Über das Spüren von Spielen: Leibhaftigen Horror aushalten

Seit vielen Jahren ist Heather in einem düsteren, rostigen Gang gefangen, sie kann weder vor noch zurück und in nervenzerreißender, sich hinhaltender Erwartung befürchtet sie das Schlimmste. Erlösung vor dem dunklen Nebel, dem alles zerfressenden Rost, den gesichtslosen, fleischigen, rosa-braunen, narbigen, sich willkürlich bewegenden Monstern kann Heather nicht erwarten. Nicht durch mich. Ich kann ihr nicht helfen, so gerne ich möchte.

Dabei ist Heather Mason nur eine Computerspiel-Figur. Sie entstammt dem Spiel Silent Hill 3 (2003). Aber helfen kann und – irgendwie will – ich ihr doch nicht. Wieso nicht? Eigentlich ist es ganz einfach: Ich kann diesen blanken Horror nicht aushalten. Darum habe ich aufgehört und darum ist Heather seit Jahren in der nebligen Zwischenwelt gefangen. Das ganze Spiel verströmt eine Atmosphäre der Angst, des Grauens, des Dunklen. Und diese Atmosphäre ist leiblich für mich spürbar.

Leib und Körper

Ich unterscheide hier mit Hermann Schmitz1 den Leib von Körper, um zu verdeutlichen, dass ich nicht von messbaren Eigenschaften spreche wie dem Körperumfang, der Körpergröße oder den Organen. Der Körper ist all das, was ich also betasten und sehen kann. Von Leib spreche ich, weil das Spüren von Empfindungen nicht immer seh- und tastbar ist.

Dazu gehören auch solche Phänomene wie das Spüren von Atmosphären. Ich denke da auch an ganz alltägliche Atmosphären wie die Frische, die sich nach einem sommerlich-warmen Regenguss ergibt, oder die beschwingte Atmosphäre einer Party oder die drückende Atmosphäre einer Beisetzung.

Wir können solche Atmosphären wahrnehmen und sogar regelrecht affektiv von ihnen betroffen, ganz ergriffen sein. Wenn wir von Atmosphären ergriffen werden, dann werden sie zu ganz eigenen Gefühlen, was die Intensität des leiblichen Spürens, insbesondere für mich als Spielerin von Silent Hill 3, ins Extreme steigert.

Heather Mason, die Protagonistin von Silent Hill 3 (2003) (Bild: Screenshot aus dem Silent Hill 3-Intro)

Synästhetische Charaktere

Atmosphären können gemacht werden2, wie in Silent Hill 3. In diesem Spiel, das in der namensgebenden fiktiven Stadt spielt, wirken verschiedene stilistische Mittel, die eine Atmosphäre blanken Horrors erzeugen.

Da wären zum einen die sogenannten synästhetischen Charaktere. Damit ist gemeint, dass wir bestimmte Reize spüren, ohne dass wir sie aufgrund eingehender Sinnesdaten sehen, hören oder ertasten können. Wenn wir etwa spitze Klingen sehen, dann können diese in uns Empfindungen wie das Einschneiden in (unser menschliches) Fleisch suggerieren. Aber auch raue Oberflächen, wie der Rost an den Wänden und allen Gegenständen im Spiel suggerieren uns eine Berührungsempfindung, die sich uneben, löchrig anfühlt. Es wirkt geradezu epikritisch, spitz zulaufend.

Das Sehen dieser Oberfläche reicht also schon aus, um in mir eine unangenehme Berührungsempfindung auszulösen. Auch die blassen Farben wirken suggestiv, die zusätzlich den ganzen Ort als eine Art „Nicht-Ort“ (Marc Augé3) erscheinen lassen. In Silent Hill möchte man nicht wohnen. Es wirkt kalt, karg, die Farben stoßen ab, erzeugen eine innere Leere, in der sich der Leib anspannt und einengt.

Der Leib, also ich, möchte weg!

Bewegungssuggestionen

Ein weiteres stilistisches Mittel zur Erzeugung von Atmosphären sind Bewegungssuggestionen. Hierbei handelt es sich um „Vorzeichnungen einer Bewegung“ (Schmitz), die wir an Lebewesen und Objekten wahrnehmen können und die uns bestimmte Bewegungen suggerieren. Wenn also eines der Monster sich auf mich, äh, ich meine auf Heather, zubewegt, dann geschieht dies in Silent Hill 3 auf die sehr eigentümliche Art und Weise.

Numbbody aus Silent Hill 3 (Bild: Silent Hill Wiki)

Das Monster Numb Body (s. Abb. rechts), welches an sich schon eine ekelerregende Erscheinung besitzt, weil es wie eine protopathische (dumpfe, weiche) Masse daherkommt, bewegt sich ruckelnd auf mich zu, weshalb es schwierig ist einzuschätzen, welchen Punkt das Monster ansteuert. Natürlich kommt es auf mich, also Heather zu. Aber es schwankt und zuckt nach links und rechts, nach vorne und nach hinten aus, was die Bewegungen des Monsters weniger vorhersehbar macht.

Diese epikritischen Bewegungen (das Ruckelende, Zuckende, spitz Zulaufende) in Kombination mit den protopathischen Elementen, nämlich des Monsterkörpers als dumpfer Fleischmasse, wobei der „Stachel“ am hinteren Teil des Körpers wiederum etwas Epikritisches hat, wirken hierbei als Gegenspieler und erzeugen eine sehr beklemmende und geradezu abstoßende Atmosphäre.

Leiblich befinde ich mich als Spielerin in einem Dauerzustand der Angespanntheit. Körperlich ist dies sichtbar, weil ich meine Beine an den Bauch ziehe und fest umklammere (insbesondere wenn mein Mann den Controller bedient und ich zuschaue). Der permanente Grundton des Nervösen wird als leibliche Regung während des gesamten Spielens spürbar. Aufgrund der Anspannung verschiebt sich der sogenannte vitale Antrieb (ein Wechselspiel aus leiblicher Weitung wie beim Dösen und leiblicher Engung wie beim Schreck) in die Enge. Einerseits ist man wie gefesselt, andererseits möchte man sich losreißen von dem, was man sieht.

Besonders im Schreck zerreißt dieser vitale Antrieb dann jedoch. Bei einem besonders heftigen Schreck dominiert eine leibliche Enge, in der sich die erschreckende Person ihrer selbst nicht mehr bewusst ist. Mir passiert dies beim Spielen ein paar Male zu oft, so dass ich leiblich und körperlich völlig erschöpft jedes Mal aufgeben musste.

„Now it’s too late, too late for me / This town will eventually take me“ — der Titel „Hometown“ aus dem Soundtrack von Silent Hill 3 (Komponist: Akira Yamaoka; Gesang: Joe Romersa) fasst die hoffnungslose Atmosphäre, in der wir die Spielfigur Heather zurückgelassen haben, bedrückend-prägnant zusammen.

Die Rache der Spielfiguren?

Ob Heather sich diesem Grauen jemals wird entziehen können? Obwohl ich um die Mittel weiß, die diese grausame Atmosphäre erzeugen, bin ich jedoch immer wieder erneut von ihr leiblich so ergriffen, dass ich sie nicht auszuhalten vermag.

Doch vielleicht gelingt es mir später einmal, zusammen mit meinem Mann, Heather aus ihrem Horrortrip zu befreien. Denn die Vorstellung, dass sie — aber auch andere Figuren, die wir in Horrorspielen zurücklassen (z.B. Ethan Winters in der Villa der Familie Baker aus Resident Evil 7) — uns aus Rache irgendwann einmal heimsuchen könnten, ist nicht minder unangenehm.

1 Schmitz, Hermann (2011): Der Leib. Berlin u. a.: Walter de Gruyter. Alle im weiteren Textverlauf kursiv gesetzten Begriffe entstammen Schmitz‘ Beschreibungsinventar für leibliche Regungen.

2 Wie Atmosphären speziell in Computerspielen entstehen, hat kürzlich Felix Zimmermann in seiner Dissertation untersucht. Vgl. dazu das Gespräch mit Zimmermann in Folge 47 des Podcasts Behind the Screens.

3 Augé, Marc (2012): Nicht-Orte. München: Beck.


Wiebke Schwelgengräber studierte Germanistik, Philosophie und Kommunikations-
wissenschaften. Ihre Forschungsinteressen umfassen anthropologische, phänomenologische und
psychologische Fragen des Erzählens und Fühlens. In Kürze erscheint ihr Buch „Wer sehen will, muss spüren. Warum uns manche Serien und Filme berühren und uns andere kaltlassen“ als Band 4 der Über/Strom-Buchreihe.

Die erdende Wirkung von Himmelsaufnahmen

Wenn der Alltag durch Klimakrise, Pandemie, Krieg und „Gas-Notstand“ (was für ein Wort…) in einem Dauerton der Ungewissheit schwingt und den sicheren Boden scheinbarer Gewissheiten verlässt, dann erdet es ungemein, sich an die Unwichtigkeit der Menschheit vor dem Hintergrund des riesigen Universums zu erinnern. Dank immer wirkungsvollerer Forschungsmethoden gibt es dafür reichlich Gelegenheit. Besonders beeindruckend sind Projekte, die für das menschliche Auge sonst unsichtbare Phänomene in Szene setzen, indem sie Infrarotstrahlung weit entfernter Galaxien ins sichtbare Spektrum transformieren (James-Webb-Teleskop), Schwarze Löcher computergestützt visualisieren (wie das ‚Foto‘ des Schwarzen Lochs im Zentrum unserer Milchstraße auf Basis von Messwerten des Event-Horizon-Teleskops) und dreidimensionale Modelle, gleichsam Landkarten, des bekannten Universums erstellen (DESI-Projekt).

