Fehlende Bilder

Das Jahr 2022 beginne ich mit einer Notiz in eigener Sache: Aus Finanzierungsgründen (knapp 30 EUR / Monat für den Business-Tarif haben sich für diese Website nicht wirklich gelohnt) habe ich das WordPress.com-Abo auf eine günstigere Variante umgestellt. Dabei kam es leider zu ganz ‚interessanten‘ Datenbankverwerfungen. Außerdem habe ich den Eindruck, dass Beiträge nicht mehr im WordPress-Reader erscheinen.

Zunächst: Alle Postings sind weiterhin vorhanden. Aber: Irgendwelche Uralt-Entwürfe waren nach dem Downgrade wieder da, während gleichzeitig diverse Fotos und Bilder, die im Laufe des letzten Jahres hochgeladen wurden, scheinbar willkürlich gelöscht sind. Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass das Downgrade von Business nicht auf das nächstniedrige Premium erfolgte (was genug Speicherplatz geboten hätte), sondern auf Free, was nicht genug Speicher für Bilder bietet. Scheinbar wurden deshalb nach irgendeinem mir nicht ersichtlichem Prinzip Bilder gelöscht. Das darauf folgende Upgrade von Free auf Premium hat sie nicht wiederhergestellt.

Das bedeutet, dass Sie beim Stöbern durch die Seite möglicherweise auf Beiträge stoßen werden, bei denen Bilder fehlen. Das tut mir leid. Mir war nicht bewusst, dass das passieren würde. Sofern möglich, versuche ich wichtige Bilder zu rekonstruieren, da ich sowieso vorhabe, jeden einzelnen Beitrag durchzugehen, aber wenn das zu viel Aufwand macht, kann es sein, dass ich das zumindest bei meinen eigenen Texten auch einfach lasse.

Durchgehen will ich die Beiträge übrigens, um sie, was das Gendern angeht, kompatibler zu Screenreadern zu machen. Weder das Sternchen noch der Doppelpunkt werden dafür von Verbänden wie dem DBSV als geeignet angesehen. Je nach Typ oder Konfiguration eines Screenreaders funktionieren Sternchen und Doppelpunkt mal, aber mal auch nicht.

Daher möchte ich künftig und rückwirkend die Formulierungen an sich genderneutraler gestalten, anstatt einfach die Wörter durch Sonderzeichen anzupassen. Also zum Beispiel im Kontext von Literatur kein „Autor*innen“ mehr verwenden, sondern etwa „Menschen, die beruflich schreiben“ oder „Personen, die Sachbücher verfassen“ oder „Menschen, die Romane veröffentlichen“ — so in dem Sinne. Oder wenn es um die Teilnahme an einer Veranstaltung ginge, kein „… hatte so und so viel Teilnehmer*innen“ mehr, sondern „so und so viel Menschen nahmen teil“. Die Sätze werden dadurch eventuell etwas länger werden, und es wird auch eine ganze Weile dauern, bis ich alles seit 2019 angepasst habe, aber ich denke, dass das inklusiver ist als bisher. Feedback gerne.

Update zu den Bildern: Die Bilder sind scheinbar nicht gelöscht, sondern noch vorhanden, aber teilweise unter völlig falschem Datum in der Mediathek hinterlegt und scheinbar auch anderer URL. Aber immerhin kann ich es so doch einfacher rekonstruieren.

Magdeburgs neuer „Blauer Bock“

Nachdem der alte, aus DDR-Zeiten stammende „Blaue Bock“ in Magdeburg 2016 abgerissen wurde, begannen die Arbeiten am Neubau, und die sind jetzt wohl fast abgeschlossen, wie ich heute eher zufällig bemerkt habe. Hier vier schnelle Schnappschüsse:

Für die Gestaltung des Platzes hätte ich mir Grün statt diese völlige Versiegelung der Flächen gewünscht. Außerdem gibt es schon genug schmucklose Zweckbauten in der Umgebung, und nur eine weitere Fast-Food-Kette als Gastronomie ist jetzt auch eher phantasielos. Dennoch ist der neue Zustand natürlich eine Verbesserung zu vorher, und es ein befreiendes Gefühl, hier nach so vielen Jahren wieder langgehen zu können und relativ viel Platz zu haben (das war heute auch ganz praktisch, weil ich so dem Weihnachtsmarkt ausweichen konnte).

