Matrix Resurrections – Nur Nostalgie oder aktueller denn je?

Morpheus sagt im neuen vierten Teil der Matrix-Filme kurz vor Neos Rückkehr in die „reale Welt“: „Nichts mindert unsere Angst mehr als ein Hauch Nostalgie“. Warum haben wir uns auf den neuen Matrix-Film „Matrix Resurrections“ so gefreut? Sicher auch wegen der nostalgischen Sehnsucht nach der guten alten Zeit vor ca. 20 Jahren, als der Matrix-Film mit einer genialen Idee Filmgeschichte schrieb und filmisch den Verdacht umsetzte, dass das Internet und die neuen digitalen Medien nur eine virtuelle Welt, die die „eigentliche Realität“ verschluckt hat.

Mich hat dieser Gedanke im Jahr 1999 fasziniert, da ich mich damals mit dem Gegensatz von Simulation und Realität/Authentizität in meiner Dissertation beschäftigte. Vor allem setzte ich mich intensiv mit Jean Baudrillards Theorem vom Simulakrum auseinander, auf das sich der erste Matrix-Film explizit bezog.

Nun nach 18 Jahren erscheint endlich wieder einen neuer Matrix-Film…und was passiert? In Mecklenburg-Vorpommern sind die Kinos zu – wie unglaublich schade. Ich habe es dennoch geschafft, mir den Film zweimal anzuschauen 😉

Zuallererst: mir hat der Film sehr gut gefallen – er ist kurzweilig und hervorragend inszeniert. Keanu Reeves konnte mich auch wieder begeistern. Aber die wichtigste Frage lautet: Was hat uns der Film medientheoretisch im Jahr 2021/22 mitzuteilen, nach dem so viel Zeit seit dem dritten Teil von Matrix vergangen ist und die digitalen Medien einen wahnsinnigen Aufschwung seitdem genommen haben?

Der vierte Teil ist der erste Matrix-Film, der Humor hat und selbstironisch darauf Bezug nimmt, dass es sicherlich finanziell sehr lukrativ war, einen weiteren Matrix-Film zu produzieren. Man freut sich auch über so lustige Ideen wie das Café mit dem vieldeutigen Namen „Simulatte“, in dem sich Trinity und Neo erneut begegnen oder über die Büste von Friedrich Nietzsche auf dem Schreibtisch des Agenten Smith.

Und der Film macht auch noch etwas sehr Kluges: Lana Wachowski, die Regisseurin, weiß, dass es längst ein Allgemeinplatz geworden ist, dass die digitalen Medien uns eine Scheinrealität vorspielen: aus dem Verdacht ist mittlerweile Wahrheit geworden. Aus diesem Grund erscheint es uns wiederum sehr aus der Zeit gefallen, dass die reale Welt im Film noch immer existiert und so furchtbar grau, gruselig und alles andere als einladend aussieht. Irgendwie möchte man dann doch lieber in der bunten, kuscheligen und warmen Matrix bleiben – auch wenn man scheinbar keinen eigenen Willen mehr besitzt und von einem Chef-Programmierer gesteuert wird.

Wir wissen inzwischen, dass sich die „alte“ reale Welt allmählich beginnt aufzulösen. Die Grenze zwischen digitaler und analoger Welt wird einerseits immer sichtbarer und auf der anderen Seite verschmelzen diese beiden Welten immer mehr miteinander. Bleibt in den ersten Matrix-Filmen die Differenz zwischen Realität und Illusion erhalten, hat nun die These von Baudrillard ihre Bestätigung gefunden, nämlich darin, dass es keine Ursprungsrealität gibt und die Realität selbst in der Hyperrealität aufgegangen ist. Es gibt im Film zwar noch die reale Welt, aber der Film glaubt darin selbst nicht mehr so recht.

