Magdeburgs neuer „Blauer Bock“

Nachdem der alte, aus DDR-Zeiten stammende „Blaue Bock“ in Magdeburg 2016 abgerissen wurde, begannen die Arbeiten am Neubau, und die sind jetzt wohl fast abgeschlossen, wie ich heute eher zufällig bemerkt habe. Hier vier schnelle Schnappschüsse:

Für die Gestaltung des Platzes hätte ich mir Grün statt diese völlige Versiegelung der Flächen gewünscht. Außerdem gibt es schon genug schmucklose Zweckbauten in der Umgebung, und nur eine weitere Fast-Food-Kette als Gastronomie ist jetzt auch eher phantasielos. Dennoch ist der neue Zustand natürlich eine Verbesserung zu vorher, und es ein befreiendes Gefühl, hier nach so vielen Jahren wieder langgehen zu können und relativ viel Platz zu haben (das war heute auch ganz praktisch, weil ich so dem Weihnachtsmarkt ausweichen konnte).

Zum Schluss noch zwei Bilder von den Bauarbeiten im Herbst 2019:

Magdeburg, Sievertorstraße (Bilder)

In Magdeburg wird sehr viel gebaut, nicht nur überteuerte Tunnel und Brücken, sondern auch diese heute überall üblichen gesichtslosen Neubauten (gut, in der Innenstadt nahe des Doms ist man zuletzt ein wenig vom üblichen Schema abgewichen). Aber außerhalb des Zentrums gibt es noch viele städtische Räume, die … ‚entwickelt werden wollen‘. Einer dieser Straßenzüge ist in der Alten Neustadt, zwischen Sievertorstraße und Böttcherplatz, nicht weit vom Hafen entfernt. Auch ohne Corona-Lockdown ist da nicht viel los; zwischen Edeka-Neubau und schön saniertem Siemens-Gymnasium verfallen alte Gebäude vor sich hin. Noch gar nicht so alte Graffitis verblassen schon. Aber mehr und mehr Häuser werden saniert, und man fragt sich, wie lange diese recht surreale Stimmung der Straße noch bestehen bleibt.

Vom Postamt zum Bahnhof: Die neue Moynihan Train Hall in New York City

Bahnhofshallen können ganz unterschiedlich auf ihre Besucher*innen wirken. Große ältere Gebäude strahlen eine gewisse Würde und Monumentalität aus, die eine Zeit spürbar machen, als die Eisenbahn noch für Weltläufigkeit und Eleganz stand, und man sich vorstellen konnte, dass auf dem Bahnsteig da hinten gleich ein Mörder in den „Orient-Express“ steigt. Der Hauptbahnhof in Amsterdam vermittelte mir so ein Gefühl, ebenso Budapest-Keleti. Auch der Leipziger Hauptbahnhof geht in diese Richtung, weil die alte Architektur der hellen Halle die Idee des „Einkaufsbahnhofs“ etwas in den Hintergrund drängt, oder der Hamburger Hauptbahnhof, den ich zwar als eng, dunkel und laut empfinde, aber genau deshalb als genau richtig. Und über die Berliner Friedrichstraße will ich gar nicht reden, seine Geschichte spricht für sich. Gegen all dieses Alte erscheinen die neuen Hauptbahnhöfe in Berlin oder Wien nur als kalte, effiziente Durchgangsstationen, Nicht-Orte im Sinne Marc Augés, in denen man ungern verweilen möchte.

Im Kulturteil der New York Times las ich nun über eine neue Bahnhofshalle, mit der die Pennsylvania Station (kurz Penn Station) in New York City erweitert wurde und die seit Anfang Januar eröffnet ist. Insbesondere das Foto des Artikels brachte mich zum Staunen, es irritierte mich sehr. Das soll eine neue, erst in den letzten Jahren erbaute Bahnhofshalle sein? Da das Foto in schwarz-weiß abgedruckt war, glaubte ich erst, eine alte Aufnahme aus längst vergangenen Zeiten zu sehen, oder vielleicht einen Artikel über die Geschichte des Bahnhofs vor mir zu haben. Aber nein, die „Moynihan Train Hall“ (benannt nach dem früheren Senator Daniel Patrick Moynihan) ist tatsächlich neu, mit ihrer Stahl-Glas-Konstruktion des Daches und der wie schwebend wirkenden großen Bahnhofsuhr im Zentrum. Der Stil der Uhr erinnert an Art Deco, genauso wie die Schriftart der Beschriftungen an den Wänden.

