Matrix Resurrections – Nur Nostalgie oder aktueller denn je?

Morpheus sagt im neuen vierten Teil der Matrix-Filme kurz vor Neos Rückkehr in die „reale Welt“: „Nichts mindert unsere Angst mehr als ein Hauch Nostalgie“.

Warum haben wir uns auf den neuen Matrix-Film „Matrix Resurrections“ so gefreut? Sicher auch wegen der nostalgischen Sehnsucht nach der guten alten Zeit vor ca. 20 Jahren, als der Matrix-Film mit einer genialen Idee Filmgeschichte schrieb und filmisch den Verdacht umsetzte, dass das Internet und die neuen digitalen Medien nur eine virtuelle Welt, die die „eigentliche Realität“ verschluckt hat. Mich hat dieser Gedanke im Jahr 1999 fasziniert, da ich mich damals mit dem Gegensatz von Simulation und Realität/Authentizität in meiner Dissertation beschäftigte. Vor allem setzte ich mich intensiv mit Jean Baudrillards Theorem vom Simulakrum auseinander, auf das sich der erste Matrix-Film explizit bezog.

Nun nach 18 Jahren erscheint endlich wieder einen neuer Matrix-Film…und was passiert? In Mecklenburg-Vorpommern sind die Kinos zu – wie unglaublich schade. Ich habe es dennoch geschafft, mir den Film zweimal anzuschauen 😉

Zuallererst: mir hat der Film sehr gut gefallen – er ist kurzweilig und hervorragend inszeniert. Keanu Reeves konnte mich auch wieder begeistern. Aber die wichtigste Frage lautet: Was hat uns der Film medientheoretisch im Jahr 2021/22 mitzuteilen, nach dem so viel Zeit seit dem dritten Teil von Matrix vergangen ist und die digitalen Medien einen wahnsinnigen Aufschwung seitdem genommen haben?

Der vierte Teil ist der erste Matrix-Film, der Humor hat und selbstironisch darauf Bezug nimmt, dass es sicherlich finanziell sehr lukrativ war, einen weiteren Matrix-Film zu produzieren. Man freut sich auch über so lustige Ideen wie das Café mit dem vieldeutigen Namen „Simulatte“, in dem sich Trinity und Neo erneut begegnen oder über die Büste von Friedrich Nietzsche auf dem Schreibtisch des Agenten Smith.

Und der Film macht auch noch etwas sehr Kluges: Lana Wachowski, die Regisseurin, weiß, dass es längst ein Allgemeinplatz geworden ist, dass die digitalen Medien uns eine Scheinrealität vorspielen: aus dem Verdacht ist mittlerweile Wahrheit geworden. Aus diesem Grund erscheint es uns wiederum sehr aus der Zeit gefallen, dass die reale Welt im Film noch immer existiert und so furchtbar grau, gruselig und alles andere als einladend aussieht. Irgendwie möchte man dann doch lieber in der bunten, kuscheligen und warmen Matrix bleiben – auch wenn man scheinbar keinen eigenen Willen mehr besitzt und von einem Chef-Programmierer gesteuert wird.

Wir wissen inzwischen, dass sich die „alte“ reale Welt allmählich beginnt aufzulösen. Die Grenze zwischen digitaler und analoger Welt wird einerseits immer sichtbarer und auf der anderen Seite verschmelzen diese beiden Welten immer mehr miteinander. Bleibt in den ersten Matrix-Filmen die Differenz zwischen Realität und Illusion erhalten, hat nun die These von Baudrillard ihre Bestätigung gefunden, nämlich darin, dass es keine Ursprungsrealität gibt und die Realität selbst in der Hyperrealität aufgegangen ist. Es gibt im Film zwar noch die reale Welt, aber der Film glaubt darin selbst nicht mehr so recht.

Neo arbeitet im neuen Film als Computerspielentwickler, der die ersten drei Matrix-Spiele entwickelt hat, damit berühmt geworden ist und Preise gewonnen hat. Und man fragt sich als Zuschauerin während des Films die ganze Zeit, ob es sich wirklich nur um ein Computerspiel handelt oder der wahre Neo, der im dritten Teil eigentlich gestorben ist und dadurch die Stadt Zion, die reale menschliche Welt, gerettet hat, doch wieder von den Maschinen in die Matrix eingeschleust und umprogrammiert wurde.

Aber eigentlich spielt es auch schon fast gar keine Rolle mehr, denn die Botschaft des Films lautet vor allem: Holt Euch Eure Selbstbestimmtheit und das freie Denken zurück! Ihr habt es selbst in der Hand! Das ist freilich eine sehr zaghafte und schlichte Botschaft…

…aber Trinity und Neo sind am Ende wieder vereint und könnten die Menschen gemeinsam aus der Matrix retten…das schreit quasi nach einem fünften Teil, vielleicht dann auch wieder etwas mehr sophisticated 😉

(Titelbild: Wikimedia Commons)

Magie und Computerspiele

Mein Vortrag auf der Future and Reality of Gaming (FROG) vom 26.11. ist mittlerweile auch online verfügbar. Auf der Tagung ging es um Magie und Computerspiele. Ich spreche über die sogenannte Magiergilde in der Spielreihe The Elder Scrolls, und welche Funktion solche Gilden für die Narration und die Strukturierung des Spielablaufs besitzen. Hier das Video:

„Schreiben“ in Gesellschaft. Carolin Amlingers große „Soziologie literarischer Arbeit“

Heute kann ja echt jeder ein Buch schreiben“, hieß es noch lange nach der Wende bei uns zu Hause oft, kopfschüttelnd und aus vielerlei Gründen enttäuscht. Andererseits war da die Sehnsucht nach dem eigenen „Bestseller“. Zum Teil bezogen sich solche Aussagen auf die wahrgenommene Masse neuer Bücher und deren mitunter fragwürdige literarische Qualität (wie auch immer die definiert war). Aber es ging auch um die veränderte Rolle, die Schriftsteller*innen nun einnahmen.

Im „Leseland DDR“ erlaubte die herausgehobene Stellung einiger Autor*innen auch eine Vermittlerfunktion zwischen Einzelnen und Staat — wenn etwa durch einen Brief an eine angesehene Schriftstellerin eine Eingabe beim Staat mehr Gewicht erhielt und so der gewünschte Effekt früher oder stärker eintreten konnte (ich erinnere hier ein konkretes Beispiel aus unserer eigenen Familie).

Nach der Wende hingegen erschienen Schriftsteller*innen nun auch im Osten als das, was sie im Westen schon jahrzehntelang waren: als Teil einer Kulturindustrie, die nach kapitalistischen Gesetzen funktioniert. Ein Buch musste nicht mehr allein künstlerischen (oder ideologischen, wie man hinzufügen sollte) Ansprüchen genügen, sondern sich vor allem erstmal verkaufen können (oder der Verlag musste das zumindest annehmen), sonst wurde es nicht publiziert. „Jeder“ war damit in der Wahrnehmung des eingangs zitierten Satzes vor allem jede*r mit Verkaufstalent, während die literarische Qualität zweitrangig schien.

Inwieweit diese Wahrnehmung nach der Wende mehr persönliche Enttäuschung, Verbitterung vielleicht, darstellte, denn realistische Beschreibung der geänderten Verhältnisse, sei mal dahingestellt. Dass aber ohne die Macht über Produktionsmittel in einer kapitalistischen Gesellschaft kein Buch entstehen kann, das dann gelesen werden könnte, ist einer der Ausgangspunkte von Carolin Amlingers Dissertation „Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit“ (Suhrkamp, 2021, 800 S., 32,90 EUR).

Die Entwicklung des literarischen Marktes

Carolin Amlinger fragt im ersten Teil ihrer Arbeit, „wie es um den Status der Literatur in der modern-kapitalistischen Gesellschaft bestellt ist und wie die Gesellschaft der Literatur beschaffen ist“ (S. 51, Hervorh. i. O.). Dies untersucht Amlinger anhand des Literaturmarkts der Jahre 1871-1918, der Kulturindustrie 1948-1990 und schließlich der Zeit nach der Wende ab 1990, als sich die „Literatur zwischen Boom und Krise“ (Kapitelüberschrift) bewegte.

