Matrix Resurrections – Nur Nostalgie oder aktueller denn je?

Morpheus sagt im neuen vierten Teil der Matrix-Filme kurz vor Neos Rückkehr in die „reale Welt“: „Nichts mindert unsere Angst mehr als ein Hauch Nostalgie“.

Warum haben wir uns auf den neuen Matrix-Film „Matrix Resurrections“ so gefreut? Sicher auch wegen der nostalgischen Sehnsucht nach der guten alten Zeit vor ca. 20 Jahren, als der Matrix-Film mit einer genialen Idee Filmgeschichte schrieb und filmisch den Verdacht umsetzte, dass das Internet und die neuen digitalen Medien nur eine virtuelle Welt, die die „eigentliche Realität“ verschluckt hat. Mich hat dieser Gedanke im Jahr 1999 fasziniert, da ich mich damals mit dem Gegensatz von Simulation und Realität/Authentizität in meiner Dissertation beschäftigte. Vor allem setzte ich mich intensiv mit Jean Baudrillards Theorem vom Simulakrum auseinander, auf das sich der erste Matrix-Film explizit bezog.

Nun nach 18 Jahren erscheint endlich wieder einen neuer Matrix-Film…und was passiert? In Mecklenburg-Vorpommern sind die Kinos zu – wie unglaublich schade. Ich habe es dennoch geschafft, mir den Film zweimal anzuschauen 😉

Zuallererst: mir hat der Film sehr gut gefallen – er ist kurzweilig und hervorragend inszeniert. Keanu Reeves konnte mich auch wieder begeistern. Aber die wichtigste Frage lautet: Was hat uns der Film medientheoretisch im Jahr 2021/22 mitzuteilen, nach dem so viel Zeit seit dem dritten Teil von Matrix vergangen ist und die digitalen Medien einen wahnsinnigen Aufschwung seitdem genommen haben?

Der vierte Teil ist der erste Matrix-Film, der Humor hat und selbstironisch darauf Bezug nimmt, dass es sicherlich finanziell sehr lukrativ war, einen weiteren Matrix-Film zu produzieren. Man freut sich auch über so lustige Ideen wie das Café mit dem vieldeutigen Namen „Simulatte“, in dem sich Trinity und Neo erneut begegnen oder über die Büste von Friedrich Nietzsche auf dem Schreibtisch des Agenten Smith.

Und der Film macht auch noch etwas sehr Kluges: Lana Wachowski, die Regisseurin, weiß, dass es längst ein Allgemeinplatz geworden ist, dass die digitalen Medien uns eine Scheinrealität vorspielen: aus dem Verdacht ist mittlerweile Wahrheit geworden. Aus diesem Grund erscheint es uns wiederum sehr aus der Zeit gefallen, dass die reale Welt im Film noch immer existiert und so furchtbar grau, gruselig und alles andere als einladend aussieht. Irgendwie möchte man dann doch lieber in der bunten, kuscheligen und warmen Matrix bleiben – auch wenn man scheinbar keinen eigenen Willen mehr besitzt und von einem Chef-Programmierer gesteuert wird.

Wir wissen inzwischen, dass sich die „alte“ reale Welt allmählich beginnt aufzulösen. Die Grenze zwischen digitaler und analoger Welt wird einerseits immer sichtbarer und auf der anderen Seite verschmelzen diese beiden Welten immer mehr miteinander. Bleibt in den ersten Matrix-Filmen die Differenz zwischen Realität und Illusion erhalten, hat nun die These von Baudrillard ihre Bestätigung gefunden, nämlich darin, dass es keine Ursprungsrealität gibt und die Realität selbst in der Hyperrealität aufgegangen ist. Es gibt im Film zwar noch die reale Welt, aber der Film glaubt darin selbst nicht mehr so recht.

Neo arbeitet im neuen Film als Computerspielentwickler, der die ersten drei Matrix-Spiele entwickelt hat, damit berühmt geworden ist und Preise gewonnen hat. Und man fragt sich als Zuschauerin während des Films die ganze Zeit, ob es sich wirklich nur um ein Computerspiel handelt oder der wahre Neo, der im dritten Teil eigentlich gestorben ist und dadurch die Stadt Zion, die reale menschliche Welt, gerettet hat, doch wieder von den Maschinen in die Matrix eingeschleust und umprogrammiert wurde.

Aber eigentlich spielt es auch schon fast gar keine Rolle mehr, denn die Botschaft des Films lautet vor allem: Holt Euch Eure Selbstbestimmtheit und das freie Denken zurück! Ihr habt es selbst in der Hand! Das ist freilich eine sehr zaghafte und schlichte Botschaft…

…aber Trinity und Neo sind am Ende wieder vereint und könnten die Menschen gemeinsam aus der Matrix retten…das schreit quasi nach einem fünften Teil, vielleicht dann auch wieder etwas mehr sophisticated 😉

(Titelbild: Wikimedia Commons)

Digitaler Overload

Inzwischen habe ich eine regelrechte Aversion gegen Videokonferenzen entwickelt. Das, was in den letzten Monaten vielleicht noch in gewisser Weise Spannung und Aufregung versprach, weil es Neuland war, ermüdet mich zusehends. Ich stelle fest, dass einige meiner Kolleg*innen in dieser Hinsicht mitunter etwas resilienter zu sein scheinen bzw. es mit mehr Gleichgültigkeit ertragen können als ich dazu in der Lage bin.

Normalen Videokonferenzen, in denen es um einen kurzen Informationsaustausch geht oder man einem interessanten Vortrag lauscht (Mario Donick hat in seinem Beitrag „Das Privileg des Analogen“ die einfachere Teilhabemöglichkeit bei virtuell stattfindenden Konferenzen beschrieben), kann ich durchaus etwas abgewinnen. Aber sobald es in Richtung zwischenmenschlichen Austausch und Unterhaltung geht, um das Arbeiten in Arbeitsgruppen, Small Talk in Breakout Rooms oder virtuellen Lounges – wird es für mich völlig widersinnig. In meinen Augen wird damit der Sinn der zwischenmenschlichen Kommunikation und des Zusammenlebens an sich ad absurdum geführt.

Ich habe das in der letzten Woche gerade wieder bei zwei Online Tagungen erlebt. Am Anfang vergehen zehn Minuten, bis jeder die Plattform (war keine, die ich kannte) verstanden hat. Die Hälfte hatte keine Lust zum Nachfragen, wie bestimmte Tools funktionieren, die leider häufig nicht selbsterklärend sind oder sich intuitiv erschließen. Dann wurde ausprobiert, ob Kamera und Mikro funktionieren und parallel gab es noch eine für die meisten Teilnehmenden ebenfalls bisher unbekannte zweite Plattform, auf der alle synchron zusammenarbeiten und bunte Zettelchen an virtuelle Pinnwände ankleben konnten. Ich finde diese Vorgehensweise bei Workshops in analoger Form schon langweilig und unergiebig – aber virtuell mit 40 Personen an etwas zu arbeiten, ohne dass man sieht, was die andere Person macht, entbehrt aus meiner Sicht absolut jeglichen Mehrwert. In der Mittagspause habe ich mich entnervt ausgeklinkt. Bei der zweiten Tagung habe ich nicht mal die Website verstanden, die wie ein Computerspiel aussah und sehr cool und stylish wirkte, sich mir aber nicht erschloss.

