„Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ von Kathrin Marter jetzt erhältlich (Über/Strom-Buchreihe, Band 3)

Der dritte Band unserer Buchreihe ist endlich erhältlich, sowohl als gedrucktes Buch als auch als e-Book. In „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ zeigt Über/Strom-Autorin, Verhaltensneurobiologin, Yoga-Lehrerin und Coach Dr.in Kathrin Marter, was digitaler Stress mit uns macht und wie wir damit umgehen können. Hier einmal die Verlagsbeschreibung:

Viele Menschen nutzen täglich die Vorteile des digitalen Zeitalters: wenn sie mal eben ihr Zugticket mit dem Smartphone buchen, sich von ebendiesem zum vereinbarten Treffpunkt navigieren lassen und dann per Textnachricht erfahren, dass die werten Kolleg*innen ein paar Minuten zu spät kommen, der Tisch im Restaurant online schon reserviert wurde und das „Tisch-Ticket“ per QR-Code gleich mitsenden. Viele Menschen erfahren sich bei aller Erleichterung zunehmend reizüberflutet, überfordert und in der Folge gestresst.

Buchumschlag "Du bist, was Dich stresst!" von Kathrin Marter
Cover von „Du bist, was Dich stresst!“

Der Begriff und Zustand „Stress“ (heutzutage im Sprachjargon als diffus definierter Normalzustand verankert und schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen) ist allerdings tatsächlich ein Zustand, der vielfältigen Leidensdruck verursacht und krank macht.

Die Autorin unterstützt allgemeinverständlich, anschaulich sowie naturwissenschaftlich und psychologisch fundiert bei der Auseinandersetzung mit Stress, Stressoren und Prozessen der Langzeitgedächtnisbildung. Letztere sind nicht unwesentlich an unserem chronischen Stresslevel beteiligt. Langzeitgedächtnisse, die, häufig schon in der Kindheit geformt, starke negative Glaubenssätze beinhalten. Diese negativen Glaubenssätze erfahren durch die Herausforderungen der digitalen Welt permanente Verstärkung und begünstigen dadurch chronischen Stress – mit seinen für viele Menschen spürbaren Folgen.

Das Buch lädt ein, klärt auf und gibt fundierte, anschauliche und handlungsorientierte Ansätze zur Selbstreflexion und Entwicklung einer gesunden Handlungskompetenz gegenüber dem eigenen Stresslevel, folglich der eigenen Gesundheit und dem eigenen Glück.

Die Autorin Frau Dr.in rer. nat. Kathrin Marter ist promovierte Verhaltensneurobiologin, systemische Coach, Wissenschaftsautorin, Dozentin, Pädagogin, Yogalehrerin und Trainerin. Als Wissenschaftlerin hat sie die psychologischen, neuro- und verhaltensbiologischen und molekularen Grundlagen von Verhalten, Lernen und Gedächtnis erforscht. Heute bringt sie ihr ganzheitliches Expertinnenwissen über Lernen und Gedächtnis, Gesundheit und Krankheit sowie Verhaltensänderungen in Lernumgebungen, beratenden Settings und der Gesundheitsbranche erfolgreich in die praktische Anwendung.

Digitales Wohlfühlen und Verantwortung ― Tabula Rasa 2.0 für von digitalen Netzwerken Gestresste

Digitale Medien sind Teil unseres Alltags und interferieren mit unserem Privat- und Berufsleben. Digitale Netzwerke werden so entwickelt, dass sie unsere Aufmerksamkeit möglichst lange binden, mit unvorhersehbaren, variablen kleinen positiven Verstärkern, die unser intrinsisches Belohnungssystem stimulieren, hin zu unkontrolliertem, abhängigen Verhalten. Wie ist die Datenlage? Wer ist dafür verantwortlich und wer ist verantwortlich dafür, dass es mir gut geht? Was kann ich tun, damit es mir gut geht? Das sind die Fragen, auf die dieser Artikel antwortet.

Digitales Wohlfühlen: Fühle ich mich mit meinem digitalen Konsum (noch) wohl?

Der DAK Gesundheitsbericht 2019 zeigt, dass die große Mehrheit der Erwerbstätigen (85 %) soziale Medien nutzt. Unter sozialen Medien (die keineswegs „sozial“ sein müssen, d.h. „eine empathische Bedeutung im Sinne von ‚dem Gemeinwohl dienend‘ oder ‚den Schwächeren schützend‘“ (DAK Gesundheitsbericht 2019, S. 146-147) implizieren) wurden hier „digitale Medien und Plattformen gemeint, durch die Sie mit anderen Nutzerinnen und Nutzern in Austausch treten und/oder Inhalte erstellen und austauschen können. Das sind unter anderem soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder LinkedIn, Blogs und Internetforen, sogenannte Mikroblogs wie z. B. Twitter. Auch Messaging-Dienste wie WhatsApp oder Snapchat gehören dazu. Die Nutzung von E-Mail oder Web-Seiten gehört dagegen nicht dazu.“ […] „Gefragt nach den zwei wichtigsten sozialen Medien, die sie in den letzten 12 Monaten genutzt haben, geben die Befragten vor allem Facebook (51 Prozent) und WhatsApp (49 Prozent) an. Ein kleinerer Teil der Befragten zählen Instagram (18 Prozent) und Twitter (3,7 Prozent) dazu. (ebd., S. 147). Dabei sei der Anteil der Nutzer*innen sozialer Medien über alle Altersgruppen hoch, in der Altersgruppe 18-29 mit 95, 3 % am höchsten.

Schade, dass die Studie nicht zwischen den Messenger-Diensten, die ja irgendwie auch als „moderne Anrufbeantworter des geschriebenen Wortes + Emojis“ zwischen zwei einander bekannten Personen oder Kleingruppen (Study Groups, Familiengruppen) verstanden werden können und den, potentiell in die Welt projizierenden digitalen Netzwerken wie Facebook und Instagram unterscheidet.

Instagram-Fund; Quelle: Süddeutsche Zeitung Magazin

Wie scherzhaft von der Süddeutschen Zeitung auf Instagram visualisiert, geben auch 9 Prozent der in der DAK-Studie Befragten einen gewissen Kontrollverlust bei der Nutzung digitaler Medien an.

8 Prozent der in 2019 Befragten „haben oft soziale Medien genutzt, um nicht an unangenehme Dinge denken zu müssen“ (ebd., S. 151). Digitale Medien dienen somit auch als Flucht- und Abwehrmechanismus, wenn die Realwelt vermeintlich zu schmerzhaft wird.

Knapp 4 Prozent der Befragten geben einen Interessenverlust an Hobbies und Interessen durch die Nutzung digitaler Medien an (ebd., S. 151), der häufig auch mit einen Rückzug aus physischen Kontakten einhergeht und begleitet wird durch andere Beeinträchtigungen, wie starke Ängste, Schlafstörungen, Essstörungen oder Depressionen.

Die Zahlen, sowie das Ausmaß der Erscheinungen dürften sich aufgrund fehlender physischer Kontakte und fehlender adäquater Möglichkeiten zur Stressbewältigung durch die Corona-Pandemie mit ihren Begleitmaßnahmen erhöht, bzw. verstärkt haben. So berichtet auch Uta neulich von ihrem Digital Overload und ‚Zoom Fatigue‘ und Mario von weniger überladenen und vor allem weniger überlastenden Alternativen zum World Wide Web. Wenn Sie mal schauen möchten, wie sich Ihre tatsächliche Nutzung von digitalen Medien von Ihrer Erwartung und Selbsteinschätzung unterscheiden, habe ich dafür hier eine kleine Reflexionshilfe gebaut, die sich ausdrucken und analog ausfüllen lässt (Marter, 2021).

Insbesondere die digitalen Netzwerke (ich möchte sie nicht sozial nennen) haben Suchtpotential; mindestens für solche, die ohnehin schon Suchtthematiken haben. Und auch wenn sie kein Suchtpotential hätten, so haben sie doch einen starken Einfluss auf die Art und Weiße wie wir kommunizieren, unsere Zeit verbringen, unsere physische, psychische und emotionale Gesundheit und unsere Gesellschaft.

Wer verantwortet mein intrinsisches Belohnungssystem?

Früher (als das Leben noch unbequemer war) haben Menschen mit Suchtthematiken ‚nur‘ zu viel getrunken, dann auch (zu viel) geraucht (wenn man einmal die Problematik ‚harter‘ Drogen ausklammert). Im digitalen Zeitalter nun kommen durch Digitales induzierte Dopamin-Kicks (und vieles mehr) im Belohnungssystem des Gehirns hinzu. Das Belohnungssystem schließt auch das emotionale Zentrum (das limbische System) mit ein. So kommt es, dass wir uns, wenn wir ‚gestresst‘, traurig, ängstlich oder wütend sind, eine sogenannte ‚Belohnung‘ suchen, die uns vermeintlich beruhigt und entspannt. Heute wird dafür dann recht schnell das Smartphone gezückt. Wichtig zu wissen ist, dass es sich hier nicht um eine echte, gesunde Belohnung handelt, sondern mindestens um eine Ablenkung, in der Regel einen Abwehrmechanismus, der uns der Lösung des Ursprungsproblems der leid-auslösenden Emotion nicht näher bringt.

Ein mich inspirierender und meine Message unterstützender Fund aus irgendeinem digitalen Netzwerk. Quelle unbekannt.

Wie bei Alkohol und Nikotin ist der Weg über eine ungesunde Gewohnheit in eine potentielle Abhängigkeit schleichend. Einstieg und Zugang sind niedrigschwellig und gesellschaftlich anerkannt, wenn nicht sogar anerkannter als der Verzicht. „Wie, du bist nicht bei Whatsapp!“ + Augenverdrehen. „Wie, du trinkst keinen Alkohol!“ + Bist du schwanger?“ oder „Spaßbremse!“

Für den Konsum von Tabak haben sich diese Phänomene der Gruppendynamik durch politische Regelungen drastisch geändert. So ist das Rauchen in gastronomischen Einrichtungen und Diskotheken seit 2008 verboten. Binnen kürzester Zeit sind nun die Rauchenden zu den Spaßbremsen und Spalter*innen geworden.

Ich bin allerdings überhaupt keine Freundin des Trends, überall sofort politische Lösungen zu fordern. Zumal diese ja auch sofort wieder abgelehnt und bekämpft werden und von anderen wieder neue, andere politische Lösungen gefordert werden. Viele vergessen bei all ihrer Arbeit, zwischenmenschlichen Problemen und automatisierten Ablenkungs- und Abwehrmechanismen durch Smartphone, Alkohol, Zucker, Konsum und Co., dass sie selbst eine Verantwortung für Körper, Psyche und Emotionen und ein soziales Miteinander zum Wohle aller haben.