Blick auf fernste Galaxien

Gerade geht die erste ‚richtige‘ Aufnahme des 2021 ins All gestarteten James-Webb-Teleskops durch die Medien:

Der Galaxiencluster SMACS 0723 ist das Motiv der ersten veröffentlichten Aufnahme des 2021 ins All gestarteten James-Webb-Teleskops. Das Bild zeigt unzählige Galaxien, jede davon mit unzähligen Sternen. (Bild: NASA, ESA, CSA & STScI)

Das Bild ist aus mehreren Gründen interessant:

  1. Was so schön bunt aussieht, ist eine Falschfarbenaufnahme. In diesem seit langem üblichen Verfahren werden Strahlung und Elemente, die für das menschliche Auge eigentlich unsichtbar sind, ins sichtbare Spektrum transformiert. Die genaue Zuordnung im Beispiel kenne ich nicht, aber jedenfalls können so Strukturen sichtbar gemacht werden, die uns sonst entgehen würden.
  2. Die im Bild sichtbaren Verzerrungen mancher Galaxien entstehen durch den sogenannten Gravitationslinseneffekt. Das Licht wird durch die Schwerkraft massereicher Objekte abgelenkt und vergrößert. Dadurch erscheinen weit entfernte Galaxien größer und werden so erst erkennbar. Außerdem verweist die eigentlich flache Aufnahme so trotzdem auf die Dreidimensionalität des Universums.
  3. Wobei: Eigentlich ja Vierdimensionalität, denn das Bild ist ein Blick in die Vergangenheit – und zwar 4,6 Milliarden Jahre zurück. Die Sterne, die zu den fotografierten Galaxien gehören, sind so weit entfernt, dass deren Licht wirklich so wahnsinnig lange gebraucht hat, um das James-Webb-Teleskop zu erreichen. Vor 4,6 Milliarden Jahren begannen sich gerade mal Gas und Staub langsam zu dem Objekt zu verbinden, das später einmal unsere Erde sein würde. Und in weiteren 4,5 bis 5 Milliarden Jahren wird sich unser eigener Stern, die Sonne, zu einem Roten Riesen aufblähen und dabei u.a. die Erde vernichten. Ihr Licht aber wird aus anderen Positionen des Alls noch Jahrmilliarden später zu sehen sein.

Genauso wie bei anderen Deep-Space-Aufnahmen (z.B. vom Weltraumteleskop Hubble) zeigt dieses Bild und zeigen die zu erwartenden vielen weiteren Bilder des Teleskops also nicht das Universum, wie es ist, sondern wie es war, und auch das nicht so, wie es uns natürlicherweise erscheinen würde — nämlich viel weniger spektakulär, weil die so schön aussehenden Strukturen für uns eben gar nicht erfassbar wären.

Gerade das macht die Aufnahme so faszinierend. Denn sie verdeutlicht einmal mehr, dass sich das Universum mitnichten um uns winzige Menschen dreht, und dass unser Sonnensystem im kosmischen Maßstab überhaupt nichts Besonderes ist – das All war schon voll von Sternen, bevor sich unser Sonnensystem überhaupt zur für uns lebenswichtigen Form ausdifferenziert hatte.

Räume des Friedens finden: Interview mit Kathrin Marter

Seit einer Woche greifen Truppen der Russischen Föderation das benachbarte Land Ukraine an. Seit einer Woche erleben wir Krieg direkt vor unserer Haustür in Echtzeit. Ticker-Nachrichten, Live-Berichte, echte und gefälschte Sieges- und Verlustmeldungen sowie sonstige Propaganda in sozialen Medien, Aufrüstungspläne und Atomkriegsdrohungen, Bilder von leidenden Menschen, Flüchtenden und immer mehr zerstörten Städten sorgen für eine große Welle der Solidarität. Aber sie erzeugen auch eine Vielzahl körperlicher und emotionaler Empfindungen: Unruhe, Angst und Ohnmacht, Konzentrationsstörungen, Wut, Sarkasmus. Das kann geradezu lähmend sein. In diesem Interview erklärt die Verhaltensbiologin, Coachin, Yoga-Lehrerin und Über/Strom-Autorin Dr. Kathrin Marter, wie wir mit diesem Empfindungschaos umgehen können, um handlungsfähig zu bleiben.

Unruhe, Angst und Ohnmacht

Krieg löst verständlicherweise ein breites Spektrum an Emotionen oder körperlichen Empfindungen aus. Recht durchgehend verspüre ich z.B. eine diffuse Unruhe, die sich als Grundnervosität und Konzentrationsschwierigkeit zeigt. Nervosität einerseits wegen der Situation an sich; andererseits wegen der Ungewissheit. Dann verspüre ich auch den Drang, Newsticker zu lesen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Das beruhigt dann zwar irgendwo (ich bin auf dem Laufenden), ist aber auch eine eigene Art von Stress, nämlich digitaler, über den du ja auch in deinem Buch schreibst. Hast du einfache Tipps, wie man hier für sich einen gesunden Mittelweg finden kann, ohne sich komplett von Neuigkeiten abzutrennen?

Zunächst einmal: Der offene Umgang mit solchen Beobachtungen an sich selbst ist der Königsweg in die körperliche, mentale und emotionale Stressfreiheit, mittelfristig Zufriedenheit und langfristig Gesundheit.

Dieser Königsweg ist zunächst das achtsame Bemerken, Beobachten und Beschreiben dessen, was da auf körperlicher, gedanklicher und emotionaler Ebene passiert. Damit ist man ganz bei sich (und nicht im Außen bei den Newstickern) und darf sich in seiner Komplexität in dieser außergewöhnlichen Krisensituation erfahren, kennenlernen, wertschätzen und annehmen. Im Buch zitiere ich dazu Marshall R. Rosenberg, den Begründer der gewaltfreien Kommunikation: Unsere „Gefühle brauchen keine Berechtigung.“ Alles, was ist, darf da sein.

Die beschriebene diffuse Unruhe (nicht in der Ruhe, sondern bewegt sein; erhöhter Muskeltonus; Anspannung) ist ein Zustand (kein Gefühl oder Emotion), den gerade sehr viele Menschen an sich wahrnehmen (könnten). Ich auch. Diese starke körperliche Spannung (auch Nervosität), ein echter Stresshormon-induzierter Stress, lässt sich besonders effektiv durch echte körperliche Bewegung und anschließende echte, ggf. angeleitete Entspannung (z.B. Tiefenentspannungen, Körperreisen, Meditation) lösen.

Ich bin fast jeden Sonntag Wandern, mache meine Wege mit dem Rad, mache mindestens vier mal wöchentlich Yoga. Andere gehen regelmäßig laufen. Das sind gute Routinen gegen Unruhe, in einen konstruktiven Umgang mit den eigenen Bedürfnissen. Eine langsame, tiefe Bauchatmung ist ebenso wichtig und direkt stress-entlastend. Ein gesunder Geist, d.h. ein kühler, klarer Kopf braucht einen gesunden, gestärkten, gut versorgten Körper (und ein weites, weises Herz).

Newsticker, doomscrollen etc. verstärken die Unruhe natürlich noch, weil die Angst (Emotion), die eigentlich hinter der Unruhe steckt, sowohl mental (durch Informationen), als auch emotional (Betroffenheit, Mitgefühl, Sorge), als auch körperlich (Reizüberflutung, ungesunde Körperhaltung, körperliche Anspannung) nur weiter genährt wird und das sympathische Stresssystem am Laufen bleibt. Wir bleiben am ‚Problem‘ orientiert, an der Krise, am Krieg, wo wir uns eigentlich eine Lösung erhoffen, z.B. durch neue Informationen, die uns eine neue Gewissheit bringen, mit der wir besser leben können. Das scheint mir derzeit ein unrealistischer Wunsch.

Ich schaue aktuell zwei Mal am Tag Nachrichten und meide die digitalen Netzwerke. Durch meine Filterblase auf LinkedIn geht gerade eine Welle der Solidarität, die ich ganz wundervoll finde und die mich so berührt, dass ich immer weinen muss. Da ich nicht den ganzen Tag weinen, sondern auch noch was schaffen möchte, schaue ich da nur dosiert rein. Weinen ist aber sehr okay. Das Weinen löst auch sehr viel Spannung!

Was kann man tun, wenn zu dieser Unruhe richtig gehende Angst kommt? Wenn Medien neulich zum Beispiel etwas ungenau von Putins Atomwaffen schrieben und man glauben musste, dass da quasi schon der nukleare Erstschlag vor der Tür steht. Kann man verhindern, dass man von solchen Nachrichten aus der Bahn geworfen wird — und sollte man das überhaupt, oder ist es besser, diese Emotion ruhig zulassen?

In meinem Buch schreibe ich: „Die Angst lässt sich gut als die Fluchtreaktion der sympathischen Stressantwort bezeichnen. Sie warnt uns vor Gefahren und sichert so unser Überleben.“

Wir können nicht und sollten nicht verhindern, dass solche Nachrichten uns berühren, d.h. Emotionen in uns auslösen. Wer wären wir denn dann? Ich hab neulich einen Film gesehen, in dem den Menschen alle Emotionen weg geimpft wurden. Da war alles grau in grau und nichts hatte irgendeinen Sinn. Ohne Emotionen leben wir nicht wirklich, wir funktionieren nur.

Es wäre allerdings mehr als ‚nice‘, wenn die Mehrheit von uns möglichst schon in der Schule und im Elternhaus lernen dürfte, die eigenen Gefühle und Emotionen wahr- und anzunehmen, die Bedürfnisse dahinter zu verstehen und lösungsorientiert und gewaltfrei zu befrieden. Dann gäbe es womöglich weder Narzist*innen in Führungspositionen noch einen Krieg. Max Richard Lessmann (ein Gedichte-schreibender Instagram-Influencer) postete 2021: „Würden mehr Leute eine Therapie machen, müssten weniger Leute eine Therapie machen.“

Was ist mit dem Gefühl der Ohnmacht, das viele von uns jetzt empfinden?

Eine Vorstufe der Ohnmacht ist aus meiner Sicht die Hilflosigkeit, gegebenenfalls auch Ratlosigkeit. Hier ließe sich aus Hilf- und Ratlosigkeit und konstruktiver Aktivität als Schwestertugenden sowie Ohnmacht und blindem Aktionismus als entwertende Übertreibungen ein hervorragendes Werte- und Entwicklungsquadrat erstellen.

Tatsächlich empfinde ich mich keinesfalls hilflos oder ratlos. Denn mit den zahlreichen, aktuell durchgeführten Maßnahmen überall auf der Welt, den vielen, noch nie dagewesenen wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland, den vielen Statements, Spenden, Demonstrationen und Hilfsangebote übernehmen viele Menschen (so auch du und ich), Staaten und Unternehmen Verantwortung. Und zwar selbst dann, wenn das persönliche und/oder wirtschaftliche Einschnitte oder gar Insolvenz bedeuten kann.

