Träume – Spielwiese unserer selbst

Laut klackern meine Absätze auf dem Kopfsteinpflaster, der Hall wird in der engen Gasse reflektiert, während eine laue Frühlingsbrise meine Haare durchweht. Unbeschwert schlendere ich lange vor der Pandemie durch die Innenstadt Prags. Mein Blick fällt auf ein großes Bild, das im Schaufenster der unscheinbaren kleinen Galerie von Marie Brožová hängt. Sofort bleibe ich gebannt stehen: so viele Details! Ein älterer Mann, an einen Zauberer erinnernd, sitzt mit verträumtem Blick an einem Tisch in einer Art Höhle – womöglich ein hohler Baumstumpf? Wundersame Wesen bevölkern kleine Nischen, Durchgänge ins Freie und winzige, eingerichtete Räume in den Wänden. Minutenlang verliere ich mich in den Details dieses Bildes. Verzaubert betrete ich den kleinen Geschäftsraum, der Galerie und Laden in einem ist. Die Wände hängen voll mit ähnlich aufwändigen Zeichnungen – alle auf DIN A0-Papier und alle mit Buntstift gemalt, wie ich später erfahre. 

„Book of Life“ – mit freundlicher Genehmigung von Marie Brožová

Hinter einigen Ständern voller Postkarten mit diesen Motiven entdecke ich eine junge Frau an der Kasse. Ich frage, noch immer zutiefst beeindruckt, woher die Künstlerin wohl die Inspiration für diese magischen Motive bekommt und ob ihr nicht irgendwann die Ideen ausgehen? Nein, das würde sicher nicht passieren, antwortet die Dame. Frau Brožová male einfach das, was sie in ihren Träumen sehe. Und an Träumen mangele es ja nicht. Um ein paar Euro ärmer, aber einen Stapel Postkarten reicher, verlasse ich kurze Zeit später den Laden wieder. Die Tasche voll mit Traumwelten einer Künstlerin, die ich seither nicht mehr vergessen habe – ihre Bilder zieren nun mein Arbeitszimmer. Warum üben Träume eine so faszinierende Wirkung auf uns aus? Wieso ziehen uns manche Traum-Szenen so in ihren Bann? 

Träume als Spiegel unserer Seele 

Die Psychologie hat sich vor allem in der Geburtsstunde der Psychoanalyse intensiv mit Träumen beschäftigt. Freud machte den Anfang mit seiner berühmten “Traumdeutung” und sah in den Träumen den Königsweg zum frisch entdeckten Unbewussten. Dass es neben dem Bewusstsein eine ganze Welt gefüllt mit Inhalten und Erfahrungen in uns geben könnte, die uns nicht direkt zugänglich ist, war damals ein revolutionärer Gedanke. Später folgte unter anderem Carl Gustav Jung mit seinem Ansatz der subjektstufigen Deutung von Träumen. Die von ihm begründete analytische Psychologie postuliert dabei, dass alles, was uns im Traum begegnet, als Anteil unserer selbst verstanden werden kann – Menschen, Tiere, sogar ganze Landschaften.

Moment, die derbe Bäuerin aus dem Traum neulich könnte eine Persönlichkeitsseite von mir sein? Oder der afroamerikanische Soul-Sänger? Die Spinne? Der Elefant? Setzen wir uns mit diesen Traum-Gestalten auseinander, sind wir mitunter überrascht davon, wer und was sich in uns alles tummelt. Oft lohnt es sich, genauer hinzusehen, denn immer wieder begegnen uns im Traum sogenannte Schatten-Anteile, die wir aus unserem Bewusstsein ausgeschlossen haben. 

Die analytische Psychologie geht davon aus, dass uns im Traum Persönlichkeitseigenschaften oder innere Stimmen begegnen können, die nicht im Einklang mit unserem Selbstbild stehen. Solche dem Bewusstsein fernen Anteile befinden sich nach C.G. Jung im sogenannten Schatten, also einem Teil des Unbewussten. Tauchen bestimmte Gestalten oder Eigenschaften immer wieder auf, kann das demnach mitunter als Hinweis auf eine Einseitigkeit im Lebensvollzug und der Selbstwahrnehmung verstanden werden. Die Bäuerin könnte so für eine bodenständige, zupackende Persönlichkeitsseite stehen, der bisher wenig Raum zur Verfügung stand. Der Sänger könnte für einen leidenschaftlichen musikalischen Selbstausdruck stehen, der im Verborgenen bleiben musste, womöglich aus mangelndem Selbstvertrauen oder Scham.

