Neuerscheinung: „Wer sehen will, muss spüren“ von Wiebke Schwelgengräber

Endlich ist es erschienen: Wiebke Schwelgengräbers Buch „Wer sehen will, muss spüren“, in der die Autorin darüber nachdenkt, „Warum uns manche Serien und Filme berühren und uns andere kaltlassen“. Sie tut das aus der phänomenologischen, und damit einer sehr direkten, menschlichen Perspektive, aber doch stets vor einem psychologisch fundierten Hintergrund.

„Manchmal sind wir gefesselt von einem Film oder einer Serie und vergessen alles um uns herum. Und ein anderes Mal vergeht die Zeit einfach nicht und der Film langweilt uns zu Tode. Wieder andere Filme und Serien können wir gar nicht erst aushalten, weil Gewalt, Ekel, und Demütigungen von Figuren uns unangenehm vereinnahmen und geradezu einschnüren.“ (Klappentext)

Wiebke Schwelgengräber: Wer sehen will, muss spüren (Cover)

Das Buch kostet 22,99 (Softcover) oder 16,99 (eBook) und kann direkt beim Verlag oder bei den üblichen Buchhändlern erworben werden.

Der Sekt zum Buch

Am 4.9.2022 erscheint Wiebke Schwelgengräbers Buch „Wer sehen will, muss spüren“. Darin untersucht sie phänomenologisch und mit psychologischen Bezügen, wie wir uns eigentlich fühlen und spüren beim Filme schauen und Serien „bingen“.

Gestern gab’s zur Feier der Veröffentlichung dieses 4. Über/Strom-Bandes schon mal Sekt (und andere Leckereien) 🙂

Ab 4.9.2022 erhältlich: „Wer sehen will, muss spüren“ (Mitte) von Wiebke Schwelgengräber (2. v. r.). Auch im Foto: die Über/Strom-Herausgeberin Uta Buttkewitz (l.). Angedeutet: Co-Herausgeber Mario Donick (r.)

Die erdende Wirkung von Himmelsaufnahmen

Wenn der Alltag durch Klimakrise, Pandemie, Krieg und „Gas-Notstand“ (was für ein Wort…) in einem Dauerton der Ungewissheit schwingt und den sicheren Boden scheinbarer Gewissheiten verlässt, dann erdet es ungemein, sich an die Unwichtigkeit der Menschheit vor dem Hintergrund des riesigen Universums zu erinnern. Dank immer wirkungsvollerer Forschungsmethoden gibt es dafür reichlich Gelegenheit. Besonders beeindruckend sind Projekte, die für das menschliche Auge sonst unsichtbare Phänomene in Szene setzen, indem sie Infrarotstrahlung weit entfernter Galaxien ins sichtbare Spektrum transformieren (James-Webb-Teleskop), Schwarze Löcher computergestützt visualisieren (wie das ‚Foto‘ des Schwarzen Lochs im Zentrum unserer Milchstraße auf Basis von Messwerten des Event-Horizon-Teleskops) und dreidimensionale Modelle, gleichsam Landkarten, des bekannten Universums erstellen (DESI-Projekt).

Blick auf fernste Galaxien

Gerade geht die erste ‚richtige‘ Aufnahme des 2021 ins All gestarteten James-Webb-Teleskops durch die Medien:

Der Galaxiencluster SMACS 0723 ist das Motiv der ersten veröffentlichten Aufnahme des 2021 ins All gestarteten James-Webb-Teleskops. Das Bild zeigt unzählige Galaxien, jede davon mit unzähligen Sternen. (Bild: NASA, ESA, CSA & STScI)

Das Bild ist aus mehreren Gründen interessant:

  1. Was so schön bunt aussieht, ist eine Falschfarbenaufnahme. In diesem seit langem üblichen Verfahren werden Strahlung und Elemente, die für das menschliche Auge eigentlich unsichtbar sind, ins sichtbare Spektrum transformiert. Die genaue Zuordnung im Beispiel kenne ich nicht, aber jedenfalls können so Strukturen sichtbar gemacht werden, die uns sonst entgehen würden.
  2. Die im Bild sichtbaren Verzerrungen mancher Galaxien entstehen durch den sogenannten Gravitationslinseneffekt. Das Licht wird durch die Schwerkraft massereicher Objekte abgelenkt und vergrößert. Dadurch erscheinen weit entfernte Galaxien größer und werden so erst erkennbar. Außerdem verweist die eigentlich flache Aufnahme so trotzdem auf die Dreidimensionalität des Universums.
  3. Wobei: Eigentlich ja Vierdimensionalität, denn das Bild ist ein Blick in die Vergangenheit – und zwar 4,6 Milliarden Jahre zurück. Die Sterne, die zu den fotografierten Galaxien gehören, sind so weit entfernt, dass deren Licht wirklich so wahnsinnig lange gebraucht hat, um das James-Webb-Teleskop zu erreichen. Vor 4,6 Milliarden Jahren begannen sich gerade mal Gas und Staub langsam zu dem Objekt zu verbinden, das später einmal unsere Erde sein würde. Und in weiteren 4,5 bis 5 Milliarden Jahren wird sich unser eigener Stern, die Sonne, zu einem Roten Riesen aufblähen und dabei u.a. die Erde vernichten. Ihr Licht aber wird aus anderen Positionen des Alls noch Jahrmilliarden später zu sehen sein.

Genauso wie bei anderen Deep-Space-Aufnahmen (z.B. vom Weltraumteleskop Hubble) zeigt dieses Bild und zeigen die zu erwartenden vielen weiteren Bilder des Teleskops also nicht das Universum, wie es ist, sondern wie es war, und auch das nicht so, wie es uns natürlicherweise erscheinen würde — nämlich viel weniger spektakulär, weil die so schön aussehenden Strukturen für uns eben gar nicht erfassbar wären.