Neo arbeitet im neuen Film als Computerspielentwickler, der die ersten drei Matrix-Spiele entwickelt hat, damit berühmt geworden ist und Preise gewonnen hat. Und man fragt sich als Zuschauerin während des Films die ganze Zeit, ob es sich wirklich nur um ein Computerspiel handelt oder der wahre Neo, der im dritten Teil eigentlich gestorben ist und dadurch die Stadt Zion, die reale menschliche Welt, gerettet hat, doch wieder von den Maschinen in die Matrix eingeschleust und umprogrammiert wurde.

Aber eigentlich spielt es auch schon fast gar keine Rolle mehr, denn die Botschaft des Films lautet vor allem: Holt Euch Eure Selbstbestimmtheit und das freie Denken zurück! Ihr habt es selbst in der Hand! Das ist freilich eine sehr zaghafte und schlichte Botschaft…

…aber Trinity und Neo sind am Ende wieder vereint und könnten die Menschen gemeinsam aus der Matrix retten…das schreit quasi nach einem fünften Teil, vielleicht dann auch wieder etwas mehr sophisticated 😉

(Titelbild: Wikimedia Commons)

Fehlende Bilder

Das Jahr 2022 beginne ich mit einer Notiz in eigener Sache: Aus Finanzierungsgründen (knapp 30 EUR / Monat für den Business-Tarif haben sich für diese Website nicht wirklich gelohnt) habe ich das WordPress.com-Abo auf eine günstigere Variante umgestellt. Dabei kam es leider zu ganz ‚interessanten‘ Datenbankverwerfungen. Außerdem habe ich den Eindruck, dass Beiträge nicht mehr im WordPress-Reader erscheinen.

Zunächst: Alle Postings sind weiterhin vorhanden. Aber: Irgendwelche Uralt-Entwürfe waren nach dem Downgrade wieder da, während gleichzeitig diverse Fotos und Bilder, die im Laufe des letzten Jahres hochgeladen wurden, scheinbar willkürlich gelöscht sind. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass das Downgrade von Business nicht auf das nächstniedrige Premium erfolgte (was genug Speicherplatz geboten hätte), sondern auf Free, was nicht genug Speicher für Bilder bietet. Scheinbar wurden deshalb nach irgendeinem mir nicht ersichtlichem Prinzip Bilder gelöscht. Das darauf folgende Upgrade von Free auf Premium hat sie nicht wiederhergestellt.

Das bedeutet, dass Sie beim Stöbern durch die Seite möglicherweise auf Beiträge stoßen werden, bei denen Bilder fehlen. Das tut mir leid. Mir war nicht bewusst, dass das passieren würde. Sofern möglich, versuche ich wichtige Bilder zu rekonstruieren, da ich sowieso vorhabe, jeden einzelnen Beitrag durchzugehen, aber wenn das zu viel Aufwand macht, kann es sein, dass ich das zumindest bei meinen eigenen Texten auch einfach lasse.

Durchgehen will ich die Beiträge übrigens, um sie, was das Gendern angeht, kompatibler zu Screenreadern zu machen. Weder das Sternchen noch der Doppelpunkt werden dafür von Verbänden wie dem DBSV als geeignet angesehen. Je nach Typ oder Konfiguration eines Screenreaders funktionieren Sternchen und Doppelpunkt mal, aber mal auch nicht.

Daher möchte ich künftig und rückwirkend die Formulierungen an sich genderneutraler gestalten, anstatt einfach die Wörter durch Sonderzeichen anzupassen. Also zum Beispiel im Kontext von Literatur kein „Autor*innen“ mehr verwenden, sondern etwa „Menschen, die beruflich schreiben“ oder „Personen, die Sachbücher verfassen“ oder „Menschen, die Romane veröffentlichen“ — so in dem Sinne. Oder wenn es um die Teilnahme an einer Veranstaltung ginge, kein „… hatte so und so viel Teilnehmer*innen“ mehr, sondern „so und so viel Menschen nahmen teil“. Die Sätze werden dadurch eventuell etwas länger werden, und es wird auch eine ganze Weile dauern, bis ich alles seit 2019 angepasst habe, aber ich denke, dass das inklusiver ist als bisher. Feedback gerne.