Die Bedeutung solcher Traumbilder lässt sich dabei nicht pauschal festlegen, sondern muss, angereichert durch die eigenen Assoziationen, individuell erschlossen werden. Sich mit diesen inneren Bildern auseinander zu setzen und davon ausgehend den ein oder anderen Schritt im realen Leben zu wagen, kann dabei durchaus zu einer Reifung der Persönlichkeit beitragen oder kreative Potenziale freilegen. 

Luzide Träume

Eine wahre Spielwiese für Kreativität und ungeschütztes Ausprobieren stellen zweifelsohne die sogenannten luziden Träume dar. In ihnen ist sich die träumende Person der Tatsache bewusst, dass sie träumt und im Traum handlungsfähig ist. Anders als in einer VR-Umgebung oder Star Treks Holodeck ist es hier also möglich, sich nicht nur bewusst durch eine bestimmte Umgebung zu bewegen und in ihr zu handeln, sondern die Welt mitsamt ihren Gesätzmäßigkeiten, Bewohner*innen und Orten nach Belieben zu gestalten. Was wäre, wenn der Himmel grün wäre und das Gras blau? Was, wenn wir Menschen die Größe von Ameisen hätten? Fragen, die wir womöglich zuletzt als Kinder gestellt haben, können in luziden Träumen in Handlungen umgesetzt werden. Warum nicht mal den überdimensionierten Pinsel schwingen und die Welt bunt anmalen? Oder an einen ganz anderen Ort reisen?

Manche luziden Träumer*innen entschließen sich dafür, die Traumwelt als solche unangetastet zu lassen und einfach nur mit dem zu experimentieren, was das eigene Unbewusste ohnehin anbietet: Wie reagieren Traumfiguren darauf, wenn ich ihnen erkläre, dass sie sich gerade in meinem Traum befinden? Was antworten sie wohl, wenn ich sie frage, ob sie auch träumen? Wie fühlt es sich an, durch die Glasscheibe zu fassen, ohne, dass sie kaputt geht? Und funktioniert das Klavier eigentlich, das da drüben in der Ecke steht? Das Erforschen solcher Traumwelten und -Logiken kann inspirierende Erfahrungen und Erlebnisse bieten – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Bild: Modanung, ArtsonistDream (gemeinfrei)

Vorbereitung auf reale Erfahrungen

Dienen die Träume also ausschließlich dazu, uns kreative Erfahrungen zu ermöglichen oder uns mit inneren Anteilen zu konfrontieren? Vermutlich nicht; allerdings ist sich die Neurowissenschaft bis heute nicht sicher, welche Funktion(en) Träume tatsächlich erfüllen. So existieren Theorien, dass Träume dazu dienen, eine Überanpassung des Gehirns an die Realität zu verhindern und so die Funktionsfähigkeit zu gewährleisten – ähnlich einem neuronalen Netz, das immer wieder mit ungewöhnlichen Daten “gefüttert” werden muss. Andere Theorien gehen davon aus, dass wir in Träumen Erlebtes verarbeiten und uns auf potenzielle zukünftige Situationen vorbereiten. Sicher hat jede*r im Vorfeld eines wichtigen Ereignisses bereits von diesem geträumt und auf diese Weise mental mögliche Abläufe durchgespielt.

Um die luziden Träume nochmals aufzugreifen: Studien konnten darüber hinaus feststellen, dass das Üben von Bewegungsabläufen im Traum die Ausführung dieser Bewegungen in der Wachwelt verbessert. Die Kontrollgruppe, die die Traum-Übungen nicht absolviert hat, schnitt signifikant schlechter ab. 

