„Wie lange würden Sie widerstehen können?“ Interview mit Theresa Hannig

Über die Autorin Theresa Hannig haben wir bereits öfter geschrieben. Im Jahr 2017 veröffentlichte sie ihren Debütroman „Die Optimierer“ (Rezension), im Juni 2019 die Fortsetzung „Die Unvollkommenen“ (Rezension). Beide Romane verhandeln eine Frage: Wie können Menschen ihre Individualität bewahren, wenn sie erst durch massives Social Scoring eingestuft, im Sinne einer „Optimalwohlökonomie“ fremdbestimmt und schließlich mit Gehirnchips digital „integriert“ werden? Die Antwort: Es ist bestenfalls kompliziert, und schlimmstenfalls landet man in idyllisch am Ostseestrand gelegenen und mit jedem materiellen Luxus ausgestatteten „Internaten“ — ein goldenes Dystopia.

Therea Hannig (Bildnachweis: privat)

Erstmal eine eher persönliche Frage, da ich Kühlungsborn, die Villa Baltic, den Nienhäger Gespensterwald usw. recht gut kenne: Wieso diese Umgebung für das „Internat“? Haben Sie dazu einen konkreten Bezug?

Ich habe vor einigen Jahren eine Wohnmobiltour durch Ostdeutschland gemacht und zu dieser Gelegenheit auch Kühlungsborn besucht. Es kam mir damals wie eine sehr saubere, sehr durchstrukturierte Kunstwelt vor, in der man die ideale Version eines Sommerurlaubs verbringen konnte. Gleichzeitig erinnerte mich dieser „ideale“ Urlaubsort an den fiktiven Strand „Shell Beach“ aus dem Science-Fiction Film „Dark City“. Dort ist es der Sehnsuchtsort aller Menschen, die in einer stets dunklen Stadt gefangen sind. Schon in meinem Roman „Die Optimierer“ habe ich mich damit auseinandergesetzt, wie gut es für die Menschen ist, wenn alles immer weiter verbessert und (vermeintlich) optimiert wird. Irgendwann gibt es einen Punkt an dem die Optimierung zu perfekt, zu schön, zu sauber und damit unmenschlich wird.

Die Villa Baltic verkörpert mit ihrem morbiden Charme und der alten Grandezza eine Art Luxusgrusel, den ich in meinem „Internat Kühlungsborn“ etablieren wollte. Als ich die Villa gesehen habe, war für mich sofort klar: Da muss das Internat sein! Das Gefühl hat einfach sofort gepasst.

Der Weg durch den Gespensterwald war die notwendige Route, die Lila und Kophler nehmen mussten. Wenn sie eine realistische Strecke mit dem Tretboot fahren, könnten sie dort ankommen. Und welche Autorin würde es sich schon entgehen lassen, ihre Figuren durch einen Gespensterwald zu schicken?

Religion für Menschen, die schon alles haben

Im Roman „Die Optimierer“ war Samson Freitag ein Mensch. In Ihrem neuen Buch wurde Freitags Bewusstsein in einen Roboterkörper übertragen und er wird von der Bevölkerung als Gott verehrt. Das erschien mir ehrlich gesagt etwas eigenartig. Ich hätte erwartet, dass Religion in einer scheinbar so rational durchoptimierten Gesellschaft wie der Bundesrepublik Europa (BEU) gar keine Bedeutung mehr hat. Zudem muss man an Samson eigentlich nicht glauben: Er ist ja eindeutig da, seine Macht „funktioniert“. Rituale, die es in heutigen Religionen gibt, um sich das ersehnte, aber unerreichbare Göttliche näher heran zu holen, sind eigentlich nicht nötig. Und wenn man das nicht religiös sieht, sondern vielleicht als Form der Herstellung von politischer Gemeinschaft, ist es ähnlich: Die Gemeinschaft wird durch Social Scoring, Implantate usw. ohnehin erreicht, die Menschen müssten dafür nicht zu Hunderten zusammenkommen. Warum also trotzdem das freitägliche Propaganda-Event? Welche Lücke füllt es für die Menschen aus?

Seit Samsons Roboterwerdung sind im Roman fünfeinhalb Jahre vergangen. Ich finde das eine recht lange Zeitspanne, wenn man bedenkt, in welchem Tempo die technische Entwicklung fortschreitet. Ein vergleichbares Beispiel zur gesellschaftlichen Durchdringung einer Technologie ist für mich die Verbreitung von WhatsApp. In wenigen Jahren hat sich der Kurznachrichtendienst von einer App unter vielen zum Hauptkommunikationskanal der Weltbevölkerung entwickelt. Niemand zwingt die Leute, dies zu tun und doch sorgt der Netzwerkeffekt dafür, dass es immer notweniger erscheint (manchmal auch ist), sich ebenfalls daran zu beteiligen.

In der BEU des Jahres 2058 hat eine ähnliche Entwicklung stattgefunden. Die Linsen wurden durch Implantate abgelöst – ein kleiner Eingriff, der die Kommunikation extrem vereinfacht. Danach kamen weitere Upgrades hinzu wie die Tympani-Audiochips und auch der Emóchip, die das Leben und die Kontrolle über das eigene Glück revolutionierten. Stellen Sie sich vor, Sie könnten alles tun, alles ausprobieren, was körperliches Wohlbefinden erzeugt (Essen, Alkohol, Drogen, etc.) ohne dafür den Preis (Übergewicht, Kater, Sucht, etc.) zahlen zu müssen.

Wie lange würden Sie widerstehen können?

Hehe, gute Frage. Vor ein paar Tagen gab Elon Musk bekannt, dass er Gehirnchips produzieren will, die langfristig auch neue Fähigkeiten verleihen sollen. Da musste ich natürlich sofort an Ihr Buch denken. Bestimmt wäre ich versucht, sowas zumindest mal auszuprobieren (möglicherweise aber hätte ich dann doch zu viel Angst vor dem Eingriff und noch unbekannten Spätfolgen). Wie sieht’s bei Ihnen aus?

Ich bin sehr um die Integrität meiner Gedanken bemüht. Ich glaube nicht, dass ich es wagen würde, mir in dem zentralen Organ herumpfuschen zu lassen, das meine gesamte Existenz ausmacht.

Nachvollziehbar. Aber nochmal zurück zu Samson Freitags Rolle als spiritueller Führer und leibhaftiger Gott in der BEU Ihres Romans …

In der BEU gibt es nichts mehr, was man nicht erleben, nicht bekommen kann. Aber irgendwann reicht auch der ständige Genuss, die ständige Steigerung des Glücks nicht mehr. Was soll noch kommen, wenn man bereits im Schlaraffenland lebt? Die Antwort für mich ist spirituelle Erlösung.

Samson bietet den Menschen einen Ausweg aus dem „immer mehr“ an. Er verspricht ihnen jetzt schon die ewige Glückseligkeit im Reinen Land. Und es ist kein leeres Versprechen. Die Menschen müssen nicht glauben, nicht hoffen, dass sie irgendwann vielleicht erlöst werden. Samson beweist jeden Tag, dass er die Seelen/Geister der Verstorbenen ins Reine Land einspeist. Die Menschen müssen sich nur an seine Regeln halten und dann ist die Erlösung sicher. Andererseits: Wenn man sich Samson und der Optimierung verschließt, bekommt man gar nichts.

Interessanterweise ist es bei Geschichten über die gängigen monotheistischen Religionen immer andersherum: Die Erlösung steht immer auf der Kippe und man kann sich nie sicher sein, ob man das finale Ticket in den Himmel gelöst hat. Wenn man aber einen Vertrag mit dem Teufel abschließt, ist das Reiseziel totsicher.

Okay, den Gedanken verstehe ich. Die Frage ist aber, ob das wirklich spirituelle Erlösung ist, die die Menschen dort erfahren. Oder nicht doch bloß ein technologisch erzeugter Schein. In der TV-Serie „Caprica“ (2010) will eine Priesterin und Terroristin etwas Ähnliches – sie will „das Paradies“ technologisch erzwingen; die Bewusstseine ihrer Anhänger*innen sollen nach dem Tod – durch Terroranschläge – in eine virtuelle Welt hochgeladen werden anstatt bloß ins Ungewisse hinein glauben zu müssen. Das klappt natürlich nicht und „Gott“ bleibt weiterhin ein nur schwer greifbarer Akteur. Aber ist gerade dieses Nicht-Greifbare nicht erst das, was Spiritualität auszeichnet, und wäre das Eingehen in Samson Freitags „Reines Land“ nicht bloß eine weitere Form eines goldenen Käfigs, an dem eigentlich gar nichts Spirituelles ist, sondern bloß Technik?

Dass Sie fragen, was „wirkliche“ spirituelle Erlösung ist, ist interessant. Es ist wie die Frage, ob Glück auch dann „echtes“ Glück ist, wenn es nur durch Hirnreize verursacht wird. Es ist die Frage, ob ein unglücklicher Sokrates erstrebenswerter ist als ein glückliches Schwein. Diese Frage beschäftigt die Philosophen schon seit Jahrtausenden. Im alten Griechenland kannte man aber noch nicht die Funktionsweise des Gehirns. Solange wir nicht beweisen können, ob es (k)einen Gott gibt, erleben wir nur, was unser Gehirn erlebt.

Da kommt mir noch was anderes in den Sinn, ein Zitat: „Ich weiß, dass dieses Steak nicht existiert. Ich weiß, dass, wenn ich es in meinen Mund stecke, die Matrix meinem Gehirn sagt, dass es saftig ist und ganz köstlich. […] Unwissenheit ist ein Segen.“ (aus dem Film „Matrix“, der dieses Jahr 20 Jahre alt wurde).

Unserem Gehirn ist es egal, woher die Glückshormone kommen – so sehr die Erziehung oder die Sehnsucht nach Sinn in uns dem Glück auch eine tiefere Bedeutung beimessen wollen. Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich empfinde jegliche religiöse Paradiesvorstellung als goldenen Käfig.