Update zu den Bildern: Die Bilder sind scheinbar nicht gelöscht, sondern noch vorhanden, aber teilweise unter völlig falschem Datum in der Mediathek hinterlegt und scheinbar auch anderer URL. Aber immerhin kann ich es so doch einfacher rekonstruieren.

„Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ von Kathrin Marter jetzt erhältlich (Über/Strom-Buchreihe, Band 3)

Der dritte Band unserer Buchreihe ist endlich erhältlich, sowohl als gedrucktes Buch als auch als e-Book. In „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ zeigt Über/Strom-Autorin, Verhaltensneurobiologin, Yoga-Lehrerin und Coach Dr.in Kathrin Marter, was digitaler Stress mit uns macht und wie wir damit umgehen können. Hier einmal die Verlagsbeschreibung:

Viele Menschen nutzen täglich die Vorteile des digitalen Zeitalters: wenn sie mal eben ihr Zugticket mit dem Smartphone buchen, sich von ebendiesem zum vereinbarten Treffpunkt navigieren lassen und dann per Textnachricht erfahren, dass die werten Kolleg*innen ein paar Minuten zu spät kommen, der Tisch im Restaurant online schon reserviert wurde und das „Tisch-Ticket“ per QR-Code gleich mitsenden. Viele Menschen erfahren sich bei aller Erleichterung zunehmend reizüberflutet, überfordert und in der Folge gestresst.

Buchumschlag "Du bist, was Dich stresst!" von Kathrin Marter
Cover von „Du bist, was Dich stresst!“

Der Begriff und Zustand „Stress“ (heutzutage im Sprachjargon als diffus definierter Normalzustand verankert und schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen) ist allerdings tatsächlich ein Zustand, der vielfältigen Leidensdruck verursacht und krank macht.

Die Autorin unterstützt allgemeinverständlich, anschaulich sowie naturwissenschaftlich und psychologisch fundiert bei der Auseinandersetzung mit Stress, Stressoren und Prozessen der Langzeitgedächtnisbildung. Letztere sind nicht unwesentlich an unserem chronischen Stresslevel beteiligt. Langzeitgedächtnisse, die, häufig schon in der Kindheit geformt, starke negative Glaubenssätze beinhalten. Diese negativen Glaubenssätze erfahren durch die Herausforderungen der digitalen Welt permanente Verstärkung und begünstigen dadurch chronischen Stress – mit seinen für viele Menschen spürbaren Folgen.

Das Buch lädt ein, klärt auf und gibt fundierte, anschauliche und handlungsorientierte Ansätze zur Selbstreflexion und Entwicklung einer gesunden Handlungskompetenz gegenüber dem eigenen Stresslevel, folglich der eigenen Gesundheit und dem eigenen Glück.

Die Autorin Frau Dr.in rer. nat. Kathrin Marter ist promovierte Verhaltensneurobiologin, systemische Coach, Wissenschaftsautorin, Dozentin, Pädagogin, Yogalehrerin und Trainerin. Als Wissenschaftlerin hat sie die psychologischen, neuro- und verhaltensbiologischen und molekularen Grundlagen von Verhalten, Lernen und Gedächtnis erforscht. Heute bringt sie ihr ganzheitliches Expertinnenwissen über Lernen und Gedächtnis, Gesundheit und Krankheit sowie Verhaltensänderungen in Lernumgebungen, beratenden Settings und der Gesundheitsbranche erfolgreich in die praktische Anwendung.

Retro, aber kein altes Eisen: KC85-Entwicklung heute. Interview mit Mario Leubner

Über nostalgische Retro-Computer-Erfahrungen habe ich in Bezug auf Textverarbeitung schon hier und hier berichtet; letztes Jahr schrieb ich bei VSG.de außerdem einen Artikel über Retro-Programmiererlebnisse. Da ich in Ostdeutschland groß geworden bin, ist mein Bezugspunkt da nicht der bekannte Commodore C64, sondern der Kleincomputer KC85/3. Aber der KC und seine Software werden immer noch weiterentwickelt — auch 30 Jahre nach der Wende. Im Umfeld des KC-Clubs und des KC-Labors entstehen neue Betriebsssystem-Varianten, die mittlerweile auch Festplatten und USB-Sticks unterstützen, sowie Hardware-Zusatzmodule, mit denen sich u.a. Musik abspielen oder manche Internetdienste nutzen lassen. In den letzten Wochen habe ich zu dieser Thematik mit einem der aktivsten heutigen KC-Entwickler, Mario Leubner, ein E-Mail-Interview geführt.