Die Auswahl der Zeiträume wird damit begründet, dass es sich jeweils um Zeiten des Umbruchs und in der Folge der Ungewissheiten handelte, was Produktionsweisen, „neuartig[e] Publikationsstrategien“ und „soziale Verwerfungen“ (ebd.) betraf. Explizit ausgeklammert werden die beiden deutschen Diktaturen. Amlinger weist darauf hin, dass sie keine durchgängige Literaturgeschichte bieten kann (S. 55) und „keinesfalls einer historischen Verdrängung Vorschub leisten [möchte]“ (ebd.).

Vor meinem zu Beginn geschilderten Hintergrund hätte ich eine kontrastive Darstellung vor allem der DDR-Zeit natürlich spannend gefunden, jedoch hätte Amlingers Arbeit dadurch eventuell den klaren Fokus auf die kapitalistische Gesellschaft verloren. Außerdem kann man im zweiten und dritten Teil des Buches dann doch einige Unterschiede erkennen, weil Amlinger diesen Kapiteln die Auswertung ihrer Befragungen von Schriftsteller*innen zugrundelegt.

„Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr, sie ist Fabrikarbeit, ist Gewerbe […]“

Wilhelm II., „Die wahre Kunst“, zit. n. amlinger 2021, S. 86

Von diesem Zitat des deutschen Kaisers Wilhelm II. aus dem Jahr 1901 — das neben der kaiserlichen Anmaßung, Kunst definieren zu wollen, erstmal auch die Beobachtung ausdrückt, dass Kunstwerke auf einmal zu einem Wirtschaftsgut werden –, bildet sich in einer äußerst lesenswerten Darstellung ein Bogen zur heutigen turbokapitalistischen, von Unternehmensberatungen geprägten Situation:

„Da guckt dich ein neues, großes Ungeheuer jeden Tag an […] Und dieses Ungeheuer ist ein Markt mit zwei gigantischen Glubschaugen, die mich fixieren und sagen: Hast du heute eine zweistellige Rendite mit den Projekten erwirtschaftet, die du verantwortest?“

ein befragter ehem. Lektor, in: Amlinger 2021, S. 314.

So wörtlich ein von Amlinger befragter ehemaliger leitender Lektor eines Verlages, und man möchte vermuten, er ist froh, dem Hamsterrad entkommen zu sein. Es sind Zitate wie dieses, die Amlingers sehr umfangreichem Werk Lebendigkeit verleihen und es auch für Nicht-Soziolog*innen greifbar machen.

Autor*in auf dem Markt

Die Befragung von Menschen des Literaturbetriebs, zuvorderst Schriftsteller*innen, prägt den zweiten und dritten Teil der Arbeit. Im zweiten Teil geht es um die Praxis literarischen Arbeitens, nämlich das Berufsbild Schriftsteller*in, den Literaturbetrieb und das Schreiben als solches. Im dritten Teil werden die Spannungsfelder von Autorschaft und Autonomie ausgelotet. Die zahlreichen Unterkapitel dieser Teile stellen jeweils einen Aspekt in den Vordergrund, beispielsweise die Schritte des Schreibprozesses, das Problem prekärer Einkommensverhältnisse und sozialer Absicherung (das beileibe nicht nur unbekannte Nachwuchsautor*innen haben), oder der Inszenierung von Autorschaft durch die Autor*innen.

Methodisch nutzt Amlinger das episodische Interview als eine Form qualitativer empirischer Sozialforschung. Das Vorgehen wird im Anhang kurz skizziert und reflektiert, drängt sich aber sonst nicht in den Vordergrund; ich vermute, dass sich die Aufteilung und Benennung der Unterkapitel im Wesentlichen an der Kodierung mit MAXQDA und den dabei ermittelten Kategorien orientiert.

In deren Zusammenschau ergibt sich ein vielschichtiges Bild der Praxis des professionellen Schreibens — eine Praxis, die immer vor dem Hintergrund der kapitalistischen Marktwirtschaft stattfindet bzw. diese zu berücksichtigen hat. Auch Konkurrenzdruck und die Angst vor dem ‚Abgehängt werden‘ gehören dazu:

„Die haben am Anfang Preise bekommen, wurden gehypt, mit 30, 35 oder so, und dann mit 50 will kein Mensch mehr was von ihnen drucken, sie kriegen keine Stipendien mehr. Sie leben von Hartz IV. Das muss man so sagen.“

Eine befragte Autorin, In: Amlinger 2021, S. 390.

Letztlich geht es dabei um „Innvoation“. Diese, so Amlinger, „ist für das ästhetische Wirtschaften konstitutiv. Autor:innen konkurrieren […] um Aufmerksamkeit, indem sie eine distinkte Position einnehmen — um sich damit von dem Alten oder eben dem Neuen abzugrenzen“ (S. 390). Das Generieren von Aufmerksamkeit ist für die Identität als Autor*in entscheidend. Denn „[d]er Anspruch auf Autorschaft ist eng verwoben mit Akten des Anerkennens“ (S. 570). Ohne Aufmerksamkeit gibt es keine Chance auf Anerkennung, und wenn Anerkennung dauerhaft ausbleibt, wird die Identität als Autor*in prekär.

Aus dieser Perspektive muss man Inszenierungsstrategien sehen, die ebenfalls zum Problem werden können. Gerade in heutigen sozialen Medien wird das Authentische gesucht — man denke an den perfekten Instagram-Schnappschuss, der scheinbar spontan wirkt, aber vor dem es in Wahrheit zahlreiche misslungene Versuche gab. Echtheit wird gesucht, aber gerade nicht präsentiert. „So wie das Schreiben ein Ausdruck künstlerischer Subjektivität ist, soll auch die öffentliche Darstellung echt und unverfälscht wirken“ (S. 596). Aber „[i]ndem das Authentische mit einem Zwang zu ‚Neuem‘ und ‚Jungen‘ zu einer Anforderung medialer Öffentlichkeit erhoben wird, verkehrt es sich in sein Gegenteil: das ‚Klischee'“ (S. 597).

Es wird deutlich, dass es alles andere als leicht ist, die eigene Identität als Autor*in zu finden und zu bewahren — vor dem wirtschaftlichen Zwang, für einen Markt zu produzieren, sich für den Markt zu inszenieren und dabei oft materielle Existenznöte zu haben, denn bezahlt wird man eben nur, wenn man regelmäßig Neues abliefert. Gelingt dies nicht, ist die Autor*in-Identität gefährdet, wie in folgendem Beispiel:

„Nachdem sie nach einer längeren Krankheit ihre Ersparnisse […] aufgebraucht hatte, war sie nicht nur angewiesen auf Arbeitslosengeld II, sondern befand sich auch in einer beruflichen Krise: Ein längerfristiges Buchprojekt zu planen, konnte sie sich schlicht nicht leisten, sie brauchte Geld — und das sofort.“

S. 632.

Die Autorin konnte es sich also nicht leisten, ihrer Arbeit nachzugehen. Solche Aussagen zur wirtschaftlichen Situation von Autor*innen sind traurig und ernüchternd, auch wenn sie sicher nicht völlig überraschen können.

Über die individuellen Bearbeitungsweisen solcher und weiterer Herausforderungen zu lesen, ist hochspannend. Und (um zum Anfang dieses Artikels zurückzukommen), vielleicht kann zwar „heute ja echt jeder ein Buch schreiben“, aber über das Bestehen vor dem Markt ist damit nichts gesagt — zumindest vor dem traditionellen Literaturmarkt und den ihm verbundenen Institutionen (Wettbewerbe, Stipendien, Feuilleton, usw.). (Dass es daneben auch den Bereich des Self-Publishings gibt, der traditionell nicht anerkannt ist, aber ggf. eigene Formen der Anerkennung entwickelt, zeigt Amlinger in einem eigenen Kapitel.)

Fazit

Carolin Amlinger hat eines der interessantesten soziologischen Bücher der letzten Zeit geschrieben. Die zahlreichen Ungewissheiten unserer Gesellschaft, die bei den ‚großen‘ deutschsprachigen Soziologen der letzten Jahre (etwa Hartmut Rosa / „Resonanz“; Andreas Reckwitz / „Die Gesellschaft der Singularitäten“; Armin Nassehi / „Muster“ und „Unbehagen“) immer etwas abstrakt bleiben, werden durch Amlingers umfassende qualitative Untersuchung eines Teilsystems sehr konkret — eines Teilsystems zumal, zu dem viele von uns direkten Bezug haben, als Leser*in, als Fan, als Literaturwissenschaftler*in, und vielleicht selbst als Schreibende*r.