Das Reine Land hat aber noch eine andere Komponente, und die ist bisher den meisten Leser*innen (vielleicht aufgrund des kulturellen Hintergrunds) entgangen. Das Reine Land ist ein buddhistisches Konzept. Es ist eine Vorstufe, ein Vorhimmel, in dem die Seelen sich auf die „echte“ Erlösung im Nirwana vorbereiten können.

Oh, das wusste ich tatsächlich nicht. Vor dem Hintergrund gewinnen die Figur Samson Freitag (der als Roboter wiedergeborene Mensch, der ja quasi noch ein „Hybrid“ ist) sowie das von neueren (nicht auf einer früheren menschlichen Existenz beruhenden) Robotern verfolgte politische Ziel, diese Hybriden abzuschaffen, ja noch eine ganz andere Bedeutung!

Zwischen Dystopie und Utopie

Die Gesellschaft, die Sie in Ihren Romanen zeigen, ist wie eine Gratwanderung zwischen Utopie und Dystopie. Es gibt in ihr ein durchaus komfortables Leben, aber nur, wenn man sich der Überwachung nicht entzieht. Sehen Sie selbst Ihr Buch als Warnung vor möglichen Entwicklungen, oder gibt es Aspekte an der BEU, die Ihnen sinnvoll, sogar erstrebenswert erscheinen?

Ich finde viele Entwicklungen und Errungenschaften der BEU durchaus erstrebenswert. Der Dreh- und Angelpunkt zwischen Utopie und Dystopie ist für mich die Freiheit der persönlichen Entscheidung. Wenn ich die Wahl habe, mich zu optimieren oder die Wahl habe, mich integrieren zu lassen, ist das eine positive Entwicklung. Wird aber ein gesellschaftlicher Zwang daraus, ist es eine Diktatur. Die Grenzen sind oft fließend.

Zum Beispiel müssen wir unseren Konsum von Fleisch und Milchprodukten massiv einschränken, um das Klima zu schonen. Deshalb hoffe ich auf leckeres Synthfleisch.

Ich persönlich bin außerdem ein großer Fan des Bedingungslosen Grundeinkommens und auch der festen Überzeugung, dass wir in Hinblick auf Automatisierung und Einsatz der KI in der Arbeitswelt gar nicht darum herumkommen werden.

Darf ich fragen, welches Modell Sie da favorisieren?

Das einfachste: 1000 Euro (oder eine vergleichbar hohe Summe, die ein menschenwürdiges Leben in der jeweiligen Region ermöglich), bedingungslos für jeden. Und dann sehen wir weiter.

Die „Integration“, über die Sie in Ihrem Buch schreiben, ist auch einer der Teile, die sowohl locken als auch erschrecken. Ich versuche ja gerade, mich der Integration in Facebook und WhatsApp zu verweigern. Ich merke aber auch, wie viel einfacher es mit Facebook wäre, z.B. die Beiträge unseres Blogs bekannter zu machen. Man merkt heute schon, wie sehr man bestimmte Technologien eigentlich braucht, wenn man „mithalten“ will …

Ich habe vor kurzem mit großem Bedauern und unter Protest meinen Widerstand gegen WhatsApp aufgegeben, weil die gesellschaftlichen Nachteile, die ich und meine Familie durch das Fernblieben von WhatsApp erfahren mussten, nicht mehr hinnehmbar waren. Ich fand und finde das nach wie vor schlimm. Ich hoffe, dass wir es in naher Zukunft schaffen, den Facebook-Konzern politisch so in die Schranken zu weisen, dass der Datenschutz wieder gewahrt wird.

Autorinnen in der Science Fiction und struktureller Sexismus

Nicht-männliche und nicht-weiße Menschen erscheinen als Autor*innen zu technischen Themen und auch im Science-Fiction-Genre noch immer als Ausnahme. Gerade muss ich an Nnedi Okorafor denken, weil von ihr vor einer Weile zwei Bücher auf Deutsch erschienen sind. Aber wenn man in große Buchläden geht, sieht man vor allem weiße männliche Autoren. Woran liegt diese Wahrnehmung — läuft da viel unter dem Radar der großen Verlage bzw. von deren Marketing ab, oder trifft es nach wie vor zu, dass Mädchen und Frauen nicht so „technisch“ sozialisiert werden und darum weniger dazu arbeiten?

Struktureller Sexismus, wie wir ihn in vielen Bereichen unserer Gesellschaft kennen, ist ein sich selbstverstärkender Prozess. Wenn Mädchen eingeredet wird: Technik ist nichts für dich und Informatik auch nicht, dann werden sie sich seltener für diese Themen interessieren, seltener in diesen Bereichen arbeiten und so haben wir dann wieder eine Realität, in der es fast nur Grundschullehrerinnen und fast nur KFZ-Mechatroniker gibt, die sich Jungs und Mädchen dann wieder als entsprechende Vorbilder heraussuchen.

Erfreulicherweise brechen diese verkrusteten Strukturen endlich auf. Männer werden Erzieher, Frauen Informatikprofessorinnen und geschlechtergerechte Sprache hilft Kindern dabei, sich ihre Zukunft unabhängig von sprachlichen Stereotypen auszumalen. Das alles ist aber ein langsamer und langwieriger Prozess, der immer wieder neu angestoßen werden muss, denn von alleine passiert die Gleichberechtigung nicht.

Seit gut einem Jahr engagiere ich mich aktiv für die Sichtbarkeit von Frauen in der Gesellschaft im Allgemeinen und in der Science Fiction im Besonderen. Aus erster Hand erfahre ich nun, wie es ist, als Frau in einem Genre zu schreiben, das zum Großteil den Männern vorbehalten ist. Das Projekt „Frauenzählen“ von Nina George beweist, dass das Gefühl nicht trügt: Von Frauen verfasste Science-Fiction-Romane werden wesentlich seltener rezensiert (und damit öffentlich wahrgenommen) als von Männern verfasste. Das Verhältnis liegt bei 21:79! Das ist noch schlechter als im „normalen“ Literaturbetrieb, wo Literatur von Frauen lediglich halb so oft besprochen wird wie die von Männern.

So ist es kein Wunder, dass Science-Fiction-Autorinnen in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu unsichtbar sind. Doch es gibt sie, das kann ich versichern. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, dem empfehle ich die neue „Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen“ auf Wikipedia. Da findet man eine ganze Menge Autorinnen, deren Werke lesenswert sind.

Welche nicht-männlichen und ggf. nicht-weißen Autor*innen zu verwandten Themen würden Sie zum Weiterlesen empfehlen — sowohl fiktional als auch technikphilosophisch? Gibt es international welche, die Ihrer Ansicht nach eigentlich mal ins Deutsche übersetzt werden sollten?

Ich bin der Sexismus-Falle auch erst seit gut einem Jahr entstiegen. Alles was ich bis dahin gelesen habe, war zu 98% weiß und männlich – ohne dass ich dies intendiert hätte oder es mir überhaupt aufgefallen wäre! Das ist für mich selbst am erstaunlichsten und auch ein bisschen beschämend. Aber deshalb kann ich auch verstehen, wenn es anderen ähnlich geht. Das passiert leider, wenn man die Bücher nach Cover oder Empfehlung aussucht und sich keine Gedanken darüber macht, wer sie eigentlich geschrieben hat. In den letzten Monaten habe ich aber ein bisschen aufgeholt und bemühe mich, weiblicher und im Allgemeinen diverser zu lesen. Hier also ein paar Empfehlungen – wenn Sie mich in ein paar Jahren noch einmal fragen, habe ich da hoffentlich mehr zu bieten:

Allen, die sich für Science-Fiction und Utopien interessieren, kann ich das Werk von Ursula K. Le Guin empfehlen, das 2018 und 2019 auch neu ins Deutsche übersetzt wurde. Ich mag an Le Guin besonders, dass sie positive Gesellschaftsentwürfe beschreibt (in denen die Menschen mit ihren Schwächen natürlich trotzdem auf Probleme stoßen), die Anlass zur Hoffnung geben.

Dann hat mir Ann Leckies Roman „Maschinen“ gut gefallen. Er ist besonders in der deutschen Übersetzung interessant, da hier experimentell im generischen Femininum geschrieben wird – eine Erfahrung, die mir noch einmal die Augen dafür geöffnet hat, wie selbstverständlich wir das generische Maskulinum benutzen und damit dem Male-Bias in allen Bereichen Vorschub leisten.

Sehr interessant finde ich auch die Romane von Judith Vogt, die sie teilweise allein, teilweise zusammen mit ihrem Mann Christian schreibt. Judith ist eine Autorin, die mich auf dem Weg zum Feminismus sehr beeinflusst hat. Dabei setzt sie sich nicht nur für Frauen in der Literatur ein, sondern generell für mehr Diversität. Im Oktober wird ihr neuer Roman „Wasteland“ erscheinen, in dem mit so manchen Gender-Stereotypen gebrochen wird.

Für weitere Leseempfehlungen von Autor*innen, die nicht männlich und weiß sind, bin ich immer dankbar!

In Ihrem Blog schreiben Sie über die Probleme, die Wikipedia offenbar mit einer von Ihnen erstellten Liste weiblicher SF-Schriftstellerinnen hat — bzw. dass diese Liste von Männern als irrelevant abgetan wird. Sogar Jan Böhmermann hat darüber berichtet, und es gibt eine Petition. Wie ist denn da der Stand, und welche Erfahrungen — positive wie negative — machen Sie als weibliche Autorin fiktionaler Texte mit sowohl politischen als auch technologischen Themen?

Meine Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen hat die heiße Diskussionsphase glücklicherweise überlebt. Aber am 20. Juli wurde der Wikipedia-Artikel über das Nornennetz – Netzwerk für Fantastik-Autorinnen gelöscht und der neu angelegte Wikipedia-Artikel über das Phantastik-Autoren-Netzwerk (PAN) zur Löschung vorgeschlagen. Offenbar sind dafür die gleichen Wikipedianer*innen verantwortlich, die schon gegen die Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen gewettert haben. Es scheint also, als ob der Kampf für mehr Sichtbarkeit von Frauen in eine zweite Runde geht.

