen von Nachrichten-Websites vor allem eine Menge Seiten, auf denen Leute ihre Kochrezepte, Lieblingsbücher, Musikvorlieben, Linklisten und persönliche Tagebucheinträge teilen. Viele Kapseln sind sehr techniklastig, mitunter mischt sich darunter ein anti-kapitalistischer bis anarchistischer Vibe.

Sinnsuche

Das alles erinnert an die Frühzeit des Internet. Man fragt sich durchaus, welchen konkreten Zweck Gemini erfüllen soll und kann. Zwar lassen sich darüber Textdokumente ressourcensparend verteilen und lesen, und das kann aus klimatechnischer Sicht ein Argument sein. Aber den Ansprüchen unserer hyperkommunikativen Zeit, wo es oft nicht um den Text geht, sondern um die Reaktion darauf (Klick, Like, Share), wird das nicht gerecht. Und will es ja auch nicht. Auch ein „Darknet“ kann Gemini nicht werden, denn es ist ja öffentlich.

Wozu also?

Vielleicht einfach, „weil man es kann“. Weil Erschöpfung vom normalen WWW nicht bedeutet, ganz auf Vernetzung verzichten zu wollen. Und technischer Spieltrieb Ziele braucht. Inhaltlich erscheint der Geminispace aber vor allem als Versuch, sich diese seltsame Halböffentlichkeit zurückzuholen, die das WWW anfangs ausgezeichnet hat:

„Ich habe jetzt eine eigene Homepage!“

„Aha. Hast du schon Hausaufgaben gemacht?“

Digitaler Overload

Inzwischen habe ich eine regelrechte Aversion gegen Videokonferenzen entwickelt. Das, was in den letzten Monaten vielleicht noch in gewisser Weise Spannung und Aufregung versprach, weil es Neuland war, ermüdet mich zusehends. Ich stelle fest, dass einige meiner Kolleg*innen in dieser Hinsicht mitunter etwas resilienter zu sein scheinen bzw. es mit mehr Gleichgültigkeit ertragen können als ich dazu in der Lage bin.

Normalen Videokonferenzen, in denen es um einen kurzen Informationsaustausch geht oder man einem interessanten Vortrag lauscht (Mario Donick hat in seinem Beitrag „Das Privileg des Analogen“ die einfachere Teilhabemöglichkeit bei virtuell stattfindenden Konferenzen beschrieben), kann ich durchaus etwas abgewinnen. Aber sobald es in Richtung zwischenmenschlichen Austausch und Unterhaltung geht, um das Arbeiten in Arbeitsgruppen, Small Talk in Breakout Rooms oder virtuellen Lounges – wird es für mich völlig widersinnig. In meinen Augen wird damit der Sinn der zwischenmenschlichen Kommunikation und des Zusammenlebens an sich ad absurdum geführt.

Ich habe das in der letzten Woche gerade wieder bei zwei Online Tagungen erlebt. Am Anfang vergehen zehn Minuten, bis jeder die Plattform (war keine, die ich kannte) verstanden hat. Die Hälfte hatte keine Lust zum Nachfragen, wie bestimmte Tools funktionieren, die leider häufig nicht selbsterklärend sind oder sich intuitiv erschließen. Dann wurde ausprobiert, ob Kamera und Mikro funktionieren und parallel gab es noch eine für die meisten Teilnehmenden ebenfalls bisher unbekannte zweite Plattform, auf der alle synchron zusammenarbeiten und bunte Zettelchen an virtuelle Pinnwände ankleben konnten. Ich finde diese Vorgehensweise bei Workshops in analoger Form schon langweilig und unergiebig – aber virtuell mit 40 Personen an etwas zu arbeiten, ohne dass man sieht, was die andere Person macht, entbehrt aus meiner Sicht absolut jeglichen Mehrwert. In der Mittagspause habe ich mich entnervt ausgeklinkt. Bei der zweiten Tagung habe ich nicht mal die Website verstanden, die wie ein Computerspiel aussah und sehr cool und stylish wirkte, sich mir aber nicht erschloss.