Zum Schluss noch zwei Bilder von den Bauarbeiten im Herbst 2019:

Das Privileg des Analogen

Auf Grundlage einiger früherer Skizzen (u.a. 2019 zum Zeitunglesen, so richtig auf Papier, an den Orten, wo diese Zeitungen erscheinen) und Beobachtungen im Alltag habe ich ein neues Schreibprojekt begonnen, in dem ich mich mit dem „Privileg des Analogen“ (als scheinbarer Kontrast zum „Digitalen“) auseinandersetzen will. Ich weiß noch nicht genau, ob das eine Artikelsammlung wird, oder ein neuer Band der Über/Strom-Reihe, oder noch was anderes, aber auf jeden Fall treibt mich das Thema jetzt schon lange um.

Der Grundgedanke ist, dass digitale Medien sowie digital umgesetzte Arbeits- und Lernszenarien einerseits Teilhabemöglichkeiten bieten, die rein analoge Formen nicht haben – dass das Analoge dabei aber noch mehr als vielleicht früher schon zu einem Privileg, vielleicht einem Luxus, wird. Im 2. Coronajahr 2021 erlebe ich dieses Spannungsfeld gleich mehrfach.

Beispiel Wissenschaft: Aus dem gesellschaftlichen Teilsystem Wissenschaft bin ich seit 2015 eigentlich raus (und in Hinblick auf #IchBinHanna möchte ich fast sagen: Gott sei dank), insofern ich seitdem keine institutionelle Zugehörigkeit mehr zu einer Hochschule habe und auch nicht mehr gesucht habe. Stattdessen arbeite ich in verschiedenen Zusammenhängen, 25 h/Woche unbefristet angestellt, Rest der Zeit tätig als „ich schreib so Texte“-Mensch aka „freier Autor“ von Sachtexten („Und, was machst du so?“). Ich werde nicht reich, aber meistens reicht es.

Die Themen meines Schreibens leiten sich zwar großteils aus meiner früheren wissenschaftlichen Tätigkeit her (Kommunikationswissenschaft; in mehr soziologischer und linguistischer Ausprägung, weniger medienwissenschaftlich). Meine Bücher richten sich aber an die Allgemeinheit oder an Praktiker*innen, die z.B. beruflich mit Softwareentwicklung oder technischem Kundendienst zu tun haben (da ist auch der Link zu meinem Angestelltenjob).

Jedoch habe ich in mir immer noch eine gewisse … wehmütige Sehnsucht nach nicht verwertungsgebundenem wissenschaftlichen Austausch. Ironisch sage ich manchmal, ich würde gerne mal ein Jahr lang einfach nur das Wortfeld „Baum“ erforschen. Oder sowas. Nur findet wissenschaftlicher Austausch halt nicht im Kundendienst statt und auch nicht beim Schreiben von Sachtexten, sondern, naja, im Teilsystem Wissenschaft. Daran zu partizipieren, setzt tradtionell nicht nur Zeit und Netzwerke voraus, sondern auch Geld. Denn zu Tagungen zu fahren (wo man Netzwerke knüpft), muss man bezahlen können. Wenn man keine Uni oder Firma hat, die das übernimmt, sieht’s düster aus. Und genau da war Corona dieses Jahr eine Möglichkeit, wieder Anknüpfungspunkte zu finden. Denn so schal das in sozialer Hinsicht auch ist: Viele Konferenzen wurden online durchgeführt und dabei auch die sonst oft hohen Teilnahmegebühren stark reduziert oder ganz fallengelassen. Auch Fahrt- und Übernachtungskosten entfielen. Und so sind es dieses Jahr drei Tagungen, an denen ich teilnahm/teilnehme (die letzte ist die Future and Reality of Gaming in Wien am 26./27.11., eine Games Studies-Tagung, wo ich auch selbst einen Beitrag vorstelle). Zu normalen Bedingungen wäre das weder zeitlich noch finanziell möglich gewesen, und insofern hat mir das Digitale einen länger beiseite geschobenen Teil meiner Identität zurückgebracht.