Die ganze Wikipedia-Diskussion der vergangen Monate ist mittlerweile auf eine Länge von über 1200 Romanseiten angewachsen (wenn man denn Lust hätte, das Ganze auszudrucken!) In meinem Blog unter #wikifueralle gehe ich im Detail auf die verschiedenen Aspekte unseres Projekts ein, deshalb an dieser Stelle nur so viel:

Weil wir vermeiden wollten, dass zukünftig wieder weibliche Listen wegen vermeintlicher „Irrelevanz, Redundanz und Dubiosität“ gelöscht werden, haben wir die Aktion #wikifueralle ins Leben gerufen. Ziel war es, Frauen und nicht-binäre Menschen in der deutschsprachigen Wikipedia sichtbarer zu machen. Unsere Anliegen

  1. Gemischtgeschlechtlichen Listen, in denen sowohl Frauen als auch Männer aufgeführt werden, wie z.B. die Liste von Malern, sollten in Zukunft „Liste von Malerinnen und Malern“ genannt werden können. Außerdem sollten die Listen nach Geschlecht sortierbar sein können.
  2. Generell sollte es möglich (nicht verpflichtend) sein, die Wikipedia-Artikeltexte in geschlechtergerechter Sprache zu verfassen.
  3. Artikeltitel und Kategorien sollten auf Beidnennung umgestellt werden können. So hätte also der Artikel Raumfahrer in Zukunft „Raumfahrerin und Raumfahrer“ heißen können.
  4. Über unsere Petition auf change.org haben wir Neulinge und insbesondere Frauen und nicht-binäre Menschen dazu aufgerufen, sich an der Wikipedia zu beteiligen, um auf diese Weise den Male-Bias zu beseitigen. Denn etwa 10-15% der Wikipedia-Autor*innen sind keine Männer, nur 15% aller Biographien wurden über Frauen verfasst.

Die Anliegen 1-3 haben wir mithilfe sogenannter Meinungsbilder zur Abstimmung gebracht. So können aktive Wikipedia-Autor*innen (mit mehr als 200 Artikelbearbeitungen) über die Regeln und Verfahren der Wikipedia bestimmen. Leider wurden alle unsere Vorschläge abgelehnt. Mich hat das besonders enttäuscht, da wir in unseren Vorschlägen niemanden einschränken, sondern lediglich eine Möglichkeit für mehr Diversität bieten wollten. Leider hat die Community auch dies abgelehnt.

Auch sehr bedauerlich fand ich, dass wir im Laufe der Diskussion immer mehr Abstand davon nehmen mussten, auch nicht-binäre Menschen in unsere Vorschläge einzubeziehen und uns hauptsächlich auf die binäre Beidnennung beschränken mussten (die ja dann trotzdem abgelehnt wurde). Das lag an den technischen Gegebenheiten der Wikipedia. Weil * und _ keine normalen Buchstaben sind, hätten Titel oder Kategorien in geschlechtergerechter Sprache mit Genderstern oder Gendergap zu unvorhersehbaren Problemen bei der internen Suche geführt. Deshalb mussten wir dieses Vorhaben relativ schnell fallenlassen.

Ich habe in den langen #wikifueralle Diskussionen eine Menge über die Wikipedia-Community gelernt und im Zuge dessen auf einige strukturelle Probleme aufmerksam gemacht. Generell halte ich die Wikipedia aber nach wie vor für eine großartige Errungenschaft des freien Internets. Wie in jedem anderen Sozialen Medium gibt es auch hier Trolle, die besonders laut schreien. Doch im Hintergrund arbeiten tausende ehrenamtliche Menschen, die sich vielleicht nicht an den Diskussionen beteiligen, die aber inhaltlich den Laden am Laufen halten. Deshalb möchte ich nach wie vor jede*n ermutigen, bei der Wikipedia mitzuarbeiten und die Community so insgesamt offener und diverser zu machen.

Über das Schreiben und zur Arbeit mit Verlagen

Erzählen Sie bitte etwas über Ihren fachlichen Hintergrund. Sie haben Philosophie studiert, mit welchen Schwerpunkten? Sie schreiben Romane, die man auch als Science Fiction klassifizieren kann. Sehen Sie sich primär als Philosophin (und arbeiten auch als solche) oder als Schriftstellerin?

Ich hatte das Glück, noch einen Magisterstudiengang absolvieren zu dürfen, bei dem ich Politik als Hauptfach und Philosophie und VWL als Nebenfach studieren konnte. Das war eine tolle Kombination, um Herkunft, Funktion und Auswirkungen der Politik von allen Seiten zu beleuchten. Meine politiktheoretischen Schwerpunkte lagen beim Gesellschaftsvertrag. Besonders mochte ich die Ansätze von Jean-Jacques Rousseau und John Rawls aber an Platon und Aristoteles kommt man als Staatstheoretikerin natürlich nicht vorbei! Ich mag normative Politiktheorien, die das positive (und irrationale) Wesen der Menschen miteinbeziehen. Rein mechanische Theorien (wie sie vor allem in der Analyse der Internationalen Beziehungen vorkommen) funktionieren zwar, fühlen sich aber irgendwie immer an, als habe man einen Stein im Schuh. Man kann den menschlichen Faktor einfach nicht aus der Politik herauskürzen. Die USA unter Obama und die USA unter Trump sind zwei vollkommen verschiedene Akteure.

In der Philosophie habe ich mich neben Staatstheorie auch viel mit Religionsphilosophie beschäftigt. Zwei Hauptfelder waren das Problem der Theodizee (warum lässt Gott das Übel in der Welt zu?) und die Mechanismen von Sünde und Erlösung.

In Hinblick auf meine Romane kann man also sagen: Das ergibt bisher durchaus alles Sinn! Ich sehe mich aber weiterhin hauptsächlich als Schriftstellerin – Meine Ideen in Geschichten zu verpacken macht eindeutig mehr Spaß, als wissenschaftliche Texte zu verfassen.

Wie sind Sie zu Ihrem Thema gekommen?

Ich selber war immer schon technik-affin und habe gerne programmiert und mich mit Science-Fiction beschäftigt. Trotzdem habe ich mich beim Schreiben von „Die Optimierer“ selbst gar nicht als Science-Fiction-Autorin gesehen. Für mich spielt der gesellschaftspolitische Aspekt eine größere Rolle. Aber die technische, in die Zukunft extrapolierte Fiktion – sprich Science-Fiction – macht die Sache für mich interessanter. Generell mag ich Geschichten, in denen nicht alles läuft, wie erwartet und an irgendeiner Stelle die Realität aus den Fugen gerät.

Waren Sie in der Ausgestaltung Ihrer beiden Romane frei oder hat Ihr Verlag Einfluss genommen?

Ich war inhaltlich frei. Aber beim Titel konnte ich mich mit meinen Vorstellungen leider nicht durchsetzen. Mein Wunschtitel für „Die Unvollkommenen“ war eigentlich „Reines Land“. Leider war dieser Titel dem Verlag zu heikel, da befürchtet wurde, uninformierte Leser könnten vermuten, der Roman sei politisch rechts zu verorten und würde sich deshalb schlecht verkaufen.

Ach Gott. Ja, wenn man darauf gestoßen wird, könnte man diese Befürchtung vielleicht nachvollziehen, aber in dem Kontext, in dem der Roman erschienen ist, bei dem Klappentext und bei der Handlung wäre ich von selbst nicht auf diese Idee gekommen. Wie sehen Sie persönlich solche Vorsichtsmaßnahmen? Sind die sinnvoll oder heute gar nötig?

Ich bin unschlüssig. Nach wie vor trauere ich dem Titel ein wenig nach. Andererseits hat der Vertrieb eines so großen Verlags mehr Erfahrung, was die „Verkäuflichkeit“ eines Titels betrifft. Obwohl ich gerne alles so machen würde, wie ich es für richtig halte, habe ich doch ein Interesse daran, dass meine Bücher gelesen werden! Wenn der Titel stimmt, das Buch aber am Ende keiner liest, habe ich auch nichts gewonnen.

War von Anfang an eine Fortsetzung zu „Die Optimierer“ geplant oder war das ein Wunsch des Verlags?

„Die Optimierer“ war ursprünglich als eigenständige und abgeschlossene Geschichte geplant. Nachdem der Roman aber einigen Erfolg hatte, wurde ich gefragt, ob ich nicht eine Fortsetzung schreiben wolle. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine andere Geschichte konzipiert und schon ein paar Kapitel geschrieben. Wie sich herausstellte, passten die Idee und das Konzept nach einigen Anpassungen wunderbar in die Optimalwohlökonomie der BEU und schon nach kurzer Zeit fügten sich die Storylines ineinander, als sei alles von langer Hand geplant worden. Das ist die Magie beim Schreiben. Ein Kollege meinte neulich, dass das Unterbewusstsein die Geschichten wahrscheinlich schon längst fertig hat und sie dem schreibenden Ich einfach Stück für Stück offenbart.

So ist auch „Die Unvollkommenen“ eigentlich ein in sich abgeschlossener, eigenständiger Roman (wenn man die Wahl hat, ist es trotzdem sinnvoll „Die Optimierer“ vorher zu lesen).

Ich würde das sogar unbedingt empfehlen. Die ganze Welt wird reichhaltiger und stimmiger, wenn man den ersten Band gelesen hat. Wird es denn jetzt, wo sich die Situation im 2. Band so verändert hat, noch einen dritten Teil geben?

Es gibt natürlich immer Anknüpfungspunkte für neue Geschichten. In diesem Sinne will ich es nicht kategorisch ausschließen, dass es irgendwann einen 3. Teil geben könnte, zumal der Wunsch auch schon von einigen Leser*innen geäußert wurde. Aber auch dann wäre der Roman eine in sich geschlossene Geschichte, die ein neues Thema bearbeiten würde. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

Ich bin sehr gespannt darauf – in doppelter Hinsicht 😉 und danke Ihnen für das Interview!

