Windows 11 und das Problem fehlender Technik-Transparenz

Microsofts kommendes Windows-Update „Windows 11“ war in technikaffinen Medien zuletzt häufig Thema. Unter anderem, weil Microsoft eher undeutlich kommuniziert, auf welchen Computern das Betriebssystem überhaupt funktioniert und so implizit nahelegt, sicherheitshalber Geld für neue Hardware auszugeben. Aber Windows 11 steht auch stellvertretend für einen jahrelangen Trend zu immer mehr Abgeschlossenheit von Computern. Bei GameStar Plus (leider Paywall) hat Georg Löschner einen sehr guten, etwas sarkastischen Kommentar geschrieben, der auf den Punkt bringt, was das Problem bei den Produkten großer Computerkonzerne heute ist: Konzerne wie Microsoft und Apple stellen nur noch hübsche, glattgebügelte Oberflächen bereit, die kaum noch echte Eingriffe seitens der Nutzer*innen zulassen.

Die zunehmende Abgeschlossenheit von Computern bei ihrer gleichzeitig immer größeren Verbreitung in verschiedenen Formen ist ein Problem, das auch bei Über/Strom immer wieder Thema ist, und mit dem ich mich seit Jahren befasse. In meinem Buch „Nutzerverhalten verstehen – Softwareenutzen optimieren“ schreibe ich:

„Transparent gegenüber Nutzer∗innen ist Software, wenn Nutzer∗innen jederzeit die Möglichkeit haben, sich über Hintergründe und Aktivitäten der Software in der aktuellen Situation sowie über das Zustandekommen der Berechnungs- oder Verarbeitungsergebnisse zu informieren. Die undurchsichtige Blackbox Software soll also ein Stück weit transparent gemacht werden.“ (S. 18).

Diese Art von Transparenz halte ich für wichtig, wenn wir als Nutzer*innen nicht nur Konsument*innen sein wollen, sondern weiter selbstbestimmt handeln. Und ja, das ist mit Arbeit verbunden, sowohl für Entwickler*innen als auch für Nutzer*innen:

Nutzer∗innen haben gewissermaßen eine Holschuld, indem sie bereit sein müssen, grundlegende Funktionsprinzipien von Software verstehen zu lernen. Anstatt mal indifferent, mitunter staunend, oft fluchend vor den Ausgaben eines Programms zu sitzen, sollten sie eine Vorstellung davon entwickeln wollen, was das Programm gerade für sie tut. Auf der anderen Seite haben Entwickler∗innen eine Bringschuld, indem sie Software so gestalten, dass Nutzer∗innen sie verstehen können(Hervorh. M.D., S. 19).

Ist Techniktransparenz elitär?

Aber das sehen nicht alle so. Der Nutzer „Zwart“ kommentierte unter Löschners Artikel:Elitärer Bullshit. Dass der Betrieb von PC immer einfacher wird und immer mehr Menschen dazu befähigt, das Potential zu nutzen, ist eine gute Entwicklung.“ (Hervorh. M.D.; Tippfehler habe ich im Zitat korrigiert). Auf den ersten Blick könnte man Löschners Artikel tatsächlich so sehen. Schreibt da nicht nur jemand, den es nervt, dass sein eigenes Expertentum heute nicht mehr gebraucht wird, weil heute eben jede*r einen Computer benutzen kann?

Aber der Kommentar übersieht den Kerngedanken des Artikels: Die Leute sollen heute gar nicht mehr tun wollen, was abseits schicker Oberflächen eigentlich möglich wäre. Je abgeschlossener und „glatter“ Technik wird und je weniger echte Einblick- und Eingriffsmöglichkeiten sie bietet, desto weniger wissen Menschen, welches Potenzial da eigentlich vorhanden wäre. Genau dadurch entsteht dann erst das Elitäre. Sie kommen auch gar nicht auf die Idee.

Meine Frau, die Lehrerin an einer berufsbildenden Schule ist, hat mir neulich erzählt, dass ein u.a. Technik unterrichtender Kollege festgestellt hat, dass Schüler*innen heute gar nicht mehr auf die Idee kommen, technische Geräte einfach mal auseinander zu nehmen und nachzugucken, wie die innen drin aufgebaut sind. Klar – wieso sollten sie auch? Technik lädt ja nicht mehr dazu ein. Smartphones und Tablets sind meistens verklebt, keine Schrauben oder große Lüftungsschlitze trüben das Bild. Nichtmal Akkus lassen sich wechseln.

Techno-Schamanismus?

Also ist die Technik halt da, und sie ist, wie sie ist. Georg Löschner schreibt in seinem Artikel:

„Wir beten den Rechner an, weil er läuft, ohne dass wir darüber nachdenken müssen, warum. Und wie bei jeder göttlichen Anhimmelung inklusive Selbstaufgabe stehen wir dumm da, wenn dann mal irgendwas nicht funktioniert. Denn heutzutage wird das Suchen nach dem Fehler hinter schicken ‚Ich helfe Dir! (kurz nach Hause telemetrieren, brb)‘-Mitteillungen versteckt, aber mangels Wissen, was da wo rödelt … denkt euch euern Teil.“

Die religiöse Metapher ist nicht neu, aber immer noch treffend. Schon Anfang der 1990er gab es dahingehend in einem Usenet-Posting eine dystopische „Vision“: Irgendwann wäre Software so verbreitet und verschlossen, dass wir sie nur noch wie eine Naturgewalt wahrnehmen. Nur sogenannte Techno-Schaman*innen wären in der Lage, sie im Auftrag ihres Stammes zu beherrschen. Sie wissen zwar nicht mehr, warum bestimmte Handlungen funktionieren (das hat die Gesellschaft insgesamt längst vergessen), aber zumindest, dass sie funktionieren, was für den Alltag der neuen Stammesgesellschaft ausreicht.

Unterscheiden lernen

Auch der Soziologe Niklas Luhmann sprach von Technik als Umwelt und als „zweiter Natur“, aber ganz so düster wie in o.g. Vision hat Luhmann das meines Wissens nicht ausgemalt. Technik war für Luhmann Umwelt von Gesellschaft, aber für seine eigenen Analysen noch nicht im Zentrum. Luhmann-Schüler Dirk Baecker hat das Thema seit den 2000ern dankbar aufgegriffen und theoretisch erarbeitet, wie sich Kommunikation in der „Computergesellschaft“ verändert.