Analoger zwischenmenschlicher Austausch entwickelt zusätzlich seinen Mehrwert dadurch, dass man andere Menschen mit all seinen Sinnen wahrnehmen und kennenlernen kann, selbst wenn Tagungen in Präsenz fachlich auch nicht immer begeistern können. Das kennt jeder. Aber irgendwelche interessanten Gespräche sind doch meistens dabei; man lernt einen neuen Ort und vielleicht auch eine neue Stadt/Land kennen, spürt die Stimmung dort. Das alles beeinflusst mich. Vor dem Bildschirm fühle ich mich nicht lebendig, sondern wie nicht existent.

Klar, medial vermittelte Kommunikation gab es immer – durch Briefe, später durch Telegrafie, Telefon, Fax, E-Mails, Kurznachrichten usw. Aber die Art des Kommunizierens passt sich eigentlich dabei immer der Art des Kommunikationsmediums an, so dass jedes Medium seinen bestimmten Zweck erfüllt und auf eine bestimmte Situation angepasst wird.

Bei größeren Online-Meetings versuchen wir nun, „reale“ Konferenzen oder Treffen mit mehreren Personen zu imitieren. Und das kann nicht funktionieren, da immer etwas fehlt. Selbst wenn sich zwei oder drei Personen gesondert in einem Breakout Room unterhalten, bleiben die anderen Tagungsteilnehmenden unsichtbar, während man beispielsweise bei einer Tagung in Präsenz in der Kaffeepause an einen gesonderten Tisch gehen kann und dabei die anderen Teilnehmenden beobachten und das Geschehen um einen herum auch wahrnehmen kann und damit mehr Reize und Informationen aufnimmt; es ergeben sich zufällige Begegnungen zwischen Tagungsteilnehmenden, die virtuell wahrscheinlich nicht stattfinden würden – von einem ungezwungenen, gemütlichen und entspannenden Abendessen ganz zu schweigen.

Ich merke das auch immer wieder im universitären Alltag: Man bekommt nicht nur durch das momentan oft genutzte Homeoffice weniger von der Arbeit der Kolleg*innen mit, sondern eben auch aufgrund der vielen Online-Meetings. Das heißt, ein Großteil der Arbeit (Dienstberatungen, Konferenzen, Workshops, Diskussionen usw.) findet in einer „Black Box“ statt – unsichtbar für die Augen der Anderen.

Wie Urs Stäheli in seinem Buch „Soziologie der Entnetzung“ feststellt, ist die Zeit vorbei, um noch zwischen realer und virtueller Welt eine Grenze ziehen zu können. Die unschuldige, unberührte analoge Welt gibt es nicht mehr, so Stäheli. Es bringt also nichts mehr, dieser nostalgisch hinterher zu trauern. Trotzdem gilt es jedoch, die digitalen Hilfsmittel und Instrumente immer wieder auf ihre situative kontextbezogene Sinnhaftigkeit und ihren Nutzen hin zu überprüfen und diese nicht einfach unhinterfragt zu verwenden. Es gibt eindeutig auch ein Zuviel an digitaler Vernetzung, so dass die verschiedenen Tools inflationär eingesetzt werden und oft die (Nicht-) Kommunikation und die Technik im Vordergrund stehen und nicht der inhaltliche, emotionale Austausch – der sich mit unseren derzeitigen digitalen Mitteln (noch) nicht adäquat ersetzen lässt.

Es ist nicht so, dass ich glaube, dass Videokonferenzen nicht auch gewinnbringend sein können, jedoch dürfen sie nicht Überhand nehmen – das ist für mich eine Erkenntnis aus der pandemischen Situation.

(Titelbild: Wikimania 2021 (Wikimedia Foundation)/Wikimedia Commons)

Wohin steuert unsere Welt gerade? Novembergedanken

Irgendwie bin ich mir im Moment unsicher, wohin sich unsere Gesellschaft und die ganze Welt entwickeln wird. Nach meinem Empfinden befinden wir uns gerade in einer Art Übergangsphase, die durch die Pandemie noch einmal sichtbarer wird. Wir sind von sehr widersprüchlichen Entwicklungen und Tendenzen umgeben. Auf der einen Seite bilden sich weltweit sehr feministisch geprägte Protestbewegungen wie „Fridays for Future“, „Black Lives Matter“ oder „NiUnaMenos“ („Nicht eine weniger“), wie die Philosophin Eva von Redecker in ihrem Buch „Revolution für das Leben“ darlegt und die Hoffnungen machen, dass wir an der Schwelle zu entscheidenden gesellschaftlichen Veränderungen stehen könnten, die vom Turbokapitalismus Stück für Stück wegführen.

Zum anderen gibt es wiederum aber auch nationalistisch konservative Tendenzen, wenn wir uns zum Beispiel die schon mehrere Jahre anhaltende Popularität der Partei AfD anschauen, die wachsende EU-Skepsis in einigen europäischen Ländern, die Flüchtlingspolitik und die grenzenlos wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik weltweit, die mit einem starken Konkurrenzdenken zwischen den Großmächten der Welt einhergeht.

Wir leben in einer Welt, in der sozialistische und kommunistische Experimente scheinbar vorläufig ausgedient haben. Auch die linken Intellektuellen sind sich darin einig, dass das Leben in den Ländern, in denen noch kommunistische oder sozialistische Strukturen existieren, nicht besonders erstrebenswert ist, sondern dass sich etwas Neues entwickeln muss. Das Besitzbürgertum ist jedoch so sehr besorgt um seinen Wohlstand, dass die Veränderungen nur in Minischritten vorankommen. Und die digitale Blase verhindert aktives Handeln, da sie die Menschen nur als Datenlieferanten behandelt und nicht als Lebewesen, die nicht außerhalb der Natur stehen, sondern inhärenter Teil dieser sind und weit mehr und vor allem andere Fähigkeiten besitzen als künstliche Maschinen.