(Foto: CHOONGKY / Shutterstock.com)

Ich bin immer etwas zwiegespalten, wenn Architektur so tut, als wäre ein Gebäude in einer anderen Zeit entstanden. Auf naive Weise finde ich das zwar „schön“: Ich liebe die Altstadt-Atmosphäre des Nikolaiviertels in Berlin, das aber eine künstliche Schöpfung ist, die zum Stadtjubiläum in den 1980er Jahren entstand. Auch die 2012 bis 2018 rekonstruierte Neue Frankfurter Altstadt „gefällt“ mir, obwohl ich die Kritik daran durchaus verstehe. Was ich vom Berliner Stadtschloss halten soll, ist mir noch nicht ganz klar.

Die neue Halle der Penn Station jedenfalls erweckt in mir den Wunsch, umgehend in den Zug zu steigen und da hinzufahren. New York, mein liebster Ort, an dem ich noch nie war, Medien-Ort. Schon fallen mir nie gedrehte Filme aus den Achtzigern und Neunzigern ein, deren herzzerreißende Abschiedsszenen oder konspirative Agententreffen in der Moynihan Train Hall hätten gedreht werden können, wenn es sie da schon gegeben hätte.

Die neue Bahnhofshalle ist kein vollständiger Neubau. Stattdessen wurde hier das alte Gebäude des U.S. General Post Office umgebaut (im Zeitplan und mit dem vorhergesehenen Budget, wie betont wird) und mit der bestehenden Penn Station verknüpft. Der bedeutende Bahnhof hat so wieder einen repräsentativen Bau, wie er schon einmal existierte, bis zum Abriss der alten Bahnhofshalle 1963.

(Foto: Wikipedia)

Die Fotos, die (nun in aller farbigen Herrlichkeit) im Internet zu finden sind, inszenieren den Bahnhof zunächst als Gebäude, das bestaunt wird. Buntes Licht entrückt den Bahnhof für den Moment noch seiner Alltagsnutzung. Die Warteräume etwa, die auf manchen Fotos mit warmen Licht beleuchtet sind, sehen darauf gemütlicher, einladender aus, als sie es wahrscheinlich sind, wenn sie erstmal eine Weile benutzt wurden. Die Form verändert sich in der Funktion, und neue Gebäude müssen erstmal eingelebt werden, der Witterung ausgesetzt, den Schuhen hoffentlich bald wieder unzähliger Reisender, herumfliegendem Müll, die Bänke zerkratzt von gelangweilten Teenagern, all das, was eben auch im schönsten neuesten Bahnhof schnell geschieht, und was man sicher kritisieren kann, aber irgendwie doch dazugehört zum Leben in einer Stadt.

Der Wartesaal strahlt — zumindest in dieser Beleuchtung — behagliche Wärme aus. (Foto: lev radin / Shutterstock.com)

Ist die neue Bahnhofshalle ein Statement für eine herausgehobene Rolle der Eisenbahn auch in heutiger Zeit? Vielleicht eher eine Erinnerung an offene Baustellen: Michael Kimmelman, Autor der eingangs erwähnten Kritik in der NYT, bezeichnet die Moynihan Hall als „Proof of Concept“. Er weist darauf hin, dass die neue Bahnhofshalle vorwiegend von Reisenden der Eisenbahngesellschaft Amtrak genutzt wird („a spectacular train hall for Amtrak“), auch wenn sie daneben Zugang zur Long Island Railroad biete. Die Amtrak-Passagiere machten aber vor Corona nur 5% der Reisenden aus, und so löst die Halle nicht die Probleme, die es im verzweigten Rest der Penn Station gibt — öffentliche Gesundheit, Sicherheit, Umweltbelange. Kimmelman versteht die Halle daher eher als Symbol. Sie würde zwar nur für wenige Menschen eine konkrete Funktion erfüllen, aber immerhin die Botschaft aussenden, dass auch in einer „Stadt der Neinsager“ („city of naysayers“) und in einem Umfeld zahlreicher gegenläufiger Interessen nötige Verbesserungen der Infrastruktur möglich sind. „Change can happen“, schreibt der Autor, und Moynihan sei ein Anfang.

