Harald Schmidt fehlt

Kürzlich las ich das schon vor einigen Jahren erschienene Buch „Panikherz“ von Benjamin von Stuckrad-Barre, der auch einmal für kurze Zeit als Autor bei der „Harald Schmidt Show“ arbeitete. Ich habe diese Show geliebt, keine Folge verpasst. Sie hat mich in meinen Jahren des Erwachsenwerdens begleitet und auch mit dazu beigetragen, meine politische Haltung zu schärfen und zu stabilisieren. Nicht jede Folge war gut, aber dafür gab es dann Folgen, die in ihrer künstlerischen Anarchie absoluten Seltenheitswert in der Medienlandschaft hatten. Zum Beispiel hat Harald Schmidt einmal eine ganze Show lang in französischer Sprache moderiert oder nach dem 11. September 2001 mit der Show 14 Tage pausiert.

Während der letzten Jahre vermisse ich diese Show immer mehr – Schmidt durfte alles und bildete einen ironisch-intellektuellen Gegenpol zur scheinbar politisch-korrekten akzeptierten Standardmeinung. Keine Satiresendung im deutschen Fernsehen füllt diese Lücke aus und kommt an das intellektuelle Niveau von Schmidt heran. Die „heute Show“ verflacht immer mehr und die anderen Satire-Sendungen verarbeiten in biederer, humoristischer Form die aktuellen Nachrichten in so einer vorhersehbaren Weise, dass es kaum noch zu ertragen ist.

Schmidt kommentierte vor allem in den ersten Jahren der Show das Weltgeschehen auf so exzellente Art und Weise, dass die Feuilletons der großen Tageszeitungen regelmäßig darüber berichteten und die Sendung damit eine große gesellschaftliche Relevanz darstellte. Harald Schmidt liebte es, vor allem das bigotte Bildungsbürgertum bei Themen wie Rassismus, Ossi-Feindlichkeit und pervertierter Kapitalismuslogik immer wieder zu entlarven, wie bei einer seiner berühmten Inszenierungen mit Playmobilfiguren: „Wer kommt auf die Arche?“ (2009)

Der Roman „Panikherz“ von Stuckrad-Barre hat ein paar dieser Leerstellen bei mir wieder gefüllt, wenn er das Verhalten der scheinheiligen bürgerlichen Mittelschicht beobachtet, immer auf der Suche „nach performativen Widersprüchen“:

Wer fragt, „Hab ich denn deine Kontaktdaten?“, hat einen Scheißjob, beendet Mails mit Lokalwetterschilderungen und deren durch Emoticons tautologisierter Auswirkung auf die eigene Verfasstheit, frierende Grüße aus dem winterlichen München oder verregneten Gruß aus dem grauen Hamburg […]

Wer sehr oft das Wort „definitiv“ benutzt, bittet Besuch, die Schuhe auszuziehen, und beantwortet Rundmails patzig damit, dass Rundmails nerven – was er an alle schickt.

Es sind diese kleinen ironischen Kommentierungen, die auch Harald Schmidt so perfekt beherrschte und die heute einer Oberlehrermentalität und einer oberflächlichen Schwarz-Weiß-Kommunikation in den Medien gewichen sind. Selbst die Comedians sind ernsthaft geworden – keiner strahlt mehr eine arrogante Souveränität aus – sie ist einer Angst vor dem nächsten Shitstorm gewichen. Dabei geht es gar nicht darum, absichtlich politisch inkorrekt zu sein, sondern sich einfach aus der Medienblase herauszulösen und den Standpunkt einer*s Beobachterin*s einzunehmen, aus deren*dessen Perspektive man die Welt betrachtet, ohne Teil von ihr zu sein. Es ist natürlich existenzialistisch gesehen gar nicht möglich, einen objektiven Punkt außerhalb der Medienwelt einzunehmen – vor allem nicht, seitdem die digitalen Medien quasi realitätsbestimmend geworden sind. Aber es ist wichtig, es immer wieder zu versuchen.