So viele sind bereit für Liebe, Werte und Frieden einzustehen. Wir wachsen zusammen, wir stehen zusammen. Nicht aus der Angst heraus, sondern aus der Liebe und dem Wunsch nach Frieden, im Kleinen und im Großen. Annalena Baerbock hat am 24.02. gesagt: »Wir alle sind heute Morgen fassungslos, aber wir sind nicht hilflos«.

Trotzdem verfallen manche Menschen jetzt vielleicht ein wenig in Panik. Die Zeitung »Der Standard« in Österreich hat in deren Newsticker neulich davor gewarnt, jetzt hektisch Jodtabletten wegzukaufen, was in dem Land wohl kurz nach Putins Drohung punktuell passiert ist. Aber auch in Leser*innen-Kommentaren unter Medienberichten spürt man vereinzelt leichte Panik.

Sowohl das Gefühl der Ohnmacht (in der Angst nichts tun können, was häufig auf eine in der Kindheit gemachte traumatische Erfahrung zurückgeht), als auch der Zustand Panik (eine Steigerung der Unruhe, als körperlicher Ausdruck starker Angst) sind ganz furchtbar schlimm.

Bei andauernder Ohnmacht und Panik ist es wichtig, dass die betroffene Person sich professionelle Hilfe holt, d.h. Hilfe von Expert*innen, die zuhören, ohne zu werten, die bei der Stressentlastung unterstützen und Werkzeuge an die Hand geben, in die Handlungsfähigkeit zu kommen. Als Beobachtende ist es außerordentlich wichtig, hier Verantwortung zu übernehmen, betroffenen Personen wertungsfrei zuzuhören, mit ihnen spazieren und/oder Eis essen zu gehen und sanft bei der Suche nach professionellen Unterstützungsangeboten zu helfen. Das ist auch eine Form der Solidarität in Krisenzeiten.

Weitere Ideen, wie wir in Krisenzeiten für uns sorgen können, um gesund und handlungsfähig zu bleiben, sowie Telefonnummern zu Unterstützungsangeboten gibt es in meinem Februar-Artikel vom letzten Jahr: Do’s & Don’ts im Lockdown des Jahrhunderts: Ein Mutmacher und Ideengeber.

Wut und Sarkasmus

An mir selbst verspüre ich überraschenderweise noch etwas anderes: Wut. Und ich gebe zu, dass sich diese bei mir gerade vor allem gegen Putin als Person richtet. Ich kenne diesen Menschen nicht und eigentlich bin ich sehr friedliebend, habe mich als Kind nie geprügelt, usw., aber ich stelle mir zum Beispiel vor, irgendein Film-Action-Held wie John Wick (Keanu Reeves) würde Putin mal besuchen. Andere Leute kleben sich vielleicht eine Putin-Karikatur auf eine Dart-Scheibe und bewerfen ihn mit Pfeilen. Sind solche Ideen oder Handlungen ein legitimes Ventil zum Umgang mit dem Gefühl der Wut, oder sollte man sich besser nicht auf diese Ebene begeben? Was können dann Alternativen sein?

Ich bin auch abwechselnd wütend, traurig und besorgt. Ich glaube nicht, dass der Beschuss von Dart-Scheiben mit Putin-Karikaturen mir wirklich helfen würde, meine Wut in konstruktive Aktivität zu verwandeln — die körperliche Aktivität, Konzentration, Fokus auf die eigenen Ziele und Freude bei so einem Spiel allerdings schon.

Ein Beschuss des Feindbildes ist in Gedanken, Worten und Tat letztlich auch ein Akt der Gewalt, der sowohl im Kleinen wie im Großen weder zu einer Einsicht noch zur Linderung von Leid führt. Es bleibt die klare Abgrenzung mit entsprechenden Maßnahmen, sowohl individuell als auch (welt-)politisch, eine nie da gewesene weltweite Solidarität und die fortwährende Einladung an den Verhandlungstisch zurück zu kommen, und konstruktiv, wertschätzend und ehrlich Lösungen zu erarbeiten.

Oft helfen mir auch Lachen, Ironie und Sarkasmus. Im Internet findet man viele Karikaturen und Memes, die sich derzeit mit Putin und dem Krieg beschäftigen — nach Putins Atomwaffen-Drohung dauerte es nur wenige Minuten, bis jemand ein altes Meme mit dem Foto des nordkoreanischen Diktator Kim Jong-Un postete, auf dem dieser leicht irre grinst, und darüber der Text „I no longer craziest leader, lol“. Da musste ich wirklich herzlich lachen. Aber es gibt auch Lachen, das einem im Halse stecken bleibt, etwa fiktive IKEA-Anleitungen für den Aufbau gelieferter Waffensysteme. Irgendwie auch lustig — zumindest, bis man sich erinnert, dass genau diese Waffen natürlich weiteres Leid verursachen werden. Ist eigentlich alles, was uns medial-digital in der jetzigen Situation zum Lachen bringt, erstmal legitim? Und wieder: Was können Alternativen sein zu einer sarkastischen Einstellung, die solche Memes und Karikaturen oft zeigen und fördern?

Auch hier bietet sich ein Werte- und Entwicklungsquadrat an. Ich liebe Werte- und Entwicklungsquadrate und weiß aus meinen Coachings, dass sie ganz vielen Gestressten im digitalen Zeitalter helfen, zwischen ‚Schwarz und Weiß‘ (‚Gut und Böse‘, ‚Richtig und Falsch‘) Lösungen zu entdecken.

In diesem Werte- und Entwicklungsquadrat stehen Sarkasmus und Ironie als entwertende Übertreibungen unter der Tugend Humor. Humor tut gut. Lachen schüttet Glückshormone aus und ist eine wichtige Ressource sich, gerade in Krisenzeiten aufzutanken, um gesund und handlungsfähig zu bleiben und so eben auch die Kraft zu haben, Gutes zu tun und eine positive Energiequelle für andere zu sein! Deshalb von mir, als Expertin für Ressourcenmanagement und promovierte Verhaltensneurobiologin, … hier der Darfschein zum Lachen! Und hey, seien wir nicht zu hart zu uns selbst!

Ich mache einmal pro Woche online Lachyoga. Es ist ganz herrlich und wahnsinnig heilsam! Es ist auch, im Gegensatz zu Sarkasmus und Ironie weder bitter noch verletzend.

Die Schwestertugend zum Humor könnte die Ernsthaftigkeit sein. Und die entwertende Übertreibung, d.h. das ‚Drüber‘ der Ernsthaftigkeit, die Verbissenheit oder Sturheit, oder ein übertriebener moralischer Anspruch. Während Humor und Ernsthaftigkeit als positive Schwestertugenden den Regenbogen hunderter gesunder Denk-, Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten für uns schaffen, sind die entwertenden Übertreibungen eher ungesund und weder für uns selbst noch andere in unserem Umfeld und darüber hinaus nützlich. Die Kunst ist es nun, zu beobachten und zu entscheiden, in welchen Spannungsfeldern wir uns (wirklich) bewegen und wie wir aus den ungesunden entwertenden Übertreibungen (mit viel Freude an der Sache, ohne erhobenen Zeigefinger! und über die Diagonalen) in die gesunden ‚Tugenden‘ kommen.

Innerer Frieden für eine friedliche Einstellung

Du hast Yoga eben schon erwähnt. Du bist ja nicht nur Biologin und Coach, sondern du beschäftigst dich auch viel mit Yoga und bist Yoga-Lehrerin. Wie lässt sich das bis hierher Gesagte eigentlich aus dieser Perspektive beurteilen?

Aus dem yogischen und spirituellen Weltbild heraus sind wir alle energetisch miteinander verbunden. Zum Beispiel wird durch den von dir vorhin erwähnten Beschuss von Dart-Scheiben mit Putin-Karikaturen viel negative Energie produziert, die weder dem*der Werfenden, noch dem Feindbild hilft, aus der Aggression zu kommen. Es ist nicht die Reaktion des*der mittlerweile Krisen-erprobten, konfliktfähigen Erwachsenen, sondern die des hilflosen Kindes. Das ist okay, wenn ich mir dessen bewusst bin und nach dem Austoben wieder in den Körper und den Verstand der*des Erwachsenen zurückkomme.

Wie würde das heile, geliebte, genährte Kind in uns reagieren? Meins würde durch Friedensgebete, -Meditationen, -Mantra-s, durch Segnungen, Vergebung, Solidarität, Unterstützungsangebote, Spenden etc. positive Energie produzieren, die mir selbst und anderen gut tun. Für diesen Weg entscheide ich mich auch als Krisen-erprobte, konfliktfähige Erwachsene. Was ich selber denke, sage und tue, kommt tausendfach zu mir zurück. Es ist meine Entscheidung, in Angst und Wut aufzugehen oder den Weg der Liebe und des Vertrauens zu wählen.

Ich sende täglich dichtgepackte Energiepakete der Liebe und des Lichtes nach Russland, auch zum Aggressor und in die Ukraine und binde solche Segnungen auch in meine Yogastunden ein. Auch das Gebet des heiligen Franziskus eignet sich hervorragend, um Entlastung in die aktuelle Situation zu bringen. Ich singe das Mantra der grünen Tara (Om Tare Tu Tare), einer buddhistischen Göttin des Mitgefühls uvm.

Also quasi neben allgemeiner Solidarität, Unterstützungsangeboten, Spenden etc. auch verschiedenste Formen des ›Betens für den Frieden‹, verstehe ich das richtig? Skeptiker*innen könnten einwenden, dass das lediglich ein schönes Symbol ist oder vor allem dem individuellen Wohlbefinden dient …

Wir sind gewordene Wesen. Unsere Worte und Taten sind immer ein Spiegel von dem, was wir denken. Wir denken, höchst subjektiv, was wir meinen erfahren zu haben. Im digitalen Zeitalter meinen wir vor allem nicht genug zu haben und nicht genug zu sein. Ich weiß, dass auch schöne Symbole und vor allem individuelles Wohlbefinden einem gewaltfreien, toleranten und emphatischen Miteinander dienen.