Vielleicht kann dieses Symbol auch einen positiven Einfluss auf neue Bahnprojekte in anderen Ländern haben.


(Titelbild: CHOONGKY / Shutterstock.com)

7 aus dem Strom, 01.09.20

Es wird mal wieder Zeit für eine kleine Sammlung lesenswerter Artikel. Diesmal über rassistische Computersysteme, deren Dekolonialisierung, nochmal Neuralink, Teslas Fabrik in Brandenburg, den Symbolgehalt des Berliner Reichstagsgebäudes und dessen sogenannter „Erstürmung“ durch Corona-Maßnahmen-Gegner*innen, sowie ein Interview mit einer Physikerin über Gravitation.

„Dekolonialisierung von Algorithmen“: Bei taz.de schreibt Adrian Lobe über strukturellen Rassismus in Algorithmen und KI-Systemen. Lobe weist darauf hin, dass Versuche, KI weniger anfällig für rassistische Einstufungen zu machen, eher sekundär ist angesichts des Problems, dass die Klassifizierung, Metrisierung und technische Einbindung des Menschen selbst bereits im Kern rassistischen Ursprungs ist — Lobe zieht eine Linie von den Fingerabdrücken, die im 19. Jahrhundert die indische Kolonialverwaltung an Soldaten nahm, zur Entsperrung des Handys mit dem eigenen Fingerabdruck: „Biometrische Verfahren kolonisieren den Körper und machen das Datensubjekt untertan“, so Lobe.


Ein wichtiger Text, auf den sich Lobe offenbar bezieht, stammt vom südafrikanischen KI-Forscher und DeepMind-Mitarbeiter Shakir Mohamed, erschien bereits 2018. Er ist Essay und optimistischer Aufruf zugleich und endet mit ganz praktischen Schritten, die man als Forderung nach Transparenz und Offenheit zusammenfassen könnte: „We can continue to strengthen open-source software, open-data, and open-access science— publishing more, not less; we can further support accessible machine learning frameworks, and accessible scientific communication; and we can continue to find solutions to the challenges of fairness, privacy, safety, verification, and governance.“ Und als Aufforderung zur Selbstreflexion: „And we can go further, by always challenging our settled assumptions and world-views as we expand the frontiers of our knowledge.“


Als „Neuroscience Theater“ kritisiert Antonio Regalado in Technology Review das kürzliche Update zu Elons Musks Neuralink-Projekt. Regalado weist auf das Science-Fiction-artige Design des für die Implantation der Chips genutzten Roboters hin und ist skeptisch, inwieweit die medizinischen Ziele Neuralinks wirklich eine Rolle spielen. Musk sei in seiner Präsentation immer wieder abgeschweift zu seiner Idee eines „general population device„, mit dem sich Menschen mit Computern verbinden, um mit KI-Systemen Schritt halten zu können.


Elon Musk ist auch Thema in der FAZ, wo Simon Strauß den Unternehmer als Prophet bezeichnet, auf dessen Ankunft in dieser Woche „ganz Brandenburg“ warten würde – „Ein Raumschiff landet in Brandenburg“. Insbesondere folgender Beobachtung Strauß‘ kann ich zustimmen: „Es geht dem neunundvierzigjȁhrigen Musk immer auch um das Streben nach dem Unerreichbaren. Ein futuristischer Übermut treibt diese Firma“ Und dieser Übermut trifft nun auf die brandenburgische Provinz, ein Widerspruch, den Strauß ausführlich ausarbeitet. Ich persönlich muss allerdings auch an Rainald Grebe denken (… ja, das ist schon alt, ich weiß), der damals sang: „In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt! Was soll man auch machen mit 17, 18 in BRANDENBURG?“ Vielleicht in Zukunft mit Teslas … in den Baum …? Aber nein. Diese Autos wird sich angesichts des dortigen niedrigen Lohnniveaus wohl nur eine Minderheit leisten können oder wollen.