Man könnte jetzt sagen, dass das doch eher das Privileg des Digitalen ist. Ich kann ja eigentlich froh sein, dass mir das Internet eine Teilhabe an solchen Formen erlaubt. Aber das sind, wie erwähnt, Corona-Bedingungen und ich bin mir relativ sicher, dass beim Ende der Pandemie wieder mehr auf analoge Formen der Komunikation umgestellt wird. Und das ist gut so – mir tun junge Student*innen so so leid, die ihr Studium unter Corona-Bedingungen begonnen haben, jetzt endlich ein wenig Präsenzluft schnuppern konnten, aber nun sicher bald wieder (wo noch nicht geschehen) zurück in virtuelle Räume müssen. Aber dann werden eben auch wieder Zeit und Geld entscheidende Parameter sein, die eine Teilhabe ermöglichen oder ausschließen. Darum das Privileg des Analogen.

Ähnliche Beobachtungen mache ich in Bezug auf Medienkonsum (Kino vs. Stream, gedrucktes Buch vs. eBook, gedruckte Zeitungen vs. Paywall usw.), Spiele (Computerspiele vs. Brettspiele), Kundendienst (Menschen vs. Bots, Entscheidungsbefugnis vs. starre Prozesse), Einkaufen (online vs. Geschäft) usw. Ich habe nun vor, diese Beobachtungen jeweils zunächst zu beschreiben und dann gesellschaftlich einzuordnen (da ich nix anderes kann, vermutlich wieder vor systemtheoretischen Hintergründen). Wie genau, wird man dann sehen.

#Coronaµdigkeit #NeunMonateTwitter #Grounded

Ich habe echt langsam keine Lust mehr auf Corona, und bin überzeugt, dass durch mehr Vernunft und Rationalität der derzeitige Anstieg der Zahlen vermeidbar gewesen wäre. Als generell vorsichtiger, oft sogar ängstlicher Mensch habe ich durchaus Verständnis für irrationale Sorgen. Ich verstehe auch, dass es für Leute, die kein naturgegebenes Talent für Mathe haben (auch so wie ich), schwer ist, statistische Zusammenhänge (Einordnung von Impfquoten, Beurteilung von Impfdurchbrüchen, usw.) zu durchdenken oder sich – immer noch, nach fast zwei Jahren Corona – exponentielle Anstiege von Fallzahlen vorzustellen. Aber das kann man alles lernen.

Ich hatte zum Beispiel sehr lange Flugangst, mit den typischen irrationalen Befürchtungen: „Gerade weil es so selten Abstürze gibt, muss es doch mich treffen!“ Durch Fliegen lernen, also nicht nur theoretisch oder am Simulator zu verstehen, wie ein Flugzeug fliegt, sondern durch das Erfahren am eigenen Leibe, ist es mir gelungen, diese Angst einzudämmen und zu kontrollieren.

[Leider bin ich aus finanziellen Gründen derzeit #Grounded, also erst mal für längere Zeit nicht mehr in der Luft, was mit einer für mich überraschenden Traurigkeit und einem echten Gefühl der Einschränkung der Bewegungsfreiheit auf nur noch zwei Dimensionen einhergeht, aber das ist ein anderes Thema und ließe sich auch gut unter Privilegienchecks diskutieren.]

Genauso jedenfalls kann man sich mit Corona-Tools (wie der Impfung) befassen und verstehen, warum sie nicht schlimm, sondern hilfreich ist. Aber sowas trifft mittlerweile häufig sofort auf Abwehr. Guckt man sich halt nicht an, versucht es nicht mal. Ein bisschen wie in Brechts „Leben des Galilei“, wenn man halt bei festen Überzeugungen bleibt, ohne empirische Fakten dagegen auch nur als potenziell gültig zu prüfen.

