Zurück zu den Wurzeln: Gemini als kleiner ‚Zwilling‘ des Internets

Nicht nur wir bei Über/Strom leiden mitunter am digitalen Overload, wie es Uta gestern formuliert hat. Im Fokus unserer Kritik stehen oft Online-Konferenzen oder Social-Media-Dienste, wo es also um Kommunikation zwischen Menschen geht. Aber auch das World Wide Web (WWW) fühlt sich mitunter überladen an, was nicht nur an der vielen Werbung liegt. Was als Möglichkeit zum akademischen Austausch begann und in den Neunzigern noch gern als Realisierung von Vannevar Bushs Memex-Konzept (1945) gesehen wurde, ist heute Alltag — ein nie endender Strom von Texten, Bildern, Musik, Videos, in dem man sich leicht verlieren kann: Über/Strom eben. Eine bis heute existierende Alternative zum WWW, Gopher, hat auch wegen technischer Unzulänglichkeiten an Bedeutung verloren. An der Stelle stieg 2019 das Gemini-Projekt ein.

Minimalismus

Das Gemini Protocol ist ein Daten-Übertragungsprotokoll ähnlich dem Hypertext Transfer Protocol (HTTP), das dem WWW zugrundeliegt. Adressen fangen bei Gemini nicht mit http:// oder https:// an, sondern werden mit gemini:// eingeleitet. Normale Webbrowser verstehen das noch nicht, aber es gibt eine Menge spezieller Gemini-Browser.

Screenshot von Lagrange, einem Gemini-Browser für Windows, Linux und macOS

Der Name des Protokolls bezieht sich auf die US-amerikanischen Gemini-Raumschiffe (1961-1966). Gemini-Websites werden daher auch Kapsel / capsule genannt. Wie beim WWW wird ein Browser benutzt, um Gemini-Seiten zu betrachten (vgl. Screenshot oben). Wer sich keinen extra Browser installieren will, kann Gemini-Adressen auch über einen Proxy aufrufen, zum Beispiel https://proxy.vulpes.one — darüber können Sie sich zum Beispiel die Projektbeschreibung von Über/Strom auf unserer brandneuen Gemini-Kapsel anschauen (eventuell werden dort künftig als Experiment ausgewählte Artikel unserer Zeitschrift gespiegelt. Die Gemini-URL ist dann: gemini://ueberstrom.flounder.online ).

Statt der im WWW üblichen Auszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language) oder gar komplexen Formatierungen mit CSS und für besondere Funktionen nötigen Skriptsprachen wie JavaScript besteht der Geminispace aus einfachen Textdateien, die lediglich mit wenigen Befehlen formatiert sein können. Das Format wird Gemtext genannt. Die Dateiendung ist .gmi statt .html.

Neben normalem Text erlaubt Gemtext Überschriften (maximal drei Ebenen), unnummerierte Listen (nicht verschachtelt), Blockzitate und vorformatierten Text — das war’s. Hyperlinks werden nicht innerhalb des Texts eingefügt, sondern separat als einzelne Zeile. Cookies, Formulare, eingebettetes Multimedia, also das ganze Zeug, das das WWW so vielfältig, aber auch so anstrengend macht, gibt es nicht.

Wie auf Zeitreise

Entsprechend liegt der mögliche Nutzen von Gemini vor allem im Präsentieren von Hypertexten im engeren Sinne. Ein guter Browser formatiert diese Texte so, dass sie angenehm lesbar sind. Gemini ist dahingehend quasi das Äquivalent zum distraktionsfreien Schreiben, wie es in diversen mittlerweile recht beliebten Markdown-Editoren wie Typora möglich ist.

Den mit derzeit ca. 209.000 einzelnen Seiten noch recht überschaubaren Geminispace zu erkunden, versetzt ein wenig zurück in die Anfangszeit des WWW — als das noch neu und aufregend war, als man nicht wusste, was sich wohl hinter dem nächsten Link verbirgt, und als noch keine großen Konzerne das Web dominierten. Daher gibt es auch noch etwas, das im WWW längst keine Bedeutung mehr hat: von Hand gepflegte Seitenverzeichnisse.

Klickt man sich da durch, findet man neben inoffiziellen Spiegelungen von Nachrichten-Websites vor allem eine Menge Seiten, auf denen Leute ihre Kochrezepte, Lieblingsbücher, Musikvorlieben, Linklisten und persönliche Tagebucheinträge teilen. Viele Kapseln sind sehr techniklastig, mitunter mischt sich darunter ein anti-kapitalistischer bis anarchistischer Vibe.

Sinnsuche

Das alles erinnert an die Frühzeit des Internet. Man fragt sich durchaus, welchen konkreten Zweck Gemini erfüllen soll und kann. Zwar lassen sich darüber Textdokumente ressourcensparend verteilen und lesen, und das kann aus klimatechnischer Sicht ein Argument sein. Aber den Ansprüchen unserer hyperkommunikativen Zeit, wo es oft nicht um den Text geht, sondern um die Reaktion darauf (Klick, Like, Share), wird das nicht gerecht. Und will es ja auch nicht. Auch ein „Darknet“ kann Gemini nicht werden, denn es ist ja öffentlich.

Wozu also?

Vielleicht einfach, „weil man es kann“. Weil Erschöpfung vom normalen WWW nicht bedeutet, ganz auf Vernetzung verzichten zu wollen. Und technischer Spieltrieb Ziele braucht. Inhaltlich erscheint der Geminispace aber vor allem als Versuch, sich diese seltsame Halböffentlichkeit zurückzuholen, die das WWW anfangs ausgezeichnet hat:

„Ich habe jetzt eine eigene Homepage!“

„Aha. Hast du schon Hausaufgaben gemacht?“

Schön unverfilmbar? Foundation (Apple TV)

Manchmal weiß man erst beim Anschauen einer Verfilmung, warum das zu Grunde liegende Buch als unverfilmbar gilt. In diesem Jahr gibt es gleich zwei Großproduktionen, über deren Textgrundlagen das behauptet wird. Beide gehören dem Science-Fiction-Genre an. Zum einen der Kinofilm Dune als Verfilmung von Frank Herberts Roman „Der Wüstenplanet“. Zum anderen die Streamingserie „Foundation“ bei Apple TV, als Verfilmung von Isaac Asimovs gleichnamiger Trilogie. Beide Bücher sind sehr umfangreich und ihre Handlungen spielen zehntausende von Jahren in der Zukunft, in der die Menschen die Galaxis besiedelt haben.

Zukunft-Geschichte

Während die Handlung von Dune jedoch in einem zeitlich und räumlich überschaubarem Rahmen innerhalb des Zukunftspanoramas bleibt und eher wegen der im Buch anklingenden theoretischen Konzepte (v.a. Religion und Philosophie) schwer umsetzbar ist, überspannt Foundation knapp 1.000 Jahre. Und die wurden von Asimov teils nur in kleinen Ausschnitten beleuchtet – es sind eher Kurzgeschichten, die zentrale Ereignisse dieser langen Zeitperiode wiedergeben und keine durchgehende Handlung, bei der es sowas wie dauerhafte Identifikationsfiguren gäbe. Asimov ging es nicht um Individuen, sondern um die Entwicklung ganzer Gesellschaften. Im Prinzip hat er Edward Gibbens „The History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ ins Weltall verlegt.

Das von einem Kaiser absolutistisch regierte Imperium umspannt die Galaxis, aber der Mathematiker Hari Seldon hat statistisch berechnet, dass dieses scheinbar unverwundbare Reich bald zerfallen wird. Seldons Mathematik heißt bei Asimov „Psychohistorik“, auch wenn die weder mit Psychologie noch Geschichte viel zu tun hat. Das dunkle Zeitalter wird jedenfalls 30.000 Jahre dauern, aber Seldon hat einen Plan, das auf 1.000 Jahre zu verkürzen. Kleiner ging es bei Asimov nicht, und seine anderen Romane, die am Ende alle mit Foundation verknüpft wurden, reichen noch viel weiter in die Zukunft, sodass Asimov tatsächlich eine Zukunftsgeschichte der Menschheit entwirft – angefangen vom noch fast zu unserer Zeit spielenden „Ich, der Robot“ bis hin zu „Die Rückkehr zur Erde“, das nochmal viele viele Jahre nach Foundation spielt.

Zu Seldons Plan gehört, dass eine Gruppe von Wissenschaftlern eine Kolonie auf dem abgelegenen Planeten Terminus gründet und dort an einer Enzyklopädie arbeitet. Diese Encyclopedia Galactica soll das Wissen der Menschheit bewahren. Das soll die angestrebte Verkürzung des Dunklen Zeitalters ermöglichen. Im Buch zeigt Asimov, wie die Kolonisten (man liest fast nur von Männern) sich am Seldon-Plan entlanghangeln, mit geplanten Krisen fertig werden, und dass am Ende auch scheinbare Störungen zum Plan dazugehören.