Traumerinnerung

Seien es aufregende Abenteuer, kreatives Ausprobieren oder das Durchspielen von Situationen oder Bewegungsabläufen: Um die vielfältigen Möglichkeiten zu nutzen, die uns Träume bieten, müssen wir uns selbstverständlich an sie erinnern können. Glücklicherweise lässt sich die Traumerinnerung meist schon durch die Beschäftigung Träumen im Allgemeinen und den eigenen Träumen im Speziellen beschäftigen. Die Erfahrung zeigt, dass wir innerhalb der ersten Minuten nach dem Aufwachen das Geträumte sehr schnell vergessen. Wichtig ist daher, am besten direkt am Bett etwas zu haben, um Erinnerungen an die Träume festzuhalten. Viele Menschen nutzen dazu ein Notizbuch, einige auch die Diktiergerät-Funktion des Mobiltelefons oder das Textverarbeitungsprogramm auf dem Laptop. 

Auch wenn zu Beginn nur ein flüchtiges Bild, vielleicht auch nur ein einzelnes Wort, in Erinnerung geblieben ist, lohnt sich das Aufschreiben. Die Beschäftigung und der Versuch des Sich-Erinnerns signalisiert dem Gehirn, dass es sich um relevante Informationen handelt. Nach und nach wird die Traumerinnerung detaillierter werden. Hier gilt es nur, am Ball zu bleiben.

Spielwiese unserer selbst

Träume bereichern uns also auf vielfältige Weise: Sie können uns zu fabelhaften Kunstwerken inspirieren, aufregende Abenteuer erleben lassen, ein Experimentierfeld bieten oder uns in Kontakt mit verschütteten Persönlichkeitsanteilen und inneren Themen bringen. Für die Forschung sind sie noch immer ein rätselhaftes und schwierig zu studierendes Feld. Und auch wir als Träumende werden häufig überrascht von den wundersamen Dingen, die uns im Schlaf widerfahren. Es lohnt sich, diesen verborgenen Welten in uns ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken.


(Titelbild: Jorm S / Shutterstock.com)

Gegen unser Moralempfinden: Warum wir fragwürdige Unterhaltungsmedien und böse Protagonist*innen trotzdem manchmal mögen

Gerade in der Corona-Isolation kommt es verstärkt vor: Wir binge-watchen uns durch Fernsehserien, gern aus unserer Kindheit, Jugend oder frühen Erwachsenenzeit, und stellen ob des fragwürdigen Verhaltens mancher Protagonist*innen fest: „So geht das (heute) eigentlich nicht (mehr)“. Captain Kirk (William Shatner, Star Trek) nannte seine Assistentin in den 1960ern schon mal ‚Blondes Gift‘, nachdem sie ihm den Kaffee bringen durfte; der Militäranwalt Harmon Rabb (David James Elliot, J.A.G.) mansplainte sich bis 2004 durch Büros und Gerichtssäle, wenn er nicht gerade Top Gun-mäßig im Flugzeugcockpit saß; und Barney Stinson (Neil Patrick Harris, How I Met Your Mother) oder Hank Moody (David Duchovny, Californication) schliefen sich bis 2014 durch die Betten hunderter Frauen. Und obwohl diese alten (Anti-)Helden und Geschichten von damals kaum als Vorbild taugen, hängen wir irgendwie an ihnen. Woran liegt das — und ist das schlimm? Das beantwortet die auch psychotherapeutisch arbeitende Psychologin Jessica Kathmann in diesem Gastbeitrag.


Fast jede:r von uns hat ein „Guilty Pleasure“, wenn es um Filme, Serien oder Videospiele geht: eine Produktion, die aus heutiger Sicht moralisch fragwürdige Botschaften vermittelt und die man eigentlich nicht mehr gutheißen kann. Und doch greifen wir immer wieder dazu. Mal werden Frauen klischeehaft und / oder hypersexualisiert dargestellt, mal werden Kriegseinsätze glorifiziert oder prahlen Helden mit misogynen Statements. Und doch kennen viele Menschen das Gefühl, trotz all dieser ihnen selbst gegen den Strich gehenden Inhalte eine bestimmte Produktion doch noch gern zu konsumieren. Spielen wir da ein doppeltes Spiel mit uns selbst? Und wie ist es mit Protagonist:innen, die eigentlich auf der „dunklen Seite der Macht“ stehen und die wir dennoch sympathisch finden, obwohl sie für so manches Grauen verantwortlich sind?

Sicher gibt es keinen Mechanismus, der den Reiz solcher Produktionen umfassend für und alle Rezipient*innen passend erklärt. Es lassen sich jedoch Puzzlestücke identifizieren, die für die einzelnen Produktionen jeweils neu arrangiert und in einen individuell sinnvollen Bedeutungszusammenhang gebracht werden können.

