Digitales Wohlfühlen und Verantwortung ― Tabula Rasa 2.0 für von digitalen Netzwerken Gestresste

Digitale Medien sind Teil unseres Alltags und interferieren mit unserem Privat- und Berufsleben. Digitale Netzwerke werden so entwickelt, dass sie unsere Aufmerksamkeit möglichst lange binden, mit unvorhersehbaren, variablen kleinen positiven Verstärkern, die unser intrinsisches Belohnungssystem stimulieren, hin zu unkontrolliertem, abhängigen Verhalten. Wie ist die Datenlage? Wer ist dafür verantwortlich und wer ist verantwortlich dafür, dass es mir gut geht? Was kann ich tun, damit es mir gut geht? Das sind die Fragen, auf die dieser Artikel antwortet.

Digitales Wohlfühlen: Fühle ich mich mit meinem digitalen Konsum (noch) wohl?

Der DAK Gesundheitsbericht 2019 zeigt, dass die große Mehrheit der Erwerbstätigen (85 %) soziale Medien nutzt. Unter sozialen Medien (die keineswegs „sozial“ sein müssen, d.h. „eine empathische Bedeutung im Sinne von ‚dem Gemeinwohl dienend‘ oder ‚den Schwächeren schützend‘“ (DAK Gesundheitsbericht 2019, S. 146-147) implizieren) wurden hier „digitale Medien und Plattformen gemeint, durch die Sie mit anderen Nutzerinnen und Nutzern in Austausch treten und/oder Inhalte erstellen und austauschen können. Das sind unter anderem soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder LinkedIn, Blogs und Internetforen, sogenannte Mikroblogs wie z. B. Twitter. Auch Messaging-Dienste wie WhatsApp oder Snapchat gehören dazu. Die Nutzung von E-Mail oder Web-Seiten gehört dagegen nicht dazu.“ […] „Gefragt nach den zwei wichtigsten sozialen Medien, die sie in den letzten 12 Monaten genutzt haben, geben die Befragten vor allem Facebook (51 Prozent) und WhatsApp (49 Prozent) an. Ein kleinerer Teil der Befragten zählen Instagram (18 Prozent) und Twitter (3,7 Prozent) dazu. (ebd., S. 147). Dabei sei der Anteil der Nutzer*innen sozialer Medien über alle Altersgruppen hoch, in der Altersgruppe 18-29 mit 95, 3 % am höchsten.

Schade, dass die Studie nicht zwischen den Messenger-Diensten, die ja irgendwie auch als „moderne Anrufbeantworter des geschriebenen Wortes + Emojis“ zwischen zwei einander bekannten Personen oder Kleingruppen (Study Groups, Familiengruppen) verstanden werden können und den, potentiell in die Welt projizierenden digitalen Netzwerken wie Facebook und Instagram unterscheidet.

Instagram-Fund; Quelle: Süddeutsche Zeitung Magazin

Wie scherzhaft von der Süddeutschen Zeitung auf Instagram visualisiert, geben auch 9 Prozent der in der DAK-Studie Befragten einen gewissen Kontrollverlust bei der Nutzung digitaler Medien an.

8 Prozent der in 2019 Befragten „haben oft soziale Medien genutzt, um nicht an unangenehme Dinge denken zu müssen“ (ebd., S. 151). Digitale Medien dienen somit auch als Flucht- und Abwehrmechanismus, wenn die Realwelt vermeintlich zu schmerzhaft wird.

Knapp 4 Prozent der Befragten geben einen Interessenverlust an Hobbies und Interessen durch die Nutzung digitaler Medien an (ebd., S. 151), der häufig auch mit einen Rückzug aus physischen Kontakten einhergeht und begleitet wird durch andere Beeinträchtigungen, wie starke Ängste, Schlafstörungen, Essstörungen oder Depressionen.

Die Zahlen, sowie das Ausmaß der Erscheinungen dürften sich aufgrund fehlender physischer Kontakte und fehlender adäquater Möglichkeiten zur Stressbewältigung durch die Corona-Pandemie mit ihren Begleitmaßnahmen erhöht, bzw. verstärkt haben. So berichtet auch Uta neulich von ihrem Digital Overload und ‚Zoom Fatigue‘ und Mario von weniger überladenen und vor allem weniger überlastenden Alternativen zum World Wide Web. Wenn Sie mal schauen möchten, wie sich Ihre tatsächliche Nutzung von digitalen Medien von Ihrer Erwartung und Selbsteinschätzung unterscheiden, habe ich dafür hier eine kleine Reflexionshilfe gebaut, die sich ausdrucken und analog ausfüllen lässt (Marter, 2021).

