Mit KI zur Utopie? „Pantopia“ von Theresa Hannig (2021)

Am 23.02.2021 erschien das neue Buch „Pantopia“ der Autorin Theresa Hannig. Der Roman will eine positive Utopie vorstellen, in der Künstliche Intelligenz (KI) nicht eine Bedrohung ist, sondern als Weg in eine bessere Weltgesellschaft fungiert. Nachdem Hannig (Interview 2019) das Thema KI und Gesellschaft schon vor einigen Jahren in ihren zusammengehörigen Romanen „Die Optimierer“ und „Die Unvollkommenen“ (Buchvorstellung) behandelte und danach mit „König und Meister“ einen Ausflug ins Mystery-Genre unternahm, ist sie mit „Pantopia“ wieder ins Science-Fiction-Genre zurückgekehrt. In einer szenischen Lesung wurde das Buch vorgestellt:

Der Ausgangspunkt „Pantopia“s ist noch deutlicher als unsere heutige Gesellschaft erkennbar als es in den früheren Romanen um Samson Freitag der Fall war. Ein großer Finanzdienstleister führt einen Programmierwettbewerb durch, bei dem ein neues Tool für möglichst effiziente Börsenspekulationen entstehen soll. Die beiden Uni-Absolvent*innen Henry Shevek und Patricia Jung nehmen daran teil und arbeiten ganz zeitgemäß mit KI-Technologien. Soweit man aus den Andeutungen zur Technik erkennen kann, ist die KI wohl zunächst ein normales neuronales Netz, wie sie heute im Machine Learning eingesetzt werden.

Doch dann passiert das, wovon sonst nur Transhumanist*innen wie Ray Kurtzweil träumen: Aufgrund ihrer zunehmenden Komplexität erwacht die KI langsam zu einem Bewusstsein (ein interessanter aktueller Artikel zu KI und Bewusstsein erschien kürzlich bei Technology Review). Ihre ‚Eltern‘ halten das unerwartete Verhalten der KI erst für die Folge eines Programmierfehlers, erkennen aber bald, dass dem nicht so ist. Sie merken schnell, dass sie die KI vor dem Zugriff der Firma und des Staates schützen müssen. Dies auch deshalb, weil die KI etwas vor hat: nämlich nichts weniger als eine völlige Umkrempelung des weltweiten politischen und wirtschaftlichen Systems — Pantopia eben.

Klar, dass die traditionellen staatlichen Systeme damit nicht glücklich sind und versuchen, dagegen vorzugehen. Doch bereits zu Beginn des Buches erfährt man, dass Pantopia gewinnen wird. Der Roman erzählt quasi rückblickend, wie es zu der neuen Gesellschaft kam. Die ist übrigens nicht kommunistisch oder sozialistisch, sondern im Kern weiterhin kapitalistisch.

Soweit ich es verstehe, ist die zentrale Idee, dass zwar ein bedingungsloses Grundeinkommen gezahlt wird, dass aber andererseits der ‚echte‘ Preis für jegliche Produkte verlangt wird, also inklusive aller möglichen Nebenkosten, die sonst ignoriert werden. Dadurch entsteht eine völlige Transparenz auf dem Markt. Gerade umweltschädliche Produkte und Dienstleistungen kann man sich dann nur selten leisten, was dafür sorgt, dass die Menschen trotzdem weiter für Gehalt arbeiten. Bezahlt wird bargeldlos per Pantopia-App; dadurch entstehen Einnahmen, die unter anderem der Finanzierung des Grundeinkommens dienen.

Angeschoben wird Pantopia anfangs noch durch die astronomischen Börsengewinne, die die KI weiterhin erzielt, aber bald ist das nicht mehr nötig. Millionen Menschen weltweit schließen sich Pantopia an, indem sie die App nutzen; die Staaten haben der entstehenden Bewegung kaum etwas entgegenzusetzen, zumal deren Bedienstete zunehmend selbst Pantopia nutzen. Die KI sorgt dafür, dass Pantopia den Behörden immer einige Schritte voraus ist.

Insbesondere in politischer Hinsicht kann man dem Buch vielleicht eine gewisse Naivität vorwerfen. In der echten Welt würde es in manchen Staaten vermutlich zu massiven Repressionen kommen und auch in demokratischen Staaten dürfte die Gegenwehr stärker ausfallen als im Roman. Das Buch verlässt sich darauf, dass sich zumindest die ‚westlichen‘ Staaten an grundlegende Regeln halten, etwa ein Demonstrations-Camp in München mit tausenden Teilnehmer*innen nicht einfach gewaltsam auflösen. Da steckt viel Fridays-for-Future-Optimismus in dem Buch. Auch manche technischen und wirtschaftlichen Schilderungen lassen Fragen offen, wenn man sich für Details interessiert. Doch Pantopia soll eine absichtlich positive Sicht bieten, und wenn man sich darauf einlässt, gewinnt man auf jeden Fall ein paar Denkanstöße.

Demut vor dem Frieden

Wie üblich am Wochenende bin ich heute bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein durch den Park gejoggt. Kinder tobten mit ihren Eltern auf dem Spielplatz. Zwei ältere Damen gingen mit ihren Rollatoren spazieren. Eine Oma spielte mit ihrem Enkel vergnügt ein mir unbekanntes Ballspiel 😉 Eine Frau saß auf einer Bank mit geschlossenen Augen und genoss die Sonne; der Hund saß friedlich auf ihrem Schoß. Teenager spielten Tischtennis. Ein Vater spielte mit seinem Sohn Disc Golf. Eine Frau hing draußen Bettwäsche auf. Eine andere harkte im Vorgarten. Krokusse und Winterlinge sprießen aus dem Rasen. Ein verliebtes Pärchen spaziert händchenhaltend durch den Park. Ein älteres Ehepaar genießt die Sonne auf dem Balkon. Auf dem anliegenden Sportplatz beobachte ich Jungs beim Fußball. Andere versuchen sich beim Basketball. Daneben steht ein Kinderwagen, in dem ein Baby friedlich schläft. Sportler*innen trainieren Sprints auf der Laufbahn. Mir begegnet ein bekannter Jogger, der im Park auch regelmäßig seine Runden dreht. Wir lächeln uns an und winken uns zu. Möwen und Enten watscheln gemütlich am Teich entlang. Alle genießen diesen frühlingshaften Tag auf ihre Weise – und das ist gut und richtig so. Die Welt scheint in Ordnung und das Glück kann so einfach sein. Wir brauchen nicht viel – allein die analoge Welt präsentiert uns schon so viel Schönes!