Vielleicht braucht es daher den Druck der Masse? #allesindenArm ist gerade ein Twitter-Trend, bei dem alle möglichen Leute dazu aufrufen, sich endlich impfen zu lassen. Zurzeit ist er bei 68.400 Tweets, was sehr viel ist, vor allem im Vergleich zu impfkritischen Hashtags (die ich nicht verlinke, was wiederum durch das Hashtag #FalseBalance begründet werden könnte). Es ist in gewisser Weise beruhigend zu sehen, dass ‚die Mehrheit‘ ähnlich denkt wie ich. Natürlich ist letzteres kein Wert an sich. Aber vor dem Hintergrund der rationalen Beschäftigung mit der Corona-Thematik macht es doch Hoffnung.

Seit Januar 2021 übrigens habe ich einen Twitter-Account, …

[Edit: äh … was dann 11 Monate sind, nicht 9 wie in der Überschrift … so viel zu meinem Mathetalent 😀 ]

… um auszuprobieren, wozu das gut ist und wie sich das anfühlt. Uta Buttkewitz hat ja in ihrem Buch kritisiert, dass es kurze folgenlose Kontakte sind, um die es in ’sozialen‘ Medien geht, aber das ist nicht immer so. Ich hatte auch positive Twittererlebnisse: Wenn Wissenschaftler*innen Erklärthreads zu diversen Themen posten; wenn (wie beim Historikertag neulich) parallel auf Twitter diskutiert werden kann, was ein schönes Gefühl der Teilhabe erzeugt; oder wenn man über interessante Veröffentlichungen und Veranstaltungen informiert wird. Auch als simpler Newsfeed der üblichen Zeitungen und Nachrichtensendungen lässt sich Twitter benutzen.

Aber, ja, wesentlich sind immer auch Selbstdarstellung (persönlich oder zu Werbezwecken), Affektentladung als Einzelne*r oder hinter Hash-getaggte Twitter-Trends versammelte Gruppe, sowie das kurzfristige Belohnungsgefühl eines „Likes“ (nett) oder gar eines „Retweets“ (viel besser). Gerade letzteres ist mir selten vergönnt, was vermutlich heißt, dass die Dinge, die ich dort schreibe oder verlinke, nicht relevant genug für meine derzeit 55 „Follower“ sind. 🙂

Den Kopf [frei kriegen] über den Wolken

War mal wieder so weit. Die übliche Runde ‚um den Block‘. Mittlerweile sieht es wieder viel trockener aus als letzten Monat, der Elbpegel ist wieder gesunken.

Wir sprachen heute kurz darüber, dass das Selber-Fliegen ein großes Privileg ist. Aber das ist es nicht nur wegen der Landschaft usw. Sondern weil das räumliche Herausheben auch für den Luxus steht, den Alltag hinter sich lassen zu können. Ich weiß nicht, wie das bei Berufspilot*innen ist oder bei Fluglehrer*innen, für die das der normale Job ist. Aber wenn ich vielleicht drei, wenn’s hoch kommt, vier mal im Monat für je eine halbe bis dreiviertel Stunde unterwegs bin, ist das immer noch etwas Besonderes. Und etwas, wo ich dann ganz bei der Sache und mir selbst bin. Für diese Zeit verschwinden alle eigenen und medial vermittelten Weltschmerzen. Das ist das eigentliche, zu hinterfragende, Privileg.

Gedankenlos

Sobald das Flugzeug abhebt, verfliegen alle Gedanken.

Das Gefühl des Steigens, körperlich und leiblich, und der Blick auf Geschwindigkeit, Steigrate, Richtung, mehr ist nicht wichtig, und je kleiner die Welt unter mir wird, umso irrelevanter erscheinen die Sorgen des Alltags aus der ersten Tageshälfte.

Spontan (statt nur Platzrunden) ein Rundflug, die Stadt von oben in 2.000 Fuß ist so ruhig, alles so klein und unwichtig. Magdeburg habe ich mittlerweile schon so oft aus der Perspektive gesehen, aber trotzdem ist es immer wieder neu.

Der Elbpegel ist mit knapp 2,50 m gerade recht hoch (im Vergleich zu den letzten Jahren) und aus der Luft sieht man gut, wie der Fluss vor kurzem noch begehbare Spazierwege überschwemmt hat:

Da unten, auf dem schmalen grünen Streifen unterhalb des Hafens, war neulich noch viel mehr Platz.

Sogar Gräben in der Umgebung sind voll mit Wasser gefüllt.

