Die Balance zwischen Kontrolle und Loslassen (Teil I)

Was haben professionelle Kommunikation und Fliegen gemeinsam? Sie gelingen nur dann, wenn es eine Balance gibt zwischen geplantem Handeln (Steuern und Kontrolle) und der Bereitschaft, auch mal loszulassen und die Dinge laufen zu lassen. Darüber möchte ich in diesem zweiteiligen Artikel schreiben. Heute geht es zunächst ums Fliegen; nächste Woche dann um Kommunikation.

Disclaimer: Das Problem von Klimafolgen und Flugscham blende ich in diesem Artikel einmal komplett aus. Dazu kommt im Lauf des Sommers noch ein größerer Beitrag.

Vorbemerkung

Wie wir als Menschen mit Unsicherheit, Ungewissheit oder unerwarteten Ereignissen umgehen, treibt mich schon lange um. In Bezug auf Computertechnik habe ich dazu meine Dissertation geschrieben und daraus zwei Bücher gemacht. Ich finde das Thema erstens gesellschaftlich wichtig, weil früher gewohnte Sicherheiten heute einfach nicht mehr greifbar sind und neue Gewissheiten noch nicht erkennbar. Aber zweitens habe ich auch individuell damit immer mal wieder zu kämpfen.

Wenn ich selbst die Person bin, von der professionelles Handeln erwartet wird, neige ich dazu, einen Plan zu machen, diesen kontrolliert abzuarbeiten und Abweichungen vom Plan korrigieren zu wollen. Aber — und darum geht es in diesem Artikel — das ist oft gar nicht nötig. Es ist mitunter kontraproduktiv und das Ergebnis am Ende besser, wenn ich nicht ständig eingreife. Schauen wir uns das erstmal am Beispiel des Fliegens an, bevor ich in Teil II auf Kommunikation eingehe.

Das Steuer loslassen

Wenn wir mal das ganze Drumherum weglassen, das man bei großen Verkehrsflugzeugen findet und wir auf kleine propellergetriebene Flugzeuge schauen, dann sehen wir: Fliegen an sich ist erstaunlich einfach. Bei genügend Geschwindigkeit hebt man fast von allein ab. Solange man nicht zu langsam wird, hoch genug ist und genug sieht, kann auch nichts passieren. Den Umgang mit und die Zusammenhänge von Quer-, Höhen- und Seitenruder, der Motorleistung und den Landeklappen hat man schnell verinnerlicht. Einem entspannten Sonntagsausflug zum Bratkartoffelessen auf dem Nachbarflugplatz steht schnell nichts mehr im Wege.

Da die meisten Flugzeuge aerodynamisch stabil gebaut sind, muss man nach Erreichen der gewünschten Flughöhe kaum noch eingreifen (wenn nicht gerade etwas Unerwartetes geschieht — aufmerksam sein, ist natürlich wichtig). Das Flugzeug fliegt einfach so, wie man es eingestellt (getrimmt) hat. Vielleicht wackelt es wegen Thermik oder Turbulenzen hin und her, oder es hebt oder senkt mal die ‚Nase‘, aber in der Regel bringt es sich von selbst wieder in die eingestellte Ausrichtung. Und wenn es doch mal etwas stärker abweicht, genügen sanfte Stupser mit den Fingerspitzen, um das zu korrigieren. Man kann also sehr entspannt sein und die Landschaft genießen.

Eigentlich.

Ziemlich viel Betrieb für einen Sonntag morgen in der Schleuse Rothensee, die Elbe (hinten) und Mittellandkanal (vorne) verbindet.

Denn wie viele andere Flugschüler*innen vor mir neige ich dazu, zu viel Kontrolle ausüben zu wollen. ‚Mit dem Knüppel rühren‘, wird das genannt: Wie einen Kochlöffel bewegt man den Steuerknüppel nach links oder rechts, oder spielt ständig an der Motorleistung herum, um ein Verhalten des Flugzeugs ausgleichen zu wollen, das zwar für den Moment unerwünscht scheint, aber das sich in den meisten Fällen wenige Momente später ganz von selbst korrigieren wird. Man arbeitet also gegen die natürliche Stabilität des Flugzeugs.

Dass das auf Dauer sowohl körperlich anstrengend ist als auch generell stresst, kann man sich bestimmt denken. Körper und Geist sind angespannt statt entspannt, als wäre man ständig auf dem Sprung. Zwar ist es wichtig, aufmerksam zu sein, den Luftraum zu beobachten und die Instrumente im Auge zu behalten. Aber wenn man sich schon beim normalen Fliegen, wo absolut nichts Aufregendes passiert, ständig unter Strom setzt, ist es viel schwieriger, ruhig und besonnen zu bleiben, wenn wirklich mal was Unerwartetes geschieht. Man weiß dann zwar, was zu tun ist, kann das aber nicht, nicht richtig oder nur verzögert in Handlungen umsetzen. Was dann unter Umständen alles noch schlimmer macht.