Der KC85/4 war der letzte offiziell produzierte KC85 in der DDR. Inoffiziell wurde er in den KC85/5 weiterentwickelt. (Bild: Wikipedia)

Kannst du kurz sagen, wer du bist und warum du dich auch im Jahr 2022 (!) immer noch aktiv mit der Verbesserung des KC-Systems beschäftigst?

Die Computer haben mich bereits in den 1980er Jahren fasziniert. Damals habe ich mir die Radio-Sendungen von Prof. Dr. Horst Völz und Dr. Joachim Baumann auf Radio DDR II oder Jugendradio DT64 reingezogen und teilweise auch mitgeschnitten sowie sämtliches Begleitmaterial zu den Sendungen zuschicken lassen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nicht einmal einen KC. Die waren anfangs ja gar nicht zu bekommen und dann ziemlich teuer. Erst als sie von 4.600 (Ost-)Mark auf 2.150 Mark gesenkt worden sind, habe ich mir meinen KC85/4 gekauft.

Wie alt warst du damals denn?

Damals war ich 25.

Worin besteht heute die Faszination?

Was mich bis heute an dem KC85-System reizt, ist die universelle Erweiterbarkeit mit Modulen. Damit kann man einfach fast alles realisieren. Auch Sachen, die früher überhaupt nicht denkbar waren wie USB, Netzwerk oder Festplatte. Und dann kann ich sagen, dass ich inzwischen beim KC fast jedes Bit persönlich kenne 😉 und weiß, wofür es da ist.

Heutige Computer haben Taktfrequenzen im GHz-Bereich und riesige Speicherkapazitäten. So ein KC85 mit seinen 1,77 MHz Taktfrequenz, dem 8 Bit-Prozessor und 64 K Adressraum liegt davon Welten entfernt. Und dennoch kann man auf diesen alten Kisten wunderbare Sachen machen.

Das ist eben ein Hobby und das soll es auch bleiben, solange es mir Spaß macht.

Gerade du hast ja wirklich sehr viel gemacht: signifikante Updates für Betriebssysteme, Tools oder auch WordPro 6. Bist du mehr der Programmierer oder bastelst du auch an Hardware rum?

Eigentlich bin ich mehr der Programmierer. Ich mache aber auch gern einmal etwas Hardware. Denn beides gehört ja irgendwie zusammen. Was nützt das USB-Modul ohne dazugehörige Software?

WordPro 7 von Mario Leubner wird in Kürze veröffentlicht. Es ist ein Update von WordPro 6 (bis 2007) und eine umfangreiche Weiterentwicklung des originalen WordPro ’86 von Klaus und Stefan Schlenzig, dessen kompletter Quelltext ursprünglich in Buchform zum Abtippen vertrieben wurde.

Auf welches deiner Projekte bist du am meisten stolz und warum?

Das kann ich so nicht beantworten. Manchmal sind es auch kleine Dinge, die einem Freude bereiten.

Wirklich gut gelungen finde ich zum Beispiel die Treiberverwaltung im Grundgerät, während im D004/D008 das Betriebssystem CP/M läuft oder auch die Device-Umschaltung zwischen Kassette, Diskette oder USB seit CAOS 4.7.

CAOS 4.8 ist die neueste, 2021 erschienene, Version eines Betriebssystems aus den 1980ern. Im Emulator JKCEMU können neue Features wie Festplatten- und USB-Unterstützung auch ohne echten KC ausprobiert werden.

