Zwischendurch Krieg

Der Krieg in der Ukraine, der am 24.02.2022 begann, dauert nun schon anderthalb Monate. Frühe Vermutungen, dass es ein schnelles Ende mit Schrecken sein würde, sind der Wahrnehmung eines Schreckens ohne Ende gewichen. Abgesehen von taktisch-strategischen russischen Truppenverlegungen (weg von Kiew, Fokus auf den Osten) gehen die Angriffe weiter und weiter, und zu befürchten sind weitere, fassungslos machende, aber leider nicht überraschende (denn welcher Krieg war je ohne?) Geschehnisse wie in Butscha und Mariupol.

Schon lange verfolge ich den Kriegsverlauf nur noch zeitversetzt, denn die anfängliche Dauerschleife hielt ich nur ein, zwei Wochen aus. Nun schaue ich einmal Nachrichten am Tag, lese einmal in der Woche die Printausgabe des Spiegel, scrolle nur noch sporadisch den Newsticker bei standard.at durch, und bin beruhigt über die glücklicherweise nach wie vor regelmäßigen „wir sind soweit okay“-Meldungen meines vFlyteAir-Kollegen Igor, der zwischen Kiew und der Heimatstadt seiner Frau im Westen des Landes sozusagen pendelt. Und dazwischen – ist Alltag.

Ich schreibe (ehrlich gesagt völlig unwichtige) Artikel über Computerspiele und Flugsimulation, arbeite an meinem seit 2020 angekündigten und immer noch nicht fertigen Buch über Flugsimulation (langsam wird es…), freue ich mich über Regen mehr als über Sonnenschein (denn die Böden sind schon wieder viel zu trocken), hebe irritiert die Augenbraue über weggehamstertes Klopapier und Sonnenblumenöl, gehe auf Tagungen (letztes Wochenende in Rostock die Gesellschaft für Neue Phänomenologie in der protzigen Aula im Uni-Hauptgebäude) und schaue japanische Food-Porn-Serien auf Netflix (Midnight Diner über einen traditionellen Imbiss, der nur nachts geöffnet hat; Samurai Gourmet über einen Rentner, der mittels eines vorgestellten Samurai lernt, Essen zu genießen; und Kantaro: The sweet tooth salary man über einen Vertreter, der die Arbeit schwänzt, um Süßigkeiten nicht nur zu essen, sondern darin freudianisch angehaucht als quasisexuelles Erlebnis zu schwelgen).

Die Verdrängung funktioniert also fast durchgehend super. Aber die Ohnmacht ob der Grundsituation vergeht nicht. In mir entsteht zunehmend der Wunsch: Jemand soll endlich etwas Konkretes tun, um die Lage in der Ukraine grundlegend zu verändern.

Putins Atomwaffendrohungen habe ich nämlich auch schon fast verdrängt.

Räume des Friedens finden: Interview mit Kathrin Marter

Seit einer Woche greifen Truppen der Russischen Föderation das benachbarte Land Ukraine an. Seit einer Woche erleben wir Krieg direkt vor unserer Haustür in Echtzeit. Ticker-Nachrichten, Live-Berichte, echte und gefälschte Sieges- und Verlustmeldungen sowie sonstige Propaganda in sozialen Medien, Aufrüstungspläne und Atomkriegsdrohungen, Bilder von leidenden Menschen, Flüchtenden und immer mehr zerstörten Städten sorgen für eine große Welle der Solidarität. Aber sie erzeugen auch eine Vielzahl körperlicher und emotionaler Empfindungen: Unruhe, Angst und Ohnmacht, Konzentrationsstörungen, Wut, Sarkasmus. Das kann geradezu lähmend sein. In diesem Interview erklärt die Verhaltensbiologin, Coachin, Yoga-Lehrerin und Über/Strom-Autorin Dr. Kathrin Marter, wie wir mit diesem Empfindungschaos umgehen können, um handlungsfähig zu bleiben.

Unruhe, Angst und Ohnmacht

Krieg löst verständlicherweise ein breites Spektrum an Emotionen oder körperlichen Empfindungen aus. Recht durchgehend verspüre ich z.B. eine diffuse Unruhe, die sich als Grundnervosität und Konzentrationsschwierigkeit zeigt. Nervosität einerseits wegen der Situation an sich; andererseits wegen der Ungewissheit. Dann verspüre ich auch den Drang, Newsticker zu lesen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Das beruhigt dann zwar irgendwo (ich bin auf dem Laufenden), ist aber auch eine eigene Art von Stress, nämlich digitaler, über den du ja auch in deinem Buch schreibst. Hast du einfache Tipps, wie man hier für sich einen gesunden Mittelweg finden kann, ohne sich komplett von Neuigkeiten abzutrennen?

Zunächst einmal: Der offene Umgang mit solchen Beobachtungen an sich selbst ist der Königsweg in die körperliche, mentale und emotionale Stressfreiheit, mittelfristig Zufriedenheit und langfristig Gesundheit.