Ich danke Ihnen! Es hat mir großen Spaß gemacht!

Mondlandung in VR

Vor 50 Jahren, am 20.07.1969, fand die Mondlandung statt. (Ja, tat sie.) Dementsprechend gibt es heute sehr viele Artikel in Online-Medien dazu. Sehr interessant ist bei heise.de etwa die Beschreibung des Computers, der in Apollo 11 verwendet wurde (und der erfreulicherweise mehrfach auf die wichtige Rolle von Margaret Hamilton für die Entwicklung des Computers hinweist, siehe auch unsere Notiz hier).

Ich will heute aber nur kurz die Virtual-Reality-App Apollo 11 VR erwähnen, die schon 2017 rauskam, 2018 ein HD-Update erhielt und in der die Mondlandung aus Sicht der Besatzung im engen Raumschiff gezeigt wird. Neben einem passiven Dokumentationsmodus, der grafisch gut gemacht und schon recht immersiv ist, kann man die simulierte Landefähre auch selbst steuern.

Die App gibt es für 9,99 EUR als HD-Version für alle wichtigen PC-gestützten VR-Brillen, ausprobiert habe ich die 4,99 EUR teure ältere mobile Version für Oculus Go.

Flugangst — Flugspaß — Flugscham

Spätestens seit den Fridays For Future-Protesten widmen sich wieder viele Medien dem negativen Einfluss, den das Fliegen auf das Klima ausübt. In manchen Artikeln geht es um Alternativen für den nächsten Urlaub, in anderen betonen die Autor*innen, weiter fliegen zu wollen. Manchmal wird der Ruf nach nicht-fliegender Vorbildwirkung laut, manchmal auch nach Verboten. Es wird über alternative Antriebe spekuliert, und es wird berichtet, dass Fluggesellschaften trotz allem keinen Rückgang bei den Passagierzahlen verzeichnen. Ich könnte diesen Diskurs mit Interesse zur Kenntnis nehmen und seine persönlichen Folgen für mich auf die Urlaubsfrage reduzieren. Allerdings ist es nicht ganz so einfach.

Eine ganze Weile hatte ich Flugangst.

Diese Angst hatte sich nach ersten beiden Flügen entwickelt. Während die noch so neu und aufregend waren, dass an Angst nicht zu denken war, kamen bei den weiteren Flügen lauter Fragen auf. Ganz viele Unklarheiten, auf die ich keine Antworten hatte und die mich zunehmend nervös machten. Obwohl ich paradoxerweise zeitgleich viel Flugsimulation am Computer betrieb, war das damals noch zu unsystematisch, als dass mir das bei diesem Problem geholfen hätte. Fast zehn Jahre später fing ich deshalb in einem Anflug von Größenwahn an, einen Ultraleicht-Flugschein (UL) zu machen. ULs sind kleine Motorflugzeuge (noch kleiner als die bekannten Cessnas); das Flugzeug, mit dem ich lerne, ist eine C42C der Firma Comco-Ikarus. Im Reiseflug fliegt man mit ca. 140 km/h und verbraucht dabei ca. 15 Liter pro Stunde MoGas (was im Prinzip wie Super-Plus-Benzin ist).

Ich habe mittlerweile ca. 30 Flugstunden, bin aber noch weit vom Abschluss entfernt, da ich aus zeitlichen und finanziellen Gründen oft monatelange Pausen einlegen muss — zuletzt bin ich Ende März UL geflogen. Trotz dieses zähen Vorankommens haben mir die Flugstunden geholfen, die Abläufe des Fliegens und die physikalischen Zusammenhänge zu verstehen. Auch nach längeren Pausen verfalle ich nicht mehr in Schreckstarre, wenn es losgeht. Turbulenzen stören mich nicht mehr. Dadurch kann ich jetzt endlich auch entspannt mit Passagierflugzeugen in den Urlaub fliegen und voller Faszination für die Schönheit der Erde aus dem Fenster blicken, wenn wir scheinbar friedlich über den Wolken schweben — und, polemisch gesagt, ausgerechnet jetzt soll ich damit aufhören? Nachdem der Weg von Flugangst zu Flugspaß ein so langer, nicht gerade billiger und psychisch nicht so einfacher war, und ich jetzt endlich wirklich Spaß am Fliegen habe? Wie gesagt, polemisch ausgedrückt.

Mediale Beiträge zum positiven Bild des Fliegens

Das ist aber nur der eine Teil. Der andere betrifft meine freiberuflichen Tätigkeiten als Autor von Sachtexten. Denn neben meinem 25-Stunden-Job als Angestellter bei einem Kommunikationsdienstleister (wichtig für Krankenkasse und Miete) verdiene ich einen guten Teil meines Geldes mit Texten, die das Fliegen in einem positiven Licht darstellen: Ich schreibe Rezensionen und Workshops für das FS MAGAZIN, in dem es um Flugsimulation geht, also die teils sehr komplexe und realistische Nachstellung vom Fliegen am Computer. Ich erstelle Handbücher für die Hersteller von Simulationen, in denen ich die Funktionsweise der simulierten Flugzeuge erläutere (inklusive teils schwärmerischer Ausschweifungen über das jeweilige Flugzeug). Und ich habe auch schon mal für das Air Facts Journal und das fliegermagazin über echtes Fliegen geschrieben.

Aus Rückmeldungen und Gesprächen bekomme ich immer wieder positives Feedback zu meinen fliegerischen und über-das-Fliegen-schreibenden Aktivitäten — manchmal sogar so etwas wie ein paar Sekunden Bewunderung. Allerdings drückt genau das ein Problem aus: Indem ich positive Texte über das Fliegen schreibe, darüber spreche oder Fotos von eigenen Flugstunden poste (was allerdings, seit ich Facebook abgeschafft habe, sehr nachgelassen hat), stelle ich das Fliegen als etwas Erstrebenswertes, als etwas Schönes dar. Auch die Flugzeuge, über die ich schreibe, erscheinen in einem positiven Licht (denn ich schreibe nur über solche, die ich ganz naiv-emotional mag).

Meine Arbeit entspricht also schon fast dem Punkt 10 des Positionspapiers des Netzwerks Stay Grounded, nämlich „Werbung für Flugreisen und andere Marketing-Instrumente der Reise-, Luftfahrt- und Flugzeugherstellerindustrie“, die laut Stay Grounded „beendet“ werden müsse. Stay Grounded setzt sich dafür ein, umweltfreundliche Alternativen zum Fliegen zu schaffen (der oben verlinkte ZEIT-Artikel „Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“, stammt u.a. von einer Autorin, die zu Stay Grounded gehört).

Obwohl ich zwar nicht direkt für die von Stay Grounded genannten Industriezweige schreibe, so trage ich doch zu einer medialen Atmosphäre bei, die das Fliegen insgesamt befördert und positiv darstellt. Und das tue ich in vollem Bewusstsein darüber, dass eine positive Einstellung zum Fliegen mir dabei hilft, Geld zu verdienen — ich will ja, dass Leute die Zeitschriften kaufen, für die ich Artikel geschrieben habe, oder die Simulationen erwerben, denen meine Handbücher beiliegen, denn das verschafft mir nicht nur Tantiemen, sondern auch Hoffnung auf künftige Aufträge. Das ist sozusagen eine neben-/freiberufliche ökonomische Nische, in der ich mich seit einigen Jahren gemütlich eingerichtet habe. Damit werde ich zwar — im Sinne des sogenannten Äquivalenzeinkommens — nicht reich, aber liege ziemlich im Median. Diese bequeme Nische zu verlassen, mit der ich Spaß und Arbeit verbinde, kann ich mir derzeit nicht vorstellen.

Zurzeit Ratlosigkeit.

Man sieht also, zu diesem Thema habe ich noch eine Menge kognitive Dissonanzen zu bearbeiten — aber eine schnelle Antwort wird es darauf wohl nicht geben. Zumal das Fliegen nur einer der Vorzüge ist, die meiner privilegierten Position entstammen (in Westeuropa sozialisiert, weiß, männlich) und es noch viele weitere Punkte gibt, die aus dieser Position herrühren und die „man“ eigentlich ändern müsste (Stichwort: Imperiale Lebensweise bzw. Post-Wachstumsökonomie bzw. Degrowth). Vielleicht haben am Ende daher doch diejenigen unter den oben verlinkten Autor*innen recht, die mehr Scham und Verbote fordern. Weil sich von selbst zu wenig ändert.

Lazarus lebt. David Bowies Musical am Schauspiel Leipzig

David Bowies Musical „Lazarus“ (zu dessen Premiere am 07.12.2015 in New York Bowie seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte) wird seit geraumer Zeit in unterschiedlichen Versionen auch in Deutschland aufgeführt. Am 15.06.2019 hatte Lazarus am Schauspiel Leipzig Premiere; ich habe mir die Aufführung am 04.07. angeschaut, nachdem ich schon vorher Ausschnitte der New Yorker Fassung im Internet gesehen, das Skript gelesen und die CD rauf und runter gehört hatte.

Lazarus vereint 16 Songs Bowies, von denen er vier extra für das Musical geschrieben hatte (darunter den Titeltrack, der auch auf dem gleichnamigen Album veröffentlicht wurde). Darunter sind Klassiker wie „Life on Mars?“, „Absolute Beginners“ und „Heroes“. Verbunden werden die Songs durch eine Geschichte, die Walter Tevis Roman „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976 mit Bowie verfilmt) fortführt.

