Zwischendurch Krieg

Der Krieg in der Ukraine, der am 24.02.2022 begann, dauert nun schon anderthalb Monate. Frühe Vermutungen, dass es ein schnelles Ende mit Schrecken sein würde, sind der Wahrnehmung eines Schreckens ohne Ende gewichen. Abgesehen von taktisch-strategischen russischen Truppenverlegungen (weg von Kiew, Fokus auf den Osten) gehen die Angriffe weiter und weiter, und zu befürchten sind weitere, fassungslos machende, aber leider nicht überraschende (denn welcher Krieg war je ohne?) Geschehnisse wie in Butscha und Mariupol.

Schon lange verfolge ich den Kriegsverlauf nur noch zeitversetzt, denn die anfängliche Dauerschleife hielt ich nur ein, zwei Wochen aus. Nun schaue ich einmal Nachrichten am Tag, lese einmal in der Woche die Printausgabe des Spiegel, scrolle nur noch sporadisch den Newsticker bei standard.at durch, und bin beruhigt über die glücklicherweise nach wie vor regelmäßigen „wir sind soweit okay“-Meldungen meines vFlyteAir-Kollegen Igor, der zwischen Kiew und der Heimatstadt seiner Frau im Westen des Landes sozusagen pendelt. Und dazwischen – ist Alltag.

Ich schreibe (ehrlich gesagt völlig unwichtige) Artikel über Computerspiele und Flugsimulation, arbeite an meinem seit 2020 angekündigten und immer noch nicht fertigen Buch über Flugsimulation (langsam wird es…), freue ich mich über Regen mehr als über Sonnenschein (denn die Böden sind schon wieder viel zu trocken), hebe irritiert die Augenbraue über weggehamstertes Klopapier und Sonnenblumenöl, gehe auf Tagungen (letztes Wochenende in Rostock die Gesellschaft für Neue Phänomenologie in der protzigen Aula im Uni-Hauptgebäude) und schaue japanische Food-Porn-Serien auf Netflix (Midnight Diner über einen traditionellen Imbiss, der nur nachts geöffnet hat; Samurai Gourmet über einen Rentner, der mittels eines vorgestellten Samurai lernt, Essen zu genießen; und Kantaro: The sweet tooth salary man über einen Vertreter, der die Arbeit schwänzt, um Süßigkeiten nicht nur zu essen, sondern darin freudianisch angehaucht als quasisexuelles Erlebnis zu schwelgen).

Die Verdrängung funktioniert also fast durchgehend super. Aber die Ohnmacht ob der Grundsituation vergeht nicht. In mir entsteht zunehmend der Wunsch: Jemand soll endlich etwas Konkretes tun, um die Lage in der Ukraine grundlegend zu verändern.

Putins Atomwaffendrohungen habe ich nämlich auch schon fast verdrängt.

Veröffentlicht von

Dr. Mario Donick

Digitalisierung / Kommunikationsanalyse / Technikvertrauen / Softwaretransparenz

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