Und da frage ich mich nun – wo ist das Licht am Ende des Tunnels und wie lange dauert es noch, bis sich der Mensch evolutionär vom Raubtier in Richtung eines friedlichen Wesens entwickelt hat und dann endlich das Wunder des solidarischen kooperativen Miteinanders ohne „sachliche Herrschaft der Profitorientierung“ und „Sachherrschaft der Eigentumsfixierung“ (Eva von Redecker) wahr wird. Es gibt eben leider noch zu viele Menschen, die Angst vor einem angeblich langweiligen, tristen Leben haben, in dem sie nicht mehr behaupten können, dass sie mehr wert als andere Menschen sind oder mehr Erfolg, Kompetenzen und Besitz haben. Denn in einem kooperativen Lebensmodell würden auch die individuellen Differenzen, Fähigkeiten und Vorlieben der Menschen keine Schwierigkeiten mehr darstellen, wie von Redecker schreibt. Sie hinterfragt in ihrem wunderbaren Buch, das sich fast als Manifest liest, die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse noch einmal grundlegend und stellt sich mit Wucht in einer direkten Sprache gegen den Kapitalismus mit all seinen widersprüchlichen Verwerfungen, so deutlich wie ich es lange nicht mehr gelesen habe:

„Das Bild des Kapitalismus als frei schwebender Jongleur, der stets noch mit einem Ball mehr zu jonglieren weiß, ist zu schmeichelhaft. Man soll dem Kapitalismus nicht durchgehen lassen, sich als Ekstase, als unstillbares Verlangen, als schlaflose Nacht zu inszenieren. Er lässt nicht alle Puppen tanzen, selbst wenn er die Gebeine der Vergangenheit aufwirbelt. Das, was funkelt wie ein Karussell, ist nur die wacklige Spitze eines riesigen Bergs aus Müll, Langeweile und Leichenteilen.“

Eva von Redecker provoziert mit diesen radikalen Äußerungen und macht uns Hoffnung…insofern, dass ihrer Meinung nach, die Menschen spüren, dass sich etwas ändern muss und dass der Klimawandel in der jetzigen kapitalistischen Wachstumslogik nicht zu stoppen ist. Andererseits konstatiert sie, dass den Menschen noch der Mut zum Handeln fehlt, weil ihnen bewusst ist, dass es nicht ohne Verzicht gehen wird und sie sich wohl vom geliebten, teilweise luxuriösen Wohlstand verabschieden müssten.

Denn es bringt nichts, wenn nachhaltige Bio-Produkte produziert werden, die quantitative Produktion von Konsumgütern an sich jedoch nicht reduziert wird. Das ist ein Widerspruch in sich. Für das Klima ist es am besten, wenn man seine Klamotten so lange trägt und sein Auto so lange fährt, bis es nicht mehr geht anstatt immer mehr zu kaufen, auch wenn es sich um nachhaltig produzierte bzw. umweltfreundliche Waren handelt. Das ist ein großer Selbstbetrug.

Und so lange wir es allen Ernstes für moralisch richtig halten, dass Krankenhäuser Profit machen müssen, dass nicht so viele Lehrer*innen, Pflegekräfte, Wissenschaftler*innen eingestellt werden dürfen wie gebraucht werden, sondern diese Entscheidungen nur auf Grundlage finanzieller Ressourcen getroffen werden, wird es nie zu einer größeren gesellschaftlichen Gerechtigkeit kommen. Eva von Redecker schreibt im Rückgriff auf Hannah Ahrendt:

„Hannah Arendt diagnostizierte schon für das Ende des 19. Jahrhunderts eine heimliche Bewunderung der guten Gesellschaft für die Kriminalität, in der das Bürgertum ihre eigenen Methoden erkennt. Was den größten Scharlatanen die Wählergunst sichert, ist, dass sie offen so handeln, wie man selbst es doch noch eher verschämt und stümperhaft im Verborgenen tut. Alle Mittel einsetzen. Sonst wird man schließlich am Ende selbst eliminiert.“

In der bürgerlichen Gesellschaft geht es in erster Linie darum, mögliche Konkurrent*innen, die den eigenen Erfolg gefährden könnten, aus dem Weg zu räumen. Erst dann hat man sein Ziel erreicht. Das erinnert mich an den Hochstapler Felix Krull, der mit seinen Verstellungskünsten zeigt, dass es Zufall ist, in welche Gesellschaftsschicht man hinein geboren wurde und der als Simulant die nur auf Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeiten fixierte Geldaristokratie entlarvt.

Erich Kästners moralischer und ebenfalls sympathischer Fabian sagt schon im Jahr 1931 so unglaublich aktuelle Sätze wie „Und sei mir nicht böse, wenn ich nicht glaube, daß sich Vernunft und Macht jemals heiraten werden. Es handelt sich leider um eine Antinomie. Ich bin der Überzeugung, daß es für die Menschheit, so wie sie ist, nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder ist man mit seinem Los unzufrieden, und dann schlägt man einander tot, um die Lage zu verbessern, oder man ist, und das ist eine rein theoretische Situation, im Gegenteil mit sich und der Welt einverstanden, dann bringt man sich aus Langeweile um. Der Effekt ist derselbe. Was nützt das göttlichste System, solange der Mensch ein Schwein ist?“

Im Gegensatz zu Felix Krull ist Fabian jedoch ein hoffnungsloser Melancholiker, der das Gefühl hat, nicht ins System zu passen, da ihm Geld und Macht völlig egal sind und er darin für sich keinen Lebenssinn erkenn kann. Felix Krull dagegen ist ein Lebenskünstler, der die unmoralische Welt genauso wie Fabian durchschaut, sich jedoch mit Vergnügen an sie anpasst und mit ihr spielt.

Byung-Chul Han stellt in seinem neuesten Buch „Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie“ fest, dass das „Disziplinarregime“ im digitalen Zeitalter durch ein „neoliberales Informationsregime“ ersetzt wurde, in dem sich die Herrschaft als freundliche, offene und moderne „Freiheit, Kommunikation und Community“ tarnt. Wir können heutzutage alles sagen und teilen – daraus entstehe jedoch kein argumentativer und dialektischer Diskurs, der Zeit benötigt, die uns aber nicht mehr gelassen wird. Han analysiert treffend: „Die logische Kohärenz, die den Diskurs auszeichnet, ist den viralen Medien fremd. Informationen haben ihre eigene Logik, ihre eigene Temporalität, ihre eigene Dignität jenseits von Wahrheit und Lüge.“

Insofern täuscht auch das digitale Zeitalter etwas vor, das es nicht ist – ein offener, sozialer, globaler Vernetzungsraum, der die Welt auf ein „globales Dorf“ (Marshall McLuhan) reduziert und für Frieden und gegenseitiges Verständnis sorgt. Man ist versucht, diesem einst positiven Ansinnen der inzwischen mächtigen digitalen Konzerne auch teilweise zuzustimmen, wenn sie nicht selbst in die völlig unmoderne und konservative kapitalistische Wachstumslogik eingebettet wären, wodurch jede individuelle Freiheit und jedes solidarische Gemeinschaftsgefühl nur simuliert und absurdum geführt wird.