„Einschüchternd offen“ betitelt Gerhard Matzig seinen Artikel in der Süddeutschen Zeitung über das Berliner Reichstagsgebäude, dessen Kuppel schon immer Anlass zu Kritik gab — weil Kuppelbauten Macht ausdrückten. Der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II. lehnte die Reichstagskuppel ab, weil ihm das dadurch ausgedrückte Machtbewusstsein des Parlaments missfiel. Als es nach der Wende zum Umbau des Reichtstagsgebäudes kam, war eine Kuppel erst nicht vorgesehen, wurde aber von der Politik gefordert und in der Presse kritisiert. Am Ende ist dies für Matzig jedoch nicht entscheidend. Matzig urteilt: „in einem föderalen System, das auch die durchgeknalltesten Formen der Meinungsfreiheit verträgt, wird die Demokratie nicht an zentralen Plätzen und in staatstragenden Herz-Bauten verteidigt, sondern im Alltag. Die Symbolkraft politischer Architektur ist in Wahrheit so überschaubar wie das sinnlose Wüten dagegen.“ Leider, möchte ich ergänzen, ist es den Demonstrant*innen mit ihrer Aktion gelungen, große Aufmerksamkeit zu erzeugen.


Auch bei der ZEIT geht es daher um das Reichstagsgebäude. Unter dem Titel „Sie brauchten nur dieses eine Foto“ analysiert Dirk Peitz „die Macht der Bilder“, die am Samstag entstanden, als „Querdenken“-Demonstrant*innen auf die Treppe des Reichstagsgebäudes „stürmten“ und dort ein zugleich skurriles wie Besorgnis erregendes Bild boten mit ihren USA-, Russland- und Deutsches-Reich-Flaggen. Peitz fragt sich (übrigens wie ich mich auch), warum eigentlich nicht das Bundeskanzleramt als Symbol der Regierung Ziel war, sondern das Parlament. Der Autor vermutet, diese Demo-Teilnehmer*innen „wollen ‚das Volk‘ sein und ‚das Volk‘ wird vertreten im Parlament. Die vermeintlichen Reichstagserstürmer vom Samstag wollten offenbar als selbsternannte Volksvertreter verstanden werden und sich als solche ins Bild rücken, nicht so sehr als Opponenten gegen die auf Zeit gewählte Inhaberin der ‚Macht‘, die sie ja ohnehin als nicht legitimiert verstehen und also nicht akzeptieren.“


Zum Schluss etwas Grundsätzliches: Im Quanta Magazine war kürzlich ein Interview mit der Physikerin Claudia de Rham, die sich intensiv mit der Gravitation und Einsteins Relativitätstheorie auseinandersetzt. Ein schönes Interview, in dem sowohl die Faszination für theoretische Physik deutlich wird, als auch, wie Forschung in dem Bereich funktioniert.

(Titelbild: cocoparisienne / pixabay.com)

Breiter Weg

Gestern habe ich auf dem Weg zur Arbeit ein paar Fotos mit der schlecht auflösenden Kamera meines neuen Handys (Handy, nicht Smartphone) gemacht, insbesondere vom Breiten Weg, Magdeburgs wichtigster Straße in der Innenstadt. Hierzu ein paar Gedanken.

Der einstmals als barocke „Prachtstraße“ bekannte Breite Weg wird heute durch ein Sammelsurium unterschiedlicher Stile dominiert — meist eine Mischung aus Nachwendebauten und DDR-Plattenbau, dazwischen einzelne Gebäude in Bauhaus-Tradition und wenige erhaltene Gründerzeitbauten. Nur der Hasselbachplatz am Südende des Breiten Wegs und die teils parallel zum südlichen Breiten Weg verlaufende Hegelstraße bieten konsistentes und fast vollständig saniertes Gründerzeitflair.

Ursache für diese mitunter als deprimierend zu empfindende Gesamtsituation sind Zweiter Weltkrieg und vierzig Jahre DDR. Die historische und ursprünglich dicht bebaute Innenstadt Magdeburgs wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe zerstört. Das Areal wurde in der DDR im Sinne sozialistischer Städteplanung durch breite Straßen und große Aufmarschplätze gegliedert und zunächst im Stil des sozialistischen Klassizismus („Stalinbauten“) und später durch Plattenbauten bebaut.