Asimov hat seine Handlung vor allem in oft recht technokratischen Dialogen zwischen Politikern vorangetrieben, die Charaktere sind für sich genommen ohne Tiefe, Beziehungen spielen kaum eine Rolle. Die an Seitenzahl umfangreiche Trilogie liest sich schnell weg und ist recht spannend, auch wenn es typische Science-Fiction der 1950er ist. Frauen spielen keine Rolle, Atomkraft ist auch in der Zukunft noch die beste aller Energiequellen und überhaupt ist die Idee, man könne eine ganze Gesellschaft quasi kybernetisch regeln, ein Kind dieser Zeit.

Die Serie

Die Serie bei Apple TV hat nun das Problem, aus einem eher theoretischen Stoff eine fernsehtaugliche Erzählung machen zu müssen, die in unsere Zeit passt. Nach bisher drei ausgestrahlten Folgen (immer freitags) kann man das natürlich noch nicht als Ganzes beurteilen, aber zumindest erste Eckpfeiler der Umsetzung werden deutlich – und erste Probleme.

Ausdrücklich nicht problematisch finde ich, dass wichtige Charaktere wie Gaal Dornick und Salvor Hardin in der Serie anders als im Buch als nicht-weiße Frauen dargestellt werden, auch wenn das manche konservative Leute in Science-Fiction-Foren oder -Kommentarspalten schon wieder zu triggern scheint.

Auch die Idee, dass die Kaiserdynastie aus drei Klonen besteht (ein Kind, ein mittelalter Mann und ein alter bis sehr alter Mann) finde ich interessant, zumal ich die Interaktionen der drei Kaiser untereinander gelungen finde und Lee Pace‘ arrogante Darstellung des mittleren Kaisers („Bruder Tag“) herrlich übertrieben ist. Hier könnte künftig vielleicht fast etwas Game of Thrones-Stimmung aufkommen.

Und ich habe auch nichts gegen Liebesbeziehungen der Charaktere untereinander, immerhin gehört sowas zum Menschsein dazu.

All diese veränderten oder dazu erfundenen Elemente der Handlung machen jedoch deutlich, wie wenig ‚Fleisch‘ eigentlich in Asimovs ursprünglicher Geschichte steckt und zeigen, wie unzeitgemäß sein Buch heute ist. Daher muss man sich wohl davon lösen, die Serie mit dem Buch zu vergleichen und schauen, ob sie auf eigenen Füßen stehen kann.

Schön unverfilmbar

Und da wird es doch wackelig.

Foundation bietet tolle Landschafts- und Weltraumaufnahmen und ein aufwendiges World Building. Das sieht alles sehr teuer aus. Die Schauspieler*innen wie Lou Llobell, Leah Harvey, Jared Harris oder Lee Pace wirken überzeugend.

Der Soundtrack von Bear McCreary (u.a. Battlestar Galactica, Caprica, Outlander) klingt zwar so, wie ein Soundtrack von Bear McCreary immer klingt, ist aber trotzdem ‚schön‘ (Anspieltipp: Gaal leaves Synnax – in dem Song steckt alles, was McCreary schon immer ausgemacht hat, nämlich Melancholie und Wehmut gepaart mit Aufbruchstimmung und Pathos).

Aber sobald sich die Handlung von den Impulsen der Buchvorlage entfernt – zieht es sich. Nach viel Exposition in Folge 1 und der ersten dramatischen Wendung in Folge 2 (die, man muss es sagen, auch wenn das blöd klingt, im Buch nicht vorkommt) passiert in Folge 3 – gar nichts.

Dieses Nichts ist sehr atmosphärisch, wieder schön anzuschauen, vermittelt auch interessante Hintergrundinformationen zur Welt, aber es verschleppt doch die Handlung.

Mich persönlich stört das nicht. Ich mag die Serie. Aber es kann Zuschauer*innen auch abschrecken und ich sehe durchaus die Gefahr, dass die auf 80 Folgen angelegte Serie mangels Erfolg bald wieder eingestellt wird.

Dann wäre quasi experimentell erwiesen, dass Asimovs Buch wirklich unverfilmbar ist.

Lesetipp: Retro-Programmieren auf dem KC85 (Videospielgeschichten.de)

Hier wieder ein Lesetipp in eigener Sache (ohne Paywall): für Videospielgeschichten.de habe ich einen kleinen Bericht über eine Retro-Programmierwoche geschrieben, die ich letzte Weihnachten eingelegt hatte. Da hab‘ ich für einen emulieren DDR-Computer (KC85, quasi das Ost-Gegenstück zum C64) ein Computerspiel programmiert (ein roguelike, ähnlich wie mein ‚richtiges‘ Spiel LambdaRogue: The Book of Stars). Anfang bis Mitte der 1990er hatte ich einen echten KC85/3, und es war recht spaßig, nochmal in diese Zeit zurückzugeben. Den Artikel habe ich übrigens ebenfalls mit einem KC-Textprogramm verfasst. Hier geht’s zum Artikel: https://www.videospielgeschichten.de/retro-programmieren-auf-dem-kc85/

Gedanken zu Dune (2021)

Frank Herberts 1965 erschienenes Buch „Dune“ (dt. „Der Wüstenplanet“) fasziniert mich seit meiner Kindheit. Das erste Mal lieh ich es mir aus der Kleinstadtbibliothek mit etwa 10 oder 11 Jahren aus, 1991/92, und dann immer wieder. Allerdings las ich damals vor allem die fiktionalen historischen Darstellungen in den Anhängen. Eine menschliche Gesellschaft aus Feudalstaaten, zehntausende Jahre in der Zukunft, ohne Computer (die verbannt waren), aber mit Raumfahrt und mysteriösen Religionen, die in ihren Begriffen noch seltsam vertraut klangen… All das sprach mich an.

Faszination

Ganz konkret in den Bann zogen mich die schlichten Schwarz-Weiß-Zeichnungen von John Schoenherr, besonders die steinerne Kugel, von zwei Händen umfasst, die die Widmung am Anfang des Buches illustrierte. Auch die Sprache, die in der Übersetzung Ronald M. Hahns (1978) seltsam altmodisch und damit auch gewichtig wirkte, ließ mich nicht los. Dass die übersetzte Widmung so ziemlich das Gegenteil von dem ausdrückte, was Herbert eigentlich geschrieben hatte (und was erst 2016 in der Neuübersetzung von Jakob Schmidt behoben wurde), und dass überhaupt die Übersetzung an manchen Stellen eine recht poetische, aber auch freie Nachdichtung war, konnte ich damals nicht wissen.

Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich das Buch wirklich zu lesen begann. 1995 kaufte ich mir auf einem Schulausflug eine illustrierte Ausgabe, die neben Schoenherrs Zeichnungen auch Fotos aus dem Kinofilm von 1984 enthielt. Ein bisschen verknallt war ich damals in die Portraitaufnahmen von Lady Jessica (Francesca Annis). Lady Jessica war die Konkubine von Herzog Leto Atreides (Jürgen Prochnow) und Mutter der Hauptfigur des Romans, Paul Atreides (Kyle MacLachlan). Die Verfilmung von David Lynch wurde nicht besonders gut aufgenommen (übrigens auch nicht von Lynch selbst, zumindest nicht in der Fassung, die am Ende in die Kinos kam), aber wie schon das Buch sog mich der Film durch seine Fremdartigkeit ein. Der Film hat bis heute seine Fans.

Viele Jahre sind seitdem vergangen und September 2021 kommt eine Neuverfilmung in die Kinos. Regisseur ist diesmal Denis Villeneuve (u.a. „Bladerunner 2049“).

Die Story dürfte dieselbe sein: Auf dem Planeten Arrakis, der eine einzige Wüste ist, wird das seltene Spice (Gewürz) angebaut, das den Blick in die Zukunft erlaubt. Das Spice wird von der Raumfahrergilde benötigt, um durch das All zu navigieren – Voraussetzung dafür, dass das Imperium der Menschen Bestand haben kann. Das Haus Atreides wird als Verwalter des Planeten bestellt, was dem konkurrierenden Haus Harkonnen misfällt.