Gerade das macht die Aufnahme so faszinierend. Denn sie verdeutlicht einmal mehr, dass sich das Universum mitnichten um uns winzige Menschen dreht, und dass unser Sonnensystem im kosmischen Maßstab überhaupt nichts Besonderes ist – das All war schon voll von Sternen, bevor sich unser Sonnensystem überhaupt zur für uns lebenswichtigen Form ausdifferenziert hatte.

Harald Schmidt fehlt

Kürzlich las ich das schon vor einigen Jahren erschienene Buch „Panikherz“ von Benjamin von Stuckrad-Barre, der auch einmal für kurze Zeit als Autor bei der „Harald Schmidt Show“ arbeitete. Ich habe diese Show geliebt, keine Folge verpasst. Sie hat mich in meinen Jahren des Erwachsenwerdens begleitet und auch mit dazu beigetragen, meine politische Haltung zu schärfen und zu stabilisieren. Nicht jede Folge war gut, aber dafür gab es dann Folgen, die in ihrer künstlerischen Anarchie absoluten Seltenheitswert in der Medienlandschaft hatten. Zum Beispiel hat Harald Schmidt einmal eine ganze Show lang in französischer Sprache moderiert oder nach dem 11. September 2001 mit der Show 14 Tage pausiert.

Während der letzten Jahre vermisse ich diese Show immer mehr – Schmidt durfte alles und bildete einen ironisch-intellektuellen Gegenpol zur scheinbar politisch-korrekten akzeptierten Standardmeinung. Keine Satiresendung im deutschen Fernsehen füllt diese Lücke aus und kommt an das intellektuelle Niveau von Schmidt heran. Die „heute Show“ verflacht immer mehr und die anderen Satire-Sendungen verarbeiten in biederer, humoristischer Form die aktuellen Nachrichten in so einer vorhersehbaren Weise, dass es kaum noch zu ertragen ist.

Schmidt kommentierte vor allem in den ersten Jahren der Show das Weltgeschehen auf so exzellente Art und Weise, dass die Feuilletons der großen Tageszeitungen regelmäßig darüber berichteten und die Sendung damit eine große gesellschaftliche Relevanz darstellte. Harald Schmidt liebte es, vor allem das bigotte Bildungsbürgertum bei Themen wie Rassismus, Ossi-Feindlichkeit und pervertierter Kapitalismuslogik immer wieder zu entlarven, wie bei einer seiner berühmten Inszenierungen mit Playmobilfiguren: „Wer kommt auf die Arche?“ (2009)

Der Roman „Panikherz“ von Stuckrad-Barre hat ein paar dieser Leerstellen bei mir wieder gefüllt, wenn er das Verhalten der scheinheiligen bürgerlichen Mittelschicht beobachtet, immer auf der Suche „nach performativen Widersprüchen“:

Wer fragt, „Hab ich denn deine Kontaktdaten?“, hat einen Scheißjob, beendet Mails mit Lokalwetterschilderungen und deren durch Emoticons tautologisierter Auswirkung auf die eigene Verfasstheit, frierende Grüße aus dem winterlichen München oder verregneten Gruß aus dem grauen Hamburg […]

Wer sehr oft das Wort „definitiv“ benutzt, bittet Besuch, die Schuhe auszuziehen, und beantwortet Rundmails patzig damit, dass Rundmails nerven – was er an alle schickt.

Es sind diese kleinen ironischen Kommentierungen, die auch Harald Schmidt so perfekt beherrschte und die heute einer Oberlehrermentalität und einer oberflächlichen Schwarz-Weiß-Kommunikation in den Medien gewichen sind. Selbst die Comedians sind ernsthaft geworden – keiner strahlt mehr eine arrogante Souveränität aus – sie ist einer Angst vor dem nächsten Shitstorm gewichen. Dabei geht es gar nicht darum, absichtlich politisch inkorrekt zu sein, sondern sich einfach aus der Medienblase herauszulösen und den Standpunkt einer*s Beobachterin*s einzunehmen, aus deren*dessen Perspektive man die Welt betrachtet, ohne Teil von ihr zu sein. Es ist natürlich existenzialistisch gesehen gar nicht möglich, einen objektiven Punkt außerhalb der Medienwelt einzunehmen – vor allem nicht, seitdem die digitalen Medien quasi realitätsbestimmend geworden sind. Aber es ist wichtig, es immer wieder zu versuchen.

Heutzutage funktioniert Satire im Grunde immer nur nach dem gleichen Schema: Wir zeigen einen Zeitungs- oder Fernsehausschnitt, einen Social-Media-Post oder ein YouTube-Video und kommentieren diese – das Ergebnis ist selbstreferentielle Comedy ohne wirkliche Kreativität und Erkenntniswert. Stattdessen kommentieren vor allem Markus Lanz und Sandra Maischberger zusammen mit den immer gleichen Politiker*innen, Expert*innen und Journalist*innen das aktuelle Zeitgeschehen. Diese Talkrunden soll es geben und sind auch wichtig. Aber es gibt keine sichtbaren Korrektive mehr zu diesen Formaten – es gibt sie natürlich noch in den Untiefen der digitalen Welt und in anderen kulturellen Nischen, aber nicht mehr offensichtlich im linearen Fernsehprogramm, das doch immer noch den größten Teil der Bevölkerung erreicht und damit eine große Wirkung erzeugen kann.

Manchmal wünschte ich mir, dass irgendjemand (wie der Programmierer im Film „Matrix“) einen Reset-Knopf drückt und den ganzen nichtssagenden Social-Media-Füllstoff der letzten 10 Jahre löscht, um endlich einmal wieder kreatives und innovatives Denken zu starten. Ich habe das Gefühl, als befänden wir uns momentan auf einem schwankenden Planeten, der aus der Balance geraten ist und keiner so richtig weiß, wohin es gehen soll und was die große Vision für das Zusammenleben der Bevölkerung auf unserem Planeten ist.