Gebete, Meditationen oder Mantras sind Räume des Friedens, der Reflexion und ggf. die Handlungsempfehlung, die wir uns gerade in stürmischen Zeiten wünschen. Bei ‚regelmäßiger Einnahme‘ führen solche ‚Wunderpillen‘ zu einer achtsamen, wertschätzenden und gewaltfreien Denke, Kommunikation und Handlungsfähigkeit. Mit Mahatma Gandhi: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“


(Titelbild: Alexas_Fotos / pixabay.com)

Demut vor dem Frieden

Wie üblich am Wochenende bin ich heute bei strahlend blauem Himmel und Sonnenschein durch den Park gejoggt. Kinder tobten mit ihren Eltern auf dem Spielplatz. Zwei ältere Damen gingen mit ihren Rollatoren spazieren. Eine Oma spielte mit ihrem Enkel vergnügt ein mir unbekanntes Ballspiel 😉 Eine Frau saß auf einer Bank mit geschlossenen Augen und genoss die Sonne; der Hund saß friedlich auf ihrem Schoß. Teenager spielten Tischtennis. Ein Vater spielte mit seinem Sohn Disc Golf. Eine Frau hing draußen Bettwäsche auf. Eine andere harkte im Vorgarten. Krokusse und Winterlinge sprießen aus dem Rasen. Ein verliebtes Pärchen spaziert händchenhaltend durch den Park. Ein älteres Ehepaar genießt die Sonne auf dem Balkon. Auf dem anliegenden Sportplatz beobachte ich Jungs beim Fußball. Andere versuchen sich beim Basketball. Daneben steht ein Kinderwagen, in dem ein Baby friedlich schläft. Sportler*innen trainieren Sprints auf der Laufbahn. Mir begegnet ein bekannter Jogger, der im Park auch regelmäßig seine Runden dreht. Wir lächeln uns an und winken uns zu. Möwen und Enten watscheln gemütlich am Teich entlang. Alle genießen diesen frühlingshaften Tag auf ihre Weise – und das ist gut und richtig so. Die Welt scheint in Ordnung und das Glück kann so einfach sein. Wir brauchen nicht viel – allein die analoge Welt präsentiert uns schon so viel Schönes!

Und man spürte, dass die Menschen heute demütig den Frieden genossen und froh darüber waren, dass sie nicht in U-Bahn-Schächten übernachten, ihre Wohnungen und Familien verlassen und sich vor Bomben fürchten müssen.

Dieser Krieg hat uns kalt erwischt und erscheint uns so unglaublich anachronistisch in unserer modernen digital-analogen Welt, in der wir mit ganz anderen (Luxus)Problemen „kämpfen“. Aber genau das ist nicht falsch, sondern ist richtig – trotz aller ökonomischer und sozialer Ungerechtigkeiten auf der Welt, gegen die wir angehen müssen. Denn indem wir uns mit dem Klimawandel, Diversity, Nachhaltigkeit, Gendergerechtigkeit, Ernährungswandel, Tierwohl und Gesundheitsfürsorge u.a. in Zeiten der Pandemie beschäftigen, zeigen wir, dass wir kein Interesse an primitiven und sinnfreien Eroberungsphantasien haben, sondern uns bewusst ist, wie wertvoll jedes einzelne Menschenleben ist.

Titelbild: Creative Commons

„Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ von Kathrin Marter jetzt erhältlich (Über/Strom-Buchreihe, Band 3)

Der dritte Band unserer Buchreihe ist endlich erhältlich, sowohl als gedrucktes Buch als auch als e-Book. In „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ zeigt Über/Strom-Autorin, Verhaltensneurobiologin, Yoga-Lehrerin und Coach Dr.in Kathrin Marter, was digitaler Stress mit uns macht und wie wir damit umgehen können. Hier einmal die Verlagsbeschreibung:

Viele Menschen nutzen täglich die Vorteile des digitalen Zeitalters: wenn sie mal eben ihr Zugticket mit dem Smartphone buchen, sich von ebendiesem zum vereinbarten Treffpunkt navigieren lassen und dann per Textnachricht erfahren, dass die werten Kolleg*innen ein paar Minuten zu spät kommen, der Tisch im Restaurant online schon reserviert wurde und das „Tisch-Ticket“ per QR-Code gleich mitsenden. Viele Menschen erfahren sich bei aller Erleichterung zunehmend reizüberflutet, überfordert und in der Folge gestresst.

Buchumschlag "Du bist, was Dich stresst!" von Kathrin Marter
Cover von „Du bist, was Dich stresst!“

Der Begriff und Zustand „Stress“ (heutzutage im Sprachjargon als diffus definierter Normalzustand verankert und schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen) ist allerdings tatsächlich ein Zustand, der vielfältigen Leidensdruck verursacht und krank macht.

Die Autorin unterstützt allgemeinverständlich, anschaulich sowie naturwissenschaftlich und psychologisch fundiert bei der Auseinandersetzung mit Stress, Stressoren und Prozessen der Langzeitgedächtnisbildung. Letztere sind nicht unwesentlich an unserem chronischen Stresslevel beteiligt. Langzeitgedächtnisse, die, häufig schon in der Kindheit geformt, starke negative Glaubenssätze beinhalten. Diese negativen Glaubenssätze erfahren durch die Herausforderungen der digitalen Welt permanente Verstärkung und begünstigen dadurch chronischen Stress – mit seinen für viele Menschen spürbaren Folgen.

Das Buch lädt ein, klärt auf und gibt fundierte, anschauliche und handlungsorientierte Ansätze zur Selbstreflexion und Entwicklung einer gesunden Handlungskompetenz gegenüber dem eigenen Stresslevel, folglich der eigenen Gesundheit und dem eigenen Glück.

Die Autorin Frau Dr.in rer. nat. Kathrin Marter ist promovierte Verhaltensneurobiologin, systemische Coach, Wissenschaftsautorin, Dozentin, Pädagogin, Yogalehrerin und Trainerin. Als Wissenschaftlerin hat sie die psychologischen, neuro- und verhaltensbiologischen und molekularen Grundlagen von Verhalten, Lernen und Gedächtnis erforscht. Heute bringt sie ihr ganzheitliches Expertinnenwissen über Lernen und Gedächtnis, Gesundheit und Krankheit sowie Verhaltensänderungen in Lernumgebungen, beratenden Settings und der Gesundheitsbranche erfolgreich in die praktische Anwendung.

Digitales Wohlfühlen und Verantwortung ― Tabula Rasa 2.0 für von digitalen Netzwerken Gestresste

Digitale Medien sind Teil unseres Alltags und interferieren mit unserem Privat- und Berufsleben. Digitale Netzwerke werden so entwickelt, dass sie unsere Aufmerksamkeit möglichst lange binden, mit unvorhersehbaren, variablen kleinen positiven Verstärkern, die unser intrinsisches Belohnungssystem stimulieren, hin zu unkontrolliertem, abhängigen Verhalten. Wie ist die Datenlage? Wer ist dafür verantwortlich und wer ist verantwortlich dafür, dass es mir gut geht? Was kann ich tun, damit es mir gut geht? Das sind die Fragen, auf die dieser Artikel antwortet.

Digitales Wohlfühlen: Fühle ich mich mit meinem digitalen Konsum (noch) wohl?

Der DAK Gesundheitsbericht 2019 zeigt, dass die große Mehrheit der Erwerbstätigen (85 %) soziale Medien nutzt. Unter sozialen Medien (die keineswegs „sozial“ sein müssen, d.h. „eine empathische Bedeutung im Sinne von ‚dem Gemeinwohl dienend‘ oder ‚den Schwächeren schützend‘“ (DAK Gesundheitsbericht 2019, S. 146-147) implizieren) wurden hier „digitale Medien und Plattformen gemeint, durch die Sie mit anderen Nutzerinnen und Nutzern in Austausch treten und/oder Inhalte erstellen und austauschen können. Das sind unter anderem soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram oder LinkedIn, Blogs und Internetforen, sogenannte Mikroblogs wie z. B. Twitter. Auch Messaging-Dienste wie WhatsApp oder Snapchat gehören dazu. Die Nutzung von E-Mail oder Web-Seiten gehört dagegen nicht dazu.“ […] „Gefragt nach den zwei wichtigsten sozialen Medien, die sie in den letzten 12 Monaten genutzt haben, geben die Befragten vor allem Facebook (51 Prozent) und WhatsApp (49 Prozent) an. Ein kleinerer Teil der Befragten zählen Instagram (18 Prozent) und Twitter (3,7 Prozent) dazu. (ebd., S. 147). Dabei sei der Anteil der Nutzer*innen sozialer Medien über alle Altersgruppen hoch, in der Altersgruppe 18-29 mit 95, 3 % am höchsten.

Schade, dass die Studie nicht zwischen den Messenger-Diensten, die ja irgendwie auch als „moderne Anrufbeantworter des geschriebenen Wortes + Emojis“ zwischen zwei einander bekannten Personen oder Kleingruppen (Study Groups, Familiengruppen) verstanden werden können und den, potentiell in die Welt projizierenden digitalen Netzwerken wie Facebook und Instagram unterscheidet.

Instagram-Fund; Quelle: Süddeutsche Zeitung Magazin

Wie scherzhaft von der Süddeutschen Zeitung auf Instagram visualisiert, geben auch 9 Prozent der in der DAK-Studie Befragten einen gewissen Kontrollverlust bei der Nutzung digitaler Medien an.

8 Prozent der in 2019 Befragten „haben oft soziale Medien genutzt, um nicht an unangenehme Dinge denken zu müssen“ (ebd., S. 151). Digitale Medien dienen somit auch als Flucht- und Abwehrmechanismus, wenn die Realwelt vermeintlich zu schmerzhaft wird.

Knapp 4 Prozent der Befragten geben einen Interessenverlust an Hobbies und Interessen durch die Nutzung digitaler Medien an (ebd., S. 151), der häufig auch mit einen Rückzug aus physischen Kontakten einhergeht und begleitet wird durch andere Beeinträchtigungen, wie starke Ängste, Schlafstörungen, Essstörungen oder Depressionen.

