Wohin steuert unsere Welt gerade? Novembergedanken

Irgendwie bin ich mir im Moment unsicher, wohin sich unsere Gesellschaft und die ganze Welt entwickeln wird. Nach meinem Empfinden befinden wir uns gerade in einer Art Übergangsphase, die durch die Pandemie noch einmal sichtbarer wird. Wir sind von sehr widersprüchlichen Entwicklungen und Tendenzen umgeben. Auf der einen Seite bilden sich weltweit sehr feministisch geprägte Protestbewegungen wie „Fridays for Future“, „Black Lives Matter“ oder „NiUnaMenos“ („Nicht eine weniger“), wie die Philosophin Eva von Redecker in ihrem Buch „Revolution für das Leben“ darlegt und die Hoffnungen machen, dass wir an der Schwelle zu entscheidenden gesellschaftlichen Veränderungen stehen könnten, die vom Turbokapitalismus Stück für Stück wegführen.

Zum anderen gibt es wiederum aber auch nationalistisch konservative Tendenzen, wenn wir uns zum Beispiel die schon mehrere Jahre anhaltende Popularität der Partei AfD anschauen, die wachsende EU-Skepsis in einigen europäischen Ländern, die Flüchtlingspolitik und die grenzenlos wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik weltweit, die mit einem starken Konkurrenzdenken zwischen den Großmächten der Welt einhergeht.

Wir leben in einer Welt, in der sozialistische und kommunistische Experimente scheinbar vorläufig ausgedient haben. Auch die linken Intellektuellen sind sich darin einig, dass das Leben in den Ländern, in denen noch kommunistische oder sozialistische Strukturen existieren, nicht besonders erstrebenswert ist, sondern dass sich etwas Neues entwickeln muss. Das Besitzbürgertum ist jedoch so sehr besorgt um seinen Wohlstand, dass die Veränderungen nur in Minischritten vorankommen. Und die digitale Blase verhindert aktives Handeln, da sie die Menschen nur als Datenlieferanten behandelt und nicht als Lebewesen, die nicht außerhalb der Natur stehen, sondern inhärenter Teil dieser sind und weit mehr und vor allem andere Fähigkeiten besitzen als künstliche Maschinen.

Und da frage ich mich nun – wo ist das Licht am Ende des Tunnels und wie lange dauert es noch, bis sich der Mensch evolutionär vom Raubtier in Richtung eines friedlichen Wesens entwickelt hat und dann endlich das Wunder des solidarischen kooperativen Miteinanders ohne „sachliche Herrschaft der Profitorientierung“ und „Sachherrschaft der Eigentumsfixierung“ (Eva von Redecker) wahr wird. Es gibt eben leider noch zu viele Menschen, die Angst vor einem angeblich langweiligen, tristen Leben haben, in dem sie nicht mehr behaupten können, dass sie mehr wert als andere Menschen sind oder mehr Erfolg, Kompetenzen und Besitz haben. Denn in einem kooperativen Lebensmodell würden auch die individuellen Differenzen, Fähigkeiten und Vorlieben der Menschen keine Schwierigkeiten mehr darstellen, wie von Redecker schreibt. Sie hinterfragt in ihrem wunderbaren Buch, das sich fast als Manifest liest, die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse noch einmal grundlegend und stellt sich mit Wucht in einer direkten Sprache gegen den Kapitalismus mit all seinen widersprüchlichen Verwerfungen, so deutlich wie ich es lange nicht mehr gelesen habe:

„Das Bild des Kapitalismus als frei schwebender Jongleur, der stets noch mit einem Ball mehr zu jonglieren weiß, ist zu schmeichelhaft. Man soll dem Kapitalismus nicht durchgehen lassen, sich als Ekstase, als unstillbares Verlangen, als schlaflose Nacht zu inszenieren. Er lässt nicht alle Puppen tanzen, selbst wenn er die Gebeine der Vergangenheit aufwirbelt. Das, was funkelt wie ein Karussell, ist nur die wacklige Spitze eines riesigen Bergs aus Müll, Langeweile und Leichenteilen.“

Eva von Redecker provoziert mit diesen radikalen Äußerungen und macht uns Hoffnung…insofern, dass ihrer Meinung nach, die Menschen spüren, dass sich etwas ändern muss und dass der Klimawandel in der jetzigen kapitalistischen Wachstumslogik nicht zu stoppen ist. Andererseits konstatiert sie, dass den Menschen noch der Mut zum Handeln fehlt, weil ihnen bewusst ist, dass es nicht ohne Verzicht gehen wird und sie sich wohl vom geliebten, teilweise luxuriösen Wohlstand verabschieden müssten.

Denn es bringt nichts, wenn nachhaltige Bio-Produkte produziert werden, die quantitative Produktion von Konsumgütern an sich jedoch nicht reduziert wird. Das ist ein Widerspruch in sich. Für das Klima ist es am besten, wenn man seine Klamotten so lange trägt und sein Auto so lange fährt, bis es nicht mehr geht anstatt immer mehr zu kaufen, auch wenn es sich um nachhaltig produzierte bzw. umweltfreundliche Waren handelt. Das ist ein großer Selbstbetrug.

Und so lange wir es allen Ernstes für moralisch richtig halten, dass Krankenhäuser Profit machen müssen, dass nicht so viele Lehrer*innen, Pflegekräfte, Wissenschaftler*innen eingestellt werden dürfen wie gebraucht werden, sondern diese Entscheidungen nur auf Grundlage finanzieller Ressourcen getroffen werden, wird es nie zu einer größeren gesellschaftlichen Gerechtigkeit kommen. Eva von Redecker schreibt im Rückgriff auf Hannah Ahrendt:

„Hannah Arendt diagnostizierte schon für das Ende des 19. Jahrhunderts eine heimliche Bewunderung der guten Gesellschaft für die Kriminalität, in der das Bürgertum ihre eigenen Methoden erkennt. Was den größten Scharlatanen die Wählergunst sichert, ist, dass sie offen so handeln, wie man selbst es doch noch eher verschämt und stümperhaft im Verborgenen tut. Alle Mittel einsetzen. Sonst wird man schließlich am Ende selbst eliminiert.“

In der bürgerlichen Gesellschaft geht es in erster Linie darum, mögliche Konkurrent*innen, die den eigenen Erfolg gefährden könnten, aus dem Weg zu räumen. Erst dann hat man sein Ziel erreicht. Das erinnert mich an den Hochstapler Felix Krull, der mit seinen Verstellungskünsten zeigt, dass es Zufall ist, in welche Gesellschaftsschicht man hinein geboren wurde und der als Simulant die nur auf Äußerlichkeiten und Oberflächlichkeiten fixierte Geldaristokratie entlarvt.

Erich Kästners moralischer und ebenfalls sympathischer Fabian sagt schon im Jahr 1931 so unglaublich aktuelle Sätze wie „Und sei mir nicht böse, wenn ich nicht glaube, daß sich Vernunft und Macht jemals heiraten werden. Es handelt sich leider um eine Antinomie. Ich bin der Überzeugung, daß es für die Menschheit, so wie sie ist, nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder ist man mit seinem Los unzufrieden, und dann schlägt man einander tot, um die Lage zu verbessern, oder man ist, und das ist eine rein theoretische Situation, im Gegenteil mit sich und der Welt einverstanden, dann bringt man sich aus Langeweile um. Der Effekt ist derselbe. Was nützt das göttlichste System, solange der Mensch ein Schwein ist?“

Im Gegensatz zu Felix Krull ist Fabian jedoch ein hoffnungsloser Melancholiker, der das Gefühl hat, nicht ins System zu passen, da ihm Geld und Macht völlig egal sind und er darin für sich keinen Lebenssinn erkenn kann. Felix Krull dagegen ist ein Lebenskünstler, der die unmoralische Welt genauso wie Fabian durchschaut, sich jedoch mit Vergnügen an sie anpasst und mit ihr spielt.

Byung-Chul Han stellt in seinem neuesten Buch „Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie“ fest, dass das „Disziplinarregime“ im digitalen Zeitalter durch ein „neoliberales Informationsregime“ ersetzt wurde, in dem sich die Herrschaft als freundliche, offene und moderne „Freiheit, Kommunikation und Community“ tarnt. Wir können heutzutage alles sagen und teilen – daraus entstehe jedoch kein argumentativer und dialektischer Diskurs, der Zeit benötigt, die uns aber nicht mehr gelassen wird. Han analysiert treffend: „Die logische Kohärenz, die den Diskurs auszeichnet, ist den viralen Medien fremd. Informationen haben ihre eigene Logik, ihre eigene Temporalität, ihre eigene Dignität jenseits von Wahrheit und Lüge.“

Insofern täuscht auch das digitale Zeitalter etwas vor, das es nicht ist – ein offener, sozialer, globaler Vernetzungsraum, der die Welt auf ein „globales Dorf“ (Marshall McLuhan) reduziert und für Frieden und gegenseitiges Verständnis sorgt. Man ist versucht, diesem einst positiven Ansinnen der inzwischen mächtigen digitalen Konzerne auch teilweise zuzustimmen, wenn sie nicht selbst in die völlig unmoderne und konservative kapitalistische Wachstumslogik eingebettet wären, wodurch jede individuelle Freiheit und jedes solidarische Gemeinschaftsgefühl nur simuliert und absurdum geführt wird.

Also leider irgendwie nichts Neues…aber genau dieser Stillstand bzw. dieser sich wie ein Vakuum anfühlende Zustand nervt…

(Titelbild: Jeshu John, http://www.designerspics.com/)

Führt das Ausleben unserer Individualität zukünftig auch zu mehr Isolation?

Diana Kinnert/Marc Bielefeld: Die neue Einsamkeit. Und wie wir sie als Gesellschaft überwinden können

In den letzten Monaten habe ich einige Interviews der jungen CDU-Politikerin Diana Kinnert gesehen, die mich sehr beeindruckt haben, weil es sich hier um eine Politikerin handelt, die in einem völlig anderen Sound als andere Politiker*innen spricht und dazu noch Inhalte vertritt, die man selten aus der CDU hört. Obwohl ich keine Nähe zu der Partei verspüre, begeistert mich die junge unkonventionelle Diana Kinnert, die als Markenzeichen einen Cowboyhut trägt und die ansonsten auch eine sehr lässige Erscheinung ist.

Was mir besonders an ihrem Buch „Die neue Einsamkeit“ gefällt, ist die Tatsache, dass darin keine üblichen politischen Phrasen gedroschen werden, sondern Kinnert in ihrer Gesellschaftsanalyse und beim Beschreiben des Phänomens „Einsamkeit“ vom Menschen und seinen Emotionen ausgeht, was in der Politik und auch in gesellschaftlichen Debatten meistens zu kurz kommt. Sie versucht sich auf knapp 500 Seiten der Frage zu nähern, warum die Vereinzelung innerhalb der Gesellschaft, das Gefühl der Einsamkeit und der Bedarf an psychologischer Therapie besonders bei jüngeren Leuten zunehmen. Dabei kommt sie zu dem originellen Ergebnis: „Der Mainstream ist in tausend Subkulturen zerfasert – und diese tausend Subkulturen sind gerade dabei, zum Mainstream zu werden“. Sie bezeichnet unsere Gesellschaft als „überindividualisiert“, da jeder Mensch sein eigenes Leben heutzutage ganz individuell kreieren und gestalten kann – zunehmend unabhängig von Geschlechterzugehörigkeit, sozialen Schichten und tradierten Normen. Diese durchaus positiv zu bewertende Entwicklung hat aber auch eine negative Seite.

Ähnlich wie der Philosoph Byung-Chul Han stellt auch Kinnert fest, dass der moderne Mensch im digitalen Zeitalter die Lust auf Spiritualität, auf das Rätselhafte und auf die Frage nach dem Sinn des Lebens verloren hat. Das Smartphone produziere die „maximale Unverbundenheit durch maximale Absorbiertheit“.

Die scheinbare digitale Revolution befördert die Arroganz, Selbstherrlichkeit und Überzeugtheit der Jetztmenschen, in einem Zeitenumbruch zu leben, so wie keine Generation vor uns. Dabei ist diese Annahme wissenschaftlich betrachtet absoluter Nonsens und dazu noch völlig unlogisch, denn wir kennen nun einmal nur unsere Jetztzeit und können uns in das Lebensgefühl der späteren und früheren menschlichen Generationen überhaupt nicht hineinversetzen.

Wie viele andere Autor*innen, die in den letzten Jahren Bücher zum digitalen Zeitalter geschrieben haben, analysiert Diana Kinnert, dass das Smartphone und die sozialen Medien das Unverbindliche, Oberflächliche und Flüchtige befördern. Das ist erst einmal kein neuer Befund. Neu ist jedoch, dass hier eine junge Politikerin und Publizistin in einer unprätentiösen, authentischen Art und Weise und in einer direkten Sprache den aus dem Ruder gelaufenen Kapitalismus anprangert: „Und darum würde ich heute, nach allen Betrachtungen und Überlegungen, ganz besonders die Jugend mit Nachdruck und Überzeugung dazu auffordern, dem verlogenen Schein- und Community-Kapitalismus zu sagen: fuck you. Ich würde einfach wieder siezen“. Das ist eine herrlich erfrischende Sprache und tut gut. Die Autorin folgt dabei der Analyse des Soziologen Richard Sennett, der die Jugend dazu aufgefordert hat, sich einfach nicht auf den ausufernden Neoliberalismus einzulassen – das erinnert an das berühmte Zitat aus einem Gedicht von Carl Sandburg: „Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“

Der zweite Teil des Buches verliert sich teilweise zu sehr im Allgemeinen, was bei dem Thema nicht ausbleibt, da das Gefühl der Einsamkeit ein sehr subjektives ist und auch per se nicht unbedingt negativ sein muss. Kinnert unterscheidet in ihrem Buch die emotionale, soziale und kollektive Einsamkeit. Und sie macht deutlich, dass das Gefühl des unfreiwilligen Ausgeschlossenseins aus Gemeinschaften eines der traumatischsten Erlebnisse ist, die ein Mensch erfahren kann. Es reiche nicht aus, einfach nur physische oder virtuelle Orte der Begegnung zu schaffen (wie zum Beispiel Mehrgenerationenhäuser), um der Vereinzelung entgegenzuwirken, so die Autorin. Notwendig sei es, eine tiefere Verbundenheit der Menschen untereinander zu fördern, zum Beispiel durch „neue Modelle der ökonomischen Partizipation“.

Auch wenn Kinnert am Ende des Buches keine Lösung des Problems präsentiert und dieses auch gar nicht möglich ist – ist es auf jeden Fall ein großes Verdienst, das Thema aus der kommunikativen Tabuzone herausgeholt zu haben, da es mit sehr viel Scham belegt ist und sicher viel mehr Menschen unter Einsamkeit leiden, als nur diejenigen, die den Mut haben, darüber zu reden.

Die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie haben einen kleinen Ausblick darauf gegeben, wie es sich anfühlt, wenn die digitale Kommunikation im Privaten und im Beruf weiter zunimmt. Eine gesellschaftliche, interdisziplinäre Debatte darüber, wieviel digitale Kommunikation den Menschen und uns als Gesellschaft guttut, wäre wünschenswert. Wenn wir zum Beispiel berufliche und private Reisen aus ökonomischen und ökologischen Gründen einschränken, bedeutet das im gleichen Atemzug weniger persönliche, soziale Kontakte und weniger Möglichkeiten, neue Menschen kennenzulernen – denn das funktioniert nur persönlich.

Möchten wir das? Und wie lassen sich Klimaschutz, soziale Nähe und funktionierende Zusammenarbeit miteinander verbinden? Mobiles Arbeiten führt unter Umständen zu weniger körperlicher Bewegung und ebenfalls zu weniger persönlichen Gesprächen mit Kolleg*innen. Ist das für ein gutes Miteinander und das gegenseitige Verständnis wirklich förderlich, wenn man nur noch am Rande erfährt und spürt, woran die Kolleg*innen gerade arbeiten oder was sie umtreibt? Und droht nicht das Gemeinschaftsgefühl verloren zu gehen, wenn sich die Individuen mit ihren Familien oder Freundeskreisen immer mehr in ihrer eigenen privaten Blase befinden, die für andere kaum mehr sichtbar und zugänglich ist?

Das sind meines Erachtens wichtige Fragen, die wir diskutieren sollten. Die rasend schnell gewordene Kommunikation und der Überstrom an Nachrichten, der uns täglich überflutet, lässt Erinnerungen an vergangene Ereignisse immer schneller verschwinden bzw. verblassen, so dass wir uns immer weniger Zeit dafür nehmen, neue Arbeitsprozesse, Verhaltensweisen und Routinen, die durch die Digitalisierung geprägt sind, mit der Vergangenheit zu vergleichen und auf ihre Tauglichkeit und Sinnhaftigkeit zu bewerten.

(Titelbild: Jeshu John, http://www.designerspics.com/)

Das Verschwinden der Dinge Byung-Chul Han: Undinge. Umbrüche der Lebenswelt

Ich kann mich erinnern, dass ich früher als Kind immer unglücklich bzw. unzufrieden war, wenn ich zum Geburtstag oder zu Weihnachten ein Geschenk bekommen habe, das kein richtiger Gegenstand, also kein Ding war, das Bestand hatte, sondern irgendwann verschwunden war, also zum Beispiel Süßigkeiten, ein Zeichenblock oder auch Blumen. Das war für mich einfach kein richtiges Geschenk, das zählte nicht. Daran habe ich mich erinnert, als ich Byung-Chul Hans neues Buch „Undinge. Umbrüche der Lebenswelt“ gelesen habe. Der bekannte koreanische Philosoph beschäftigt sich darin vor allem mit der Frage, was mit den Dingen in der digitalen Welt passiert, d.h. mit Dingen, die wir so richtig in echt anfassen können. Wie immer macht es Spaß, Han beim Denken zuzuschauen. Seine Bücher lesen sich in der Regel leicht und süffig. Wenn man bereits mehrere seiner Bücher gelesen hat, wird man zwar auch mit Redundanzen konfrontiert und nicht nur mit neuen Thesen und Erkenntnissen. Aber trotzdem findet man immer neue Ideen, die einen inspirieren und zum (Neu) Denken anregen.

Byung-Chul Han stellt der so genannten „terranen Ordnung“ die „digitale Ordnung“ gegenüber und schreibt zum Beispiel über das E-Book, dass es sich dabei um kein Ding, sondern um eine Information handelt. Das heißt, während physische Bücher und andere physische Dinge uns Geborgenheit und Sicherheit geben, sind die digitalen Informationen flüchtig, unverbindlich und verschwinden ganz schnell wieder. Ähnlich verhält es sich mit dem Hören von CDs und Schallplatten. Auch wenn in der Musikszene eine leichte Trendwende hin zu physischen Datenträgern festzustellen ist und die Umsätze langsam wieder wachsen, ist das Streamen von Musik in unglaublich kurzer Zeit populär geworden. Das bedeutet, dass Musik mittlerweile in erster Linie über Streaming-Anbieter konsumiert wird und damit auch die Erinnerungen verloren gehen, die wir zum Beispiel mit einer erworbenen Schallplatte und CD verbinden – wann und wo wir die Schallplatte gekauft und wie sehr wir sehnlichst darauf gewartet haben. Dementsprechend haben wir uns auch viel mehr auf dieses Ding konzentriert, es sorgfältig aufbewahrt, es immer wieder in die Hand genommen und die Erinnerungen daran aufleben lassen. Und da wir nicht wie heute fast jedes Album oder jeden Song aus der Musikgeschichte zur Verfügung hatten, konnten wir uns mehr und vor allem andauernder auf Musik und einzelne Künstler*innen konzentrieren. Han beschreibt dieses Gefühl so:

„Das Desaster der digitalen Kommunikation rührt daher, dass wir keine Zeit haben fürs Augenschließen. Die Augen werden zu einer ‚ständigen Gefräßigkeit‘ gezwungen. Sie verlieren die Stille, die tiefe Aufmerksamkeit. Die Seele betet nicht mehr.“

Der digitalen Kommunikation sind immer eine gewisse Melancholie, eine Leere und ein Gefühl des Verlusts eingeschrieben. Das wurde in den letzten Monaten während der vielen Videokonferenzen im beruflichen und privaten Kontext deutlich. Nach Beendigung der Konferenzen bzw. des Kontakts via Bildschirm bleibt eine Leere und das Gefühl des Verlorenseins zurück, während wir aus einem Treffen mit realen Personen emotional berührter hervorgehen – unabhängig davon, ob es sich um ein schönes oder weniger angenehmes Treffen gehandelt hat.

Gleichzeitig würde ich aber Han dahingehend widersprechen, dass der Verlust der materiellen Dinge nur negativ zu bewerten ist:

„Wir halten heute überall das Smartphone hin und delegieren unsere Wahrnehmung an den Apparat. Wir nehmen die Wirklichkeit durch den Bildschirm wahr. Das digitale Fenster verdünnt die Wirklichkeit zu Informationen, die wir dann registrieren. Es findet kein dinglicher Kontakt mit der Wirklichkeit statt. Sie wird ihrer Präsenz beraubt. Wir nehmen nicht mehr die materiellen Schwingungen der Wirklichkeit wahr. Die Wahrnehmung wird entkörperlicht. Das Smartphone entwirklicht die Welt.“

Man könnte es auch durchaus positiv betrachten, wenn wir uns weniger abhängig von materiellen Dingen und damit dem Besitz von Dingen machen. Das kann auch eine Befreiung sein und gerade im Gegenteil zu mehr Wertschätzung zwischenmenschlicher Beziehungen und damit auch zu mehr geistiger Beschäftigung führen – vorausgesetzt, wir werden nicht bequem und bleiben alle zu Hause in unseren Wohnungen hocken und verlernen allmählich die Kommunikation mit realen Menschen, so dass am Ende nur der Informationsaustausch übrigbleibt und keine reziproke Form des Austauschs, bei dem die Kommunikationspartner*innen gegenseitig auf ihre jeweiligen Kontexte Bezug nehmen, d.h. bestimmte Stimmungen, Zwischentöne und nonverbale Signale wahrnehmen. Wie so oft im Leben ist es wichtig, hier die individuelle aber auch gesamtgesellschaftliche gesunde Balance zu finden. Und dafür ist es wichtig, auf kritische Stimmen wie die von Byung-Chul Han zu hören und sich über die Gefahren und Auswirkungen der „entkörperlichten“ Wahrnehmung bewusst zu sein.

(Titelbild: Jeshu John, http://www.designerspics.com/)

Mehr Spiele, Feste und Gemeinschaft bitte! Byung-Chul Han: Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart.

Byung-Chul Han, der Schnellschreiber im digitalen Zeitalter, hat wieder ein Buch vorgelegt, das äußerst inspirierend daherkommt und dem unverwechselbaren Han-Stil entspricht. Es ist nicht so leicht, Rezensionen zu Büchern des Philosophen und Diagnostiker des digitalen Zeitalters zu schreiben, da sie in sich sehr organisch sind und in ihrer Gesamtheit immer einen fortlaufenden Gedankenprozess an einem Stück darstellen – vergleichbar mit einem Kinofilm, der ohne einen einzigen Schnitt gedreht wurde und nur aus einer einzigen Einstellung besteht.

In seinem Buch „Vom Verschwinden der Rituale“ greift Han seine alten Themen wieder auf – nämlich die Beschreibung der aktuellen Digitalisierungsgesellschaft, die vom Subjekt und nicht mehr durch die Gemeinschaft bestimmt wird. Dieses Mal geht Han von Ritualen aus, die als symbolische und formalistische Handlungen der modernen Gesellschaft abhanden gekommen seien. Rituale bringen eine „Gemeinschaft ohne Kommunikation“ hervor, während unsere heutige Gesellschaft durch eine „Kommunikation ohne Gemeinschaft“ geprägt sei. Wir leben in einer Gesellschaft ohne „Symbolkraft“, sagt Han, denn Daten und Informationen haben nichts Bleibendes an sich, sondern ändern sich ständig, so dass sie der Gesellschaft keine Stabilität bieten und kein kontemplatives Verweilen mehr zulassen. Die Logik des Kapitalismus nimmt den Dingen ihre Dauer, da die Dinge ständig neu produziert und konsumiert werden. Auch das scheinbar Moralische, womit vor allem verschiedene Varianten der Selbstoptimierung gemeint sind, wird vom Kapitalismus absorbiert und sofort verwertet, so dass sich die moralischen Werte nicht auf die Gemeinschaft beziehen, sondern damit nur der eigene „Selbstwert erhöht wird“.

Die digitale Gesellschaft zeichnet sich laut Byung-Chul Han durch ständige Wiederholungen des immer Gleichen aus. Es handelt sich hierbei jedoch um eine andere Art des Wiederholens als bei Ritualen, die ja auch das Element der Wiederholung in sich tragen, aber dadurch gekennzeichnet sind, dass sie in sich geschlossen sind, so Han. Er stellt die These auf, dass sich Daten und Informationen uns in einer Endlosschleife präsentieren, aus der wir uns nicht befreien können und wodurch das Leben zu einem reinen Überleben verkommt ohne jegliche symbolische Rituale, die eine Gemeinschaft festigen. Die souveräne Lebenskunst und das sinnlose Verweilen gehen damit verloren. Der fortwährende kapitalistische Produktionszwang negiere den Abschluss des Lebens. Der Tod werde nicht mehr akzeptiert.