Das Dunkle und Böse

Zunächst scheint es sinnvoll, das „Böse“ näher zu beleuchten: Meist sind damit Handlungen gemeint, die anderen Lebewesen Schaden zufügen, häufig im Sinne körperlicher Verletzungen oder Tod. So tötet der Verbrecher Raymond Reddington in der US-amerikanischen Serie The Blacklist ohne mit der Wimper zu zucken in jeder Folge Konkurrenten und Gegenspieler. Auch vor Folter schreckt er nicht zurück, wenn es ihm und seinen Interessen dient. Diese Interessen sind allerdings nicht rein „niederer“ Natur, sondern dienen häufig dem Schutz einer ihm nahestehenden Person. Unabhängig davon tritt er als charmanter, äußerst gebildeter und feinsinniger Mann von Welt auf, der hin und wieder auch Selbstzweifel und innere Konflikte durchblitzen lässt.

Diese Art von „böse“ unterscheidet sich von einer rein „triebhaften“, „niederen“ Lust an moralischen Vergehen und dem Zufügen von Leid. Sie ist differenzierter, weniger un-menschlich und damit nahbarer. Auf den ersten Blick „böse“ Charaktere sind also häufig ambivalent dargestellt und üben durch das Wechselspiel zwischen „Gut“ und „Böse“ eine besondere Faszination auf die Rezipient*innen aus. Damit verbunden ist womöglich auch der menschliche Wunsch, in allem doch auch etwas Gutes zu finden.

Das Dunkle in uns Selbst: Schatten-Anteile

Dieser Wunsch liegt unter anderem darin begründet, dass wir im Dunklen und Bösen einer Film- oder Videospiel-Figur auch das Dunkle und Böse in uns selbst erahnen. Diese weniger wünschenswerten und gesellschaftlich nicht akzeptierten Anteile unserer Persönlichkeit haben wir – im Verständnis von C.G. Jung – in den „Schatten“ verbannt. Damit ist ein Teil des persönlichen und des kollektiven Unbewussten gemeint, der als Sammelbecken für ungewünschte Eigenschaften und weniger entwickelte Persönlichkeitsanteile verstanden wird. Dabei handelt es sich, auch wenn die Bezeichnung „Schatten“ zunächst Anderes vermuten lässt, nicht ausschließlich um negative, dunkle Anteile, sondern um alles, was im Bewusstsein keinen Platz findet.

C.G. Jung konzipiert, im Gegensatz zu Sigmund Freud, neben dem persönlichen Unbewussten ein kollektives Unbewusstes mit dem zugehörigen Schatten, den die Gesellschaft als Ganze teilt und in dem von der Gesellschaft Unerwünschtes „gelagert“ ist. Im Bild der „eifrigen Deutschen“ beispielsweise lassen sich womöglich Faulheit und Müßiggang im Schatten verorten. Dabei darf der Schatten allerdings nicht als hermetisch abgeriegelter Bereich gedacht werden, sondern muss eher als Bereich der persönlichen und gesellschaftlichen Seelenlandschaft verstanden werden, aus dem heraus die dort verbannten Eigenschaften wirken können.

Eine Persönlichkeitsentwicklung findet dann statt, wenn es gelingt, sich mit den Schatteninhalten konstruktiv auseinanderzusetzen und immer wieder neu zu verhandeln, welche Inhalte in welcher Form ins Bewusstsein integriert werden können und sollen. Eine solche Auseinandersetzung kann auch – meist unbewusst – über Figuren aus Unterhaltungsmedien stattfinden. Besonders reizvoll sind dabei Charaktere, die weniger holzschnittartig das Schwarz-Weiß-Denken bedienen, sondern ambivalente Persönlichkeiten darstellen. Diese fordern uns immer wieder heraus, gut und böse, erwünscht und unerwünscht, neu zu verhandeln. Filme, Videospiele oder Serien stellen somit ein „Drittes“ zur Verfügung, das zwischen den Rezipient*innen und ihrem Schatten steht und die Auseinandersetzung mit diesen Schatten-Inhalten erleichtert.