Also leider irgendwie nichts Neues…aber genau dieser Stillstand bzw. dieser sich wie ein Vakuum anfühlende Zustand nervt…

(Titelbild: Jeshu John, http://www.designerspics.com/)

Führt das Ausleben unserer Individualität zukünftig auch zu mehr Isolation?

Diana Kinnert/Marc Bielefeld: Die neue Einsamkeit. Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können

In den letzten Monaten habe ich einige Interviews der jungen CDU-Politikerin Diana Kinnert gesehen, die mich sehr beeindruckt haben, weil es sich hier um eine Politikerin handelt, die in einem völlig anderen Sound als andere Politiker*innen spricht und dazu noch Inhalte vertritt, die man selten aus der CDU hört. Obwohl ich keine Nähe zu der Partei verspüre, begeistert mich die junge unkonventionelle Diana Kinnert, die als Markenzeichen einen Cowboyhut trägt und die ansonsten auch eine sehr lässige Erscheinung ist.

Was mir besonders an ihrem Buch „Die neue Einsamkeit“ gefällt, ist die Tatsache, dass darin keine üblichen politischen Phrasen gedroschen werden, sondern Kinnert in ihrer Gesellschaftsanalyse und beim Beschreiben des Phänomens „Einsamkeit“ vom Menschen und seinen Emotionen ausgeht, was in der Politik und auch in gesellschaftlichen Debatten meistens zu kurz kommt. Sie versucht sich auf knapp 500 Seiten der Frage zu nähern, warum die Vereinzelung innerhalb der Gesellschaft, das Gefühl der Einsamkeit und der Bedarf an psychologischer Therapie besonders bei jüngeren Leuten zunehmen. Dabei kommt sie zu dem originellen Ergebnis: „Der Mainstream ist in tausend Subkulturen zerfasert – und diese tausend Subkulturen sind gerade dabei, zum Mainstream zu werden“. Sie bezeichnet unsere Gesellschaft als „überindividualisiert“, da jeder Mensch sein eigenes Leben heutzutage ganz individuell kreieren und gestalten kann – zunehmend unabhängig von Geschlechterzugehörigkeit, sozialen Schichten und tradierten Normen. Diese durchaus positiv zu bewertende Entwicklung hat aber auch eine negative Seite.

Ähnlich wie der Philosoph Byung-Chul Han stellt auch Kinnert fest, dass der moderne Mensch im digitalen Zeitalter die Lust auf Spiritualität, auf das Rätselhafte und auf die Frage nach dem Sinn des Lebens verloren hat. Das Smartphone produziere die „maximale Unverbundenheit durch maximale Absorbiertheit“.

Die scheinbare digitale Revolution befördert die Arroganz, Selbstherrlichkeit und Überzeugtheit der Jetztmenschen, in einem Zeitenumbruch zu leben, so wie keine Generation vor uns. Dabei ist diese Annahme wissenschaftlich betrachtet absoluter Nonsens und dazu noch völlig unlogisch, denn wir kennen nun einmal nur unsere Jetztzeit und können uns in das Lebensgefühl der späteren und früheren menschlichen Generationen überhaupt nicht hineinversetzen.

Wie viele andere Autor*innen, die in den letzten Jahren Bücher zum digitalen Zeitalter geschrieben haben, analysiert Diana Kinnert, dass das Smartphone und die sozialen Medien das Unverbindliche, Oberflächliche und Flüchtige befördern. Das ist erst einmal kein neuer Befund. Neu ist jedoch, dass hier eine junge Politikerin und Publizistin in einer unprätentiösen, authentischen Art und Weise und in einer direkten Sprache den aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus anprangert: „Und darum würde ich heute, nach allen Betrachtungen und Überlegungen, ganz besonders die Jugend mit Nachdruck und Überzeugung dazu auffordern, dem verlogenen Schein- und Community-Kapitalismus zu sagen: fuck you. Ich würde einfach wieder siezen“. Das ist eine herrlich erfrischende Sprache und tut gut. Die Autorin folgt dabei der Analyse des Soziologen Richard Sennett, der die Jugend dazu aufgefordert hat, sich einfach nicht auf den ausufernden Neoliberalismus einzulassen – das erinnert an das berühmte Zitat aus einem Gedicht von Carl Sandburg: „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“

Der zweite Teil des Buches verliert sich teilweise zu sehr im Allgemeinen, was bei dem Thema nicht ausbleibt, da das Gefühl der Einsamkeit ein sehr subjektives ist und auch per se nicht unbedingt negativ sein muss. Kinnert unterscheidet in ihrem Buch die emotionale, soziale und kollektive Einsamkeit. Und sie macht deutlich, dass das Gefühl des unfreiwilligen Ausgeschlossenseins aus Gemeinschaften eines der traumatischsten Erlebnisse ist, die ein Mensch erfahren kann. Es reiche nicht aus, einfach nur physische oder virtuelle Orte der Begegnung zu schaffen (wie zum Beispiel Mehrgenerationenhäuser), um der Vereinzelung entgegenzuwirken, so die Autorin. Notwendig sei es, eine tiefere Verbundenheit der Menschen untereinander zu fördern, zum Beispiel durch „neue Modelle der ökonomischen Partizipation“.

Auch wenn Kinnert am Ende des Buches keine Lösung des Problems präsentiert und dieses auch gar nicht möglich ist – ist es auf jeden Fall ein großes Verdienst, das Thema aus der kommunikativen Tabuzone herausgeholt zu haben, da es mit sehr viel Scham belegt ist und sicher viel mehr Menschen unter Einsamkeit leiden, als nur diejenigen, die den Mut haben, darüber zu reden.

Die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie haben einen kleinen Ausblick darauf gegeben, wie es sich anfühlt, wenn die digitale Kommunikation im Privaten und im Beruf weiter zunimmt. Eine gesellschaftliche, interdisziplinäre Debatte darüber, wieviel digitale Kommunikation den Menschen und uns als Gesellschaft guttut, wäre wünschenswert. Wenn wir zum Beispiel berufliche und private Reisen aus ökonomischen und ökologischen Gründen einschränken, bedeutet das im gleichen Atemzug weniger persönliche, soziale Kontakte und weniger Möglichkeiten, neue Menschen kennenzulernen – denn das funktioniert nur persönlich.

Möchten wir das? Und wie lassen sich Klimaschutz, soziale Nähe und funktionierende Zusammenarbeit miteinander verbinden? Mobiles Arbeiten führt unter Umständen zu weniger körperlicher Bewegung und ebenfalls zu weniger persönlichen Gesprächen mit Kolleg*innen. Ist das für ein gutes Miteinander und das gegenseitige Verständnis wirklich förderlich, wenn man nur noch am Rande erfährt und spürt, woran die Kolleg*innen gerade arbeiten oder was sie umtreibt? Und droht nicht das Gemeinschaftsgefühl verloren zu gehen, wenn sich die Individuen mit ihren Familien oder Freundeskreisen immer mehr in ihrer eigenen privaten Blase befinden, die für andere kaum mehr sichtbar und zugänglich ist?