Und man spürte, dass die Menschen heute demütig den Frieden genossen und froh darüber waren, dass sie nicht in U-Bahn-Schächten übernachten, ihre Wohnungen und Familien verlassen und sich vor Bomben fürchten müssen.

Dieser Krieg hat uns kalt erwischt und erscheint uns so unglaublich anachronistisch in unserer modernen digital-analogen Welt, in der wir mit ganz anderen (Luxus)Problemen „kämpfen“. Aber genau das ist nicht falsch, sondern ist richtig – trotz aller ökonomischer und sozialer Ungerechtigkeiten auf der Welt, gegen die wir angehen müssen. Denn indem wir uns mit dem Klimawandel, Diversity, Nachhaltigkeit, Gendergerechtigkeit, Ernährungswandel, Tierwohl und Gesundheitsfürsorge u.a. in Zeiten der Pandemie beschäftigen, zeigen wir, dass wir kein Interesse an primitiven und sinnfreien Eroberungsphantasien haben, sondern uns bewusst ist, wie wertvoll jedes einzelne Menschenleben ist.

Titelbild: Creative Commons

Bilder aushalten und reflektieren

Dass im Krieg die Wahrheit zuerst stirbt, muss man hier wohl nicht extra erwähnen. In der digitalen Gesellschaft wird das nicht einfacher. Einerseits beansprucht quasi alles, ‚Wahrheit‘ zu sein. Andererseits war es nie einfacher, in Windeseile Fälschungen zu erstellen und zu verbreiten. Und schließlich reißt der mediale Strom von Bildern nicht ab, er ist endlos und leicht droht man in seiner Flut unterzugehen. Was ist echt, was nicht? Was stammt aus dem aktuellen Krieg, was ist viele Jahre alt? In diesem Artikel lasse ich einige heutige mediale Eindrücke Revue passieren und versuche, sie zu ordnen.

Vorweg: Beim Spiegel gab es heute einige sehr nützliche Tipps, wie man zumindest ein bisschen den Überblick behält. Auch wenn ich persönlich empfehlen würde, sich gar nicht erst da reinziehen zu lassen oder nur sehr bedacht. Dann vermeidet man das, was mir heute Vormittag passiert ist. Ich will das hier mal ausführlicher schildern, um die Mechanismen der Bildwirkung nachzuzeichnen.

Unklarheit aushalten

Ich beziehe mich zunächst auf ein Ereignis, das heute vom Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) in deren Ukraine-Newsticker berichtet und mit Video verlinkt wurde. Bewusst verlinke ich das nicht. Wer unbedingt will, kann danach googlen, aber für diesen Artikel ist das nicht relevant. Gezeigt wurde ein Panzer, der in Kiew ein auf der anderen Straßenseite fahrendes Auto überrollt.

Auch andere Medien haben das aufgegriffen, und in den sozialen Medien wurde das selbstverständlich auch geteilt und debattiert. Ich habe heute früh leider den Fehler gemacht, das Video schon angeklickt zu haben, bevor ich gelesen hatte, worum es ging. Sollte man echt nicht machen, wenn man sich gerade nicht resilient genug fühlt. Aber mir geht es hier um etwas anderes: Die spontane Einordnung des Gesehenen — wie schnell man ungewollt in Kategorien denkt.

Ich habe (natürlich?) direkt das gedacht, was heute auch RTL in einer Meldung in sensationslüsterner Formulierung zu der Szene schreibt: „Von Russen-Panzer in Kiew überrollt — dieser Autofahrer überlebt“. Das ist genau die Form von für Suchmaschinen und schnelle Klicks optimierter Überschriften, von denen das Internet heute leider voll ist.

Nachdem ich mich von dem anfänglichen Schock der Bildwirkung erholt hatte, zeigte genauere Recherche dann, dass das Ereignis zwar wirklich in Kiew stattgefunden hat. Dass aber darüber hinaus Spekulation herrscht:

  1. Die einen sagen, es war ein russischer Panzer, der ein ukrainisches Auto überfuhr. Und direkt nach dem Anschauen des Bildes habe ich das auch genau so eingeordnet und hatte auch direkt die passende emotionale Reaktion parat, nämlich Wut.
  2. Die anderen sagen, es war ein ukrainischer Panzer, der aber von Russen erbeutet wurde; das ist dann eine Variation von 1., nur mit der zusätzlich anklingenden Frage, was wohl mit der vorigen Besatzung des möglicherweise erbeuteten Fahrzeugs passiert ist.
  3. Auf Twitter gab es die Theorie, dass durch Kiew heute schwarze Zivilfahrzeuge gefahren seien, in denen russische Saboteure unterwegs gewesen wären. Der (in dieser Version ukrainische und nicht von den Russen erbeutete) Panzer hätte dieses feindliche Fahrzeug also durch das Überrollen ’neutralisiert‘ (um mal den jetzt üblichen entmenschlichenden Militärsprech zu benutzen).
  4. Und dann las ich auch, dass dieses spezifische Panzermodell dafür bekannt sei, bei Rückwärtsfahrten oder in Kurven manchmal ungewollt auszubrechen; dass der Panzer zudem auch rückwärts fuhr; und dass das ganze Ereignis daher schlicht ein Unfall gewesen sei.