Neue Möglichkeiten

Dieses „CAOS“ ist das Betriebssystem des KC85 und steht eigentlich für kassettengestütztes Betriebssystem (Cassette Aided Operation System) – auch wenn mittlerweile die von dir erwähnten anderen Speichermedien unterstützt werden. Mit deiner im September 2021 veröffentlichten Version 4.8 (letztes Update: 01.01.2022) dürfte CAOS wohl auch eines der ältesten noch aktiv weiterentwickelten Betriebssysteme sein. Und die Textverarbeitung WordPro (bald Version 7) ist eine der ältesten noch aktiv entwickelten Anwendungen. Wird der KC85 denn noch für Alltagsaufgaben genutzt, die nichts mit KC-Entwicklung zu tun haben (schreiben, verwalten, Berechnungen durchführen)? Oder ist es halt vorwiegend der Spaß am Basteln und Ausreizen bzw. Erweitern der Möglichkeiten?

Für mich persönlich ist es mehr das Ausreizen der Möglichkeiten und der Spaß an der Freude. Aber gern auch einmal ein Spielchen zwischendurch oder, seitdem es das Soundmodul gibt, etwas Retro-Musik hören. Alltagsaufgaben sind für mich noch das Programmieren von EPROMs – aber das ist ja auch eher etwas für die KC-Entwicklung.

Mit der DEVICE-Umschaltung von CAOS 4.8 und dem komfortablen Laden/Speichern auf USB-Sticks macht das alles auch noch viel mehr Spaß, da die Ladezeiten sehr viel kürzer geworden sind.

Wie viel von der Rechenarbeit, die für das Abspielen von Musik oder für den Zugriff auf USB-Sticks nötig ist, macht der KC85 selbst und wie viel wird an spezialisierte Chips in den Erweiterungsmodulen ausgelagert?

Im Soundmodul befindet sich ein Programmierbarer Soundgenerator-Chip AY-3-8910 (PSG), so wie in vielen anderen (hauptsächlich westlichen) Heimcomputern auch. Der KC übernimmt dabei die Decodierung der Sound-Dateien und die Programmierung des PSG. Die Rechenleistung des KC reicht dazu parallel noch für eine recht ansprechende grafische Anzeige aus.

Im USB-Modul verrichtet die Kommunikation mit dem USB-Stick oder der Tastatur ein VNC1 bzw. VNC2 von FTDI. Hier schickt der KC nur die entsprechenden Befehle zum Lesen oder Schreiben der Daten an den Spezial-Chip.

Man kann durchaus sagen, dass in vielen Erweiterungsmodulen mehr Rechenleistung steckt als im KC-Grundgerät selbst.

Mario Leubners KC-Commander ist ein komfortables Tool zur Dateiverwaltung, das man in ähnlicher Form sonst nur von größeren Computern aus westlicher Produktion kennt.

Ebenfalls realisiert habt ihr das TCP/IP-Protokoll und FTP. Wäre es — vielleicht zumindest auf dem KC85/5 — denkbar, das HTTP-Protokoll oder das GEMINI-Protokoll zu implementieren?

Mittels FTP kann man KC-Programme direkt von einem Server aus dem Internet laden. Das ist durchaus eine sinnvolle Ergänzung. TCP/IP ist jedoch nicht so mein Fachgebiet. Aber was willst du auf dem KC damit anstellen?

Einen einfachen E-Mail-Client für Textnachrichten könnte ich mir noch vorstellen. Von GEMINI habe ich vorher noch nie etwas gehört. Wenn ich das richtig recherchiert habe, handelt es sich hierbei um ein Netzwerkprotokoll zum Abrufen von Text-Dokumenten über das Internet. Es nutzt dabei ausschließlich verschlüsselte Verbindungen, was schon wieder eine Herausforderung für den KC darstellen könnte. Das wäre aber auch mit FTP machbar.

HTTP(S) und dessen Hauptanwendung World Wide Web halte ich dagegen auf dem KC für nicht realistisch, denn heutzutage geht im WWW fast nichts ohne Grafiken und Animationen. Dazu ist die Bildschirmauflösung des KC einfach nicht ausgelegt.