In meiner Dissertation (ein kostenloses Druckexemplar schicke ich auf Anfrage gerne zu … ehrlich, die müssen weg) habe ich vor ein paar Jahren Baeckers „Formen der Kommunikation“ (2004) angewendet, um Nutzer*innen bei der Computernutzung zu beobachten und ihr Handeln besser zu verstehen. Ich habe also aufgezeichnet, was sie tun und das dann interpretiert. Systemtheoretisch ausgedrückt: Ich habe das Treffen von Unterscheidungen von Nutzer*innen-Systemen beobachtet, d.h. wie sie mit Selektionen bestimmte Elemente der Nutzungssituation vor dem Hintergrund der Situation unterschieden und damit andere Möglichkeiten ausschließen.

(Das klingt komplizierter, als es ist, darum hab ich ja auch später das oben erwähnte andere Buch geschrieben 😉 ).

Im Fazit der Arbeit schrieb ich jedenfalls:

„es [ist] nicht ausreichend, den Umgang mit Strukturen der Software zu ‚erlernen‘ oder möglichst effiziente Modelle von Nutzerhandeln zu entwickeln. Erfolgreiche Nutzung benötigt die immer wieder neue Erschließung der Software im jeweiligen Einsatzkontext. Immer wieder muss während der Nutzung erkannt werden, vor welchen Hintergründen die Nutzung weitergehen kann – grundsätzlich, und im Falle von Problemen ganz besonders. Das verlangt, sich (a) zu orientieren über die Möglichkeiten; (b) die Möglichkeiten auf ihre Eignung zum je aktuellen Zeitpunkt zu prüfen; und (c) sich zu entscheiden für eine Möglichkeit, was neue zu prüfende Möglichkeiten mit sich bringt. […] [Dazu] ist [es] nötig, das hinter der Oberfläche verborgene Funktionsprinzip der Software zu durchschauen. […] Nur wenn hinterfragt wird, was geschieht, wenn eine bestimmte sichtbare Option ausgewählt wird, kann geprüft werden, ob die Option eine geeignete Selektion wäre. (Hervorh. M.D., S. 325f.)

Früher war alles besser?

Der Trend geht freilich in genau die entgegengesetzte Richtung. Technik wird immer glatter und ihre Funktionsweise wird immer mehr versteckt. In den großen Consumer-Systemen Windows und macOS wird man kaum mehr motiviert, hinter die Oberfläche zu blicken, und weil sich Nutzer*innen daran gewöhnen, wird das auch gar nicht mehr hinterfragt oder nachgefragt. Selbstironisch stellt sich Georg Löschner im Autorenkasten seines Artikels als aus der Zeit gefallen dar. Er

„ist ein grummeliger alter Sack. Influencer und das laute Geschrei von Social Media nerven ihn, und dass die jetzt (wahrscheinlich) auch noch das neue Windows zuspammen dürfen, beschert ihm mehr Puls als ein achtfacher Espresso auf nüchternen Magen. Er kommt nämlich noch aus einer Zeit, als Rechner sich so zurechtpfriemeln ließen, wie man das gerne hätte.“

War also früher alles besser? Nein, natürlich nicht. Früher war es eine Grundvoraussetzung, zu wissen, wie ein Computer im Innern funktioniert, um ihn zu benutzen. Das war gesellschaftlich nicht gut, weil es viele Leute ausschloss.

Aber heute haben wir das andere Extrem – durch die einfachen, funktional einschränkenden Oberflächen sind Computer zwar so verbreitet wie noch nie. Aber sie sind jetzt so „einfach“, dass man gar nicht mehr auf die Idee kommt, hinter die Oberfläche zu blicken und oft nicht hinterfragt, ob das, was einem da vorgesetzt wird, wirklich wünschenswert ist.

Auch heute sind Expert*innen die einzigen, die das können; das ist nicht anders als früher. Und nach wie vor sorgt das nicht nur für Stress und Frustration, sondern – und das ist eben das Neue – für große Unklarheit darüber, was ein Computer eigentlich gerade mit unseren Daten tut. Die Hürde, das zu kontrollieren, ist hoch, und die einzige echte Wahl besteht heute nur noch darin, abzuschalten, sich mit alternatien Systemen wie Linux anzufreunden (was aber, wenn es kontrolliert sein soll, Wissen voraussetzt, das man aus genannten Gründen heute nicht mehr voraussetzen kann, also wiederum in Abhängigkeit von Expert*innen drängt) oder einfach mitzumachen in der schönen glatten durchdesignten Welt.


(Titelbild: sdx15 / shutterstock.com)

Tipps gegen Update-Stress

Wir leben in der Zeit der „ewigen Beta“. Die Programme, die heute auf unseren Computern, Tablets und Smartphones laufen, werden immer weniger als fertiges Produkt angesehen, sondern als Dienstleistung — „Software as a Service“. Wir bezahlen keine Ware, sondern erwerben eine Nutzungslizenz, oder wir schließen Abonnements ab. Eine neue Version der Software wird so oft nicht mehr explizit erworben, sondern kommt automatisch, und wenn wir ein Programm starten, um einfach damit zu arbeiten, müssen wir mitunter erstmal minutenlang warten, bis es sich aktualisiert hat.

Bekanntestes Beispiel ist Microsofts Betriebssystem Windows 10, das ca. zwei Mal im Jahr ein großes Update erhält und dazwischen mehrere kleine. Die lassen sich zwar für einige Tage verschieben, sind aber schließlich zwingend zu installieren. Auch Apple hat Mitte 2020 in seinem Betriebssystem macOS die Möglichkeit entfernt, Updates zu ignorieren. Das mobile Betriebssystem Android, viele Spiele und Anwendungsprogramme (oder „Apps“) erscheinen ebenfalls als „rolling release“ ohne absehbaren Endzustand.

Beispiele für Update-Stress

Solch regelmäßige Aktualisierungen beheben heute nicht nur Fehler, damit am Ende ein möglichst ‚rundes‘ Produkt entsteht. Oft fügen sie neue Funktionen hinzu, verändern oder entfernen bekannte Funktionen und bringen leider auch neue Fehler mit. Das alles kann auf Nutzer*innen-Seite echten Stress verursachen.