Heutzutage funktioniert Satire im Grunde immer nur nach dem gleichen Schema: Wir zeigen einen Zeitungs- oder Fernsehausschnitt, einen Social-Media-Post oder ein YouTube-Video und kommentieren diese – das Ergebnis ist selbstreferentielle Comedy ohne wirkliche Kreativität und Erkenntniswert. Stattdessen kommentieren vor allem Markus Lanz und Sandra Maischberger zusammen mit den immer gleichen Politiker*innen, Expert*innen und Journalist*innen das aktuelle Zeitgeschehen. Diese Talkrunden soll es geben und sind auch wichtig. Aber es gibt keine sichtbaren Korrektive mehr zu diesen Formaten – es gibt sie natürlich noch in den Untiefen der digitalen Welt und in anderen kulturellen Nischen, aber nicht mehr offensichtlich im linearen Fernsehprogramm, das doch immer noch den größten Teil der Bevölkerung erreicht und damit eine große Wirkung erzeugen kann.

Manchmal wünschte ich mir, dass irgendjemand (wie der Programmierer im Film „Matrix“) einen Reset-Knopf drückt und den ganzen nichtssagenden Social-Media-Füllstoff der letzten 10 Jahre löscht, um endlich einmal wieder kreatives und innovatives Denken zu starten. Ich habe das Gefühl, als befänden wir uns momentan auf einem schwankenden Planeten, der aus der Balance geraten ist und keiner so richtig weiß, wohin es gehen soll und was die große Vision für das Zusammenleben der Bevölkerung auf unserem Planeten ist.

Technologische und wissenschaftliche Fortschritte gibt es – aber um den Klimawandel zu stoppen, gehen die Entwicklungen nicht schnell genug voran. Zur Lösung des Konflikts in der Ukraine fallen uns als Weltgemeinschaft nur Waffen und Konfrontation ein. Während der Corona-Pandemie war uns noch der Schutz jedes einzelnen Menschenlebens wichtig. Ständig sprachen wir darüber, die vulnerablen Gruppen zu schützen und Rücksicht aufeinander zu nehmen – was für ein großer ethischer und moralischer Fortschritt in unserem zwischenmenschlichen Miteinander dieses neue Denken sei, wurde betont. Und jetzt heißt es von einigen Expert*innen aus der Politikwissenschaft, dass wir viel zu egozentrisch denken und uns unser eigenes Leben zu viel Wert ist. Wir müssten verstehen, so einige der Journalist*innen und Wissenschaftler*innen, dass es bei dem Ukraine-Krieg um mehr gehe als nur um Menschenleben, nämlich um das Große Ganze, die westliche, kapitalistisch freiheitlich geprägte Demokratie.

Was ist das nur für ein erschreckend voraufklärerisches und rückschrittliches Denken: Wenn wir das Leben eines einzelnen Individuums nicht wertschätzen, dann werden wir nie eine friedliche, auf Kooperation beruhende Welt haben. Aber wahrscheinlich wollen das viele auch gar nicht – wäre viel zu langweilig. Und wer bestimmt überhaupt, was das beste Große und Ganze ist? „Der Mensch ist ein einziger Widerspruch“, wie es Thomas Mann einmal sehr treffend formulierte. Und diese Widersprüche konnte Harald Schmidt auf so lässige, ironische und amüsante Weise gnadenlos offenlegen.