Der junge Paul Atreides wird in diesen Streit hineingezogen, kann aber in die Wüste fliehen und trifft dort auf die Bewohner von Arrakis, die Fremen, die Frank Herbert als eine entfernt islamisch und arabisch geprägte Kultur gestaltet hat. Für die Fremen erweist sich Paul oder Muad’Dib, wie sie ihn nennen, als Messias, als Kwisatz Haderach („Abkürzer des Weges“, das ersehnte Ergebnis einer Generationen andauernden Züchtung). Paul wird zum Anführer der Fremen und führt sie als Armee in einen heiligen Krieg (Jihad) gegen das Imperium, um dessen Herrschaft über Arrakis zu beenden.

Zweifel

Aus heutiger Sicht klingt diese Story nach Imperialismus (weiße Leute beuten eine für sie fremde Welt und deren Menschen aus) und nach dem „white savior“-Motiv (die ausgebeuteten Menschen werden erst durch einen weißen Retter befreit). Oft fällt der Vergleich mit Thomas Edward Lawrence und dem ihm gewidmeten Film „Lawrence von Arabien„. Es wird auch darauf hingewiesen, dass Dune unter amerikanischen Rechten ein beliebter Roman sei, und es wird kritisiert, dass an der Neuverfilmung eines Stoffes, der Anleihen an Kulturen aus dem arabischen Raum nimmt, keine entsprechenden Schauspieler*innen beteiligt sind.

Für den auch gern medienkritisch auftretenden Historiker Paul B. Sturtevant mündet das in der Grundsatzfrage, ob ein Film wie Dune heute wirklich angebracht ist. Er bezweifelt das: „Maybe Dune, a Story about a White Superman Created by a Eugenics Program, is Not the Film We Need Right Now“ („Vielleicht ist Dune, eine Geschichte über einen weißen Supermann, der durch ein Eugenik-Programm geschaffen wurde, nicht der Film, den wir gerade brauchen“).

Am Ende der Handlung des Buches gibt es einen Moment, an dem Paul Atreides an seinen Taten zweifelt, denn in einer Spice-induzierten Vision erkennt er, dass sein als Muad’Dib geführter heiliger Krieg immenses Leid über das bekannte Universum bringen wird. Auch Frank Herberts eigene Aussagen, nach denen er typisches Heldentum ablehnt und kritisiert, werden von manchen als Beleg dafür herangezogen, dass sich Dune in Wahrheit gegen Imperialismus stellt und es sich daher nicht um das „white savior“-Motiv handeln könne.

Doch Paul B. Sturtevant lehnt diese Argumentation ab. Denn in der Romanhandlung dienen die Fremen nur zu zwei Dingen: Sie werden entweder kolonisiert (erst durch das Haus Harkonnen und dann das Haus Atreides, beide zanken sich um Arrakis im Namen des Imperiums), oder sie werden befreit (durch Paul Atreides). Sie erscheinen passiv, haben keine eigenen Ziele, keine eigene „agency“ oder Handlungsfreiheit. Erst Paul Atreides gibt sie ihnen scheinbar. Das ist für Sturtevant der Kern des „white savior“-Motivs: „A lack of agency on the part of the people of color is the core of the ‚white savior.'“ Dass davon am Ende bei Leser*innen und Zuschauer*innen der Eindruck hängen bleiben kann, dass ‚arabisch‘ gelesene Menschen gegen ‚den Westen‘ in den heiligen Krieg ziehen, würde ohnehin bestehende Vorurteile verfestigen.

Was tun?

Unabhängig von diesen, bisher vor allem im englischsprachigen Raum geführten, Debatten wird der Film vermutlich ein großes Publikum anziehen. Der bekannte Regisseur, die zu erwartende gute handwerkliche Qualität und Hans Zimmers Überwältigungs-Soundtrack, der diesmal Anleihen an ‚orientalisch‘ gelesenen Klängen nimmt, werden daraus einen lang ersehnten Blockbuster machen.

Doch wie bei vielen erfolgreichen Unterhaltungsmedien stellt sich die Frage, wie man mit der eigenen Hybris und Verantwortung umgeht. Ob man sich etwa trotz zweifelhafter Aspekte für den Moment von ihnen mitreißen lässt (Sturtevant spricht kritisch von einer „willing suspension of disapproval“); oder ob man den Film zwar anschaut, aber mit bewusst aufrecht erhaltener kritischer Distanz; oder ob man ihn sogar boykottiert, wie das vereinzelt gefordert wird.

Weltraum (oder so).

Grenzen sind ja immer so eine Definitionssache. Das sieht man gut an Staaten, die der Ansicht sind, diese oder jene Region, Insel oder Halbinsel würde doch eigentlich zu ihnen gehören, während der Rest der Welt das mitunter ganz anders sieht (aktuelles Beispiel: China und das US-Kriegsschiff, ein Szenario, das frappierend an den Beginn des kürzlich erschienenen Romans „2034“ von Elliot Ackerman und James G. Stavridis erinnert, ein Buch übrigens, das eher nüchternes Sandkastenspiel denn spannende Erzählung ist). Jedenfalls beginnt der Weltraum, die gern beschworene „letzte Grenze“, nach internationaler Ansicht in etwa 100 km Höhe, bei der sogenannten Kármán-Linie. Ungefähr ab dieser Höhe reicht die Dichte der Erdatmosphäre nicht mehr aus, um auf konventionelle Weise (= mit Tragflächen, die Auftrieb brauchen) zu fliegen.

Darum muss Richard Branson, der u.a. das Musiklabel Virgin, diverse Fluggesellschaften und die Weltraumtourismus-Firma Virgin Galactic gegründet hat, mit dem Spott seines Konkurrenten Jeff Bezos (Blue Origin und, vor allem, Amazon) leben. Branson kam nämlich gestern als Passagier seines eigenen Raketenflugzeugs VSS Unity (SpaceShipTwo) nur auf 83 km — was allerdings immer noch ca. 8 Mal mehr ist, als Sie bei Ihrem nächsten Urlaubsflug erreichen, und zumindest optisch schon sehr nach Weltraum aussieht. Schwerelos ist man auch, zumindest knapp vier Minuten lang, bevor es schon wieder nach unten geht.

Der kurze Ausflug reichte trotzdem dafür, dass Branson und seinen Kolleg*innen das Astronautenabzeichen der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA verliehen wurde (übrigens angesteckt vom kanadischen Astronauten Chris Hadfield, der vor ein paar Jahren durch sein in der Internationalen Raumstation aufgenommenes Gitarrencover des Bowie-Songs „Space Oddity“ bekannt wurde). Denn die USA hat mal irgendwann definiert, dass das Weltall schon bei 80 km beginnt. Jeff Bezos, der eigentlich vor Branson der erste sein wollte, wies schon mal darauf hin, dass seine Astronauten keine Fußnote an ihren Titel anhängen müssen — denn Blue Origins Rakete New Shepherd kann die Kármán-Linie überqueren. Bezos will das am 20. Juli zeigen, und unter anderem wird er die 82jährige Wally Funk mitnehmen. Wally Funk ist Pilotin und bestand in den 1950er Jahren dieselben medizinischen Tests wie die ersten männlichen US-amerikanischen Astronauten, durfte selbst aber nie ins All fliegen. Mehr als 50 Jahre später kann sich das nun ändern.

Der dritte im Bunde verhielt sich bei dem derzeitigen … (schreibe ich das jetzt? Ach, was soll’s …) … galaktischen Schwanzvergleich sehr ruhig. Kurz vor Bransons Start twitterte Branson noch ein Foto, auf dem er zusammen mit Elon Musk zu sehen war — gute Freunde, kurz vor der Fahrradtour am Wochenende. Musk, der neben der Elektroauto-Firma Tesla und dem Gehirnchip-vs.-KI-Unternehmen Neuralink auch der Firma SpaceX vorsteht, kann sich allerdings auch entspannt zurücklehnen. SpaceX führt inzwischen regelmäßig Auftragsflüge für die US-Raumfahrtbehörde NASA durch, seit letztem Jahr auch mit menschlichen Crews. Alles sehr durchgestylt und PR-optimiert, aber bisher immerhin zuverlässig. Auch Bezos hat das eines Tages vor; Blue Origins Schwerlast-Rakete New Glenn soll 2022 das erste Mal starten.

Neben Elon & Jeff on Mars (wie der Satiriker Marc-Uwe Kling die beiden in seinen Känguruh-Comics bei ZEIT online nennt) erscheint Bransons Ansatz als der — gemessen am Nutzen für die Menschheit und Erde — nicht nur umweltschädlichste (ein Flug verursacht 60% der Emissionen eines Transatlantikflugs, und während im Death Valley gerade erst 56,7 °C gemessen wurden, fliegen reiche Leute klimaschädlich durch die Gegend), sondern auch als der sinnloseste. Oberflächlich betrachtet geht es bei Virgin Galactic allein um den kurzen Kick für vergnügungssüchtige Superreiche, die noch auf leicht bekleidete Galionsfiguren an Flugzeugrümpfen stehen (die bei Virgin Atlantic aber mittlerweile immerhin divers gestaltet sind, statt wie vorher nur Frauen zu zeigen).