Das sind meines Erachtens wichtige Fragen, die wir diskutieren sollten. Die rasend schnell gewordene Kommunikation und der Überstrom an Nachrichten, der uns täglich überflutet, lässt Erinnerungen an vergangene Ereignisse immer schneller verschwinden bzw. verblassen, so dass wir uns immer weniger Zeit dafür nehmen, neue Arbeitsprozesse, Verhaltensweisen und Routinen, die durch die Digitalisierung geprägt sind, mit der Vergangenheit zu vergleichen und auf ihre Tauglichkeit und Sinnhaftigkeit zu bewerten.

(Titelbild: Jeshu John, http://www.designerspics.com/)

Das Verschwinden der Dinge Byung-Chul Han: Undinge. Umbrüche der Lebenswelt

Ich kann mich erinnern, dass ich früher als Kind immer unglücklich bzw. unzufrieden war, wenn ich zum Geburtstag oder zu Weihnachten ein Geschenk bekommen habe, das kein richtiger Gegenstand, also kein Ding war, das Bestand hatte, sondern irgendwann verschwunden war, also zum Beispiel Süßigkeiten, ein Zeichenblock oder auch Blumen. Das war für mich einfach kein richtiges Geschenk, das zählte nicht. Daran habe ich mich erinnert, als ich Byung-Chul Hans neues Buch „Undinge. Umbrüche der Lebenswelt“ gelesen habe. Der bekannte koreanische Philosoph beschäftigt sich darin vor allem mit der Frage, was mit den Dingen in der digitalen Welt passiert, d.h. mit Dingen, die wir so richtig in echt anfassen können. Wie immer macht es Spaß, Han beim Denken zuzuschauen. Seine Bücher lesen sich in der Regel leicht und süffig. Wenn man bereits mehrere seiner Bücher gelesen hat, wird man zwar auch mit Redundanzen konfrontiert und nicht nur mit neuen Thesen und Erkenntnissen. Aber trotzdem findet man immer neue Ideen, die einen inspirieren und zum (Neu) Denken anregen.

Byung-Chul Han stellt der so genannten „terranen Ordnung“ die „digitale Ordnung“ gegenüber und schreibt zum Beispiel über das E-Book, dass es sich dabei um kein Ding, sondern um eine Information handelt. Das heißt, während physische Bücher und andere physische Dinge uns Geborgenheit und Sicherheit geben, sind die digitalen Informationen flüchtig, unverbindlich und verschwinden ganz schnell wieder. Ähnlich verhält es sich mit dem Hören von CDs und Schallplatten. Auch wenn in der Musikszene eine leichte Trendwende hin zu physischen Datenträgern festzustellen ist und die Umsätze langsam wieder wachsen, ist das Streamen von Musik in unglaublich kurzer Zeit populär geworden. Das bedeutet, dass Musik mittlerweile in erster Linie über Streaming-Anbieter konsumiert wird und damit auch die Erinnerungen verloren gehen, die wir zum Beispiel mit einer erworbenen Schallplatte und CD verbinden – wann und wo wir die Schallplatte gekauft und wie sehr wir sehnlichst darauf gewartet haben. Dementsprechend haben wir uns auch viel mehr auf dieses Ding konzentriert, es sorgfältig aufbewahrt, es immer wieder in die Hand genommen und die Erinnerungen daran aufleben lassen. Und da wir nicht wie heute fast jedes Album oder jeden Song aus der Musikgeschichte zur Verfügung hatten, konnten wir uns mehr und vor allem andauernder auf Musik und einzelne Künstler*innen konzentrieren. Han beschreibt dieses Gefühl so:

„Das Desaster der digitalen Kommunikation rührt daher, dass wir keine Zeit haben fürs Augenschließen. Die Augen werden zu einer ‚ständigen Gefräßigkeit‘ gezwungen. Sie verlieren die Stille, die tiefe Aufmerksamkeit. Die Seele betet nicht mehr.“

Der digitalen Kommunikation sind immer eine gewisse Melancholie, eine Leere und ein Gefühl des Verlusts eingeschrieben. Das wurde in den letzten Monaten während der vielen Videokonferenzen im beruflichen und privaten Kontext deutlich. Nach Beendigung der Konferenzen bzw. des Kontakts via Bildschirm bleibt eine Leere und das Gefühl des Verlorenseins zurück, während wir aus einem Treffen mit realen Personen emotional berührter hervorgehen – unabhängig davon, ob es sich um ein schönes oder weniger angenehmes Treffen gehandelt hat.

Gleichzeitig würde ich aber Han dahingehend widersprechen, dass der Verlust der materiellen Dinge nur negativ zu bewerten ist:

„Wir halten heute überall das Smartphone hin und delegieren unsere Wahrnehmung an den Apparat. Wir nehmen die Wirklichkeit durch den Bildschirm wahr. Das digitale Fenster verdünnt die Wirklichkeit zu Informationen, die wir dann registrieren. Es findet kein dinglicher Kontakt mit der Wirklichkeit statt. Sie wird ihrer Präsenz beraubt. Wir nehmen nicht mehr die materiellen Schwingungen der Wirklichkeit wahr. Die Wahrnehmung wird entkörperlicht. Das Smartphone entwirklicht die Welt.“

Man könnte es auch durchaus positiv betrachten, wenn wir uns weniger abhängig von materiellen Dingen und damit dem Besitz von Dingen machen. Das kann auch eine Befreiung sein und gerade im Gegenteil zu mehr Wertschätzung zwischenmenschlicher Beziehungen und damit auch zu mehr geistiger Beschäftigung führen – vorausgesetzt, wir werden nicht bequem und bleiben alle zu Hause in unseren Wohnungen hocken und verlernen allmählich die Kommunikation mit realen Menschen, so dass am Ende nur der Informationsaustausch übrigbleibt und keine reziproke Form des Austauschs, bei dem die Kommunikationspartner*innen gegenseitig auf ihre jeweiligen Kontexte Bezug nehmen, d.h. bestimmte Stimmungen, Zwischentöne und nonverbale Signale wahrnehmen. Wie so oft im Leben ist es wichtig, hier die individuelle aber auch gesamtgesellschaftliche gesunde Balance zu finden. Und dafür ist es wichtig, auf kritische Stimmen wie die von Byung-Chul Han zu hören und sich über die Gefahren und Auswirkungen der „entkörperlichten“ Wahrnehmung bewusst zu sein.