Derzeitige Bebauung

In der Nachwendezeit entstanden ebenso nüchterne Zweckbauten — zwei überdimensionierte Shoppingmalls und diverse Geschäftshäuser. (Etwas detaillierter habe ich das in Teil IV der „Head Canon“-Reihe beschrieben und aus phänomenologischer Sicht kommentiert, v.a. in Abschnitt 4).

Magdeburgs Breiter Weg, Blick Richtung Süden. Die linke Straßenseite ist eine zwar interessante, aber etwas unverbundene Aufzählung unterschiedlicher Stile. Das gelbe Wohnhaus links wurde in der DDR errichtet, dahinter folgt das rosafarbene Hundertwasserhaus (2005), dahinter das blaue Gebäude der Norddeutschen Landesbank (2002).

Hervorstechend ist im Breiten Weg vor allem das „Grüne Zitadelle“ genannte Hundertwasserhaus (fertiggestellt 2005) am Domplatz. Relativ mittig im Südabschnitt des Breiten Wegs gelegen, erzeugt das abwechslungsreiche Gebäude mit kleinen Läden, Café, Theater, Innenhöfen, Bäumen, Wohnungen und Kindergarten ein städtisches, mitunter touristisches Flair.

Das Hundertwasserhaus „Grüne Zitadelle“ (2005) zieht Tourist*innen und Einwohner*innen gleichermaßen an. Der Bau war umstritten, das Haus bildet aber einen dringend nötigen lebendigen Kern im Südabschnitt des Breiten Wegs.
Das blaue Gebäude der Norddeutschen Landesbank (2002) ist interessanter als man beim schnellen Vorbeigehen wahrhaben möchte.

Der weitere Aufbauprozess rund um den Domplatz ist immer noch im Gange. Einige historische Gebäude erstrahlen schon länger in altem Glanz, wie das Gebäude der Reichspost (erbaut 1895-1899) neben der katholischen Kathedrale. In der Reichspost ist heute ein Justizzentrum mit mehreren Gerichten untergebracht (aber eine Postfiliale ist auch noch drin).

Andere Gebäude wurden erst kürzlich saniert, etwa die Alte Reichsbank (erbaut 1921-23) in Nachbarschaft des (heute evangelischen) Doms (1207-1363), der dank seiner gothischen Architektur auch eine touristische Sehenswürdigkeit ist. Im Reichsbank-Gebäude waren nach dem Krieg die Staatsbank der DDR und nach der Wende eine Filiale der Bundesbank untergebracht (interessant, dass gerade da so eine Kontinuität vorherrschte).

Heute ist das Haus Standort des Dommuseums „Ottonianum“; außerdem wacht der strenge Blick eines steinernen Adlers über das Eingangsportal der Wohnungsgenossenschaft, der das Haus gehört.

Neubauten

Vom Domplatz zum Hasselbachplatz klaffte nach Abriss eines großen Plattenbaus mehrere Jahre eine Lücke. Die wird nun in großen Schritten gefüllt. Eine Herausforderung dabei ist sicher, die unterschiedlichen Stile von Hundertwasserhaus, Landesbank und Dommuseum einerseits zu verbinden mit dem gründerzeitlichen Hasselbachplatz andererseits.

Ein von Baugerüsten befreiter Teil der Neubauten, die die Lücke vom Domplatz zum Hasselbachplatz schließen. Die Fassadengestaltung ist abwechslungsreicher, als ich befürchtet hatte. Ob hier eine Atmosphäre städtischer Lebendigkeit entsteht, wird sich nach Fertigstellung zeigen …
In der Mitte des neuen Komplexes wird ein kleines Hochhaus errichtet, das in der Nahansicht ‚okay‘ ist, aber dessen graue Fassade aus der Ferne eher abweisend wirkt.
Das südliche Ende des neuen Komplexes ist noch unter Gerüsten verborgen. Dahinter beginnt das Gründerzeitviertel um den Hasselbachplatz.