Trotzdem zieht Branson in seiner Inszenierung alle PR-Register echter Raumfahrt — extra designte blaue Overalls, die so richtig nach Astronaut*in aussehen; die Autokolonne zum Startflugzeug (mehrere Range-Rover-SUVs mit Plugin-Hybrid-Technik, was gut klingt, aber nach Ansicht von Kritiker*innen eher in die Kategorie Greenwashing gehört); die Bezeichnung „Mission Specialist“ für die Besatzung, deren einzige „Mission“ aber Mission ist, also Marketing und zu schauen, wie sich das ganze Erlebnis eigentlich aus Passagiersicht anführt; und natürlich der Live-Stream, der in bester SpaceX-Tradition Innen- und Außenansichten des Fluges anbot.

Und ja, ich nehme das den Leuten an Bord schon ab, dass sie da viel Spaß hatten und fasziniert waren von dem Flug, von der Schwerelosigkeit, vom Anblick der Erde aus so großer Höhe. Ich kann die kindliche Faszination des 70jährigen Branson völlig nachvollziehen, und hätte ich genug Geld und wäre die Technik jahrelang erprobt, wer weiß, ob ich nicht selbst auch mitfliegen würde. Der kleine Kapitalist in mir findet es auch sinnvoll, dass die Raumfahrt privatwirtschaftlich vorangetrieben wird — verschiedene Unternehmen, verschiedene Ansätze, irgendwas davon wird sich vielleicht durchsetzen und irgendwann vielleicht einen erschwinglichen Weg ins Weltall bahnen. Schon als Jugendlicher, so mit 16, 17, wollte ich ins All. Damals stellte ich mir vor, man würde mir einen Flug zum Mars ohne Wiederkehr anbieten — würde ich „ja“ sagen? Und natürlich hätte ich „ja“ gesagt, in meinem jugendlichen Übermut, der von Science-Fiction-Serien wie Star Trek und Babylon 5 geprägt war, aber weder Freundin, Job noch sonstige Verpflichtungen kannte.

Leider steht es nicht gut um die Welt, und wir sind nicht wirklich in einer Lage, in der man unbeschwert darüber nachdenken sollte, wie man die Welt verlassen kann statt sie zu retten. Bransons Ansatz ist der Kurzstreckenflug der Raumfahrt — der schnelle Hüpfer, für den es keine Notwendigkeit gibt und der eigentlich zu unterlassen wäre. Bezos‘ und Musks Ansätze tun wenigstens so, als wären sie nützlich (Internationale Raumstation; Frachttransporte), auch wenn dieser Nutzen zu hinterfragen wäre. Wie viel davon dient der Forschung, und wenn ja, welcher Art von Forschung? Geht es dabei nicht auch am Ende nur um Wirtschaftswachstum?

Bei all dem Gejammer gerade ist mir meine eigene Hybris sehr bewusst — nicht nur, dass ich das Fliegen quasi promote, indem ich Artikel für Flugsimulations-Zeitschriften schreibe, sondern auch, dass ich selbst Flugzeug fliegen lerne, was ich mir damit schön rede, dass Ultraleicht nur wenig Treibstoff verbraucht, ich kein Auto fahre und bisher nur selten als Passagier in den Urlaub geflogen bin. Aber im Prinzip tue ich im Kleinen nichts anderes als die Milliardäre, auf die ich so zynisch herabblicke. Oder wie die Leute, die mit Hingabe an ihren Autos oder Motorrädern schrauben. Die Faszination für Technik und dafür, mit Hilfe von Technik über sich hinauszuwachsen.

Gott, in meinem GameStar-Artikel neulich über eine Simulation des sehr alten Flugzeugs Douglas DC-6 (Paywall) aus den 1950ern habe ich sogar einen Satz geschrieben, der mir irgendwie peinlich ist, gerade weil ich ihn ernst meinte: „Seht ihr, wie schön die Zeiger der ganzen Rundinstrumente zittern, während die Motoren an Leistung gewinnen?“ Das ist nicht mehr weit weg von Leuten wie dem Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt, der neulich in einem taz-Interview davon schwärmte, wie geil er Ferrari-Motoren findet. Und Bransons Trägerflugzeug WhiteKnightTwo mit dem SpaceShipTwo in der Mitte finde ich auch mal sehr schön. Solange umweltschädliche Technik auf diese Weise wirkt (weil sie so inszeniert und ihre Wirkung so tradiert wird), wird das nichts mit der Klimawende. Verdammt.


Hinweis: In der ersten Version des Artikels habe ich den „Spaceport America“ fälschlicherweise in die Mojave-Wüste verlegt. Das war falsch; dort liegt lediglich der „Mojave Air & Space Port“, auf dem u.a. Virgin Galactics erstes Raketenflugzeug, SpaceShipOne, getestet wurde.

(Titelbild: Virgin Galactic)

Windows 11 und das Problem fehlender Technik-Transparenz

Microsofts kommendes Windows-Update „Windows 11“ war in technikaffinen Medien zuletzt häufig Thema. Unter anderem, weil Microsoft eher undeutlich kommuniziert, auf welchen Computern das Betriebssystem überhaupt funktioniert und so implizit nahelegt, sicherheitshalber Geld für neue Hardware auszugeben. Aber Windows 11 steht auch stellvertretend für einen jahrelangen Trend zu immer mehr Abgeschlossenheit von Computern. Bei GameStar Plus (leider Paywall) hat Georg Löschner einen sehr guten, etwas sarkastischen Kommentar geschrieben, der auf den Punkt bringt, was das Problem bei den Produkten großer Computerkonzerne heute ist: Konzerne wie Microsoft und Apple stellen nur noch hübsche, glattgebügelte Oberflächen bereit, die kaum noch echte Eingriffe seitens der Nutzer*innen zulassen.

Die zunehmende Abgeschlossenheit von Computern bei ihrer gleichzeitig immer größeren Verbreitung in verschiedenen Formen ist ein Problem, das auch bei Über/Strom immer wieder Thema ist, und mit dem ich mich seit Jahren befasse. In meinem Buch „Nutzerverhalten verstehen – Softwareenutzen optimieren“ schreibe ich:

„Transparent gegenüber Nutzer∗innen ist Software, wenn Nutzer∗innen jederzeit die Möglichkeit haben, sich über Hintergründe und Aktivitäten der Software in der aktuellen Situation sowie über das Zustandekommen der Berechnungs- oder Verarbeitungsergebnisse zu informieren. Die undurchsichtige Blackbox Software soll also ein Stück weit transparent gemacht werden.“ (S. 18).

Diese Art von Transparenz halte ich für wichtig, wenn wir als Nutzer*innen nicht nur Konsument*innen sein wollen, sondern weiter selbstbestimmt handeln. Und ja, das ist mit Arbeit verbunden, sowohl für Entwickler*innen als auch für Nutzer*innen:

Nutzer∗innen haben gewissermaßen eine Holschuld, indem sie bereit sein müssen, grundlegende Funktionsprinzipien von Software verstehen zu lernen. Anstatt mal indifferent, mitunter staunend, oft fluchend vor den Ausgaben eines Programms zu sitzen, sollten sie eine Vorstellung davon entwickeln wollen, was das Programm gerade für sie tut. Auf der anderen Seite haben Entwickler∗innen eine Bringschuld, indem sie Software so gestalten, dass Nutzer∗innen sie verstehen können(Hervorh. M.D., S. 19).

Ist Techniktransparenz elitär?

Aber das sehen nicht alle so. Der Nutzer „Zwart“ kommentierte unter Löschners Artikel:Elitärer Bullshit. Dass der Betrieb von PC immer einfacher wird und immer mehr Menschen dazu befähigt, das Potential zu nutzen, ist eine gute Entwicklung.“ (Hervorh. M.D.; Tippfehler habe ich im Zitat korrigiert). Auf den ersten Blick könnte man Löschners Artikel tatsächlich so sehen. Schreibt da nicht nur jemand, den es nervt, dass sein eigenes Expertentum heute nicht mehr gebraucht wird, weil heute eben jede*r einen Computer benutzen kann?

Aber der Kommentar übersieht den Kerngedanken des Artikels: Die Leute sollen heute gar nicht mehr tun wollen, was abseits schicker Oberflächen eigentlich möglich wäre. Je abgeschlossener und „glatter“ Technik wird und je weniger echte Einblick- und Eingriffsmöglichkeiten sie bietet, desto weniger wissen Menschen, welches Potenzial da eigentlich vorhanden wäre. Genau dadurch entsteht dann erst das Elitäre. Sie kommen auch gar nicht auf die Idee.