Aber das ist alles noch im Rahmen, fast „normal“, so wie man sich einen großen Fluss vorstellt.

Nach der Landung das übliche Highsein.

Und das Abendessen, Pilzsuppe am Flugplatzrestaurant. Dort zufällig einen ebenfalls fliegenden Bekannten getroffen, der erzählt, dass das Restaurant in Stendal jetzt auch wieder geöffnet hat, mit gutem Eiskaffee. Und unverständlich, dass es in Dessau am Platz nicht mal Kaffee gibt, und auch keinen Fahrradverleih (mehr). Luxusprobleme, die mir aber in diesem Moment sehr interessant erscheinen.

Dann die Fahrradfahrt nach Hause, noch mal 9 Kilometer durch die laute Abendstadt, die zurzeit noch wie vor Corona wirkt, und die ich lange nicht mehr so gesehen haben. Nach der Ruhe am Himmel wirkt sie doppelt.

Zu Hause die Nachrichten, um auch gedanklich wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen, mit den Fluten in Südwestdeutschland …

Weltraum (oder so).

Grenzen sind ja immer so eine Definitionssache. Das sieht man gut an Staaten, die der Ansicht sind, diese oder jene Region, Insel oder Halbinsel würde doch eigentlich zu ihnen gehören, während der Rest der Welt das mitunter ganz anders sieht (aktuelles Beispiel: China und das US-Kriegsschiff, ein Szenario, das frappierend an den Beginn des kürzlich erschienenen Romans „2034“ von Elliot Ackerman und James G. Stavridis erinnert, ein Buch übrigens, das eher nüchternes Sandkastenspiel denn spannende Erzählung ist). Jedenfalls beginnt der Weltraum, die gern beschworene „letzte Grenze“, nach internationaler Ansicht in etwa 100 km Höhe, bei der sogenannten Kármán-Linie. Ungefähr ab dieser Höhe reicht die Dichte der Erdatmosphäre nicht mehr aus, um auf konventionelle Weise (= mit Tragflächen, die Auftrieb brauchen) zu fliegen.

Darum muss Richard Branson, der u.a. das Musiklabel Virgin, diverse Fluggesellschaften und die Weltraumtourismus-Firma Virgin Galactic gegründet hat, mit dem Spott seines Konkurrenten Jeff Bezos (Blue Origin und, vor allem, Amazon) leben. Branson kam nämlich gestern als Passagier seines eigenen Raketenflugzeugs VSS Unity (SpaceShipTwo) nur auf 83 km — was allerdings immer noch ca. 8 Mal mehr ist, als Sie bei Ihrem nächsten Urlaubsflug erreichen, und zumindest optisch schon sehr nach Weltraum aussieht. Schwerelos ist man auch, zumindest knapp vier Minuten lang, bevor es schon wieder nach unten geht.

Der kurze Ausflug reichte trotzdem dafür, dass Branson und seinen Kolleg*innen das Astronautenabzeichen der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA verliehen wurde (übrigens angesteckt vom kanadischen Astronauten Chris Hadfield, der vor ein paar Jahren durch sein in der Internationalen Raumstation aufgenommenes Gitarrencover des Bowie-Songs „Space Oddity“ bekannt wurde). Denn die USA hat mal irgendwann definiert, dass das Weltall schon bei 80 km beginnt. Jeff Bezos, der eigentlich vor Branson der erste sein wollte, wies schon mal darauf hin, dass seine Astronauten keine Fußnote an ihren Titel anhängen müssen — denn Blue Origins Rakete New Shepherd kann die Kármán-Linie überqueren. Bezos will das am 20. Juli zeigen, und unter anderem wird er die 82jährige Wally Funk mitnehmen. Wally Funk ist Pilotin und bestand in den 1950er Jahren dieselben medizinischen Tests wie die ersten männlichen US-amerikanischen Astronauten, durfte selbst aber nie ins All fliegen. Mehr als 50 Jahre später kann sich das nun ändern.