(Titelbild: Shuang Li / Shutterstock.com)

Wohin steuert unsere Welt gerade? Novembergedanken

Irgendwie bin ich mir im Moment unsicher, wohin sich unsere Gesellschaft und die ganze Welt entwickeln wird. Nach meinem Empfinden befinden wir uns gerade in einer Art Übergangsphase, die durch die Pandemie noch einmal sichtbarer wird. Wir sind von sehr widersprüchlichen Entwicklungen und Tendenzen umgeben. Auf der einen Seite bilden sich weltweit sehr feministisch geprägte Protestbewegungen wie „Fridays for Future“, „Black Lives Matter“ oder „NiUnaMenos“ („Nicht eine weniger“), wie die Philosophin Eva von Redecker in ihrem Buch „Revolution für das Leben“ darlegt und die Hoffnungen machen, dass wir an der Schwelle zu entscheidenden gesellschaftlichen Veränderungen stehen könnten, die vom Turbokapitalismus Stück für Stück wegführen.

Zum anderen gibt es wiederum aber auch nationalistisch konservative Tendenzen, wenn wir uns zum Beispiel die schon mehrere Jahre anhaltende Popularität der Partei AfD anschauen, die wachsende EU-Skepsis in einigen europäischen Ländern, die Flüchtlingspolitik und die grenzenlos wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik weltweit, die mit einem starken Konkurrenzdenken zwischen den Großmächten der Welt einhergeht.

Wir leben in einer Welt, in der sozialistische und kommunistische Experimente scheinbar vorläufig ausgedient haben. Auch die linken Intellektuellen sind sich darin einig, dass das Leben in den Ländern, in denen noch kommunistische oder sozialistische Strukturen existieren, nicht besonders erstrebenswert ist, sondern dass sich etwas Neues entwickeln muss. Das Besitzbürgertum ist jedoch so sehr besorgt um seinen Wohlstand, dass die Veränderungen nur in Minischritten vorankommen. Und die digitale Blase verhindert aktives Handeln, da sie die Menschen nur als Datenlieferanten behandelt und nicht als Lebewesen, die nicht außerhalb der Natur stehen, sondern inhärenter Teil dieser sind und weit mehr und vor allem andere Fähigkeiten besitzen als künstliche Maschinen.

Und da frage ich mich nun – wo ist das Licht am Ende des Tunnels und wie lange dauert es noch, bis sich der Mensch evolutionär vom Raubtier in Richtung eines friedlichen Wesens entwickelt hat und dann endlich das Wunder des solidarischen kooperativen Miteinanders ohne „sachliche Herrschaft der Profitorientierung“ und „Sachherrschaft der Eigentumsfixierung“ (Eva von Redecker) wahr wird. Es gibt eben leider noch zu viele Menschen, die Angst vor einem angeblich langweiligen, tristen Leben haben, in dem sie nicht mehr behaupten können, dass sie mehr wert als andere Menschen sind oder mehr Erfolg, Kompetenzen und Besitz haben. Denn in einem kooperativen Lebensmodell würden auch die individuellen Differenzen, Fähigkeiten und Vorlieben der Menschen keine Schwierigkeiten mehr darstellen, wie von Redecker schreibt. Sie hinterfragt in ihrem wunderbaren Buch, das sich fast als Manifest liest, die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse noch einmal grundlegend und stellt sich mit Wucht in einer direkten Sprache gegen den Kapitalismus mit all seinen widersprüchlichen Verwerfungen, so deutlich wie ich es lange nicht mehr gelesen habe:

„Das Bild des Kapitalismus als frei schwebender Jongleur, der stets noch mit einem Ball mehr zu jonglieren weiß, ist zu schmeichelhaft. Man soll dem Kapitalismus nicht durchgehen lassen, sich als Ekstase, als unstillbares Verlangen, als schlaflose Nacht zu inszenieren. Er lässt nicht alle Puppen tanzen, selbst wenn er die Gebeine der Vergangenheit aufwirbelt. Das, was funkelt wie ein Karussell, ist nur die wacklige Spitze eines riesigen Bergs aus Müll, Langeweile und Leichenteilen.“

Eva von Redecker provoziert mit diesen radikalen Äußerungen und macht uns Hoffnung…insofern, dass ihrer Meinung nach, die Menschen spüren, dass sich etwas ändern muss und dass der Klimawandel in der jetzigen kapitalistischen Wachstumslogik nicht zu stoppen ist. Andererseits konstatiert sie, dass den Menschen noch der Mut zum Handeln fehlt, weil ihnen bewusst ist, dass es nicht ohne Verzicht gehen wird und sie sich wohl vom geliebten, teilweise luxuriösen Wohlstand verabschieden müssten.

Denn es bringt nichts, wenn nachhaltige Bio-Produkte produziert werden, die quantitative Produktion von Konsumgütern an sich jedoch nicht reduziert wird. Das ist ein Widerspruch in sich. Für das Klima ist es am besten, wenn man seine Klamotten so lange trägt und sein Auto so lange fährt, bis es nicht mehr geht anstatt immer mehr zu kaufen, auch wenn es sich um nachhaltig produzierte bzw. umweltfreundliche Waren handelt. Das ist ein großer Selbstbetrug.

Und so lange wir es allen Ernstes für moralisch richtig halten, dass Krankenhäuser Profit machen müssen, dass nicht so viele Lehrer*innen, Pflegekräfte, Wissenschaftler*innen eingestellt werden dürfen wie gebraucht werden, sondern diese Entscheidungen nur auf Grundlage finanzieller Ressourcen getroffen werden, wird es nie zu einer größeren gesellschaftlichen Gerechtigkeit kommen. Eva von Redecker schreibt im Rückgriff auf Hannah Ahrendt:

„Hannah Arendt diagnostizierte schon für das Ende des 19. Jahrhunderts eine heimliche Bewunderung der guten Gesellschaft für die Kriminalität, in der das Bürgertum ihre eigenen Methoden erkennt. Was den größten Scharlatanen die Wählergunst sichert, ist, dass sie offen so handeln, wie man selbst es doch noch eher verschämt und stümperhaft im Verborgenen tut. Alle Mittel einsetzen. Sonst wird man schließlich am Ende selbst eliminiert.“

In der bürgerlichen Gesellschaft geht es in erster Linie darum, mögliche Konkurrent*innen, die den eigenen Erfolg gefährden könnten, aus dem Weg zu räumen. Erst dann hat man sein Ziel erreicht. Das erinnert mich an den Hochstapler Felix Krull, der mit seinen Verstellungskünsten zeigt, dass es Zufall ist, in welche Gesellschaftsschicht man hinein geboren wurde und der als Simulant die nur auf Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeiten fixierte Geldaristokratie entlarvt.

Erich Kästners moralischer und ebenfalls sympathischer Fabian sagt schon im Jahr 1931 so unglaublich aktuelle Sätze wie „Und sei mir nicht böse, wenn ich nicht glaube, daß sich Vernunft und Macht jemals heiraten werden. Es handelt sich leider um eine Antinomie. Ich bin der Überzeugung, daß es für die Menschheit, so wie sie ist, nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder ist man mit seinem Los unzufrieden, und dann schlägt man einander tot, um die Lage zu verbessern, oder man ist, und das ist eine rein theoretische Situation, im Gegenteil mit sich und der Welt einverstanden, dann bringt man sich aus Langeweile um. Der Effekt ist derselbe. Was nützt das göttlichste System, solange der Mensch ein Schwein ist?“

Im Gegensatz zu Felix Krull ist Fabian jedoch ein hoffnungsloser Melancholiker, der das Gefühl hat, nicht ins System zu passen, da ihm Geld und Macht völlig egal sind und er darin für sich keinen Lebenssinn erkenn kann. Felix Krull dagegen ist ein Lebenskünstler, der die unmoralische Welt genauso wie Fabian durchschaut, sich jedoch mit Vergnügen an sie anpasst und mit ihr spielt.