Der Südabschnitt des Breiten Wegs ist nicht die einzige Stelle der Straße, wo in kurzer Zeit neue Großbauten aus dem Boden gestampft werden. Weiter nördlich, am Alten Markt, bauen die Magdeburger Stadtwerke ihren neuen Firmensitz. Bis zum Abriss 2016 befand sich dort ein großer, 1967 errichteter Plattenbau, der nur als „Blauer Bock“ bekannt war.

Historisches Foto von den Bauarbeiten zum ‚Blauen Bock‘ 1967 (Blick von Ost nach West) (Bildnachweis: Wikipedia)
Der ‚Blaue Bock‘ wurde 2016 abgerissen, an derselben Stelle bauen die Magdeburger Stadtwerke ihren neuen Verwaltungssitz. Der vordere, hochhausartige Gebäudeteil nimmt die vertikale Ausdehnung der nach wie vor existierenden ‚Stalinbauten‘ auf der rechten Seite auf (die sind hier nicht zu sehen, aber oben auf dem historischen Foto).

Überwältigungsmechanik im unmöglichen Kunst-Raum (Kremer Collection, Teil 2)

Architektur ist wichtig für die Entstehung von örtlicher Präsenz. Örtliche Präsenz ist, in Anlehnung an den Begriff sense of place, eine subjektive Wahrnehmung, die mehr als bloße Anwesenheit in einem Raum meint. Örtliche Präsenz heißt, den technisch definierten Raum zu einem bedeutungsvollen Ort zu machen oder ihn so wahrzunehmen. Örtliche Präsenz ist damit eine subjektive Wahrnehmung und eine soziale Konstruktion. In ‚der echten Welt‘ konnte die Menschheit über Jahrtausende an der Rolle von Architektur für die Entstehung des sense of place und entsprechender leiblicher Dynamiken arbeiten. In virtuellen Welten hingegen, die sich prinzipiell nicht an Naturgesetze gebunden fühlen müssten, entwickeln sich Formen und Funktionen erst noch. Aus Sicht der Besucher*innen solcher Experimente kann dies mal enttäuschen und mal überwältigen.

Sense of Place im Museums-Nachbau

Viele Virtual-Reality-Umsetzungen von Museen und Ausstellungsräumen orientieren sich an echten Vorbildern und erzeugen so eine oft wirkungsvolle Illusion der Präsenz an diesen Orten.

Das virtuelle Städel-Museum orientiert sich stark am realen Gebäude (Bildnachweis: Eigener Screenshot)
  • Die kostenlose App Städel Time Machine (2016) versetzt Nutzer*innen in das 19. Jahrhundert, wo sie sich Architektur, Ausstellungskonzept und Exponate des Frankfurter Städel-Museums, Stand 1878, vor Augen führen können. Mit der App lässt sich ein Eindruck vom Museum gewinnen, bevor man es in der Realität aufsucht; sie ist aber auch eingebunden in das Ausstellungskonzept des echten Museums, wo man sie an bestimmten Terminen verwenden kann.
  • Ebenfalls kostenlos kann eine Ausstellung des Museum of Contemporary Art (MOCA), Los Angeles besucht werden, bei der 2017 Werke des Künstlers Kerry James Marshall gezeigt wurden. Die App zeigt eine offenbar recht präzise Nachbildung der Ausstellungsräume, in denen die teils großformatigen Werke Marshalls zu besichtigen sind. Zahlreiche Kommentare ordnen die Werke des Künstlers ein.
  • Für 4,99 EUR lässt sich die Ausstellung Damaged des in Los Angeles lebenden Street-Art-Künstlers, Grafikers und Illustrators Shepard Fairey erleben. Fairey wurde bekannt als Schöpfer des Plakats „HOPE„, das während Barack Obamas Präsidentschaftswahlkampf 2008 entstand. Die Ausstellung Damaged fand im November und Dezember 2017 statt und wurde später als VR-App umgesetzt. Auch diese App zeigt einen fast perfekten Nachbau der echten Ausstellungsräume, was neben Bildern auch Installationen einschließt. Die Audiokommentare werden von Fairey selbst gesprochen, was dem Ganzen den Charakter eines persönlichen Rundgangs mit dem Künstler verleiht.
Ausstellung von Kerry James Marshall im (virtuellen) Museum of Contemporary Art, Los Angeles (Bildnachweis: Eigener Screenshot)