Technologische und wissenschaftliche Fortschritte gibt es – aber um den Klimawandel zu stoppen, gehen die Entwicklungen nicht schnell genug voran. Zur Lösung des Konflikts in der Ukraine fallen uns als Weltgemeinschaft nur Waffen und Konfrontation ein. Während der Corona-Pandemie war uns noch der Schutz jedes einzelnen Menschenlebens wichtig. Ständig sprachen wir darüber, die vulnerablen Gruppen zu schützen und Rücksicht aufeinander zu nehmen – was für ein großer ethischer und moralischer Fortschritt in unserem zwischenmenschlichen Miteinander dieses neue Denken sei, wurde betont. Und jetzt heißt es von einigen Expert*innen aus der Politikwissenschaft, dass wir viel zu egozentrisch denken und uns unser eigenes Leben zu viel Wert ist. Wir müssten verstehen, so einige der Journalist*innen und Wissenschaftler*innen, dass es bei dem Ukraine-Krieg um mehr gehe als nur um Menschenleben, nämlich um das Große Ganze, die westliche, kapitalistisch freiheitlich geprägte Demokratie.

Was ist das nur für ein erschreckend voraufklärerisches und rückschrittliches Denken: Wenn wir das Leben eines einzelnen Individuums nicht wertschätzen, dann werden wir nie eine friedliche, auf Kooperation beruhende Welt haben. Aber wahrscheinlich wollen das viele auch gar nicht – wäre viel zu langweilig. Und wer bestimmt überhaupt, was das beste Große und Ganze ist? „Der Mensch ist ein einziger Widerspruch“, wie es Thomas Mann einmal sehr treffend formulierte. Und diese Widersprüche konnte Harald Schmidt auf so lässige, ironische und amüsante Weise gnadenlos offenlegen.

Flugsimulation ganz real: C42-Simulator auf der AERO in Friedrichshafen (27.-30.04.2022)

Wie das Leben so spielt, wurde Flugsimulation in den letzten Tagen auf einmal ganz real für mich. Auf der Luftfahrtmesse AERO in Friedrichshafen ist ab heute ein voll beweglicher, lebensgroßer Simulator des Ultraleichtflugzeugs Comco-Ikarus C42 C zu sehen (Halle B1, Stand 301, am Stand von Comco-Ikarus). Die Software, mit der dieser Simulator betrieben wird, ist X-Plane 11 in Kombination mit einem C42-Modell, das ich 2018 zusammen mit meinen Kollegen bei vFlyteAir entwickelt habe. Die Hardware und Integration aller Komponenten wurde durch die Flugschule FunFlight entwickelt, die den Messestand mit Comco-Ikarus betreiben.

Cockpit des Prototyps des C42-Simulators von FunFlight und Comco-Ikarus auf der AERO 2022 in Friedrichshafen, unter Nutzung von X-Plane 11 und dem C42-Modell, das ich und meine Kollegen bei vFlyteAir mit freundlicher Unterstützung des Flugsportzentrums Mitteldeutschland in Magdeburg entwickelt haben. Das Cockpit und die Instrumente sind ‚echt‘ und werden durch X-Plane gespeist. Hinter dem Cockpit ist die Anzeige (Monitore oder Leinwand), auf der die simulierte Landschaft und optional (je nach Sichteinstellung in X-Plane) der vordere Teil des vFlyteAir-Modells sichtbar ist. (Foto: Marco Kind, FunFlight GmbH).

Unser vFlyteAir-Modell beruht auf meinen Flugerfahrungen mit zwei echten C42 C in Magdeburg. Mit freundlicher Unterstützung des Flugsportzentrums Mitteldeutschland konnten wir damals Fotos, Abmessungen, Tonaufnahmen usw. von den echten Flugzeugen (bzw. „Luftsportgeräten“, wie es formal heißt) machen.

Unser Modell läuft mit dem Desktop-Flugsimulator X-Plane 11 und wir verkaufen es immer noch in den üblichen Shops (Aerosoft, x-plane.org usw.) Bei der Entwicklung habe ich sehr viel Wert darauf gelegt, dass alle Bedienvorgänge im Cockpit so real wie möglich sind und dass sich auch das Fluggefühl so echt wie möglich anfühlt. Denn es war tatsächlich auch für mich selbst gedacht. Natürlich nicht als zertifizierbarer Simulator, aber doch zumindest als kleine Gedächtnisstütze in Flugpausen.

FunFlight und Comco-Ikarus haben nun die für professionellen Einsatz gedachte Version von X-Plane mit unserem Modell kombiniert und können damit ihre bewegliche Plattform so ansteuern, dass es sich auch wirklich wie eine C42 anfühlt. Das folgende Video wurde mir freundlicherweise von Marco Kind von FunFlight zur Verfügung gestellt. Man sieht dort sehr schön, wie der Simulator aussieht, wie er sich bewegt und wie die simulierte Landschaft und die Bewegung der Flugzeugzelle synchronisiert sind. Ich finde das sooo toll 😀

Video des C42-Flugsimulators

Der Simulator ist aktuell auf der AERO 2022 in Friedrichshafen zu sehen, die noch bis 30.04.2022 stattfindet.