Die Zahlen, sowie das Ausmaß der Erscheinungen dürften sich aufgrund fehlender physischer Kontakte und fehlender adäquater Möglichkeiten zur Stressbewältigung durch die Corona-Pandemie mit ihren Begleitmaßnahmen erhöht, bzw. verstärkt haben. So berichtet auch Uta neulich von ihrem Digital Overload und ‚Zoom Fatigue‘ und Mario von weniger überladenen und vor allem weniger überlastenden Alternativen zum World Wide Web. Wenn Sie mal schauen möchten, wie sich Ihre tatsächliche Nutzung von digitalen Medien von Ihrer Erwartung und Selbsteinschätzung unterscheiden, habe ich dafür hier eine kleine Reflexionshilfe gebaut, die sich ausdrucken und analog ausfüllen lässt (Marter, 2021).

Insbesondere die digitalen Netzwerke (ich möchte sie nicht sozial nennen) haben Suchtpotential; mindestens für solche, die ohnehin schon Suchtthematiken haben. Und auch wenn sie kein Suchtpotential hätten, so haben sie doch einen starken Einfluss auf die Art und Weiße wie wir kommunizieren, unsere Zeit verbringen, unsere physische, psychische und emotionale Gesundheit und unsere Gesellschaft.

Wer verantwortet mein intrinsisches Belohnungssystem?

Früher (als das Leben noch unbequemer war) haben Menschen mit Suchtthematiken ‚nur‘ zu viel getrunken, dann auch (zu viel) geraucht (wenn man einmal die Problematik ‚harter‘ Drogen ausklammert). Im digitalen Zeitalter nun kommen durch Digitales induzierte Dopamin-Kicks (und vieles mehr) im Belohnungssystem des Gehirns hinzu. Das Belohnungssystem schließt auch das emotionale Zentrum (das limbische System) mit ein. So kommt es, dass wir uns, wenn wir ‚gestresst‘, traurig, ängstlich oder wütend sind, eine sogenannte ‚Belohnung‘ suchen, die uns vermeintlich beruhigt und entspannt. Heute wird dafür dann recht schnell das Smartphone gezückt. Wichtig zu wissen ist, dass es sich hier nicht um eine echte, gesunde Belohnung handelt, sondern mindestens um eine Ablenkung, in der Regel einen Abwehrmechanismus, der uns der Lösung des Ursprungsproblems der leid-auslösenden Emotion nicht näher bringt.

Ein mich inspirierender und meine Message unterstützender Fund aus irgendeinem digitalen Netzwerk. Quelle unbekannt.

Wie bei Alkohol und Nikotin ist der Weg über eine ungesunde Gewohnheit in eine potentielle Abhängigkeit schleichend. Einstieg und Zugang sind niedrigschwellig und gesellschaftlich anerkannt, wenn nicht sogar anerkannter als der Verzicht. „Wie, du bist nicht bei Whatsapp!“ + Augenverdrehen. „Wie, du trinkst keinen Alkohol!“ + Bist du schwanger?“ oder „Spaßbremse!“

Für den Konsum von Tabak haben sich diese Phänomene der Gruppendynamik durch politische Regelungen drastisch geändert. So ist das Rauchen in gastronomischen Einrichtungen und Diskotheken seit 2008 verboten. Binnen kürzester Zeit sind nun die Rauchenden zu den Spaßbremsen und Spalter*innen geworden.

Ich bin allerdings überhaupt keine Freundin des Trends, überall sofort politische Lösungen zu fordern. Zumal diese ja auch sofort wieder abgelehnt und bekämpft werden und von anderen wieder neue, andere politische Lösungen gefordert werden. Viele vergessen bei all ihrer Arbeit, zwischenmenschlichen Problemen und automatisierten Ablenkungs- und Abwehrmechanismen durch Smartphone, Alkohol, Zucker, Konsum und Co., dass sie selbst eine Verantwortung für Körper, Psyche und Emotionen und ein soziales Miteinander zum Wohle aller haben.

Letztlich brauchte es ein politisches Eingreifen in Sachen Nichtrauchendenschutz, weil das Rauchen in Diskotheken und der Gastronomie ‚normaler‘ war als das Nichtrauchen. Deshalb kamen Rauchende gar nicht auf die Idee, zum Rauchen raus zu gehen, um so andere durch ihr eigenes ungesundes (Sucht-)Verhalten nicht zu schädigen. Ähnlich verhält es sich mit der Gleichstellung der Geschlechter und dem Pfandsystem für PET-Flaschen. Beim Pfandsystem gilt der politische Eingriff dem Schutz der Erde durch den sinnvollen Umgang mit Ressourcen. Er war nötig, weil wir Verbrauchenden von allein nicht ausreichend recyceln und die Produktion von neuem Plastik für die Herstellenden günstiger als Recyceln ist. (Deposy, 2021)

Ein politischer Eingriff in unseren Alltag durch Restriktion des Konsums digitaler Medien zum Schutz unserer körperlichen, psychischen und emotionalen Gesundheit ist natürlich undenkbar und nicht erstrebenswert. Zumal gut aufbereitete digitale Medien und der digitale Austausch z.B. in Lockdown-Zeiten zum Erhalt der Gesundheit beitragen können. Ich selbst bekomme durch die Kanäle, die ich abonniert habe, immer wieder wunderschöne Erinnerungen und Inspirationen zu Aspekten eines gesunden Lebens und Arbeitens oder freche Frauenpower-Kommentare, die meinen Horizont erweitert und mich über die Jahre wachsen lassen haben.

Visualisierte Daten: Ein mich inspirierender Facebook-Fund von Lena Deser über editionF.
Ein mich inspirierender Facebook-Fund. Quelle: unbekannt

Es ist an uns, an jeder und jedem einzelnen von uns Verantwortung zu übernehmen und gesund, fair, sozial und nachhaltig zu denken, zu sprechen und zu handeln. Jede*r von uns kann dabei ein strahlendes Licht für Werte sein ohne andere zu belehren, Ängste zu schüren, zu beleidigen oder Meinungen aufzudrücken. Jede*r von uns kann so zu einem gesünderen, neuen Normal beitragen. Dafür müssten wir regelmäßig aus der Eskalationsspirale des Außen (d.h. der Reizüberflutung und dem unrealistischen Leistungsdruck im beruflichen Alltag, TV und digitalen Medien), uns beruhigend, entspannend, klärend und so deeskalierend bei uns selbst ankommen. Das hilft auch gegen Sucht und jede andere Art des Versuches der ungesunden und nicht zielführenden Bedürfnisbefriedigung.

Im Selbst ankommen macht handlungsfähig und gestaltungsfrei

Aus der Sicherheit und Verankerung, die beim Ankommen bei sich selbst wieder wahrgenommen werden können, erwachsen Ruhe und Zentrierung. Das Herz kann sich wieder öffnen, der eskalierte Verstand beruhigt sich. Vertrauen in die eigenen Stärken, Vertrauen in die Welt, Geduld und Humor mit den eigenen Schwächen und denen anderer wird wieder möglich.

Umso mehr wir in Liebe und Vertrauen bei uns selbst ankommen, umso heller scheint unser Licht und der Wunsch sich nicht mehr an gesellschaftlichen Eskalationsprozessen zu beteiligen, was nicht gleichbedeutend ist, mit: keine Meinung zu haben und diese nicht auch angemessen zu vertreten.

In der Kraft, zentriert und mit offenem Herzen fällt es schwerer, Margarine mit Palmöl zu kaufen, wenn der Preis dafür die Abholzung der Regenwälder ist. Auch die Billigsalami lächelt einen nicht mehr an, ganz im Gegenteil.

Weil wir uns nicht mehr in einem Zustand des Mangels empfinden, brauchen wir auch nicht mehr 2 € ‚sparen‘, um bei den gängigsten Online-Anbietern ein neues Scrabble-Spiel zu bestellen. Auch diese Klicks stimulieren das Belohnungssystem auf eine ungesunde und manipulative Weise und der ständige Hinweis darauf, dass nur noch drei, zwei, ein Stück auf Lager sind/ist, gibt uns gezielt das Gefühl, nicht genug zu bekommen und gestresst, noch schneller und unreflektierter auf den Kauf-Button zu drücken. Danach stellt sich kurzzeitig vermeintlich belohnende Erleichterung ein, weil wir das wertvolle Stück zum Mindestpreis ergattert haben und diesmal nicht diejenigen sind, die ‚zu spät‘ kommen und leer ausgehen.

Geankert, herz-offen und zentriert, beteiligen wir uns so nicht an ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen, haben die Möglichkeit im Laden in einen physischen, sozialen Kontakt zu gehen, ein Stadtbild mit kleinen Lädchen zu erhalten, die wiederum ihre Steuern im Land des Lädchens zahlen und so auch zu sehr vielem beitragen, dass uns im Wohlstand hält.

„Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“

―Mahatma Gandhi

In diesem Zustand der Handlungsfähigkeit und Gestaltungsfreiheit fragen wir uns recht bald auch, von wem wir uns inspirieren, leiten oder manipulieren lassen möchten.

  • Möchte ich meine wertvolle Frei- und Regenerationszeit mit digitalen Medien verbringen, die es darauf anlegen, meine Aufmerksamkeit durch gezielt eingesetzte verhaltenswissenschaftliche Konzepte (z.B. Konditionierungen, Ansprache des Belohnungssystems,…) so geschickt und ungesund zu binden, dass ich selbst keine Kontrolle mehr darüber habe, was ich da eigentlich tue? (Giesler, 2018)
  • Möchte ich getrieben sein von der Angst, in der fiktiven Parallelwelt meiner digitalen Filterblase etwas zu verpassen („Fear to miss out“)? Was verpasse ich denn wirklich? Was kann ich gewinnen, wenn ich keine Angst habe? Was mache ich statt dessen? Wer kann mich unterstützen? Mit wem möchte ich spazieren gehen, mit wem Scrabble spielen?
  • Möchte ich mich, das leuchtende, geerdete, zentrierte, liebende und geliebte, wertvolle, herz-offene, sanfte Wesen, das ich bin, abhängig machen von Like-Buttons und Likes Unbekannter? Was braucht es für mich wirklich, um meine menschlichen Bedürfnisse nach Nähe und Wertschätzung zu befrieden? Wieviel davon braucht es wirklich von außen? Und wo muss ich erstmal anfangen, mich selbst zu liken? Wieviel mehr Lebensqualität kann ich wohl erlangen, wenn ich mich selber mag?
  • Wenn ich in den digitalen Medien Reize und Informationen konsumiere, welche sind das? Machen sie mir Angst, mich traurig oder wütend? Sind sie gut recherchiert und von Menschen mit Expertise geschrieben? Haben sie die Absicht mich zu schwächen oder machen sie mich handlungsfähiger?