Letztlich brauchte es ein politisches Eingreifen in Sachen Nichtrauchendenschutz, weil das Rauchen in Diskotheken und der Gastronomie ‚normaler‘ war als das Nichtrauchen. Deshalb kamen Rauchende gar nicht auf die Idee, zum Rauchen raus zu gehen, um so andere durch ihr eigenes ungesundes (Sucht-)Verhalten nicht zu schädigen. Ähnlich verhält es sich mit der Gleichstellung der Geschlechter und dem Pfandsystem für PET-Flaschen. Beim Pfandsystem gilt der politische Eingriff dem Schutz der Erde durch den sinnvollen Umgang mit Ressourcen. Er war nötig, weil wir Verbrauchenden von allein nicht ausreichend recyceln und die Produktion von neuem Plastik für die Herstellenden günstiger als Recyceln ist. (Deposy, 2021)

Ein politischer Eingriff in unseren Alltag durch Restriktion des Konsums digitaler Medien zum Schutz unserer körperlichen, psychischen und emotionalen Gesundheit ist natürlich undenkbar und nicht erstrebenswert. Zumal gut aufbereitete digitale Medien und der digitale Austausch z.B. in Lockdown-Zeiten zum Erhalt der Gesundheit beitragen können. Ich selbst bekomme durch die Kanäle, die ich abonniert habe, immer wieder wunderschöne Erinnerungen und Inspirationen zu Aspekten eines gesunden Lebens und Arbeitens oder freche Frauenpower-Kommentare, die meinen Horizont erweitert und mich über die Jahre wachsen lassen haben.

Visualisierte Daten: Ein mich inspirierender Facebook-Fund von Lena Deser über editionF.
Ein mich inspirierender Facebook-Fund. Quelle: unbekannt

Es ist an uns, an jeder und jedem einzelnen von uns Verantwortung zu übernehmen und gesund, fair, sozial und nachhaltig zu denken, zu sprechen und zu handeln. Jede*r von uns kann dabei ein strahlendes Licht für Werte sein ohne andere zu belehren, Ängste zu schüren, zu beleidigen oder Meinungen aufzudrücken. Jede*r von uns kann so zu einem gesünderen, neuen Normal beitragen. Dafür müssten wir regelmäßig aus der Eskalationsspirale des Außen (d.h. der Reizüberflutung und dem unrealistischen Leistungsdruck im beruflichen Alltag, TV und digitalen Medien), uns beruhigend, entspannend, klärend und so deeskalierend bei uns selbst ankommen. Das hilft auch gegen Sucht und jede andere Art des Versuches der ungesunden und nicht zielführenden Bedürfnisbefriedigung.

Im Selbst ankommen macht handlungsfähig und gestaltungsfrei

Aus der Sicherheit und Verankerung, die beim Ankommen bei sich selbst wieder wahrgenommen werden können, erwachsen Ruhe und Zentrierung. Das Herz kann sich wieder öffnen, der eskalierte Verstand beruhigt sich. Vertrauen in die eigenen Stärken, Vertrauen in die Welt, Geduld und Humor mit den eigenen Schwächen und denen anderer wird wieder möglich.

Umso mehr wir in Liebe und Vertrauen bei uns selbst ankommen, umso heller scheint unser Licht und der Wunsch sich nicht mehr an gesellschaftlichen Eskalationsprozessen zu beteiligen, was nicht gleichbedeutend ist, mit: keine Meinung zu haben und diese nicht auch angemessen zu vertreten.

In der Kraft, zentriert und mit offenem Herzen fällt es schwerer, Margarine mit Palmöl zu kaufen, wenn der Preis dafür die Abholzung der Regenwälder ist. Auch die Billigsalami lächelt einen nicht mehr an, ganz im Gegenteil.

Weil wir uns nicht mehr in einem Zustand des Mangels empfinden, brauchen wir auch nicht mehr 2 € ‚sparen‘, um bei den gängigsten Online-Anbietern ein neues Scrabble-Spiel zu bestellen. Auch diese Klicks stimulieren das Belohnungssystem auf eine ungesunde und manipulative Weise und der ständige Hinweis darauf, dass nur noch drei, zwei, ein Stück auf Lager sind/ist, gibt uns gezielt das Gefühl, nicht genug zu bekommen und gestresst, noch schneller und unreflektierter auf den Kauf-Button zu drücken. Danach stellt sich kurzzeitig vermeintlich belohnende Erleichterung ein, weil wir das wertvolle Stück zum Mindestpreis ergattert haben und diesmal nicht diejenigen sind, die ‚zu spät‘ kommen und leer ausgehen.

Geankert, herz-offen und zentriert, beteiligen wir uns so nicht an ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, haben die Möglichkeit im Laden in einen physischen, sozialen Kontakt zu gehen, ein Stadtbild mit kleinen Lädchen zu erhalten, die wiederum ihre Steuern im Land des Lädchens zahlen und so auch zu sehr vielem beitragen, dass uns im Wohlstand hält.

„Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“

―Mahatma Gandhi

In diesem Zustand der Handlungsfähigkeit und Gestaltungsfreiheit fragen wir uns recht bald auch, von wem wir uns inspirieren, leiten oder manipulieren lassen möchten.

  • Möchte ich meine wertvolle Frei- und Regenerationszeit mit digitalen Medien verbringen, die es darauf anlegen, meine Aufmerksamkeit durch gezielt eingesetzte verhaltenswissenschaftliche Konzepte (z.B. Konditionierungen, Ansprache des Belohnungssystems,…) so geschickt und ungesund zu binden, dass ich selbst keine Kontrolle mehr darüber habe, was ich da eigentlich tue? (Giesler, 2018)
  • Möchte ich getrieben sein von der Angst, in der fiktiven Parallelwelt meiner digitalen Filterblase etwas zu verpassen („Fear to miss out“)? Was verpasse ich denn wirklich? Was kann ich gewinnen, wenn ich keine Angst habe? Was mache ich statt dessen? Wer kann mich unterstützen? Mit wem möchte ich spazieren gehen, mit wem Scrabble spielen?
  • Möchte ich mich, das leuchtende, geerdete, zentrierte, liebende und geliebte, wertvolle, herz-offene, sanfte Wesen, das ich bin, abhängig machen von Like-Buttons und Likes Unbekannter? Was braucht es für mich wirklich, um meine menschlichen Bedürfnisse nach Nähe und Wertschätzung zu befrieden? Wieviel davon braucht es wirklich von außen? Und wo muss ich erstmal anfangen, mich selbst zu liken? Wieviel mehr Lebensqualität kann ich wohl erlangen, wenn ich mich selber mag?
  • Wenn ich in den digitalen Medien Reize und Informationen konsumiere, welche sind das? Machen sie mir Angst, mich traurig oder wütend? Sind sie gut recherchiert und von Menschen mit Expertise geschrieben? Haben sie die Absicht mich zu schwächen oder machen sie mich handlungsfähiger?

Digitale Ruhe und Besinnlichkeit zwischen den Jahren

In Vorbereitung auf die Rauhnächte, einer Zeit der inneren Einkehr, und auf meine Rauhnächte Meditation Challenge hab ich gestern alle digitalen Netzwerke von meinem Smartphone deinstalliert. Ich faste mal wieder, d.h. ich verzichte freiwillig.

Nun brauche ich allerdings neue gesunde Routinen für die neu-gewonnene Zeit und Freiheit (in der Regel macht man*frau sich da vorher einen Plan für) und eine neue gesunde Routine, um die digitalen Netzwerke, auch für meine beruflichen Tätigkeiten weiterhin regelmäßig zu nutzen, ohne dass wertvolle Zeit und Lebensenergie unkontrolliert vergeht. Ich dachte da so an eine Stunde pro Tag am Vormittag vom Rechner aus, mit Timer.

Als nächstes wird dann auch das E-Mail-Postfach im Smartphone um sein Dasein fürchten müssen. Das braucht aber wirklich einen Plan und Zeit damit nichts verloren geht. Meine analoge Uhr hab ich auch aus den Tiefen der Verbannung befreit. Sie braucht aber eine neue Batterie und damit habe ich einen neuen Punkt auf meiner To-Do-Liste, den ich abarbeiten muss, um in die neue Freiheit (gesunde Belohnung) zu kommen. 

Gesunde intrinsische Belohnungen

Heute habe ich Wikipedia gespendet, um einen kleinen Beitrag zu daten- und literaturbasierter Informationsverbreitung zu leisten (gesunde Belohnung). Nachher geh ich noch ein Scrabble-Spiel, Milch und Kerzen kaufen (gesunde Belohnung) und auf den Weihnachtsmarkt (gesunde Belohnung), um das Privileg des Analogen zu genießen (gesunde Belohnung). Ich habe vor, alle Welt anzulächeln (gesunde Belohnung). Ich habe heute auch schon ein überraschendes Weihnachtspäckchen bekommen und freue mich sehr (gesunde Belohnung).

Drücken Sie mir die Daumen, wie ich Ihnen die Daumen drücke!

Geerdete, herz-offene und zentrierte Sonnen- und Weihnachtsgrüße,

Ihre Dr.in Kathrin Marter

Das Privileg des Analogen

Auf Grundlage einiger früherer Skizzen (u.a. 2019 zum Zeitunglesen, so richtig auf Papier, an den Orten, wo diese Zeitungen erscheinen) und Beobachtungen im Alltag habe ich ein neues Schreibprojekt begonnen, in dem ich mich mit dem „Privileg des Analogen“ (als scheinbarer Kontrast zum „Digitalen“) auseinandersetzen will. Ich weiß noch nicht genau, ob das eine Artikelsammlung wird, oder ein neuer Band der Über/Strom-Reihe, oder noch was anderes, aber auf jeden Fall treibt mich das Thema jetzt schon lange um.

Der Grundgedanke ist, dass digitale Medien sowie digital umgesetzte Arbeits- und Lernszenarien einerseits Teilhabemöglichkeiten bieten, die rein analoge Formen nicht haben – dass das Analoge dabei aber noch mehr als vielleicht früher schon zu einem Privileg, vielleicht einem Luxus, wird. Im 2. Coronajahr 2021 erlebe ich dieses Spannungsfeld gleich mehrfach.

Beispiel Wissenschaft: Aus dem gesellschaftlichen Teilsystem Wissenschaft bin ich seit 2015 eigentlich raus (und in Hinblick auf #IchBinHanna möchte ich fast sagen: Gott sei dank), insofern ich seitdem keine institutionelle Zugehörigkeit mehr zu einer Hochschule habe und auch nicht mehr gesucht habe. Stattdessen arbeite ich in verschiedenen Zusammenhängen, 25 h/Woche unbefristet angestellt, Rest der Zeit tätig als „ich schreib so Texte“-Mensch aka „freier Autor“ von Sachtexten („Und, was machst du so?“). Ich werde nicht reich, aber meistens reicht es.

