2020 >> 2021

Ich weiß nicht, ob es am allgemeinen Älterwerden liegt, dass das Jahr 2020 für mich subjektiv sehr sehr schnell vergangen ist, oder an den drei medialen Pfeilern Corona, Brexit und Trump, die zwar mit zeitweise unterschiedlicher Gewichtung, aber doch zu jeder Tages- und Nachtzeit die großen Zeitungen, Nachrichtensendungen und Internetportale dominierten, andere Themen an den Rand drängten (etwa die Flüchtlingssituation in Moria oder die starken Wald- und Buschbrände in den USA und in Australien) und so keine Pause, kein zur-Ruhekommen zuließen, oder doch nur eines, zu dem ich mich wirklich zwingen musste.

Die Idee, doch einfach entsprechenden Medienkonsum zu reduzieren, ist nicht einfach umzusetzen, wenn man medientheoretisch-kommunikationssoziologisch geprägt ist. Das gehört dann nicht nur zur (frei)beruflichen Identität, sondern zum ganzen Selbstbild. Immerhin, im Lauf des Jahres gelang es mir, nicht mehr bis nachts zwischen Spiegel, Zeit, Süddeutscher, taz und FAZ hin und her zu „zappen“, und im Spätsommer war ich dann so weit, mich nur noch morgens auf den aktuellen Stand zu bringen. Und seit Weihnachten habe ich fast gar nicht mehr ins Internet geschaut, selbst E-Mails nur sporadisch gecheckt.

2020

Auf der aktiven, Medien produzierenden, Seite verging das Jahr ebenfalls sehr schnell. Vier große Projekte dominierten 2020. Zum einen kam mein Fachbuch „Nutzerverhalten verstehen — Softwarenutzen optimieren“ auf den Markt. Darin erkläre ich kurz und knapp, wie sich spätere Probleme der Softwarenutzung abfangen lassen, wenn man stärker als allgemein üblich qualitative Beobachtungen von Nutzer*innen während der Entwicklung einbezieht und dies vor bestimmten system- und differenztheoretischen Ansätzen auswertet. Im Allgemeinen findet sowas auch in sogenannten agilen Methoden nur in kleinem Rahmen statt; ich plädiere dafür, das auszuweiten. Kontext des Buches sind auch Gedanken zu mehr Transparenz, was Prozesse und Ergebnisse des Einsatzes von Software angeht, und zu denen ich im Januar zwei längere Artikel im Über/Strom-Blog veröffentlichen möchte.

Das zweite große Projekt war im August das GameStar-Sonderheft zum neuen Microsoft Flight Simulator, das einen großen Teil des Sommerurlaubs einnahm. Wir waren zu der Zeit gerade im Schwarzwald, im „Haus Rehblick“ in Saig, wo „zufällig“ auch Sitz des VST-Verlags und des FS MAGAZINs (der einzigen deutschsprachigen Fachzeitschrift zur Flugsimulation) ist. Die Tage teilten sich in schreiben (vormittags) und wandern (nachmittags). Ich habe ca. 48 der 146 Seiten des Hefts verfasst, vor allem Anleitungen/Tutorials. Das war alles ziemlich aufregend und stressig, weil wir nur wenig Zeit zur Verfügung hatten; gleichzeitig freue ich mich sehr, dass ich daran mitarbeiten konnte, weil mir gerade die Sonderhefte immer sehr gefallen (… die sind auch sehr hochwertig gedruckt).

Kurz vor dem Urlaub gelang es mir noch, mein Sachbuch „Let’s Play! Was wir aus Computerspielen über das Leben lernen können“ abzugeben. Im Gegensatz zu meinen anderen Büchern habe ich „Let’s Play“ auch selbst layoutet. Nicht, dass mir das Standardlayout meines Verlags nicht gefallen würde, aber ich wollte gerne zweispaltigen Satz, farbige Überschriften und Flexibilität bei der Bildgestaltung. Für den Satz habe ich die Open-Source-Software Scribus verwendet, was einige Einarbeitung benötigte. Das Endergebnis halte ich für recht gelungen, zumindest scheine ich keine ganz krassen Fehler gemacht zu haben. Als das Buch dann im November 2020 endlich erschien und ich meine drei Freiexemplare in der Hand hielt, war ich daher doppelt zufrieden.

Das vierte große Projekt schließlich ist die Buchreihe „Über/Strom“, in der „Let’s Play“ erschien und zu der auch dieses Blog gehört. Der erste Band der Reihe war im Frühjahr „Smiley, Herzchen, Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co.“ von Dr. Uta Buttkewitz (Uni Rostock), die ebenfalls Herausgeberin der Reihe ist. Zwei Gedanken aus dem medientheoretisch fundierten Band haben es mir besonders angetan: die These, dass Kommunikation im Internet oft nur ein kurzer, folgenloser Kontakt ist, der mehr der Selbstbestätigung dient als einem ‚echten‘ Austausch, und dass wir deshalb in einem „Zeitalter des Verschwindens“ leben würden (siehe dazu auch das Interview, das ich mit der Autorin vor einiger Zeit führte).

Neue Über/Strom-Bücher 2021

Und es geht weiter — 2021 erscheinen unter anderem folgende Bände:

Das Buch „Wer sehen will, muss spüren“ beschäftigt sich aus vorwiegend leibphänomenologischer Sicht sowie mit Bezügen zur Psychologie mit dem Schauen von Filmen und Serien. Die Germanistin, Philosophin und Lehrerin an einer berufsbildenden Schule Wiebke Schwelgengräber fragt darin, wie wir leiblich (als Abgrenzung zur Körperlichkeit der üblichen Sinnensorgane) von Filmen/Serien betroffen sind, wenn es etwa um die Entstehung und Wahrnehmung von Atmosphären und Gefühlen geht.

Im Buch „Tabula Rasa 2.0“ geht die Neurobiologin Dr. Kathrin Marter dem Stress in unserer digitalen Welt nach. Sie zeigt anschaulich, was Stress ist und wie er entsteht, und gibt vielfältige Anregungen zu einem bewussteren Umgang mit dem Phänomen im Alltag. Leser*innen des Über/Strom-Blogs kennen die Autorin bereits aus mehreren Beiträgen.

Weitere Bände der Reihe sind bereits in Planung; mehr dazu zu gegebener Zeit.


Soweit mein kleiner Jahresrückblick bzw. -vorgriff.

Möge das Jahr 2021

ruhiger

gesünder und

(zwischen)menschlicher sein.

Corona-Müdigkeit III

Das Jahr ist fast vorbei und zumindest medial wurde es von der Covid19-Pandemie und Donald Trump beherrscht, mit nur kurzen Abstechern in andere Themengebiete, gute wie schlechte. Immerhin, Trump ist nun bald erstmal nicht mehr US-Präsident, und diverse Impfstoffe gegen Corona stehen vor der Tür, aber … meine Güte, ging das Jahr schnell vorbei. Und wenn die Möglichkeit fehlt (oder man sie aus Vorsicht nicht wahrnimmt), spontan wegzufahren, oder sich mit Leuten zu treffen, oder diverse städtische Aktivitäten wahrzunehmen (shoppen, Essen gehen, in Cafés rumhängen, Kino, Theater, Museum, Musik), weil da halt viele viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, und wenn man dann zusätzlich primär allein im Home Office arbeitet (seit einem Monat allerdings zumindest für meinen 5-Stunden-Job ca. wöchentlich bis zweiwöchentlich im Wechsel mit Büro) … und wenn man beim morgendlichen Blick nach draußen dann feststellt, auch wettertechnisch in einer Wolke zu sein (so wie jetzt gerade, siehe Bild), dann kann sich die Corona-Müdigkeit mal wieder Bahn brechen.

Was hat 2020 dann gebracht? Viel Arbeit, wenig wirksame Ablenkung, Selbst-Reflexion nur bezogen auf die diversen Arbeitsthemen und -arten. Aber vielleicht ist das der Kern des Problems. Ohne die sonst üblichen Ablenkungen arbeitet man noch mehr, oder guckt noch mehr Netflix, oder spielt Computerspiele, statt sich mal auf sein Inneres zu konzentrieren.

Gut, aber das ist jetzt wahrscheinlich wirklich das Wetter. Im Frühling sah’s noch anders aus:

2020+

Nach einer ausgedehnten Weihnachtspause (bis auf die Ankündigung des ersten Bandes unserer Buchreihe!) erwacht nun auch das Über/Strom-Blog wieder zum Leben. Eigentlich wollte ich etwas über die (fast schon zum Klischee gewordene) Vorstellung der „neuen“ Zwanziger Jahre schreiben, die nun begonnen haben. Der Rückblick auf die sowohl „Goldenen“ als auch düsteren 1920er bzw. der Vergleich mit diesen liegt ja rein menschlich nahe, und zahlreiche Medien jeder Couleur versuchen sich daran. Der aktuelle Iran-Konflikt passt leider zu den negativeren der Vergleiche, wie überhaupt die zunehmend härtere Politik weltweit. Das neue Jahrzehnt geht also eher entmutigend los. Vor einer Dekade nahm ich die Welt insgesamt noch hoffnungsvoller war. Aber genug davon.

Über/Strom ist in erster Linie eine Buchreihe, und der Untertitel lautet bekanntlich: „Wegweiser durchs digitale Zeitalter“. Damit sind tatsächlich die Jahre 2020-2029 gemeint. Die ersten Bände der Reihe erscheinen 2020 und dann ist geplant, bis 2029 jährlich Bände herauszubringen. Dieses Blog begleitet und ergänzt die Reihe.

Wir haben das Blog im Mai 2019 aufgesetzt und mit verschiedenen Artikelformaten getestet — kleinere Essays, Interviews, Buch- und Musikvorstellungen, sowie mehr oder weniger stark kommentierte Linksammlungen. Diese Mischung werden wir im Wesentlichen beibehalten, allerdings die Anzahl der Artikel erhöhen und eine stärkere Vernetzung herstellen.

Regelmäßigkeit ist in der „Aufmerksamkeitsökonomie“ des Internet offenbar ein entscheidender Faktor. Im ersten dreiviertel Jahr dieses Blogs konnten wir gut sehen, wann sich Zugriffszahlen erhöhen, wann sie wieder sinken und wie sie relativ stabil bleiben. Regelmäßigkeit und Vernetzung haben insbesondere im Sommer letzten Jahres Wunder gewirkt; sobald man aber nachlässt, gehen Zugriffszahlen auch schnell zurück. Beiträge müssen sich gegenseitig stützen — längere, aber seltenere Texte von kürzeren, aber häufigeren begleitet werden.

So etwas verlangt, dem Blog ausreichend Zeit zu widmen. Die Voraussetzungen dafür habe ich Ende des letzten Jahres geschaffen, indem ich eine meiner anderen freiberuflichen Tätigkeiten beendet habe und ab sofort auch andere, ablenkungsfreiere Schreibumgebungen ausprobiere. Wir werden mal sehen, wie das funktioniert. 😉 Blogeinträge, in denen steht, dass man künftig häufiger bloggen will, sind ja manchmal auch ein Zeichen dafür, dass noch weniger passiert. Ich gebe mir Mühe, dass das nicht geschieht.

Auf jeden Fall wünschen wie allen Leser*innen ein gesundes 2020 🙂