Digitale Ruhe und Besinnlichkeit zwischen den Jahren

In Vorbereitung auf die Rauhnächte, einer Zeit der inneren Einkehr, und auf meine Rauhnächte Meditation Challenge hab ich gestern alle digitalen Netzwerke von meinem Smartphone deinstalliert. Ich faste mal wieder, d.h. ich verzichte freiwillig.

Nun brauche ich allerdings neue gesunde Routinen für die neu-gewonnene Zeit und Freiheit (in der Regel macht man*frau sich da vorher einen Plan für) und eine neue gesunde Routine, um die digitalen Netzwerke, auch für meine beruflichen Tätigkeiten weiterhin regelmäßig zu nutzen, ohne dass wertvolle Zeit und Lebensenergie unkontrolliert vergeht. Ich dachte da so an eine Stunde pro Tag am Vormittag vom Rechner aus, mit Timer.

Als nächstes wird dann auch das E-Mail-Postfach im Smartphone um sein Dasein fürchten müssen. Das braucht aber wirklich einen Plan und Zeit damit nichts verloren geht. Meine analoge Uhr hab ich auch aus den Tiefen der Verbannung befreit. Sie braucht aber eine neue Batterie und damit habe ich einen neuen Punkt auf meiner To-Do-Liste, den ich abarbeiten muss, um in die neue Freiheit (gesunde Belohnung) zu kommen. 

Gesunde intrinsische Belohnungen

Heute habe ich Wikipedia gespendet, um einen kleinen Beitrag zu daten- und literaturbasierter Informationsverbreitung zu leisten (gesunde Belohnung). Nachher geh ich noch ein Scrabble-Spiel, Milch und Kerzen kaufen (gesunde Belohnung) und auf den Weihnachtsmarkt (gesunde Belohnung), um das Privileg des Analogen zu genießen (gesunde Belohnung). Ich habe vor, alle Welt anzulächeln (gesunde Belohnung). Ich habe heute auch schon ein überraschendes Weihnachtspäckchen bekommen und freue mich sehr (gesunde Belohnung).

Drücken Sie mir die Daumen, wie ich Ihnen die Daumen drücke!

Geerdete, herz-offene und zentrierte Sonnen- und Weihnachtsgrüße,

Ihre Dr.in Kathrin Marter

Das Privileg des Analogen

Auf Grundlage einiger früherer Skizzen (u.a. 2019 zum Zeitunglesen, so richtig auf Papier, an den Orten, wo diese Zeitungen erscheinen) und Beobachtungen im Alltag habe ich ein neues Schreibprojekt begonnen, in dem ich mich mit dem „Privileg des Analogen“ (als scheinbarer Kontrast zum „Digitalen“) auseinandersetzen will. Ich weiß noch nicht genau, ob das eine Artikelsammlung wird, oder ein neuer Band der Über/Strom-Reihe, oder noch was anderes, aber auf jeden Fall treibt mich das Thema jetzt schon lange um.

Der Grundgedanke ist, dass digitale Medien sowie digital umgesetzte Arbeits- und Lernszenarien einerseits Teilhabemöglichkeiten bieten, die rein analoge Formen nicht haben – dass das Analoge dabei aber noch mehr als vielleicht früher schon zu einem Privileg, vielleicht einem Luxus, wird. Im 2. Coronajahr 2021 erlebe ich dieses Spannungsfeld gleich mehrfach.

Beispiel Wissenschaft: Aus dem gesellschaftlichen Teilsystem Wissenschaft bin ich seit 2015 eigentlich raus (und in Hinblick auf #IchBinHanna möchte ich fast sagen: Gott sei dank), insofern ich seitdem keine institutionelle Zugehörigkeit mehr zu einer Hochschule habe und auch nicht mehr gesucht habe. Stattdessen arbeite ich in verschiedenen Zusammenhängen, 25 h/Woche unbefristet angestellt, Rest der Zeit tätig als „ich schreib so Texte“-Mensch aka „freier Autor“ von Sachtexten („Und, was machst du so?“). Ich werde nicht reich, aber meistens reicht es.

Die Themen meines Schreibens leiten sich zwar großteils aus meiner früheren wissenschaftlichen Tätigkeit her (Kommunikationswissenschaft; in mehr soziologischer und linguistischer Ausprägung, weniger medienwissenschaftlich). Meine Bücher richten sich aber an die Allgemeinheit oder an Praktiker*innen, die z.B. beruflich mit Softwareentwicklung oder technischem Kundendienst zu tun haben (da ist auch der Link zu meinem Angestelltenjob).

Jedoch habe ich in mir immer noch eine gewisse … wehmütige Sehnsucht nach nicht verwertungsgebundenem wissenschaftlichen Austausch. Ironisch sage ich manchmal, ich würde gerne mal ein Jahr lang einfach nur das Wortfeld „Baum“ erforschen. Oder sowas. Nur findet wissenschaftlicher Austausch halt nicht im Kundendienst statt und auch nicht beim Schreiben von Sachtexten, sondern, naja, im Teilsystem Wissenschaft. Daran zu partizipieren, setzt tradtionell nicht nur Zeit und Netzwerke voraus, sondern auch Geld. Denn zu Tagungen zu fahren (wo man Netzwerke knüpft), muss man bezahlen können. Wenn man keine Uni oder Firma hat, die das übernimmt, sieht’s düster aus. Und genau da war Corona dieses Jahr eine Möglichkeit, wieder Anknüpfungspunkte zu finden. Denn so schal das in sozialer Hinsicht auch ist: Viele Konferenzen wurden online durchgeführt und dabei auch die sonst oft hohen Teilnahmegebühren stark reduziert oder ganz fallengelassen. Auch Fahrt- und Übernachtungskosten entfielen. Und so sind es dieses Jahr drei Tagungen, an denen ich teilnahm/teilnehme (die letzte ist die Future and Reality of Gaming in Wien am 26./27.11., eine Games Studies-Tagung, wo ich auch selbst einen Beitrag vorstelle). Zu normalen Bedingungen wäre das weder zeitlich noch finanziell möglich gewesen, und insofern hat mir das Digitale einen länger beiseite geschobenen Teil meiner Identität zurückgebracht.

Man könnte jetzt sagen, dass das doch eher das Privileg des Digitalen ist. Ich kann ja eigentlich froh sein, dass mir das Internet eine Teilhabe an solchen Formen erlaubt. Aber das sind, wie erwähnt, Corona-Bedingungen und ich bin mir relativ sicher, dass beim Ende der Pandemie wieder mehr auf analoge Formen der Komunikation umgestellt wird. Und das ist gut so – mir tun junge Student*innen so so leid, die ihr Studium unter Corona-Bedingungen begonnen haben, jetzt endlich ein wenig Präsenzluft schnuppern konnten, aber nun sicher bald wieder (wo noch nicht geschehen) zurück in virtuelle Räume müssen. Aber dann werden eben auch wieder Zeit und Geld entscheidende Parameter sein, die eine Teilhabe ermöglichen oder ausschließen. Darum das Privileg des Analogen.

Ähnliche Beobachtungen mache ich in Bezug auf Medienkonsum (Kino vs. Stream, gedrucktes Buch vs. eBook, gedruckte Zeitungen vs. Paywall usw.), Spiele (Computerspiele vs. Brettspiele), Kundendienst (Menschen vs. Bots, Entscheidungsbefugnis vs. starre Prozesse), Einkaufen (online vs. Geschäft) usw. Ich habe nun vor, diese Beobachtungen jeweils zunächst zu beschreiben und dann gesellschaftlich einzuordnen (da ich nix anderes kann, vermutlich wieder vor systemtheoretischen Hintergründen). Wie genau, wird man dann sehen.

Wohin steuert unsere Welt gerade? Novembergedanken

Irgendwie bin ich mir im Moment unsicher, wohin sich unsere Gesellschaft und die ganze Welt entwickeln wird. Nach meinem Empfinden befinden wir uns gerade in einer Art Übergangsphase, die durch die Pandemie noch einmal sichtbarer wird. Wir sind von sehr widersprüchlichen Entwicklungen und Tendenzen umgeben. Auf der einen Seite bilden sich weltweit sehr feministisch geprägte Protestbewegungen wie „Fridays for Future“, „Black Lives Matter“ oder „NiUnaMenos“ („Nicht eine weniger“), wie die Philosophin Eva von Redecker in ihrem Buch „Revolution für das Leben“ darlegt und die Hoffnungen machen, dass wir an der Schwelle zu entscheidenden gesellschaftlichen Veränderungen stehen könnten, die vom Turbokapitalismus Stück für Stück wegführen.

Zum anderen gibt es wiederum aber auch nationalistisch konservative Tendenzen, wenn wir uns zum Beispiel die schon mehrere Jahre anhaltende Popularität der Partei AfD anschauen, die wachsende EU-Skepsis in einigen europäischen Ländern, die Flüchtlingspolitik und die grenzenlos wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik weltweit, die mit einem starken Konkurrenzdenken zwischen den Großmächten der Welt einhergeht.

Wir leben in einer Welt, in der sozialistische und kommunistische Experimente scheinbar vorläufig ausgedient haben. Auch die linken Intellektuellen sind sich darin einig, dass das Leben in den Ländern, in denen noch kommunistische oder sozialistische Strukturen existieren, nicht besonders erstrebenswert ist, sondern dass sich etwas Neues entwickeln muss. Das Besitzbürgertum ist jedoch so sehr besorgt um seinen Wohlstand, dass die Veränderungen nur in Minischritten vorankommen. Und die digitale Blase verhindert aktives Handeln, da sie die Menschen nur als Datenlieferanten behandelt und nicht als Lebewesen, die nicht außerhalb der Natur stehen, sondern inhärenter Teil dieser sind und weit mehr und vor allem andere Fähigkeiten besitzen als künstliche Maschinen.