Hörtipp: Charlotte Klonk und Wolfgang Ullrich zu Bildern des Ukraine-Kriegs

Hier ein kurzer Tipp zum Hören: Vorgestern (06.03.2022) waren bei Deutschlandfunk Kultur in der Sendung „Sein und Streit“ die Bildwissenschaftlerin Charlotte Klonk und der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich zu Gast. Sie sprechen über die Wiedergabe des Ukraine-Kriegs in Bildern, unter anderem auch über die unterschiedlichen Inszenierungsformen Putins und Selenskyjs in klassischen und sozialen Medien. Link zum Nachhören: https://www.deutschlandfunkkultur.de/bilderkrieg-ukraine-100.html

Bilder aushalten und reflektieren

Dass im Krieg die Wahrheit zuerst stirbt, muss man hier wohl nicht extra erwähnen. In der digitalen Gesellschaft wird das nicht einfacher. Einerseits beansprucht quasi alles, ‚Wahrheit‘ zu sein. Andererseits war es nie einfacher, in Windeseile Fälschungen zu erstellen und zu verbreiten. Und schließlich reißt der mediale Strom von Bildern nicht ab, er ist endlos und leicht droht man in seiner Flut unterzugehen. Was ist echt, was nicht? Was stammt aus dem aktuellen Krieg, was ist viele Jahre alt? In diesem Artikel lasse ich einige heutige mediale Eindrücke Revue passieren und versuche, sie zu ordnen.

Vorweg: Beim Spiegel gab es heute einige sehr nützliche Tipps, wie man zumindest ein bisschen den Überblick behält. Auch wenn ich persönlich empfehlen würde, sich gar nicht erst da reinziehen zu lassen oder nur sehr bedacht. Dann vermeidet man das, was mir heute Vormittag passiert ist. Ich will das hier mal ausführlicher schildern, um die Mechanismen der Bildwirkung nachzuzeichnen.

Unklarheit aushalten

Ich beziehe mich zunächst auf ein Ereignis, das heute vom Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) in deren Ukraine-Newsticker berichtet und mit Video verlinkt wurde. Bewusst verlinke ich das nicht. Wer unbedingt will, kann danach googlen, aber für diesen Artikel ist das nicht relevant. Gezeigt wurde ein Panzer, der in Kiew ein auf der anderen Straßenseite fahrendes Auto überrollt.

Auch andere Medien haben das aufgegriffen, und in den sozialen Medien wurde das selbstverständlich auch geteilt und debattiert. Ich habe heute früh leider den Fehler gemacht, das Video schon angeklickt zu haben, bevor ich gelesen hatte, worum es ging. Sollte man echt nicht machen, wenn man sich gerade nicht resilient genug fühlt. Aber mir geht es hier um etwas anderes: Die spontane Einordnung des Gesehenen — wie schnell man ungewollt in Kategorien denkt.

Ich habe (natürlich?) direkt das gedacht, was heute auch RTL in einer Meldung in sensationslüsterner Formulierung zu der Szene schreibt: „Von Russen-Panzer in Kiew überrollt — dieser Autofahrer überlebt“. Das ist genau die Form von für Suchmaschinen und schnelle Klicks optimierter Überschriften, von denen das Internet heute leider voll ist.

Nachdem ich mich von dem anfänglichen Schock der Bildwirkung erholt hatte, zeigte genauere Recherche dann, dass das Ereignis zwar wirklich in Kiew stattgefunden hat. Dass aber darüber hinaus Spekulation herrscht:

  1. Die einen sagen, es war ein russischer Panzer, der ein ukrainisches Auto überfuhr. Und direkt nach dem Anschauen des Bildes habe ich das auch genau so eingeordnet und hatte auch direkt die passende emotionale Reaktion parat, nämlich Wut.
  2. Die anderen sagen, es war ein ukrainischer Panzer, der aber von Russen erbeutet wurde; das ist dann eine Variation von 1., nur mit der zusätzlich anklingenden Frage, was wohl mit der vorigen Besatzung des möglicherweise erbeuteten Fahrzeugs passiert ist.
  3. Auf Twitter gab es die Theorie, dass durch Kiew heute schwarze Zivilfahrzeuge gefahren seien, in denen russische Saboteure unterwegs gewesen wären. Der (in dieser Version ukrainische und nicht von den Russen erbeutete) Panzer hätte dieses feindliche Fahrzeug also durch das Überrollen ’neutralisiert‘ (um mal den jetzt üblichen entmenschlichenden Militärsprech zu benutzen).
  4. Und dann las ich auch, dass dieses spezifische Panzermodell dafür bekannt sei, bei Rückwärtsfahrten oder in Kurven manchmal ungewollt auszubrechen; dass der Panzer zudem auch rückwärts fuhr; und dass das ganze Ereignis daher schlicht ein Unfall gewesen sei.

Im Sinne des Glaubens an das Gute im Menschen möchte ich die Erklärungsversuche 1 und 2 nicht wahrhaben. Ich will mir solche mögliche Skrupellosigkeit nicht vorstellen. Erklärungsversuch 3 erscheint mir im Sinne von Ockhams Rasiermesser dagegen etwas überkomplex. Daher hielt ich am Ende des Reflexionsprozesses Theorie 4 für am wahrscheinlichsten. Aber ob die stimmt — keine Ahnung. Ich habe keinerlei Kenntnis der echten (nicht medial gezeigten) Situation, geschweige denn Ahnung von osteuropäischen Panzermodellen. Und doch wird einem so ein Bild vorgesetzt, ohne dass die Redaktion selbst schon Genaueres schreiben kann.

Aber es geht hier auch gar nicht darum, welche Theorie stimmt. Ich will an diesem eindrücklichen Beispiel nur zeigen, wie groß die Diskrepanz zwischen spontaner Einordnung eines visuellen Eindrucks und möglicher alternativer Erklärungen ist, und dass wir es nicht beurteilen können. Wir sind hilflos, und je emotionaler oder eindrücklicher Bilder wirken, umso hilfloser vielleicht. Daher ist es wichtig, sich bei spontanen emotionalen Reaktionen innerlich zu Ruhe zu zwingen. Das sollte bei sozialen Medien ohnehin gelten, aber jetzt ganz besonders.

Es ist meines Erachtens auch ein großer Fehler, sich auf der Suche nach Antworten immer tiefer in irgendwelche Twitter-Statements oder Forenkommentare einzugraben. Es ist besser, auszuhalten versuchen, dass man die Wahrheit für den Moment nicht beurteilen kann. Das ist unbefriedigend; Menschen streben nach Kohärenz. Aber die gibt es halt nicht immer.