100 Tage, 100 Milliarden

Seit 100 Tagen dauert der Krieg in der Ukraine jetzt, und soeben wurde im Deutschen Bundestag die schon im Februar angekündigte Grundgesetzänderung beschlossen, die es erlaubt, unter Umgehung der, seit 2009 ebenfalls im Grundgesetz verankerten, Schuldenbremse Kredite in Höhe von 100 Milliarden Euro zum Kauf von Waffensystemen und Ausrüstung für die Bundeswehr aufnehmen zu dürfen – für eine Armee, deren Budget auch unter normalen Umständen mit zuletzt 46,93 Milliarden Euro (2021) im oberen Bereich lag (Platz 7 weltweit). Zurecht listet die taz auf ihrer Titelseite heute übrigens auf, was man mit so viel Geld eigentlich stattdessen bezahlen könnte – zum Beispiel „500.000 fair bezahlte Stellen im Pflegebereich für ein Jahr: 27,5 Milliarden Euro“.

Dass die Bundeswehr trotz ihrer guten finanziellen Ausstattung so große Probleme mit dem Beschaffen und Instandhalten von selbst einfachster Ausrüstung hat, ist mir ehrlich gesagt völlig unverständlich. Okay, damals, als ich 2000/2001 meine 10 Monate Grundwehrdienst im Büro einer Autowerkstatt am schönen Ostseestrand des Standorts Todendorf (Schleswig-Holstein) absolviert habe, weil ich wie Frank Lehmann in „Neue Vahr Süd“ (Sven Regener) ‚vergessen habe, zu verweigern‘ (naja, ich war eher zu faul) und dabei die Formulare zur Materialanforderung konsequent falsch ausgefüllt habe (weil ich nicht wusste, wie das richtig geht – nicht mit Absicht) … da hätte ich es verstehen können. Wenn das Formular falsch ausgefüllt ist, wird es natürlich nicht bearbeitet, das ist die deutsche Bürokratie, da kann man nichts gegen sagen.

Aber es werden ja nicht alle in Büros für Anforderungen tätigen Leute so inkompetent sein wie ich, also dürfte das Problem wohl im System liegen. Das lässt befürchten, dass auch die neuen 100 Milliarden an den Problemen nicht viel ändern werden. Wie viele der anzuschaffenden F-35-Kampfjets werden wirklich flugfähig bleiben, wie viele der CH-47-Transporthubschrauber werden am Boden bleiben müssen? Und haben die Pilot*innen genug Ersatzschlüpfer dabei, falls sie wegen Motorschadens irgendwo länger ausharren müssen?

Früher wäre sowas ein willkommener Anlass gewesen, über die Bundeswehr abzulästern und sich insgeheim zu freuen, dass diese Armee ohnehin keinen Krieg führen kann, aber dass genau das ja auch nicht nötig wäre, weil es ja nach Ende des Kalten Kriegs keine Bedrohung mehr gäbe.

Früher.

Die Aussichtslosigkeit der Weltlage ist jedenfalls sehr deprimierend. Ich will keine militaristische, keine nationalistische, keine politisch-extremistische, keine religiös-fundamentalistische Welt, aber es geht in verschiedenen Varianten immer weiter in diese Richtung. Vom Klimawandel ganz zu schweigen. „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ war ein Spruch lange vor meiner Geburt, idealistisch und irgendwie weit entfernt, der aber heute überall naherückt und mein bequemes Leben bedroht; den Komfort, in dem ich mich unzähliger Privilegien erfreue (zufällig in Europa geboren, nach wie vor in Frieden lebend [hier, an meinem Wohnort und dem Land], sozial abgesichert, weiß, männlich, formal gebildet).

Als Jugendlicher habe ich in meinem damaligen unangebrachten Nihilismus [der mit gewissen New-Age-Ideen versetzt war, die es in die „preisreduziertes Mängelexemplar“-Bücher-Grabbelkiste in der Kleinstadtdrogerie geschafft hatten] die Menschheit als Fehler der Evolution betrachtet, weil sie das Gleichgewicht stören würde. Mein Trost war damals, dass die Erde sich erholen würde, wenn die Menschen sich in ihrer Hybris selbst zugrunde gerichtet hätten und, falls nicht, das Universum groß genug ist für andere Versuche mit anderen Spezies auf anderen Planeten.

Zumindest damals war mir dieser Trost genug.