Dieser Königsweg ist zunächst das achtsame Bemerken, Beobachten und Beschreiben dessen, was da auf körperlicher, gedanklicher und emotionaler Ebene passiert. Damit ist man ganz bei sich (und nicht im Außen bei den Newstickern) und darf sich in seiner Komplexität in dieser außergewöhnlichen Krisensituation erfahren, kennenlernen, wertschätzen und annehmen. Im Buch zitiere ich dazu Marshall R. Rosenberg, den Begründer der gewaltfreien Kommunikation: Unsere „Gefühle brauchen keine Berechtigung.“ Alles, was ist, darf da sein.

Die beschriebene diffuse Unruhe (nicht in der Ruhe, sondern bewegt sein; erhöhter Muskeltonus; Anspannung) ist ein Zustand (kein Gefühl oder Emotion), den gerade sehr viele Menschen an sich wahrnehmen (könnten). Ich auch. Diese starke körperliche Spannung (auch Nervosität), ein echter Stresshormon-induzierter Stress, lässt sich besonders effektiv durch echte körperliche Bewegung und anschließende echte, ggf. angeleitete Entspannung (z.B. Tiefenentspannungen, Körperreisen, Meditation) lösen.

Ich bin fast jeden Sonntag Wandern, mache meine Wege mit dem Rad, mache mindestens vier mal wöchentlich Yoga. Andere gehen regelmäßig laufen. Das sind gute Routinen gegen Unruhe, in einen konstruktiven Umgang mit den eigenen Bedürfnissen. Eine langsame, tiefe Bauchatmung ist ebenso wichtig und direkt stress-entlastend. Ein gesunder Geist, d.h. ein kühler, klarer Kopf braucht einen gesunden, gestärkten, gut versorgten Körper (und ein weites, weises Herz).

Newsticker, doomscrollen etc. verstärken die Unruhe natürlich noch, weil die Angst (Emotion), die eigentlich hinter der Unruhe steckt, sowohl mental (durch Informationen), als auch emotional (Betroffenheit, Mitgefühl, Sorge), als auch körperlich (Reizüberflutung, ungesunde Körperhaltung, körperliche Anspannung) nur weiter genährt wird und das sympathische Stresssystem am Laufen bleibt. Wir bleiben am ‚Problem‘ orientiert, an der Krise, am Krieg, wo wir uns eigentlich eine Lösung erhoffen, z.B. durch neue Informationen, die uns eine neue Gewissheit bringen, mit der wir besser leben können. Das scheint mir derzeit ein unrealistischer Wunsch.

Ich schaue aktuell zwei Mal am Tag Nachrichten und meide die digitalen Netzwerke. Durch meine Filterblase auf LinkedIn geht gerade eine Welle der Solidarität, die ich ganz wundervoll finde und die mich so berührt, dass ich immer weinen muss. Da ich nicht den ganzen Tag weinen, sondern auch noch was schaffen möchte, schaue ich da nur dosiert rein. Weinen ist aber sehr okay. Das Weinen löst auch sehr viel Spannung!

Was kann man tun, wenn zu dieser Unruhe richtig gehende Angst kommt? Wenn Medien neulich zum Beispiel etwas ungenau von Putins Atomwaffen schrieben und man glauben musste, dass da quasi schon der nukleare Erstschlag vor der Tür steht. Kann man verhindern, dass man von solchen Nachrichten aus der Bahn geworfen wird — und sollte man das überhaupt, oder ist es besser, diese Emotion ruhig zulassen?

In meinem Buch schreibe ich: „Die Angst lässt sich gut als die Fluchtreaktion der sympathischen Stressantwort bezeichnen. Sie warnt uns vor Gefahren und sichert so unser Überleben.“

Wir können nicht und sollten nicht verhindern, dass solche Nachrichten uns berühren, d.h. Emotionen in uns auslösen. Wer wären wir denn dann? Ich hab neulich einen Film gesehen, in dem den Menschen alle Emotionen weg geimpft wurden. Da war alles grau in grau und nichts hatte irgendeinen Sinn. Ohne Emotionen leben wir nicht wirklich, wir funktionieren nur.

Es wäre allerdings mehr als ‚nice‘, wenn die Mehrheit von uns möglichst schon in der Schule und im Elternhaus lernen dürfte, die eigenen Gefühle und Emotionen wahr- und anzunehmen, die Bedürfnisse dahinter zu verstehen und lösungsorientiert und gewaltfrei zu befrieden. Dann gäbe es womöglich weder Narzist*innen in Führungspositionen noch einen Krieg. Max Richard Lessmann (ein Gedichte-schreibender Instagram-Influencer) postete 2021: „Würden mehr Leute eine Therapie machen, müssten weniger Leute eine Therapie machen.“

Was ist mit dem Gefühl der Ohnmacht, das viele von uns jetzt empfinden?