Der dritte im Bunde verhielt sich bei dem derzeitigen … (schreibe ich das jetzt? Ach, was soll’s …) … galaktischen Schwanzvergleich sehr ruhig. Kurz vor Bransons Start twitterte Branson noch ein Foto, auf dem er zusammen mit Elon Musk zu sehen war — gute Freunde, kurz vor der Fahrradtour am Wochenende. Musk, der neben der Elektroauto-Firma Tesla und dem Gehirnchip-vs.-KI-Unternehmen Neuralink auch der Firma SpaceX vorsteht, kann sich allerdings auch entspannt zurücklehnen. SpaceX führt inzwischen regelmäßig Auftragsflüge für die US-Raumfahrtbehörde NASA durch, seit letztem Jahr auch mit menschlichen Crews. Alles sehr durchgestylt und PR-optimiert, aber bisher immerhin zuverlässig. Auch Bezos hat das eines Tages vor; Blue Origins Schwerlast-Rakete New Glenn soll 2022 das erste Mal starten.

Neben Elon & Jeff on Mars (wie der Satiriker Marc-Uwe Kling die beiden in seinen Känguruh-Comics bei ZEIT online nennt) erscheint Bransons Ansatz als der — gemessen am Nutzen für die Menschheit und Erde — nicht nur umweltschädlichste (ein Flug verursacht 60% der Emissionen eines Transatlantikflugs, und während im Death Valley gerade erst 56,7 °C gemessen wurden, fliegen reiche Leute klimaschädlich durch die Gegend), sondern auch als der sinnloseste. Oberflächlich betrachtet geht es bei Virgin Galactic allein um den kurzen Kick für vergnügungssüchtige Superreiche, die noch auf leicht bekleidete Galionsfiguren an Flugzeugrümpfen stehen (die bei Virgin Atlantic aber mittlerweile immerhin divers gestaltet sind, statt wie vorher nur Frauen zu zeigen).

Trotzdem zieht Branson in seiner Inszenierung alle PR-Register echter Raumfahrt — extra designte blaue Overalls, die so richtig nach Astronaut*in aussehen; die Autokolonne zum Startflugzeug (mehrere Range-Rover-SUVs mit Plugin-Hybrid-Technik, was gut klingt, aber nach Ansicht von Kritiker*innen eher in die Kategorie Greenwashing gehört); die Bezeichnung „Mission Specialist“ für die Besatzung, deren einzige „Mission“ aber Mission ist, also Marketing und zu schauen, wie sich das ganze Erlebnis eigentlich aus Passagiersicht anführt; und natürlich der Live-Stream, der in bester SpaceX-Tradition Innen- und Außenansichten des Fluges anbot.

Und ja, ich nehme das den Leuten an Bord schon ab, dass sie da viel Spaß hatten und fasziniert waren von dem Flug, von der Schwerelosigkeit, vom Anblick der Erde aus so großer Höhe. Ich kann die kindliche Faszination des 70jährigen Branson völlig nachvollziehen, und hätte ich genug Geld und wäre die Technik jahrelang erprobt, wer weiß, ob ich nicht selbst auch mitfliegen würde. Der kleine Kapitalist in mir findet es auch sinnvoll, dass die Raumfahrt privatwirtschaftlich vorangetrieben wird — verschiedene Unternehmen, verschiedene Ansätze, irgendwas davon wird sich vielleicht durchsetzen und irgendwann vielleicht einen erschwinglichen Weg ins Weltall bahnen. Schon als Jugendlicher, so mit 16, 17, wollte ich ins All. Damals stellte ich mir vor, man würde mir einen Flug zum Mars ohne Wiederkehr anbieten — würde ich „ja“ sagen? Und natürlich hätte ich „ja“ gesagt, in meinem jugendlichen Übermut, der von Science-Fiction-Serien wie Star Trek und Babylon 5 geprägt war, aber weder Freundin, Job noch sonstige Verpflichtungen kannte.

Leider steht es nicht gut um die Welt, und wir sind nicht wirklich in einer Lage, in der man unbeschwert darüber nachdenken sollte, wie man die Welt verlassen kann statt sie zu retten. Bransons Ansatz ist der Kurzstreckenflug der Raumfahrt — der schnelle Hüpfer, für den es keine Notwendigkeit gibt und der eigentlich zu unterlassen wäre. Bezos‘ und Musks Ansätze tun wenigstens so, als wären sie nützlich (Internationale Raumstation; Frachttransporte), auch wenn dieser Nutzen zu hinterfragen wäre. Wie viel davon dient der Forschung, und wenn ja, welcher Art von Forschung? Geht es dabei nicht auch am Ende nur um Wirtschaftswachstum?

Bei all dem Gejammer gerade ist mir meine eigene Hybris sehr bewusst — nicht nur, dass ich das Fliegen quasi promote, indem ich Artikel für Flugsimulations-Zeitschriften schreibe, sondern auch, dass ich selbst Flugzeug fliegen lerne, was ich mir damit schön rede, dass Ultraleicht nur wenig Treibstoff verbraucht, ich kein Auto fahre und bisher nur selten als Passagier in den Urlaub geflogen bin. Aber im Prinzip tue ich im Kleinen nichts anderes als die Milliardäre, auf die ich so zynisch herabblicke. Oder wie die Leute, die mit Hingabe an ihren Autos oder Motorrädern schrauben. Die Faszination für Technik und dafür, mit Hilfe von Technik über sich hinauszuwachsen.

Gott, in meinem GameStar-Artikel neulich über eine Simulation des sehr alten Flugzeugs Douglas DC-6 (Paywall) aus den 1950ern habe ich sogar einen Satz geschrieben, der mir irgendwie peinlich ist, gerade weil ich ihn ernst meinte: „Seht ihr, wie schön die Zeiger der ganzen Rundinstrumente zittern, während die Motoren an Leistung gewinnen?“ Das ist nicht mehr weit weg von Leuten wie dem Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt, der neulich in einem taz-Interview davon schwärmte, wie geil er Ferrari-Motoren findet. Und Bransons Trägerflugzeug WhiteKnightTwo mit dem SpaceShipTwo in der Mitte finde ich auch mal sehr schön. Solange umweltschädliche Technik auf diese Weise wirkt (weil sie so inszeniert und ihre Wirkung so tradiert wird), wird das nichts mit der Klimawende. Verdammt.


Hinweis: In der ersten Version des Artikels habe ich den „Spaceport America“ fälschlicherweise in die Mojave-Wüste verlegt. Das war falsch; dort liegt lediglich der „Mojave Air & Space Port“, auf dem u.a. Virgin Galactics erstes Raketenflugzeug, SpaceShipOne, getestet wurde.

(Titelbild: Virgin Galactic)

Das BMBF geruhte, zu antworten. Und zeigt, dass es nichts verstanden hat. #IchBinHanna

Eigentlich wollte ich jetzt erstmal nichts mehr zu #IchBinHanna schreiben, denn das haben andere, noch viel direkter Betroffene als ich schon getan (siehe etwa Kathrins Bericht sowie die vielen vielen Twitter-User*innen). Aber nun hat das BMBF geantwortet – am Sonntag, dem Tag der Ruhe, an dem aber dennoch viele viele Wissenschaftler*innen an Papern, Anträgen und Qualifikationsarbeiten sitzen.

Ganz empathisch, ich möchte sagen: huldvoll gar, ist bereits das Foto, mit dem die Mitteilung beginnt. Nur ein leeres Rednerpult mit Bundesadler ist dort zu sehen. Die Perspektive ist geschickt so gewählt, dass wir als Betrachter*in ehrfurchtsvoll heraufblicken müssen – klein sind wir, und das Ministerium ist groß. Ich bin dankbar dafür, dass das BMBF die Rollen und Hierarchien hier gleich zu Beginn deutlich macht, noch bevor der Text beginnt. Klug auch, dass kein Mensch, keine konkrete Person, je in dem Text als Kommunikationspartner*in auf Augenhöhe erscheint, denn, so gibt das BMBF zu verstehen, es ist ja gar nicht zuständig! Die Entscheidung zur Befristung obliege den Ländern und den Hochschulen:

Keine Befristungspflicht

„Im Übrigen geht es in dem Gesetz ausdrücklich um die Möglichkeit einer Befristung, aber nicht um eine Befristungspflicht. Aus der bloßen Existenz dieses Befristungsrechts im WissZeitVG lässt sich nicht der Schluss ziehen, dass Dauerstellen nicht gewollt sind. Im Gegenteil.

Zentral ist, dass das Gesetz mit einer guten Befristungspraxis gelebt werden muss. Die Hochschulen und Forschungseinrichtungen als Arbeitgeberinnen müssen mit den ihnen gewährten Freiräumen verantwortungsvoll umgehen.“ (BMBF)

„Augen auf bei der Berufswahl“, tönte es auf Twitter mehrfach von Menschen, die #IchBinHanna als lächerliches Gejammer einer arbeitsfaulen, primär geisteswissenschaftlichen Akademiker*innen-Schicht missverstehen.

Aber es geht bei #IchBinHanna gar nicht um die Illusion, dass jetzt alle Professor*in und Beamte*r auf Lebenszeit werden sollen. Es geht auch nicht darum, dass es gar keine befristeten Stellen mehr geben soll.

Im Kern geht es bei #IchBinHanna darum, dass das BMBF in dem Video und jetzt in der herablassenden Mitteilung erkennen lässt, dass es die Arbeit der Hochschul-Mitarbeiter*innen nicht wertschätzt.

Und es ist traurig, dass das BMBF genau das nicht verstanden hat.

Letztlich muss man angehenden Wissenschaftler*innen, die wirklich den Wunsch haben, für länger an einer Hochschule zu bleiben, wohl eindrücklich folgende, etwas zynische Hinweise auf den Weg geben:

  • Die ersten zwei, drei Jahre sind spannend, aufregend, die erste Konferenz, der erste Vortrag, das erste Mal der Flow, bis spät nachts ein Paper zu perfektionieren, das morgen abzugeben ist. Genieß es – so lange du kannst.
  • Wochenenden und Nächte sind zum Schreiben da. Wenn du Glück hast, sogar zum Schreiben deiner Dissertations- oder Habilitationsschrift. Aber ein schöner Projektantrag oder Projektbericht können doch auch Freude machen.
  • Sei mit deiner Arbeit verheiratet – oder such dir ein*e Partner*in, die das aus eigener Erfahrung gut versteht.
  • Es ist deine eigene Verantwortung, keine Überstunden zu machen. Niemand zwingt dich. 🙂
  • Sieh „publish or perish“ als Herausforderung an, als Chance – nicht als Bürde. Es ist ein Privileg, dass du überhaupt in der Lage bist, auf einen Call for Papers zu antworten.
  • Schluck es herunter, wenn dein Prof deine Ergebnisse veröffentlicht, ohne auf deine Arbeit hinzuweisen oder – Gott bewahre – deinen Namen als Mitautor*in aufzuführen. Es ist ein Privileg, dass du daran mitarbeiten durftest.
  • Wenn du gemeinsam mit anderen Fachbereichen interdisziplinäre Anträge stellst, achte darauf, dass es nicht wirklich interdisziplinär ist (das macht nur Arbeit), sondern vor allem deinem eigenen Fachbereich genug Mittel und Stellen bringt. Vielleicht hast du Glück und die Verwaltung lässt dich sogar eine dieser Stellen besetzen. Wenigstens für sechs Monate.
  • Verzichte auf Urlaub und Freizeitvergnügen, die Geld kosten. Wann immer du einen Cent über hast, spare ihn. Denn du wirst ihn brauchen, um kein Hartz IV beantragen zu müssen.
  • Hartz IV willst du vermeiden, um nicht von Arbeitsvermittler*innen gesagt zu bekommen, dass deine ganze Lebensleistung wertlos ist und du lieber eine Wiedereingliederungsmaßnahme besuchen solltest.
  • Wenn du Lehre machst, ohne angestellt zu sein: Erzähl‘ den Studierenden nicht, dass du dafür nicht mal den Mindestlohn bekommst. Es würde sie nur desillusionieren.

Ach, ich könnte noch ewig so weitermachen. In bösem Sarkasmus lauter kleine Nadelstiche aufzählen, die ich entweder selbst erlebt oder bei Freund*innen und Kolleg*innen beobachtet habe. Aber ich habe ja schon neulich geschrieben, dass ich das System Hochschule am Ende verlassen habe, insofern betrifft mich das nur noch als Beobachter. Und doch… 😦