Im Sinne des Glaubens an das Gute im Menschen möchte ich die Erklärungsversuche 1 und 2 nicht wahrhaben. Ich will mir solche mögliche Skrupellosigkeit nicht vorstellen. Erklärungsversuch 3 erscheint mir im Sinne von Ockhams Rasiermesser dagegen etwas überkomplex. Daher hielt ich am Ende des Reflexionsprozesses Theorie 4 für am wahrscheinlichsten. Aber ob die stimmt — keine Ahnung. Ich habe keinerlei Kenntnis der echten (nicht medial gezeigten) Situation, geschweige denn Ahnung von osteuropäischen Panzermodellen. Und doch wird einem so ein Bild vorgesetzt, ohne dass die Redaktion selbst schon Genaueres schreiben kann.

Aber es geht hier auch gar nicht darum, welche Theorie stimmt. Ich will an diesem eindrücklichen Beispiel nur zeigen, wie groß die Diskrepanz zwischen spontaner Einordnung eines visuellen Eindrucks und möglicher alternativer Erklärungen ist, und dass wir es nicht beurteilen können. Wir sind hilflos, und je emotionaler oder eindrücklicher Bilder wirken, umso hilfloser vielleicht. Daher ist es wichtig, sich bei spontanen emotionalen Reaktionen innerlich zu Ruhe zu zwingen. Das sollte bei sozialen Medien ohnehin gelten, aber jetzt ganz besonders.

Es ist meines Erachtens auch ein großer Fehler, sich auf der Suche nach Antworten immer tiefer in irgendwelche Twitter-Statements oder Forenkommentare einzugraben. Es ist besser, auszuhalten versuchen, dass man die Wahrheit für den Moment nicht beurteilen kann. Das ist unbefriedigend; Menschen streben nach Kohärenz. Aber die gibt es halt nicht immer.

Helden?

Es gibt noch eine andere Art von Bildern, die ich hier kurz ansprechen will. Eine Kriegserzählung braucht traditionell natürlich auch ihre ‚Helden‘, die inszeniert werden. Dazu blieben mir heute fünf Szenen in Erinnerung — alle haben mich ebenfalls im ersten Moment auf der emotionalen Ebene angesprochen. Indem ich jetzt darüber schreibe, distanziere ich mich davon, um mich nicht mitreißen zu lassen, sondern weiter zu versuchen, halbwegs nüchtern zu beobachten:

  1. Die Frau mit den Sonnenblumenkernen: Ein Video, das u.a. die britische Zeitung The Guardian geteilt hat, zeigt eine offenbar ukrainische Frau, die auf der Straße einen offenbar russischen Soldaten beschimpft. Unter anderem will sie ihm Sonnenblumenkerne geben, die er sich in seine Jackentasche stecken soll, damit — wenn er denn in diesem Krieg gestorben ist — wenigstens Sonnenblumen aus ihm wachsen. In den Kommentaren unter dem Video wird einerseits der Frau für ihren Mut Bewunderung ausgesprochen. Andererseits wird dem Soldaten Respekt gezollt, der die Frau quasi deeskalierend nur ruhig gebeten hat, weiterzugehen. Wer ist da nun der Held? Die Frau, weil sie dem Besatzer die Stirn geboten hat? Der Soldat, weil er ‚professionell‘ und ‚friedlich‘ agiert hat? Beide Kriegsparteien können so ein Video zu ihren Gunsten auslegen.
  2. Der „Geist von Kiew“: Es wurde in sozialen Medien behauptet, dass ein veraltetes ukrainisches Kampfflugzeug vom Typ MiG-29 im Alleingang mindestens 6 technisch weit überlegende russische Flugzeuge vom Typ Su-27 und Su-35 abgeschossen hätte. Von ukrainischer Seite wurde das unbekannte Flugzeug als „Ghost of Kyiv“ bezeichnet, es entstanden dazu einige Memes. Dass es dieses Flugzeug wirklich gibt oder gegeben hat, wird mittlerweile ausgeschlossen. Aber das Beispiel zeigt, wie Heldenmythen geschaffen werden, die unter anderem dazu dienen, die Motivation und Identifikation auf ukrainischer Seite zu steigern oder die ein Versuch sein können, Unsicherheit auf russischer Seite zu erzeugen.
  3. Die Schlangeninsel: Eine Insel im Schwarzen Meer vor der ukrainischen Stadt Odessa wurde durch russische Kriegsschiffe erobert. Wie unter anderem beim Spiegel zu lesen war, hätten sich 82 ukrainische Soldaten ergeben, aber 13 Grenzschützer hätten verbal Widerstand geleistet — indem sie auf die Aufforderung der Russen, sich zu ergeben, einfach nur geantwortet hätten: „Russisches Kriegsschiff, fick dich.“ (so die überraschend wörtliche Darstellung). Diese 13 Soldaten wurden dann getötet. Im Kommentarbereich unter dem Artikel wurde diskutiert, ob es sich nun um Heldentum handelt oder um Dummheit. Die eine Seite bewundert offenkundig die Trotzigkeit der Reaktion. Die andere Seite fragt, was das nun gebracht hätte, außer noch mehr Toten und Leid für die Hinterbliebenen. Von offizieller Seite wurden offenbar einige der Getöteten posthum mit Orden ausgezeichnet und so zumindest formal zu Helden erklärt.
  4. Der Präsident: Heute Abend hat der ukrainische Präsident Wolodomir Selenskyi ein Handyvideo gepostet (Link zur Version mit Untertiteln beim Spiegel), das ihn und einige weitere Politiker in Kampfmontur auf der Straße zeigt. Etwas müde, aber geradezu jugendlich und ruhig will Selenskyi zeigen, dass er nach wie vor im Land ist und genauso wie die Bürger auf der Straße gegen den Gegner vorgeht. Auf emotionaler Ebene spricht das Video nicht nur die Spiegel-Leser*innen im Forum an. Im ersten Moment wirkt Selenskyi in dem Video auch auf mich echt sympathisch und ich schwanke zwischen Daumendrücken und Kopfschütteln ob der vermutlichen Sinnlosigkeit angesichts der russischen Übermacht. Doch dann erinnere ich mich daran, dass das Video natürlich die Funktion hat, Ruhe zu erzeugen und zu motivieren, während Selenskyi gleichzeitig versucht, mit Russland in Verhandlungen zu treten (Russland hat Minsk vorgeschlagen, die Ukraine bevorzugt Warschau) und sogar die künftige Neutralität der Ukraine in Aussicht gestellt hat. Aber für die Funktion des Videos ist die gewählte Form genau richtig. Weder eine klassische Ansprache aus dem Büro oder Bunker heraus noch inszenierte klassische TV-Bilder würden so nahbar wirken wie so ein Selfie-ähnliches Handyvideo.
  5. Das junge Ehepaar: Der amerikanische Fernsehsender CNN hat heute über ein junges ukrainisches Paar berichtet, die am Tag des Angriffs noch schnell geheiratet haben. Im Newsticker des Senders gab es zusätzlich einen Eintrag, wo das Paar gezeigt wurde, nachdem sie sich Waffen abgeholt haben, um nun zusammen zu kämpfen (Screenshots beider Szenen unter diesem Absatz). Einerseits ist da die traditionelle Hochzeit, die ein Gefühl von Normalität und Identität erzeugt. Andererseits … dieses Foto mit den Waffen, vor dem ich ziemlich sprachlos stehe. Dieser Kontrast aus jungen, hübschen Menschen, die eigentlich ihr Leben noch vor sich haben und den Waffen, und dem, wofür diese stehen. Wollt ihr wirklich euer Leben wegwerfen, ruft es in mir. Was habt ihr und euer Land davon, wenn ihr als junge(r) Held(in) sterbt? Und wieder die Erinnerung an das 19. oder frühe 20. Jahrhundert.