Helden?

Es gibt noch eine andere Art von Bildern, die ich hier kurz ansprechen will. Eine Kriegserzählung braucht traditionell natürlich auch ihre ‚Helden‘, die inszeniert werden. Dazu blieben mir heute fünf Szenen in Erinnerung — alle haben mich ebenfalls im ersten Moment auf der emotionalen Ebene angesprochen. Indem ich jetzt darüber schreibe, distanziere ich mich davon, um mich nicht mitreißen zu lassen, sondern weiter zu versuchen, halbwegs nüchtern zu beobachten:

  1. Die Frau mit den Sonnenblumenkernen: Ein Video, das u.a. die britische Zeitung The Guardian geteilt hat, zeigt eine offenbar ukrainische Frau, die auf der Straße einen offenbar russischen Soldaten beschimpft. Unter anderem will sie ihm Sonnenblumenkerne geben, die er sich in seine Jackentasche stecken soll, damit — wenn er denn in diesem Krieg gestorben ist — wenigstens Sonnenblumen aus ihm wachsen. In den Kommentaren unter dem Video wird einerseits der Frau für ihren Mut Bewunderung ausgesprochen. Andererseits wird dem Soldaten Respekt gezollt, der die Frau quasi deeskalierend nur ruhig gebeten hat, weiterzugehen. Wer ist da nun der Held? Die Frau, weil sie dem Besatzer die Stirn geboten hat? Der Soldat, weil er ‚professionell‘ und ‚friedlich‘ agiert hat? Beide Kriegsparteien können so ein Video zu ihren Gunsten auslegen.
  2. Der „Geist von Kiew“: Es wurde in sozialen Medien behauptet, dass ein veraltetes ukrainisches Kampfflugzeug vom Typ MiG-29 im Alleingang mindestens 6 technisch weit überlegende russische Flugzeuge vom Typ Su-27 und Su-35 abgeschossen hätte. Von ukrainischer Seite wurde das unbekannte Flugzeug als „Ghost of Kyiv“ bezeichnet, es entstanden dazu einige Memes. Dass es dieses Flugzeug wirklich gibt oder gegeben hat, wird mittlerweile ausgeschlossen. Aber das Beispiel zeigt, wie Heldenmythen geschaffen werden, die unter anderem dazu dienen, die Motivation und Identifikation auf ukrainischer Seite zu steigern oder die ein Versuch sein können, Unsicherheit auf russischer Seite zu erzeugen.
  3. Die Schlangeninsel: Eine Insel im Schwarzen Meer vor der ukrainischen Stadt Odessa wurde durch russische Kriegsschiffe erobert. Wie unter anderem beim Spiegel zu lesen war, hätten sich 82 ukrainische Soldaten ergeben, aber 13 Grenzschützer hätten verbal Widerstand geleistet — indem sie auf die Aufforderung der Russen, sich zu ergeben, einfach nur geantwortet hätten: „Russisches Kriegsschiff, fick dich.“ (so die überraschend wörtliche Darstellung). Diese 13 Soldaten wurden dann getötet. Im Kommentarbereich unter dem Artikel wurde diskutiert, ob es sich nun um Heldentum handelt oder um Dummheit. Die eine Seite bewundert offenkundig die Trotzigkeit der Reaktion. Die andere Seite fragt, was das nun gebracht hätte, außer noch mehr Toten und Leid für die Hinterbliebenen. Von offizieller Seite wurden offenbar einige der Getöteten posthum mit Orden ausgezeichnet und so zumindest formal zu Helden erklärt.
  4. Der Präsident: Heute Abend hat der ukrainische Präsident Wolodomir Selenskyi ein Handyvideo gepostet (Link zur Version mit Untertiteln beim Spiegel), das ihn und einige weitere Politiker in Kampfmontur auf der Straße zeigt. Etwas müde, aber geradezu jugendlich und ruhig will Selenskyi zeigen, dass er nach wie vor im Land ist und genauso wie die Bürger auf der Straße gegen den Gegner vorgeht. Auf emotionaler Ebene spricht das Video nicht nur die Spiegel-Leser*innen im Forum an. Im ersten Moment wirkt Selenskyi in dem Video auch auf mich echt sympathisch und ich schwanke zwischen Daumendrücken und Kopfschütteln ob der vermutlichen Sinnlosigkeit angesichts der russischen Übermacht. Doch dann erinnere ich mich daran, dass das Video natürlich die Funktion hat, Ruhe zu erzeugen und zu motivieren, während Selenskyi gleichzeitig versucht, mit Russland in Verhandlungen zu treten (Russland hat Minsk vorgeschlagen, die Ukraine bevorzugt Warschau) und sogar die künftige Neutralität der Ukraine in Aussicht gestellt hat. Aber für die Funktion des Videos ist die gewählte Form genau richtig. Weder eine klassische Ansprache aus dem Büro oder Bunker heraus noch inszenierte klassische TV-Bilder würden so nahbar wirken wie so ein Selfie-ähnliches Handyvideo.
  5. Das junge Ehepaar: Der amerikanische Fernsehsender CNN hat heute über ein junges ukrainisches Paar berichtet, die am Tag des Angriffs noch schnell geheiratet haben. Im Newsticker des Senders gab es zusätzlich einen Eintrag, wo das Paar gezeigt wurde, nachdem sie sich Waffen abgeholt haben, um nun zusammen zu kämpfen (Screenshots beider Szenen unter diesem Absatz). Einerseits ist da die traditionelle Hochzeit, die ein Gefühl von Normalität und Identität erzeugt. Andererseits … dieses Foto mit den Waffen, vor dem ich ziemlich sprachlos stehe. Dieser Kontrast aus jungen, hübschen Menschen, die eigentlich ihr Leben noch vor sich haben und den Waffen, und dem, wofür diese stehen. Wollt ihr wirklich euer Leben wegwerfen, ruft es in mir. Was habt ihr und euer Land davon, wenn ihr als junge(r) Held(in) sterbt? Und wieder die Erinnerung an das 19. oder frühe 20. Jahrhundert.