Nicht nur an mir selbst, auch in meinen diversen Kundenservice-Erfahrungen erlebe ich immer wieder Kombinationen von Situationen wie den folgenden:

  • Ein Update verändert Bezeichnungen, Symbole oder die Anordnung von Bedienelementen so, dass bekannte Funktionen nicht mehr wiedergefunden oder nicht mehr korrekt bedient werden können, obwohl sie ansonsten weiter vorhanden sind. Das bereitet Menschen große Schwierigkeiten, die sich mit Mühe in eine Nutzerschnittstelle eingearbeitet hatten und nun umlernen müssen. Das betrifft mehr Leute, als man als computeraffiner Mensch glaubt.
  • Ein Update verändert bekannte Funktionen so, dass die Leistungen dieser Funktionen (ihre Ergebnisse oder Effekte) anders sind als zuvor. Funktion A hatte vor dem Update Effekt 1 und 2, nach dem Update hat sie vielleicht noch Effekt 3, oder Effekt 2 wurde entfernt, weil dafür nun eine neue Funktion B eingeführt wurde.
  • Ein Update verändert die ‚harten‘ technischen Voraussetzungen, die nötig sind, damit das Programm vernünftig läuft — es benötigt auf einmal mehr Speicher, einen besseren Prozessor oder eine bessere Grafikkarte, um genauso schnell wie zuvor auf unsere Wünsche zu reagieren. Im schlimmsten Fall stellen wir dann fest, dass wir auch die Hardware selbst aktualisieren müssen, damit alles wieder gut funktioniert.
  • Ein automatisches Update wird genau dann durchgeführt, wenn man es gerade am wenigsten brauchen kann — statt einfach schnell die jeweilige Aufgabe zu erledigen, muss man erstmal warten, bis das Update fertig ist. Wenn dafür auch noch lange Downloads nötig sind, während der Internetzugang vielleicht gerade durch andere Haushaltsmitglieder ausgelastet ist, kann das sehr frustrierend sein.
  • Ein automatisches Update ist nicht verhinderbar („Zwangsupdate“) oder kann nicht auf einen geeigneteren Zeitpunkt verschoben werden.
  • Es wird nicht verständlich erklärt, was ein Update für Änderungen zur Folge hat, und ob es wichtig oder unwichtig für meine eigene, ganz konkrete Nutzungssituation ist.

Ihnen fallen sicher noch andere Punkte ein. Jedenfalls kann all das ‚ganz schön stressig‘ sein.

Tipps gegen den Updatestress

Auf Updates zu verzichten, ist keine gute Idee, denn oft sind die Änderungen positiv und wichtige Fehlerquellen oder Sicherheitslücken (die sich eben nie ganz im Vorfeld verhindern lassen) werden behoben. Auch Zwangsupdates können sinnvoll sein, um gegen akute Sicherheitsprobleme oder Fehler mit großen Auswirkungen vorzugehen. In diesen Fällen mag das — eigentlich ziemlich übergriffige — Verhalten der großen Softwarefirmen gerechtfertigt erscheinen, denn ein nicht aktuell gehaltenes System wird im Internet auch zur Gefahr für andere.

Daher folgen nun einige einfache Tipps, wie man Updatestress vorbeugen kann.

  1. Vereinfachung I: Man muss nicht gleich „Digital Detox“ machen, aber was nicht installiert ist, braucht auch keine Updates. Viele Geräte werden von Anfang an mit Software geliefert, die man gar nicht verwendet. Misten Sie Ihre Geräte daher regelmäßig aus und vermeiden Sie es, irgendwelche Programme aus dem Internet oder Apps aus dem Appstore runterzuladen, nur weil die Werbung irgendwelche Wunder verspricht oder ein neues Programm toller aussieht als das alte. Neu ist nicht immer besser.
  2. Vereinfachung II: Im Laufe der Zeit sammeln sich heute ziemlich viele Geräte an. Das ist nicht nur ein Problem für die natürlichen Ressourcen der Erde, das Klima und die Stromrechnung. Jedes Gerät will gewartet sein, und gerade Geräte, die wir nur selten verwenden, sind beim nächsten Mal erstmal lange mit Aktualisierungen beschäftigt. Beschränken Sie sich daher auf wenige, möglichst langlebige Geräte, die Sie wirklich brauchen und regelmäßig verwenden.
  3. Erkennen Sie Ihren Bedarf: Um zu ermitteln, welche Geräte und Programme wir ‚wirklich brauchen‘, hilft es, mal einen Monat Tagebuch über die eigenen Nutzungsgewohnheiten zu führen. Was tue ich in welchem Umfang mit meinem Smartphone, meinem Tablet, meinem PC und meinem Laptop? Kann ich eventuell bei der nächsten Mobilfunkvertragsverlängerung auf ein neues Gerät verzichten? Kann das Tablet möglicherweise PC und Laptop ersetzen? Muss das Telefon wirklich ’smart‘ sein, wenn ich daneben auch ein Tablet habe? Verzichte ich vielleicht sogar ganz auf Smartphone und Tablet, um die Computer dorthin zu verbannen, wo sie hingehören (nämlich auf den Schreibtisch statt auf die Couch oder neben das Bett)? Habe ich das Gefühl, dass die Verwendung von Gerät A, Programm B oder App C mir einen echten Nutzen oder Freude bringt? Wenn nicht, weg damit.
  4. Legen Sie Updates auf eine günstige Zeit: Um zu vermeiden, dass sich Updates gerade dann in den Vordergrund drängen, wenn Ihnen das gar nicht passt, planen Sie regelmäßige Zeitfenster für Updates ein — so wie für den Hausputz. Der ist übrigens eine gute Zeit, um größere Updates durchzuführen (besser, als Geräte dafür nachts angeschaltet zu lassen, während wir schlafen). Während wir Staub saugen, das Bad putzen oder abwaschen, können parallel Updates runtergeladen und installiert werden — die Geräte nutzen wir da ohnehin nicht und wenn wir mit der Hausarbeit fertig sind, dürften die meisten Updates auch abgeschlossen sein. Falls zwischendurch ein Neustart nötig ist, ist der auch schnell erledigt.
  5. Verschieben Sie brandneue Updates eine Weile, wenn möglich: Wenn es nicht gerade um wichtige Sicherheitslücken geht, warten Sie einige Tage ab. Schon öfter hatten etwa Nutzer*innen von Windows 10 das Problem, dass der Computer nach Updates nicht mehr startete; der Hersteller zog dann diese Updates zurück und brachte später korrigierte Versionen heraus. Mittlerweile kann man eine „Update-Pause“ für bis zu 35 Tage in Windows 10 einstellen; unter Umständen ist das sinnvoll.
  6. Informieren Sie sich im Internet, ob ein Update Probleme bereiten könnte. Seriöse Seiten sind dafür etwa technische Nachrichtenportale wie heise.de oder golem.de; Social Media und Foren verbreiten hingegen oft auch oft Halbwissen und Mythen.
  7. Machen Sie Backups: Wertvolle Texte, Fotos, Musik, usw. sollten regelmäßig gesichert werden — das geht zwar in der Cloud, aber falls das Internet mal ausfällt, schadet es auch nicht, traditionelle Backups auf externen Datenträgern zu haben. Das nimmt die Sorge davor, alles zu verlieren, wenn mal etwas schiefgeht. Sie müssen dazu keine komplexe Backupstrategie mit zig Versionen einführen. Machen Sie einfach jede Woche eine Sicherung der wichtigsten Ordner und löschen Sie nach vier Wochen die jeweils älteste Sicherung. Auch dies lässt sich übrigens mit dem Hausputztermin kombinieren.