Und da frage ich mich nun – wo ist das Licht am Ende des Tunnels und wie lange dauert es noch, bis sich der Mensch evolutionär vom Raubtier in Richtung eines friedlichen Wesens entwickelt hat und dann endlich das Wunder des solidarischen kooperativen Miteinanders ohne „sachliche Herrschaft der Profitorientierung“ und „Sachherrschaft der Eigentumsfixierung“ (Eva von Redecker) wahr wird. Es gibt eben leider noch zu viele Menschen, die Angst vor einem angeblich langweiligen, tristen Leben haben, in dem sie nicht mehr behaupten können, dass sie mehr wert als andere Menschen sind oder mehr Erfolg, Kompetenzen und Besitz haben. Denn in einem kooperativen Lebensmodell würden auch die individuellen Differenzen, Fähigkeiten und Vorlieben der Menschen keine Schwierigkeiten mehr darstellen, wie von Redecker schreibt. Sie hinterfragt in ihrem wunderbaren Buch, das sich fast als Manifest liest, die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse noch einmal grundlegend und stellt sich mit Wucht in einer direkten Sprache gegen den Kapitalismus mit all seinen widersprüchlichen Verwerfungen, so deutlich wie ich es lange nicht mehr gelesen habe:

„Das Bild des Kapitalismus als frei schwebender Jongleur, der stets noch mit einem Ball mehr zu jonglieren weiß, ist zu schmeichelhaft. Man soll dem Kapitalismus nicht durchgehen lassen, sich als Ekstase, als unstillbares Verlangen, als schlaflose Nacht zu inszenieren. Er lässt nicht alle Puppen tanzen, selbst wenn er die Gebeine der Vergangenheit aufwirbelt. Das, was funkelt wie ein Karussell, ist nur die wacklige Spitze eines riesigen Bergs aus Müll, Langeweile und Leichenteilen.“

Eva von Redecker provoziert mit diesen radikalen Äußerungen und macht uns Hoffnung…insofern, dass ihrer Meinung nach, die Menschen spüren, dass sich etwas ändern muss und dass der Klimawandel in der jetzigen kapitalistischen Wachstumslogik nicht zu stoppen ist. Andererseits konstatiert sie, dass den Menschen noch der Mut zum Handeln fehlt, weil ihnen bewusst ist, dass es nicht ohne Verzicht gehen wird und sie sich wohl vom geliebten, teilweise luxuriösen Wohlstand verabschieden müssten.

Denn es bringt nichts, wenn nachhaltige Bio-Produkte produziert werden, die quantitative Produktion von Konsumgütern an sich jedoch nicht reduziert wird. Das ist ein Widerspruch in sich. Für das Klima ist es am besten, wenn man seine Klamotten so lange trägt und sein Auto so lange fährt, bis es nicht mehr geht anstatt immer mehr zu kaufen, auch wenn es sich um nachhaltig produzierte bzw. umweltfreundliche Waren handelt. Das ist ein großer Selbstbetrug.

Und so lange wir es allen Ernstes für moralisch richtig halten, dass Krankenhäuser Profit machen müssen, dass nicht so viele Lehrer*innen, Pflegekräfte, Wissenschaftler*innen eingestellt werden dürfen wie gebraucht werden, sondern diese Entscheidungen nur auf Grundlage finanzieller Ressourcen getroffen werden, wird es nie zu einer größeren gesellschaftlichen Gerechtigkeit kommen. Eva von Redecker schreibt im Rückgriff auf Hannah Ahrendt:

„Hannah Arendt diagnostizierte schon für das Ende des 19. Jahrhunderts eine heimliche Bewunderung der guten Gesellschaft für die Kriminalität, in der das Bürgertum ihre eigenen Methoden erkennt. Was den größten Scharlatanen die Wählergunst sichert, ist, dass sie offen so handeln, wie man selbst es doch noch eher verschämt und stümperhaft im Verborgenen tut. Alle Mittel einsetzen. Sonst wird man schließlich am Ende selbst eliminiert.“

In der bürgerlichen Gesellschaft geht es in erster Linie darum, mögliche Konkurrent*innen, die den eigenen Erfolg gefährden könnten, aus dem Weg zu räumen. Erst dann hat man sein Ziel erreicht. Das erinnert mich an den Hochstapler Felix Krull, der mit seinen Verstellungskünsten zeigt, dass es Zufall ist, in welche Gesellschaftsschicht man hinein geboren wurde und der als Simulant die nur auf Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeiten fixierte Geldaristokratie entlarvt.

Erich Kästners moralischer und ebenfalls sympathischer Fabian sagt schon im Jahr 1931 so unglaublich aktuelle Sätze wie „Und sei mir nicht böse, wenn ich nicht glaube, daß sich Vernunft und Macht jemals heiraten werden. Es handelt sich leider um eine Antinomie. Ich bin der Überzeugung, daß es für die Menschheit, so wie sie ist, nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder ist man mit seinem Los unzufrieden, und dann schlägt man einander tot, um die Lage zu verbessern, oder man ist, und das ist eine rein theoretische Situation, im Gegenteil mit sich und der Welt einverstanden, dann bringt man sich aus Langeweile um. Der Effekt ist derselbe. Was nützt das göttlichste System, solange der Mensch ein Schwein ist?“

Im Gegensatz zu Felix Krull ist Fabian jedoch ein hoffnungsloser Melancholiker, der das Gefühl hat, nicht ins System zu passen, da ihm Geld und Macht völlig egal sind und er darin für sich keinen Lebenssinn erkenn kann. Felix Krull dagegen ist ein Lebenskünstler, der die unmoralische Welt genauso wie Fabian durchschaut, sich jedoch mit Vergnügen an sie anpasst und mit ihr spielt.

Byung-Chul Han stellt in seinem neuesten Buch „Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie“ fest, dass das „Disziplinarregime“ im digitalen Zeitalter durch ein „neoliberales Informationsregime“ ersetzt wurde, in dem sich die Herrschaft als freundliche, offene und moderne „Freiheit, Kommunikation und Community“ tarnt. Wir können heutzutage alles sagen und teilen – daraus entstehe jedoch kein argumentativer und dialektischer Diskurs, der Zeit benötigt, die uns aber nicht mehr gelassen wird. Han analysiert treffend: „Die logische Kohärenz, die den Diskurs auszeichnet, ist den viralen Medien fremd. Informationen haben ihre eigene Logik, ihre eigene Temporalität, ihre eigene Dignität jenseits von Wahrheit und Lüge.“

Insofern täuscht auch das digitale Zeitalter etwas vor, das es nicht ist – ein offener, sozialer, globaler Vernetzungsraum, der die Welt auf ein „globales Dorf“ (Marshall McLuhan) reduziert und für Frieden und gegenseitiges Verständnis sorgt. Man ist versucht, diesem einst positiven Ansinnen der inzwischen mächtigen digitalen Konzerne auch teilweise zuzustimmen, wenn sie nicht selbst in die völlig unmoderne und konservative kapitalistische Wachstumslogik eingebettet wären, wodurch jede individuelle Freiheit und jedes solidarische Gemeinschaftsgefühl nur simuliert und absurdum geführt wird.

Also leider irgendwie nichts Neues…aber genau dieser Stillstand bzw. dieser sich wie ein Vakuum anfühlende Zustand nervt…

(Titelbild: Jeshu John, http://www.designerspics.com/)

Träume – Spielwiese unserer selbst

Laut klackern meine Absätze auf dem Kopfsteinpflaster, der Hall wird in der engen Gasse reflektiert, während eine laue Frühlingsbrise meine Haare durchweht. Unbeschwert schlendere ich lange vor der Pandemie durch die Innenstadt Prags. Mein Blick fällt auf ein großes Bild, das im Schaufenster der unscheinbaren kleinen Galerie von Marie Brožová hängt. Sofort bleibe ich gebannt stehen: so viele Details! Ein älterer Mann, an einen Zauberer erinnernd, sitzt mit verträumtem Blick an einem Tisch in einer Art Höhle – womöglich ein hohler Baumstumpf? Wundersame Wesen bevölkern kleine Nischen, Durchgänge ins Freie und winzige, eingerichtete Räume in den Wänden. Minutenlang verliere ich mich in den Details dieses Bildes. Verzaubert betrete ich den kleinen Geschäftsraum, der Galerie und Laden in einem ist. Die Wände hängen voll mit ähnlich aufwändigen Zeichnungen – alle auf DIN A0-Papier und alle mit Buntstift gemalt, wie ich später erfahre. 

„Book of Life“ – mit freundlicher Genehmigung von Marie Brožová

Hinter einigen Ständern voller Postkarten mit diesen Motiven entdecke ich eine junge Frau an der Kasse. Ich frage, noch immer zutiefst beeindruckt, woher die Künstlerin wohl die Inspiration für diese magischen Motive bekommt und ob ihr nicht irgendwann die Ideen ausgehen? Nein, das würde sicher nicht passieren, antwortet die Dame. Frau Brožová male einfach das, was sie in ihren Träumen sehe. Und an Träumen mangele es ja nicht. Um ein paar Euro ärmer, aber einen Stapel Postkarten reicher, verlasse ich kurze Zeit später den Laden wieder. Die Tasche voll mit Traumwelten einer Künstlerin, die ich seither nicht mehr vergessen habe – ihre Bilder zieren nun mein Arbeitszimmer. Warum üben Träume eine so faszinierende Wirkung auf uns aus? Wieso ziehen uns manche Traum-Szenen so in ihren Bann? 

Träume als Spiegel unserer Seele 

Die Psychologie hat sich vor allem in der Geburtsstunde der Psychoanalyse intensiv mit Träumen beschäftigt. Freud machte den Anfang mit seiner berühmten “Traumdeutung” und sah in den Träumen den Königsweg zum frisch entdeckten Unbewussten. Dass es neben dem Bewusstsein eine ganze Welt gefüllt mit Inhalten und Erfahrungen in uns geben könnte, die uns nicht direkt zugänglich ist, war damals ein revolutionärer Gedanke. Später folgte unter anderem Carl Gustav Jung mit seinem Ansatz der subjektstufigen Deutung von Träumen. Die von ihm begründete analytische Psychologie postuliert dabei, dass alles, was uns im Traum begegnet, als Anteil unserer selbst verstanden werden kann – Menschen, Tiere, sogar ganze Landschaften.