(Titelbild: Jeshu John, http://www.designerspics.com/)

+++ Betrachtungen zur aktuellen Corona-Lage +++

Wie mein Kollege Mario Donick habe ich auch längere Zeit nichts mehr in diesen Blog geschrieben, da die derzeitige Corona-Glocke sehr viel Motivation und Kreativität einfach so verschluckt. Aus meiner Sicht liegt es vor allem an diesem merkwürdigen Vakuum, in dem wir uns seit Monaten befinden und wodurch es zunehmend für einen selbst immer schwieriger wird, zu bewerten, welche Entscheidungen bzw. Maßnahmen noch angemessen sind und welche nicht – gerade, weil wir uns zu schon zu sehr mittendrin in der Ausnahmesituation befinden und uns die Außenperspektive immer mehr abhandenkommt. Und diese quälende Langsamkeit beim Impfen ist kaum mehr zu ertragen…

Mir fallen momentan gesellschaftliche Diagnosen immer schwerer, weil man nicht so richtig einschätzen kann, in welche Richtung sich unsere (Welt-)Gesellschaft nach der Pandemie entwickeln wird und welche Themen dann vor allen Dingen im Fokus stehen werden. Ist es die Identitätspolitik oder ist das jetzt schon Schnee von gestern? Ist es der Klimawandel? Sind es soziale Ungleichheiten? Oder werden wir uns wieder hedonistisch ins Leben stürzen und alle Probleme erst einmal verdrängen, um das Leben wieder so richtig genießen zu können?

Kürzlich habe ich das Buch des Soziologen Steffen Mau „Lütten Klein“ gelesen. So wie er wurde ich auch in den 1970er Jahren in Rostock geboren. Ich bin allerdings nicht in Lütten Klein, sondern in Groß Klein 😉 aufgewachsen. Mau blickt zuerst auf den DDR-Alltag zurück und analysiert im Anschluss, welchen Veränderungen die DDR-Bürger:innen nach 1989 ausgesetzt waren und in welche Richtung sich der Stadtteil Lütten Klein entwickeln hat. Ich habe mich in dem Buch sehr wieder erkannt und stimme fast mit allen Beobachtungen von Mau überein. Und interessanterweise wurde mir beim Lesen immer bewusster, dass die Ostdeutschen fast mehr durch die Wende selbst als durch die DDR geprägt wurden. Steffen Mau verwendet dafür den Begriff der „Transformationsgesellschaft“, die sich während des Umbruchs in den ostdeutschen Bundesländern herausgebildet hat.

Der Zusammenfall der DDR und die Einbindung dieser in ein kapitalistisches Wirtschaftssystem war mit Transformationsprozessen verbunden, die die ehemaligen DDR-Bürger:innen völlig aus ihrem Gleichgewicht brachte und eine jahrelange Neu-Orientierung und Anstrengung nötig war, um sich im neuen System zurechtzufinden. Das hat mich in gewisser Weise an unsere Situation in der Corona-Pandemie erinnert. Mittlerweile dauert sie schon ein gutes Jahr und das ist ein Zeitraum, der in Gesellschaften schon eine sehr nachhaltige Wirkung entfalten kann. Ich bin gespannt, wie vor allem die Jugendlichen diese Zeit verarbeiten und wie sie in ihrem Verhalten als Erwachsene dadurch geprägt werden. Denn wie Steffen Mau herausgearbeitet hat, waren es vor allem die 13- bis 14-Jährigen, die besonders große Schwierigkeiten hatten, den Umbruch der DDR zu verkraften und sich an die neuen Verhältnisse anzupassen, da ihnen ihre Eltern als orientierende Wegweiser oft nicht zur Verfügung standen, da sie mit sich selbst genug zu tun hatten – die meisten wurden von einem auf den anderen Tag arbeitslos und waren gezwungen, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben und dafür viel Mut aufzubringen.

Seit einem Jahr müssen wir unser Leben wieder neu sortieren; Wünsche hintenanstellen. Damit verbunden ist, dass wir vieles in Frage stellen, was bis heute selbstverständlich war. Am Anfang der Pandemie schien die Digitalisierung noch als ein Allheilmittel und eine große Chance zu gelten, was sich aber schon teilweise als ein Trugschluss herausgestellt hat. Denn die Menschen sehnen sich nach zwischenmenschlicher Nähe und möchten endlich wieder gemeinsam Zeit verbringen, ohne durch einen Bildschirm getrennt zu sein. Wir befinden uns in einer erschreckend inhaltsleeren Zeit. Wenn Menschen nicht real miteinander – sondern nur über elektronische Medien – kommunizieren dürfen, dann stagniert scheinbar das Denken und die Entwicklung neuer Ideen. Klar, es ist gut, dass wir uns jetzt mit Videokonferenzen auskennen und uns smarter durch den digitalen Dschungel bewegen können – die digitale Kommunikation bringt aber keine „Neue Normalität“, sondern sie ist lediglich ein gutes Instrument, um die Einschränkungen abzufedern und trotzdem zwischenmenschlichen Kontakt möglich zu machen. Es bleibt aber immer nur eine schlechte Kopie des Originals – nämlich unserer analogen Kommunikation in der „primären Realität“. Die Welt erscheint mir im Moment schon fast lächerlich banal – die Fokussierung nur auf ein einziges Thema vernebelt das Gehirn. Umso länger die Einschränkungen dauern, umso mehr erkenne ich, wie sehr wir neue Reize und Erlebnisse brauchen – durch Kultur, Mobilität und gemeinsame Erlebnisse mit anderen Menschen. Und dann beginnt hoffentlich eine Zeit von neuen Visionen und wieder mehr Kreativität.

(Titelbild von Alexandra Koch / Pixabay)

Leben wir momentan alle auf dem ‚Zauberberg‘?

Um die Jahreswende lese ich nun nach zwanzig Jahren den Roman „Der Zauberberg“ (1924) von Thomas Mann wieder, der sehr gut zur momentanen Lebenssituation passt. Es ist darin von der so genannten „Ewigkeitssuppe“ die Rede, von einer sich immer gleichförmig wiederholenden Tagesstruktur und von einer Krankheit, der Tuberkulose, gegen die es Anfang des 20. Jahrhunderts noch keine wirksamen Medikamente gab. Das wirksamste Medikament bestand in Geduld und in monatelangen Aufenthalten in Sanatorien, wie zum Beispiel in Davos (Schweiz), in denen die Patient*innen durch Liegekuren, Spaziergänge und geregelte, üppige Mahlzeiten genesen sollten. Jedoch nicht alle Erkrankten gesundeten auf diese Art und Weise.