Fazit

Natürlich könnte man noch viel weitergehen. Man könnte selbst zum ‚Techniknerd‘ werden, ein freies Betriebssystem wie Linux installieren und so eine fast vollständige Kontrolle über die eigenen Geräte und Programme erlangen. Dies jedoch verschiebt den eigenen Fokus von der möglichst einfachen Nutzung und verlangt zeitaufwendige Einarbeitung (an deren Ende zwar ebenfalls eine elegante Form von Einfachheit stehen kann, aber der Weg dahin braucht etwas Zeit und Lernwillen). Die genannten Tipps hingegen — sie dienen letztlich der Systematisierung und dem Gewinnen eines Überblicks — lassen sich auch in einem ’normalen‘ Nutzungsalltag umsetzen.

(Titelbild: mohamed_Hassan / Pixabay.com)

Mondlandung in VR

Vor 50 Jahren, am 20.07.1969, fand die Mondlandung statt. (Ja, tat sie.) Dementsprechend gibt es heute sehr viele Artikel in Online-Medien dazu. Sehr interessant ist bei heise.de etwa die Beschreibung des Computers, der in Apollo 11 verwendet wurde (und der erfreulicherweise mehrfach auf die wichtige Rolle von Margaret Hamilton für die Entwicklung des Computers hinweist, siehe auch unsere Notiz hier).

Ich will heute aber nur kurz die Virtual-Reality-App Apollo 11 VR erwähnen, die schon 2017 rauskam, 2018 ein HD-Update erhielt und in der die Mondlandung aus Sicht der Besatzung im engen Raumschiff gezeigt wird. Neben einem passiven Dokumentationsmodus, der grafisch gut gemacht und schon recht immersiv ist, kann man die simulierte Landefähre auch selbst steuern.

Die App gibt es für 9,99 EUR als HD-Version für alle wichtigen PC-gestützten VR-Brillen, ausprobiert habe ich die 4,99 EUR teure ältere mobile Version für Oculus Go.

Eine Welt ohne Puls, Verbindlichkeit und Tiefe…tatsächlich. (Teil 2)

Dies ist die Fortsetzung des ersten Teils, den Sie hier finden.

Fernsehen vs. Computer

Während man das Fernsehen und den Computer sowie die Vernetzung von Computern (eine wesentliche Eigenschaft des Internets) noch als technologische Weiterentwicklung bezeichnen konnte, sind die neuen Anwendungen im Rahmen des Internet vor allem durch marktrelevantes Agieren der Wirtschaft entstanden, indem ständig neue Bedürfnisse kreiert werden – mit dem Ziel, neue Absatzmöglichkeiten zu schaffen. Beim Fernsehen handelte es sich um eine mediale Revolution – es entstand eine zweite Realität, die simultan eine Vielzahl von Zuschauern erreichte und in Echtzeit abgebildet wurde. Damit wird den Fernsehzuschauern suggeriert, dass die Realität genau SO stattfindet, wie sie sie in dem Moment des Schauens wahrnehmen. Es ist schwer, zu abstrahieren, dass es sich bei den Fernsehbildern nur um einen Wirklichkeitsausschnitt handelt, der in komplexe kausale Zusammenhänge eingebettet ist, die von den Fernsehbildern nicht gleichzeitig mitvermittelt werden können. Während das Fernsehen aber noch durchaus die Menschen zusammengebracht bzw. einen gemeinsamen Konsens hergestellt hat, führen die neuen Entwicklungen wie Facebook, Instagram und Twitter dagegen zu weiterer Individualisierung – nicht zu verwechseln mit dem Begriff der Einsamkeit. Auch vor dem Fernseher sitzen viele Leute allein, aber die neuen medialen Anwendungen rund um das World Wide Web führen dazu, dass die Menschen ihre Individualität und dementsprechend auch ihre persönlichen Wünsche in den Vordergrund stellen – das heißt, paradoxer Weise führen die sozialen Netzwerke eben nicht zu sozial engeren Beziehungen, die moralisches Verhalten, gegenseitige Rücksichtnahme, Empathie und altruistische Handlungen fördern. Die sozialen Netzwerke führen nicht zu neuen, bedeutungsschweren Texten oder Gedanken, sondern sie potenzieren lediglich die Anzahl von redundanten Texten, die nichts meinen oder aussagen. Und wenn doch mal gute Gedanken dabei sind, gehen sie sofort unter, ohne dass irgendjemand länger darüber nachgedacht hat. Aber nur wenn ein Rezipient länger über einen Text oder über die Gedanken eines anderen nachdenkt – entsteht Kommunikation und nicht lediglich ein Kontakt.

„Man ist durch diese Entwicklung in der Tat der Welt des Taktilen näher als der des Visuellen, in der die Distanzierung größer, die Reflexion jederzeit möglich ist. In dem Moment, in dem die Berührung für uns ihre sensorische, sinnliche Bedeutung verliert („die Berührung ist eher eine Interaktion der Sinne als ein bloßer Kontakt zwischen der Haut und einem Gegenstand“), ist es möglich, daß sie wieder zum Schema einer Welt der Kommunikation wird – aber als Spielraum für die taktile und taktische Simulation, wo die „message“ zur „massage“ wird, zur alles erfassenden Anstrengung, zum Test. Überall wird man getestet, betastet, die Methode ist „taktisch“, die Sphäre der Kommunikation ist „taktil“. Ganz zu schweigen von der Ideologie des „Kontakts“, die in all ihren verschiedenen Formen darauf abzielt, die Idee des sozialen Zusammenhangs zu ersetzen.“ ( Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod, S. 101.)