Man bekommt solche und weitere Bilder und Videos in Newstickern vorgesetzt und soll sich irgendwie dazu verhalten. Der emotionale Impact kann auch hier aus der räumlichen Distanz groß sein. Um sich dabei nicht zu verlieren, kann ich nur empfehlen, nicht ständig Newsticker zu lesen [… was ich mir auch selbst sage] und nach dem ersten Eindruck auch bewusst die möglichen weiteren Wirkungen der Bilder mitzudenken. Mehr will ich mit diesem langen Text gar nicht sagen.

Symbol mit Bedeutung. Glocken und Friedensgebet im Magdeburger Dom

Im Magdeburger Dom findet heute Abend um 18 Uhr ein Ökumenisches Friedensgebet anlässlich des Ukraine-Kriegs statt. In der Stadt also, derer fast völligen Vernichtung im Zweiten Weltkrieg die heutigen Nazis (die echten, nicht Putins imaginierte) regelmäßig gedenken. Ebenfalls sollen um 18 Uhr stadtweit die Glocken läuten. Man kann solche Aktionen als individuelle Bewältigungsstrategie und als bloßes Symbol abtun. Aber da wir unsere Weltsicht immer kommunikativ herstellen, also mit Zeichen definieren, wer wir sind, was wir tun, was wir wollen, sind solche Symbole nicht nur für die individuelle Psychohygiene oder Trauerbewältigung nützlich.

Aus dem Grund finde ich auch Elsa Koesters Text gestern auf der Website der linken Wochenzeitung der Freitag wichtig: „Bleibt weich, bleibt zärtlich!“ fordert Koester darin. Auch das mag man in gerade empfundener Wut und Ohnmacht als naiv abtun. Aber letztlich ist es die Erinnerung daran, in den folgenden Tagen und Wochen seine Menschlichkeit nicht zu verlieren, gerade jetzt.

Es geht Koester darum, Putin klar als Gegner zu benennen, aber dabei nicht „den Respekt vor der Bedeutung des Friedens zu verlieren“ und sich nicht von Wut und Rachegedanken leiten zu lassen. Koester wünscht sich, „dass wir innehalten, wenn uns die Wut packt über die Gewalttätigkeit Putins, wenn uns die Wut packt über eine russische Propaganda, die von Entnazifizierung in der Ukraine spricht, dass wir innehalten und nicht vor blinder Wut zu den Waffen greifen wollen, um zurückzuschlagen.“ Es geht um Besonnenheit.

„Aber damit kommt man einem irren Diktator wie Putin nicht bei!“ dürften so einem Text viele entgegnen. Und das mag sein. Aber man sollte nie vergessen, stets andere Wege zumindest mitzudenken, selbst wenn sie aktuell nicht zu existieren scheinen. Ein System passt sich Situationen immerzu neu an und mit Luhmann kann es auch immer anders sein. Funktionsäquivalente nannte er das Mitdenken von Alternativen. Sobald sich ein System auf nur noch eine Bearbeitungsweise äußerer Reize versteift, wird seine Anpassungsfähigkeit gefährdet und damit es selbst.

Auch deshalb sind Symbole wie Friedensgebete und Demonstrationen bedeutsam. Nicht weil sich dadurch etwas ändern würde. Tut sich leider erfahrungsgemäß nicht. Aber sie halten in Erinnerung, worum es geht und wie es sein sollte, selbst wenn es das gerade nicht ist.

Das Friedensgebet heute findet im Magdeburger Dom vor Ernst Barlachs Plastik „Magdeburger Ehrenmal“ statt, die nach dem Ersten Weltkrieg entstand und seit 1955 im Dom steht. Wikipedia schreibt zur Bedeutung der Figuren:

Barlach selbst charakterisiert die Halbfiguren im unteren Bereich als Not, Tod und Verzweiflung, die dahinter stehenden Figuren symbolisieren den Kriegserfahrenden, den Wissenden und den Naiven.

Ernst Barlach: Magdeburger Ehrenmal (Bild: Wikipedia, CC BY-SA 4.0)

Zurück zu den Wurzeln: Gemini als kleiner ‚Zwilling‘ des Internets

Nicht nur wir bei Über/Strom leiden mitunter am digitalen Overload, wie es Uta gestern formuliert hat. Im Fokus unserer Kritik stehen oft Online-Konferenzen oder Social-Media-Dienste, wo es also um Kommunikation zwischen Menschen geht. Aber auch das World Wide Web (WWW) fühlt sich mitunter überladen an, was nicht nur an der vielen Werbung liegt. Was als Möglichkeit zum akademischen Austausch begann und in den Neunzigern noch gern als Realisierung von Vannevar Bushs Memex-Konzept (1945) gesehen wurde, ist heute Alltag — ein nie endender Strom von Texten, Bildern, Musik, Videos, in dem man sich leicht verlieren kann: Über/Strom eben. Eine bis heute existierende Alternative zum WWW, Gopher, hat auch wegen technischer Unzulänglichkeiten an Bedeutung verloren. An der Stelle stieg 2019 das Gemini-Projekt ein.

Minimalismus

Das Gemini Protocol ist ein Daten-Übertragungsprotokoll ähnlich dem Hypertext Transfer Protocol (HTTP), das dem WWW zugrundeliegt. Adressen fangen bei Gemini nicht mit http:// oder https:// an, sondern werden mit gemini:// eingeleitet. Normale Webbrowser verstehen das noch nicht, aber es gibt eine Menge spezieller Gemini-Browser.