Analoger zwischenmenschlicher Austausch entwickelt zusätzlich seinen Mehrwert dadurch, dass man andere Menschen mit all seinen Sinnen wahrnehmen und kennenlernen kann, selbst wenn Tagungen in Präsenz fachlich auch nicht immer begeistern können. Das kennt jeder. Aber irgendwelche interessanten Gespräche sind doch meistens dabei; man lernt einen neuen Ort und vielleicht auch eine neue Stadt/Land kennen, spürt die Stimmung dort. Das alles beeinflusst mich. Vor dem Bildschirm fühle ich mich nicht lebendig, sondern wie nicht existent.

Klar, medial vermittelte Kommunikation gab es immer – durch Briefe, später durch Telegrafie, Telefon, Fax, E-Mails, Kurznachrichten usw. Aber die Art des Kommunizierens passt sich eigentlich dabei immer der Art des Kommunikationsmediums an, so dass jedes Medium seinen bestimmten Zweck erfüllt und auf eine bestimmte Situation angepasst wird.

Bei größeren Online-Meetings versuchen wir nun, „reale“ Konferenzen oder Treffen mit mehreren Personen zu imitieren. Und das kann nicht funktionieren, da immer etwas fehlt. Selbst wenn sich zwei oder drei Personen gesondert in einem Breakout Room unterhalten, bleiben die anderen Tagungsteilnehmenden unsichtbar, während man beispielsweise bei einer Tagung in Präsenz in der Kaffeepause an einen gesonderten Tisch gehen kann und dabei die anderen Teilnehmenden beobachten und das Geschehen um einen herum auch wahrnehmen kann und damit mehr Reize und Informationen aufnimmt; es ergeben sich zufällige Begegnungen zwischen Tagungsteilnehmenden, die virtuell wahrscheinlich nicht stattfinden würden – von einem ungezwungenen, gemütlichen und entspannenden Abendessen ganz zu schweigen.

Ich merke das auch immer wieder im universitären Alltag: Man bekommt nicht nur durch das momentan oft genutzte Homeoffice weniger von der Arbeit der Kolleg*innen mit, sondern eben auch aufgrund der vielen Online-Meetings. Das heißt, ein Großteil der Arbeit (Dienstberatungen, Konferenzen, Workshops, Diskussionen usw.) findet in einer „Black Box“ statt – unsichtbar für die Augen der Anderen.

Wie Urs Stäheli in seinem Buch „Soziologie der Entnetzung“ feststellt, ist die Zeit vorbei, um noch zwischen realer und virtueller Welt eine Grenze ziehen zu können. Die unschuldige, unberührte analoge Welt gibt es nicht mehr, so Stäheli. Es bringt also nichts mehr, dieser nostalgisch hinterher zu trauern. Trotzdem gilt es jedoch, die digitalen Hilfsmittel und Instrumente immer wieder auf ihre situative kontextbezogene Sinnhaftigkeit und ihren Nutzen hin zu überprüfen und diese nicht einfach unhinterfragt zu verwenden. Es gibt eindeutig auch ein Zuviel an digitaler Vernetzung, so dass die verschiedenen Tools inflationär eingesetzt werden und oft die (Nicht-) Kommunikation und die Technik im Vordergrund stehen und nicht der inhaltliche, emotionale Austausch – der sich mit unseren derzeitigen digitalen Mitteln (noch) nicht adäquat ersetzen lässt.

Es ist nicht so, dass ich glaube, dass Videokonferenzen nicht auch gewinnbringend sein können, jedoch dürfen sie nicht Überhand nehmen – das ist für mich eine Erkenntnis aus der pandemischen Situation.

(Titelbild: Wikimania 2021 (Wikimedia Foundation)/Wikimedia Commons)

Magie und Computerspiele

Mein Vortrag auf der Future and Reality of Gaming (FROG) vom 26.11. ist mittlerweile auch online verfügbar. Auf der Tagung ging es um Magie und Computerspiele. Ich spreche über die sogenannte Magiergilde in der Spielreihe The Elder Scrolls, und welche Funktion solche Gilden für die Narration und die Strukturierung des Spielablaufs besitzen. Hier das Video:

„Schreiben“ in Gesellschaft. Carolin Amlingers große „Soziologie literarischer Arbeit“

Heute kann ja echt jeder ein Buch schreiben“, hieß es noch lange nach der Wende bei uns zu Hause oft, kopfschüttelnd und aus vielerlei Gründen enttäuscht. Andererseits war da die Sehnsucht nach dem eigenen „Bestseller“. Zum Teil bezogen sich solche Aussagen auf die wahrgenommene Masse neuer Bücher und deren mitunter fragwürdige literarische Qualität (wie auch immer die definiert war). Aber es ging auch um die veränderte Rolle, die Schriftsteller*innen nun einnahmen.