Die Themen meines Schreibens leiten sich zwar großteils aus meiner früheren wissenschaftlichen Tätigkeit her (Kommunikationswissenschaft; in mehr soziologischer und linguistischer Ausprägung, weniger medienwissenschaftlich). Meine Bücher richten sich aber an die Allgemeinheit oder an Praktiker*innen, die z.B. beruflich mit Softwareentwicklung oder technischem Kundendienst zu tun haben (da ist auch der Link zu meinem Angestelltenjob).

Jedoch habe ich in mir immer noch eine gewisse … wehmütige Sehnsucht nach nicht verwertungsgebundenem wissenschaftlichen Austausch. Ironisch sage ich manchmal, ich würde gerne mal ein Jahr lang einfach nur das Wortfeld „Baum“ erforschen. Oder sowas. Nur findet wissenschaftlicher Austausch halt nicht im Kundendienst statt und auch nicht beim Schreiben von Sachtexten, sondern, naja, im Teilsystem Wissenschaft. Daran zu partizipieren, setzt tradtionell nicht nur Zeit und Netzwerke voraus, sondern auch Geld. Denn zu Tagungen zu fahren (wo man Netzwerke knüpft), muss man bezahlen können. Wenn man keine Uni oder Firma hat, die das übernimmt, sieht’s düster aus. Und genau da war Corona dieses Jahr eine Möglichkeit, wieder Anknüpfungspunkte zu finden. Denn so schal das in sozialer Hinsicht auch ist: Viele Konferenzen wurden online durchgeführt und dabei auch die sonst oft hohen Teilnahmegebühren stark reduziert oder ganz fallengelassen. Auch Fahrt- und Übernachtungskosten entfielen. Und so sind es dieses Jahr drei Tagungen, an denen ich teilnahm/teilnehme (die letzte ist die Future and Reality of Gaming in Wien am 26./27.11., eine Games Studies-Tagung, wo ich auch selbst einen Beitrag vorstelle). Zu normalen Bedingungen wäre das weder zeitlich noch finanziell möglich gewesen, und insofern hat mir das Digitale einen länger beiseite geschobenen Teil meiner Identität zurückgebracht.

Man könnte jetzt sagen, dass das doch eher das Privileg des Digitalen ist. Ich kann ja eigentlich froh sein, dass mir das Internet eine Teilhabe an solchen Formen erlaubt. Aber das sind, wie erwähnt, Corona-Bedingungen und ich bin mir relativ sicher, dass beim Ende der Pandemie wieder mehr auf analoge Formen der Komunikation umgestellt wird. Und das ist gut so – mir tun junge Student*innen so so leid, die ihr Studium unter Corona-Bedingungen begonnen haben, jetzt endlich ein wenig Präsenzluft schnuppern konnten, aber nun sicher bald wieder (wo noch nicht geschehen) zurück in virtuelle Räume müssen. Aber dann werden eben auch wieder Zeit und Geld entscheidende Parameter sein, die eine Teilhabe ermöglichen oder ausschließen. Darum das Privileg des Analogen.

Ähnliche Beobachtungen mache ich in Bezug auf Medienkonsum (Kino vs. Stream, gedrucktes Buch vs. eBook, gedruckte Zeitungen vs. Paywall usw.), Spiele (Computerspiele vs. Brettspiele), Kundendienst (Menschen vs. Bots, Entscheidungsbefugnis vs. starre Prozesse), Einkaufen (online vs. Geschäft) usw. Ich habe nun vor, diese Beobachtungen jeweils zunächst zu beschreiben und dann gesellschaftlich einzuordnen (da ich nix anderes kann, vermutlich wieder vor systemtheoretischen Hintergründen). Wie genau, wird man dann sehen.

Wohin steuert unsere Welt gerade? Novembergedanken

Irgendwie bin ich mir im Moment unsicher, wohin sich unsere Gesellschaft und die ganze Welt entwickeln wird. Nach meinem Empfinden befinden wir uns gerade in einer Art Übergangsphase, die durch die Pandemie noch einmal sichtbarer wird. Wir sind von sehr widersprüchlichen Entwicklungen und Tendenzen umgeben. Auf der einen Seite bilden sich weltweit sehr feministisch geprägte Protestbewegungen wie „Fridays for Future“, „Black Lives Matter“ oder „NiUnaMenos“ („Nicht eine weniger“), wie die Philosophin Eva von Redecker in ihrem Buch „Revolution für das Leben“ darlegt und die Hoffnungen machen, dass wir an der Schwelle zu entscheidenden gesellschaftlichen Veränderungen stehen könnten, die vom Turbokapitalismus Stück für Stück wegführen.

Zum anderen gibt es wiederum aber auch nationalistisch konservative Tendenzen, wenn wir uns zum Beispiel die schon mehrere Jahre anhaltende Popularität der Partei AfD anschauen, die wachsende EU-Skepsis in einigen europäischen Ländern, die Flüchtlingspolitik und die grenzenlos wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik weltweit, die mit einem starken Konkurrenzdenken zwischen den Großmächten der Welt einhergeht.

Wir leben in einer Welt, in der sozialistische und kommunistische Experimente scheinbar vorläufig ausgedient haben. Auch die linken Intellektuellen sind sich darin einig, dass das Leben in den Ländern, in denen noch kommunistische oder sozialistische Strukturen existieren, nicht besonders erstrebenswert ist, sondern dass sich etwas Neues entwickeln muss. Das Besitzbürgertum ist jedoch so sehr besorgt um seinen Wohlstand, dass die Veränderungen nur in Minischritten vorankommen. Und die digitale Blase verhindert aktives Handeln, da sie die Menschen nur als Datenlieferanten behandelt und nicht als Lebewesen, die nicht außerhalb der Natur stehen, sondern inhärenter Teil dieser sind und weit mehr und vor allem andere Fähigkeiten besitzen als künstliche Maschinen.

Und da frage ich mich nun – wo ist das Licht am Ende des Tunnels und wie lange dauert es noch, bis sich der Mensch evolutionär vom Raubtier in Richtung eines friedlichen Wesens entwickelt hat und dann endlich das Wunder des solidarischen kooperativen Miteinanders ohne „sachliche Herrschaft der Profitorientierung“ und „Sachherrschaft der Eigentumsfixierung“ (Eva von Redecker) wahr wird. Es gibt eben leider noch zu viele Menschen, die Angst vor einem angeblich langweiligen, tristen Leben haben, in dem sie nicht mehr behaupten können, dass sie mehr wert als andere Menschen sind oder mehr Erfolg, Kompetenzen und Besitz haben. Denn in einem kooperativen Lebensmodell würden auch die individuellen Differenzen, Fähigkeiten und Vorlieben der Menschen keine Schwierigkeiten mehr darstellen, wie von Redecker schreibt. Sie hinterfragt in ihrem wunderbaren Buch, das sich fast als Manifest liest, die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse noch einmal grundlegend und stellt sich mit Wucht in einer direkten Sprache gegen den Kapitalismus mit all seinen widersprüchlichen Verwerfungen, so deutlich wie ich es lange nicht mehr gelesen habe:

„Das Bild des Kapitalismus als frei schwebender Jongleur, der stets noch mit einem Ball mehr zu jonglieren weiß, ist zu schmeichelhaft. Man soll dem Kapitalismus nicht durchgehen lassen, sich als Ekstase, als unstillbares Verlangen, als schlaflose Nacht zu inszenieren. Er lässt nicht alle Puppen tanzen, selbst wenn er die Gebeine der Vergangenheit aufwirbelt. Das, was funkelt wie ein Karussell, ist nur die wacklige Spitze eines riesigen Bergs aus Müll, Langeweile und Leichenteilen.“

Eva von Redecker provoziert mit diesen radikalen Äußerungen und macht uns Hoffnung…insofern, dass ihrer Meinung nach, die Menschen spüren, dass sich etwas ändern muss und dass der Klimawandel in der jetzigen kapitalistischen Wachstumslogik nicht zu stoppen ist. Andererseits konstatiert sie, dass den Menschen noch der Mut zum Handeln fehlt, weil ihnen bewusst ist, dass es nicht ohne Verzicht gehen wird und sie sich wohl vom geliebten, teilweise luxuriösen Wohlstand verabschieden müssten.

Denn es bringt nichts, wenn nachhaltige Bio-Produkte produziert werden, die quantitative Produktion von Konsumgütern an sich jedoch nicht reduziert wird. Das ist ein Widerspruch in sich. Für das Klima ist es am besten, wenn man seine Klamotten so lange trägt und sein Auto so lange fährt, bis es nicht mehr geht anstatt immer mehr zu kaufen, auch wenn es sich um nachhaltig produzierte bzw. umweltfreundliche Waren handelt. Das ist ein großer Selbstbetrug.

Und so lange wir es allen Ernstes für moralisch richtig halten, dass Krankenhäuser Profit machen müssen, dass nicht so viele Lehrer*innen, Pflegekräfte, Wissenschaftler*innen eingestellt werden dürfen wie gebraucht werden, sondern diese Entscheidungen nur auf Grundlage finanzieller Ressourcen getroffen werden, wird es nie zu einer größeren gesellschaftlichen Gerechtigkeit kommen. Eva von Redecker schreibt im Rückgriff auf Hannah Ahrendt:

„Hannah Arendt diagnostizierte schon für das Ende des 19. Jahrhunderts eine heimliche Bewunderung der guten Gesellschaft für die Kriminalität, in der das Bürgertum ihre eigenen Methoden erkennt. Was den größten Scharlatanen die Wählergunst sichert, ist, dass sie offen so handeln, wie man selbst es doch noch eher verschämt und stümperhaft im Verborgenen tut. Alle Mittel einsetzen. Sonst wird man schließlich am Ende selbst eliminiert.“

In der bürgerlichen Gesellschaft geht es in erster Linie darum, mögliche Konkurrent*innen, die den eigenen Erfolg gefährden könnten, aus dem Weg zu räumen. Erst dann hat man sein Ziel erreicht. Das erinnert mich an den Hochstapler Felix Krull, der mit seinen Verstellungskünsten zeigt, dass es Zufall ist, in welche Gesellschaftsschicht man hinein geboren wurde und der als Simulant die nur auf Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeiten fixierte Geldaristokratie entlarvt.

Erich Kästners moralischer und ebenfalls sympathischer Fabian sagt schon im Jahr 1931 so unglaublich aktuelle Sätze wie „Und sei mir nicht böse, wenn ich nicht glaube, daß sich Vernunft und Macht jemals heiraten werden. Es handelt sich leider um eine Antinomie. Ich bin der Überzeugung, daß es für die Menschheit, so wie sie ist, nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder ist man mit seinem Los unzufrieden, und dann schlägt man einander tot, um die Lage zu verbessern, oder man ist, und das ist eine rein theoretische Situation, im Gegenteil mit sich und der Welt einverstanden, dann bringt man sich aus Langeweile um. Der Effekt ist derselbe. Was nützt das göttlichste System, solange der Mensch ein Schwein ist?“

Im Gegensatz zu Felix Krull ist Fabian jedoch ein hoffnungsloser Melancholiker, der das Gefühl hat, nicht ins System zu passen, da ihm Geld und Macht völlig egal sind und er darin für sich keinen Lebenssinn erkenn kann. Felix Krull dagegen ist ein Lebenskünstler, der die unmoralische Welt genauso wie Fabian durchschaut, sich jedoch mit Vergnügen an sie anpasst und mit ihr spielt.

Byung-Chul Han stellt in seinem neuesten Buch „Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie“ fest, dass das „Disziplinarregime“ im digitalen Zeitalter durch ein „neoliberales Informationsregime“ ersetzt wurde, in dem sich die Herrschaft als freundliche, offene und moderne „Freiheit, Kommunikation und Community“ tarnt. Wir können heutzutage alles sagen und teilen – daraus entstehe jedoch kein argumentativer und dialektischer Diskurs, der Zeit benötigt, die uns aber nicht mehr gelassen wird. Han analysiert treffend: „Die logische Kohärenz, die den Diskurs auszeichnet, ist den viralen Medien fremd. Informationen haben ihre eigene Logik, ihre eigene Temporalität, ihre eigene Dignität jenseits von Wahrheit und Lüge.“

Insofern täuscht auch das digitale Zeitalter etwas vor, das es nicht ist – ein offener, sozialer, globaler Vernetzungsraum, der die Welt auf ein „globales Dorf“ (Marshall McLuhan) reduziert und für Frieden und gegenseitiges Verständnis sorgt. Man ist versucht, diesem einst positiven Ansinnen der inzwischen mächtigen digitalen Konzerne auch teilweise zuzustimmen, wenn sie nicht selbst in die völlig unmoderne und konservative kapitalistische Wachstumslogik eingebettet wären, wodurch jede individuelle Freiheit und jedes solidarische Gemeinschaftsgefühl nur simuliert und absurdum geführt wird.

Also leider irgendwie nichts Neues…aber genau dieser Stillstand bzw. dieser sich wie ein Vakuum anfühlende Zustand nervt…

(Titelbild: Jeshu John, http://www.designerspics.com/)

Träume – Spielwiese unserer selbst

Laut klackern meine Absätze auf dem Kopfsteinpflaster, der Hall wird in der engen Gasse reflektiert, während eine laue Frühlingsbrise meine Haare durchweht. Unbeschwert schlendere ich lange vor der Pandemie durch die Innenstadt Prags. Mein Blick fällt auf ein großes Bild, das im Schaufenster der unscheinbaren kleinen Galerie von Marie Brožová hängt. Sofort bleibe ich gebannt stehen: so viele Details! Ein älterer Mann, an einen Zauberer erinnernd, sitzt mit verträumtem Blick an einem Tisch in einer Art Höhle – womöglich ein hohler Baumstumpf? Wundersame Wesen bevölkern kleine Nischen, Durchgänge ins Freie und winzige, eingerichtete Räume in den Wänden. Minutenlang verliere ich mich in den Details dieses Bildes. Verzaubert betrete ich den kleinen Geschäftsraum, der Galerie und Laden in einem ist. Die Wände hängen voll mit ähnlich aufwändigen Zeichnungen – alle auf DIN A0-Papier und alle mit Buntstift gemalt, wie ich später erfahre. 

„Book of Life“ – mit freundlicher Genehmigung von Marie Brožová

Hinter einigen Ständern voller Postkarten mit diesen Motiven entdecke ich eine junge Frau an der Kasse. Ich frage, noch immer zutiefst beeindruckt, woher die Künstlerin wohl die Inspiration für diese magischen Motive bekommt und ob ihr nicht irgendwann die Ideen ausgehen? Nein, das würde sicher nicht passieren, antwortet die Dame. Frau Brožová male einfach das, was sie in ihren Träumen sehe. Und an Träumen mangele es ja nicht. Um ein paar Euro ärmer, aber einen Stapel Postkarten reicher, verlasse ich kurze Zeit später den Laden wieder. Die Tasche voll mit Traumwelten einer Künstlerin, die ich seither nicht mehr vergessen habe – ihre Bilder zieren nun mein Arbeitszimmer. Warum üben Träume eine so faszinierende Wirkung auf uns aus? Wieso ziehen uns manche Traum-Szenen so in ihren Bann? 

Träume als Spiegel unserer Seele 

Die Psychologie hat sich vor allem in der Geburtsstunde der Psychoanalyse intensiv mit Träumen beschäftigt. Freud machte den Anfang mit seiner berühmten “Traumdeutung” und sah in den Träumen den Königsweg zum frisch entdeckten Unbewussten. Dass es neben dem Bewusstsein eine ganze Welt gefüllt mit Inhalten und Erfahrungen in uns geben könnte, die uns nicht direkt zugänglich ist, war damals ein revolutionärer Gedanke. Später folgte unter anderem Carl Gustav Jung mit seinem Ansatz der subjektstufigen Deutung von Träumen. Die von ihm begründete analytische Psychologie postuliert dabei, dass alles, was uns im Traum begegnet, als Anteil unserer selbst verstanden werden kann – Menschen, Tiere, sogar ganze Landschaften.

Moment, die derbe Bäuerin aus dem Traum neulich könnte eine Persönlichkeitsseite von mir sein? Oder der afroamerikanische Soul-Sänger? Die Spinne? Der Elefant? Setzen wir uns mit diesen Traum-Gestalten auseinander, sind wir mitunter überrascht davon, wer und was sich in uns alles tummelt. Oft lohnt es sich, genauer hinzusehen, denn immer wieder begegnen uns im Traum sogenannte Schatten-Anteile, die wir aus unserem Bewusstsein ausgeschlossen haben. 

Die analytische Psychologie geht davon aus, dass uns im Traum Persönlichkeitseigenschaften oder innere Stimmen begegnen können, die nicht im Einklang mit unserem Selbstbild stehen. Solche dem Bewusstsein fernen Anteile befinden sich nach C.G. Jung im sogenannten Schatten, also einem Teil des Unbewussten. Tauchen bestimmte Gestalten oder Eigenschaften immer wieder auf, kann das demnach mitunter als Hinweis auf eine Einseitigkeit im Lebensvollzug und der Selbstwahrnehmung verstanden werden. Die Bäuerin könnte so für eine bodenständige, zupackende Persönlichkeitsseite stehen, der bisher wenig Raum zur Verfügung stand. Der Sänger könnte für einen leidenschaftlichen musikalischen Selbstausdruck stehen, der im Verborgenen bleiben musste, womöglich aus mangelndem Selbstvertrauen oder Scham.

Die Bedeutung solcher Traumbilder lässt sich dabei nicht pauschal festlegen, sondern muss, angereichert durch die eigenen Assoziationen, individuell erschlossen werden. Sich mit diesen inneren Bildern auseinander zu setzen und davon ausgehend den ein oder anderen Schritt im realen Leben zu wagen, kann dabei durchaus zu einer Reifung der Persönlichkeit beitragen oder kreative Potenziale freilegen. 

Luzide Träume

Eine wahre Spielwiese für Kreativität und ungeschütztes Ausprobieren stellen zweifelsohne die sogenannten luziden Träume dar. In ihnen ist sich die träumende Person der Tatsache bewusst, dass sie träumt und im Traum handlungsfähig ist. Anders als in einer VR-Umgebung oder Star Treks Holodeck ist es hier also möglich, sich nicht nur bewusst durch eine bestimmte Umgebung zu bewegen und in ihr zu handeln, sondern die Welt mitsamt ihren Gesätzmäßigkeiten, Bewohner*innen und Orten nach Belieben zu gestalten. Was wäre, wenn der Himmel grün wäre und das Gras blau? Was, wenn wir Menschen die Größe von Ameisen hätten? Fragen, die wir womöglich zuletzt als Kinder gestellt haben, können in luziden Träumen in Handlungen umgesetzt werden. Warum nicht mal den überdimensionierten Pinsel schwingen und die Welt bunt anmalen? Oder an einen ganz anderen Ort reisen?

Manche luziden Träumer*innen entschließen sich dafür, die Traumwelt als solche unangetastet zu lassen und einfach nur mit dem zu experimentieren, was das eigene Unbewusste ohnehin anbietet: Wie reagieren Traumfiguren darauf, wenn ich ihnen erkläre, dass sie sich gerade in meinem Traum befinden? Was antworten sie wohl, wenn ich sie frage, ob sie auch träumen? Wie fühlt es sich an, durch die Glasscheibe zu fassen, ohne, dass sie kaputt geht? Und funktioniert das Klavier eigentlich, das da drüben in der Ecke steht? Das Erforschen solcher Traumwelten und -Logiken kann inspirierende Erfahrungen und Erlebnisse bieten – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Bild: Modanung, ArtsonistDream (gemeinfrei)

Vorbereitung auf reale Erfahrungen

Dienen die Träume also ausschließlich dazu, uns kreative Erfahrungen zu ermöglichen oder uns mit inneren Anteilen zu konfrontieren? Vermutlich nicht; allerdings ist sich die Neurowissenschaft bis heute nicht sicher, welche Funktion(en) Träume tatsächlich erfüllen. So existieren Theorien, dass Träume dazu dienen, eine Überanpassung des Gehirns an die Realität zu verhindern und so die Funktionsfähigkeit zu gewährleisten – ähnlich einem neuronalen Netz, das immer wieder mit ungewöhnlichen Daten “gefüttert” werden muss. Andere Theorien gehen davon aus, dass wir in Träumen Erlebtes verarbeiten und uns auf potenzielle zukünftige Situationen vorbereiten. Sicher hat jede*r im Vorfeld eines wichtigen Ereignisses bereits von diesem geträumt und auf diese Weise mental mögliche Abläufe durchgespielt.

Um die luziden Träume nochmals aufzugreifen: Studien konnten darüber hinaus feststellen, dass das Üben von Bewegungsabläufen im Traum die Ausführung dieser Bewegungen in der Wachwelt verbessert. Die Kontrollgruppe, die die Traum-Übungen nicht absolviert hat, schnitt signifikant schlechter ab. 

Traumerinnerung

Seien es aufregende Abenteuer, kreatives Ausprobieren oder das Durchspielen von Situationen oder Bewegungsabläufen: Um die vielfältigen Möglichkeiten zu nutzen, die uns Träume bieten, müssen wir uns selbstverständlich an sie erinnern können. Glücklicherweise lässt sich die Traumerinnerung meist schon durch die Beschäftigung Träumen im Allgemeinen und den eigenen Träumen im Speziellen beschäftigen. Die Erfahrung zeigt, dass wir innerhalb der ersten Minuten nach dem Aufwachen das Geträumte sehr schnell vergessen. Wichtig ist daher, am besten direkt am Bett etwas zu haben, um Erinnerungen an die Träume festzuhalten. Viele Menschen nutzen dazu ein Notizbuch, einige auch die Diktiergerät-Funktion des Mobiltelefons oder das Textverarbeitungsprogramm auf dem Laptop. 

Auch wenn zu Beginn nur ein flüchtiges Bild, vielleicht auch nur ein einzelnes Wort, in Erinnerung geblieben ist, lohnt sich das Aufschreiben. Die Beschäftigung und der Versuch des Sich-Erinnerns signalisiert dem Gehirn, dass es sich um relevante Informationen handelt. Nach und nach wird die Traumerinnerung detaillierter werden. Hier gilt es nur, am Ball zu bleiben.

Spielwiese unserer selbst

Träume bereichern uns also auf vielfältige Weise: Sie können uns zu fabelhaften Kunstwerken inspirieren, aufregende Abenteuer erleben lassen, ein Experimentierfeld bieten oder uns in Kontakt mit verschütteten Persönlichkeitsanteilen und inneren Themen bringen. Für die Forschung sind sie noch immer ein rätselhaftes und schwierig zu studierendes Feld. Und auch wir als Träumende werden häufig überrascht von den wundersamen Dingen, die uns im Schlaf widerfahren. Es lohnt sich, diesen verborgenen Welten in uns ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken.


(Titelbild: Jorm S / Shutterstock.com)

Bald: „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ (Band 3 der Über/Strom-Buchreihe)

Dass unser digitales Zeitalter ganz schön anstrengend sein kann und Stress verursacht, ist keine Neuigkeit mehr, aber immer noch eine Herausforderung für den persönlichen Umgang mit digitalen Medien. Wie viel davon möchten wir uns selbst zumuten, wie hilfreich oder hinderlich sind Twitter, LinkedIn, Blogs & Co. für unser Wohlbefinden, und was tun wir, wenn wir wie gefangen von Stresserfahrungen sind? Dieses Problems nimmt sich die Neurobiologin und Über/Strom-Autorin Dr. Kathrin Marter in ihrem in Kürze erscheinenden Buch „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ an.

Cover von „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ von Kathrin Marter (erscheint 2021)

„Du bist, was Dich stresst!“ ist der 3. Band der Über/Strom-Buchreihe. Nachdem in Band 1 Uta Buttkewitz das Phänomen der kontaktlosen, aber trotzdem stressenden Nicht-Kommunikation in digitalen Medien untersucht hat, und ich in Band 2 eher eskapistische Auswege im Computerspiel suchte, widmet sich Kathrin nun der Frage, wie wir das Problem des Stresses der digitalen Zeit direkt am Schopfe packen.

Ein paar Wochen dauert es noch, bis alles gesetzt und gedruckt ist (und ich bin sehr freudig aufgeregt 😀 es ist so schön, wenn ein Projekt wächst und fertig wird), aber hier ist schon mal der Klappentext:

Viele Menschen nutzen täglich die Vorteile des digitalen Zeitalters: wenn sie mal eben ihr Zugticket mit dem Smartphone buchen, sich von ebendiesem zum vereinbarten Treffpunkt navigieren lassen und dann per Textnachricht erfahren, dass die werten Kolleg*innen ein paar Minuten zu spät kommen, der Tisch im Restaurant online schon reserviert wurde und das „Tisch-Ticket“ per QR-Code gleich mitsenden. Viele Menschen erfahren sich bei aller Erleichterung zunehmend reizüberflutet, überfordert und in der Folge gestresst.

Der Begriff und Zustand „Stress“ (heutzutage im Sprachjargon als diffus definierter Normalzustand verankert und schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen) ist allerdings tatsächlich ein Zustand, der vielfältigen Leidensdruck verursacht und krank macht.

Die Autorin unterstützt allgemeinverständlich, anschaulich sowie naturwissenschaftlich und psychologisch fundiert bei der Auseinandersetzung mit Stress, Stressoren und Prozessen der Langzeitgedächtnisbildung. Letztere sind nicht unwesentlich an unserem chronischen Stresslevel beteiligt. Langzeitgedächtnisse, die, häufig schon in der Kindheit geformt, starke negative Glaubenssätze beinhalten. Diese negativen Glaubenssätze erfahren durch die Herausforderungen der digitalen Welt permanente Verstärkung und begünstigen dadurch chronischen Stress – mit seinen für viele Menschen spürbaren Folgen.

Das Buch lädt ein, klärt auf und gibt fundierte, anschauliche und handlungsorientierte Ansätze zur Selbstreflexion und Entwicklung einer gesunden Handlungskompetenz gegenüber dem eigenen Stresslevel, folglich der eigenen Gesundheit und dem eigenen Glück.

Ich bin Kathrin. Ich bin Biologin. Und #IchBinHanna. Eine prekäre „Verstopfung“ des Wissenschaftssystems?

2018 stellte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ein „Erklärvideo“ zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz ins Internet. Das ist das Gesetz, das es Hochschulen erlaubt, junge Wissenschaftler*innen vor und nach der Promotion für je max. sechs Jahre einzustellen, ohne Aussicht auf Entfristung. Das soll, so das BMBF wörtlich, die „Verstopfung“ des Systems verhindern.

Dazu gab es in den letzten Tagen unter dem Hashtag #IchBinHanna einen heftigen Twitter-Aufschrei und entsprechende Medienberichte. Mario hat in den letzten zwei Tagen sowohl das Hashtag als auch die Resonanz darauf beobachtet und berichtet. Ich bin auch eine Hanna. Mit ein wenig mehr als einem Twitter-Post berichte ich hier von meinen Erfahrungen.

Vertragliches

#IchbinHanna, naja stellvertretend; Ich bin auch eine Hanna. Ich bin Kathrin. Ich bin Biologin wie Hanna. Ich habe eine Doktorarbeit geschrieben. Mein Vertrag an der Universität war zunächst auf drei Jahre befristet. Da trotz massenhafter Daten und einiger Manuskripte in den Schubladen meiner Betreuerin noch keines veröffentlicht war, konnte ich nicht gehen und mein Vertrag wurde um ein weiteres Jahr verlängert. Die Beschäftigung erfolgte wie üblich vorbehaltlich der Mittelfreigabe des Projektträgers.

Mein Vertrag war für eine halbe Stelle. Von Promovierenden, insbesondere in den Naturwissenschaften, wird erwartet, dass sie mindestens 50 % ihrer Arbeit unbezahlt machen. Schließlich handelt es sich ja um eine Qualifizierungsstelle, das heißt, die Arbeit dient ihnen am Ende selbst. In den Geisteswissenschaften wird häufig ohne Entlohnung, sozusagen neben dem Vollzeitjob, möglichst in Vollzeit promoviert, während Ingenieur*innen aufgrund der guten Arbeitsmarktbedingungen in der freien Wirtschaft nur durch volle Stellen gelockt werden können.

Mit meinem 50 %-Drei + (ungewollt) Ein-Jahres-Vertrag hatte ich Glück. Werte Kolleg*innen meiner Branche hatten Verträge über 6 Monate und waren so permanent der Willkür ihres -mit Schlüsseln nach ihnen werfenden- Vorgesetzten ausgesetzt. Immer wieder mal haben sie auf Arbeitslosengeld gearbeitet. Da bleiben mitunter am Ende auf Steuergeldern produzierte Daten für immer unpubliziert in Schubladen und vervielfachen sich Existenzängste, weil z.B. Studienkredite nicht zurück gezahlt werden können. Das passiert Menschen, die sich nach Ausbildung und/oder Studium entschieden haben, die höchste Qualifizierungsebene des deutschen Bildungssystems zu erreichen!

Aufgeschnapptes, das sich auch im Diskriminierungs-, Belästigungs- und Gewaltkontext wiederfindet:

  • ‚Lehrjahre sind keine Herren-Jahre, Kathrin!‘
  • ‚Wenn man es wirklich will, dann muss man schon investieren, Kathrin!‘
  • ‚Jetzt Kinder zu bekommen, ist keine gute Idee, Kathrin!‘
  • ‚Jetzt Kinder zu bekommen, ist eine gute Idee, Kathrin, dann hast du während des Mutterschutzes in der Arbeitslosigkeit genug Zeit, in Ruhe deine Arbeit zu schreiben und kannst jetzt noch ein bisschen ranklotzen.‘
  • ‚Promovierende brauchen kein Wochenende, Kathrin!‘
  • ‚Promovierende brauchen keinen Urlaub, Kathrin!‘
  • ‚Wie schade, dass du jetzt in den Urlaub gehst, Kathrin. Ich wollte mir gerade Zeit für deine Manuskripte nehmen.‘
  • ‚Jetzt hab dich doch nicht so!‘
  • ‚Du willst es doch auch!‘

#LieberLars

„„Ich bin Hanna, wäre aber lieber Lars“, schreibt eine Twitter-Nutzerin. Lars ist in dem BMBF-Video nämlich der Labormitarbeiter, der einen ’normalen‘ Arbeitsvertrag hat, für den das gewöhnliche Arbeitsrecht gilt. „Augen auf bei der Berufswahl“, mag man da zynisch denken.“

Mario Donick, 2021: hier

Dass Hanna mit ihrer Promotion später auf einem Vertrag für Lars (aka technische*r Assistent*in) arbeitet, ist nicht möglich. Das ist irgendwo gesetzlich geregelt. Da würde ja dann durch die Hannas das System für die Larse verstopft. Außerdem gäbe es dann tausende frustrierte promovierte Hannas, die für weniger Geld auf TA-Stellen weiterforschen, um nicht wieder wegziehen zu müssen oder um nicht arbeitslos zu sein oder um ihre Kinder versorgen zu können, … Wenn die Hannas das System durch die Stellen der Larse infiltrierten, dann bräuchte es ja auch gar keine Postdoc-Stellen mehr. Dulcolax her! Und wer macht dann den äußerst wertvollen Job der TAs? Kriegen die dann weniger Geld? Oder sollten sie dann auch promovieren? Dann bräche ja der Elfenbeinturm auseinander. Das will doch keine*r.

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Inspiration zum Elfenbeinturm
Photo by Magda Ehlers on Pexels.com

BottleNeck-Supporters

BottleNeck-Systeme wie das Wissenschaftssystem, welche sich nach oben (lediglich anatomisch) stark verjüngen, verstopfen natürlich leicht.

Da braucht es dann größere, ungesunde Mengen Abführmittel o.ä. und Ausdrücke wie ‚Doktorvater‘, ‚Nachwuchs‘ oder ‚Junior-Professor‘, um gestandenen Diplomer*innen, Promovierte, Post-Docs, Müttern und Vätern uvm. immer wieder auf die Nase zu binden, dass sie Teil des Hamsterrades und weder erwachsen noch mündig sind.

Neben den oben genannten Titeln haben auch Maßnahmen wie das Aufdrucken des Befristungsdatums auf die Hochschul-Mitarbeiter*innen-Karte oder das Einnähen selbigen Datums in die Laborkittel (damit wir unsere Stellung nicht vergessen) täglich die Wirkung des Wirkstoffbeschleunigers Lysin, nur ohne die schmerzstillende Wirkung. Ganz im Gegenteil. Die Burnout-Depression ist so auch eine Möglichkeit, das System nicht zu verstopfen. Angst, Frust und/oder Traurigkeit fördern belegbar weder Innovation noch Kreativität. Die Förderung letzterer soll allerdings, laut BMBF-Erklärvideo, durch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz erreicht werden.

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Keine Zeit zu verlieren!
Photo by incusion on Pexels.com

#LieberHannes?

Ich bin Kathrin. Ich bin auch eine Hanna. Wie alle anderen Hannas wollte ich es wirklich! Wäre ich Hannes (fiktiver Name!) und käme noch dazu aus einem Akademiker*innenhaushalt, hätte ich heute wohl eine andere Geschichte zu erzählen.

Hannes hat alles richtig gemacht. Er hat nach der Promotion Frau aus geliebtem Job und Familien-Unterstützungssystem und Kind aus Kindergarten und Familien-Unterstützungssystem genommen und ist an eine renommierte Universität im Ausland gedüst. Einige erfolgreiche Jahre später ist er dann mit Rückenwind an die nächste renommierte Universität im Ausland gedüst, um eine Nachwuchsgruppe zu gründen. Ob Frau und Kind wieder bzw. noch an Bord sind, weiß ich nicht.

Hannes, selbst Professorenkind, hat schon viel von zu Hause mitbekommen; hatte schon früh einen eher professoralen Habitus, konnte seine Ressourcen besser nutzen, hatte immer schon ein breites Netzwerk und eine solide finanzielle Absicherung.

Wenn ich mir die Twitter-Posts zum Hashtag #IchBinHanna anschaue, sind da allerdings viele, viele Hannes dabei, auch solche, die vermeintlich ‚alles richtig gemacht‘, es vermeintlich ‚geschafft‘ und die Entfristung erreicht haben, die sich trotz ggf. bester Voraussetzungen in ebenso prekärer Lage befinden wie die Hannas und die #Arbeiterkinder, uvm., und körperlich, psychisch und emotional mindestens angeschlagen, wenn nicht erkrankt sind. Dazu aus meinen Buch:

„Wir gönnen uns häufig weder Lob, noch Ruhe oder eine (innerliche) Feier, wenn wir einen Meilenstein erreicht haben. So habe ich z. B. einen Professor erlebt, welcher, als er endlich die ‚Möhre der Vertragsentfristung‘ in den Händen hielt, weder mit seinem Team oder der Familie feierte, noch sich einige Tage Ruhe gönnte, sondern Schmerzmedikamente einnahm, mir „The show must go on“ von Queen zitierte und weitermachte.

Ich war damals nicht in der Position, ihm zu sagen, dass der Liedtext mit „mein Herz zerbricht,…“ weitergeht und Freddy Mercury, als er den Text schrieb, nach langjährigen regelmäßigen Alkohol-, Drogen- und Sexexzessen an den Folgen seiner HIV-Infektion und der daraus resultierenden AIDS-Erkrankung litt. (u. a. Bohemian Rhapsody: King et al., 2018)“

in Marter, K. 2021. Springer-Verlag)

Leaky Pipelines

Für Hannas und Kathrins und #Arbeiterkinder und Studierende, Promovierende und Postdocs mit Migrationshintergrund, sowie Ostdeutsche existieren allerdings diverse Leaky Pipelines und Gegenwinde, die von der erbrachten Leistung völlig unabhängig, durch noch mehr Leistung nicht zu kompensieren und für die entsprechende Zielgruppe ohne Unterstützung nicht greifbar sind.

Aus ‚Recruiting for Excellence‚ Universität Zürich, Faculty of Science, Stand April 2017

Deshalb erklärt uns das BMBF auch (realitätsfern und frech): „Hanna weiß, dass man eine Karriere in der Wissenschaft frühzeitig planen muss. Deswegen nimmt sie regelmäßig das Betreuungsangebot für Promovierende an ihrer Hochschule in Anspruch.“ (Erklärvideo des BMBF: „Wozu dient das Wissenschaftszeitvertragsgesetz?“ 30. Juli 2018).

Als ich noch Hanna war und promovierte, gab es diese Angebote nicht. Heute unterstütze ich mit solchen Beratungsangeboten selbst vor allem Frauen im Wissenschaftssystem. Freiberuflich und an einer Hochschule. Letzteres tue ich un-witzigerweise und aufgrund meiner Qualifikation und Promotion auf einem befristeten Zeitvertrag, welcher dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz unterliegt, d.h. leistungs- und erfolgsunabhängig ohne Aussicht auf Verlängerung.

Diese projektbasierte und Arbeitgeber-gebundene Unterstützung mache ich dann wohl in vier Jahren so nicht mehr. Ich mache den Weg frei, bzw. werde vom Wissenschaftszeitvertragsgesetz frei gemacht, bzw. die Verstopfung aka ich wird bereinigt, für die nächste Verstopfung aka Hanna, die andere Hannas dann auf ihrem Weg an die Spitze des Elfenbeinturms für die restlichen Jahre, bis zum Auslaufen ihres Wissenschaftszeitvertragsgesetz unterstützen darf.

Das fördert meine Kreativität und Innovationskraft jetzt nicht so.

Meine Ideen gegen Verstopfungen und für ein nachhaltig gesundes, zufriedenes, erfolgreiches chancengerechtes Miteinander

Wenn mich gerade etwas motiviert, dann dass die Frauen, die ich unterstütze, durch mich Rückenwind bekommen und andere Möglichkeiten haben.

Diese Motivation ist getrieben von dem Wunsch langfristig etwas zu ändern. In diesem Zusammenhang hätte ich hier auch noch ein paar kreative, anschauliche und innovative (zugegebenermaßen [aufgrund der emotionalen Narben] zynische) Vorschläge im Zusammenhang mit Verstopfungen:

Idee 1

Könnte der Quatsch nicht wenigstens aufhören, wenn Hanna nicht mehr als Wissenschaftlerin an einer Hochschule arbeitet, sondern sich für eine sogenannte Parallelkarriere entschieden hat, in der weniger Verstopfungen zu befürchten sind?

Idee 2

Auf einer 50 %-Stelle — verstopfe ich da nicht auch nur 50 % des Systems? Könnte ich da nicht noch ein wenig länger den Job machen, den ich so gerne und mit so viel Aufopferung und Begeisterung, Innovationskraft (#IchBinHanna aka Kathrin ist Hugo-Junkers-Preis-Trägerin für Forschung und Innovation des Landes-Sachsen-Anhalt!) und selbst eingeworbenen Mitteln mache? Dann könnte ich mir vielleicht mal einen Schrebergarten pachten, weil ich wüsste, wo ich die nächsten Jahre meines Lebens verbringe.

Idee 3

Beim Bafög gibt es doch auch so eine Regelung, wenn man*frau XY Kinder bekäme, müsste das Bafög nicht mehr zurückgezahlt werden? Wie viele Kinder bräuchte ich denn für eine Entfristung? Das würde ja ggf. auch das Problem mit der Geburtenrate unter Akademikerinnen lösen.

Ja, ja, ich versteh schon; das Problem mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs allerdings nicht:

Ich hätte dann wohl Kinder und einen Schrebergarten, könnte endlich ankommen, müsste nicht mehr so viele Existenzängste und Selbstzweifel haben, wäre aber Ursache diverser Verstopfungen (hätte also doch wieder Selbstzweifel).

Welche gut ausgebildete, innovative, mega-power Hanna oder Kathrin möchte nach Jahren harter Arbeit schon aus dem System getrieben werden oder es zum Kollabieren bringen …

Idee 4

Wenn nun das System in der Mitte verstopft ist, durch unkreative, nicht-innovative alternde Wissenschaftler*innen und diese Verstopfung abfließen soll, wo soll sie denn hin? Unten sind die Nachrücker*innen und scharren mit den Hufen, oben schwingen die Vorgesetzten ihre (Damokles-) Schwerter.


Als promovierte Biologin mit einem sehr guten Verständnis für den menschlichen Körper und Gesund- und Krankheit, stelle ich mir gerade das menschliche Darmsystem vor.

#IchBinHanna und das menschliche Verdauungssystem. Abbildung erstellt mi canva.com

Eine Verstopfung im Mittelbau des Darmsystems ließe sich vermeiden, indem das jeweilige System weniger isst. Das würde bedeuten, es würden weniger Stellen für Promovend*innen geschaffen. Eine solche Entwicklung wird durch die Projektträger bereits dadurch gesteuert, dass Promovierende heute bei voller Arbeitsleistung (eigentlich) mehr als 50 % entlohnt werden müssen, so dass die Antragstellenden sich überlegen müssen, ob sich der Betreuungsaufwand überhaupt lohnt, oder eine 100 % Stelle für ein*e Postdoc nicht angebrachter wäre… Reicht allerdings nicht. Die Verstopfung durch die vielen Hannas ist noch da. Also Dulcolax her:

Die gelöste Verstopfung im Mittelbau des Darmsystems ergießt sich schwallartig über den Enddarm / das Nadelöhr / das Bottleneck des professoralen Personals und nimmt alles mit, was ihr im Weg steht. Ist das eine schöne Idee? : Befristete Professuren, deren Inhaber*innen nach einer gewissen Zeit in Forschung und Lehre die Wirtschaft oder Politik mit ihrer Kreativität und Innovationskraft beglücken dürften und ein stetiger Zufluss neuen Wissens, neuer Kraft, Kreativität, Diversität und Innovation in Lehre und Forschung durch die Hannas im Mittelbau. Mit dieser Idee sind die Entscheidungsträger*innen sicher nicht so d’accord.

Okay, die Verstopfung, biologisch gesehen, kann also weder nach oben noch nach unten so richtig gut abfließen. Oben und unten sind systemisch unüberwindbar verstopft. Da bleibt nur die Explosion, das Platzen des Darmes, ein Magendurchbruch oder eben ein operativer Bypass, wie der des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Das habt ihr euch wirklich gut überlegt, ihr professoralen, überwiegend männlichen, weißen, in allen Bundesländern aus der ehemaligen BRD stammenden Berater der Politik mit ihrer ebenfalls überwiegend männlichen, weißen, in allen Bundesländern aus der ehemaligen BRD stammenden Politikern und Vertretern des Patriachats, die ihr es geschafft habt und den natürlichen Abfluss besetzt haltet und neue Anträge für neue Promovierende schreibt, die ihr gar nicht angemessen betreuen könnt oder wollt. 

Idee 5

95 vermutlich weniger zynische Vorschläge gibt es hier.

Wer bin ich und wenn ja wie viele? Selbstportrait 1. Erstellt mit canva.com.

LieberKathrin

Ich bin Kathrin. Ich bin auch eine Hanna. Heute bin ich glücklich. Meine Geschichte lässt sich durchaus als Erfolgsgeschichte erzählen. Da ich selbst emotional mit ihr verbunden bin, fühlt sie sich für mich allerdings immer noch manchmal wie eine Leidensgeschichte an. Ich arbeite daran…

‚50 Fakten über mich selbst‘ sind dafür eine gute Übung. Ich mache sie nicht nur selbst gerne, sondern auch mit Studentinnen und Promovendinnen und zu Recht frustrierten, verzweifelten oder ohnmächtigen Aussteiger*innen und zum Empowerment bei Konflikten oder vor Verhandlungen mit meinen Coachees aus dem Hochschulbusiness…

  1. #queenofbrain
  2. #conquereeofhabit
  3. #tabularasa2punkt0
  4. Dr.in rer. nat. Kathrin Marter
  5. Promovierte Verhaltensneurobiologin
  6. Wissenschaftlerin
  7. Hugo-Junkers-Preisträgerin für Forschung und Innovation
  8. Systemische Beraterin
  9. Systemtherapeutische Beraterin
  10. Strategische Netzwerkberaterin
  11. Freiberuflerin
  12. Selbständige
  13. Unternehmerin
  14. Expertin für ganzheitliche Karriere- und Persönlichkeitsentwicklung
  15. Autorin
  16. Ressourcenmanagerin
  17. Referentin
  18. Berufsschulpädagogin
  19. Bloggerin
  20. Yogalehrerin
  21. Pilates-Trainerin
  22. Trainerin für Wirbelsäulengymnastik
  23. Entspannungstrainerin
  24. Faszientrainerin
  25. Wanderführerin
  26. Gesundheitswanderführerin
  27. Natur- und Landschaftsführerin
  28. Empathie
  29. Kreative
  30. Lebensstil-Integratorin
  31. Aktive Zuhörerin
  32. Gewaltfrei Kommunizierende
  33. Feministin
  34. Aktivistin
  35. #Arbeiterkind
  36. kritische Kritikerin
  37. Singende
  38. Gitarre-Spielerin
  39. Große Schwester
  40. Bester Freundin
  41. Entschleunigerin
  42. buntes Zebra
  43. Koordinatorin
  44. Organisationstalent
  45. Zuverlässig
  46. Lösungsorientiert
  47. Radfahrerin
  48. ganzheitlich gesund
  49. Radfahrerin
  50. Team-Playerin
  51. Deutsche Meisterin im Rudern im Kinder- und Jugendbereich
  52. Landesmeisterin im Triathlon im Jugendbereich
Wer bin ich und wenn ja wie viele? Selbstportrait 2. Erstellt mit mentimeter.com.

#IchBinHanna und die „Verstopfung“ des Wissenschaftssystems mit Prekariat

Es erinnert ein wenig an verstopfte Toiletten und Rohreiniger: 2018 stellte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ein „Erklärvideo“ zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz ins Internet. Das ist das Gesetz, das es Hochschulen erlaubt, junge Wissenschaftler*innen vor und nach der Promotion für je max. sechs Jahre einzustellen, ohne Aussicht auf Entfristung. Das soll, so das BMBF wörtlich, die „Verstopfung“ des Systems verhindern, während die Wissenschaftler*innen ihre Qualifikationsarbeiten (Dissertation oder Habilitation) erstellen. Das klingt nach Toilette und Rohrreiniger, sieht nach Ausquetschen und Ausnutzen motivierter Arbeitskräfte aus und regt zurecht gerade viele Leute auf Twitter auf. Unter dem Hashtag #IchBinHanna teilen Nachwuchsforscher*innen ihre eigenen Erfahrungen mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz.

Kettenverträge

„Hanna weiß, dass sie ihre Karriere in der Wissenschaft frühzeitig planen muss“, belehrt das BMBF in dem Video weiter. Ein etwas naives Ideal, das der Lebenswirklichkeit nicht gerecht wird. Praktische Folge des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist nämlich die Entstehung von Kettenverträgen und das Herumkrebsen auf einer langen Reihe kurzer Projektstellen, die mit Glück zwei, drei Jahre, oft auch drei, sechs, zwölf Monate dauern und so verständlicherweise große Ungewissheit oder Angst bei den Betroffenen erzeugen.

Neben der eigentlichen Tätigkeit — die durchaus erfüllend sein kann, wenn sie zu den eigenen Zielen passt — ist man auf solchen Stellen auch stets damit beschäftigt, Projektanträge für die nächste befristete Stelle zu verfassen. Es ist existenzieller Stress, wenn man auf deren Bewilligung hoffen muss. Und wenn man erst am 1. Tag des neuen Arbeitsvertragszeitraums den Vertrag unterschreiben darf.

Dass man die eingeworbene Stelle dann auch selbst besetzen darf, ist allerdings nicht sicher. Das liegt nicht unbedingt an den direkten Fachvorgesetzten (also z.B. Professor*in), sondern auch an der Uni-Verwaltung, die durch die Vermeidung von Kettenverträgen Entfristungsklagen zuvorkommen will.

#LieberLars

„Ich bin Hanna, wäre aber lieber Lars“, schreibt eine Twitter-Nutzerin. Lars ist in dem BMBF-Video nämlich der Labormitarbeiter, der einen ’normalen‘ Arbeitsvertrag hat, für den das gewöhnliche Arbeitsrecht gilt. „Augen auf bei der Berufswahl“, mag man da zynisch denken.

Schon am 1. Tag meines Studiums an der Uni Rostock im Herbst 2001 hatte uns der damals noch sehr junge Dozent empfohlen, sich sehr gut zu überlegen, ob man wirklich in die Wissenschaft will. Trotzdem hielt ich es da bis zum Ende der Promotion aus. Es waren viele spannende Projekte dabei und ich konnte viele Dinge ausprobieren. Eigentlich toll, wenn nicht die permanente Ungewissheit gewesen wäre.

Nach dem Ende ‚der Diss‘ und auch wegen des Jobs meiner Frau gingen wir dann nach Magdeburg. Quasi automatisch suchte ich auch hier nach wissenschaftlichen Tätigkeiten und wurde auch zu Vorstellungsgesprächen eingeladen – und ging da nicht mehr hin. Stattdessen suchte ich mir einen Halbtagsjob im Call Center und begann zu schreiben.

Ich habe es nicht bereut.


Eine Übersicht zu Medienberichten zu #IchBinHanna gibt es hier.

Und dass #IchBinHanna nicht nur die Geisteswissenschaften betrifft (wie manche behaupten), erklärt eindringlich Kathrins Beitrag hier.

„Was möchten Sie heute erledigen?“ ✔

Es gibt Zeiten, in denen ich diverse digitale Tools nutze, um Aufgaben zu organisieren und Ideen/Entwürfe festzuhalten. Da wird alles konsequent in Cloud-Diensten gespeichert, um so mehr oder minder elegant zwischen Tablet, PC und Laptop hin und her wechseln zu können. Das fühlt sich dann auch sehr effizient und zielorientiert an — bis zu dem Moment, an dem ich das alles unglaublich anstrengend finde: das Planen, Eintakten, Abarbeiten, das kalte 0 und 1 aus [ ] und ✔.

Das beginnt schleichend, indem ich neue Aufgaben nur noch ohne Fälligkeitsdatum oder ggf. dafür nötige andere Daten (Personen, Adressen, usw.) eintrage und endet damit, dass ich vergesse, erledigte Aufgaben abzuhaken und neue aufzunehmen. Statt in der Cloud wird auf diversen USB-Sticks gespeichert („wo war jetzt die Datei? Ach schade eigentlich, dass es keine Disketten mehr gibt“). Irgendwann komme ich bei Stift, Notizbuch und Wandkalender an, und wenig später lande ich bei der Wahnvorstellung, ich könnte mir alles Wichtige auch einfach so merken und im Kopf behalten.

Was sich bald als Irrtum herausstellt und dazu führt, dass ich nichts davon schaffe, was ich mir vorgenommen habe — wenigstens nicht in der veranschlagten Zeit. Dann beginnt die Phase der Resignation. Selbstmitleidig sitze ich abends um elf vor dem leeren Scrivener-Dokument („noch 230 Seiten to go“), trinke meinen fünften Kaffee und denke mir „vielleicht sollte ich meinen ’normalen‘ Fünf-Stunden-Job auf Vollzeit ausdehnen, da taktet mich mein Arbeitgeber in einen genau definierten Zeitplan und nach Feierabend wäre ich zwar total am Ende, aber das wär‘ nicht schlimm, denn niemand und am wenigsten ich selbst würde noch was von mir erwarten.“

Fieserweise lässt mich die digitale Welt in der Resignation nicht frei. Denn auch in Zeiten nicht vorhandener Organisation hat zumindest die TODO-App von Microsoft unter Android die Angewohnheit, regelmäßig zu fragen: „Was möchten Sie heute erledigen?“ Eine ewige, sehr lästige Mahnung, dass der Pile of Shame nicht kleiner wird und doch bitte organisiert und abgearbeitet werden möchte.

Die TODO-App zeigt sich als virtueller ‚Arbeitgeber‘, der hinter mir steht und mich antreiben will. Es gibt immer was zu tun, was willst du davon heute schaffen? „Die Konkurrenz schläft nicht“, schreit der kleine Kapitalist auf der einen Schulter, während der kleine Baron Münchhausen auf der anderen Schulter listig flüstert: „Es wird schon Gründe geben, warum keiner deine Bücher kauft!!“ [Das war ein Sprechakt. ;-]

Ich glaube, ich bin einfach faul.

Das sage ich dann zu meiner Frau, die mir natürlich versichert, dass ich „so viel“ mache und keinen Grund für das Impostor-Syndrom hätte, und dann ‚reiße ich mich zusammen‘ und fange an, digitale Tools zur besseren Organisation zu verwenden, womit wirklich alles einfacher und effizienter geht, und Erfolgserlebnisse verschafft, zumindest so lange, bis der Kreislauf von vorn beginnt.

Bis es so weit ist, schreibe ich Artikel wie diese hier, weil die schamhaft geöffnete TODO-App („Hey, wie geht’s denn so? Lange nicht geseh’n!“) mir sagt, dass ich das bis 17.06.2020 erledigen wollte.


(Titelbild: Janossy Gergely / Shutterstock.com)

Incels, Fundamentalisten, Autoritäre und das Patriarchat: „Politische Männlichkeit“ von Susanne Kaiser (2020)

Es vergeht kein Jahr, in dem es nicht zu aus Hass begangenen Attentaten junger Männer kommt, die meist als ‚Amoklauf‘ bezeichnet werden, so als handelte es sich um ein kontextloses ‚Durchdrehen‘ — zuletzt der Anschlag eines 21jährigen auf Supermarkt-Kund*innen in Boulder, Colorado, USA am 22.03.2021; eine Woche vorher, am 16.03.2021, das Attentat auf einen ‚Massagesalon‘ in Atlanta. Während das Motiv der Boulder-Tat noch unklar ist, gibt es beim Anschlag in Atlanta klare Bezüge zu Rassismus und Sexismus. Die Opfer des ebenfalls 21jährigen Täters waren vorwiegend Frauen asiatischer Herkunft — die Tat ist damit nur ein Beispiel für die seit Beginn der Corona-Krise um 149 (!) Prozent gestiegene Zahl antiasiatischer Hasskriminalität in den sechzehn größten amerikanischen Städten. Siebzig Prozent der Opfer sind Frauen.

In dem verlinkten Artikel weist Vina Yun darauf hin, dass „das weiße Nordamerika asiatische Frauen fast ausschließlich durch eine sexuelle Linse betrachtet.“ Es gebe, so Yun, „eine direkte und kausale Linie zwischen der Hypersexualisierung asiatischer Frauenkörper und der Gewalt gegen Frauen, die als asiatisch wahrgenommen werden“. Diese Linie steht laut Yun in einer noch älteren europäischen, kolonialistischen Tradition, die bis Marco Polo zurückgehe — „die ‚orientalische Frau‘ als Produkt westlicher männlicher Imagination“. Der Täter von Atlanta, heißt es, sei selbst Kunde des ‚Massagesalons‘ gewesen und hätte diesen „Ort der ‚Versuchung'“ vernichten wollen.

Der ‚autoritäre Backlash‘

Um ein umfassenderes Verständnis solcher Taten zu erlangen, ist es nötig, gesellschaftliche Kontexte aufzuschlüsseln. Anders als von Politik und manchen Medien gern dargestellt, handelt es sich bei Taten wie der in Atlanta nicht (oder nicht nur) um das Werk einzelner, psychisch gestörter Personen. Stattdessen ordnet es sich nicht nur in eine lange kulturelle Tradition der Unterdrückung und Ausbeutung ein (wie Vina Yun im o.g. Artikel zeigt), sondern auch in das vergleichsweise neue Phänomen der sogenannten „Incels“ („involuntary celibates, unfreiwillig zölibatär lebende) — aufgrund ihrer eigenen unerfüllten Sexualität frustrierte Männer leben im Internet ihre Frauen- und Selbstverachtung aus und einige von ihnen begehen schreckliche Verbrechen. Dass es hier um eine globale, nicht eben kleine, Szene geht, von der echte Gefahr für ein freies gesellschaftliches Zusammenleben ausgeht, wird deutlich, wenn man das im November 2020 bei Suhrkamp erschienene Buch „Politische Männlichkeit“ von Susanne Kaiser heranzieht.

Dabei war der Begriff „Incel“ zu Beginn nicht negativ besetzt. Er entstand 1997, als die kanadische Studentin Alana Boltwood eine Website und Mailingliste einrichtete, um eine Plattform zum Austausch für unfreiwillig enthaltsam lebende Menschen jeden Geschlechts einrichtete. Daher gibt es, so Kaiser, eine weite und eine enge Definition des Begriffs: „Im weiteren Sinne meint ‚Incel‘ jeden Menschen unabhängig vom Geschlecht, der unfreiwillig enthaltsam lebt“. Für diese Menschen gibt es seriöse Selbsthilfeforen zum Erfahrungsaustausch. Die enge Definition dagegen ist die, von der Gefahr ausgeht: „Im engeren Sinne […] handelt es sich um eine Bewegung von Männern, die ihren Frauenhass kultivieren und organisieren.“

Liest man Kaisers Buch, kommt man aus dem Erschrecken nicht heraus. Erschrecken über motivisch zumindest lose verbundene Gewalttaten, unter anderem von Anders Breiveik (2011, Oslo und Utøya) über Elliot Rodger (2014, Santa Barbara) und Brenton Tarrant (2019, Christchurch) bis zum Attentäter von Halle, Stephan Balliet (2019). Erschrecken über die Ideologien, die dahinter stehen und die sich in einer oft kruden, frauenfreien „Mannosphäre“ entwickeln, deren Ideale meist nichts mit einer aufgeklärten liberalen Demokratie zu tun haben.

Bei einer 2001 durchgeführten Studie „[gab] [f]ast die Hälfte der befragten sexlosen Erwachsenen an, generell unfähig zu sein, eine soziale Beziehung herzustellen“. Kaiser spricht von einer Antriebslosigkeit , die alle Bereiche des Lebens durchziehe: „Viele sind arbeitslos und nur in einem Feld aktiv: im Internet, entweder als Gamer oder beim Posten“ in Foren, in denen „sich Incels in einen zynischen, oft auch suizidalen Nihilismus hinein[steigern]“. Ebenfalls erschreckend: Wir reden hier nicht über ein paar hundert, sondern über mehrere zehntausend Menschen, die sich in diversen Reddit-Foren und Imageboards sammeln.

Susanne Kaiser zeichnet in ihrem Buch die Entstehung und Verbreitung dieser Szene nach, erklärt Begriffe und Codes dieser Parallelwelt, geht auf die theoretischen Grundlagen ein, auf die sich Incels gern berufen, und ordnet Medienereignissse entsprechend ein. Kaiser zeichnet das Paradoxon nach, dass Attentäter wie Elliot Rodger zwar ein patriarchales männliches Anspruchsdenken hätten, aber gleichzeitig überhaupt nicht dem Männlichkeitsideal entsprächen, von dem sie ausgingen: „Einerseits hängt Rodger einem althergebrachten patriarchalen Männlichkeitsideal an, dem zufolge Frauen ihm Sex und andere ‚Dienstleistungen‘ schulden. Andererseits aber verkörpert er selbst überhaupt nicht das Ideal hegemonialer Männlichkeit. […] Er wartet passiv und frustriert ab.“ Dies sei das Spannungsverhältnis, das bei Incels wie Rodger zu Frustration und letztlich zu Verbrechen führte.

Aber, und das ist wichtig, solche Anschläge sind nur der Extremfall für ein gesamtgesellschaftlich häufig vorhandenes männliches Anspruchsdenken, so als würden Frauen den Männern etwas schulden. Die zahlreichen Fälle im Kontext von #MeToo, die Missbrauchsvorwürfe um den Musiker Marylin Manson, aber auch die Vorgänge um den (jetzt früheren) Intendanten der Berliner Volksbühne Klaus Dörr und den BILD-Chef Julian Reichelt zeigen genau dasselbe Anspruchsdenken, bei denen Männer in Machtpositionen diese Macht auf aggressive Weise (ob nun körperlich oder nur verbal) ausleben.

Dass solche Fälle zunehmend thematisiert werden, zeigt einerseits, dass patriarchale Strukturen zunehmend gefährdet sind. Doch dies, so Kaiser im Rückgriff auf die Gewaltforscherin Jess Hill und den Männlichkeitsforscher Michael Kimmel, bedeutet andererseits eine größere Gefahr durch Gewalt: „‚Die erhöhte Aufmerksamkeit für männliche Gewalt […] könnte Täter gerade gefährlicher machen.‘ Hill beobachtet diesen Zusammenhang für Australien. […] ‚Der Backlash ist real und er ist gewalttätig.'“

Die konkreten Formen des Backlash unterscheiden sich im Einzelnen — während sich Anders Breivek in seinem ‚Manifest‘ eine ‚heile Familie‘ der 1950er herbeifantasierte, wünschen sich andere Extremisten eine Art ‚weiße Scharia‘ –, aber (das arbeitet Susanne Kaiser klar heraus) „[i]hnen gemein ist die Herabwürdigung von Frauen. Und dass es sich dabei eben nicht um Wahnvorstellungen einzelner Irrlichternder handelt, sondern um ein transformatorisches Programm, zeigen die zahlreichen Akteure, die diese Ideen in politisches Handeln zu übersetzen versuchen.“

Akteure, die sehr heterogen sind und von Religion über Vereine bis zur Politik ein großes Spektrum abdecken. In manchen Ländern Europas, wie Polen und Ungarn, sind sie in Regierungsverantwortung, in anderen Ländern handelt es sich um starke Lobbygruppen. In Deutschland ist u.a. an die AfD zu denken. Die verschiedenen Akteure mögen im Einzelnen unterschiedliche Schwerpunkte verfolgen. Aber „[s]chaut man […] hinter die verschiedenen Anliegen, findet sich immer dasselbe Muster […] Der Herrschaftsanspruch und die Privilegien, die mit — meistens weißer — Männlichkeit verbunden sind, werden erbittert verteidigt.“

Kaiser zeichnet gegen Schluss ihres Buches nach, wie die „Anti-Genderisten“ sich finanzieren und ihre Politik umsetzen, und welche Rolle Figuren wie der frühere US-Präsident Donald Trump, die französische Rassemblement National-Vorsitzende Marine Le Pen oder die AfD-Politikerin Alice Weidel dabei spielen, die rückwärtsgewandte Politik für möglichst viele Wähler*innen (nicht nur Männer) attraktiv zu machen.

Fazit

Susanne Kaisers Buch ist ein wichtiger Beitrag, der den Blick auf sonst nur am Rande wahrgenommene Phänomene lenkt, wenn wieder einmal ein sogenannter ‚Amoklauf‘ durch die Medien geistert. Kaiser zeigt sehr plausibel, dass es eine ideologische Ebene gibt, auf der Taten von ‚Incels‘, etwa Anschläge wie der in Atlanta, zusammenhängen mit häuslicher Gewalt von Männern gegen Frauen sowie mit mit Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien weltweit. Zurück geht dies letztlich auf Verteidigungsreflexe eines patriarchalen Weltbilds.

Das Buch „Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen“ von Susanne Kaiser erschien 2020 bei Suhrkamp.