Der Protagonist, der vom Planeten Anthea stammende Thomas Jerome Newton, hat das Leben auf der Erde satt und betäubt sich mit Alkohol und Fernsehen. Sein Wunsch ist es, eine Rakete zu bauen und nach Hause zurückzukehren. Da erscheint ein geheimnisvolles Mädchen und verspricht, ihm zu helfen. Die Handlung ist eher lose erzählt. Gezeigt werden einzelne Momente, die — wenn Newton im Mittelpunkt steht — immer mit einer gewissen Verzweiflung einhergehen. Nebenstränge drehen sich um Newtons Assistentin Elly, deren Leben in einer beruflichen und privaten Sackgasse steckt, und die sich in Newton verliebt, sowie um ein junges Liebespaar. Der bedrohlich-verführerische Valentine verbindet alle Stränge miteinander.

Die Leipziger Aufführung wird von Darsteller*innen und einer Band getragen, die Bowies Songs und seinem Musical sowohl musikalisch als auch schauspielerisch gerecht werden. Da Lazarus glücklicherweise kein Musical über David Bowie ist (wenngleich über autobiographische Einflüsse gern spekuliert werden darf), kann Newton-Darsteller Christopher Nell relativ unbelastet vom großen Vorbild agieren. Mit großer Dramatik, aber angemessen gefühlvoll spielt er den immer wahnhafter wirkenden Newton.

Fast schon overacted der sehr präsente Valentine-Darsteller Dirk Lange, der dem Gesamtwerk dadurch einen ironischen Spiegel vorhält. Ob es unbedingt nötig war, den letztlich gewalttätigen Valentine als Klischee des Leatherman (d.h. des in Lederkleidung gehüllten homosexuellen Mannes) zu zeigen, will ich nicht abschließend beurteilen. Möglicherweise ist dies, ähnlich wie alle anderen Kostüme, einfach ein weiterer Bezug zu popkulturellen Darstellungen der USA der 1970er Jahre.

Newtons weibliche Gegenparts sind gleichfalls gut besetzt. Luise Schubert singt und spielt Newtons Assistentin Elly (im Original von der u.a. aus How I Met Your Mother bekannten Cristin Milioti gespielt); Anna Keil das geheimnisvolle Mädchen. Letzteres wurde im Original von Sophia Anne Caruso dargestellt; Anna Keil verleiht der Rolle und Songs wie „Life on Mars?“ ein etwas angemesseneres Volumen.

Musikalisch hält sich die Leipziger Fassung ansonsten recht eng ans Original. Visuell und schauspielerisch setzt sie einige ansprechende Akzente. Videoeinspielungen kommen im heutigen Theater zwar recht oft vor, passen hier aber zur Handlung und fügen eine teils tragikomische Ebene hinzu. Ständige Bewegungen — der Bühne um sich selbst, aber auch von Menschen auf den verschiedenen Ebenen des durch ein Stahlgerüst symbolisierten New Yorker Wohnhauses — halten das Auge gefangen. Interessant ist im deutschsprachigen Theater zudem immer der Kontrast zwischen den deutschen Sprechrollen (Deutsch von Peter Torberg), deren Darbietung recht „theaterhaft“ wirkt, und den bei aller Tragik doch lässiger wirkenden englischsprachigen Liedern.

Insgesamt ist „Lazarus“ ein fast zweistündiger, surrealer, aber ans Herz gehender Trip durch Newtons Erinnerungen und Hoffnungen, sowie durch Bowies eigene Popgeschichte. Man gewöhnt sich schnell an die ambivalent gezeichneten Figuren und am Ende ist es schade, wie schnell das Musical vorbei ist. Dies ist nicht nur der Verdienst der zeitlosen Songs selbst, sondern besonders auch das der Leipziger Schauspieler*innen und der stets sichtbaren Band. Entsprechend begeistert zeigte sich am Ende auch das Publikum.

„Lazarus“, David Bowie und Enda Walsh, nach dem Roman „The Man Who Fell To Earth“ von Walter Tevis. Schauspiel Leipzig.

Aus dem Gleichgewicht — Theresa Hannig: Die Unvollkommenen

Am mecklenburgischen Ostseestrand, nahe der Hansestadt Rostock, gibt es ein Seebad, das für gewöhnliche Bürger*innen nicht zugänglich ist. Nein, die Rede ist nicht von Heiligendamm, das seit dem Verkauf des historischen Ortskerns an den Projektentwickler Anno August Jagdfeld im Jahr 1996 auch an normalen Tagen fast so abgeschottet ist wie während des G8-Gipfels 2007. Nein, hier geht es um das nur wenige Kilometer entfernte Ostseebad Kühlungsborn — allerdings das des Jahres 2058, wie es in Theresa Hannigs neuem Roman „Die Unvollkommenen“ geschildert wird.

Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.

2058 wird Kühlungsborn durch eine riesige weiße Mauer vom Rest der Küste abgegrenzt sein. Die 1910-12 im Ortsteil Arendsee errichtete „Villa Baltic“ wird 2058 zum sanften Gefängnis ausgebaut sein — zum „Internat“, wie es in der euphemistischen Sprache der Bundesrepublik Europa (BEU) heißen wird. In das Internat kommen keine Kinder reicher Eltern, sondern aufmüpfige Bürger*innen, die sich nicht mit der durch Social Scoring und KI-gestützte Überwachung geprägten Optimalwohlökonomie der BEU abfinden möchten. In Kühlungsborn verbringen diese bedauernswerten Gestalten ihr Leben in einem goldenen Käfig zwischen Völlerei und Unterhaltungsmedien, ruhig gestellt und bewacht von Robotern, und jeden Freitag versorgt mit religiös verbrämter politischer Propaganda. Wer Glück hat, muss nur einige Zeit in diesem Albtraum verbringen. Andere aber sollen bis zum Lebensende bleiben. Eine dieser Unglücklichen ist Paula Richter, auch bekannt als Lila.

BEU, Optimalwohlökonomie, Roboter und Lila — wem das bekannt vorkommt, hat wahrscheinlich Theresa Hannigs Roman „Die Optimierer“ (2017) gelesen (Rezension). Im Juni 2019 nun hat Hannig die Fortsetzung „Die Unvollkommenen“ veröffentlicht. Endlich erfahren wir, wie es weitergeht mit den Themen und Personen, die die Autorin damals eingeführt hat. Es sind einige Jahre vergangen und der Protagonist des ersten Bandes, Samson Freitag, ist nach seiner Wiedergeburt als Roboter nicht nur zum Alleinherrscher aufgestiegen, sondern wird mittlerweile als Gottheit verehrt. Lila lag einige Weile im juristisch verordneten künstlichen Koma, darf aber auf Bewährung aufwachen und im Internat Kühlungsborn in einem goldenen Käfig leben. Jeden Freitag finden dort Andachten zu Ehren Samsons statt.

Etwa das erste Drittel des Buches spielt in Kühlungsborn und an der Küste. Später geht es zurück nach München, an den Schauplatz des Vorgängerbuches. Auch dort wird deutlich, was sich im Internat schon andeutete: dass die ganze BEU sich von einer zumindest formal noch demokratischen Staatsform zu einer Theokratie entwickelt hat. Zu hunderten rennen die Menschen in München in die nunmehr Samson gewidmeten Kirchen, um an einer Art Gottesdienst teilzunehmen und dort öffentlich ihre Sünden zuzugeben und zu bereuen. Anders als bei früheren Religionen ist das religiöse Versprechen aber eingelöst: Wenn die Menschen innerlich von Gott berührt werden, dann ist das nicht nur ein Gefühl oder eine Metapher, sondern Folge der „Integration“ — der Implantation bestimmter Computerchips ins Gehirn, was fast alle Menschen mit dem Internet und mit Samson verbindet, und mit denen die Menschen und Samson auch die Hormonproduktion der Körper steuern können: Glück und Ekstase auf Knopfdruck.

Während dies für manche Menschen eine nützliche Hilfe im Alltag und ersehntes religiöses Einssein mit Samson bedeutet, ist es für Freigeister wie Lila nicht so einfach. Sie ist hin und her gerissen zwischen ihren eigenen Überzeugungen, ihren früheren politischen Ambitionen, ihrer Sympathie zum früheren Menschen Samson, und ihrer erst Ab- und zunehmend Zuneigung zum Roboter-Gott Samson, der sie für eine besondere Aufgabe auserkoren hat. Durch die Haft und die gesellschaftlichen Veränderungen (z.B. gibt es eine neue Art Roboter, die sich von ihren Vorgängern, die noch unreine Mensch-Roboter-Hybriden waren, abgrenzt) hat Lila ihr Gleichgewicht verloren. Hannig macht diese inneren Konflikte insgesamt nachvollziehbar, ich hätte dem Buch aber etwas mehr Seiten gewünscht, damit Lila auch im Einzelnen weniger sprunghaft, nachvollziehbarer wirkt.

Etwas mehr Ruhe hätte ich auch manchen Dialogen gegönnt, da sie nämlich wichtige Themen verhandeln, die nicht erst 2058 relevant sein werden. Wir reden etwa ständig von KI, aber ist die eigentliche Herausforderung nicht eher die menschliche Seele? Welche Rechte können künstliche Menschen (Roboter) für sich beanspruchen? Was ist von einer Trennung künstlicher Menschen und (unvollkommener?) biologischer Menschen zu halten? Ist Abschottung wirklich die beste Antwort auf die teils gewalttätigen Folgen einer vom Klimawandel gequälten Welt? Welche Rolle spielt Religion, wenn die Verheißung eines „Reinen Landes“ nach dem Tod mit technischen Mitteln wirklich realisierbar ist? Ist so ein künstliches Paradies nur ein schwacher Ersatz, oder die Erfüllung allen Glaubens? Darf man Menschen zwingen, sich technisch in eine vollvernetzte Welt und deren Roboter-Gott zu integrieren? Das ganze Buch ist durchzogen von diesen wichtigen Fragen.

Während „Die Optimierer“ noch unsere Welt und nähere Zukunft widerspiegelt, sind „Die Unvollkommenen“ innerhalb weniger Jahre an einem Punkt angelangt, der an die von Ray Kurtzweil vorhergesagte technologische Singularität erinnert. Die Grenze zwischen Utopie und Dystopie ist in der BEU hauchdünn — wie Lila selbst ist man als Leser*in hin und her gerissen — will Samson nicht letztlich doch nur das Gute für alle Menschen? Eine allzu einfache Antwort gibt das Buch nicht — wenngleich zumindest Lila am Ende eine Entscheidung fällt.

Bildnachweis: Bastei Lübbe (Shop)

Theresa Hannigs Roman „Die Unvollkommenen“ ist im Juni 2019 bei Bastei Lübbe erschienen.

Überwältigungsmechanik im unmöglichen Kunst-Raum (Kremer Collection, Teil 2)

Architektur ist wichtig für die Entstehung von örtlicher Präsenz. Örtliche Präsenz ist, in Anlehnung an den Begriff sense of place, eine subjektive Wahrnehmung, die mehr als bloße Anwesenheit in einem Raum meint. Örtliche Präsenz heißt, den technisch definierten Raum zu einem bedeutungsvollen Ort zu machen oder ihn so wahrzunehmen. Örtliche Präsenz ist damit eine subjektive Wahrnehmung und eine soziale Konstruktion. In ‚der echten Welt‘ konnte die Menschheit über Jahrtausende an der Rolle von Architektur für die Entstehung des sense of place und entsprechender leiblicher Dynamiken arbeiten. In virtuellen Welten hingegen, die sich prinzipiell nicht an Naturgesetze gebunden fühlen müssten, entwickeln sich Formen und Funktionen erst noch. Aus Sicht der Besucher*innen solcher Experimente kann dies mal enttäuschen und mal überwältigen.

Sense of Place im Museums-Nachbau

Viele Virtual-Reality-Umsetzungen von Museen und Ausstellungsräumen orientieren sich an echten Vorbildern und erzeugen so eine oft wirkungsvolle Illusion der Präsenz an diesen Orten.

Das virtuelle Städel-Museum orientiert sich stark am realen Gebäude (Bildnachweis: Eigener Screenshot)
  • Die kostenlose App Städel Time Machine (2016) versetzt Nutzer*innen in das 19. Jahrhundert, wo sie sich Architektur, Ausstellungskonzept und Exponate des Frankfurter Städel-Museums, Stand 1878, vor Augen führen können. Mit der App lässt sich ein Eindruck vom Museum gewinnen, bevor man es in der Realität aufsucht; sie ist aber auch eingebunden in das Ausstellungskonzept des echten Museums, wo man sie an bestimmten Terminen verwenden kann.
  • Ebenfalls kostenlos kann eine Ausstellung des Museum of Contemporary Art (MOCA), Los Angeles besucht werden, bei der 2017 Werke des Künstlers Kerry James Marshall gezeigt wurden. Die App zeigt eine offenbar recht präzise Nachbildung der Ausstellungsräume, in denen die teils großformatigen Werke Marshalls zu besichtigen sind. Zahlreiche Kommentare ordnen die Werke des Künstlers ein.
  • Für 4,99 EUR lässt sich die Ausstellung Damaged des in Los Angeles lebenden Street-Art-Künstlers, Grafikers und Illustrators Shepard Fairey erleben. Fairey wurde bekannt als Schöpfer des Plakats „HOPE„, das während Barack Obamas Präsidentschaftswahlkampf 2008 entstand. Die Ausstellung Damaged fand im November und Dezember 2017 statt und wurde später als VR-App umgesetzt. Auch diese App zeigt einen fast perfekten Nachbau der echten Ausstellungsräume, was neben Bildern auch Installationen einschließt. Die Audiokommentare werden von Fairey selbst gesprochen, was dem Ganzen den Charakter eines persönlichen Rundgangs mit dem Künstler verleiht.
Ausstellung von Kerry James Marshall im (virtuellen) Museum of Contemporary Art, Los Angeles (Bildnachweis: Eigener Screenshot)

In der Aufzählung eben fielen ein paar Formulierungen, die ich beim Schreiben eigentlich unbewusst verwendet hatte, die aber bei näherer Betrachtung seltsam sind: „versetzt Nutzer*innen in das 19. Jahrhundert“ — „kann die Ausstellung besucht werden“ — „lässt sich die Ausstellung erleben“ Selbstverständlich müssten Begriffe wie ‚versetzt‘, ‚besuchen‘ und ‚erleben‘ in Anführungsstriche gesetzt oder präzisiert werden: Man besucht die Museen ja nicht, man schaut sich die Ausstellungen nicht an, jedenfalls nicht so, wie sie in der ‚echten‘ Wirklichkeit in ‚echten‘ Räumen zu einem Zeitpunkt zu besichtigen waren. Man schaut sich Nachbildungen auf einem Handydisplay an.

Doch meine leichtfertige Nutzung solcher Begriffe kann als ein Zeichen dafür interpretiert werden, dass es den genannten Apps gelungen ist, doch einen sense of place, einen Eindruck örtlicher Präsenz bei mir zu erschaffen. Tatsächlich habe ich während der Nutzung dieser Apps kaum hinterfragt, dass ich unter der — körperlich stets etwas anstrengenden — VR-Brille nur auf einen durch Linsen verzerrten Smartphone-Bildschirm starrte, und dies, obwohl ich genau weiß, wie diese Technik funktioniert. Da war dieselbe suspension of disbelief am Werk, die uns auch hilft, in Romane, Filme und Computerspiele einzutauchen. Der Anspruch der Apps, einen Platz der Realität so genau wie wirklich wiederzugeben, trug dazu bei. Die Umgebungen drängten sich nicht als künstlich, als besonders, als virtuell in den Vordergrund, sondern waren für den Moment die natürliche Umgebung für meine Rundgänge.

Was aber geschieht, wenn der architektonische Anspruch an virtuelle Räume nicht mehr in der Nachbildung einer scheinbar objektiven Realität liegt, sondern explizit die Möglichkeiten von Virtual Reality ausnutzen möchte? Damit kommen wir zurück zum Thema dieser Reihe, dem Museum der Kremer Collection, dessen Exponante zwar zu einer echten Sammlung Alter Meister gehören, das es aber als Museum nur virtuell gibt.

Die virtuelle Kremer Collection bietet alles, was eine VR-Museums-App so braucht, aber dem Museum liegt kein reales Vorbild zugrunde. (Bildnachweis: Eigener Screenshot)

Überwältigt vom Raum

Der Zugang zu diesem Raum war mir versperrt, und doch bin ich hier. Anders als die Nachbauten von Städel-Museum, der MOCA-Ausstellungsräume und der Damaged-Ausstellung, weist das Kremer-Museum keine Ein- und Ausgänge auf. Man ist einfach da und muss sich erstmal orientieren.

Als Besucher*in erscheint man zunächst auf einer runden Plattform in der Mitte der Konstruktion. Von der Plattform gehen mehrere Stege zu den Segmenten eines Rings ab; an den Enden der Stege betritt man den Ring durch Bogengänge. Der Ring erweist sich schnell als Grundform des Museums; auf ihm findet der eigentliche Rundgang statt, dort schweben die 74 Gemälde der Sammlung frei in der Luft.

Kuppelförmig spannt sich ein künstlich-künstlerischer Himmel über das Kremer-Museum. (Bildnachweis: Eigener Screenshot)

Von der Plattform ausgehend, spannt sich der Raum des Museums nach allen Seiten und hoch in einen Himmel, der selbst ein kuppelförmiges Gemälde ist, ähnlich wie in manchen Kathedralen. Ganz oben wurde eine kreisförmige Lücke gelassen, durch die Sterne sichtbar sind. Tritt man an den Rand eines Stegs und blickt nach unten, erkennt man, dass der Kuppelcharakter der Konstruktion sich nach unten fortsetzt, dort aber aus filigranen, ineinander verschränkten Ellipsen besteht. Dort zeigt sich, dass das gesamte Museum im Weltraum schwebt.

Die „Unterseite“ der Konstruktion ist ein filigranes Netz aus goldenen Ellipsen, zwischen denen sich das leere Weltall auftut. (Bildnachweis: Eigener Screenshot)

Besucher*in und Kunst sind in der virtuellen Kremer Collection von Raum und Zeit entbunden. Der Ausstellungsraum ist nicht nur virtuell, sondern versucht auch gar nicht, den Eindruck eines gewöhnlichen, erdgebundenen Museumsgebäudes zu erwecken. Der Architekt Johan van Lierop hat aus der Not eine Tugend gemacht und den Mangel an echtem Baumaterial durch einige Ideen ausgeglichen, die die Potenziale von Virtual Reality andeuten.

Dazu gehört zuallererst das Staunen, das durch anregende Virtual-Reality-Ideen durchaus ausgelöst werden kann. Im Kremer-Museum geschieht dies, wenn man das erste Mal von dessen Architektur überwältigt wird. Aus Sicht eines einzelnen Menschen auf der Anfangsplattform und den geländerlosen Stegen wirkt der Raum riesig; seine Ortlosigkeit ist faszinierend und schwindelerregend zugleich. Während des Rundgangs selbst, am Außenrand des Ringes, ist man zwar sicher von Wänden umgeben, doch diese wirken aus dieser Perspektive noch höher, nach oben strebende Linien betonen erneut die Größe des Raums.

Gemälde und Besucher*in sind winzig im ringförmigen Ausstellungsraum. (Bildnachweis: Eigener Screenshot)

Die in Virtual Reality theoretisch vorhandene Möglichkeit, sich nicht nur auf einer Ebene bewegen zu müssen, sondern zu fliegen, wird im Kremer-Museum nicht genutzt. Dabei wäre gerade dies ein interessanter Schritt, der nicht nur über real-weltliche Konzepte hinausginge, sondern der der vorhandenen Weltraum-Metapher Bedeutung verleihen und den Überwältigungscharakter dieser monumentalen Architektur einschränken würde. Statt ihm nur von unten ausgesetzt zu sein, könnte man sich den Raum in allen Dimensionen zu eigen machen.

So aber wird man sich klein fühlen, angesichts einer monumentalen Bauweise, die dank zahlreicher glänzender Goldelemente zudem materiellen Reichtum ausdrückt.

Erschließung als Ort

Vielleicht ist dies der Grund, warum man wenige Sekunden nach dem Eintreffen erstmal von einem Hologramm von George Kremer und seiner Ehefrau begrüßt wird. Dadurch findet gewissermaßen eine Erdung statt: Hier ist ein nettes würdevolles Ehepaar, das zu einem Einblick in seine Kunstsammlung einlädt. Das nimmt der Weite ein wenig den Schrecken.

Zu Beginn des Besuchs wird man von einem Hologramm George Kremers und seiner Frau begrüßt. (Bildnachweis: Eigener Screenshot)

Um sich nach dem ersten Überwältigungs-„Chok“ das Museum als Ort zu erschließen, ihn also subjektiv mit Bedeutung aufzuladen, ist dennoch Arbeit nötig. Da die Architektur hochgradig symmetrisch ist und von jedem Standort des Rings aus dieselben Gestaltungselemente sichtbar sind, bietet die Konstruktion selbst nur wenig Möglichkeiten, einen sense of place zu entwickeln. Dieser entsteht aber während der Auseinandersetzung mit den Ausstellungsobjekten.

Hat man sich an der Konstruktion nämlich ’satt gesehen‘, fällt bald die Einförmigkeit der Architektur auf. Dadurch aber tritt diese schon in den Hintergrund und lässt der Wirkung der Gemälde Raum. An dieser Stelle ist es dann möglich, in einer (nach Walter Benjamin eigentlich unzeitgemäßen) stillen Betrachtung des Kunstwerks nach der inhaltlichen Bedeutung der Sammlung und der Art ihrer Ausstellung zu fragen.

Dieser Frage gehen wir in Teil 3 dieser Reihe nach. (Hier geht es zu Teil 1 der Reihe.)

7 aus dem Strom: KW24/25

Forschung und Diskussionen zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, veränderter Mediennutzung oder neuen technologischen Entwicklungen wirken wie ein endloser Strom mit vielen Abzweigungen. Regelmäßig verlinken wir sieben besonders interessante Neuigkeiten.

Der Kulturwissenschaftler und Autor Wolfgang Ullrich verlinkt zwei Beiträge von sich zum Thema Konsumverzicht und „Fridays for Future“. Insbesondere das Interview, das Ullrich der Deutschen Welle gab, ist lesenswert. Ullrich darin über das heute nötige Abwägen unterschiedlicher Interessen: „Ich muss persönlich immer wieder neu entscheiden, ob ich ein ökologisches Interesse habe, ein soziales oder strukturelles.“ Dies verursache Unsicherheit und das frustriere. Ullrich fragt, ob nicht sogar Unternehmen selbst Anreize setzen könnten, damit Konsumenten umweltbewusstere Entscheidungen treffen: „Stellen Sie sich vor, das nächste iPhone, das auf den Markt kommt, gibt es nicht einfach nur gegen Geld, sondern das bekommt nur jemand, der nachweisen kann, dass er die letzten zwei Jahre nicht geflogen ist oder 20 Stunden Umweltarbeit in seiner Gemeinde geleistet hat.“ Dies, so Ullrich, wäre ein viel stärkeres Statussymbol als würde man einfach nur viel Geld bezahlen.


Bekanntlich ist der Philosoph Jürgen Habermas 90 Jahre alt geworden. Anlässlich dieses Geburtstags fragt heise-Online-Autor Detlef Borchers: „Wo sind eigentlich [Habermas‘] Reflexionen zur künstlichen Intelligenz“? In Texten und Reden Habermas‘ findet Borchers einige Antworten, wenngleich diese sich eher mit Digitalisierung allgemein befassen.


Künstliche Intelligenz in Form von Robotern und Androiden ist schon lange Thema in der Literatur. Ian McEwans neuer Roman „Maschinen wie ich“ verlegt das Thema in ein kontrafaktisches Großbritannien der 1980er Jahre, in dem Alan Turing noch lebt wodurch es große Forschung in der KI-Forschung gab. Eine Rezension aus Sicht eines Physikers und Philosophen gibt Lars Jaeger in seinem Blog bei spektrum.de. Jaeger hebt hervor, dass McEwan sich „wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit“ befinde. Eine andere Perspektive nimmt Ulrike Baureithel im aktuellen Freitag ein (Ausgabe 25, 20.06.2019). Unter dem Stichwort „Maschinentraurigkeit“ fragt sie, ob Menschen „Sex mit Robotern haben [sollten]“ und was das bedeutet. Daneben übt die Rezensentin vorsichtige Kritik an langen „Monologe[n] [Turings], in denen die Geschichte der Informatik ebenso ausschweifend eingefangen wird wie [Turings] eigene“. Diese Monologe, so Baureithel, „drohen an manchen Stellen die Erzählform zu strangulieren“.


Dass es nach wie vor viel weniger Frauen in der Informatik gibt als Männer, und dass sich diese Lücke bei gleichbleibender Entwicklung wohl erst in 100 Jahren schließen wird, ist Thema einer Nachricht in der New York Times. Die Zeitung berichtet über eine Studie, in der 2,87 Millionen wissenschaftliche Publikationen der Jahre 1970 bis 2018 untersucht wurden; die Daten erhielten die Autor*innen der Studie von der dblp-Bibliographie, die an der Universität Trier gehostet wird.


In der Süddeutschen Zeitung widmet sich Nicole Grün der Befristung wissenschaftlichen Personals. Maßgeblich ausgelöst durch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, sind Kettenbefristungen, kürzeste Vertragslaufzeiten von manchmal nur drei Monaten, das Hangeln von einem Projektantrag zum nächsten sowie Nebenjobs die Regel für sehr viele jüngere Wissenschaftler*innen, die die 40 noch nicht überschritten haben. Frauen sind zusätzlich benachteiligt, wenn sie Kinder bekommen wollen.


Schwarzes Loch in M87. (Bildnachweis: Wikipedia)

Vor zwei Monaten wurde die erste Abbildung eines ‚echten‘ sogenannten Schwarzen Lochs veröffentlicht. Eine neue Folge des AstroGeo-Podcasts diskutiert nun die Frage, wie die Abbildungen (es waren eigentlich mehrere, und es waren keine Fotos, wie schon im April Frank Wunderlich-Pfeiffer bei golem.de betonte) zustande kamen und welche Bedeutung es hat.


Immer mal wieder finden Raumsonden Spuren von Methan auf dem Mars. Zuletzt gelang das dem Mars-Rover Curiosity der NASA, wie die New York Times berichtet. Unklar ist, ob die Messungen alte Methaneinschlüsse sind, die aus wärmeren Tagen des Planeten stammen und durch Felsen freigesetzt werden, ob das Methan gar womöglich Produkt kleiner Mikroben ist — oder doch nur ein Messfehler.

Museum zum Mitnehmen: Die virtuelle Kremer Collection (Teil 1)

Eine beliebte Form von Virtual-Reality-Anwendungen sind virtuelle Darstellungen von Museen; vor ein paar Jahren schrieb ich über das Museum im Zeitalter seiner Virtualisierbarkeit und sie waren Thema meines Buches Die Form des Virtuellen (2016). Ein interessantes Projekt, das es damals noch nicht gab, ist The Kremer Collection, in der ein niederländischer Sammler seine Sammlung in einem virtuellen Museum zugänglich macht — in einer technisch sehr hohen Qualität. Dies wirft erneut Benjamins Frage nach der Reproduzierbarkeit von Kunst auf.

Das Museum, in dem ich mich befinde, steht an keinem Ort. Obwohl es von einem Architekten gestaltet wurde (Johan van Lierop), befindet es sich nicht in einer wirklichen Stadt. Die 74 Kunstwerke, die hier ausgestellt werden — alles niederländische und flämische Alte Meister, sogar ein ‚echter‘ Rembrandt ist darunter — sind in dieser Form nie zusammen zu sehen gewesen. Diese Zusammenstellung gibt es nur in der virtuellen Realität oder Virtual Reality (VR).

Der virtuelle Raum, durch den ich mit Hilfe meiner VR-Brille wandere, wurde eigens für die 1994 begonnene Sammlung des niederländischen Unternehmers George Kremer geschaffen. Die Sammlung wurde in Teilen an verschiedene Museen verliehen, doch der ursprüngliche Plan, ein ‚echtes‘ Museum zu bauen, wurde verworfen. Dank Kremers Sohn Joël wurde der Traum vom Museum zumindest virtuell Wirklichkeit.


Werbevideo des Kremer-Museums (Quelle: Vimeo)

Nah an der technischen Perfektion

Während van Lierop einen Ausstellungsraum entwarf (über dessen überwältigende Unmöglichkeit noch zu sprechen sein wird), war der Rest des Teams vor allem mit der Digitalisierung der Gemälde beschäftigt. Statt einfach vorhandene, niedrig aufgelöste Fotos in 3D-Modelle von Bilderrahmen zu setzen, wurde auf die digitale Vermessung der Originalobjekte gesetzt; das Verfahren nennt sich Photogrammetrie und ist aus Filmen und Computerspielen bekannt.

Bei der Photogrammetrie von kleinen Objekten werden aus vielen Perspektiven mehrere Fotos des Objekts gemacht. Aus den Fotos errechnet eine Software hochaufgelöste, unverzerrte 3D-Modelle. Laut der Entwickler des Kremer-Museums wurde jedes Gemälde zwischen 2.500 und 3.000 mal fotografiert. Dies ist unbestreitbar ein großer Aufwand, zeit- und kostenintensiv. Daher ist die App, über die man das Museum ‚betritt‘ nicht gratis. In den diversen App Stores kostet die App zwischen 4,99 EUR und 9,99 EUR (dieser Artikel basiert auf der Version für Oculus Go).

Ein kleiner Bereich des Rundgangs. Die flachen Screenshots aus dem Oculus App Store geben die Intensität der räumlichen Erfahrung nicht annähernd wieder (Quelle: Werbefoto aus dem Oculus App Store)

Im ersten Zugriff ist das Ergebnis beeindruckend. Die visuelle Qualität ist im Vergleich zu anderen VR-Museums-Projekten sehr gut (wenn man einmal absieht von der durch Fliegengittereffekte getrübten niedrigen Auflösung heutiger VR-Brillen). Die Beleuchtung im Museum ist perfekt, das Ambiente wirkt edel, keine anderen Besucher stören. Zahlreiche eingesprochene Informationstexte versprühen den Geist bürgerlicher Bildung.

Leinwände und Rahmen lassen sich so nah heranholen, als wären sie nur wenige Zentimeter vom Auge entfernt; man glaubt fast, die Farbe riechen, die Struktur berühren zu können. Es ist sogar möglich, hinter die Gemälde zu treten, um deren Rückseiten zu betrachten. Die auf Teleportation basierende Bewegungssteuerung finde ich persönlich intuitiv und komfortabel (wenngleich die Seite Immersive Learning News kürzlich kritisiert hat, dass man die Gemälde nicht im Sitzen betrachten kann, sondern „sich wie in einem echten Kunstmuseum die Beine in den Bauch stehen“ müsse).

Insgesamt also macht der Besuch des Museums Spaß, ist informativ und entspannend gleichermaßen. An dieser Stelle könnte ich diesen Beitrag eigentlich beenden — als begeisterte Rezension einer VR-App.

In der Nahansicht deutet selbst der flache Screenshot die hohe technische Qualität der photogrammetrischen Digitalisierung von Gemälde und Rahmen an (Quelle: Werbefoto aus dem Oculus App Store)

Fragend im Hochglanz

Doch die Hochglanzqualität, der man unter der VR-Brille solipsistisch und ohne den — im echten Museum mitunter störenden — Kontrast nüchternerer Wirklichkeit ausgesetzt ist, erinnert an den Produktfetischismus (taz-Artikel) von Autowerbung und Unboxing-Videos. Wichtiger als die technischen Details der Produktion der VR-Umgebung selbst und der Reproduktion der Kunstwerke für die VR-Umgebung sind daher Fragen nach der Bedeutung solcher Projekte, und dies nicht nur angesichts der nach wie vor ungewissen Zukunft von Virtual Reality insgesamt.

Insbesondere sind folgende Fragen zu diskutieren:

  • Ermöglichen Projekte wie die Kremer Collection genuin neue Formen der individuellen Rezeption von Kunst — oder entspricht der Besuch eines VR-Museums doch eher dem Durchblättern eines gedruckten Kunstkatalogs oder dem Durchklicken durch eine Online-Kunstsammlung im Browser?
  • Verändern VR-Sammlungen die Funktionen, die Kunstsammler*innen, ihre Sammlungen sowie ihre Leihgaben an Museen für verschiedene gesellschaftliche Teilsysteme besitzen?
  • Geht es vor allem um wirtschaftliche Vorteile, die eine VR-Präsentation der Sammlung im Gegensatz zur echten Ausstellung bietet (wie Kremer in einem Interview selbst angedeutet hat, wie die New York Times 2018 berichtete)?
  • Ist die virtuelle Welt nur ein weiteres Feld, in dem „Kalkül und Repräsentationsbedürfnis“ (wie es Horst Konietzny 2016 in seinem Feature „Kunst und Kohle“ im Bayerischen Rundfunk ausdrückte) wirtschaftlich starker Privatpersonen ausgelebt werden können …
  • … oder demokratisieren Virtual Reality-Projekte im Gegenteil den Zugang zu und den Umgang mit Kunst?

Über diese Fragen soll in dieser Artikelserie nachgedacht werden.

Teil 2 dieser Serie erscheint am 27.06.2019, mit dem Titel „Überwältigungsmechanik — allein im unmöglichen Kunst-Raum“. Darin werden zunächst die Architektur und die begehbare Struktur des Kremer-Museums vorgestellt und diskutiert.

Juno Morse hat den Soundtrack für die utopische Maschinenstadt

Die Karriere des bekannten Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke (1917-2008) begann mit der kleinen Novelle „Against the Fall of Night“ (1948, dt. „Diesseits der Dämmerung“). Clarke überarbeitete das Buch später. Die längere Fassung veröffentlichte er 1956 unter dem Titel „The City and the Stars“ (dt. 1960 „Die sieben Sonnen“ bzw. 2011 „Die Stadt und die Sterne“).

Clarkes Thema in beiden Büchern ist das sichere, aber stagnierende Leben in der letzten, einzigen Stadt der Menschheit, Diaspar. Nach Jahrmillionen des Aufstiegs (Clarke dachte damals noch in zeitlichen Dimensionen, die an Olaf Stapledons „Sternenschöpfer“ erinnern) — die Menschen hatten ein weitläufiges Imperium im Weltraum errichtet — wurde die Menschheit zur Erde zurückgetrieben und alles, was von den menschlichen Kulturen übrig geblieben ist, findet sich in Diaspar — auf höchstem Niveau, von unglaublichen Maschinen behütet, aber stagniert und seltsam blass. Alvin ist das erste Kind, das seit langer Zeit geboren wurde. In „Against the Fall of Night“ bzw. „The City and the Stars“ begleiten wir Alvin dabei, wie er die Geheimnisse Diaspars, der Erde und der Menschheit aufdeckt — und natürlich ist am Ende doch alles etwas anders, als die offizielle Geschichtsschreibung vermutet.

Obwohl die Bücher schon so alt sind und in Stil und Zukunftsvorstellungen daher recht anachronistisch anmuten, ist es immer wieder eine Freude, Alvin lesend zu begleiten. Vor kurzem habe ich nun den Soundtrack zum Buch entdeckt. Der Züricher Musiker Juno Morse (mit bürgerlichem Namen Gregor Huber) hat 2013 ein ganzes Album zu „The City and the Stars“ komponiert und es auf Soundcloud zum kostenlosen Hören eingestellt:

Dieser „Artificial Symphonic Approach in 6 Movements“ (so der Untertitel) fängt die Atmosphäre von Clarkes Werk perfekt ein. Juno Morses Album ist elektronisch, beginnt aber mit kathedralenhafter, hollywoodesker Wucht, die den Pathos der Selbstherrlichkeit Diaspars sofort auf den Punkt bringt.

Schnell wird aber auch musikalisch deutlich, dass Diaspar am Ende doch nur ein leises Echo besserer Tage ist, übriggeblieben auf einer Erde, die schon vor Zehntausenden von Jahren zur Wüste geworden ist. Zwischen diesen Polen wechselt die Musik im Verlauf der Handlung: historische Größe einerseits, Melancholie des Niedergangs andererseits, aber doch mit leisen Hoffnungsschimmern versetzt, je mehr Alvin entdeckt.

Mal erinnert sie dabei an Soundtracks von Filmen wie Interstellar (wenn Juno Morse mit pompösen Orgelklängeln spielt) oder Blade Runner (wenn traurige, elektronisch verfremdete Bläser einsetzen). Dann wieder drängen sich Erinnerungen an Computerspiel-Soundtracks auf, wie Exxoss‘ 1992er Album Dune: Spice Opera (zum Spiel zum Film zu Frank Herberts Roman „Der Wüstenplanet“) oder zum Soundtrack des 2016 erschienenen Stellaris (wenn sich zu den Bläsern chillige Midtempo-Beats gesellen).

Die verschiedenen Elemente ergänzen sich zu einem kohärenten Ganzen. Mit der entstehenden Mischung gelingt es Juno Morse nicht nur, die Geschichten Clarkes angemessen zu vertonen — die Musik ruft auch die Erinnerung an mehrere Jahrzehnte multimedialer Science-Fiction-Popkultur hervor, was eigene Beachtung verdient und das Album hörenswert macht.

Ankündigung: Sachbuch „Die Unschuld der Maschinen“ jetzt erhältlich

In unserer heutigen Computergesellschaft sind wir permanent gezwungen, Technik zu vertrauen — rund um die Uhr, jeden Tag, im Kleinen wie im Großen. Seit kurzem ist dazu das Sachbuch „Die Unschuld der Maschinen“ von Über/Strom-Co-Herausgeber Mario Donick erhältlich. Das Buch behandelt alltägliches „Technikvertrauen in einer smarten Welt“, so der Untertitel.

Klappentext

Im Kleinen vertrauen wir darauf, dass Technik so einfach wie in der Werbung funktioniert: kaufen, einschalten und fertig. Doch in der Praxis kommt es immer wieder zu Problemen — die umso schlimmer sind, wenn ein Gerät äußerlich einfach erscheint, aber in Wahrheit viel komplexer ist. Wenn wir dann nicht selbst zum Techniker werden wollen, vertrauen wir darauf, dass uns der Kundendienst des Herstellers hilft, aber das kann ganz eigene Herausforderungen mit sich bringen.

Im Großen vertrauen wir darauf, dass Technik nur das tut, was sie soll. Doch je „smarter“ Technik heute wirkt, desto undurchschaubarer ist ihre Funktionsweise. Wir können nicht genau sagen, was sie eigentlich tut — wir hoffen einfach, dass die Hersteller nichts Böses im Sinn haben, wenn sie unsere Daten auswerten, um Dienstleistungen bereitzustellen. Und wir verlassen uns darauf, dass wir schon nichts zu verbergen haben.

In diesem Buch lernen Sie anhand praktischer Fallbeispiele, was Technikvertrauen heißt und wie Sie heutige „smarte“ Tecnik verstehen können, damit Sie nicht länger nur blind vertrauen müssen. Sie erfahren, was für die erfolgreiche Kommunikation mit dem technischen Kundendienst nötig ist. Und Sie blicken ein paar Jahre in die Zukunft, in eine Welt, die noch viel mehr als heute durch intelligente Geräte vernetzt sein wird.

Das Buch „Die Unschuld der Maschinen. Technikvertrauen in einer smarten Welt“ ist 2019 bei Springer Fachmedien erschienen und kostet 24,99 EUR (Softcover inkl. E-Book).