Moment, die derbe Bäuerin aus dem Traum neulich könnte eine Persönlichkeitsseite von mir sein? Oder der afroamerikanische Soul-Sänger? Die Spinne? Der Elefant? Setzen wir uns mit diesen Traum-Gestalten auseinander, sind wir mitunter überrascht davon, wer und was sich in uns alles tummelt. Oft lohnt es sich, genauer hinzusehen, denn immer wieder begegnen uns im Traum sogenannte Schatten-Anteile, die wir aus unserem Bewusstsein ausgeschlossen haben. 

Die analytische Psychologie geht davon aus, dass uns im Traum Persönlichkeitseigenschaften oder innere Stimmen begegnen können, die nicht im Einklang mit unserem Selbstbild stehen. Solche dem Bewusstsein fernen Anteile befinden sich nach C.G. Jung im sogenannten Schatten, also einem Teil des Unbewussten. Tauchen bestimmte Gestalten oder Eigenschaften immer wieder auf, kann das demnach mitunter als Hinweis auf eine Einseitigkeit im Lebensvollzug und der Selbstwahrnehmung verstanden werden. Die Bäuerin könnte so für eine bodenständige, zupackende Persönlichkeitsseite stehen, der bisher wenig Raum zur Verfügung stand. Der Sänger könnte für einen leidenschaftlichen musikalischen Selbstausdruck stehen, der im Verborgenen bleiben musste, womöglich aus mangelndem Selbstvertrauen oder Scham.

Die Bedeutung solcher Traumbilder lässt sich dabei nicht pauschal festlegen, sondern muss, angereichert durch die eigenen Assoziationen, individuell erschlossen werden. Sich mit diesen inneren Bildern auseinander zu setzen und davon ausgehend den ein oder anderen Schritt im realen Leben zu wagen, kann dabei durchaus zu einer Reifung der Persönlichkeit beitragen oder kreative Potenziale freilegen. 

Luzide Träume

Eine wahre Spielwiese für Kreativität und ungeschütztes Ausprobieren stellen zweifelsohne die sogenannten luziden Träume dar. In ihnen ist sich die träumende Person der Tatsache bewusst, dass sie träumt und im Traum handlungsfähig ist. Anders als in einer VR-Umgebung oder Star Treks Holodeck ist es hier also möglich, sich nicht nur bewusst durch eine bestimmte Umgebung zu bewegen und in ihr zu handeln, sondern die Welt mitsamt ihren Gesätzmäßigkeiten, Bewohner*innen und Orten nach Belieben zu gestalten. Was wäre, wenn der Himmel grün wäre und das Gras blau? Was, wenn wir Menschen die Größe von Ameisen hätten? Fragen, die wir womöglich zuletzt als Kinder gestellt haben, können in luziden Träumen in Handlungen umgesetzt werden. Warum nicht mal den überdimensionierten Pinsel schwingen und die Welt bunt anmalen? Oder an einen ganz anderen Ort reisen?

Manche luziden Träumer*innen entschließen sich dafür, die Traumwelt als solche unangetastet zu lassen und einfach nur mit dem zu experimentieren, was das eigene Unbewusste ohnehin anbietet: Wie reagieren Traumfiguren darauf, wenn ich ihnen erkläre, dass sie sich gerade in meinem Traum befinden? Was antworten sie wohl, wenn ich sie frage, ob sie auch träumen? Wie fühlt es sich an, durch die Glasscheibe zu fassen, ohne, dass sie kaputt geht? Und funktioniert das Klavier eigentlich, das da drüben in der Ecke steht? Das Erforschen solcher Traumwelten und -Logiken kann inspirierende Erfahrungen und Erlebnisse bieten – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Bild: Modanung, ArtsonistDream (gemeinfrei)

Vorbereitung auf reale Erfahrungen

Dienen die Träume also ausschließlich dazu, uns kreative Erfahrungen zu ermöglichen oder uns mit inneren Anteilen zu konfrontieren? Vermutlich nicht; allerdings ist sich die Neurowissenschaft bis heute nicht sicher, welche Funktion(en) Träume tatsächlich erfüllen. So existieren Theorien, dass Träume dazu dienen, eine Überanpassung des Gehirns an die Realität zu verhindern und so die Funktionsfähigkeit zu gewährleisten – ähnlich einem neuronalen Netz, das immer wieder mit ungewöhnlichen Daten “gefüttert” werden muss. Andere Theorien gehen davon aus, dass wir in Träumen Erlebtes verarbeiten und uns auf potenzielle zukünftige Situationen vorbereiten. Sicher hat jede*r im Vorfeld eines wichtigen Ereignisses bereits von diesem geträumt und auf diese Weise mental mögliche Abläufe durchgespielt.

Um die luziden Träume nochmals aufzugreifen: Studien konnten darüber hinaus feststellen, dass das Üben von Bewegungsabläufen im Traum die Ausführung dieser Bewegungen in der Wachwelt verbessert. Die Kontrollgruppe, die die Traum-Übungen nicht absolviert hat, schnitt signifikant schlechter ab. 

Traumerinnerung

Seien es aufregende Abenteuer, kreatives Ausprobieren oder das Durchspielen von Situationen oder Bewegungsabläufen: Um die vielfältigen Möglichkeiten zu nutzen, die uns Träume bieten, müssen wir uns selbstverständlich an sie erinnern können. Glücklicherweise lässt sich die Traumerinnerung meist schon durch die Beschäftigung Träumen im Allgemeinen und den eigenen Träumen im Speziellen beschäftigen. Die Erfahrung zeigt, dass wir innerhalb der ersten Minuten nach dem Aufwachen das Geträumte sehr schnell vergessen. Wichtig ist daher, am besten direkt am Bett etwas zu haben, um Erinnerungen an die Träume festzuhalten. Viele Menschen nutzen dazu ein Notizbuch, einige auch die Diktiergerät-Funktion des Mobiltelefons oder das Textverarbeitungsprogramm auf dem Laptop. 

Auch wenn zu Beginn nur ein flüchtiges Bild, vielleicht auch nur ein einzelnes Wort, in Erinnerung geblieben ist, lohnt sich das Aufschreiben. Die Beschäftigung und der Versuch des Sich-Erinnerns signalisiert dem Gehirn, dass es sich um relevante Informationen handelt. Nach und nach wird die Traumerinnerung detaillierter werden. Hier gilt es nur, am Ball zu bleiben.

Spielwiese unserer selbst

Träume bereichern uns also auf vielfältige Weise: Sie können uns zu fabelhaften Kunstwerken inspirieren, aufregende Abenteuer erleben lassen, ein Experimentierfeld bieten oder uns in Kontakt mit verschütteten Persönlichkeitsanteilen und inneren Themen bringen. Für die Forschung sind sie noch immer ein rätselhaftes und schwierig zu studierendes Feld. Und auch wir als Träumende werden häufig überrascht von den wundersamen Dingen, die uns im Schlaf widerfahren. Es lohnt sich, diesen verborgenen Welten in uns ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken.


(Titelbild: Jorm S / Shutterstock.com)

Bald: „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ (Band 3 der Über/Strom-Buchreihe)

Dass unser digitales Zeitalter ganz schön anstrengend sein kann und Stress verursacht, ist keine Neuigkeit mehr, aber immer noch eine Herausforderung für den persönlichen Umgang mit digitalen Medien. Wie viel davon möchten wir uns selbst zumuten, wie hilfreich oder hinderlich sind Twitter, LinkedIn, Blogs & Co. für unser Wohlbefinden, und was tun wir, wenn wir wie gefangen von Stresserfahrungen sind? Dieses Problems nimmt sich die Neurobiologin und Über/Strom-Autorin Dr. Kathrin Marter in ihrem in Kürze erscheinenden Buch „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ an.

Cover von „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ von Kathrin Marter (erscheint 2021)

„Du bist, was Dich stresst!“ ist der 3. Band der Über/Strom-Buchreihe. Nachdem in Band 1 Uta Buttkewitz das Phänomen der kontaktlosen, aber trotzdem stressenden Nicht-Kommunikation in digitalen Medien untersucht hat, und ich in Band 2 eher eskapistische Auswege im Computerspiel suchte, widmet sich Kathrin nun der Frage, wie wir das Problem des Stresses der digitalen Zeit direkt am Schopfe packen.

Ein paar Wochen dauert es noch, bis alles gesetzt und gedruckt ist (und ich bin sehr freudig aufgeregt 😀 es ist so schön, wenn ein Projekt wächst und fertig wird), aber hier ist schon mal der Klappentext:

Viele Menschen nutzen täglich die Vorteile des digitalen Zeitalters: wenn sie mal eben ihr Zugticket mit dem Smartphone buchen, sich von ebendiesem zum vereinbarten Treffpunkt navigieren lassen und dann per Textnachricht erfahren, dass die werten Kolleg*innen ein paar Minuten zu spät kommen, der Tisch im Restaurant online schon reserviert wurde und das „Tisch-Ticket“ per QR-Code gleich mitsenden. Viele Menschen erfahren sich bei aller Erleichterung zunehmend reizüberflutet, überfordert und in der Folge gestresst.

Der Begriff und Zustand „Stress“ (heutzutage im Sprachjargon als diffus definierter Normalzustand verankert und schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen) ist allerdings tatsächlich ein Zustand, der vielfältigen Leidensdruck verursacht und krank macht.

Die Autorin unterstützt allgemeinverständlich, anschaulich sowie naturwissenschaftlich und psychologisch fundiert bei der Auseinandersetzung mit Stress, Stressoren und Prozessen der Langzeitgedächtnisbildung. Letztere sind nicht unwesentlich an unserem chronischen Stresslevel beteiligt. Langzeitgedächtnisse, die, häufig schon in der Kindheit geformt, starke negative Glaubenssätze beinhalten. Diese negativen Glaubenssätze erfahren durch die Herausforderungen der digitalen Welt permanente Verstärkung und begünstigen dadurch chronischen Stress – mit seinen für viele Menschen spürbaren Folgen.

Das Buch lädt ein, klärt auf und gibt fundierte, anschauliche und handlungsorientierte Ansätze zur Selbstreflexion und Entwicklung einer gesunden Handlungskompetenz gegenüber dem eigenen Stresslevel, folglich der eigenen Gesundheit und dem eigenen Glück.