Offenheit für Kreativität

Wie würdest du die „KC-Szene“ (wenn man das so nennen kann) beschreiben? Sind das Leute, die schon früher mit dem KC gearbeitet oder gespielt und halt einfach nie aufgehört haben – oder ist da auch viel von der aktuellen „Retro“-Welle dabei, die man auch bei anderen Computern sieht?

Ich denke, das ist eine Mischung unterschiedlicher Leute.

Zum einen kenne ich viele, die sich schon jahrelang mit dem KC befassen und zum Kern des KC-Clubs zählen.

Dann gibt es auch Leute, die früher einmal mit dem KC gearbeitet/gespielt haben und diesen gerade wieder neu entdecken oder ihren Kindern bzw. Enkeln zeigen wollen, wie früher die Computer waren.

Es gibt aber auch Neueinsteiger. Dabei Menschen, die wesentlich jünger als so ein KC sind.

Grundsätzlich könnte man bei den alten Computern auch noch eine Unterteilung in zwei Gruppen vornehmen. Die einen möchten die Geräte möglichst unverändert erhalten und defekte Geräte wieder in Ordnung bringen. Die anderen erweitern ihre Geräte auch mit neuer Technik. Die „KC-Szene“ würde ich größtenteils in der zweiten Gruppe sehen.

Hast du eine Idee, woran das liegen könnte?

Vermutlich an der bereits vom Hersteller in Mühlhausen vorgesehenen Erweiterbarkeit des KC-Systems.

CAOS 4.8 enthält auch einen vernünftigen Texteditor, der auch 80 Zeichen pro Zeile unterstützt. Die 80-Zeichen-Routine wurde erstmals 1986 in WordPro von Klaus und Stefan Schlenzig vorgestellt; WordPro wurde nach der Wende von Mario Leubner bis Version 6 weiterentwickelt und in Kürze soll Version 7 erscheinen.

Verstehe – das heißt, die recht offene Konzeption des KC-Systems motiviert besonders zum Basteln. Das ist heute ja oft nicht mehr gegeben. Geschlossene Systeme wie Tablets und Smartphones, oder kommerzielle Betriebssysteme wie Windows 11 oder macOS verstecken technische Abläufe eher, als dass sie zur aktiven Auseinandersetzung einladen würden. Stattdessen nimmt man als Einstieg in die Technik dann eher kleine Rechner wie den Raspberry Pi oder auch Arduinos. Aber der Z80-Prozessor wird ja heute noch in modernisierter Form hergestellt, und das Modulsystem des KC hat ja schon zu sehr kreativen Arbeiten geführt. Wäre ein modernisierter KC85 nicht eigentlich heute auch ein super Lernsystem?

Auf jeden Fall. Der Z80 bzw. dessen DDR-Nachbau U880 eignet sich hervorragend zum Erlernen von Computertechnik. Es gibt zum U880/Z80 auch sehr viele gute Literatur. Und wie ich bereits erwähnt habe, kann man beim KC noch alle Hard- und Software-Details verstehen und damit eben auch erklären. Zudem ist der KC hauptsächlich mit Standard-TTL-Bausteinen aufgebaut und die meisten sind bis heute noch erhältlich.

Wäre es möglich, mit heute erhältlichen Teilen einen KC nachzubauen?

Das ist sogar schon gemacht worden, siehe hier diesen Bericht im Forum von robotrontechnik.de.

Ich danke dir für das Interview und wünsche dir ein frohes Jahr 2022 mit hoffentlich schönen KC-Erlebnissen 🙂


Wer den KC85 mal selbst ausprobieren will, kann das am besten in Jens Müllers Emulator JKCEMU tun. Damit läuft auch das CAOS 4.8 von Mario Leubner.

Im Emulator JKCEMU kann man so gut wie alle Neuheiten der letzten dreißig Jahre ausprobieren. Und wünscht sich, das hätte es alles schon damals gegeben …

Und zu dem im Interview erwähnten KC85-Neubau gibt es bei YouTube dieses Video: