Raunächte — digitale Ruhe und Besinnlichkeit zwischen den Jahren

In diesem Blogbeitrag geht es um die Raunächte, ihre Bedeutung, wie wir sie gut für uns nutzen können, um das alte Jahr dankend gehen zu lassen und das neue Jahr zielorientiert willkommen zu heißen. Ganz im Sinne der Über-Strom-Reihe nutze ich Beispiele aus unserem digitalen Alltag, um Rück- und Vorschau einzuleiten. Ganz im Sinne von Tabula Rasa 2.0 frage ich, um ungesunde Glaubenssätze und Verhaltensweisen erkennbar zu machen und die Absicht der Integration neuer gesunder Verhaltens- und Denkweisen zu ermöglichen und zu stärken.

Raunächte — Tage außerhalb der Zeit

Die Raunächte, auch Rauhnächte, gehen vermutlich auf den germanischen Mondkalender zurück. Dieser hatte ein Jahr mit zwölf Mondmonaten und demnach 354 Tagen. Die zum heutigen Sonnenkalender mit 365 Tagen fehlenden elf Tage – bzw. zwölf Nächte – sind, aus Sicht des Mondkalenders, mit dem Wissen um den Sonnenkalender, Tage außerhalb der Zeit. (1)

Diese Tage außerhalb der Zeit sind für viele von uns arbeitsfreie Tage. Durch die vorbereitenden Adventsonntage, das Raunächte einleitende Weihnachten bei Kerzenlicht, Liedern, im Kreise der Familie kommen wir zur Ruhe und erleben zwischen den Jahren eine besinnliche und entschleunigte Zeit. Sie wirkt durch die kurzen Tage um die Wintersonnenwende mit dem 21.Dezember immer auch mystisch.

Analoge Tage außerhalb der Zeit?

Die Raunächte können dieses Jahr ganz besonders, auch eine Zeit sein in der Körper, Psyche und emotionales System einen Ausgleich zur Digitalisierung erfahren.

Ich liebe die Digitalisierung! Sie hat es mir ermöglicht meine YogaLehrAusbildung trotz Lockdown zu Hause zu beenden. Sie ermöglicht es mir in Kontakt zu bleiben und z.B. zu Weihnachten auch meine Schwester sehen zu können, die nicht ‚anfassbar präsent‘ bei uns sein wird. Die Digitalisierung ermöglicht es mir meine Yoga-Kurse auch weiterhin anzubieten und so viele Menschen bei ihrer Entspannung und Stressbewältigung in dieser irren Zeit zu unterstützen und ich kann sogar Formate wie die Raunächte-Meditations-Challenge anbieten, für die es vor Corona und den damit verbundenen Lockdowns keine Zielgruppe und/oder keine Bereitschaft und Vorstellungskraft gegeben hätte: Ab dem 21.Dezember werde ich nun jeden Morgen um 7 Uhr (vielleicht 6:50 Uhr) aus dem Bett kullern, den Rechner hochfahren und um 7:15 Uhr mit Gleichgesinnten meditativ die Raunächte begehen. Ebenso um 20:45 Uhr, damit ich gegen 21:30 Uhr tief verbunden mit mir selbst und absolut präsent wieder ins Bett kullern kann, um dort in der Meditation, die sich Schlaf nennt, zu regenerieren und aufzutanken. Ich wünsche mir von mir selbst, dass sich dieses Meditations-Ritual durch die Raunächte so festigt, dass ich es beibehalte, weil es mir gut tut, weil es gesund ist und ich gesund sein möchte.

Raunächte- digitale Ruhe und Besinnlichkeit zwischen den Jahren

Die Meditation, wenn hier auch digital übertragen, um im Lockdown gemeinsam zu sein, ist ein wundervolles Pendant zur Digitalisierung, weil wir uns in der Meditation von äußeren Reizen zurückziehen. Das Digitale, viele werden es spätestens in der Intensität des Home Office und der Lockdowns bemerkt haben, ist körperlich und kognitiv anstrengend:

Die Impulse der hellen Bildschirme strengen die Augen im Übermaß an, bei schlechter Verbindung der Telco muss das Gehirn sich aus abgehackten Tönen den Kontext zusammenschustern, viele Formate wollen unsere Aufmerksamkeit und einige versuchen sie über angstauslösende Titel und Artikel zu bekommen. Gleichzeitig haben wir, ob der Fülle der digitalen Angebote, Belehrungen und Informationen keine Zeit uns tief und ernsthaft mit deren Wahrheitsgehalt auseinanderzusetzen, um unsere individuelle Wirklichkeit in der aktuellen Situation überhaupt noch einschätzen zu können.

Dazu fehlt vielen Bewegung, vielen fehlen die eingefahrenen, Sicherheit-gebenden Routinen des Berufsalltag, die Gespräche auf dem Flur, das Käffchen. Zudem können digitale Formate uns nur sehr begrenzt emotional berühren, wie es ein Lächeln oder auch Nicht-Lächeln der Chefin in ‚Präsenz-Präsenz‘ könnte, so dass einigen Menschen sicher große Mengen Oxytocin fehlen und so ein Gefühl von Einsamkeit entstehen kann.

In der Summe kann der Körper am Ende dieses Corona-Jahres nicht-ausgelastet und rastlos sein, bei gleichzeitigen Gefühlen von Schwäche und/oder dem Gefühl nicht belastbar zu sein, schlecht in den Schlaf zu finden oder nicht durchschlafen zu können, eine stärkere Brille zu brauchen, Verspannungen in Hüfte, Schultern, Nacken und Gesicht, Kopfschmerzen bis hin zu Migräne und diffusen Ängsten, ob der Unsicherheiten und möglichen Veränderungen der eigenen Gesundheit und der eigenen Lebensumstände.

Raunächte — Rück- und Innenschau

Mit dem Wissen, dass die Tage wieder länger werden und das neue Jahr vor der Tür steht, regt sich Hoffnung in uns. Alle Jahre wieder, wünschen sich viele, dass das nächste Jahr besser wird als das vorangegangene, häufig ohne genau zu schauen, was alles erreicht wurde, ohne Dankbarkeit und Wertschätzung für das Erreichte und die Rückschau auf die Herausforderungen, die das Leben für uns bereit gehalten hat.

Diese Dankbarkeit und Wertschätzung allerdings sind es, die uns aus unserem tiefsten Innern heraus glücklich, zufrieden, entspannt und gesund sein lassen, die uns helfen, die Herausforderungen unseres Lebens anzunehmen, ohne dauerhaft den Ist-Zustand bekämpfen zu wollen, weil er noch nicht und niemals einen dauerhaften Zustand von Euphorie, Sicherheit und Fülle in uns auslöst.

Die Einflüsse von Sonne und Mond führen eine tiefe Empfindsamkeit herbei, die sich nutzen lässt, um

  • im Innen aufzuräumen,
  • Altes, das nicht mehr gebraucht wird, das nicht mehr nährt, dankbar und wertschätzend gehen zu lassen,
  • zu regenerieren,
  • die eigenen Wünsche und Bedürfnisse abzufragen,
  • neue Ziele zu visualisieren und
  • sich fest mit den eigenen kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen Zielen zu verbinden,
  • Schritte zur Wunscherfüllung zu reflektieren,
  • sich zu fokussieren und
  • zu erden.

In Bezug auf den stark digitalisierten, bewegungs- und kontaktarmen Home Office-(Lockdown)-Alltag lässt es sich fragen:

  • Welche digitalen Medien und Werkzeuge nutze ich stündlich, täglich, wöchentlich? Wie viele Stunden bin ich auf diese Weise täglich online? Möchte ich das so?
  • Welche Regenerationsmöglichkeiten möchte ich meinem Körper, meiner Psyche, meinem emotionalem System vor / nach einen digitalen Tag geben? Ist das smart, d.h. ist das Ziel
    • simpel genug, um es auch anzugehen?
    • messbar? (spätestens hier fällt das Ziel, dauerhaft glücklich sein zu wollen raus)
    • für mich attraktiv? Hab ich da Bock drauf?
    • realistisch? (hier können wir auch nochmal über das Glück nachdenken…)
    • Ist der Startpunkt terminiert? Ein Zeitraum? (hier können wir auch nochmal über das Glück nachdenken…)
  • Wovon habe ich gerade zu viel in meinem Leben? Wo von zu wenig? Wie kann ich das ändern?

Raunächte — Tabula Rasa 2.0 pur

Wie in einem Karriere- und Persönlichkeitsentwicklungsprozess in einem Workshop oder Coaching fragen uns die Raunächte nach unseren Bedürfnissen, persönlichen Motiven, Zielen und Werthaltungen. Unsere Wünsche und Bedürfnisse sind natürlich und menschlich (siehe auch Artikel zur Maslowschen Bedürfnisse-Pyramide in Corona-Zeiten). Nicht immer ist allerdings die Art und Weise, wie wir uns unsere Wünsche erfüllen und Bedürfnisse befriedigen wollen, sinnvoll und zielführend. So kann ich mir und anderen zum neuen Jahr Gesundheit und Glück wünschen (lassen); daran zu glauben, dass ich durch das Aussprechen dieser Sätze allein dauerhaft gesund und glücklich bin, ist allerdings ziemlich esoterisch.

Um z.B. dauerhaft gesund zu sein, muss ich/musst Du Verantwortung für deine Gesundheit übernehmen.

Es braucht die Rückschau:

  • Was hab ich alles schon probiert?
  • Was hat gut funktioniert?
  • Was hat nicht so gut funktioniert?
  • Warum hat es nicht gut funktioniert?
  • Warum hat das, was gut funktioniert hat, gut funktioniert? …

Es braucht die Innenschau:

  • Wie zufrieden bin ich mit dem IST-Zustand?
  • Wofür bin ich dankbar?
  • Was brauche ich und warum?
  • Wie kann ich bekommen, was ich brauche?
  • Ist das wirklich wahr?
  • Was hindert mich daran, mein Ziel zu erreichen?

Und es braucht den Blick in die Zukunft:

  • Wie fühlt es sich an, wenn ich mein Ziel erreicht habe?
  • Wer teilt meine Werte, Bedürfnisse und/oder Ziele und wie können wir uns gegenseitig unterstützen ?
  • Wie sieht mein Plan aus? Was sind meine ersten Schritte hin zur Zielverwirklichung?
  • Was/wer/wo sind meine Reminder?

12 Tage und Nächte für diese und weitere Fragen lassen uns uns tief bei uns selbst ankommen und den ein oder anderen Wunsch, das ein oder andere Gefühl, als kontra-produktiv entlarven und im alten Jahr lassen. 12 Tage und Nächte in Verbindung, in Achtsamkeit und Wertschätzung mit uns selbst, ermöglichen es uns Achtsamkeit, Wertschätzung und Dankbarkeit zu üben und als Routine, als neue gesunde Verhaltensweise mit ins neue Jahr zu nehmen und in den Alltag zu integrieren.

Und wenn Dich im neuen Jahr das Hamsterrad nach einiger Zeit doch wieder einholt, dann hast Du mit dem Fasten zu Ostern und spätestens mit den Raunächten in 2021  wieder die Gelegenheit, rauszupurzeln.

Tipp: Um in Verbindung mit Dir selbst und Deinen Zielen, Wünschen und Bedürfnissen zu bleiben, bietet sich eine regelmäßige Yogapraxis an. Der Yoga ist vor 1000nden Jahren dafür entwickelt worden, dass wir unseren wahren Wesenskern entdecken können. Er bietet daher immer wieder die Innenschau an, verbindet Dich wärmend und umarmend mit Dir und schafft einen sanft-bewegenden, ent-spannenden Ausgleich zum wahnsinnig coolen und an-spannenden digitalen Zeitalter!

Herzlichst frohe Weihnachten, besinnliche Raunächte und ein zufriedenes neues Jahr,

wünscht Dir

Kathrin

Die individuelle Krise in der Corona-Krise, die Angst und die Bedürfnisse dahinter

Die aktuelle Corona-Krise ist eine für uns noch nie dagewesene Situation, deren Folgen wir gerade auf der kurzfristigen Ebene deutlich spüren. Auch mittel- und langfristig wird sie viele, sehr facettenreiche, komplexe globale, nationale, regionale und persönliche Auswirkungen haben (Abb. 1). In diesem Artikel beleuchte ich die individuelle Krise, die sich für jeden einzelnen von uns aus den Gesamtsituationen ergibt und ordne sie den ersten zwei von vier Krisenbewältigungsphasen nach Verena Kast (1989) zu, um die hinter unseren aktuellen Gedanken und Verhaltensweisen stattfindenden Prozesse deutlich zu machen und Handlungsmöglichkeiten zu schaffen.

Abbildung 1: Grobe schematische Übersicht möglicher Bestandteile der aktuellen Krise/Krisen

Eine Krise zeigt sich zunächst einmal immer als unangenehm. Sie tut in irgendeiner Art und Weise weh. Täte sie es nicht, wäre es keine Krise. Eine Krise entsteht, wenn unsere Denk- und Verhaltensweise nicht mit der aktuellen Situation, einem oder mehreren Pressoren aus der Umwelt in Einklang ist. Die Krise nötigt uns, unser Denken zu überdenken und unser Tun zu ändern. Das bedeutet aber auch, dass die Krise eine Entwicklungschance ist. Wer die Krise meistert, geht mit neuer Denke, neuem, sinnvollerem Verhalten, gewachsen, entwickelt und gestärkt aus dieser hervor.

In der ersten Phase einer Krisenbewältigung greifen die meisten von uns unbewusst auf Abwehrmechanismen, z.B. die Verdrängung, zurück, um Körper und Geist zu schützen: Vermutlich haben die meisten von uns die Auswirkungen, die die Ansteckungsgefahr und die zum Teil lange Inkubationszeit bis zu den ersten Symptomen mit sich bringen und auch die Folgen, die eine Infektion für die Risikogruppen und damit einhergehend für die Krankenhäuser und deren Kapazitäten bedeutet, erst einmal unterschätzt. Auch dann noch, als wir über die Medien professionell informiert wurden.

Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, haben es ja gar nicht versucht, es war gar nicht Teil unserer Realität, dass es jemals nötig sein könnte, alle Schulen, Kitas, Sportvereine, Museen, Bibliotheken etc. zu schließen, alle Veranstaltungen, sogar Fußball! abzusagen und möglichst alle Angestellten ins Home Office zu schicken. Und das, obwohl sich in China und Italien die gleichen Szenarien bereits abspielten.

Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde.

Albert Camus, Die Pest, 1947

Das ‚Nicht wahrhaben wollen‘ ist Teil der individuellen Krisenbewältigung. Diese Phase muss jedoch überwunden werden, weil das Verdrängen nicht zu einer Bewältigung der individuellen Krise führt. Die Verlagerung der Krise ins Unbewusste wird sich letztlich in körperlichen Symptomen, z.B. Kopfschmerzen, Nackenverspannungen etc. zeigen, da die Gefühle, die dann in der zweiten Phase der Krisenbewältigung Ausdruck bekommen sollen und die in Zusammenhang mit der Krise stehen, nicht ausgedrückt werden. Der Ausdruck von Gefühlen wie Angst, Trauer und Wut in der zweiten Phase der Krisenbewältigung zeigte sich in Deutschland recht deutlich im Toilettenpapierankauf.

Der Ausdruck der Gefühle bringt jeden von uns heftig mit uns selbst in Kontakt! Hier lohnt es sich, achtsam zu schauen, denn hier zeigen sich die eigentlichen Ängste, Sorgen, unbefriedigten Bedürfnisse, die bei jedem die individuelle Krise auslösen und deren liebevolles Ausdrücken (weinen, wütend und/oder ängstlich sein), Annehmen und adäquate Bedürfnisbefriedigung uns der Bewältigung unser individuellen Krise näher bringt und uns lernen, wachsen, entwickeln lässt.

Wir haben leider, mit pandemischem Ausmaß, nicht gelernt, Gefühle von Trauer, Wut und Angst angemessen zuzulassen und auszudrücken: Wir haben schon in der Kindheit verdrängt, so dass es hier nun aus einem starken, von Angst und/oder Wut getriebenen Stresslevel heraus zu z.T. heftigen Gefühlen und Verhalten kommen kann, die denen unseres ‚Schattenkindes‘ mit seinen Ängsten und Sorgen, oder seiner Wut und/oder Trauer entsprechen und aus denen sich die eigentlichen Bedürfnisse ablesen, letztlich aber auch befriedigen lassen.

Um die menschlichen Bedürfnisse darzustellen, nutze ich hier vereinfacht das Modell der Maslowschen Bedürfnispyramide (1943). Das Modell beschreibt aus positiver, humanpsychologischer Sicht, was uns im Laufe unseres Lebens antreibt (Abb. 2). Ich habe aktuelle Verhaltensweisen aus den Medien gesammelt, den Bedürfnisebenen zugeordnet und Prognosen zu den dahinterliegenden, typischen Antrieben erarbeitet. Ich zeige Handlungsmöglichkeiten auf, mit denen wir das jeweilige Bedürfnis zielführend und aus eigener Kraft befriedigen können – verantwortungsbewusst, aus erwachsener Perspektive, mit erwachsenen Möglichkeiten und besonnen (wie die Politik uns bittet).

Abb. 2: Mögliche Erklärungen für aktuelle Verhalten, dahinter stehende Antriebe und Handlungsalternativen zur Bedürfnisbefriedigung auf der Grundlage der Maslowschen Bedürfnispyramide (1943)

Besonnenheit, ein antikes, großes Wort, bedeutet laut Wikipedia „überlegte, selbstbeherrschte Gelassenheit in schwierigen […] Situationen […], um vorschnelle und unüberlegte Entscheidungen oder Taten zu vermeiden“ (Wikipedia, 25.03.2020). Besonnen können wir sein, wenn wir zunächst einmal unser Stresslevel körperlich beruhigen. Dabei kann uns vieles helfen: Ruhe, gutes Essen, ausreichender Schlaf. Wer viel Energie hat, der geht (zurzeit allein) raus, laufen oder Fahrrad fahren, oder powert sich in Live-Online-Kursen aus (zum Beispiel mit mir).

Auf diese Weise wird zum einen das Stresslevel heruntergefahren und Besonnenheit möglich, zum anderen werden aber schon eine Vielzahl der angstauslösenden Bedürfnisse befriedigt. Zu jeder Sorge, die sich uns in unserem Verhalten oder unseren Gedanken dann zeigt, dürfen wir uns fragen, ob sie wirklich begründet ist: Ist das wirklich wahr? (eine sehr effektive Fragenmethode von Byron Katie, 2002). Es ist für unser Nervensystem sehr hilfreich, die verneinenden Antworten zu verschriftlichen. Vielleicht spüren Sie auch den Impuls, ihre positiven Antworten an den Kühlschrank oder den Badezimmerspiegel zu kleben und sich immer wieder ins Gedächtnis zu holen. Das wäre wunderbar und ist sehr effektiv, um Ängste zu lösen.

Es ist wichtig, mit den vorhandenen Ängsten konstruktiv zu arbeiten, gut zu sich zu sein, die Ängste entweder als unbegründet zu entlarven oder Wege zu finden, die Bedürfnisse auf hilfreiche, adäquate Weise zu befriedigen.
Die Tabelle in Abb. 2 kann dazu Impulse geben. Wir Menschen sind aber sehr komplexe wundervolle ‚Zauberwesen‘, deren Verhalten, Denken und Fühlen sich durch eine Tabelle nur unzureichend verallgemeinern lässt. Schauen Sie für sich selbst, was sich für Ihre individuelle Krise oder die individuellen Krisen in Ihrem Umfeld richtig anfühlt, passen Sie für sich an, wo sie anpassen wollen und lassen Sie weg, was für Sie nicht wichtig scheint.

Für die Betrachtung unserer individuellen Krisen sind alle Ebenen der Bedürfnispyramide interessant. Ein toller Motivator ist, dass uns die erfolgreiche Bearbeitung unserer Ängste und Sorgen auf den ‚unteren‘ Ebenen der Selbstverwirklichung näher bringt. Das meint es, wenn es heißt ‚die Krise ist eine Entwicklungschance‘! Viele Ängste und Sorgen auf der physiologischen und biologischen Ebene sind für die meisten Menschen in Deutschland tatsächlich unbegründet (es gibt Luft zum Atmen, genug zu Essen und zu Trinken, …). Wir dürfen uns darauf besinnen, dass wir in einem reichen Land leben, in dem (materielle) Grundbedürfnisse auch in Krisenzeiten gut abgesichert sind; einem Land, in dem wir nicht verhungern und verdursten werden und auch immer ein Dach über dem Kopf haben werden.

Schauen Sie selbst in die Tabelle zur Bedürfnispyramide und nehmen Sie wahr, welche Bedürfnisse tatsächlich allein durch staatliche Maßnahmen abgedeckt werden. Besonnene Zuversicht und Positivität sind wichtige Impulse für unser Nervensystem und helfen, das Stresssystem zu entlasten. Besinnen wir uns auch auf unsere Größe, auf all das, was wir im Leben schon geschafft haben, beruflich und privat und darauf, dass unsere Kompetenzen und Expertise mit der Krise nicht verloren gehen und spätestens nach der Krise, mit voller Kraft voraus! auch wieder gebraucht werden.

Die zweite Ebene der Pyramide scheint aktuell noch besonders relevant: das Bedürfnis / der Wunsch nach Sicherheit in dieser Zeit der Veränderung. Der Wunsch nach Gesundheit für sich selbst und die Lieben, die Sorge, sich selbst und die Familie nicht versorgen zu können (dazu hier eine kleine Rechnung) oder gar das eigene zu Hause zu verlieren. Auf dem Weg der individuellen Krisenbewältigung arbeiten wir uns alle unbewusst die Bedürfnispyramide nach oben. Großartig!

Die dritte (Soziale Bedürfnisse) und vierte (Individualbedürfnisse) Ebene werden, denke ich, im Verlauf der nächsten Wochen an Bedeutung zunehmen. Bewegungsmangel und eine, für die meisten ungewohnt niedrige Anzahl sozialer Kontakte werden sich ungewohnt bis unangenehm anfühlen. Für Personen, welche sich schon vor der Pandemie in schwierigen Situationen befanden, Personen mit psychischen Erkrankungen, Betroffene von häuslicher Gewalt, Menschen, die unter Einsamkeit leiden, ist die aktuelle Situation noch schwieriger. Melden Sie sich bitte regelmäßig bei betroffenen Personen in Ihrem Umfeld, laden Sie an Ostern zum Eier färben über Skype ein, oder machen Sie per Skype oder Telefon gemeinsam Mittagspause. Wenn Sie betroffen sind, zögern Sie bitte nicht, Hilfetelefone in Anspruch zu nehmen. Ich habe unten einige aufgelistet.

Die aktuellen Belastungen, Sorgen und Ängste sind für jeden von uns sehr real, nicht trivial und sehr verständlich. Es ist in Ordnung, besorgt zu sein und darüber zu sprechen. Nach der Annahme der Sorge/Angst gilt es, Lösungen zu generieren. Wir müssen flexibel kreative Lösungen für uns und andere finden, für die Zeit in der Krise, aber auch für danach. Uns gegenseitig zu unterstützen, wird auch unsere eigenen individuellen sozialen Bedürfnisse und das Bedürfnis nach Wertschätzung und Anerkennung befriedigen (Abb. 2) und uns näher zusammenbringen.

Es gibt bereits großartige Unterstützungs- und Solidaritätsangebote, z.B. von Nachbarn, die für Personen in Quarantäne oder Personen der Risikogruppen zur Verfügung stehen und helfen. Es gibt viele Berater*innen (z.B. karrierekunst.de, Benita Königbauer, Anwaltskanzleien wie haerting.de , u.v.m.), die ihre Expertise gerade kostenfrei zur Verfügung stellen. Darüber hinaus gibt es z.B. die Industrie- und Handelskammer und zahlreiche staatliche Informationsplattformen, welche auf verschiedenen Ebenen unterstützen.

Ganz wichtig! Wenn Sie betroffen sind, zögern Sie nicht, Hilfetelefone in Anspruch zu nehmen. Das sind z.B.:

Literatur & Verweise

  • Kast, V. Der schöpferische Sprung: Vom therapeutischen Umgang mit Krisen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1989
  • Katie, B. Lieben was ist – Wie vier Fragen Ihr Leben verändern können. Goldmann Verlag, München 2002
  • Maslow, A. A Theory of Human Motivation. Psychological Review, 1943, 50;4