Rituelle Zeremonien wie Gottesdienste, religiöse Feiertage, benötigen laut Han keine Psychologie und keine Empathie, weil das Subjekt im Kollektivismus aufgeht und die eigenen, subjektiven Probleme keine Rolle mehr spielen. Der Mensch fühle sich im kollektiven Ritual geborgen und eingehaust. Leider wird Han an dieser Stelle nicht konkreter, so dass man sich ein paar Beispiele für rituelle Handlungen gewünscht hätte, die man wieder aktivieren könnte, ohne dass sie aus der Zeit gefallen wirken und ihr erneutes Aufleben nicht konstruiert wirkt. Denn bei dem Wort Ritualehaben wir sowohl negative als auch positive Assoziationen. Schöne Rituale können beispielsweise ein ausgiebiges Frühstück am Wochenende oder eingeübte und beruhigende Abläufe vor dem Schlafengehen sein. Wir denken wir bei Ritualen aber auch gleichzeitig an dunkle Geheimnisse und an mystische Begebenheiten.

Des Weiteren kritisiert Han, dass die digitalen Menschen ständig neue Reize benötigen, immerzu konsumieren und damit die Dinge keine Geschichten mehr erzählen und keine Erinnerungen in sich tragen. Außerdem wendet er sich gegen Veranstaltungen, die nur mehr Events genannt werden und damit die Flüchtigkeit schon im Namen tragen. Aus meiner Sicht widerspricht sich Han hier in gewisser Weise selbst, da zum Beispiel auch große Musikkonzerte etwas rituelles an sich haben, da sich die Zuschauer:innen dabei völlig entrückt verlieren können und in Ekstase geraten – ohne sich als Subjekt wahrzunehmen. Und gerade solche emotionalen Großereignisse verinnerlichen besonders junge Menschen sehr stark und bewahren sie dauerhaft als Erinnerung und wertvolle Zeit in ihrem Leben.

Gleichzeitig stimme ich Han dahingehend zu, dass er ähnlich wie ich in meinem Buch „Smiley Herzchen Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im digitalen Zeitalter“ die Leichtigkeit und die Gelassenheit in unserer gegenwärtigen Gesellschaft vermisst. Er vermisst vor allem das Spielerische und Theatralische und die oberflächliche Höflichkeit als rituelle Handlungen, wie sie im 18. Jahrhundert üblich waren und heute noch in der japanischen Gesellschaft gelebt werden. Han plädiert auch für das Spielerische, das Schauspielerische und die Schönheit von Sprache, die nichts meinen muss und nur durch den Schein des Schönen attraktiv ist.

Einige Sätze im Buch sind aus meiner Sicht etwas zu plakativ formuliert, zum Beispiel: „Den neoliberalen Dispositiven wie Authentizität, Innovation oder Kreativität wohnt ein permanenter Zwang zu Neuem inne. Sie erzeugen aber letzten Endes nur Variationen des Gleichen“. Meiner Meinung nach fehlt dem digitalen Zeitalter gerade Authentizität und Kreativität, wodurch alles mehr und mehr gleich wirkt. Im Kult der Authentizität erkennt Han dagegen eine Verrohung der Gesellschaft – eine mittlerweile inflationär gebrauchte Aussage in unserer Gesellschaft. Da verweise ich immer gern auf die Weltkriege im 20. Jahrhundert. Wenn wir jetzt eine Verrohung der Gesellschaft haben – was hatten wir dann damals?

Auch wenn sich Byung-Chul Han in seinen Büchern selbst zu Wiederholungen neigt, so findet man in ihnen immer wieder geniale Sätze, die einen inspirieren und verführen und wofür sich das Lesen seiner Bücher lohnt, wie zum Beispiel: „Die Depression entsteht am Nullpunkt der Resonanz […]. Das neoliberale Regime vereinzelt die Menschen. Gleichzeitig wird die Empathie beschworen. Die rituelle Gesellschaft benötigt keine Empathie, denn sie ist ein Resonanzkörper.“

(Titelbild: Free-Photos auf Pixabay.com)