In der Aufzählung eben fielen ein paar Formulierungen, die ich beim Schreiben eigentlich unbewusst verwendet hatte, die aber bei näherer Betrachtung seltsam sind: „versetzt Nutzer*innen in das 19. Jahrhundert“ — „kann die Ausstellung besucht werden“ — „lässt sich die Ausstellung erleben“ Selbstverständlich müssten Begriffe wie ‚versetzt‘, ‚besuchen‘ und ‚erleben‘ in Anführungsstriche gesetzt oder präzisiert werden: Man besucht die Museen ja nicht, man schaut sich die Ausstellungen nicht an, jedenfalls nicht so, wie sie in der ‚echten‘ Wirklichkeit in ‚echten‘ Räumen zu einem Zeitpunkt zu besichtigen waren. Man schaut sich Nachbildungen auf einem Handydisplay an.

Doch meine leichtfertige Nutzung solcher Begriffe kann als ein Zeichen dafür interpretiert werden, dass es den genannten Apps gelungen ist, doch einen sense of place, einen Eindruck örtlicher Präsenz bei mir zu erschaffen. Tatsächlich habe ich während der Nutzung dieser Apps kaum hinterfragt, dass ich unter der — körperlich stets etwas anstrengenden — VR-Brille nur auf einen durch Linsen verzerrten Smartphone-Bildschirm starrte, und dies, obwohl ich genau weiß, wie diese Technik funktioniert. Da war dieselbe suspension of disbelief am Werk, die uns auch hilft, in Romane, Filme und Computerspiele einzutauchen. Der Anspruch der Apps, einen Platz der Realität so genau wie wirklich wiederzugeben, trug dazu bei. Die Umgebungen drängten sich nicht als künstlich, als besonders, als virtuell in den Vordergrund, sondern waren für den Moment die natürliche Umgebung für meine Rundgänge.

Was aber geschieht, wenn der architektonische Anspruch an virtuelle Räume nicht mehr in der Nachbildung einer scheinbar objektiven Realität liegt, sondern explizit die Möglichkeiten von Virtual Reality ausnutzen möchte? Damit kommen wir zurück zum Thema dieser Reihe, dem Museum der Kremer Collection, dessen Exponante zwar zu einer echten Sammlung Alter Meister gehören, das es aber als Museum nur virtuell gibt.

Die virtuelle Kremer Collection bietet alles, was eine VR-Museums-App so braucht, aber dem Museum liegt kein reales Vorbild zugrunde. (Bildnachweis: Eigener Screenshot)

Überwältigt vom Raum

Der Zugang zu diesem Raum war mir versperrt, und doch bin ich hier. Anders als die Nachbauten von Städel-Museum, der MOCA-Ausstellungsräume und der Damaged-Ausstellung, weist das Kremer-Museum keine Ein- und Ausgänge auf. Man ist einfach da und muss sich erstmal orientieren.

Als Besucher*in erscheint man zunächst auf einer runden Plattform in der Mitte der Konstruktion. Von der Plattform gehen mehrere Stege zu den Segmenten eines Rings ab; an den Enden der Stege betritt man den Ring durch Bogengänge. Der Ring erweist sich schnell als Grundform des Museums; auf ihm findet der eigentliche Rundgang statt, dort schweben die 74 Gemälde der Sammlung frei in der Luft.

Kuppelförmig spannt sich ein künstlich-künstlerischer Himmel über das Kremer-Museum. (Bildnachweis: Eigener Screenshot)

Von der Plattform ausgehend, spannt sich der Raum des Museums nach allen Seiten und hoch in einen Himmel, der selbst ein kuppelförmiges Gemälde ist, ähnlich wie in manchen Kathedralen. Ganz oben wurde eine kreisförmige Lücke gelassen, durch die Sterne sichtbar sind. Tritt man an den Rand eines Stegs und blickt nach unten, erkennt man, dass der Kuppelcharakter der Konstruktion sich nach unten fortsetzt, dort aber aus filigranen, ineinander verschränkten Ellipsen besteht. Dort zeigt sich, dass das gesamte Museum im Weltraum schwebt.