Meine Frau, die Lehrerin an einer berufsbildenden Schule ist, hat mir neulich erzählt, dass ein u.a. Technik unterrichtender Kollege festgestellt hat, dass Schüler*innen heute gar nicht mehr auf die Idee kommen, technische Geräte einfach mal auseinander zu nehmen und nachzugucken, wie die innen drin aufgebaut sind. Klar – wieso sollten sie auch? Technik lädt ja nicht mehr dazu ein. Smartphones und Tablets sind meistens verklebt, keine Schrauben oder große Lüftungsschlitze trüben das Bild. Nichtmal Akkus lassen sich wechseln.

Techno-Schamanismus?

Also ist die Technik halt da, und sie ist, wie sie ist. Georg Löschner schreibt in seinem Artikel:

„Wir beten den Rechner an, weil er läuft, ohne dass wir darüber nachdenken müssen, warum. Und wie bei jeder göttlichen Anhimmelung inklusive Selbstaufgabe stehen wir dumm da, wenn dann mal irgendwas nicht funktioniert. Denn heutzutage wird das Suchen nach dem Fehler hinter schicken ‚Ich helfe Dir! (kurz nach Hause telemetrieren, brb)‘-Mitteillungen versteckt, aber mangels Wissen, was da wo rödelt … denkt euch euern Teil.“

Die religiöse Metapher ist nicht neu, aber immer noch treffend. Schon Anfang der 1990er gab es dahingehend in einem Usenet-Posting eine dystopische „Vision“: Irgendwann wäre Software so verbreitet und verschlossen, dass wir sie nur noch wie eine Naturgewalt wahrnehmen. Nur sogenannte Techno-Schaman*innen wären in der Lage, sie im Auftrag ihres Stammes zu beherrschen. Sie wissen zwar nicht mehr, warum bestimmte Handlungen funktionieren (das hat die Gesellschaft insgesamt längst vergessen), aber zumindest, dass sie funktionieren, was für den Alltag der neuen Stammesgesellschaft ausreicht.

Unterscheiden lernen

Auch der Soziologe Niklas Luhmann sprach von Technik als Umwelt und als „zweiter Natur“, aber ganz so düster wie in o.g. Vision hat Luhmann das meines Wissens nicht ausgemalt. Technik war für Luhmann Umwelt von Gesellschaft, aber für seine eigenen Analysen noch nicht im Zentrum. Luhmann-Schüler Dirk Baecker hat das Thema seit den 2000ern dankbar aufgegriffen und theoretisch erarbeitet, wie sich Kommunikation in der „Computergesellschaft“ verändert.

In meiner Dissertation (ein kostenloses Druckexemplar schicke ich auf Anfrage gerne zu … ehrlich, die müssen weg) habe ich vor ein paar Jahren Baeckers „Formen der Kommunikation“ (2004) angewendet, um Nutzer*innen bei der Computernutzung zu beobachten und ihr Handeln besser zu verstehen. Ich habe also aufgezeichnet, was sie tun und das dann interpretiert. Systemtheoretisch ausgedrückt: Ich habe das Treffen von Unterscheidungen von Nutzer*innen-Systemen beobachtet, d.h. wie sie mit Selektionen bestimmte Elemente der Nutzungssituation vor dem Hintergrund der Situation unterschieden und damit andere Möglichkeiten ausschließen.

(Das klingt komplizierter, als es ist, darum hab ich ja auch später das oben erwähnte andere Buch geschrieben 😉 ).

Im Fazit der Arbeit schrieb ich jedenfalls:

„es [ist] nicht ausreichend, den Umgang mit Strukturen der Software zu ‚erlernen‘ oder möglichst effiziente Modelle von Nutzerhandeln zu entwickeln. Erfolgreiche Nutzung benötigt die immer wieder neue Erschließung der Software im jeweiligen Einsatzkontext. Immer wieder muss während der Nutzung erkannt werden, vor welchen Hintergründen die Nutzung weitergehen kann – grundsätzlich, und im Falle von Problemen ganz besonders. Das verlangt, sich (a) zu orientieren über die Möglichkeiten; (b) die Möglichkeiten auf ihre Eignung zum je aktuellen Zeitpunkt zu prüfen; und (c) sich zu entscheiden für eine Möglichkeit, was neue zu prüfende Möglichkeiten mit sich bringt. […] [Dazu] ist [es] nötig, das hinter der Oberfläche verborgene Funktionsprinzip der Software zu durchschauen. […] Nur wenn hinterfragt wird, was geschieht, wenn eine bestimmte sichtbare Option ausgewählt wird, kann geprüft werden, ob die Option eine geeignete Selektion wäre. (Hervorh. M.D., S. 325f.)

Früher war alles besser?

Der Trend geht freilich in genau die entgegengesetzte Richtung. Technik wird immer glatter und ihre Funktionsweise wird immer mehr versteckt. In den großen Consumer-Systemen Windows und macOS wird man kaum mehr motiviert, hinter die Oberfläche zu blicken, und weil sich Nutzer*innen daran gewöhnen, wird das auch gar nicht mehr hinterfragt oder nachgefragt. Selbstironisch stellt sich Georg Löschner im Autorenkasten seines Artikels als aus der Zeit gefallen dar. Er

„ist ein grummeliger alter Sack. Influencer und das laute Geschrei von Social Media nerven ihn, und dass die jetzt (wahrscheinlich) auch noch das neue Windows zuspammen dürfen, beschert ihm mehr Puls als ein achtfacher Espresso auf nüchternen Magen. Er kommt nämlich noch aus einer Zeit, als Rechner sich so zurechtpfriemeln ließen, wie man das gerne hätte.“

War also früher alles besser? Nein, natürlich nicht. Früher war es eine Grundvoraussetzung, zu wissen, wie ein Computer im Innern funktioniert, um ihn zu benutzen. Das war gesellschaftlich nicht gut, weil es viele Leute ausschloss.

Aber heute haben wir das andere Extrem – durch die einfachen, funktional einschränkenden Oberflächen sind Computer zwar so verbreitet wie noch nie. Aber sie sind jetzt so „einfach“, dass man gar nicht mehr auf die Idee kommt, hinter die Oberfläche zu blicken und oft nicht hinterfragt, ob das, was einem da vorgesetzt wird, wirklich wünschenswert ist.

Auch heute sind Expert*innen die einzigen, die das können; das ist nicht anders als früher. Und nach wie vor sorgt das nicht nur für Stress und Frustration, sondern – und das ist eben das Neue – für große Unklarheit darüber, was ein Computer eigentlich gerade mit unseren Daten tut. Die Hürde, das zu kontrollieren, ist hoch, und die einzige echte Wahl besteht heute nur noch darin, abzuschalten, sich mit alternatien Systemen wie Linux anzufreunden (was aber, wenn es kontrolliert sein soll, Wissen voraussetzt, das man aus genannten Gründen heute nicht mehr voraussetzen kann, also wiederum in Abhängigkeit von Expert*innen drängt) oder einfach mitzumachen in der schönen glatten durchdesignten Welt.


(Titelbild: sdx15 / shutterstock.com)

#WoIstHanna

Nur kurz: Das BMBF hat das Erklärvideo zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz, das unter dem Hashtag #IchBinHanna für viel Kritik sorgte, jetzt aus dem Internet entfernt. Weil das anfangs kommentarlos geschah, schloss sich auf Twitter der Hashtag #WoIstHanna an – eine Frage, zu der es eine Menge herrlich sarkastischer und leider gar nicht unrealistischer Antworten gibt.

Das BMBF geruhte, zu antworten. Und zeigt, dass es nichts verstanden hat. #IchBinHanna

Eigentlich wollte ich jetzt erstmal nichts mehr zu #IchBinHanna schreiben, denn das haben andere, noch viel direkter Betroffene als ich schon getan (siehe etwa Kathrins Bericht sowie die vielen vielen Twitter-User*innen). Aber nun hat das BMBF geantwortet – am Sonntag, dem Tag der Ruhe, an dem aber dennoch viele viele Wissenschaftler*innen an Papern, Anträgen und Qualifikationsarbeiten sitzen.