Die Tatsache, dass es sich um fiktive Geschichten handelt, erlaubt selbstverständlich auch das Ausblenden moralischer Implikationen, womöglich im Sinne einer besonderen Form der (Willing) Suspension of Disbelief. Dieses Konzept kam bereits im frühen 19. Jahrhundert auf und wurde herangezogen, um die Bereitschaft zu erklären, auch unwahrscheinliche oder unmögliche Handlungsstränge in fiktionalen Werken anzunehmen. Womöglich wirkt ein ähnlicher Mechanismus, wenn wir eine allzu tiefe Auseinandersetzung bei der Rezeption einer Geschichte mit moralisch fragwürdigen Begebenheiten mit dem Gedanken „ist ja nur ein Film/Spiel/…“ beiseite schieben.

Der Reiz der Vergangenheit

Ein ganz besonderes Verhältnis scheinen wir dabei zu Produktionen aus der Vergangenheit, oft aus Kindheit oder Jugend, zu haben. Bei ihnen sind wir häufig besonders bereit, entweder über fragwürdige Botschaften (beispielsweise die Glorifizierung der US-Navy in J.A.G.) hinwegzusehen oder mit Charakteren zu sympathisieren, die aus heutigem Verständnis zum Beispiel misogyn auftreten. Wie kommt es, dass wir heute mitunter ganz andere Werte vertreten und uns über eine ähnliche Produktion aus der heutigen Zeit echauffieren würden, gleichzeitig aber andere Maßstäbe an alte Produktionen setzen?

Auch hier kommen eine Reihe von Faktoren zum Tragen, die hier aufgrund der Komplexität nur angerissen werden können. Eine besondere Rolle nimmt dabei die Nostalgie ein. In früheren Jahrhunderten sogar als Krankheit aufgefasst, sieht man ihr Wirken heute weit positiver. Eine psychologische Studie konnte zeigen, dass Nostalgie vor allem dann aufkommt, wenn wir mit negativen Gefühlen konfrontiert sind, zum Beispiel Unsicherheit oder Zukunftssorgen. Dieselbe Studie legt nahe, dass sich Nostalgie positiv auf diese Gefühle auswirkt und unter anderem das Selbstwertgefühl steigert.

Vermutlich ist diese positive Wirkung unter anderem damit zu erklären, dass vergangene Ereignisse oft verklärt und positiver erinnert werden, als sie tatsächlich waren. Das Wiederspielen eines Spiels oder das Wiedersehen eines Films aus der Vergangenheit kann uns in eine von vielen Menschen als positiv erinnerte Zeit zurückversetzen. Handelt es sich um Produktionen aus der eigenen Kindheit und Jugend, kommt häufig hinzu, dass man sich in diesem Alter meist weniger Gedanken über die durch Medien transportierten Inhalte gemacht hat und die gesellschaftliche Debatte darüber an einem ganz anderen Punkt stand, als das heute der Fall ist.

Parasoziale Beziehungen

Häufig haben wir – nicht nur, aber in besonderem Maße – zu Figuren aus längst vergangenen Serien, Filmen oder Videospielen parasoziale Beziehungen aufgebaut. Damit sind einseitige Beziehungen gemeint, die wir zu fiktiven oder realen Charakteren aufbauen, zu denen wir keinen Kontakt haben. Die entsprechenden Produktionen regen in uns also einen Phantasieraum an, in dem wir uns Freundschaften oder gar romantische Beziehungen vorstellen und durchspielen können. In gewisser Weise stellen sie die Fortsetzung kindlicher Als-ob-Spiele dar, die zur psychischen Reifung beitragen. Auch solche parasozialen Beziehungen können die persönliche Bewertung einer Produktion trotz vieler negativer Aspekte ins Positive bewegen.

Warum wir also mitunter „Guilty Pleasures“ hegen oder mit „bösen“ Charakteren sympathisieren, ist individuell und nur im Zusammenspiel verschiedener Faktoren erklärbar. Ansatzpunkte dafür können die Art des Bösen und die Vereinigung dunkler Anteile in einer ambivalenten Figur darstellen, genauso wie die Verortung dieser dunklen Anteile im Schatten des persönlichen und kollektiven Unbewussten. Daneben können, insbesondere bei alten Produktionen, Nostalgie und parasoziale Beziehungen eine wichtige Rolle einnehmen. Letztlich bleiben die Motivationen allerdings so individuell wie die Individuen selbst.


(Titelbild: BrAt82 / Shutterstock.com)

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