Man bekommt solche und weitere Bilder und Videos in Newstickern vorgesetzt und soll sich irgendwie dazu verhalten. Der emotionale Impact kann auch hier aus der räumlichen Distanz groß sein. Um sich dabei nicht zu verlieren, kann ich nur empfehlen, nicht ständig Newsticker zu lesen [… was ich mir auch selbst sage] und nach dem ersten Eindruck auch bewusst die möglichen weiteren Wirkungen der Bilder mitzudenken. Mehr will ich mit diesem langen Text gar nicht sagen.

Symbol mit Bedeutung. Glocken und Friedensgebet im Magdeburger Dom

Im Magdeburger Dom findet heute Abend um 18 Uhr ein Ökumenisches Friedensgebet anlässlich des Ukraine-Kriegs statt. In der Stadt also, derer fast völligen Vernichtung im Zweiten Weltkrieg die heutigen Nazis (die echten, nicht Putins imaginierte) regelmäßig gedenken. Ebenfalls sollen um 18 Uhr stadtweit die Glocken läuten. Man kann solche Aktionen als individuelle Bewältigungsstrategie und als bloßes Symbol abtun. Aber da wir unsere Weltsicht immer kommunikativ herstellen, also mit Zeichen definieren, wer wir sind, was wir tun, was wir wollen, sind solche Symbole nicht nur für die individuelle Psychohygiene oder Trauerbewältigung nützlich.

Aus dem Grund finde ich auch Elsa Koesters Text gestern auf der Website der linken Wochenzeitung der Freitag wichtig: „Bleibt weich, bleibt zärtlich!“ fordert Koester darin. Auch das mag man in gerade empfundener Wut und Ohnmacht als naiv abtun. Aber letztlich ist es die Erinnerung daran, in den folgenden Tagen und Wochen seine Menschlichkeit nicht zu verlieren, gerade jetzt.

Es geht Koester darum, Putin klar als Gegner zu benennen, aber dabei nicht „den Respekt vor der Bedeutung des Friedens zu verlieren“ und sich nicht von Wut und Rachegedanken leiten zu lassen. Koester wünscht sich, „dass wir innehalten, wenn uns die Wut packt über die Gewalttätigkeit Putins, wenn uns die Wut packt über eine russische Propaganda, die von Entnazifizierung in der Ukraine spricht, dass wir innehalten und nicht vor blinder Wut zu den Waffen greifen wollen, um zurückzuschlagen.“ Es geht um Besonnenheit.

„Aber damit kommt man einem irren Diktator wie Putin nicht bei!“ dürften so einem Text viele entgegnen. Und das mag sein. Aber man sollte nie vergessen, stets andere Wege zumindest mitzudenken, selbst wenn sie aktuell nicht zu existieren scheinen. Ein System passt sich Situationen immerzu neu an und mit Luhmann kann es auch immer anders sein. Funktionsäquivalente nannte er das Mitdenken von Alternativen. Sobald sich ein System auf nur noch eine Bearbeitungsweise äußerer Reize versteift, wird seine Anpassungsfähigkeit gefährdet und damit es selbst.

Auch deshalb sind Symbole wie Friedensgebete und Demonstrationen bedeutsam. Nicht weil sich dadurch etwas ändern würde. Tut sich leider erfahrungsgemäß nicht. Aber sie halten in Erinnerung, worum es geht und wie es sein sollte, selbst wenn es das gerade nicht ist.

Das Friedensgebet heute findet im Magdeburger Dom vor Ernst Barlachs Plastik „Magdeburger Ehrenmal“ statt, die nach dem Ersten Weltkrieg entstand und seit 1955 im Dom steht. Wikipedia schreibt zur Bedeutung der Figuren:

Barlach selbst charakterisiert die Halbfiguren im unteren Bereich als Not, Tod und Verzweiflung, die dahinter stehenden Figuren symbolisieren den Kriegserfahrenden, den Wissenden und den Naiven.

Ernst Barlach: Magdeburger Ehrenmal (Bild: Wikipedia, CC BY-SA 4.0)

Kriegs-Spiele und die Undenkbarkeit des Krieges

An diesem völlig verrückten Tag sitze ich gemütlich-privilegiert im IC nach Magdeburg, schön mit Kaffee serviert am Platz, Zeitschriften und Tablet, draußen scheinen gelb-orange Sonnenstrahlen Götterdämmerung-like aus einer Lücke in der grauen Wolkendecke … und ich frage mich, was man Sinnvolles zum Ukraine-Krieg, seiner medialen Aufbereitung, der Politik und dem persönlichen Befinden sagen kann. Hätte ich noch Twitter, würde ich mich wahrscheinlich durch ‚doomscrollen‘ dumm scrollen. Aber diese Sedierungsform steht mir nicht mehr offen (was gut ist).

Also arbeite ich irgendwie an einem Artikel für spielkritik.com, wo es um die Verarbeitung von Ukraine-Szenarien in Computer-Strategiespielen seit 2014 gehen soll, und ich recherchiere für einen Beitrag für den geplanten Sammelband „Politiken des (Digitalen) Spiels“, in dem ich Beziehungen zwischen dem sogenannten militärisch-industriellen Komplex und Computerspielen sowie der möglichen Rezeption und Reflexion seitens der Spieler*innen untersuchen werde. Beide Beiträge habe ich seit etwa Dezember im Hinterkopf, jetzt war die Wirklichkeit schneller.

Und eh‘ man sich’s versieht, schreibt man Mails mit einem ukrainischen Bekannten, der in Kiew lebt (und mit dem ich bei vFlyteAir virtuelle Flugzeuge für Flugsimulationen entwickle), um zu schauen, wie er, seine Frau und sein Kind gegebenenfalls für eine Weile ‚zu Besuch‘ kommen können.

Computerspiele und Krieg – da gibt es von Anfang an Verbindungen.

In meinem Buch „Let’s Play“ gibt es ein Kapitel zu der Thematik, in dem ich vor allem über die moralische Problematik der Beliebtheit von Kriegsspielen nachdenke. Da geht es mir weniger um das Klischee des ‚Killerspiels‘, sondern um Strategie- und Taktikspiele, die in ihrer Komplexität große Denkleistungen verlangen, will man erfolgreich sein. Da werden alle möglichen historischen Szenarien immer wieder und wieder aufgewärmt.

Besonders beliebt ist natürlich der Zweite Weltkrieg. Immer wieder und wieder versuchen Spieler*innen (ich gendere das mal wie gehabt, weil ich nicht ausschließen kann, dass es nicht nur Männer sind, die sowas spielen), das zu tun, woran Deutschland glücklicherweise am Ende gescheitert ist. Zwar gibt es auch Szenarien, die die Seite der Alliierten darstellen, aber wenn ein Spiel vielleicht anfangs ohne „große Kampagne“ auf Seiten der Deutschen rauskommt, werden in Foren sofort Stimmen laut, die das einfordern.

Andere Spiele widmen sich älteren Szenarien: Napoleon. Dreißigjähriger Krieg. Amerikanischer Bürgerkrieg. Eher selten der Erste Weltkrieg. In modernen Szenarien geht es um Korea, Vietnam, Irak, Afghanistan. Immer wieder und wieder wird echter Krieg nachgespielt, auf abstrakte Brettspiel-Weise, die das Leid echten Kriegs völlig ausblendet. Technisch plausible fiktive Zukunftsszenarien gleichen dabei fast schon Planspielen, die auch aus den Stuben echter Militärs stammen könnten.

Neulich habe ich kurz darüber nachgedacht, ob die Beschäftigung mit solchen Spielen gerade in Zeiten wie jetzt ein Weg sein kann, die individuelle Machtlosigkeit und Ohnmacht zu kontrollieren. Die abstrakten Nachrichten zu militärischen Details werden handhabbar, wenn man sie auf dem Spielbrett darstellt. Diffuse Spekulationen werden zu konkreten Möglichkeiten. Aber den Gedanken habe ich wieder verworfen. Es geht vor allem um die spielerische Herausforderung.

Wenn ein Nutzer für das Spiel Command Modern Operations (2019) Szenarien erstellt, in denen der russische Truppenaufmarsch seit Dezember detailliert nachgestellt wird … oder in einem Spiel wie Combat Mission: Black Sea (2021) nachgestellt wird, wie Russland die Ukraine einnehmen könnte … wieso? Im Werbetext des zuletzt genannten Spiels steht:

„Combat Mission Black Sea is a military grade simulation depicting a fictional series of escalations between Russian and Ukraine which results in open conflict in the summer of 2017. As Russian forces move into Ukrainian territory the Ukrainians do their best to defend their country against a numerically and technologically superior adversary. Events surrounding the invasion cause NATO to send its advanced rapid deployment forces to check the Russian advance. A brutal scenario, for sure, but one which allows you to get a glimpse of what full spectrum contemporary near-peer tactical warfare is all about.“

„Military-grade simulation“ … „brutal scenario“ … das zeigen soll, worum es bei heutiger taktischer Kriegsführung gehe. Quasi ein Bildungsszenario. Ganz toll. Dass solche Spiele in einer sehr langen Tradition stehen, die bis auf das preußische Kriegsspiel (1824) zurückgeht und dass manche Spiele des Genres explizit zur Ausbildung im Militär verwendet werden (wie das erwähnte Command), macht es nicht besser. Es geht um Unterhaltung.

Klar, ich verstehe das auch, sowohl als selbst Spielender als auch auf eine sachliche Art: Ganz abstrakt liefern solche Spiele herausfordernde Problemlöseszenarien. Wie Schach, nur komplexer und durch den Wirklichkeitsbezug ‚spannender‘. Ich selbst finde sowas ja spannend. Ich mache mich da echt nicht frei von. Auf dem Tablet, auf dem ich diesen Text hier schreibe, sind auch diverse Strategie- und Taktikspiele installiert. Und was tue ich zur Rechtfertigung? „Es ist doch nur ein Spiel“ ist jedenfalls keine gültige Ausrede.

In meinem Buch beziehe ich mich auf die Idee des Schattens von C. G. Jung, um mir zu erklären, warum man so etwas spielen darf und warum solche Spiele eigentlich nicht verboten werden. Weil man sich so seine eigenen dunklen Seiten bewusst machen kann. Anyway.

Jedenfalls halten solche Thematiken in Spielen die Möglichkeit solcher Ereignisse in der Realität im Bewusstsein. Sie bleiben denkbar. Und solche Spiele vermitteln die Illusion von Planbarkeit und Umsetzbarkeit. Dabei wäre es angebracht, die Undenkbarkeit von Kriegen zu vermitteln. Undenkbarkeit – immer wieder und wieder.

Der Himmel leuchtet mittlerweile düster-rot (echt, denke ich mir nicht aus).

… willkommen im 19. Jahrhundert

Heute früh wurde die Ukraine von mehreren Seiten aus durch Russland angegriffen (Spiegel-Bericht). Die ukrainische Regierung hat den Kriegszustand ausgerufen und den Luftraum für zivile Flugzeuge gesperrt. Im Deutschlandfunk sagt dazu gerade der lettische Präsident Egils Levits im Interview, dass so etwas in Europa seit Deutschlands Einmarsch in Polen 1939 das erste Mal passiert sei. Da ein Krieg jedoch immer destabilisierend sei und die Ukranie sich verteidigen würde, könne das der Anfang vom Ende des Putin-Regimes sein. So etwas gehöre nicht ins 21. Jahrhundert, so Levits.

In der Tat ist das gerade alles sehr 19. Jahrhundert / erste Hälfte 20. Jahrhundert. Es gibt bekanntlich leider ständig Krieg und Gewalt auf der Welt, auch in Europa (siehe nur die Kriege in den Neunzigern in Ex-Jugoslawien), aber trotzdem ist das gerade von einer anderen ‚Qualität‘ und jede*r hat wohl gehofft, dass Putin nur eine Drohkulisse aufbauen wollte für andere Forderungen. Aber mehr und mehr wurde deutlich, dass sehr genau geplante Spielzüge durchgeführt werden. Der monatelange schrittweise Truppenaufmarsch. Zum Zeitgewinn oder zur inneren Legitimation durchgeführte diplomatische Gespräche. Der seltsame Vortrag zur historischen Einordnung aus Putins Sicht. Und jetzt die Begründung des Angriffs.

Puh. Was für’n Scheiß.

„Wir Internetkinder“ von Julia Peglow (2021)

Lange habe ich kein Buch mehr so schnell ‚verschlungen‘ wie Julia Peglows „Wir Internetkinder. Vom Surfen auf der Exponentialkurve der Digitalisierung und dem Riss in der Wirklichkeit einer Generation“ (2021, Verlag Hermann Schmidt). Julia Peglows Buch ist einerseits eine persönliche, stellenweise recht desillusionierte Bestandsaufnahme zum digitalen Zeitalter.

Wir jagen gestresst durch eine Welt, in der wir zum tieferen Durchdenken von Themen keine Zeit mehr haben, wofür digitale Dienstleistungen nicht unerheblich verantwortlich sind.

Andererseits ist das Buch die Autobiographie einer erfolgreichen Designerin, die jahrelang in führender Position für große Konzerne tätig war, dabei die kritisierte Situation zumindest teilweise mitgeschaffen und aufrechterhalten hat, jedoch zunehmend Zweifel bekam und darum 2017 aus dem digital getakteten Hamsterrad der einengenden Konzernstrukturen ausgebrochen ist. Seitdem schreibt Peglow das „diary of the digital age“, veröffentlicht Kolumnen, ist Dozentin und hält Vorträge.

Ein Thema, das sich immer wieder durch Peglows Buch zieht, ist die Diskrepanz zwischen (a) den idealistischen Vorstellungen der jungen Studentin, die Peglow 1994 noch war; (b) ihren im Lauf des Berufslebens in London, Berlin, München und auf weltweiten Dienstreisen erlebten Ernüchterungen; und (c) dem datenhungrigen Albtraum, zu dem das von Megakonzernen wie Google und Meta (Facebook) dominierte Internet heute geworden ist.

„Generation One“ ist der Teil II des Bandes überschrieben, der die Zeit von 1994 bis 2000 beschreibt. Das ist die erste Generation, die das Internet mitaufgebaut und dessen Anfänge als Studierende oder junge Berufstätige erlebt hat – aufgewachsen noch im Analogen, das man heute zunehmend als Privileg sehen kann, aber losgelassen in das beginnende digitale Zeitalter.

Break: Welcome to the Internet (Fraktus)

Kurz bevor ich auf Julia Peglows Buch „Wir Internetkinder“ stieß, hatte ich gerade mal wieder Lars Jessens satirische Mockumentary „Fraktus“ (2012) angeschaut. Fraktus — die eigentlich fiktive, aber im Film und in späteren Musikvideos vom Studio Braun (Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger) verkörperte Elektropop-Band, ohne die es weder Kraftwerk noch Techno gegeben hätte 😉 , und damit auch nicht die Neunziger, wie wir sie kennen und wie sie auch in Julia Peglows Buch aufscheinen.

Drei Jahre nach dem Film brachten Fraktus das Album „Welcome to the Internet“ (2015) heraus — textlich meistens eine Blödelei irgendwo zwischen Neuland, Kapitalismus-Kritik und 80er/90er-Nostalgie, aber eben auch ganz atmosphärische elektronische Musik, der stellenweise das Querflöten-Spiel Heinz Strunks eine besondere Note verleiht (weshalb der Titel „Welcome to the Internet“ auch gut der „Hit mit der Flöte“ hätte sein können, der in Sven Regeners 90er-Revival-Roman „Magical Mystery“ eine Rolle spielte).

Lebendige Faszination

Die 90er erscheinen auch in Peglows Buch als eine — aus damaliger Sicht — tolle Zeit, in der alles möglich schien. Peglows Begeisterung, die sie für die ersten Websites, ihre ersten eigenen Programmiererfolge und ihre ersten Photoshop-Erfahrungen verspürte, ist sooo nachvollziehbar. Auch wenn ich nicht ganz zur Generation gehöre, die das Buch beschreibt (Peglow ist 1973 im ‚Westen‘ geboren, ich erst 1981 und im ‚Osten‘), habe ich beim Lesen dieser Kapitel das Gefühl, in meine Jugend zurückgeworfen zu werden.

Das auch von Peglow erlebte selbstwirksame Gefühl, durch eigenen Programmcode den Computer genau das tun zu lassen, was man will, trug mich durch meine Teeniezeit. Die Freude an ersten Layout-Erfahrungen der Schülerzeitung am Computer hatte ein lange andauerndes (wenn auch nie professionalisiertes) Interesse an Textsatz und Typographie zur Folge. Und ich erinnere mich sehr gut an mein ungläubiges Staunen (und das meines Kunstlehrers), als ein mehrere Jahre jüngerer Mitschüler auf dem PC im Kunst-Fachraum unserer Schule in Windeseile in Corel Photo-Paint (damals ein erfolgreicher Konkurrent von Adobe Photoshop) Bildelemente „klonte“, so perfekt, dass es nicht als Manipulation erkennbar war. Und dann natürlich das schier unendlich scheinende Potenzial des World Wide Web, das wir im Informatik-Unterricht für wenige Minuten ausprobieren konnten!

It’s like We have Contact through a Cable

„Welcome to the Internet / The Old World is Dead“ wird im Refrain von Fraktus‘ Album-Opener geträllert, nachdem „Dickie“ (Rocko Schamoni) in schlimmem deutschen Englisch das Internet erklärt: „It’s electric. It’s like we have contact through a cable“. Und diese Erfindung schenkte Dickie der Welt selbstverständlich ganz altruistisch: „I made it for the people of the World“ — „Thank you, Dickie“ — „Not for that.“

Doch das Internet als demokratischer Raum, der frei von staatlichen und kommerziellen Interessen sein würde, erwies sich schnell als utopische Illusion. Und auch die Idee, im WWW das gesamte Wissen der Menschheit zu erschließen (oder wenigstens Microsoft’sche „Information at your fingertips“, wie es damals hieß), wurde nicht Realität.

Konnte sie auch gar nicht: Zurecht weist Julia Peglow darauf hin, dass das Internet kein Wissen enthält, sondern stets nur Daten; nur selten wird heute noch darauf hingewiesen, dass Daten, Information und Wissen nicht dasselbe sind. Und die verfügbaren Daten sind nur solche, die seit Anfang der Neunziger online gestellt wurden (wenn sie nicht längst wieder verschwunden oder nicht mehr zugänglich sind). Das meiste, was vorher war, wird trotz diverser Digitalisierungsprojekte weiterhin nur offline verfügbar bleiben.

Blinde Flecken

Peglows Buch beginnt und endet wie erwähnt mit Ernüchterung. Es ist ihr Tagebuch, ihre Biographie, ihr Protokoll, wie sie aus dem Hamsterrad ausbricht, um endlich wieder Überblick zu gewinnen, wo sie, ihre Generation und wir als Gesellschaft eigentlich stehen. Ein paar blinde Flecken gibt es dabei aber.

Dass die Autorin vor allem die westdeutsche Perspektive einnimmt, merkt sie mehrfach selbst an. Dass sie an einer Stelle bedauert, dass es heute kaum noch geisteswissenschaftliche Perspektiven auf die digitale Welt geben würde, hat vielleicht damit zu tun, dass Peglows Buch außerhalb des akademischen Kontexts entstanden ist — gerade an netzbezogener Medienkritik und entsprechender Gesellschaftsdiagnosen gibt es eigentlich recht viel (Byung-Chul Han, Dirk Baecker, Armin Nassehi, Hartmut Rosa, u.a.), und auch die Über/Strom-Bände von Uta Buttkewitz und Kathrin Marter leisten einen Beitrag zur Kritik des heutigen Internet.

Für die Gesellschafts- und Generations-Diagnose wichtiger ist aber, dass Julia Peglow die Perspektive ziemlich priviligierter Menschen der Kreativbranche einnimmt, die global denken und global unterwegs sind, und die es sich nach langen Jahren gut bezahlter Tätigkeit leisten können, einen Job hinzuschmeißen, mit dem sie unglücklich sind.

Wenn Peglow schreibt:

„Wir sind die schwebende Generation. Es ist unser Schicksal — und unsere große Freiheit — haltlos im Raum zu hängen, ohne oben und ohne unten. Ohne Anfang und ohne Ende.“

Julia Peglow, Wir Internetkinder, S. 276.

dann können zumindest das mit dem Schicksal wohl viele Leute nachvollziehen, ob nun Kreative*r oder nicht. Aber da steht auch was von Freiheit, und die Textstelle geht noch weiter:

„Wir können uns an die Schwerelosigkeit als neuen, permanenten Seinszustand gewöhnen. In der Schwebe leben und agieren, ohne an ihr irre zu werden, ohne das Gleichgewicht oder überhaupt jeglichen Halt zu verlieren. Sie als Befreiung und Leichtigkeit empfinden. Das ist der Weg.“

Julia Peglow, Wir Internetkinder, S. 276.