Im „Leseland DDR“ erlaubte die herausgehobene Stellung einiger Autor*innen auch eine Vermittlerfunktion zwischen Einzelnen und Staat — wenn etwa durch einen Brief an eine angesehene Schriftstellerin eine Eingabe beim Staat mehr Gewicht erhielt und so der gewünschte Effekt früher oder stärker eintreten konnte (ich erinnere hier ein konkretes Beispiel aus unserer eigenen Familie).

Nach der Wende hingegen erschienen Schriftsteller*innen nun auch im Osten als das, was sie im Westen schon jahrzehntelang waren: als Teil einer Kulturindustrie, die nach kapitalistischen Gesetzen funktioniert. Ein Buch musste nicht mehr allein künstlerischen (oder ideologischen, wie man hinzufügen sollte) Ansprüchen genügen, sondern sich vor allem erstmal verkaufen können (oder der Verlag musste das zumindest annehmen), sonst wurde es nicht publiziert. „Jeder“ war damit in der Wahrnehmung des eingangs zitierten Satzes vor allem jede*r mit Verkaufstalent, während die literarische Qualität zweitrangig schien.

Inwieweit diese Wahrnehmung nach der Wende mehr persönliche Enttäuschung, Verbitterung vielleicht, darstellte, denn realistische Beschreibung der geänderten Verhältnisse, sei mal dahingestellt. Dass aber ohne die Macht über Produktionsmittel in einer kapitalistischen Gesellschaft kein Buch entstehen kann, das dann gelesen werden könnte, ist einer der Ausgangspunkte von Carolin Amlingers Dissertation „Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit“ (Suhrkamp, 2021, 800 S., 32,90 EUR).

Die Entwicklung des literarischen Marktes

Carolin Amlinger fragt im ersten Teil ihrer Arbeit, „wie es um den Status der Literatur in der modern-kapitalistischen Gesellschaft bestellt ist und wie die Gesellschaft der Literatur beschaffen ist“ (S. 51, Hervorh. i. O.). Dies untersucht Amlinger anhand des Literaturmarkts der Jahre 1871-1918, der Kulturindustrie 1948-1990 und schließlich der Zeit nach der Wende ab 1990, als sich die „Literatur zwischen Boom und Krise“ (Kapitelüberschrift) bewegte.

Die Auswahl der Zeiträume wird damit begründet, dass es sich jeweils um Zeiten des Umbruchs und in der Folge der Ungewissheiten handelte, was Produktionsweisen, „neuartig[e] Publikationsstrategien“ und „soziale Verwerfungen“ (ebd.) betraf. Explizit ausgeklammert werden die beiden deutschen Diktaturen. Amlinger weist darauf hin, dass sie keine durchgängige Literaturgeschichte bieten kann (S. 55) und „keinesfalls einer historischen Verdrängung Vorschub leisten [möchte]“ (ebd.).

Vor meinem zu Beginn geschilderten Hintergrund hätte ich eine kontrastive Darstellung vor allem der DDR-Zeit natürlich spannend gefunden, jedoch hätte Amlingers Arbeit dadurch eventuell den klaren Fokus auf die kapitalistische Gesellschaft verloren. Außerdem kann man im zweiten und dritten Teil des Buches dann doch einige Unterschiede erkennen, weil Amlinger diesen Kapiteln die Auswertung ihrer Befragungen von Schriftsteller*innen zugrundelegt.

„Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr, sie ist Fabrikarbeit, ist Gewerbe […]“

Wilhelm II., „Die wahre Kunst“, zit. n. amlinger 2021, S. 86

Von diesem Zitat des deutschen Kaisers Wilhelm II. aus dem Jahr 1901 — das neben der kaiserlichen Anmaßung, Kunst definieren zu wollen, erstmal auch die Beobachtung ausdrückt, dass Kunstwerke auf einmal zu einem Wirtschaftsgut werden –, bildet sich in einer äußerst lesenswerten Darstellung ein Bogen zur heutigen turbokapitalistischen, von Unternehmensberatungen geprägten Situation:

„Da guckt dich ein neues, großes Ungeheuer jeden Tag an […] Und dieses Ungeheuer ist ein Markt mit zwei gigantischen Glubschaugen, die mich fixieren und sagen: Hast du heute eine zweistellige Rendite mit den Projekten erwirtschaftet, die du verantwortest?“

ein befragter ehem. Lektor, in: Amlinger 2021, S. 314.

So wörtlich ein von Amlinger befragter ehemaliger leitender Lektor eines Verlages, und man möchte vermuten, er ist froh, dem Hamsterrad entkommen zu sein. Es sind Zitate wie dieses, die Amlingers sehr umfangreichem Werk Lebendigkeit verleihen und es auch für Nicht-Soziolog*innen greifbar machen.

Autor*in auf dem Markt

Die Befragung von Menschen des Literaturbetriebs, zuvorderst Schriftsteller*innen, prägt den zweiten und dritten Teil der Arbeit. Im zweiten Teil geht es um die Praxis literarischen Arbeitens, nämlich das Berufsbild Schriftsteller*in, den Literaturbetrieb und das Schreiben als solches. Im dritten Teil werden die Spannungsfelder von Autorschaft und Autonomie ausgelotet. Die zahlreichen Unterkapitel dieser Teile stellen jeweils einen Aspekt in den Vordergrund, beispielsweise die Schritte des Schreibprozesses, das Problem prekärer Einkommensverhältnisse und sozialer Absicherung (das beileibe nicht nur unbekannte Nachwuchsautor*innen haben), oder der Inszenierung von Autorschaft durch die Autor*innen.

Methodisch nutzt Amlinger das episodische Interview als eine Form qualitativer empirischer Sozialforschung. Das Vorgehen wird im Anhang kurz skizziert und reflektiert, drängt sich aber sonst nicht in den Vordergrund; ich vermute, dass sich die Aufteilung und Benennung der Unterkapitel im Wesentlichen an der Kodierung mit MAXQDA und den dabei ermittelten Kategorien orientiert.

In deren Zusammenschau ergibt sich ein vielschichtiges Bild der Praxis des professionellen Schreibens — eine Praxis, die immer vor dem Hintergrund der kapitalistischen Marktwirtschaft stattfindet bzw. diese zu berücksichtigen hat. Auch Konkurrenzdruck und die Angst vor dem ‚Abgehängt werden‘ gehören dazu:

„Die haben am Anfang Preise bekommen, wurden gehypt, mit 30, 35 oder so, und dann mit 50 will kein Mensch mehr was von ihnen drucken, sie kriegen keine Stipendien mehr. Sie leben von Hartz IV. Das muss man so sagen.“

Eine befragte Autorin, In: Amlinger 2021, S. 390.

Letztlich geht es dabei um „Innvoation“. Diese, so Amlinger, „ist für das ästhetische Wirtschaften konstitutiv. Autor:innen konkurrieren […] um Aufmerksamkeit, indem sie eine distinkte Position einnehmen — um sich damit von dem Alten oder eben dem Neuen abzugrenzen“ (S. 390). Das Generieren von Aufmerksamkeit ist für die Identität als Autor*in entscheidend. Denn „[d]er Anspruch auf Autorschaft ist eng verwoben mit Akten des Anerkennens“ (S. 570). Ohne Aufmerksamkeit gibt es keine Chance auf Anerkennung, und wenn Anerkennung dauerhaft ausbleibt, wird die Identität als Autor*in prekär.

Aus dieser Perspektive muss man Inszenierungsstrategien sehen, die ebenfalls zum Problem werden können. Gerade in heutigen sozialen Medien wird das Authentische gesucht — man denke an den perfekten Instagram-Schnappschuss, der scheinbar spontan wirkt, aber vor dem es in Wahrheit zahlreiche misslungene Versuche gab. Echtheit wird gesucht, aber gerade nicht präsentiert. „So wie das Schreiben ein Ausdruck künstlerischer Subjektivität ist, soll auch die öffentliche Darstellung echt und unverfälscht wirken“ (S. 596). Aber „[i]ndem das Authentische mit einem Zwang zu ‚Neuem‘ und ‚Jungen‘ zu einer Anforderung medialer Öffentlichkeit erhoben wird, verkehrt es sich in sein Gegenteil: das ‚Klischee'“ (S. 597).