Letztlich sollte man also darauf vertrauen, dass das Flugzeug das tut, wofür es gebaut wurde: Fliegen. Meine beiden Fluglehrer geben sich glücklicherweise viel Mühe, dass ich dieses Vertrauen immer wieder bestätigt sehe, und dafür, dass ich früher Flugangst hatte, sind wir sehr weit gekommen. Eine Übung haben wir heute einige Male gemacht: Für einige Sekunden den Schubhebel und den Steuerknüppel loslassen, die Hände auf die Oberschenkel zu legen, den Blick nach draußen schweifen lassen, die Landschaft genießen, das Flugzeug einfach machen lassen, tief durch die Nase ein- und langsam durch den Mund ausatmen, und dann körperlich und geistig entspannter wieder übernehmen. Trotz einiger spürbarer Thermik, tiefen Wolken und ziemlichem Wind hat sich das sehr positiv auf den weiteren Flug ausgewirkt.

Mein Rundflug heute um Magdeburg

Eigenstabilität der Kommunikation

Was hat das alles nun mit Kommunikation zu tun? Meine These ist, dass wir auch in Kommunikationssituationen, etwa zwischen Kund*in und Mitarbeiter*in einer Hotline, von einer Eigenstabilität der Kommunikation sprechen können, die wir dazu nutzen können, die Kommunikationssituation insgesamt ruhiger und erfolgreicher zu erleben.


Zu Teil II

Zu Teil III

(Titelbild: Mopsgesicht / Pixabay.com)

Atmend durch die Corona-Krise

Während einige Menschen in Zeiten des Kontaktverbotes der Corona-Pandemie von mehr Zeit und Ruhe berichten, berichten viele andere von Stress und Unausgeglichenheit.

Letztere können mindestens noch einmal unterteilt werden, in die, die Veränderungen grundsätzlich als etwas Negatives empfinden und ohne ihre Routinen in Unsicherheiten geraten, welche ihnen Stress verursachen und die, deren Belastungen, z.B. durch Sorgen wegen fehlenden Einkommens, und vieler anderer Sorgen und Ängste im Zusammenhang mit dem Virus, oder der Kinderbetreuung neben dem Home Office tatsächlich gestiegen sind.

Beide brauchen neue Strukturen, Rituale, Regeln, Absprachen und Handlungsweisen um das neue Chaos zu bändigen und den eigenen Stress (und damit eventuell auch den des Umfeldes) zu reduzieren.

Ob und wie wir Stress haben, wird in unserem Körper durch unser Nervensystem reguliert

Unser vegetatives Nervensystem, bestehend (neben dem Darmnervensystem) aus dem parasympathischen Nervensystem (Parasympathikus) und dem sympathischen Nervensystem (Sympathikus) reguliert, kurz- und langfristig, über Hormonausschüttungen u.a. in Gehirn, Nebennieren und Nebennierenmark, unsere Körperfunktionen.

Stark vereinfacht, ‚feuern‘ die Nervenzellen des sympathischen Nervensystems in Stresssituationen, und erhöhen auf diese Weise die Stoffwechselrate vieler Organe (andere Organe die in der Stressreaktion primär eher nicht gebraucht werden, werden gehemmt), die mit Bewegung und erhöhter Leistungsbereitschaft in Zusammenhang stehen.

Dazu gehören unter anderem

  • unser Gehirn zur kurzfristigen Erhöhung von Konzentration, Aufmerksamkeit und Denkvermögen,
  • unser Herz pumpt in Stresssituationen schneller Blut und unsere Blutgefäße werden verengt (der Blutdruck erhöht), so dass mehr Nährstoffe und Sauerstoff durch unseren Körper transportiert werden, damit u.a. Muskelzellen gut versorgt sind und schnell arbeiten können,
  • unsere Pupillen werden durch die sympathische Innervation geweitet (damit wir besser sehen können), auch die anderen Sinnesorgane werden ‚geschärft‘,
  • die Leber (zur Aktivierung von Energiereserven),
  • und unsere Bronchien werden erweitert, unsere Atmung beschleunigt, damit wir mehr Sauerstoff zur Verfügung haben.

Den Sauerstoff brauchen wir unbedingt, um in den Körperzellen Energie zu produzieren, auf diese Weise alle in diesem Moment ‚systemrelevanten‘ Körperfunktionen aufrecht zu erhalten, Aufnahme-, denk- und handlungsfähig zu sein.

All dies passiert unbewusst. Wir müssen uns nicht darum kümmern. Weil unsere Körper ziemlich coole Socken sind!

Nun ist es aber so, dass wir im digitalem Zeitalter auch im Zeitalter des chronischen Stresses leben und dieser wiederum Ursache vieler körperlicher und seelischer Erkrankungen unserer Zeit ist. Die Gründe dafür sind vielfältig und werden in meinem Buch für die Über/Strom Reihe beim Springer-Verlag ausführlich und vertiefend erläutert (Erscheinungsdatum Anfang 2021). Die Lebensumstände, Gedanken und Gefühle, die die Corona-Krise mit sich bringt, erhöhen das Stresslevel vieler Menschen allerdings noch einmal zusätzlich, dass Gedanken-Karussell dreht und dreht sich und der Körper kommt nicht zur Ruhe.

Obwohl der Sympathikus autonom handelt und wir unsere Herzfrequenz, Pupillengröße etc. nicht bewusst steuern können, können wir doch Einfluss nehmen auf unsere Atmung, auf unsere Gedanken durch, z.B. die Art und Menge der Medien mit denen wir unsere Sinnesorgane und unsere Nervenzellen fluten.

Das Stresslevel darin ungeübter Menschen lässt sich nicht mal eben auf Knopfdruck ausschalten. Das ist ein Lernprozess. Und Lernen bedarf Training.

Atmen gegen den Stress

Der erste und wichtigste Schritt zur Kontrolle unseres Stresssystems ist unsere Atmung. So einfach ist das! Weil gerade alles neu ist, haben wir gerade die Möglichkeit uns neue Rituale zu schaffen und das Atmen, darüber die Kontrolle des Gedanken-Karussells und darüber unsere Gesundheit besser in den Griff zu bekommen und vor allem die neuen Handlungsweisen und Programme dann langfristig in unseren Alltag einzubauen.

Wenn wir uns vornehmen, uns in den nächsten Wochen jeden Tag 2-3x 5 Minuten mit unserer Atmung zu beschäftigen, haben wir gute Chancen, kurzfristig auf unser Stresslevel einzuwirken und langfristig und nachhaltig etwas für unsere Gesundheit zu tun:

  • Wir können morgens voller Dankbarkeit und Liebe für uns selbst aufwachen und uns mit der Hand auf dem Herzen und emotional aus tiefstem Herzen bei uns selbst, unserem Körper, unserem Nervensystem, unserer Atmung dafür bedanken, dass wir die ganze Nacht völlig mühelos und automatisch weitergeatmet haben.
  • Mit ebenso viel Liebe können wir uns abends dafür bedanken, dass unser Körper uns mit knapp 20.000 Atemzügen pro Tag durch den Tag gebracht hat, damit wir tun können, was wir tun wollen.
  • Wir können im Laufe des Tages immer wieder mal unserer Atmung folgen, spüren wie die Bauchdecke sich hebt und senkt und die Dauer einer Ein- und Ausatmung zählen. Wir können visualisieren, wie der Sauerstoff in unserem Körper zirkuliert, die Energie spüren, die durch unsere Arterien fließt und/oder wie diese Energie in den Körperzellen pulsiert.
  • Wir können einen Frühlingsspaziergang machen (achten Sie bitte auf die momentanen Bestimmungen ihres Bundeslandes im Zusammenhang mit der Kontaktsperre) und den Spaziergang, oder immer wieder mal Teile davon, ganz bewusst unserer Atmung schenken. Die Luft wird gerade so schön warm und ist sauberer als sonst. Wir können uns bewusst machen, wie diese wundervolle gesunde Frühlingsluft unseren Körper und Geist nährt. Wir können uns den Frühling bewusst machen, ihn riechen, schmecken und fühlen und womöglich können wir in diesen Momenten der Ruhe, Acht- und Dankbarkeit tiefes Glück empfinden.
  • Wir können versuchen, unsere Atmung zu verlangsamen, indem wir Ein- und Ausatmung mitzählen. Für Anfänger empfehlen sich 4-6 Sekunden lang durch die Nase einzuatmen und anschließend 4-6  Sekunden lang durch die Nase auszuatmen. Fortgeschrittene Anfänger bauen 2-3 Sekunden Atempausen in der Atemfülle und Atemleere ein.

Wer regelmäßig übt, kann sein Atemvolumen so enorm erhöhen, Körper und Geist enorm beruhigen, den Körper regelmäßig in die nötige Regeneration bringen und aus diesem Gefühl des Versorgt-Seins, tiefes Glück erfahren.