Insbesondere die digitalen Netzwerke (ich möchte sie nicht sozial nennen) haben Suchtpotential; mindestens für solche, die ohnehin schon Suchtthematiken haben. Und auch wenn sie kein Suchtpotential hätten, so haben sie doch einen starken Einfluss auf die Art und Weiße wie wir kommunizieren, unsere Zeit verbringen, unsere physische, psychische und emotionale Gesundheit und unsere Gesellschaft.

Wer verantwortet mein intrinsisches Belohnungssystem?

Früher (als das Leben noch unbequemer war) haben Menschen mit Suchtthematiken ‚nur‘ zu viel getrunken, dann auch (zu viel) geraucht (wenn man einmal die Problematik ‚harter‘ Drogen ausklammert). Im digitalen Zeitalter nun kommen durch Digitales induzierte Dopamin-Kicks (und vieles mehr) im Belohnungssystem des Gehirns hinzu. Das Belohnungssystem schließt auch das emotionale Zentrum (das limbische System) mit ein. So kommt es, dass wir uns, wenn wir ‚gestresst‘, traurig, ängstlich oder wütend sind, eine sogenannte ‚Belohnung‘ suchen, die uns vermeintlich beruhigt und entspannt. Heute wird dafür dann recht schnell das Smartphone gezückt. Wichtig zu wissen ist, dass es sich hier nicht um eine echte, gesunde Belohnung handelt, sondern mindestens um eine Ablenkung, in der Regel einen Abwehrmechanismus, der uns der Lösung des Ursprungsproblems der leid-auslösenden Emotion nicht näher bringt.

Ein mich inspirierender und meine Message unterstützender Fund aus irgendeinem digitalen Netzwerk. Quelle unbekannt.

Wie bei Alkohol und Nikotin ist der Weg über eine ungesunde Gewohnheit in eine potentielle Abhängigkeit schleichend. Einstieg und Zugang sind niedrigschwellig und gesellschaftlich anerkannt, wenn nicht sogar anerkannter als der Verzicht. „Wie, du bist nicht bei Whatsapp!“ + Augenverdrehen. „Wie, du trinkst keinen Alkohol!“ + Bist du schwanger?“ oder „Spaßbremse!“

Für den Konsum von Tabak haben sich diese Phänomene der Gruppendynamik durch politische Regelungen drastisch geändert. So ist das Rauchen in gastronomischen Einrichtungen und Diskotheken seit 2008 verboten. Binnen kürzester Zeit sind nun die Rauchenden zu den Spaßbremsen und Spalter*innen geworden.

Ich bin allerdings überhaupt keine Freundin des Trends, überall sofort politische Lösungen zu fordern. Zumal diese ja auch sofort wieder abgelehnt und bekämpft werden und von anderen wieder neue, andere politische Lösungen gefordert werden. Viele vergessen bei all ihrer Arbeit, zwischenmenschlichen Problemen und automatisierten Ablenkungs- und Abwehrmechanismen durch Smartphone, Alkohol, Zucker, Konsum und Co., dass sie selbst eine Verantwortung für Körper, Psyche und Emotionen und ein soziales Miteinander zum Wohle aller haben.

Letztlich brauchte es ein politisches Eingreifen in Sachen Nichtrauchendenschutz, weil das Rauchen in Diskotheken und der Gastronomie ‚normaler‘ war als das Nichtrauchen. Deshalb kamen Rauchende gar nicht auf die Idee, zum Rauchen raus zu gehen, um so andere durch ihr eigenes ungesundes (Sucht-)Verhalten nicht zu schädigen. Ähnlich verhält es sich mit der Gleichstellung der Geschlechter und dem Pfandsystem für PET-Flaschen. Beim Pfandsystem gilt der politische Eingriff dem Schutz der Erde durch den sinnvollen Umgang mit Ressourcen. Er war nötig, weil wir Verbrauchenden von allein nicht ausreichend recyceln und die Produktion von neuem Plastik für die Herstellenden günstiger als Recyceln ist. (Deposy, 2021)