Die „Unterseite“ der Konstruktion ist ein filigranes Netz aus goldenen Ellipsen, zwischen denen sich das leere Weltall auftut. (Bildnachweis: Eigener Screenshot)

Besucher*in und Kunst sind in der virtuellen Kremer Collection von Raum und Zeit entbunden. Der Ausstellungsraum ist nicht nur virtuell, sondern versucht auch gar nicht, den Eindruck eines gewöhnlichen, erdgebundenen Museumsgebäudes zu erwecken. Der Architekt Johan van Lierop hat aus der Not eine Tugend gemacht und den Mangel an echtem Baumaterial durch einige Ideen ausgeglichen, die die Potenziale von Virtual Reality andeuten.

Dazu gehört zuallererst das Staunen, das durch anregende Virtual-Reality-Ideen durchaus ausgelöst werden kann. Im Kremer-Museum geschieht dies, wenn man das erste Mal von dessen Architektur überwältigt wird. Aus Sicht eines einzelnen Menschen auf der Anfangsplattform und den geländerlosen Stegen wirkt der Raum riesig; seine Ortlosigkeit ist faszinierend und schwindelerregend zugleich. Während des Rundgangs selbst, am Außenrand des Ringes, ist man zwar sicher von Wänden umgeben, doch diese wirken aus dieser Perspektive noch höher, nach oben strebende Linien betonen erneut die Größe des Raums.

Gemälde und Besucher*in sind winzig im ringförmigen Ausstellungsraum. (Bildnachweis: Eigener Screenshot)

Die in Virtual Reality theoretisch vorhandene Möglichkeit, sich nicht nur auf einer Ebene bewegen zu müssen, sondern zu fliegen, wird im Kremer-Museum nicht genutzt. Dabei wäre gerade dies ein interessanter Schritt, der nicht nur über real-weltliche Konzepte hinausginge, sondern der der vorhandenen Weltraum-Metapher Bedeutung verleihen und den Überwältigungscharakter dieser monumentalen Architektur einschränken würde. Statt ihm nur von unten ausgesetzt zu sein, könnte man sich den Raum in allen Dimensionen zu eigen machen.

So aber wird man sich klein fühlen, angesichts einer monumentalen Bauweise, die dank zahlreicher glänzender Goldelemente zudem materiellen Reichtum ausdrückt.

Erschließung als Ort

Vielleicht ist dies der Grund, warum man wenige Sekunden nach dem Eintreffen erstmal von einem Hologramm von George Kremer und seiner Ehefrau begrüßt wird. Dadurch findet gewissermaßen eine Erdung statt: Hier ist ein nettes würdevolles Ehepaar, das zu einem Einblick in seine Kunstsammlung einlädt. Das nimmt der Weite ein wenig den Schrecken.

Zu Beginn des Besuchs wird man von einem Hologramm George Kremers und seiner Frau begrüßt. (Bildnachweis: Eigener Screenshot)

Um sich nach dem ersten Überwältigungs-„Chok“ das Museum als Ort zu erschließen, ihn also subjektiv mit Bedeutung aufzuladen, ist dennoch Arbeit nötig. Da die Architektur hochgradig symmetrisch ist und von jedem Standort des Rings aus dieselben Gestaltungselemente sichtbar sind, bietet die Konstruktion selbst nur wenig Möglichkeiten, einen sense of place zu entwickeln. Dieser entsteht aber während der Auseinandersetzung mit den Ausstellungsobjekten.

Hat man sich an der Konstruktion nämlich ’satt gesehen‘, fällt bald die Einförmigkeit der Architektur auf. Dadurch aber tritt diese schon in den Hintergrund und lässt der Wirkung der Gemälde Raum. An dieser Stelle ist es dann möglich, in einer (nach Walter Benjamin eigentlich unzeitgemäßen) stillen Betrachtung des Kunstwerks nach der inhaltlichen Bedeutung der Sammlung und der Art ihrer Ausstellung zu fragen.

Dieser Frage gehen wir in Teil 3 dieser Reihe nach. (Hier geht es zu Teil 1 der Reihe.)