Byung-Chul Han stellt in seinem neuesten Buch „Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie“ fest, dass das „Disziplinarregime“ im digitalen Zeitalter durch ein „neoliberales Informationsregime“ ersetzt wurde, in dem sich die Herrschaft als freundliche, offene und moderne „Freiheit, Kommunikation und Community“ tarnt. Wir können heutzutage alles sagen und teilen – daraus entstehe jedoch kein argumentativer und dialektischer Diskurs, der Zeit benötigt, die uns aber nicht mehr gelassen wird. Han analysiert treffend: „Die logische Kohärenz, die den Diskurs auszeichnet, ist den viralen Medien fremd. Informationen haben ihre eigene Logik, ihre eigene Temporalität, ihre eigene Dignität jenseits von Wahrheit und Lüge.“

Insofern täuscht auch das digitale Zeitalter etwas vor, das es nicht ist – ein offener, sozialer, globaler Vernetzungsraum, der die Welt auf ein „globales Dorf“ (Marshall McLuhan) reduziert und für Frieden und gegenseitiges Verständnis sorgt. Man ist versucht, diesem einst positiven Ansinnen der inzwischen mächtigen digitalen Konzerne auch teilweise zuzustimmen, wenn sie nicht selbst in die völlig unmoderne und konservative kapitalistische Wachstumslogik eingebettet wären, wodurch jede individuelle Freiheit und jedes solidarische Gemeinschaftsgefühl nur simuliert und absurdum geführt wird.

Also leider irgendwie nichts Neues…aber genau dieser Stillstand bzw. dieser sich wie ein Vakuum anfühlende Zustand nervt…

(Titelbild: Jeshu John, http://www.designerspics.com/)

Spiele und Geschichtswissenschaft auf dem 53. Deutschen Historikertag

Unter dem Titel „Deutungskämpfe“ findet seit Dienstag und noch bis 8. Oktober in München und digital der 53. Deutsche Historikertag statt. Zwei Sessions habe ich mir dazu heute im Rahmen eines Tagestickets (40 EUR) online angeschaut. Von 9:15 bis 11:00 ging es in vier Beiträgen um das Geschichtsbild in Computerspielen („Geschichte spielen, wie es eigentlich gewesen ist – Das digitale Spiel im Spiegel seiner Authentizitätsdebatten“). Und von 11:15 bis 13:00 war in drei Vorträgen die Geschichte der Computertechnik und deren Wahrnehmung in der Gesellschaft Thema („Deutungskämpfe um das Digitale. Selbstverständigungsprozesse in der digitalen Wirklichkeit“). Eigentlich könnte man zu beiden Sektionsthemen je eigene mehrtägige Konferenzen veranstalten, doch ist es für die Geschichtswissenschaft ein schönes Zeichen, dass das Digitale im Allgemeinen und doch recht spezifische Themen wie Computerspiele mittlerweile auch auf der großen Konferenz der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft angekommen sind.

Es war sehr schön, wenn auch etwas zwiespältig, wohl vor allem wegen Corona so eine bequeme Online-Teilnahmemöglichkeit zu haben. Unter normalen Umständen hätte ich nicht teilnehmen können. Natürlich fehlt allein zu Hause die typische Tagungsatmosphäre; die kann einfach nicht über Zoom & Co. vermittelt werden.

Im Folgenden gebe ich nun einen kurzen Bericht zur Spiele-Session.

Computerspiele und Authentizität

Geschichtliche Themen sind in Computerspielen ein beliebtes Thema. Als historische Herrscher*innen erobern wir die Welt, als Kämpfer*in nehmen wir aktiv an längst vergangenen Kriegen teil, und in Techniksimulationen erlernen wir den Umgang mit alten Fahrzeugen. Dass das in Spielen vorherrschende Geschichtsbild eher naiv ist und irgendwo zwischen Schulbuch und historischem Roman liegt, wurde in der Diskussion heute nochmal betont.

Tobias Winnerling (Uni Düsseldorf) wies darauf hin, dass, wenn Historiker*innen überhaupt mal bei der Entwicklung von Spielen einbezogen würden, sie lediglich „Beglaubigungsautomaten“ oder Lieferanten von Faktenwissen seien. Winnerling (der mit Eugen Pfister, Uni Wien auch Organisator der Session war) brachte damit auf den Punkt, was wir uns im Alltag von der Wissenschaft erhoffen: Klare ‚Wahrheiten‘ – statt komplexer Diskurse, die womöglich nur Ungewissheit bringen würden.

Dass Spieler*innen mit historischen Ungewissheiten durchaus ihre Probleme haben, wurde in allen Vorträgen der Session deutlich. Besonders in Erinnerung bleibt mir aber Kathrin Trattners (Uni Bochum) Vortrag, in dem es um die Reaktionen auf das 2018 erschienene Spiel Battlefield V ging. Battlefield ist eine Shooter-Serie, der fünfte Teil spielte im zweiten Weltkrieg – und erlaubte es, als Frau an den Kämpfen teilzunehmen.

Das wurde von offenbar männlichen „Gamern“ (übrigens ein mittlerweile „verbrannter Begriff“, wie auf der Tagung betont wurde, siehe dazu auch eine Diskussion bei videospielgeschichten.de sowie einen sehr guten Text bei Language at Play) geradezu als Affront gesehen. Unter dem Hashtag #NotMyBattlefield sammelte sich damals die Aufregung.

Kathrin Trattner untersuchte nun die entsprechende Twitter-Kommunikation und fand u.a. heraus, dass es den Gamern gar nicht mal nur um das Spiel an sich ging. Nein, bei der ganzen Aufregung ging es auch darum, dass sich diese Gamer scheinbar selbst in der Tradition der männlichen Soldaten des 2. Weltkriegs sahen und durch die Einführung einer optionalen weiblichen Protagonistin in diesem ‚Erbe‘ angegriffen sahen. Das ist der eigentliche Kern der damaligen Kritik, die sich oberflächlich an einem Fakt (‚es gab kaum Frauen an der Front‘) festbiss, aber eigentlich ein Identitätsproblem betraf, das letztlich auch die Abgrenzung der ‚wahren‘ Gamer vor anderen Spielenden bedingte – den angenommenen „real customers“ des Herstellers.

Die Frage der historischen Authentizität ist also beileibe nicht nur eine des ’so ist es gewesen‘, sondern Spiele als Medium werden immer auch an Lebenswelt und Wahrnehmung der Spieler*innen angebunden. Spiele bestätigen oder beunruhigen Erwartungen und Annahmen.

Zielgerichtete Geschichte

Die meisten Spiele vertreten ein traditionelles Bild von Geschichte als Entwicklung von einem Ausgangs- und zu einem Endzustand, wie Eugen Pfister in seinem Vortrag darlegte. Teleologische Vorstellungen passen natürlich gut zu Computerspielen, die oft als Problemlöseprozesse angelegt sind. Ein Problem zu lösen heißt ja, einen Ausgangs- in einen erwünschten Endzustand zu überführen, unter Überwindung gewisser Hindernisse.

Spiele wie die Civilization-Serie legen die Menschheitsgeschichte als stetigen Fortschritt von der Antike bis in die Moderne und Zukunft an, wo es trotz gewisser Variation immer nur ein „Vorwärts“ gibt. Zivilisatorische Entwicklungsschritte, historische Ereignisse, politische Konflikte und wissenschaftlich-technische Entwicklungen sind nur Zwischenschritte auf dem Weg zum Endzustand (z.B. die militärische, wirtschaftliche oder kulturelle Dominanz). Programmtechnisch lässt sich sowas gut umsetzen und es bietet befriedigende Spielerfahrungen, aber das zu Grunde liegende Geschichtsbild ist auf dem Stand des 19. Jahrhunderts, wie Eugen Pfister betonte.

Nun ist es durchaus nicht so, dass von Seiten der Geschichtswissenschaft keine Kritik an vereinfachten, falschen oder veralteten Geschichtsbildern geübt würde. Wie Tobias Winnerling jedoch am Beispiel der „Anno“-Reihe zeigte, verhallt so eine Kritik oft ungehört. Es geht Spieler*innen und dem traditionellen Spielejournalismus i.d.R. nicht um ein reflektiertes Bild von Geschichte. Wenn in der „Anno“-Reihe Kolonialismus im Zentrum steht, Sklaverei ausgeblendet wird und zudem ein ahistorisches Bild von spätkapitalistischer Ökonomie in einer scheinbar frühneuzeitlichen Umgebung gezeichnet wird – dann ist das für die Wissenschaft vielleicht Problem, aber „Spieler*innen wollen in die Lage versetzt werden, sich als Kolonialherren zu fühlen“, so Winnerling. Man will sich eben nicht beunruhigen lassen und ‚es ist doch nur ein Spiel‘.

Echte Atmosphäre

Und da will man oft einfach nur die historisch anmutende „Wohlfühlatmosphäre“ genießen. Im vierten Vortrag der Session stellte Felix Zimmermann (Uni Köln) heraus, dass Atmosphären ein wichtiges Element für die Wahrnehmung von scheinbarer Authentizität sind. Der Atmosphärebegriff, den man in der Phänomenologie u.a. bei Gernot Böhme und Hermann Schmitz detailliert ausgearbeitet findet, wird von Zimmermann so operationalisiert, dass er Elemente der Spielumgebung und der Benutzeroberfläche als wirksam für das Entstehen von Atmosphären identifizieren kann.

Die vorbewusste, ganzheitlich wahrgenommene Situation zerlegt Zimmermann dabei in ihre analysierbaren Komponenten (wie Landschaftsdarstellung, Spielfigur bzw. Avatar, Interface u.a.), um deren Wirkung ausmachen zu können. Mit Hermann Schmitz könnte man hier darauf hinweisen, dass das Besondere der tatsächlich wahrgenommenen Situation bei so einer Analyse verloren geht und nur eine Konstellation der Einzelteile übrig bleibt, was bestenfalls eine Spur, ein Schatten der eigentlichen Atmosphären wäre. Das aber ist immer noch mehr, als gemeinhin bei der Untersuchung von Spielen berücksichtigt wird, zumindest in systematischer Weise.

Und im Alltag, aber auch in vielen Texten der Spielepresse, gehen wir mit Spielen auf recht intuitive, vorreflexive Weise um. Gerade bei solchen problematischen Wahrnehmungen wie im Beispiel Battlefield V halte ich es für plausibel, wenn sich die „Gamer“ auch an einer veränderten historischen Atmosphäre des Spiels störten, ohne dass dies für sie aber verbalisierbar gewesen wäre. Die Wahrnehmung einer veränderten, ungewünschten Atmosphäre könnte jedoch der Impuls sein, sich dann im nächsten Schritt in einer zwar fehlgehenden, aber in gewisser Weise reflexiven Weise mit dem Spiel auseinanderzusetzen. Die Untersuchung von Atmosphären bzw. phänomenologisch relevanter Aspekte von Spielen könnte entsprechende Zusammenhänge herausarbeiten.

Schön unverfilmbar? Foundation (Apple TV)

Manchmal weiß man erst beim Anschauen einer Verfilmung, warum das zu Grunde liegende Buch als unverfilmbar gilt. In diesem Jahr gibt es gleich zwei Großproduktionen, über deren Textgrundlagen das behauptet wird. Beide gehören dem Science-Fiction-Genre an. Zum einen der Kinofilm Dune als Verfilmung von Frank Herberts Roman „Der Wüstenplanet“. Zum anderen die Streamingserie „Foundation“ bei Apple TV, als Verfilmung von Isaac Asimovs gleichnamiger Trilogie. Beide Bücher sind sehr umfangreich und ihre Handlungen spielen zehntausende von Jahren in der Zukunft, in der die Menschen die Galaxis besiedelt haben.

Zukunft-Geschichte

Während die Handlung von Dune jedoch in einem zeitlich und räumlich überschaubarem Rahmen innerhalb des Zukunftspanoramas bleibt und eher wegen der im Buch anklingenden theoretischen Konzepte (v.a. Religion und Philosophie) schwer umsetzbar ist, überspannt Foundation knapp 1.000 Jahre. Und die wurden von Asimov teils nur in kleinen Ausschnitten beleuchtet – es sind eher Kurzgeschichten, die zentrale Ereignisse dieser langen Zeitperiode wiedergeben und keine durchgehende Handlung, bei der es sowas wie dauerhafte Identifikationsfiguren gäbe. Asimov ging es nicht um Individuen, sondern um die Entwicklung ganzer Gesellschaften. Im Prinzip hat er Edward Gibbens „The History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ ins Weltall verlegt.

Das von einem Kaiser absolutistisch regierte Imperium umspannt die Galaxis, aber der Mathematiker Hari Seldon hat statistisch berechnet, dass dieses scheinbar unverwundbare Reich bald zerfallen wird. Seldons Mathematik heißt bei Asimov „Psychohistorik“, auch wenn die weder mit Psychologie noch Geschichte viel zu tun hat. Das dunkle Zeitalter wird jedenfalls 30.000 Jahre dauern, aber Seldon hat einen Plan, das auf 1.000 Jahre zu verkürzen. Kleiner ging es bei Asimov nicht, und seine anderen Romane, die am Ende alle mit Foundation verknüpft wurden, reichen noch viel weiter in die Zukunft, sodass Asimov tatsächlich eine Zukunftsgeschichte der Menschheit entwirft – angefangen vom noch fast zu unserer Zeit spielenden „Ich, der Robot“ bis hin zu „Die Rückkehr zur Erde“, das nochmal viele viele Jahre nach Foundation spielt.

Zu Seldons Plan gehört, dass eine Gruppe von Wissenschaftlern eine Kolonie auf dem abgelegenen Planeten Terminus gründet und dort an einer Enzyklopädie arbeitet. Diese Encyclopedia Galactica soll das Wissen der Menschheit bewahren. Das soll die angestrebte Verkürzung des Dunklen Zeitalters ermöglichen. Im Buch zeigt Asimov, wie die Kolonisten (man liest fast nur von Männern) sich am Seldon-Plan entlanghangeln, mit geplanten Krisen fertig werden, und dass am Ende auch scheinbare Störungen zum Plan dazugehören.

Asimov hat seine Handlung vor allem in oft recht technokratischen Dialogen zwischen Politikern vorangetrieben, die Charaktere sind für sich genommen ohne Tiefe, Beziehungen spielen kaum eine Rolle. Die an Seitenzahl umfangreiche Trilogie liest sich schnell weg und ist recht spannend, auch wenn es typische Science-Fiction der 1950er ist. Frauen spielen keine Rolle, Atomkraft ist auch in der Zukunft noch die beste aller Energiequellen und überhaupt ist die Idee, man könne eine ganze Gesellschaft quasi kybernetisch regeln, ein Kind dieser Zeit.

Die Serie

Die Serie bei Apple TV hat nun das Problem, aus einem eher theoretischen Stoff eine fernsehtaugliche Erzählung machen zu müssen, die in unsere Zeit passt. Nach bisher drei ausgestrahlten Folgen (immer freitags) kann man das natürlich noch nicht als Ganzes beurteilen, aber zumindest erste Eckpfeiler der Umsetzung werden deutlich – und erste Probleme.

Ausdrücklich nicht problematisch finde ich, dass wichtige Charaktere wie Gaal Dornick und Salvor Hardin in der Serie anders als im Buch als nicht-weiße Frauen dargestellt werden, auch wenn das manche konservative Leute in Science-Fiction-Foren oder -Kommentarspalten schon wieder zu triggern scheint.

Auch die Idee, dass die Kaiserdynastie aus drei Klonen besteht (ein Kind, ein mittelalter Mann und ein alter bis sehr alter Mann) finde ich interessant, zumal ich die Interaktionen der drei Kaiser untereinander gelungen finde und Lee Pace‘ arrogante Darstellung des mittleren Kaisers („Bruder Tag“) herrlich übertrieben ist. Hier könnte künftig vielleicht fast etwas Game of Thrones-Stimmung aufkommen.

Und ich habe auch nichts gegen Liebesbeziehungen der Charaktere untereinander, immerhin gehört sowas zum Menschsein dazu.

All diese veränderten oder dazu erfundenen Elemente der Handlung machen jedoch deutlich, wie wenig ‚Fleisch‘ eigentlich in Asimovs ursprünglicher Geschichte steckt und zeigen, wie unzeitgemäß sein Buch heute ist. Daher muss man sich wohl davon lösen, die Serie mit dem Buch zu vergleichen und schauen, ob sie auf eigenen Füßen stehen kann.

Schön unverfilmbar

Und da wird es doch wackelig.

Foundation bietet tolle Landschafts- und Weltraumaufnahmen und ein aufwendiges World Building. Das sieht alles sehr teuer aus. Die Schauspieler*innen wie Lou Llobell, Leah Harvey, Jared Harris oder Lee Pace wirken überzeugend.

Der Soundtrack von Bear McCreary (u.a. Battlestar Galactica, Caprica, Outlander) klingt zwar so, wie ein Soundtrack von Bear McCreary immer klingt, ist aber trotzdem ‚schön‘ (Anspieltipp: Gaal leaves Synnax – in dem Song steckt alles, was McCreary schon immer ausgemacht hat, nämlich Melancholie und Wehmut gepaart mit Aufbruchstimmung und Pathos).

Aber sobald sich die Handlung von den Impulsen der Buchvorlage entfernt – zieht es sich. Nach viel Exposition in Folge 1 und der ersten dramatischen Wendung in Folge 2 (die, man muss es sagen, auch wenn das blöd klingt, im Buch nicht vorkommt) passiert in Folge 3 – gar nichts.

Dieses Nichts ist sehr atmosphärisch, wieder schön anzuschauen, vermittelt auch interessante Hintergrundinformationen zur Welt, aber es verschleppt doch die Handlung.

Mich persönlich stört das nicht. Ich mag die Serie. Aber es kann Zuschauer*innen auch abschrecken und ich sehe durchaus die Gefahr, dass die auf 80 Folgen angelegte Serie mangels Erfolg bald wieder eingestellt wird.

Dann wäre quasi experimentell erwiesen, dass Asimovs Buch wirklich unverfilmbar ist.

Führt das Ausleben unserer Individualität zukünftig auch zu mehr Isolation?

Diana Kinnert/Marc Bielefeld: Die neue Einsamkeit. Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können

In den letzten Monaten habe ich einige Interviews der jungen CDU-Politikerin Diana Kinnert gesehen, die mich sehr beeindruckt haben, weil es sich hier um eine Politikerin handelt, die in einem völlig anderen Sound als andere Politiker*innen spricht und dazu noch Inhalte vertritt, die man selten aus der CDU hört. Obwohl ich keine Nähe zu der Partei verspüre, begeistert mich die junge unkonventionelle Diana Kinnert, die als Markenzeichen einen Cowboyhut trägt und die ansonsten auch eine sehr lässige Erscheinung ist.

Was mir besonders an ihrem Buch „Die neue Einsamkeit“ gefällt, ist die Tatsache, dass darin keine üblichen politischen Phrasen gedroschen werden, sondern Kinnert in ihrer Gesellschaftsanalyse und beim Beschreiben des Phänomens „Einsamkeit“ vom Menschen und seinen Emotionen ausgeht, was in der Politik und auch in gesellschaftlichen Debatten meistens zu kurz kommt. Sie versucht sich auf knapp 500 Seiten der Frage zu nähern, warum die Vereinzelung innerhalb der Gesellschaft, das Gefühl der Einsamkeit und der Bedarf an psychologischer Therapie besonders bei jüngeren Leuten zunehmen. Dabei kommt sie zu dem originellen Ergebnis: „Der Mainstream ist in tausend Subkulturen zerfasert – und diese tausend Subkulturen sind gerade dabei, zum Mainstream zu werden“. Sie bezeichnet unsere Gesellschaft als „überindividualisiert“, da jeder Mensch sein eigenes Leben heutzutage ganz individuell kreieren und gestalten kann – zunehmend unabhängig von Geschlechterzugehörigkeit, sozialen Schichten und tradierten Normen. Diese durchaus positiv zu bewertende Entwicklung hat aber auch eine negative Seite.

Ähnlich wie der Philosoph Byung-Chul Han stellt auch Kinnert fest, dass der moderne Mensch im digitalen Zeitalter die Lust auf Spiritualität, auf das Rätselhafte und auf die Frage nach dem Sinn des Lebens verloren hat. Das Smartphone produziere die „maximale Unverbundenheit durch maximale Absorbiertheit“.

Die scheinbare digitale Revolution befördert die Arroganz, Selbstherrlichkeit und Überzeugtheit der Jetztmenschen, in einem Zeitenumbruch zu leben, so wie keine Generation vor uns. Dabei ist diese Annahme wissenschaftlich betrachtet absoluter Nonsens und dazu noch völlig unlogisch, denn wir kennen nun einmal nur unsere Jetztzeit und können uns in das Lebensgefühl der späteren und früheren menschlichen Generationen überhaupt nicht hineinversetzen.

Wie viele andere Autor*innen, die in den letzten Jahren Bücher zum digitalen Zeitalter geschrieben haben, analysiert Diana Kinnert, dass das Smartphone und die sozialen Medien das Unverbindliche, Oberflächliche und Flüchtige befördern. Das ist erst einmal kein neuer Befund. Neu ist jedoch, dass hier eine junge Politikerin und Publizistin in einer unprätentiösen, authentischen Art und Weise und in einer direkten Sprache den aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus anprangert: „Und darum würde ich heute, nach allen Betrachtungen und Überlegungen, ganz besonders die Jugend mit Nachdruck und Überzeugung dazu auffordern, dem verlogenen Schein- und Community-Kapitalismus zu sagen: fuck you. Ich würde einfach wieder siezen“. Das ist eine herrlich erfrischende Sprache und tut gut. Die Autorin folgt dabei der Analyse des Soziologen Richard Sennett, der die Jugend dazu aufgefordert hat, sich einfach nicht auf den ausufernden Neoliberalismus einzulassen – das erinnert an das berühmte Zitat aus einem Gedicht von Carl Sandburg: „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“

Der zweite Teil des Buches verliert sich teilweise zu sehr im Allgemeinen, was bei dem Thema nicht ausbleibt, da das Gefühl der Einsamkeit ein sehr subjektives ist und auch per se nicht unbedingt negativ sein muss. Kinnert unterscheidet in ihrem Buch die emotionale, soziale und kollektive Einsamkeit. Und sie macht deutlich, dass das Gefühl des unfreiwilligen Ausgeschlossenseins aus Gemeinschaften eines der traumatischsten Erlebnisse ist, die ein Mensch erfahren kann. Es reiche nicht aus, einfach nur physische oder virtuelle Orte der Begegnung zu schaffen (wie zum Beispiel Mehrgenerationenhäuser), um der Vereinzelung entgegenzuwirken, so die Autorin. Notwendig sei es, eine tiefere Verbundenheit der Menschen untereinander zu fördern, zum Beispiel durch „neue Modelle der ökonomischen Partizipation“.

Auch wenn Kinnert am Ende des Buches keine Lösung des Problems präsentiert und dieses auch gar nicht möglich ist – ist es auf jeden Fall ein großes Verdienst, das Thema aus der kommunikativen Tabuzone herausgeholt zu haben, da es mit sehr viel Scham belegt ist und sicher viel mehr Menschen unter Einsamkeit leiden, als nur diejenigen, die den Mut haben, darüber zu reden.

Die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie haben einen kleinen Ausblick darauf gegeben, wie es sich anfühlt, wenn die digitale Kommunikation im Privaten und im Beruf weiter zunimmt. Eine gesellschaftliche, interdisziplinäre Debatte darüber, wieviel digitale Kommunikation den Menschen und uns als Gesellschaft guttut, wäre wünschenswert. Wenn wir zum Beispiel berufliche und private Reisen aus ökonomischen und ökologischen Gründen einschränken, bedeutet das im gleichen Atemzug weniger persönliche, soziale Kontakte und weniger Möglichkeiten, neue Menschen kennenzulernen – denn das funktioniert nur persönlich.

Möchten wir das? Und wie lassen sich Klimaschutz, soziale Nähe und funktionierende Zusammenarbeit miteinander verbinden? Mobiles Arbeiten führt unter Umständen zu weniger körperlicher Bewegung und ebenfalls zu weniger persönlichen Gesprächen mit Kolleg*innen. Ist das für ein gutes Miteinander und das gegenseitige Verständnis wirklich förderlich, wenn man nur noch am Rande erfährt und spürt, woran die Kolleg*innen gerade arbeiten oder was sie umtreibt? Und droht nicht das Gemeinschaftsgefühl verloren zu gehen, wenn sich die Individuen mit ihren Familien oder Freundeskreisen immer mehr in ihrer eigenen privaten Blase befinden, die für andere kaum mehr sichtbar und zugänglich ist?

Das sind meines Erachtens wichtige Fragen, die wir diskutieren sollten. Die rasend schnell gewordene Kommunikation und der Überstrom an Nachrichten, der uns täglich überflutet, lässt Erinnerungen an vergangene Ereignisse immer schneller verschwinden bzw. verblassen, so dass wir uns immer weniger Zeit dafür nehmen, neue Arbeitsprozesse, Verhaltensweisen und Routinen, die durch die Digitalisierung geprägt sind, mit der Vergangenheit zu vergleichen und auf ihre Tauglichkeit und Sinnhaftigkeit zu bewerten.

(Titelbild: Jeshu John, http://www.designerspics.com/)

Das Verschwinden der Dinge Byung-Chul Han: Undinge. Umbrüche der Lebenswelt

Ich kann mich erinnern, dass ich früher als Kind immer unglücklich bzw. unzufrieden war, wenn ich zum Geburtstag oder zu Weihnachten ein Geschenk bekommen habe, das kein richtiger Gegenstand, also kein Ding war, das Bestand hatte, sondern irgendwann verschwunden war, also zum Beispiel Süßigkeiten, ein Zeichenblock oder auch Blumen. Das war für mich einfach kein richtiges Geschenk, das zählte nicht. Daran habe ich mich erinnert, als ich Byung-Chul Hans neues Buch „Undinge. Umbrüche der Lebenswelt“ gelesen habe. Der bekannte koreanische Philosoph beschäftigt sich darin vor allem mit der Frage, was mit den Dingen in der digitalen Welt passiert, d.h. mit Dingen, die wir so richtig in echt anfassen können. Wie immer macht es Spaß, Han beim Denken zuzuschauen. Seine Bücher lesen sich in der Regel leicht und süffig. Wenn man bereits mehrere seiner Bücher gelesen hat, wird man zwar auch mit Redundanzen konfrontiert und nicht nur mit neuen Thesen und Erkenntnissen. Aber trotzdem findet man immer neue Ideen, die einen inspirieren und zum (Neu) Denken anregen.

Byung-Chul Han stellt der so genannten „terranen Ordnung“ die „digitale Ordnung“ gegenüber und schreibt zum Beispiel über das E-Book, dass es sich dabei um kein Ding, sondern um eine Information handelt. Das heißt, während physische Bücher und andere physische Dinge uns Geborgenheit und Sicherheit geben, sind die digitalen Informationen flüchtig, unverbindlich und verschwinden ganz schnell wieder. Ähnlich verhält es sich mit dem Hören von CDs und Schallplatten. Auch wenn in der Musikszene eine leichte Trendwende hin zu physischen Datenträgern festzustellen ist und die Umsätze langsam wieder wachsen, ist das Streamen von Musik in unglaublich kurzer Zeit populär geworden. Das bedeutet, dass Musik mittlerweile in erster Linie über Streaming-Anbieter konsumiert wird und damit auch die Erinnerungen verloren gehen, die wir zum Beispiel mit einer erworbenen Schallplatte und CD verbinden – wann und wo wir die Schallplatte gekauft und wie sehr wir sehnlichst darauf gewartet haben. Dementsprechend haben wir uns auch viel mehr auf dieses Ding konzentriert, es sorgfältig aufbewahrt, es immer wieder in die Hand genommen und die Erinnerungen daran aufleben lassen. Und da wir nicht wie heute fast jedes Album oder jeden Song aus der Musikgeschichte zur Verfügung hatten, konnten wir uns mehr und vor allem andauernder auf Musik und einzelne Künstler*innen konzentrieren. Han beschreibt dieses Gefühl so:

„Das Desaster der digitalen Kommunikation rührt daher, dass wir keine Zeit haben fürs Augenschließen. Die Augen werden zu einer ‚ständigen Gefräßigkeit‘ gezwungen. Sie verlieren die Stille, die tiefe Aufmerksamkeit. Die Seele betet nicht mehr.“

Der digitalen Kommunikation sind immer eine gewisse Melancholie, eine Leere und ein Gefühl des Verlusts eingeschrieben. Das wurde in den letzten Monaten während der vielen Videokonferenzen im beruflichen und privaten Kontext deutlich. Nach Beendigung der Konferenzen bzw. des Kontakts via Bildschirm bleibt eine Leere und das Gefühl des Verlorenseins zurück, während wir aus einem Treffen mit realen Personen emotional berührter hervorgehen – unabhängig davon, ob es sich um ein schönes oder weniger angenehmes Treffen gehandelt hat.

Gleichzeitig würde ich aber Han dahingehend widersprechen, dass der Verlust der materiellen Dinge nur negativ zu bewerten ist:

„Wir halten heute überall das Smartphone hin und delegieren unsere Wahrnehmung an den Apparat. Wir nehmen die Wirklichkeit durch den Bildschirm wahr. Das digitale Fenster verdünnt die Wirklichkeit zu Informationen, die wir dann registrieren. Es findet kein dinglicher Kontakt mit der Wirklichkeit statt. Sie wird ihrer Präsenz beraubt. Wir nehmen nicht mehr die materiellen Schwingungen der Wirklichkeit wahr. Die Wahrnehmung wird entkörperlicht. Das Smartphone entwirklicht die Welt.“

Man könnte es auch durchaus positiv betrachten, wenn wir uns weniger abhängig von materiellen Dingen und damit dem Besitz von Dingen machen. Das kann auch eine Befreiung sein und gerade im Gegenteil zu mehr Wertschätzung zwischenmenschlicher Beziehungen und damit auch zu mehr geistiger Beschäftigung führen – vorausgesetzt, wir werden nicht bequem und bleiben alle zu Hause in unseren Wohnungen hocken und verlernen allmählich die Kommunikation mit realen Menschen, so dass am Ende nur der Informationsaustausch übrigbleibt und keine reziproke Form des Austauschs, bei dem die Kommunikationspartner*innen gegenseitig auf ihre jeweiligen Kontexte Bezug nehmen, d.h. bestimmte Stimmungen, Zwischentöne und nonverbale Signale wahrnehmen. Wie so oft im Leben ist es wichtig, hier die individuelle aber auch gesamtgesellschaftliche gesunde Balance zu finden. Und dafür ist es wichtig, auf kritische Stimmen wie die von Byung-Chul Han zu hören und sich über die Gefahren und Auswirkungen der „entkörperlichten“ Wahrnehmung bewusst zu sein.

(Titelbild: Jeshu John, http://www.designerspics.com/)

Kurzkritik: The Flight Attendant

Man sollte echt keine Menschen in Schubladen stecken. Im Bereich Film & Fernsehen gilt das sowohl für die Schauspieler*innen als auch für ihre Rollen. Ich habe gerade die acht Folgen umfassende US-amerikanische Serie „The Flight Attendant“ mit Kaley Cuoco in der Hauptrolle beendet (HBO Max, Amazon Prime). Ich war nicht nur insgesamt positiv überrascht von der Qualität der Serie, sondern auch speziell von Cuocos Darstellung und der Entwicklung ihrer Rolle. Was als skurrile, ins comedyhafte driftende und sehr vergnügliche Reise beginnt, entwickelt sich schnell in eine tragikomische Richtung, deren zunehmende surreale Elemente eher dramatisch als lustig sind. Eine eigentümliche Mischung, mit der ich so nicht gerechnet hätte.

Cassie Bowden (Kaley Cuoco) ist Flugbegleiterin in der 1. Klasse einer Airline. Ihr beruflicher Alltag spielt sich zwischen Thailand und Korea, Rom und New York ab. Ihre Freizeit verbringt Cassie mit Partys, kurzen Affären und ziemlich viel Wodka. Eines morgens wacht sie in Thailand (es wurde übrigens wirklich vor Ort gedreht) neben der Leiche von Alex Sokolov (Michiel Huisman), ihres One-Night-Stands vom Vortag, auf. Ihr bisher durch den Wechsel von Flugplänen, Hotelaufenthalten und Erholung zu Hause durchgetaktetes Leben gerät dadurch erwartbar aus den Fugen. Schnell ist sie die Hauptverdächtige für die zur Amtshilfe dazugebetene FBI-Ermittlerin Kim Hammond (Merle Dandridge) und ihren tendenziell übergriffigen Kollegen Van White (Amadeus Strobl). Mit ihrer besten Freundin und Anwältin Annie (Zosia Mamet), regelmäßigen inneren Monologen mit einem sehr lebendig wirkenden Ebenbild von Alex und viel chaotischer Entscheidungsfreude versucht Cassie, ihre Unschuld zu beweisen und gleichzeitig der mysteriösen Miranda (herrlich irre: Michelle Gomez) auf die Schliche zu kommen, ohne von der umgebracht zu werden.

Was als eher heiterer Spaß beginnt, wird im weiteren Verlauf düsterer, je mehr man von Cassies verdrängter Vorgeschichte erfährt. Kindheitstraumata werden durch Flashbacks erst mysteriös angeteasert und am Ende befriedigend aufgelöst. Bis dahin zweifelt man mitunter daran, was real ist und was vielleicht Folge von Cassies zunehmender Alkoholabhängigkeit. In den besten Momenten hat mich die so erzeugte Atmosphäre positiv an die britische Serie Life on Mars (2006) erinnert, in der Dramatik und Komödie ebenfalls auf sehr skurrile und zugleich anrührende Weise verschmolzen waren.

Nein, eine weltumspannende Verschwörung gibt es trotz des globalen Settings in The Flight Attendant nicht, die Dramen liegen letztlich auf der persönlichen Ebene, und das wird von Kaley Cuoco wirklich überzeugend gespielt. Man hofft und leidet mit ihr, auch wenn sie einem manchmal auf die Nerven gehen kann. Wer die Schauspielerin nur als Penny aus The Big Bang Theory kennt, kann in The Flight Attendant sehen, dass sie durchaus zu mehr in der Lage ist.

Eine zweite Staffel der Serie, die auf einer Buchvorlage von Chris Bohjalian aus dem Jahr 2018 basiert, wurde bereits genehmigt.

The Flight Attendant Trailer (HBO Max, 2020)

Ultraleicht auf dem Mars: Am ersten Flug von Ingenuity ist vor allem die Konstruktion des Medienereignisses bedeutsam

Gestern flog das erste Mal ein propellergetriebenes Fluggerät auf einem anderen Planeten. Über dem Jezero-Krater auf dem Mars stieg der einer kleinen Drohne ähnliche Helikopter Ingenuity ca. drei Meter in die Höhe. Da blieb er ca. 30 Sekunden, vollführte eine Drehung und landete dann wieder. Eine offenbar perfekte Demonstration technischer Planung und robuster Konstruktion — aber auch ein Beispiel dafür, wie durch einfache Mittel, nämlich Sprache, Definitionen und Requisiten, ein Medienereignis erzeugt wird.

Der Mars-Rover Perseverance hat den Erstflug von Ingenuity gefilmt:

NASA-Video des ersten propellergestützten Fluges auf dem Mars

Das Fluggerät selbst hat mit einer Kamera seinen eigenen Schatten fotografiert, wenn auch zunächst nur in Schwarz-Weiß:

Schatten von Ingenuity auf dem Mars (Bild: Wikipedia)

Außer der Kamera hat die Drohne keine wissenschaftlichen Instrumente an Bord und dürfte daher für sich gesehen kaum wissenschaftlichen Mehrwert bringen — außer eben zu zeigen, dass zumindest sehr leichte Objekte auf dem Mars mit konventionellen Antrieben fliegen können, was irgendwann in der Zukunft mal für die Landschaftserkundung und ggf. den Transport leichter Frachten relevant werden könnte. Da man die Flugfähigkeit schon theoretisch sowie in Simulationen absehen konnte, kann man sicher streiten, ob die 85 Mio. US-Dollar, die Bau und Betrieb von Ingenuity kosten, gerechtfertigt sind. Die gesamte Perseverance-Mission, von der Ingenuity ein kleiner Teil ist, kostet allerdings ca. 2,7 Milliarden US-Dollar.

Ingenuity und die Konstruktion eines Medienereignisses

Wenn man mal von grundsätzlicher Raumfahrtkritik absieht (nach dem Motto „Das Geld wäre auf der Erde besser verwendet“), und abgesehen vom Respekt für die technische Leistung (dass es eben funktioniert hat, trotz der langen eisigen Reise durch das All und der großen Entfernung), ist das Experiment vor allem kulturgeschichtlich und als Medienereignis faszinierend. Nicht ohne Grund heißt der ‚Flugplatz‘ jetzt Wright Brothers Field, nach Orville und Wilbur Wright, die (zumindest nach US-Lesart) 1903 den ersten Motorflug durchführten.

Die internationale Luftfahrtbehörde ICAO (International Civil Aviation Organization) hat dem Platz das offizielle Kürzel JZRO zugewiesen — ganz wie einem echten Flughafen auf der Erde. Der mittlerweile geschlossene Flughafen Berlin-Tegel „Otto Lilienthal“ trug beispielsweise das Kürzel EDDT, während der berüchtigte Flughafen Berlin Brandenburg von Schönefeld das Kürzel EDDB geerbt hat.

In einem Tweet konnte die NASA damit den Test als echten Flug inszenieren, zwar mit einer gewissen gebotenen Selbstironie, aber sicher nicht ohne Stolz:

„Wie jeder gute Pilot haben wir den Flug ins Flugbuch eingetragen, und dank der ICAO haben wir sogar Bezeichner für den Erstflug des Mars-Helikopters (IGY-1), ein Rufzeichen (INGENUITY) und unsere Buschpiste im Jezero-Krater auf dem Mars (JZRO).“

Screenshot des Tweets der NASA über die ICAO-Bezeichnungen für Fluggerät und Flugplatz; wie häufig in den letzten Jahren hat die NASA auch wieder ein fiktives Flugticket erstellt.

Das Fluggerät selbst hat nun die offizielle ICAO-Bezeichnung IGY — so wie Luftfahrzeuge auf der Erde ebenfalls ICAO-Abkürzungen haben. Und natürlich hat die NASA in einer Pressekonferenz auch ein Flugbuch präsentiert, passend zum Mars mit rotem Einband:

Flugbuch von Ingenuity (Bild: Screenshot aus dem Video vom Tweet der NASA-Pressekonferenz)

Was für sich genommen also ein kleiner Hüpfer war, der vor allem als Experiment einiger Techniker*innen und Wissenschaftler*innen relevant ist, soll durch seine historische, mediale und institutionelle Einbettung an Bedeutung gewinnen. Die Namen (Wright Brothers Field), Rufzeichen (INGENUITY), Abkürzungen (IGY und JZRO) und Requisiten (das Flugbuch) rufen aktuelle und historische Luftfahrt-Kontexte auf, mit denen der Flug von Ingenuity erst als Medienereignis konstruiert wird. Die Einbindung der zur UN gehörenden ICAO stellt sicher, dass dieses Ereignis nicht nur auf die USA beschränkt bleibt, sondern internationalen Anspruch erhebt.

Auch wenn das vor allem Marketing ist — per definitionem ist auf dem Mars jetzt ein Flugplatz, auch wenn weder Ort noch Fluggerät dem entsprechen, was wir im Alltag unter Flugplatz oder Helikopter verstehen würden. Ungeachtet solcher Feinheiten soll am Ende im Gedächtnis bleiben, dass am 19.04.2021 der erste Motorflug der Menschheit auf einem fremden Planeten durchgeführt wurde, in der Tradition der Luftfahrtpioniere Gebrüder Wright — „NASA scores Wright Brothers moment with first helicopter flight on Mars“, titelt die Nachrichtenagentur Reuters in ihrer Berichterstattung. Die dafür von NASA und ICAO genutzten kommunikativ wirksamen Elemente sind am Ende fast faszinierender als der Flug an sich.

Den mein Nerd-Herz trotz allem ziemlich cool findet.


(Titelbild: NASA / Public Domain)