Mich erinnern die Schilderungen auf dem Zauberberg sehr an unseren derzeitigen Zeitgeist, mein Lebensgefühl in diesen Tagen und an den Verlauf des vergangenen Jahres, das nach meinem persönlichen Empfinden auch sehr gleichförmig ablief – ohne viele zusätzliche Erlebnisse, ohne kleine Highlights zwischendurch, mit nur wenig interessanten zwischenmenschlichen Begegnungen und mit wenig größeren oder kleinere Reisen – alles Ereignisse, die normalerweise als kleine Sehnsuchtsinseln den Alltag abwechslungsreicher gestalten, durchbrechen, die Zeit langsamer laufen lassen und ihr dadurch einen Sinn und mehr Lebensfülle geben. Im Zauberberg können wir lesen:

„Leere und Monotonie mögen zwar den Augenblick und die Stunden dehnen und ‚langweilig‘ machen, aber die großen und größten Zeitmassen verkürzen und verflüchtigen sie sogar bis zur Nichtigkeit. Umgekehrt ist ein reicher und interessanter Gehalt wohl imstande, die Stunde und selbst noch den Tag zu verkürzen und zu beschwingen, ins Große gerechnet jedoch verleiht er dem Zeitgange Breite, Gewicht und Solidität, so dass ereignisreiche Jahre viel langsamer vergehen als jene armen, leeren, leichten, die der Wind vor sich her bläst, und die verfliegen.“

Im vergangenen Jahr mussten wir uns zwar sehr umgewöhnen, an neue Lebensverhältnisse anpassen, und wir wurden mit ereignisreichen Nachrichten nur so überschüttet – allerdings meistens eher in negativer Weise. Und dabei konnten wir auch nicht aktiv sein, sondern wurden zum passiven Erdulden gezwungen. Und mit der Zeit setzt eben dann auch wiederum eine Gewöhnung an diese neuen, bleiernen Lebensverhältnisse ein.

Viele Menschen haben den ersten so genannten Lockdown noch als einen extremen Einschnitt innerhalb ihres Lebens wahrgenommen, aber gleichzeitig auch als etwas Neues, als eine neue Herausforderung, der man sich gesellschaftlich stellen muss. Je nach individuellen Umständen wurde das ‚neue‘ Leben von den einen positiv als Rückbezug auf sich selbst und Entschleunigung bewertet; während die anderen genau diese Bewertung als Luxusproblem betrachteten, da sie selbst von existenziellen und persönlichen, tiefgreifenden Ängsten, zum Beispiel vor Einsamkeit oder Arbeitslosigkeit, geplagt wurden.

Jetzt während des zweiten Lockdowns, noch dazu in den meist ereignislosen, grauen Wochen am Jahresbeginn empfinden viele diese Zeit als einschläfernd, demotivierend und öde – selbst das Spazierengehen ist bei dem oft kalten und grauen Wetter nur noch selten eine richtige Freude. So wie auf dem Zauberberg sind erlebe ich es als Highlight, wenn die Ostsee in der Sonne glänzt. So setzt sie dann ein – die monotone, sich wiederholende Gleichförmigkeit des Alltags.

Die Patient*innen auf dem Zauberberg haben sich so gut wie möglich eingerichtet, feiern jede Abreise eines*r Patient*in als Fest, da sie den gewohnten Alltag unterbricht. Auch die Hauptfigur des Romans, der junge Ingenieur Hans Castorp, ging davon aus, dass er nur für drei Wochen seinen Vetter im Sanatorium in den Schweizer Bergen besucht; dann erkrankte er selbst und es wurden schließlich sieben Jahre, die er dort verbrachte. Es gibt ein Kapitel im Roman, das den Titel „Der große Stumpfsinn“ trägt. Die Patient*innen vertreiben sich die Zeit mit Kartenspielen, Schweinchen malen mit verbundenen Augen, Briefmarken sammeln, Photographie, mit dem Erlernen der Sprache Esperanto oder albernen Ratespielen. Ein kleiner Lichtblick für Hans Castorp sind wissenschaftliches Studieren, philosophische Gespräche, die Liebe zu der Patientin Madame Chauchat und vor allem der Zauberkasten – das elektrische Grammophon.

Thomas Mann beschreibt in seinem Roman, wie sich die Patient*innen mit ihrer Krankheit und der neuen Lebenswirklichkeit arrangieren, der eigene Lebenshorizont dabei jedoch immer eingeschränkter und selbstbezüglicher wird:

„Auf Gliederung hielt man wohl; man beobachtete den Kalender, den Turnus, die äußere Wiederkehr. Aber die Zeit, die sich für den einzelnen mit dem Raum hier oben verband, die persönliche und individuelle Zeit also zu messen und zu zählen war Sache der Kurzfristigen und der Anfänger; die Eingesessenen lobten sich in dieser Hinsicht das Unangemessene und Achtlos-Ewige, den Tag, der immer derselbe war, und einer setzte mit Zartgefühl beim anderen einen Wunsch voraus.“

Es bleibt die Hoffnung, dass wir bald wieder vom Zauberberg hinab steigen können…

(Titelbild von Werner Friedli / Wikimedia Commons)

„Let’s Play“: Mario Donick macht die Welt der Computerspiele auch für Nicht-Spieler*innen erfahrbar

Ich gebe zu: Das letzte Mal habe ich ein Computerspiel Mitte der 1990er Jahre zu Studienzeiten gespielt. Und ich kann mich noch erinnern, dass ich als Kind bei einer befreundeten Familie den Commodore 64 kennengelernt habe, mit dem wir per Joystick zum Beispiel die Olympischen Spiele gespielt haben. Das hat mir schon Spaß gemacht, fand ich aber nicht besonders faszinierend. Nun könnte ich das Klischee bedienen, dass Mädchen sich nicht so sehr für Computerspiele begeistern – statistisch gesehen ist da sicher auch etwas dran. Ich bin aber bis heute nicht der „Spieletyp“; d. h. meine Interessen liegen eben einfach woanders.

Das sind scheinbar keine besonders guten Voraussetzungen, um eine Rezension zu Mario Donicks neuem Buch „Let`s Play: Was wir aus Computerspielen über das Leben lernen können“ zu schreiben, dem zweiten Band der Buchreihe „Über/Strom“. Und obwohl ich keine Computerspiele spiele, begeistert mich dieses Buch, da ich viel Neues gelernt habe – zum Beispiel, dass es neben Spielen mit kriegerischen, Science-Fiction oder Mystery Themen auch Spiele gibt, mit denen man eine Stadt bauen und entwickeln, bestimmte Berufe ausprobieren oder sogar das Leben eines Demenzkranken nachempfinden kann.

Donick beschäftigt sich in seinem Buch auch mit Vorurteilen, denen Computerspiele ausgesetzt sind; so zum Beispiel, ob das stundenlange Spielen von Kriegsspielen bei bestimmten Menschen die Hemmschwelle, Menschen Gewalt anzutun bzw. Krieg als „normal“ zu empfinden, senkt. Donick spricht sich dagegen aus, dass Computerspiele per se Spieler*innen gewalttätiger werden lässt, stellt aber trotzdem die Frage in den Raum, wie Menschen reagieren, wenn sie durch das Spielen ihre „dunkle Seite“ kennenlernen und betont, dass man als Person reflektiert und gefestigt sein muss, um gegen zu große Einflussnahme durch Spiele immun zu sein bzw. darüber bewusst nachzudenken, welche Gefühle, Regungen und Gedanken bei Spielen ausgelöst werden, wie man damit umgeht und diese Beobachtungen einordnet.