Ganz empathisch, ich möchte sagen: huldvoll gar, ist bereits das Foto, mit dem die Mitteilung beginnt. Nur ein leeres Rednerpult mit Bundesadler ist dort zu sehen. Die Perspektive ist geschickt so gewählt, dass wir als Betrachter*in ehrfurchtsvoll heraufblicken müssen – klein sind wir, und das Ministerium ist groß. Ich bin dankbar dafür, dass das BMBF die Rollen und Hierarchien hier gleich zu Beginn deutlich macht, noch bevor der Text beginnt. Klug auch, dass kein Mensch, keine konkrete Person, je in dem Text als Kommunikationspartner*in auf Augenhöhe erscheint, denn, so gibt das BMBF zu verstehen, es ist ja gar nicht zuständig! Die Entscheidung zur Befristung obliege den Ländern und den Hochschulen:

Keine Befristungspflicht

„Im Übrigen geht es in dem Gesetz ausdrücklich um die Möglichkeit einer Befristung, aber nicht um eine Befristungspflicht. Aus der bloßen Existenz dieses Befristungsrechts im WissZeitVG lässt sich nicht der Schluss ziehen, dass Dauerstellen nicht gewollt sind. Im Gegenteil.

Zentral ist, dass das Gesetz mit einer guten Befristungspraxis gelebt werden muss. Die Hochschulen und Forschungseinrichtungen als Arbeitgeberinnen müssen mit den ihnen gewährten Freiräumen verantwortungsvoll umgehen.“ (BMBF)

„Augen auf bei der Berufswahl“, tönte es auf Twitter mehrfach von Menschen, die #IchBinHanna als lächerliches Gejammer einer arbeitsfaulen, primär geisteswissenschaftlichen Akademiker*innen-Schicht missverstehen.

Aber es geht bei #IchBinHanna gar nicht um die Illusion, dass jetzt alle Professor*in und Beamte*r auf Lebenszeit werden sollen. Es geht auch nicht darum, dass es gar keine befristeten Stellen mehr geben soll.

Im Kern geht es bei #IchBinHanna darum, dass das BMBF in dem Video und jetzt in der herablassenden Mitteilung erkennen lässt, dass es die Arbeit der Hochschul-Mitarbeiter*innen nicht wertschätzt.

Und es ist traurig, dass das BMBF genau das nicht verstanden hat.

Letztlich muss man angehenden Wissenschaftler*innen, die wirklich den Wunsch haben, für länger an einer Hochschule zu bleiben, wohl eindrücklich folgende, etwas zynische Hinweise auf den Weg geben:

  • Die ersten zwei, drei Jahre sind spannend, aufregend, die erste Konferenz, der erste Vortrag, das erste Mal der Flow, bis spät nachts ein Paper zu perfektionieren, das morgen abzugeben ist. Genieß es – so lange du kannst.
  • Wochenenden und Nächte sind zum Schreiben da. Wenn du Glück hast, sogar zum Schreiben deiner Dissertations- oder Habilitationsschrift. Aber ein schöner Projektantrag oder Projektbericht können doch auch Freude machen.
  • Sei mit deiner Arbeit verheiratet – oder such dir ein*e Partner*in, die das aus eigener Erfahrung gut versteht.
  • Es ist deine eigene Verantwortung, keine Überstunden zu machen. Niemand zwingt dich. 🙂
  • Sieh „publish or perish“ als Herausforderung an, als Chance – nicht als Bürde. Es ist ein Privileg, dass du überhaupt in der Lage bist, auf einen Call for Papers zu antworten.
  • Schluck es herunter, wenn dein Prof deine Ergebnisse veröffentlicht, ohne auf deine Arbeit hinzuweisen oder – Gott bewahre – deinen Namen als Mitautor*in aufzuführen. Es ist ein Privileg, dass du daran mitarbeiten durftest.
  • Wenn du gemeinsam mit anderen Fachbereichen interdisziplinäre Anträge stellst, achte darauf, dass es nicht wirklich interdisziplinär ist (das macht nur Arbeit), sondern vor allem deinem eigenen Fachbereich genug Mittel und Stellen bringt. Vielleicht hast du Glück und die Verwaltung lässt dich sogar eine dieser Stellen besetzen. Wenigstens für sechs Monate.
  • Verzichte auf Urlaub und Freizeitvergnügen, die Geld kosten. Wann immer du einen Cent über hast, spare ihn. Denn du wirst ihn brauchen, um kein Hartz IV beantragen zu müssen.
  • Hartz IV willst du vermeiden, um nicht von Arbeitsvermittler*innen gesagt zu bekommen, dass deine ganze Lebensleistung wertlos ist und du lieber eine Wiedereingliederungsmaßnahme besuchen solltest.
  • Wenn du Lehre machst, ohne angestellt zu sein: Erzähl‘ den Studierenden nicht, dass du dafür nicht mal den Mindestlohn bekommst. Es würde sie nur desillusionieren.

Ach, ich könnte noch ewig so weitermachen. In bösem Sarkasmus lauter kleine Nadelstiche aufzählen, die ich entweder selbst erlebt oder bei Freund*innen und Kolleg*innen beobachtet habe. Aber ich habe ja schon neulich geschrieben, dass ich das System Hochschule am Ende verlassen habe, insofern betrifft mich das nur noch als Beobachter. Und doch… 😦

Ich bin Kathrin. Ich bin Biologin. Und #IchBinHanna. Eine prekäre „Verstopfung“ des Wissenschaftssystems?

2018 stellte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ein „Erklärvideo“ zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz ins Internet. Das ist das Gesetz, das es Hochschulen erlaubt, junge Wissenschaftler*innen vor und nach der Promotion für je max. sechs Jahre einzustellen, ohne Aussicht auf Entfristung. Das soll, so das BMBF wörtlich, die „Verstopfung“ des Systems verhindern.

Dazu gab es in den letzten Tagen unter dem Hashtag #IchBinHanna einen heftigen Twitter-Aufschrei und entsprechende Medienberichte. Mario hat in den letzten zwei Tagen sowohl das Hashtag als auch die Resonanz darauf beobachtet und berichtet. Ich bin auch eine Hanna. Mit ein wenig mehr als einem Twitter-Post berichte ich hier von meinen Erfahrungen.

Vertragliches

#IchbinHanna, naja stellvertretend; Ich bin auch eine Hanna. Ich bin Kathrin. Ich bin Biologin wie Hanna. Ich habe eine Doktorarbeit geschrieben. Mein Vertrag an der Universität war zunächst auf drei Jahre befristet. Da trotz massenhafter Daten und einiger Manuskripte in den Schubladen meiner Betreuerin noch keines veröffentlicht war, konnte ich nicht gehen und mein Vertrag wurde um ein weiteres Jahr verlängert. Die Beschäftigung erfolgte wie üblich vorbehaltlich der Mittelfreigabe des Projektträgers.

Mein Vertrag war für eine halbe Stelle. Von Promovierenden, insbesondere in den Naturwissenschaften, wird erwartet, dass sie mindestens 50 % ihrer Arbeit unbezahlt machen. Schließlich handelt es sich ja um eine Qualifizierungsstelle, das heißt, die Arbeit dient ihnen am Ende selbst. In den Geisteswissenschaften wird häufig ohne Entlohnung, sozusagen neben dem Vollzeitjob, möglichst in Vollzeit promoviert, während Ingenieur*innen aufgrund der guten Arbeitsmarktbedingungen in der freien Wirtschaft nur durch volle Stellen gelockt werden können.

Mit meinem 50 %-Drei + (ungewollt) Ein-Jahres-Vertrag hatte ich Glück. Werte Kolleg*innen meiner Branche hatten Verträge über 6 Monate und waren so permanent der Willkür ihres -mit Schlüsseln nach ihnen werfenden- Vorgesetzten ausgesetzt. Immer wieder mal haben sie auf Arbeitslosengeld gearbeitet. Da bleiben mitunter am Ende auf Steuergeldern produzierte Daten für immer unpubliziert in Schubladen und vervielfachen sich Existenzängste, weil z.B. Studienkredite nicht zurück gezahlt werden können. Das passiert Menschen, die sich nach Ausbildung und/oder Studium entschieden haben, die höchste Qualifizierungsebene des deutschen Bildungssystems zu erreichen!