Screenshot von Lagrange, einem Gemini-Browser für Windows, Linux und macOS

Der Name des Protokolls bezieht sich auf die US-amerikanischen Gemini-Raumschiffe (1961-1966). Gemini-Websites werden daher auch Kapsel / capsule genannt. Wie beim WWW wird ein Browser benutzt, um Gemini-Seiten zu betrachten (vgl. Screenshot oben). Wer sich keinen extra Browser installieren will, kann Gemini-Adressen auch über einen Proxy aufrufen, zum Beispiel https://proxy.vulpes.one — darüber können Sie sich zum Beispiel die Projektbeschreibung von Über/Strom auf unserer brandneuen Gemini-Kapsel anschauen (eventuell werden dort künftig als Experiment ausgewählte Artikel unserer Zeitschrift gespiegelt. Die Gemini-URL ist dann: gemini://ueberstrom.flounder.online ).

Statt der im WWW üblichen Auszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language) oder gar komplexen Formatierungen mit CSS und für besondere Funktionen nötigen Skriptsprachen wie JavaScript besteht der Geminispace aus einfachen Textdateien, die lediglich mit wenigen Befehlen formatiert sein können. Das Format wird Gemtext genannt. Die Dateiendung ist .gmi statt .html.

Neben normalem Text erlaubt Gemtext Überschriften (maximal drei Ebenen), unnummerierte Listen (nicht verschachtelt), Blockzitate und vorformatierten Text — das war’s. Hyperlinks werden nicht innerhalb des Texts eingefügt, sondern separat als einzelne Zeile. Cookies, Formulare, eingebettetes Multimedia, also das ganze Zeug, das das WWW so vielfältig, aber auch so anstrengend macht, gibt es nicht.

Wie auf Zeitreise

Entsprechend liegt der mögliche Nutzen von Gemini vor allem im Präsentieren von Hypertexten im engeren Sinne. Ein guter Browser formatiert diese Texte so, dass sie angenehm lesbar sind. Gemini ist dahingehend quasi das Äquivalent zum distraktionsfreien Schreiben, wie es in diversen mittlerweile recht beliebten Markdown-Editoren wie Typora möglich ist.

Den mit derzeit ca. 209.000 einzelnen Seiten noch recht überschaubaren Geminispace zu erkunden, versetzt ein wenig zurück in die Anfangszeit des WWW — als das noch neu und aufregend war, als man nicht wusste, was sich wohl hinter dem nächsten Link verbirgt, und als noch keine großen Konzerne das Web dominierten. Daher gibt es auch noch etwas, das im WWW längst keine Bedeutung mehr hat: von Hand gepflegte Seitenverzeichnisse.

Klickt man sich da durch, findet man neben inoffiziellen Spiegelungen von Nachrichten-Websites vor allem eine Menge Seiten, auf denen Leute ihre Kochrezepte, Lieblingsbücher, Musikvorlieben, Linklisten und persönliche Tagebucheinträge teilen. Viele Kapseln sind sehr techniklastig, mitunter mischt sich darunter ein anti-kapitalistischer bis anarchistischer Vibe.

Sinnsuche

Das alles erinnert an die Frühzeit des Internet. Man fragt sich durchaus, welchen konkreten Zweck Gemini erfüllen soll und kann. Zwar lassen sich darüber Textdokumente ressourcensparend verteilen und lesen, und das kann aus klimatechnischer Sicht ein Argument sein. Aber den Ansprüchen unserer hyperkommunikativen Zeit, wo es oft nicht um den Text geht, sondern um die Reaktion darauf (Klick, Like, Share), wird das nicht gerecht. Und will es ja auch nicht. Auch ein „Darknet“ kann Gemini nicht werden, denn es ist ja öffentlich.

Wozu also?

Vielleicht einfach, „weil man es kann“. Weil Erschöpfung vom normalen WWW nicht bedeutet, ganz auf Vernetzung verzichten zu wollen. Und technischer Spieltrieb Ziele braucht. Inhaltlich erscheint der Geminispace aber vor allem als Versuch, sich diese seltsame Halböffentlichkeit zurückzuholen, die das WWW anfangs ausgezeichnet hat:

„Ich habe jetzt eine eigene Homepage!“

„Aha. Hast du schon Hausaufgaben gemacht?“

Schön unverfilmbar? Foundation (Apple TV)

Manchmal weiß man erst beim Anschauen einer Verfilmung, warum das zu Grunde liegende Buch als unverfilmbar gilt. In diesem Jahr gibt es gleich zwei Großproduktionen, über deren Textgrundlagen das behauptet wird. Beide gehören dem Science-Fiction-Genre an. Zum einen der Kinofilm Dune als Verfilmung von Frank Herberts Roman „Der Wüstenplanet“. Zum anderen die Streamingserie „Foundation“ bei Apple TV, als Verfilmung von Isaac Asimovs gleichnamiger Trilogie. Beide Bücher sind sehr umfangreich und ihre Handlungen spielen zehntausende von Jahren in der Zukunft, in der die Menschen die Galaxis besiedelt haben.

Zukunft-Geschichte

Während die Handlung von Dune jedoch in einem zeitlich und räumlich überschaubarem Rahmen innerhalb des Zukunftspanoramas bleibt und eher wegen der im Buch anklingenden theoretischen Konzepte (v.a. Religion und Philosophie) schwer umsetzbar ist, überspannt Foundation knapp 1.000 Jahre. Und die wurden von Asimov teils nur in kleinen Ausschnitten beleuchtet – es sind eher Kurzgeschichten, die zentrale Ereignisse dieser langen Zeitperiode wiedergeben und keine durchgehende Handlung, bei der es sowas wie dauerhafte Identifikationsfiguren gäbe. Asimov ging es nicht um Individuen, sondern um die Entwicklung ganzer Gesellschaften. Im Prinzip hat er Edward Gibbens „The History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ ins Weltall verlegt.