In dem Moment, wenn eine Nachricht auf dem Smartphone erscheint bzw. durch Vibration oder einen Klingelton angezeigt wird, werden wir davon unmittelbar berührt – durch eine Direktheit in ihrer unmittelbarsten Form, die kein distanziertes Verhalten zu der Nachricht ermöglicht. Im Gegenteil – sie stellt eine Art Bedrohung dar und fordert möglichst in kurzer Zeit von uns eine Antwort. Der Kommunikationswissenschaftler Mario Donick schreibt, dass „[…] in Medien reproduzierte radikale Aussagen zu einer Reaktion bedrängen. Sie fokussieren auf sich und engen den Blick auf sich ein. Sie fragen: ‚Auf welcher Seite stehst du ?‘ und sie fordern: ‚Du musst dich entscheiden‘. Sie setzen unter Druck“ ( Donick, Mario: Head Canon: Medien im epikritischen Zeitalter. Essay in sechs Teilen. 4/6, S. 3.) Wir sind dadurch fremdbestimmt, weil die Nachricht uns aus einer bestimmten Situation herausholt und uns in Sekundenschnelle in eine positive oder negative Stimmung versetzen kann. Es besteht zumindest potentiell die Gefahr, dass unser Gefühlsleben von jetzt auf gleich beeinflusst wird. Das kann natürlich auch durch das herkömmliche Telefon, Radio oder Fernsehen passieren. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass die Kommunikation in Form von SMS oder Whatsapp die unmittelbarste Art der Kommunikation ist, die es bis zum jetzigen Zeitpunkt gibt. Via Telefon lässt sich diskutieren, man kann sich zu seinem Gegenüber verhalten und Gesprächsthemen verhandeln. Eine kurze heiße Nachricht ist jedoch plötzlich da und verlangt nach einer Reaktion. Marshall McLuhan differenziert zwischen heißen und kalten Medien: Heiße Medien wie das Radio und die Fotografie sind sehr detailreiche Medien, die nur wenig „persönliche Beteiligung“ durch den Zuhörer ( McLuhan, Marshall: Heiße Medien und kalte. (1964) In: Kursbuch Medienkultur, Stuttgart, 2004, S. 45 ff.) oder Betrachter benötigen, während das Telefon als kühles Medium dem Zuhörer und Sprecher einen hohen Konzentrationsgrad abverlangt. Nach dieser Kategorisierung hätten wir es bei der Kommunikation via SMS oder Whatsapp mit einem äußerst heißen Medium zu tun. Die Form der taktilen Kommunikation unterbindet jede Form einer Diskussion und eines kommunikativen Aushandelns. Erst wenn dem Rezipienten die Chance und Zeit gegeben wird, über einen Sachverhalt zu reflektieren, entstehen Diskussionen, die wiederum im Dialog mit anderen zu neuen Gedanken weiterentwickelt werden können, d.h. es entsteht die gemeinsame Arbeit an einer Idee. Und genau dieses gemeinschaftliche Denken wird momentan unterbunden. Man möchte Facebook und Co. nicht unterstellen, dass sie der Weiterentwicklung hin zu einer besseren Gesellschaft negativ gegenüber stehen, aber ihr Pakt mit Mephisto in Form des zügellosen Strebens nach neuen Entdeckungen (im Unternehmen Google werden solche Entdeckungen „Moonshots“ genannt) verbunden mit kapitalistischem Profitstreben führt nicht zu einem Gemeinschaftsgefühl sondern fördert egozentrische Verhaltensweisen.

Der koreanische Philosoph Byung Chul-Han kritisiert zu Recht die heutige Transparenz- und Authentizitätsgesellschaft. Alles muss transparent und authentisch sein. Wir sehen uns quasi einer „Aufdeckungsindustrie“ gegenüber: Eine Woche lang erregt sich die deutsche Öffentlichkeit über die so genannten Panamapapers – und was passiert in der Konsequenz? Nichts. Es werden Informationen an die Oberfläche geschwemmt, die als Informationen stehen bleiben, ohne dass sich jemand ausführlich damit beschäftigt, denn dafür fehlt die Zeit. Prinzipiell eröffnet das Internet die Möglichkeit, sich umfassend zu informieren, die Glaubwürdigkeit von Nachrichten zu überprüfen und verschiedene Sichtweisen zu einem bestimmten Ereignis einzunehmen bzw. nachzuvollziehen. Das große Manko liegt jedoch darin, dass das Netz – so wie der Name es auch schon verrät – so gut wie nicht entwirrbar ist und man sich darin verstrickt. Die vielen Verlinkungen lassen kein geradliniges Lesen zu. Sie sind effektiv, um schnell an Informationen zu kommen, jedoch nicht, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Es erfordert einen erheblichen Rechercheaufwand, um akzeptable Wahrscheinlichkeiten für den Wahrheitsgehalt eines Ereignisses zu erzielen. Insofern ist die Arbeitserleichterung im Vergleich zur früheren analogen Literaturrecherche nicht besonders auffällig.

Rückkehr zum Analogen?

Vor allem die stark verkürzte Kommunikation via Twitter, SMS uns Whatsapp und die Wucht der (bewegten) Bilder via Facebook und Instagram führen dazu, dass auch bei gut gemeinten politischen Aktionen häufig Vermarktung und die Generierung von Aufmerksamkeit in keinem Verhältnis zur substanziellen Unterfütterung der Aktion stehen bzw. diese in vielen Fällen schlicht und einfach gar nicht existiert.

„Die Information liegt einfach vor. Das Wissen im emphatischen Sinne ist dagegen ein langsamer, langer Prozess. Er weist eine ganz andere Zeitlichkeit auf. Es reift. Das Reifen ist eine Zeitlichkeit, die uns heute immer mehr abhandenkommt. Es verträgt sich nicht mit der heutigen Zeitpolitik, die zur Steigerung der Effizienz und Produktivität die Zeit fragmentiert und zeitstabile Strukturen beseitigt.“ ( Han: Die Austreibung des Anderen, S. 10 )

Boris Groys vermisst die Möglichkeit zur Kontemplation:

„Das Nichtstun ist in der Moderne die größte Anstrengung, die man sich vorstellen kann. Wie Faust war auch Goethe selbst immer zu den größten Anstrengungen gezwungen, er musste die ganze Zeit als Bürokrat funktionieren, um ein bisschen Zeit zu haben, um Muße zu haben. […] Das schlimmste Drama unserer Zeit ist, dass die kontemplative Einstellung uns von der Gesellschaft nicht garantiert werden kann. Es gibt keine sozial abgesicherte, politisch und ökonomisch garantierte Kontemplation. Das heißt, die Kontemplation muss erarbeitet werden. Das ist der größte Widerspruch unserer Zeit. Dieser Widerspruch ist fatal. Das ist das, was den Zusammenbruch der Wissenschaft, der Philosophie, der Kunst in unsere Zeit gebracht hat“ ( Hegemann: Wie man ein Arschloch wird, S. 141-142 )