Ein politischer Eingriff in unseren Alltag durch Restriktion des Konsums digitaler Medien zum Schutz unserer körperlichen, psychischen und emotionalen Gesundheit ist natürlich undenkbar und nicht erstrebenswert. Zumal gut aufbereitete digitale Medien und der digitale Austausch z.B. in Lockdown-Zeiten zum Erhalt der Gesundheit beitragen können. Ich selbst bekomme durch die Kanäle, die ich abonniert habe, immer wieder wunderschöne Erinnerungen und Inspirationen zu Aspekten eines gesunden Lebens und Arbeitens oder freche Frauenpower-Kommentare, die meinen Horizont erweitert und mich über die Jahre wachsen lassen haben.

Visualisierte Daten: Ein mich inspirierender Facebook-Fund von Lena Deser über editionF.
Ein mich inspirierender Facebook-Fund. Quelle: unbekannt

Es ist an uns, an jeder und jedem einzelnen von uns Verantwortung zu übernehmen und gesund, fair, sozial und nachhaltig zu denken, zu sprechen und zu handeln. Jede*r von uns kann dabei ein strahlendes Licht für Werte sein ohne andere zu belehren, Ängste zu schüren, zu beleidigen oder Meinungen aufzudrücken. Jede*r von uns kann so zu einem gesünderen, neuen Normal beitragen. Dafür müssten wir regelmäßig aus der Eskalationsspirale des Außen (d.h. der Reizüberflutung und dem unrealistischen Leistungsdruck im beruflichen Alltag, TV und digitalen Medien), uns beruhigend, entspannend, klärend und so deeskalierend bei uns selbst ankommen. Das hilft auch gegen Sucht und jede andere Art des Versuches der ungesunden und nicht zielführenden Bedürfnisbefriedigung.

Im Selbst ankommen macht handlungsfähig und gestaltungsfrei

Aus der Sicherheit und Verankerung, die beim Ankommen bei sich selbst wieder wahrgenommen werden können, erwachsen Ruhe und Zentrierung. Das Herz kann sich wieder öffnen, der eskalierte Verstand beruhigt sich. Vertrauen in die eigenen Stärken, Vertrauen in die Welt, Geduld und Humor mit den eigenen Schwächen und denen anderer wird wieder möglich.

Umso mehr wir in Liebe und Vertrauen bei uns selbst ankommen, umso heller scheint unser Licht und der Wunsch sich nicht mehr an gesellschaftlichen Eskalationsprozessen zu beteiligen, was nicht gleichbedeutend ist, mit: keine Meinung zu haben und diese nicht auch angemessen zu vertreten.

In der Kraft, zentriert und mit offenem Herzen fällt es schwerer, Margarine mit Palmöl zu kaufen, wenn der Preis dafür die Abholzung der Regenwälder ist. Auch die Billigsalami lächelt einen nicht mehr an, ganz im Gegenteil.

Weil wir uns nicht mehr in einem Zustand des Mangels empfinden, brauchen wir auch nicht mehr 2 € ‚sparen‘, um bei den gängigsten Online-Anbietern ein neues Scrabble-Spiel zu bestellen. Auch diese Klicks stimulieren das Belohnungssystem auf eine ungesunde und manipulative Weise und der ständige Hinweis darauf, dass nur noch drei, zwei, ein Stück auf Lager sind/ist, gibt uns gezielt das Gefühl, nicht genug zu bekommen und gestresst, noch schneller und unreflektierter auf den Kauf-Button zu drücken. Danach stellt sich kurzzeitig vermeintlich belohnende Erleichterung ein, weil wir das wertvolle Stück zum Mindestpreis ergattert haben und diesmal nicht diejenigen sind, die ‚zu spät‘ kommen und leer ausgehen.

Geankert, herz-offen und zentriert, beteiligen wir uns so nicht an ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, haben die Möglichkeit im Laden in einen physischen, sozialen Kontakt zu gehen, ein Stadtbild mit kleinen Lädchen zu erhalten, die wiederum ihre Steuern im Land des Lädchens zahlen und so auch zu sehr vielem beitragen, dass uns im Wohlstand hält.

„Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“

―Mahatma Gandhi

In diesem Zustand der Handlungsfähigkeit und Gestaltungsfreiheit fragen wir uns recht bald auch, von wem wir uns inspirieren, leiten oder manipulieren lassen möchten.