Um verschiedene Arten von Computerspielen zu beschreiben verwendet Donick die Unterscheidung von „geschäftig sein“ und „tätig sein“, die auf den Philosophen Erich Fromm zurückgeht, und greift dabei auch die von dem Medientheoretiker Marshall McLuhan entwickelte Theorie von „heißen“ und „kalten“ Medien auf. Während man zum Beispiel bei „heißen“ Spielen vor allen Dingen geschäftig unterwegs ist, es festgelegte Spielfunktionen gibt und nicht so viel eigenes Nachdenken bzw. eigenständige Aktionen nötig und möglich sind, sind die Spieler*innen bei so genannten „kalten“ Spielen selbst gefordert, müssen und können viele eigene Entscheidungen treffen und Ihr Spielen selbst gestalten.

Es ist für das Thema Computerspiele ein absoluter Gewinn, dass ein Geisteswissenschaftler wie Mario Donick darin Experte ist und ein Buch darübergeschrieben hat. Im äußerst gelungenen Kapitel „Spiele und die Conditio Humana“ lotet Mario Donick aus, dass wir uns durch das Spielen selbst besser kennenlernen können – ganz anders als es bei der Rezeption von Literatur, Film und Musik möglich ist. Wir verspüren dabei zwar auch Selbstwirksamkeit, vergleichen Gelesenes und Gesehenes mit unserem eigenen Leben und können uns daran orientieren. Beim Spielen müssen wir jedoch unsere passive Haltung verlassen, aktiv werden und werden dadurch mit unseren verborgenen Seiten konfrontiert, die einem vielleicht erst einmal nicht ganz geheuer sind und aus dem Gleichgewicht bringen können. Andererseits können wir dadurch auch neue Seiten an uns entdecken, dürfen Held*in sein und durch das eigene Handeln erfahren, wodurch wir die Welt positiv oder negativ verändern.

Das neue Credo: Kommunizieren, um zu kommunizieren

Hier mal etwas anderes: In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „managerSeminare“ habe ich einen Beitrag über das so genannte Corporate Influencing verfasst, in dem es darum geht, dass Unternehmen zunehmend mit Personen, die als Markenbotschafter*innen dienen, versuchen, besonders authentisch und glaubwürdig zu wirken, indem sie auf sozialen Plattformen scheinbar in einen direkten Dialog mit potentiellen Kund*innen treten. Die Frage ist nur, was dabei gewonnen ist. Im Grunde handelt es sich hierbei nur um ein Mehr an Kommunikation ohne jedoch ein Mehr an Inhalt – frei nach dem Motto von Marshall McLuhan: „The medium is the message“. Viel Spaß beim Lesen!

(Titelbild Blogeintrag: Markus Winkler / pixabay.com)

Dresden kurz vor dem erneuten Lockdown – ein Plädoyer für die Kunst

Eigentlich hatte ich mir meinen Urlaub anders vorgestellt und der kleine Ausflug nach Dresden sollte auch etwas länger dauern – nun leider nur bis zum Montag. Wir haben versucht, alles was an Kultur und Kulinarik noch möglich war, in den paar Tagen unterzubringen. Und da wurde mir wieder einmal bewusst, wie sehr ich immer wieder neue kulturelle Erlebnisse brauche, die mich inspirieren und zu neuem Denken anregen. Ich habe während des Aufenthalts in Dresden alle neuen Entdeckungen aufgesogen, inhaliert und gedanklich abgespeichert. Und so ging es scheinbar auch anderen Menschen, denn die Museen und Cafés waren gut besucht.

Dabei geht es gar nicht darum, sich ein ganz bestimmtes Kunstwerk anzuschauen oder sich viel neues Wissen anzueignen. Sondern die so wichtige „Resonanz“ (ein wunderbar passender Begriff, der von Hartmut Rosa geprägt wurde), entsteht schon dann, wenn man sich zusammen mit mehreren Menschen in einem Museum bewegt oder sich in der Semperoper zusammen mit anderen Besucher*innen zur Premiere „Die Zauberflöte“ trifft. Resonanz entsteht nur, wenn wir eine bestimmte Situation bewusst wahrnehmen und diese in uns selbst ein Wohlbefinden auslöst, das längere Zeit anhält und das eigene Denken beeinflusst. Das kann auch ein Naturerlebnis sein oder ein tolles Gespräch. Diese Situationen sind momentan sehr selten und deshalb ist die Wahrnehmung dieser wenigen Resonanz auslösenden Ereignisse umso intensiver und prägender.

Habe ich in früheren Jahren die Kunstsammlung von August dem Starken im Grünen Gewölbe häufig als Kitsch abgetan, so habe ich mich diesmal an der unglaublichen Handwerkskunst begeistern können. Möglich machte das auch die Tatsache, dass aufgrund der Hygienemaßnahmen nur recht wenige Besucher*innen in den Museen zugelassen waren, so dass die Menschen nicht in drei oder vier Reihen vor den Vitrinen standen, sondern direkt davor, ohne gestört zu werden.

Ähnlich erging es mir in der „Galerie Alte Meister“, in der man von Bildern verschiedener Künstler, die die immer gleichen christlichen Motive, Porträts und Stillleben gemalt haben, quasi erschlagen wird. Auch diese Bilder konnte ich mit viel Ruhe und Konzentration ganz anders betrachten und ihnen meine unverstellte Aufmerksamkeit widmen. Besonders begeistert hat mich das Bild von Wallerant Vaillant (1623-1677) „Ein Brett mit Briefen, Federmesser und Schreibfeder hinter roten Bändern“, das täuschend echt die Utensilien darstellt, die man zum Schreiben von Briefen benötigt. Immer wieder bin ich vor das Bild getreten und konnte es nicht glauben, dass es sich wirklich um eine Ölmalerei und keine materielle Installation handelte. Auch ohne Digitalisierung war es den Alten Meistern möglich, mit der Ununterscheidbarkeit zwischen Realität und Illusion perfekt zu spielen. Unsere heutige scheinbare Medienrevolution verlor einen Moment lang an Bedeutung und Einzigartigkeit.


Wallerant Vaillant: „Ein Brett mit Briefen, Federmesser und Schreibfeder hinter roten Bändern“, 1658

Am Ende der Aufführung „Die Zauberflöte“ in der Semperoper hielten die Schauspieler*innen ein Plakat mit der Aufschrift „Kultur bildet Gesellschaft“ hoch – ein so wahrer und mehrdeutiger Satz, der hoffentlich bald wieder gelebt werden kann.