Mario Donick spricht, angelehnt an Marc Augé, von so genannten „Nicht-Orten“ (Donick: Head Canon: Medien im epikritischen Zeitalter. Essay in sechs Teilen. 4/6, S. 9.) , um zu verdeutlichen, dass es zunehmend Orte gibt, an denen man sich anonym bewegen kann und die man nur aus funktionellen Gründen aufsucht und immer weniger aus Gründen des Müßigganges oder einer persönlichen Bindung zu dem Ort. So wie die ständig pulsierende, sich ändernde und dynamische digitale Welt, in der die User anonym umherschweifen und sich anonym ohne jede Verbindlichkeit äußern können, so überträgt der moderne Arbeitsnomade sein Verhalten auch auf die analoge Welt, das Donick als Rückbesinnung auf das „dynamische Lokale“ (Donick: Head Canon: Medien im epikritischen Zeitalter. Essay in sechs Teilen. 4/6, S. 2 ff.) beschreibt. Wir vermeiden das Persönliche, das Eigentliche und das Statische, das uns Schutz, Sicherheit und einen festen Anker bieten könnte. Die Menschen werden zu dieser analogen Welt zumindest in einem gewissen Maß zurückkehren müssen, um die Realität erster Ordnung noch wahrnehmen zu können, die sich nicht wie die digitale Welt innerhalb eines Ja/Nein – bzw. Positiv/Negativ-Spektrums bewegt, sondern eine natürlich Kontingenz und unvorhersehbare Entwicklungen zulässt, die für das Zusammenleben von Menschen von entscheidender Bedeutung sind.

Dieser Essay wurde erstmals am 1. Februar 2018 im „Freitag“ in der Rubrik Community veröffentlicht: „Eine Welt ohne Puls, Verbindlichkeit und Tiefe…tatsächlich.“

Eine Welt ohne Puls, Verbindlichkeit und Tiefe … tatsächlich. (Teil 1)

Eine der Hauptthesen in unserer heutigen Gesellschaft lautet immer wieder, dass das digitale Zeitalter die Gesellschaft so sehr verändert hat wie kaum je zuvor. Die Frage ist jedoch, ob diese These sich immer noch so leicht halten lässt wie noch vor zehn Jahren. Durch unseren alltäglichen Umgang mit digitaler Kommunikationstechnik tauchen wir immer mehr ein in die virtuelle Realität; und während es vor zehn Jahren noch viele Menschen gab, die sich bewusst gegen den Umgang mit Computern oder Smartphones bzw. Handys entschieden, ist das heutzutage kaum noch möglich – wenn man nicht gleich als weltfremd gelten möchte. Das bedeutet aber auch, dass kaum noch jemand eine so genannte „Ursprungsrealität“ kennt, von der man quasi von außen aus der realen auf die hyperreale Welt schauen kann, weil sich beide Welten immer mehr miteinander vermischen und ineinander greifen. Trotzdem bleibt die Skepsis, ob nicht die Einführung der Fotografie und der bewegten Bilder und die Erfindung des Telefons entscheidender zur Veränderung der Gesellschaft beitrugen als es jetzt die Computer tun und den derzeitigen Veränderungen andere Ursachen zugrunde liegen. Worin liegt diese Skepsis begründet? Der vorliegende Text erhebt nicht den Anspruch einer technisch basierten detaillierten Medienanalyse, sondern möchte die kommunikativen Umwälzungen, die sämtliche gesellschaftliche Bereiche erfassen, in erster Linie als „Temperatur“ beschreiben.

Nachrichten ohne Aussage

Bei jeder neuen Nachricht fallen wir in einen kleinen Schockzustand. Jean Baudrillard und Marshall McLuhan nannten diese Form der Kommunikation taktile Kommunikation. Es handelt sich um eine Form der Kommunikation, bei der der Rezipient nur kurz von der Nachricht berührt wird, ohne dass eine Reflexion darüber möglich ist, denn im Hintergrund wartet schon die nächste Nachricht in der Timeline auf Facebook und keine ist so wichtig, als dass es sich lohnte, länger als zehn Sekunden darüber nachzudenken. Ein typisches Beispiel, wie Hyperrealität nach dem Verständnis von Baudrillard funktioniert, ist die Causa Jan Böhmermann und seine Äußerungen über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ am 31. März 2016. Der Fall bestimmte zwei Wochen sämtliche Medien. Die Auseinandersetzungen darüber fanden jedoch nur hyperreal innerhalb des medialen Kreislaufs statt. Es ist eine Nachricht, die von den Medien selbst in Umlauf gebracht wurde und nur rein medial diskutiert wurde, d. h. die Medien bekämpfen das, was man im analogen Zeitalter „Papiertiger“ nannte. Der Medienkreislauf erzeugt Nachrichten, über die sich dann wiederum medial ausgetauscht wird – es handelt sich dabei nahezu um ein Nullsummenspiel ohne jeglichen Erkenntniswert, der nachhallt. Nachrichten lösen sich immer schneller ab, kaum eine kann noch längerfristige Wirkung erzeugen. Geniale Theateraufführungen wie Frank Castorfs Abschiedsinszenierung „Faust“ an der Berliner Volksbühne erreichen zwar mediale Präsenz, gehen aber im Rausch der Medien unter, so dass sie ohne gesellschaftliche Auswirkungen bleiben. Es lässt sich schwer antizipieren, wie wir diesem Dilemma entkommen könnten. Zeichenwelten oder Simulationen verfügen über keinen Referenten (Signifikanten) mehr, bezeichnen nichts, sondern interagieren nur noch mit anderen Simulakren, die den Zugang zur unmittelbaren und sinnlichen Wahrnehmung der Welt verschüttet haben. Die Geistes- und Kulturwissenschaften sind quasi narkotisiert und liefern kaum Erklärungsversuche bzw. Versuche zur Einordnung der rasant voranschreitenden digitalen Kommunikation und der sich damit verändernden Arbeitsgesellschaft und der zwischenmenschlichen Kommunikation. Es fehlen Erklärungsversuche, die über die bekannte Mensch-Maschine-Dichotomie hinausgehen und auch die psychologische und moralische Perspektive beleuchten. Damit ist in erster Linie nicht das veränderte Nutzungsverhalten hinsichtlich digitaler Kommunikationstechniken gemeint, sondern die Auswirkungen, die das Nutzungsverhalten auf das zwischenmenschliche Miteinander ausübt. Wir können zunehmend beobachten, dass das „Frontend“, das nach außen Sichtbare und Plakative, in der Kommunikation immer mehr an Relevanz gewinnt, während das „Backend“, die komplexe Gedankenvielfalt, nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Parallelität der Kommunikationsmedien