Es wird deutlich, dass es alles andere als leicht ist, die eigene Identität als Autor*in zu finden und zu bewahren — vor dem wirtschaftlichen Zwang, für einen Markt zu produzieren, sich für den Markt zu inszenieren und dabei oft materielle Existenznöte zu haben, denn bezahlt wird man eben nur, wenn man regelmäßig Neues abliefert. Gelingt dies nicht, ist die Autor*in-Identität gefährdet, wie in folgendem Beispiel:

„Nachdem sie nach einer längeren Krankheit ihre Ersparnisse […] aufgebraucht hatte, war sie nicht nur angewiesen auf Arbeitslosengeld II, sondern befand sich auch in einer beruflichen Krise: Ein längerfristiges Buchprojekt zu planen, konnte sie sich schlicht nicht leisten, sie brauchte Geld — und das sofort.“

S. 632.

Die Autorin konnte es sich also nicht leisten, ihrer Arbeit nachzugehen. Solche Aussagen zur wirtschaftlichen Situation von Autor*innen sind traurig und ernüchternd, auch wenn sie sicher nicht völlig überraschen können.

Über die individuellen Bearbeitungsweisen solcher und weiterer Herausforderungen zu lesen, ist hochspannend. Und (um zum Anfang dieses Artikels zurückzukommen), vielleicht kann zwar „heute ja echt jeder ein Buch schreiben“, aber über das Bestehen vor dem Markt ist damit nichts gesagt — zumindest vor dem traditionellen Literaturmarkt und den ihm verbundenen Institutionen (Wettbewerbe, Stipendien, Feuilleton, usw.). (Dass es daneben auch den Bereich des Self-Publishings gibt, der traditionell nicht anerkannt ist, aber ggf. eigene Formen der Anerkennung entwickelt, zeigt Amlinger in einem eigenen Kapitel.)

Fazit

Carolin Amlinger hat eines der interessantesten soziologischen Bücher der letzten Zeit geschrieben. Die zahlreichen Ungewissheiten unserer Gesellschaft, die bei den ‚großen‘ deutschsprachigen Soziologen der letzten Jahre (etwa Hartmut Rosa / „Resonanz“; Andreas Reckwitz / „Die Gesellschaft der Singularitäten“; Armin Nassehi / „Muster“ und „Unbehagen“) immer etwas abstrakt bleiben, werden durch Amlingers umfassende qualitative Untersuchung eines Teilsystems sehr konkret — eines Teilsystems zumal, zu dem viele von uns direkten Bezug haben, als Leser*in, als Fan, als Literaturwissenschaftler*in, und vielleicht selbst als Schreibende*r.


(Titelbild: Shuang Li / Shutterstock.com)

Magdeburgs neuer „Blauer Bock“

Nachdem der alte, aus DDR-Zeiten stammende „Blaue Bock“ in Magdeburg 2016 abgerissen wurde, begannen die Arbeiten am Neubau, und die sind jetzt wohl fast abgeschlossen, wie ich heute eher zufällig bemerkt habe. Hier vier schnelle Schnappschüsse:

Für die Gestaltung des Platzes hätte ich mir Grün statt diese völlige Versiegelung der Flächen gewünscht. Außerdem gibt es schon genug schmucklose Zweckbauten in der Umgebung, und nur eine weitere Fast-Food-Kette als Gastronomie ist jetzt auch eher phantasielos. Dennoch ist der neue Zustand natürlich eine Verbesserung zu vorher, und es ein befreiendes Gefühl, hier nach so vielen Jahren wieder langgehen zu können und relativ viel Platz zu haben (das war heute auch ganz praktisch, weil ich so dem Weihnachtsmarkt ausweichen konnte).

Zum Schluss noch zwei Bilder von den Bauarbeiten im Herbst 2019: