Flugsimulation ganz real: C42-Simulator auf der AERO in Friedrichshafen (27.-30.04.2022)

Wie das Leben so spielt, wurde Flugsimulation in den letzten Tagen auf einmal ganz real für mich. Auf der Luftfahrtmesse AERO in Friedrichshafen ist ab heute ein voll beweglicher, lebensgroßer Simulator des Ultraleichtflugzeugs Comco-Ikarus C42 C zu sehen (Halle B1, Stand 301, am Stand von Comco-Ikarus). Die Software, mit der dieser Simulator betrieben wird, ist X-Plane 11 in Kombination mit einem C42-Modell, das ich 2018 zusammen mit meinen Kollegen bei vFlyteAir entwickelt habe. Die Hardware und Integration aller Komponenten wurde durch die Flugschule FunFlight entwickelt, die den Messestand mit Comco-Ikarus betreiben.

Cockpit des Prototyps des C42-Simulators von FunFlight und Comco-Ikarus auf der AERO 2022 in Friedrichshafen, unter Nutzung von X-Plane 11 und dem C42-Modell, das ich und meine Kollegen bei vFlyteAir mit freundlicher Unterstützung des Flugsportzentrums Mitteldeutschland in Magdeburg entwickelt haben. Das Cockpit und die Instrumente sind ‚echt‘ und werden durch X-Plane gespeist. Hinter dem Cockpit ist die Anzeige (Monitore oder Leinwand), auf der die simulierte Landschaft und optional (je nach Sichteinstellung in X-Plane) der vordere Teil des vFlyteAir-Modells sichtbar ist. (Foto: Marco Kind, FunFlight GmbH).

Unser vFlyteAir-Modell beruht auf meinen Flugerfahrungen mit zwei echten C42 C in Magdeburg. Mit freundlicher Unterstützung des Flugsportzentrums Mitteldeutschland konnten wir damals Fotos, Abmessungen, Tonaufnahmen usw. von den echten Flugzeugen (bzw. „Luftsportgeräten“, wie es formal heißt) machen.

Unser Modell läuft mit dem Desktop-Flugsimulator X-Plane 11 und wir verkaufen es immer noch in den üblichen Shops (Aerosoft, x-plane.org usw.) Bei der Entwicklung habe ich sehr viel Wert darauf gelegt, dass alle Bedienvorgänge im Cockpit so real wie möglich sind und dass sich auch das Fluggefühl so echt wie möglich anfühlt. Denn es war tatsächlich auch für mich selbst gedacht. Natürlich nicht als zertifizierbarer Simulator, aber doch zumindest als kleine Gedächtnisstütze in Flugpausen.

FunFlight und Comco-Ikarus haben nun die für professionellen Einsatz gedachte Version von X-Plane mit unserem Modell kombiniert und können damit ihre bewegliche Plattform so ansteuern, dass es sich auch wirklich wie eine C42 anfühlt. Das folgende Video wurde mir freundlicherweise von Marco Kind von FunFlight zur Verfügung gestellt. Man sieht dort sehr schön, wie der Simulator aussieht, wie er sich bewegt und wie die simulierte Landschaft und die Bewegung der Flugzeugzelle synchronisiert sind. Ich finde das sooo toll 😀

Video des C42-Flugsimulators

Der Simulator ist aktuell auf der AERO 2022 in Friedrichshafen zu sehen, die noch bis 30.04.2022 stattfindet.

600.359+ Zeichen Flugsimulation

Seit 2020 schreibe ich an einem Buch über Flugsimulation, das in meiner Vorstellung sozusagen das ultimative deutschsprachige Handbuch zum Thema werden soll – Flugsimulation als Hobby vom ersten Schnupperflug bis zu großen Passagierflugzeugen. Anlass war damals natürlich das Erscheinen des Microsoft Flight Simulators 2020, aber ich widme mich gleichberechtigt auch X-Plane, AeroflyFS und dem Open-Source-Simulator FlightGear.

Irgendwelche „meiner ist besser als deiner“-Kämpfe sind mir fremd. Man kann mit allen ‚Schreibtisch‘-Simulatoren mehr oder weniger plausibel bestimmte Aspekte des Fliegens simulieren, aber ich finde es auch nicht schlimm, wenn man nur ‚fliegen spielt‘ statt es total ernst zu nehmen. Und wenn man es ernst nimmt, muss man sich trotzdem bewusst sein, dass das Fluggefühl – wie es körperlich und leiblich (im phänomenologischen Sinne) wahrnehmbar ist – mit keiner dieser Simulationen richtig zu erfassen ist (auch nicht mit Virtual Reality, das kann sogar eher täuschen). Als offizielles Trainingsgerät ist im Normalzustand (d.h. ohne Einbettung in spezielle Hardware und besondere Einzelfall-Zertifizierung) auch keiner zugelassen.

Geeignet sind Simulationen für den ‚Hausgebrauch‘, um zu verstehen, warum ein Flugzeug fliegt, wie Navigation funktioniert (in aktuellen Simulatoren aufgrund sehr realistischer Optik auch nach Sichtflugregeln), wie Flüge geplant werden, wie technische Systeme im Flugzeug zusammenwirken und wie bestimmte Abläufe und Verfahren funktionieren. Im Prinzip eine tolle, anschauliche Ergänzung zu einem Theoriekurs! Im FS MAGAZIN, für das ich regelmäßig schreibe [@Bert, falls du mitliest: Ja, deine Artikel kommen ;P ] sowie in zwei dicken und sehr schönen GameStar-Sonderheften zur Flugsimulation, an denen ich 2020 und 2021 maßgeblich mitgearbeitet habe, kann man schon viel zu solchen Grundlagen lesen, aber halt nur relativ knapp oder (in den GS-Heften) auf den Microsoft Flight Simulator 2020 bezogen. Das Buch ist grundsätzlicher.

In das Buch fließen auch meine eigenen Erfahrungen aus meinen echten Ultraleicht-Flugstunden mit der Comco-Ikarus C42 ein. Ich schreibe im Kapitel 18 (wo es um echtes Fliegen als Ergänzung zur oder nächsten Schritt nach der Simulation geht) auch über die Flugangst, wegen der ich damals überhaupt erst mit Flugstunden begonnen hatte. Da ich mit dem echten Fliegen aber vorwiegend des Geldes wegen im letzten Herbst erst mal aufhören musste (wie ich hier schon mal kurz erwähnte), habe ich da das damals schon zu knapp 70% fertige Manuskript nur noch aus dem Augenwinkel angeschaut – ganz im Sinne des „Hochstapler-Syndroms“ (Impostor Syndrome), das da höhnisch über mein ‚Scheitern‘ grinsend um die Ecke lugte.

Aber mittlerweile habe ich meine Trauerphase [halbwegs] überwunden [Trauerphase? Ja. Nachdem ich mit der Flugangst endlich klargekommen war und mich sicher fühlte, war das nun ein geradezu leiblich spürbarer Verlust an Bewegungsfreiheit] und so auch wieder Spaß an Flugsimulation; bin außerdem optimistisch, dass ich irgendwann auch wieder in der echten Welt fliegen werde; und bin nun seit ca. 3-4 Wochen in einer Art ‚Schreibwahn‘, um das Buch endlich zu beenden [damit ich danach und nach einem für Mai anstehenden Aufsatz zu Politik und Spiel dann endlich das Projekt „Privileg des Analogen“ fortsetzen kann].

Zurzeit arbeite ich am Flugsimulationsbuch in jeder freien Minute und meist bis spät nachts. Und so ist das Manuskript mit zurzeit 380 Seiten mittlerweile umfangreicher als damals meine Dissertation war – und damit mein bisher längstes Werk.

Und die 400 Seiten kriege ich auch noch voll.

Zwischendurch Krieg

Der Krieg in der Ukraine, der am 24.02.2022 begann, dauert nun schon anderthalb Monate. Frühe Vermutungen, dass es ein schnelles Ende mit Schrecken sein würde, sind der Wahrnehmung eines Schreckens ohne Ende gewichen. Abgesehen von taktisch-strategischen russischen Truppenverlegungen (weg von Kiew, Fokus auf den Osten) gehen die Angriffe weiter und weiter, und zu befürchten sind weitere, fassungslos machende, aber leider nicht überraschende (denn welcher Krieg war je ohne?) Geschehnisse wie in Butscha und Mariupol.

Schon lange verfolge ich den Kriegsverlauf nur noch zeitversetzt, denn die anfängliche Dauerschleife hielt ich nur ein, zwei Wochen aus. Nun schaue ich einmal Nachrichten am Tag, lese einmal in der Woche die Printausgabe des Spiegel, scrolle nur noch sporadisch den Newsticker bei standard.at durch, und bin beruhigt über die glücklicherweise nach wie vor regelmäßigen „wir sind soweit okay“-Meldungen meines vFlyteAir-Kollegen Igor, der zwischen Kiew und der Heimatstadt seiner Frau im Westen des Landes sozusagen pendelt. Und dazwischen – ist Alltag.

Ich schreibe (ehrlich gesagt völlig unwichtige) Artikel über Computerspiele und Flugsimulation, arbeite an meinem seit 2020 angekündigten und immer noch nicht fertigen Buch über Flugsimulation (langsam wird es…), freue ich mich über Regen mehr als über Sonnenschein (denn die Böden sind schon wieder viel zu trocken), hebe irritiert die Augenbraue über weggehamstertes Klopapier und Sonnenblumenöl, gehe auf Tagungen (letztes Wochenende in Rostock die Gesellschaft für Neue Phänomenologie in der protzigen Aula im Uni-Hauptgebäude) und schaue japanische Food-Porn-Serien auf Netflix (Midnight Diner über einen traditionellen Imbiss, der nur nachts geöffnet hat; Samurai Gourmet über einen Rentner, der mittels eines vorgestellten Samurai lernt, Essen zu genießen; und Kantaro: The sweet tooth salary man über einen Vertreter, der die Arbeit schwänzt, um Süßigkeiten nicht nur zu essen, sondern darin freudianisch angehaucht als quasisexuelles Erlebnis zu schwelgen).

Die Verdrängung funktioniert also fast durchgehend super. Aber die Ohnmacht ob der Grundsituation vergeht nicht. In mir entsteht zunehmend der Wunsch: Jemand soll endlich etwas Konkretes tun, um die Lage in der Ukraine grundlegend zu verändern.

Putins Atomwaffendrohungen habe ich nämlich auch schon fast verdrängt.