Die erdende Wirkung von Himmelsaufnahmen

Wenn der Alltag durch Klimakrise, Pandemie, Krieg und „Gas-Notstand“ (was für ein Wort…) in einem Dauerton der Ungewissheit schwingt und den sicheren Boden scheinbarer Gewissheiten verlässt, dann erdet es ungemein, sich an die Unwichtigkeit der Menschheit vor dem Hintergrund des riesigen Universums zu erinnern. Dank immer wirkungsvollerer Forschungsmethoden gibt es dafür reichlich Gelegenheit. Besonders beeindruckend sind Projekte, die für das menschliche Auge sonst unsichtbare Phänomene in Szene setzen, indem sie Infrarotstrahlung weit entfernter Galaxien ins sichtbare Spektrum transformieren (James-Webb-Teleskop), Schwarze Löcher computergestützt visualisieren (wie das ‚Foto‘ des Schwarzen Lochs im Zentrum unserer Milchstraße auf Basis von Messwerten des Event-Horizon-Teleskops) und dreidimensionale Modelle, gleichsam Landkarten, des bekannten Universums erstellen (DESI-Projekt).

Blick auf fernste Galaxien

Gerade geht die erste ‚richtige‘ Aufnahme des 2021 ins All gestarteten James-Webb-Teleskops durch die Medien:

Der Galaxiencluster SMACS 0723 ist das Motiv der ersten veröffentlichten Aufnahme des 2021 ins All gestarteten James-Webb-Teleskops. Das Bild zeigt unzählige Galaxien, jede davon mit unzähligen Sternen. (Bild: NASA, ESA, CSA & STScI)

Das Bild ist aus mehreren Gründen interessant:

  1. Was so schön bunt aussieht, ist eine Falschfarbenaufnahme. In diesem seit langem üblichen Verfahren werden Strahlung und Elemente, die für das menschliche Auge eigentlich unsichtbar sind, ins sichtbare Spektrum transformiert. Die genaue Zuordnung im Beispiel kenne ich nicht, aber jedenfalls können so Strukturen sichtbar gemacht werden, die uns sonst entgehen würden.
  2. Die im Bild sichtbaren Verzerrungen mancher Galaxien entstehen durch den sogenannten Gravitationslinseneffekt. Das Licht wird durch die Schwerkraft massereicher Objekte abgelenkt und vergrößert. Dadurch erscheinen weit entfernte Galaxien größer und werden so erst erkennbar. Außerdem verweist die eigentlich flache Aufnahme so trotzdem auf die Dreidimensionalität des Universums.
  3. Wobei: Eigentlich ja Vierdimensionalität, denn das Bild ist ein Blick in die Vergangenheit – und zwar 4,6 Milliarden Jahre zurück. Die Sterne, die zu den fotografierten Galaxien gehören, sind so weit entfernt, dass deren Licht wirklich so wahnsinnig lange gebraucht hat, um das James-Webb-Teleskop zu erreichen. Vor 4,6 Milliarden Jahren begannen sich gerade mal Gas und Staub langsam zu dem Objekt zu verbinden, das später einmal unsere Erde sein würde. Und in weiteren 4,5 bis 5 Milliarden Jahren wird sich unser eigener Stern, die Sonne, zu einem Roten Riesen aufblähen und dabei u.a. die Erde vernichten. Ihr Licht aber wird aus anderen Positionen des Alls noch Jahrmilliarden später zu sehen sein.

Genauso wie bei anderen Deep-Space-Aufnahmen (z.B. vom Weltraumteleskop Hubble) zeigt dieses Bild und zeigen die zu erwartenden vielen weiteren Bilder des Teleskops also nicht das Universum, wie es ist, sondern wie es war, und auch das nicht so, wie es uns natürlicherweise erscheinen würde — nämlich viel weniger spektakulär, weil die so schön aussehenden Strukturen für uns eben gar nicht erfassbar wären.

Gerade das macht die Aufnahme so faszinierend. Denn sie verdeutlicht einmal mehr, dass sich das Universum mitnichten um uns winzige Menschen dreht, und dass unser Sonnensystem im kosmischen Maßstab überhaupt nichts Besonderes ist – das All war schon voll von Sternen, bevor sich unser Sonnensystem überhaupt zur für uns lebenswichtigen Form ausdifferenziert hatte.

Veröffentlicht von

Dr. Mario Donick

Digitalisierung / Kommunikationsanalyse / Technikvertrauen / Softwaretransparenz

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s