Im Gegensatz zu früheren kommunikationstechnologischen Entwicklungen, bei der ein Medium das andere ablöste bzw. Medien mit neuen Funktionen dazukamen, haben wir mittlerweile eine Reihe von Kommunikationstechnologien, die trotz gleicher oder ähnlicher Funktionen parallel existieren und genutzt werden (Facebook, Instagram, Whatsapp, SMS; CD, Schallplatte, Mp3, Streaming-Dienste, Radio; lineares Fernsehen, Mediatheken, Netflix, Amazon, DVD, Kino; Telefon, Skype, Handy; Buch, ebook; Fotoapparat, Smartphone; PC, Tablet, Smartphone; Email, Twitter, Facebook, Website; Zeitung, epaper, Videotext, Online-Zeitungen). Die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig. Sie soll vor allem verdeutlichen, welche Entwicklung sich gerade einmal in den letzten 15 bis 20 Jahren vollzogen hat und warum die Menschen immer mehr auf der Suche nach „Zeit-Oasen“ sind. Es gibt zu viele Kommunikationsmöglichkeiten, die noch nicht ausreichend voneinander abgegrenzt sind. de Bis zur Übernahme der Massenmedien durch das Internet gab es neben dem Fernsehen noch eine „Realität erster Ordnung“, d. h. einen Gegenpol. Jetzt haben bzw. nehmen wir uns nur noch die Zeit, uns mit „Weltausschnitten“ zu beschäftigen, die beispielsweise auf Facebook zufällig erscheinen, je nachdem was unsere „Freunde“ geliked oder geteilt haben – so entsteht dann eine kleine neue Welt mit Ausschnitten, deren Auswahl zwar auf bestimmten Algorithmen beruht, die jedoch von künstlicher, und nur indirekt von menschlicher Intelligenz berechnet wurden. Auch die Journalisten haben nicht das „Große, Ganze“ im Blick. Das Silicon Valley mit seinen großen Akteuren wie Facebook, Google, Youtube, Uber, Airbnb usw. präsentieren sich als moderne Visionäre und strotzen vor Selbstbewusstsein, wenn einmal wieder eine „innovative“ Idee wie die Vermietung von Wohnungen enormen Profit abwirft. Diese Ideen haben jedoch nichts mit einer nachhaltig wissenschaftlich technologischen Weiterentwicklung im Interesse der Menschen zu tun – wenn im Vordergrund die kapitalistische Frage der Vermarktungsmöglichkeit steht:

Ein faustisches Territorium in den USA ist das Silicon Valley. Die Leute dort sind die Faustfiguren unserer Zeit. Auch sie wollen alles. Sie wollen das Globale, sie wollen Unsterblichkeit, sie wollen alle Informationen sammeln. Der Faust unserer Zeit ist Google.“ ( Hegemann, Carl Wie man ein Arschloch wird. Kapitalismus und Kolonialisierung, Berlin, 2017, S. 110. )

Vor allen Dingen durch Anwendungen wie Facebook, Instagram, Whatsapp usw. verliert die tiefgründige und analytische Debattenkultur zunehmend an Bedeutung. Jeder kann zwar zu allem seine Meinung kundtun – oft ist es durch die dem Internet inhärente Öffentlichkeit und Selbstzensur eine gebremste Meinung. Die Folge ist der Verlust von Meinungsvielfalt, Kreativität und Originalität. Die parallele Nutzung von Kommunikationsmedien und die Verbreitung derselben Nachrichten auf verschiedenen Informationskanälen und die schnelle, technische Möglichkeit des Nachrichtenaustauschs (Teilen, Liken, Weiterleiten usw.) führen zu einer eindimensionalen, oberflächlichen und indifferenten Debattenkultur. Es fehlt oftmals schlicht und einfach die Zeit eines substanziellen Austausches, so dass ich die These formulieren möchte, dass die gegenwärtige Ausprägung der Kommunikationstechnologien nicht zu mehr Zeitersparnis führt, sondern im Gegenteil wertvolle Zeit verschluckt. Beispielsweise können die Effektivitätssteigerung und Vereinfachung der Arbeitsabläufe, die durch eine professionelle Internetnutzung in der Tat erreicht werden, keine kreative Energien freisetzen, da zunehmend beim Personal gespart wird – paradoxerweise mit der Begründung der technologischen Weiterentwicklung in vielen Bereichen.

Facebook und Instagram befördern ein egozentrisches und individualistisches Verhalten, während gleichzeitig die globale Nutzung dieser Medien wiederum Einförmigkeit im Denken und in der Lebensweise unterstützt. Die Kommunikation innerhalb von Gruppen wird zwar forciert – das ist jedoch nur oberflächlich der Fall, denn bei den meisten Spielarten der digitalen Kommunikationsmittel geht es in erster Linie um die Darstellung der eigenen Person.

Authentizität des Digitalen

Durch die Reizüberflutung in der modernen Gesellschaft und die Angst etwas zu verpassen, löst immer schneller ein Ereignis und ein neuer Trend den nächsten ab – egal ob es sich um Musik, neue Apps, Kleidung, Filme, eine Ausstellung oder andere diverse Events handelt.

„Das Eindringen des binären Frage/Antwort-Schemas hat eine unabsehbare Tragweite: es zerstückelt jeden Diskurs, es schließt alles kurz, was im inzwischen vergangenen goldenen Zeitalter die Dialektik des Signifikanten und des Signifikats, des Repräsentanten und des Repräsentierten war. Es ist vorbei mit den Objekten, deren Signifikat die Funktion wäre, vorbei auch mit der freien Meinung, die in Abstimmungen sogar zu „repräsentativen“ Repräsentanten führte, vorbei die wirkliche Befragung, der die Antwort entspricht (vorbei vor allem die Fragen, auf die es keine Antwort gibt). Dieser ganze Prozeß ist auseinandergerissen: der widersprüchliche Prozeß zwischen dem Wahren und dem Falschen, dem Realen und dem Imaginären wird durch die hyperreale Logik der Montage beseitigt.“ ( Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod, Berlin, 2005, S. 101.)

Jean Baudrillard hat bereits im Jahr 1976 die aktuelle Problematik des digitalen Zeitalters beschrieben. Sein luzides Postulat von der Agonie des Realen ist von der Wirklichkeit insofern absorbiert worden, als dass wir uns mittlerweile in der „Matrix“ befinden. Es ist nicht so, dass es die Realität nicht mehr gibt oder die Realität lediglich simuliert wird. Nein, die Realität ist zu einem großen Teil mittlerweile zur Realität des Digitalen geworden. Es geht nicht mehr nur um die Simulation oder Dissimulation des Realen, sondern das Reale ist vom Digitalen kassiert worden. Und wenn es ein Verdienst von Facebook und Co. gibt, dann ist es das der Entzauberung des Digitalen. Es gibt keinen Verdacht mehr, der unter der opaken Schicht der Oberfläche lauern könnte. Die Simulation der Medien im Fernsehzeitalter wurde durch eine neue Authentizität des Digitalen abgelöst – es handelt sich jedoch um eine äußerst oberflächliche Authentizität. Die spielerische Referenzlosigkeit der Kommunikation via Youtube, Facebook, Twitter, Instagram und Whatsapp ist allgemeiner Konsens geworden. Die Schwierigkeit besteht darin, dass diese referenzlose Kommunikation jede Möglichkeit eines ernsthaften dialektischen Diskurses verwehrt. Nachrichten, Kommunikationen und Reaktionen drehen sich in einem digitalen Kreislauf. Hinzu kommt die Steuerung der neuen digitalen Welt durch ein Silicon Valley, das immer mächtiger wird und sich anschickt, die Grundlagenforschung an den Universitäten ernsthaft zu beeinflussen und zu bestimmen.