Das von einem Kaiser absolutistisch regierte Imperium umspannt die Galaxis, aber der Mathematiker Hari Seldon hat statistisch berechnet, dass dieses scheinbar unverwundbare Reich bald zerfallen wird. Seldons Mathematik heißt bei Asimov „Psychohistorik“, auch wenn die weder mit Psychologie noch Geschichte viel zu tun hat. Das dunkle Zeitalter wird jedenfalls 30.000 Jahre dauern, aber Seldon hat einen Plan, das auf 1.000 Jahre zu verkürzen. Kleiner ging es bei Asimov nicht, und seine anderen Romane, die am Ende alle mit Foundation verknüpft wurden, reichen noch viel weiter in die Zukunft, sodass Asimov tatsächlich eine Zukunftsgeschichte der Menschheit entwirft – angefangen vom noch fast zu unserer Zeit spielenden „Ich, der Robot“ bis hin zu „Die Rückkehr zur Erde“, das nochmal viele viele Jahre nach Foundation spielt.

Zu Seldons Plan gehört, dass eine Gruppe von Wissenschaftlern eine Kolonie auf dem abgelegenen Planeten Terminus gründet und dort an einer Enzyklopädie arbeitet. Diese Encyclopedia Galactica soll das Wissen der Menschheit bewahren. Das soll die angestrebte Verkürzung des Dunklen Zeitalters ermöglichen. Im Buch zeigt Asimov, wie die Kolonisten (man liest fast nur von Männern) sich am Seldon-Plan entlanghangeln, mit geplanten Krisen fertig werden, und dass am Ende auch scheinbare Störungen zum Plan dazugehören.

Asimov hat seine Handlung vor allem in oft recht technokratischen Dialogen zwischen Politikern vorangetrieben, die Charaktere sind für sich genommen ohne Tiefe, Beziehungen spielen kaum eine Rolle. Die an Seitenzahl umfangreiche Trilogie liest sich schnell weg und ist recht spannend, auch wenn es typische Science-Fiction der 1950er ist. Frauen spielen keine Rolle, Atomkraft ist auch in der Zukunft noch die beste aller Energiequellen und überhaupt ist die Idee, man könne eine ganze Gesellschaft quasi kybernetisch regeln, ein Kind dieser Zeit.

Die Serie

Die Serie bei Apple TV hat nun das Problem, aus einem eher theoretischen Stoff eine fernsehtaugliche Erzählung machen zu müssen, die in unsere Zeit passt. Nach bisher drei ausgestrahlten Folgen (immer freitags) kann man das natürlich noch nicht als Ganzes beurteilen, aber zumindest erste Eckpfeiler der Umsetzung werden deutlich – und erste Probleme.

Ausdrücklich nicht problematisch finde ich, dass wichtige Charaktere wie Gaal Dornick und Salvor Hardin in der Serie anders als im Buch als nicht-weiße Frauen dargestellt werden, auch wenn das manche konservative Leute in Science-Fiction-Foren oder -Kommentarspalten schon wieder zu triggern scheint.

Auch die Idee, dass die Kaiserdynastie aus drei Klonen besteht (ein Kind, ein mittelalter Mann und ein alter bis sehr alter Mann) finde ich interessant, zumal ich die Interaktionen der drei Kaiser untereinander gelungen finde und Lee Pace‘ arrogante Darstellung des mittleren Kaisers („Bruder Tag“) herrlich übertrieben ist. Hier könnte künftig vielleicht fast etwas Game of Thrones-Stimmung aufkommen.

Und ich habe auch nichts gegen Liebesbeziehungen der Charaktere untereinander, immerhin gehört sowas zum Menschsein dazu.

All diese veränderten oder dazu erfundenen Elemente der Handlung machen jedoch deutlich, wie wenig ‚Fleisch‘ eigentlich in Asimovs ursprünglicher Geschichte steckt und zeigen, wie unzeitgemäß sein Buch heute ist. Daher muss man sich wohl davon lösen, die Serie mit dem Buch zu vergleichen und schauen, ob sie auf eigenen Füßen stehen kann.

Schön unverfilmbar

Und da wird es doch wackelig.

Foundation bietet tolle Landschafts- und Weltraumaufnahmen und ein aufwendiges World Building. Das sieht alles sehr teuer aus. Die Schauspieler*innen wie Lou Llobell, Leah Harvey, Jared Harris oder Lee Pace wirken überzeugend.

Der Soundtrack von Bear McCreary (u.a. Battlestar Galactica, Caprica, Outlander) klingt zwar so, wie ein Soundtrack von Bear McCreary immer klingt, ist aber trotzdem ‚schön‘ (Anspieltipp: Gaal leaves Synnax – in dem Song steckt alles, was McCreary schon immer ausgemacht hat, nämlich Melancholie und Wehmut gepaart mit Aufbruchstimmung und Pathos).

Aber sobald sich die Handlung von den Impulsen der Buchvorlage entfernt – zieht es sich. Nach viel Exposition in Folge 1 und der ersten dramatischen Wendung in Folge 2 (die, man muss es sagen, auch wenn das blöd klingt, im Buch nicht vorkommt) passiert in Folge 3 – gar nichts.

Dieses Nichts ist sehr atmosphärisch, wieder schön anzuschauen, vermittelt auch interessante Hintergrundinformationen zur Welt, aber es verschleppt doch die Handlung.

Mich persönlich stört das nicht. Ich mag die Serie. Aber es kann Zuschauer*innen auch abschrecken und ich sehe durchaus die Gefahr, dass die auf 80 Folgen angelegte Serie mangels Erfolg bald wieder eingestellt wird.

Dann wäre quasi experimentell erwiesen, dass Asimovs Buch wirklich unverfilmbar ist.