  • Möchte ich meine wertvolle Frei- und Regenerationszeit mit digitalen Medien verbringen, die es darauf anlegen, meine Aufmerksamkeit durch gezielt eingesetzte verhaltenswissenschaftliche Konzepte (z.B. Konditionierungen, Ansprache des Belohnungssystems,…) so geschickt und ungesund zu binden, dass ich selbst keine Kontrolle mehr darüber habe, was ich da eigentlich tue? (Giesler, 2018)
  • Möchte ich getrieben sein von der Angst, in der fiktiven Parallelwelt meiner digitalen Filterblase etwas zu verpassen („Fear to miss out“)? Was verpasse ich denn wirklich? Was kann ich gewinnen, wenn ich keine Angst habe? Was mache ich statt dessen? Wer kann mich unterstützen? Mit wem möchte ich spazieren gehen, mit wem Scrabble spielen?
  • Möchte ich mich, das leuchtende, geerdete, zentrierte, liebende und geliebte, wertvolle, herz-offene, sanfte Wesen, das ich bin, abhängig machen von Like-Buttons und Likes Unbekannter? Was braucht es für mich wirklich, um meine menschlichen Bedürfnisse nach Nähe und Wertschätzung zu befrieden? Wieviel davon braucht es wirklich von außen? Und wo muss ich erstmal anfangen, mich selbst zu liken? Wieviel mehr Lebensqualität kann ich wohl erlangen, wenn ich mich selber mag?
  • Wenn ich in den digitalen Medien Reize und Informationen konsumiere, welche sind das? Machen sie mir Angst, mich traurig oder wütend? Sind sie gut recherchiert und von Menschen mit Expertise geschrieben? Haben sie die Absicht mich zu schwächen oder machen sie mich handlungsfähiger?

Digitale Ruhe und Besinnlichkeit zwischen den Jahren

In Vorbereitung auf die Rauhnächte, einer Zeit der inneren Einkehr, und auf meine Rauhnächte Meditation Challenge hab ich gestern alle digitalen Netzwerke von meinem Smartphone deinstalliert. Ich faste mal wieder, d.h. ich verzichte freiwillig.

Nun brauche ich allerdings neue gesunde Routinen für die neu-gewonnene Zeit und Freiheit (in der Regel macht man*frau sich da vorher einen Plan für) und eine neue gesunde Routine, um die digitalen Netzwerke, auch für meine beruflichen Tätigkeiten weiterhin regelmäßig zu nutzen, ohne dass wertvolle Zeit und Lebensenergie unkontrolliert vergeht. Ich dachte da so an eine Stunde pro Tag am Vormittag vom Rechner aus, mit Timer.

Als nächstes wird dann auch das E-Mail-Postfach im Smartphone um sein Dasein fürchten müssen. Das braucht aber wirklich einen Plan und Zeit damit nichts verloren geht. Meine analoge Uhr hab ich auch aus den Tiefen der Verbannung befreit. Sie braucht aber eine neue Batterie und damit habe ich einen neuen Punkt auf meiner To-Do-Liste, den ich abarbeiten muss, um in die neue Freiheit (gesunde Belohnung) zu kommen. 

Gesunde intrinsische Belohnungen

Heute habe ich Wikipedia gespendet, um einen kleinen Beitrag zu daten- und literaturbasierter Informationsverbreitung zu leisten (gesunde Belohnung). Nachher geh ich noch ein Scrabble-Spiel, Milch und Kerzen kaufen (gesunde Belohnung) und auf den Weihnachtsmarkt (gesunde Belohnung), um das Privileg des Analogen zu genießen (gesunde Belohnung). Ich habe vor, alle Welt anzulächeln (gesunde Belohnung). Ich habe heute auch schon ein überraschendes Weihnachtspäckchen bekommen und freue mich sehr (gesunde Belohnung).

Drücken Sie mir die Daumen, wie ich Ihnen die Daumen drücke!

Geerdete, herz-offene und zentrierte Sonnen- und Weihnachtsgrüße,

Ihre Dr.in Kathrin Marter

Veröffentlicht von

Dr.in Kathrin Marter

Verhaltensneurobiologin, Systemische Coach, Wissenschaftsautorin, Dozentin, Yogalehrerin uvm. @ www.drkathrinmarter.org

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