„Denn schließlich hat sich als erstes das Kapital im Laufe seiner Geschichte von der Zerstörung aller Referentiale, aller menschlichen Zwecke genährt und hat dabei alle Unterscheidungen zwischen wahr und falsch, gut und böse zerschlagen, um so ein radikales Äquivalenz- und Tauschgesetz, das eherne Gesetz seiner Macht zu zementieren.“ (Baudrillard, Jean: Agonie des Realen, Berlin, 1978, S. 39.

Wir befinden uns im Zeitalter der Reaktion und nicht der Aktion, Kreativität und Originalität:

„Es gibt kein Medium im buchstäblichen Sinne des Wortes mehr: von nun an lässt es sich nicht mehr greifen, es hat sich im Realen ausgedehnt und gebrochen, und man kann nicht einmal sagen, es habe sich dadurch verfälscht. Obwohl sich die Medien derartig einmischen und wie ein Virus endemisch, chronisch und panisch präsent sind, können sie in ihren Wirkungen nicht mehr isoliert betrachtet werden. Die Wirkungen werden wie die Werbeskulpturen des Lasers im leeren Raum von durch die Medien gefilterten Ereignissen spektralisiert. Auflösung des Fernsehens im Leben, Auflösung des Lebens im Fernsehen – eine nicht mehr zu unterscheidende, chemische Lösung […]“. (Baudrillard, Jean: Agonie des Realen, Berlin, 1978, S. 48-49.)

Während das Fernsehen noch Informationsübermittlung und Zeit des Reflektierens bietet, schaffen soziale Netzwerke keinen eigentlichen Mehrwert mehr. Jeder Mensch hat weiterhin nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Die fehlende Zeit führt dazu, dass sich die Menschen vor permanenter Kommunikation in Kurzform keine Zeit mehr zur Reflexion gönnen:

„Die Tyrannei des Moments‘ liegt in der Abfolge an Augenblicken, die, bei aller Intensität, nichts meinen“. ( Simanowski, Roberto: Die Facebook-Gesellschaft, Berlin, 2016, S. 45 )

„[…] die Möglichkeit umfassender Kontrolle des individuellen und kollektiven Verhaltens in sozialen Netzwerken führt subtil zu Selbstzensur; die vorrangig phatische Kommunikation und der Ausbau nicht-reflexiver Selbst- und Weltbezüge untergräbt die intellektuelle Basis einer politischen Gegenbewegung.“ ( Simanowski, Roberto: Die Facebook-Gesellschaft, Berlin, 2016, S. 154 )

Die Filme der letztjährigen 67. Berlinale spiegelten visionär den aktuellen Zeitgeist wieder. Den Menschen und dem kritischen Denken geht die Puste aus. Sie sind müde und überreizt vom permanenten Nachrichtenfluss in der scheinbar immer komplexer werdenden Welt und den stressigen und beschleunigten Arbeitsbedingungen. Was bleibt ist das Sitzen auf der Parkbank wie im koreanischen Film „On the beach at night alone“, dessen Hauptdarstellerin einen silbernen Bären gewonnen hat. Das völlig kraftlose Loslassen ersetzt aktives kreatives Denken und den Drang, neue Lebensmodelle zu entwerfen und zu erproben. Die Zukunft bleibt ungewisser denn je.

Die Menschen lassen sich durch die sozialen Medien wie eine Kugel in einem Flipperautomaten zufällig und ziellos umhertreiben ohne konkretes Ziel. Dieses Verhalten ähnelt dem Aufenthalt in einem Hotel. Während dort das sich treiben lassen jedoch als Entspannung vom Alltag erwünscht ist – nach einer fest bestimmten Zeit steigt man aus dem Spiel aus und wechselt wieder in die „Realität“ – ist der Ausstieg aus der digitalen Kommunikation so gut wie nicht mehr möglich: „Die digitale Abstandslosigkeit beseitigt alle Spielformen von Nähe und Ferne. […] Das Spiel bedarf eines Scheins, einer Unwahrheit. Die nackte, pornographische Wahrheit lässt kein Spiel, keine Verführung zu“ ( Han, Byung-Chul: Die Austreibung des Anderen, Frankfurt a.M., 2016, S. 13-14 )

Der Ruf nach ständiger Transparenz, Konstruktivität und Authentizität verhindert jegliche Form von Geheimnissen, „zwischen den Zeilen lesen“, gedanklicher Tiefe und der Lust nach der Suche von Erkenntnissen. Dabei ist es dieses spielerische Moment, das das Leben überraschend und spannend und gleichzeitig entspannend macht. Die Transparenz- und Kommunikationsgesellschaft widerspricht dem natürlichen Bedürfnis eines jeden Menschen nach Privatheit und einer Intimsphäre. Deutlich wird das an dem verzweifelten und aussichtslosen Kampf des Menschen im digitalen Zeitalter um die Beibehaltung der Herrschaft über die eigenen Daten. Man kann jedoch nicht seine Daten bereitwillig preisgeben, um sie dann wieder mühsam beschützen zu wollen. Es bedeutet eine Form von Anstrengung und Stress, Transparenz und Authentizität zu simulieren, um weiterhin eine gewisse Privatsphäre und Anonymität zu wahren und somit die spielerische Leichtigkeit nicht völlig zu verlieren.

Vor lauter hektischem Teilen, Liken und Kommunizieren vergessen die Menschen immer mehr, ihren eigenen Gedanken zu vertrauen. Es passiert nur das, was gerade aktionistisch in sämtlichen Medien berichtet wird und auch nur darüber wird diskutiert. In der kulturellen Landschaft und an den Universitäten passiert scheinbar kaum noch etwas Relevantes – auch innovative Denkansätze und Entwicklungen gehen im allgemeinen Medienrauschen unter. Wie bereits oben beschrieben, verhindern die vielen Worte und die ständige Aktualisierung von Daten und Nachrichten jegliches Nachdenken, die Entwicklung von Visionen und ihre Umsetzung in die Tat. Wenn es noch Taten gibt, dann bleiben sie ohne größere substanzielle Wirkung.

Die Fortsetzung des Essays finden Sie hier.