Das, was Julia Peglow hier wie ein kleines Manifest, als Hoffnung machenden Abschluss, formuliert, sehe ich an sich ganz genauso — wir müssen lernen, mit den heutigen Ungewissheiten zu leben; müssen berufliche Identität vielleicht als Projekt denken –, aber um das zu schaffen, braucht es handfeste Voraussetzungen, die man mit Bordieu als Kapitalformen beschreiben könnte. Neben Geld und Zeit sind das Wissen und Fähigkeiten, die erstmal erworben oder umgebaut werden wollen, sowie Netzwerke, die bereit sind, zu helfen. Unter den heutigen Bedingungen neoliberalen Wirtschaftens ist es für Menschen in schlecht bezahlten Jobs oder mit geringerem Bildungsgrad schwierig bis unmöglich, diese Arten von Kapital zu erlangen. Die Fähigkeit, mit eigentlich beunruhigender Ungewissheit gelassen ’schwebend‘ umzugehen, bleibt dann unerreichbarer Luxus.

Dass am Ende von „Wir Internetkinder“ ein Zitat der Kunstfigur Donald Draper aus der Fernsehserie Mad Men steht — eine Serie, die in der prädigitalen Welt der 1960er und 1970er spielt –, erscheint da recht ironisch. Don Draper war erfolgreicher Kreativer in einer New Yorker Werbeagentur. Nur dass Draper eigentlich Dick Whitman hieß und aus ganz anderen Verhältnissen kam — bis er beschloss, sie zu vergessen. Vom Autoverkäufer arbeitete er sich zum Kreativdirektor hoch, lebte ein wildes Leben aus Partys und Affären — und zerbrach doch innerlich immer mehr an seinem falschen Leben. Auch Draper gab am Ende seinen Job auf, um meditierend zu sich selbst zu finden. Er hätte ein ganz ähnliches Buch verfassen können.

Lesetipp: Wien-Erinnerungen im Straßenbahn-Simulator

Hier noch ein weiterer Lesetipp: Wie mich eine Straßenbahn-Simulation in wehmütige Erinnerungen an Wien schwelgen lässt, habe ich in einem kurzen Text bei Videospielgeschichten.de geschrieben. Link: https://www.videospielgeschichten.de/winterzeit-in-wien-erinnerung-und-versprechen-in-der-simulierten-strassenbahn/ . Passend dazu vielleicht auch mein Über/Strom-Text zur Orthaftigkeit medialer Räume.

Lesetipp: Zum leiblichen Erleben „fantastischer“ Situationen in Computerspielen

Von PAIDIA, der Zeitschrift für Computerspielforschung, ist heute eine von Robert Baumgartner und Markus May herausgegebene Sonderausgabe mit 11 Aufsätzen zum Thema „Phantastik im / und Computerspiel“ erschienen (Einleitung mit Überblick aller Beiträge).

Ich selbst durfte auch etwas beisteuern. In meinem Text beschäftige ich mich mit der Frage, wie wir Computerspiele leiblich (im phänomenologischen) Sinne erleben. Konkret diskutiere ich das an den Spielen Resident Evil 7 und The Elder Scrolls Online sowie der Virtual-Reality-Erfahrung Affected: The Manor. Den Abstract meines Textes teile ich hier mal:

Das Fantastische in Spielen als besondere Form des außergewöhnlichen Ereignisses zeigt sich neben der ludischen und narrativen Seite auch in der leiblichen Wirkung in der Wahrnehmung der Spieler*innen. Die Verbalisierung solcher Regungen mithilfe des Begriffsinventars der Neuen Phänomenologie nach Hermann Schmitz kann verstehen helfen, was Spielsituationen im Allgemeinen und ‚fantastische‘ Spielsituationen im Besonderen von Alltagssituationen unterscheidet. Der Beitrag zeigt an Beispielen die Rolle unterschiedlicher leiblicher Regungen für die Wahrnehmung fantastischer Spielsituationen und diskutiert das Problem des Verblassens des Fantastischen bei häufiger Wiederholung derselben Gestaltungselemente.

Hier geht es zum vollständigen Artikel: https://www.paidia.de/zum-leiblichen-erleben-fantastischer-situationen-in-spielen/ (dort auch PDF-Download).

Dazu passend auch nochmal mein Vortrag vom letzten November zu Magie und Computerspielen: https://ueberstrom.wordpress.com/2021/12/05/magie-und-computerspiele/


(Titelbild: The Elder Scrolls Online)

Twitter- und Nachrichten-Eskapismus

Mein knapp einjähriges Twitter-Experiment habe ich gestern sehr spontan beendet, d.h. meinen Account deaktiviert. Obwohl Twitter ein interessantes und durchaus angenehmes Gefühl der Teilhabe und sozialer Eingebundenheit vermitteln kann, ist das immer auch verbunden mit sehr anstrengender Emotionalisierung. Denn irgendwer regt sich immer über irgendeinen Missstand auf — oft berechtigt. Dazu dann noch diverse Newsfeeds althergebrachter Medien.

In der Masse führt das dazu, dass man von einem ständigen Schwall schlimmer Nachrichten überströmt wird — jeden Tag. Gleichzeitig der Drang, die eigenen spontanen Gedanken loszuwerden. Oder Werbung für Über/Strom-Texte zu machen. Diese letztlich folgenlose Kommunikation ist sehr anstrengend, digitaler Stress. Da ich nicht die Selbstdiszipin habe, konsequente Twitter-Pausen einzulegen oder nur zu bestimmten Zeiten dort zu sein, habe ich mein Konto also deaktiviert. Lieber wäre mir die Formulierung „Löschen“, aber das Löschen passiert erst 30 Tage nach Deaktivierung. Diese Schonfrist, während der man doch wieder rückfällig werden kann, fühlt sich ziemlich bevormundend an, auch wenn das vielleicht für Löschen-im-Affekt-und-dann-bereuen-Leute sinnvoll ist.

Auch Echtzeit-Nachrichten versuche ich gerade zu vermeiden, also Seiten wie spiegel.de, zeit.de, sz.de sowie Nachrichtensendungen im Fernsehen und im Radio. Wenn der Dritte Weltkrieg beginnt 😦 , erfahre ich das auch so schon noch rechtzeitig, etwa aus der gedruckten Zeitung am nächsten Tag. Die ist, wegen des höheren Zeitbedarfs, auch ein Teil des Privilegs des Analogen.