Aufgeschnapptes, das sich auch im Diskriminierungs-, Belästigungs- und Gewaltkontext wiederfindet:

  • ‚Lehrjahre sind keine Herren-Jahre, Kathrin!‘
  • ‚Wenn man es wirklich will, dann muss man schon investieren, Kathrin!‘
  • ‚Jetzt Kinder zu bekommen, ist keine gute Idee, Kathrin!‘
  • ‚Jetzt Kinder zu bekommen, ist eine gute Idee, Kathrin, dann hast du während des Mutterschutzes in der Arbeitslosigkeit genug Zeit, in Ruhe deine Arbeit zu schreiben und kannst jetzt noch ein bisschen ranklotzen.‘
  • ‚Promovierende brauchen kein Wochenende, Kathrin!‘
  • ‚Promovierende brauchen keinen Urlaub, Kathrin!‘
  • ‚Wie schade, dass du jetzt in den Urlaub gehst, Kathrin. Ich wollte mir gerade Zeit für deine Manuskripte nehmen.‘
  • ‚Jetzt hab dich doch nicht so!‘
  • ‚Du willst es doch auch!‘

#LieberLars

„„Ich bin Hanna, wäre aber lieber Lars“, schreibt eine Twitter-Nutzerin. Lars ist in dem BMBF-Video nämlich der Labormitarbeiter, der einen ’normalen‘ Arbeitsvertrag hat, für den das gewöhnliche Arbeitsrecht gilt. „Augen auf bei der Berufswahl“, mag man da zynisch denken.“

Mario Donick, 2021: hier

Dass Hanna mit ihrer Promotion später auf einem Vertrag für Lars (aka technische*r Assistent*in) arbeitet, ist nicht möglich. Das ist irgendwo gesetzlich geregelt. Da würde ja dann durch die Hannas das System für die Larse verstopft. Außerdem gäbe es dann tausende frustrierte promovierte Hannas, die für weniger Geld auf TA-Stellen weiterforschen, um nicht wieder wegziehen zu müssen oder um nicht arbeitslos zu sein oder um ihre Kinder versorgen zu können, … Wenn die Hannas das System durch die Stellen der Larse infiltrierten, dann bräuchte es ja auch gar keine Postdoc-Stellen mehr. Dulcolax her! Und wer macht dann den äußerst wertvollen Job der TAs? Kriegen die dann weniger Geld? Oder sollten sie dann auch promovieren? Dann bräche ja der Elfenbeinturm auseinander. Das will doch keine*r.

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Inspiration zum Elfenbeinturm
Photo by Magda Ehlers on Pexels.com

BottleNeck-Supporters

BottleNeck-Systeme wie das Wissenschaftssystem, welche sich nach oben (lediglich anatomisch) stark verjüngen, verstopfen natürlich leicht.

Da braucht es dann größere, ungesunde Mengen Abführmittel o.ä. und Ausdrücke wie ‚Doktorvater‘, ‚Nachwuchs‘ oder ‚Junior-Professor‘, um gestandenen Diplomer*innen, Promovierte, Post-Docs, Müttern und Vätern uvm. immer wieder auf die Nase zu binden, dass sie Teil des Hamsterrades und weder erwachsen noch mündig sind.

Neben den oben genannten Titeln haben auch Maßnahmen wie das Aufdrucken des Befristungsdatums auf die Hochschul-Mitarbeiter*innen-Karte oder das Einnähen selbigen Datums in die Laborkittel (damit wir unsere Stellung nicht vergessen) täglich die Wirkung des Wirkstoffbeschleunigers Lysin, nur ohne die schmerzstillende Wirkung. Ganz im Gegenteil. Die Burnout-Depression ist so auch eine Möglichkeit, das System nicht zu verstopfen. Angst, Frust und/oder Traurigkeit fördern belegbar weder Innovation noch Kreativität. Die Förderung letzterer soll allerdings, laut BMBF-Erklärvideo, durch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz erreicht werden.

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Keine Zeit zu verlieren!
Photo by incusion on Pexels.com

#LieberHannes?

Ich bin Kathrin. Ich bin auch eine Hanna. Wie alle anderen Hannas wollte ich es wirklich! Wäre ich Hannes (fiktiver Name!) und käme noch dazu aus einem Akademiker*innenhaushalt, hätte ich heute wohl eine andere Geschichte zu erzählen.

Hannes hat alles richtig gemacht. Er hat nach der Promotion Frau aus geliebtem Job und Familien-Unterstützungssystem und Kind aus Kindergarten und Familien-Unterstützungssystem genommen und ist an eine renommierte Universität im Ausland gedüst. Einige erfolgreiche Jahre später ist er dann mit Rückenwind an die nächste renommierte Universität im Ausland gedüst, um eine Nachwuchsgruppe zu gründen. Ob Frau und Kind wieder bzw. noch an Bord sind, weiß ich nicht.

Hannes, selbst Professorenkind, hat schon viel von zu Hause mitbekommen; hatte schon früh einen eher professoralen Habitus, konnte seine Ressourcen besser nutzen, hatte immer schon ein breites Netzwerk und eine solide finanzielle Absicherung.

Wenn ich mir die Twitter-Posts zum Hashtag #IchBinHanna anschaue, sind da allerdings viele, viele Hannes dabei, auch solche, die vermeintlich ‚alles richtig gemacht‘, es vermeintlich ‚geschafft‘ und die Entfristung erreicht haben, die sich trotz ggf. bester Voraussetzungen in ebenso prekärer Lage befinden wie die Hannas und die #Arbeiterkinder, uvm., und körperlich, psychisch und emotional mindestens angeschlagen, wenn nicht erkrankt sind. Dazu aus meinen Buch:

„Wir gönnen uns häufig weder Lob, noch Ruhe oder eine (innerliche) Feier, wenn wir einen Meilenstein erreicht haben. So habe ich z. B. einen Professor erlebt, welcher, als er endlich die ‚Möhre der Vertragsentfristung‘ in den Händen hielt, weder mit seinem Team oder der Familie feierte, noch sich einige Tage Ruhe gönnte, sondern Schmerzmedikamente einnahm, mir „The show must go on“ von Queen zitierte und weitermachte.

Ich war damals nicht in der Position, ihm zu sagen, dass der Liedtext mit „mein Herz zerbricht,…“ weitergeht und Freddy Mercury, als er den Text schrieb, nach langjährigen regelmäßigen Alkohol-, Drogen- und Sexexzessen an den Folgen seiner HIV-Infektion und der daraus resultierenden AIDS-Erkrankung litt. (u. a. Bohemian Rhapsody: King et al., 2018)“

in Marter, K. 2021. Springer-Verlag)

Leaky Pipelines

Für Hannas und Kathrins und #Arbeiterkinder und Studierende, Promovierende und Postdocs mit Migrationshintergrund, sowie Ostdeutsche existieren allerdings diverse Leaky Pipelines und Gegenwinde, die von der erbrachten Leistung völlig unabhängig, durch noch mehr Leistung nicht zu kompensieren und für die entsprechende Zielgruppe ohne Unterstützung nicht greifbar sind.

Aus ‚Recruiting for Excellence‚ Universität Zürich, Faculty of Science, Stand April 2017

Deshalb erklärt uns das BMBF auch (realitätsfern und frech): „Hanna weiß, dass man eine Karriere in der Wissenschaft frühzeitig planen muss. Deswegen nimmt sie regelmäßig das Betreuungsangebot für Promovierende an ihrer Hochschule in Anspruch.“ (Erklärvideo des BMBF: „Wozu dient das Wissenschaftszeitvertragsgesetz?“ 30. Juli 2018).

Als ich noch Hanna war und promovierte, gab es diese Angebote nicht. Heute unterstütze ich mit solchen Beratungsangeboten selbst vor allem Frauen im Wissenschaftssystem. Freiberuflich und an einer Hochschule. Letzteres tue ich un-witzigerweise und aufgrund meiner Qualifikation und Promotion auf einem befristeten Zeitvertrag, welcher dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz unterliegt, d.h. leistungs- und erfolgsunabhängig ohne Aussicht auf Verlängerung.

Diese projektbasierte und Arbeitgeber-gebundene Unterstützung mache ich dann wohl in vier Jahren so nicht mehr. Ich mache den Weg frei, bzw. werde vom Wissenschaftszeitvertragsgesetz frei gemacht, bzw. die Verstopfung aka ich wird bereinigt, für die nächste Verstopfung aka Hanna, die andere Hannas dann auf ihrem Weg an die Spitze des Elfenbeinturms für die restlichen Jahre, bis zum Auslaufen ihres Wissenschaftszeitvertragsgesetz unterstützen darf.

Das fördert meine Kreativität und Innovationskraft jetzt nicht so.

Meine Ideen gegen Verstopfungen und für ein nachhaltig gesundes, zufriedenes, erfolgreiches chancengerechtes Miteinander

Wenn mich gerade etwas motiviert, dann dass die Frauen, die ich unterstütze, durch mich Rückenwind bekommen und andere Möglichkeiten haben.

Diese Motivation ist getrieben von dem Wunsch langfristig etwas zu ändern. In diesem Zusammenhang hätte ich hier auch noch ein paar kreative, anschauliche und innovative (zugegebenermaßen [aufgrund der emotionalen Narben] zynische) Vorschläge im Zusammenhang mit Verstopfungen:

Idee 1

Könnte der Quatsch nicht wenigstens aufhören, wenn Hanna nicht mehr als Wissenschaftlerin an einer Hochschule arbeitet, sondern sich für eine sogenannte Parallelkarriere entschieden hat, in der weniger Verstopfungen zu befürchten sind?

Idee 2

Auf einer 50 %-Stelle — verstopfe ich da nicht auch nur 50 % des Systems? Könnte ich da nicht noch ein wenig länger den Job machen, den ich so gerne und mit so viel Aufopferung und Begeisterung, Innovationskraft (#IchBinHanna aka Kathrin ist Hugo-Junkers-Preis-Trägerin für Forschung und Innovation des Landes-Sachsen-Anhalt!) und selbst eingeworbenen Mitteln mache? Dann könnte ich mir vielleicht mal einen Schrebergarten pachten, weil ich wüsste, wo ich die nächsten Jahre meines Lebens verbringe.

Idee 3

Beim Bafög gibt es doch auch so eine Regelung, wenn man*frau XY Kinder bekäme, müsste das Bafög nicht mehr zurückgezahlt werden? Wie viele Kinder bräuchte ich denn für eine Entfristung? Das würde ja ggf. auch das Problem mit der Geburtenrate unter Akademikerinnen lösen.

Ja, ja, ich versteh schon; das Problem mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs allerdings nicht:

Ich hätte dann wohl Kinder und einen Schrebergarten, könnte endlich ankommen, müsste nicht mehr so viele Existenzängste und Selbstzweifel haben, wäre aber Ursache diverser Verstopfungen (hätte also doch wieder Selbstzweifel).

Welche gut ausgebildete, innovative, mega-power Hanna oder Kathrin möchte nach Jahren harter Arbeit schon aus dem System getrieben werden oder es zum Kollabieren bringen …

Idee 4

Wenn nun das System in der Mitte verstopft ist, durch unkreative, nicht-innovative alternde Wissenschaftler*innen und diese Verstopfung abfließen soll, wo soll sie denn hin? Unten sind die Nachrücker*innen und scharren mit den Hufen, oben schwingen die Vorgesetzten ihre (Damokles-) Schwerter.


Als promovierte Biologin mit einem sehr guten Verständnis für den menschlichen Körper und Gesund- und Krankheit, stelle ich mir gerade das menschliche Darmsystem vor.

#IchBinHanna und das menschliche Verdauungssystem. Abbildung erstellt mi canva.com

Eine Verstopfung im Mittelbau des Darmsystems ließe sich vermeiden, indem das jeweilige System weniger isst. Das würde bedeuten, es würden weniger Stellen für Promovend*innen geschaffen. Eine solche Entwicklung wird durch die Projektträger bereits dadurch gesteuert, dass Promovierende heute bei voller Arbeitsleistung (eigentlich) mehr als 50 % entlohnt werden müssen, so dass die Antragstellenden sich überlegen müssen, ob sich der Betreuungsaufwand überhaupt lohnt, oder eine 100 % Stelle für ein*e Postdoc nicht angebrachter wäre… Reicht allerdings nicht. Die Verstopfung durch die vielen Hannas ist noch da. Also Dulcolax her:

Die gelöste Verstopfung im Mittelbau des Darmsystems ergießt sich schwallartig über den Enddarm / das Nadelöhr / das Bottleneck des professoralen Personals und nimmt alles mit, was ihr im Weg steht. Ist das eine schöne Idee? : Befristete Professuren, deren Inhaber*innen nach einer gewissen Zeit in Forschung und Lehre die Wirtschaft oder Politik mit ihrer Kreativität und Innovationskraft beglücken dürften und ein stetiger Zufluss neuen Wissens, neuer Kraft, Kreativität, Diversität und Innovation in Lehre und Forschung durch die Hannas im Mittelbau. Mit dieser Idee sind die Entscheidungsträger*innen sicher nicht so d’accord.

Okay, die Verstopfung, biologisch gesehen, kann also weder nach oben noch nach unten so richtig gut abfließen. Oben und unten sind systemisch unüberwindbar verstopft. Da bleibt nur die Explosion, das Platzen des Darmes, ein Magendurchbruch oder eben ein operativer Bypass, wie der des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes. Das habt ihr euch wirklich gut überlegt, ihr professoralen, überwiegend männlichen, weißen, in allen Bundesländern aus der ehemaligen BRD stammenden Berater der Politik mit ihrer ebenfalls überwiegend männlichen, weißen, in allen Bundesländern aus der ehemaligen BRD stammenden Politikern und Vertretern des Patriachats, die ihr es geschafft habt und den natürlichen Abfluss besetzt haltet und neue Anträge für neue Promovierende schreibt, die ihr gar nicht angemessen betreuen könnt oder wollt. 

Idee 5

95 vermutlich weniger zynische Vorschläge gibt es hier.

Wer bin ich und wenn ja wie viele? Selbstportrait 1. Erstellt mit canva.com.

LieberKathrin

Ich bin Kathrin. Ich bin auch eine Hanna. Heute bin ich glücklich. Meine Geschichte lässt sich durchaus als Erfolgsgeschichte erzählen. Da ich selbst emotional mit ihr verbunden bin, fühlt sie sich für mich allerdings immer noch manchmal wie eine Leidensgeschichte an. Ich arbeite daran…

‚50 Fakten über mich selbst‘ sind dafür eine gute Übung. Ich mache sie nicht nur selbst gerne, sondern auch mit Studentinnen und Promovendinnen und zu Recht frustrierten, verzweifelten oder ohnmächtigen Aussteiger*innen und zum Empowerment bei Konflikten oder vor Verhandlungen mit meinen Coachees aus dem Hochschulbusiness…

  1. #queenofbrain
  2. #conquereeofhabit
  3. #tabularasa2punkt0
  4. Dr.in rer. nat. Kathrin Marter
  5. Promovierte Verhaltensneurobiologin
  6. Wissenschaftlerin
  7. Hugo-Junkers-Preisträgerin für Forschung und Innovation
  8. Systemische Beraterin
  9. Systemtherapeutische Beraterin
  10. Strategische Netzwerkberaterin
  11. Freiberuflerin
  12. Selbständige
  13. Unternehmerin
  14. Expertin für ganzheitliche Karriere- und Persönlichkeitsentwicklung
  15. Autorin
  16. Ressourcenmanagerin
  17. Referentin
  18. Berufsschulpädagogin
  19. Bloggerin
  20. Yogalehrerin
  21. Pilates-Trainerin
  22. Trainerin für Wirbelsäulengymnastik
  23. Entspannungstrainerin
  24. Faszientrainerin
  25. Wanderführerin
  26. Gesundheitswanderführerin
  27. Natur- und Landschaftsführerin
  28. Empathie
  29. Kreative
  30. Lebensstil-Integratorin
  31. Aktive Zuhörerin
  32. Gewaltfrei Kommunizierende
  33. Feministin
  34. Aktivistin
  35. #Arbeiterkind
  36. kritische Kritikerin
  37. Singende
  38. Gitarre-Spielerin
  39. Große Schwester
  40. Bester Freundin
  41. Entschleunigerin
  42. buntes Zebra
  43. Koordinatorin
  44. Organisationstalent
  45. Zuverlässig
  46. Lösungsorientiert
  47. Radfahrerin
  48. ganzheitlich gesund
  49. Radfahrerin
  50. Team-Playerin
  51. Deutsche Meisterin im Rudern im Kinder- und Jugendbereich
  52. Landesmeisterin im Triathlon im Jugendbereich
Wer bin ich und wenn ja wie viele? Selbstportrait 2. Erstellt mit mentimeter.com.

Übersicht: Medienberichte zu #IchBinHanna und der Kritik am Wissenschaftszeitvertragsgesetz

Ein Twitter-Aufschrei wie gestern unter dem Hashtag #IchBinHanna über das Wissenschaftszeitvertragsgesetz kann schnell verpuffen. Dann hätten sich hunderte Betroffene zwar Luft gemacht, aber ohne Resonanz ändert sich weiterhin nichts. Aber so ein „trendendes“ Hashtag macht schnell auf sich aufmerksam. So gibt es nun die ersten Medienberichte zu #IchBinHanna:

Warum das Wissenschaftszeitvertragsgesetz nicht geeignet ist, die Probleme des vielbeschworenen „Wissenschaftsstandortes Deutschland“ (BMBF) zu lösen, haben 2020 Amrei Bahr, Kristin Eichhorn und Sebastian Kubon in ihren „95 Thesen gegen das WissZeitVG“ ausführlich dargestellt. Sie haben gestern ebenfalls nochmals eine längere Darstellung zu der Problematik verfasst.