Eine Vorstufe der Ohnmacht ist aus meiner Sicht die Hilflosigkeit, gegebenenfalls auch Ratlosigkeit. Hier ließe sich aus Hilf- und Ratlosigkeit und konstruktiver Aktivität als Schwestertugenden sowie Ohnmacht und blindem Aktionismus als entwertende Übertreibungen ein hervorragendes Werte- und Entwicklungsquadrat erstellen.

Tatsächlich empfinde ich mich keinesfalls hilflos oder ratlos. Denn mit den zahlreichen, aktuell durchgeführten Maßnahmen überall auf der Welt, den vielen, noch nie dagewesenen wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland, den vielen Statements, Spenden, Demonstrationen und Hilfsangebote übernehmen viele Menschen (so auch du und ich), Staaten und Unternehmen Verantwortung. Und zwar selbst dann, wenn das persönliche und/oder wirtschaftliche Einschnitte oder gar Insolvenz bedeuten kann.

So viele sind bereit für Liebe, Werte und Frieden einzustehen. Wir wachsen zusammen, wir stehen zusammen. Nicht aus der Angst heraus, sondern aus der Liebe und dem Wunsch nach Frieden, im Kleinen und im Großen. Annalena Baerbock hat am 24.02. gesagt: »Wir alle sind heute Morgen fassungslos, aber wir sind nicht hilflos«.

Trotzdem verfallen manche Menschen jetzt vielleicht ein wenig in Panik. Die Zeitung »Der Standard« in Österreich hat in deren Newsticker neulich davor gewarnt, jetzt hektisch Jodtabletten wegzukaufen, was in dem Land wohl kurz nach Putins Drohung punktuell passiert ist. Aber auch in Leser*innen-Kommentaren unter Medienberichten spürt man vereinzelt leichte Panik.

Sowohl das Gefühl der Ohnmacht (in der Angst nichts tun können, was häufig auf eine in der Kindheit gemachte traumatische Erfahrung zurückgeht), als auch der Zustand Panik (eine Steigerung der Unruhe, als körperlicher Ausdruck starker Angst) sind ganz furchtbar schlimm.

Bei andauernder Ohnmacht und Panik ist es wichtig, dass die betroffene Person sich professionelle Hilfe holt, d.h. Hilfe von Expert*innen, die zuhören, ohne zu werten, die bei der Stressentlastung unterstützen und Werkzeuge an die Hand geben, in die Handlungsfähigkeit zu kommen. Als Beobachtende ist es außerordentlich wichtig, hier Verantwortung zu übernehmen, betroffenen Personen wertungsfrei zuzuhören, mit ihnen spazieren und/oder Eis essen zu gehen und sanft bei der Suche nach professionellen Unterstützungsangeboten zu helfen. Das ist auch eine Form der Solidarität in Krisenzeiten.

Weitere Ideen, wie wir in Krisenzeiten für uns sorgen können, um gesund und handlungsfähig zu bleiben, sowie Telefonnummern zu Unterstützungsangeboten gibt es in meinem Februar-Artikel vom letzten Jahr: Do’s & Don’ts im Lockdown des Jahrhunderts: Ein Mutmacher und Ideengeber.

Wut und Sarkasmus

An mir selbst verspüre ich überraschenderweise noch etwas anderes: Wut. Und ich gebe zu, dass sich diese bei mir gerade vor allem gegen Putin als Person richtet. Ich kenne diesen Menschen nicht und eigentlich bin ich sehr friedliebend, habe mich als Kind nie geprügelt, usw., aber ich stelle mir zum Beispiel vor, irgendein Film-Action-Held wie John Wick (Keanu Reeves) würde Putin mal besuchen. Andere Leute kleben sich vielleicht eine Putin-Karikatur auf eine Dart-Scheibe und bewerfen ihn mit Pfeilen. Sind solche Ideen oder Handlungen ein legitimes Ventil zum Umgang mit dem Gefühl der Wut, oder sollte man sich besser nicht auf diese Ebene begeben? Was können dann Alternativen sein?

Ich bin auch abwechselnd wütend, traurig und besorgt. Ich glaube nicht, dass der Beschuss von Dart-Scheiben mit Putin-Karikaturen mir wirklich helfen würde, meine Wut in konstruktive Aktivität zu verwandeln — die körperliche Aktivität, Konzentration, Fokus auf die eigenen Ziele und Freude bei so einem Spiel allerdings schon.

Ein Beschuss des Feindbildes ist in Gedanken, Worten und Tat letztlich auch ein Akt der Gewalt, der sowohl im Kleinen wie im Großen weder zu einer Einsicht noch zur Linderung von Leid führt. Es bleibt die klare Abgrenzung mit entsprechenden Maßnahmen, sowohl individuell als auch (welt-)politisch, eine nie da gewesene weltweite Solidarität und die fortwährende Einladung an den Verhandlungstisch zurück zu kommen, und konstruktiv, wertschätzend und ehrlich Lösungen zu erarbeiten.

Oft helfen mir auch Lachen, Ironie und Sarkasmus. Im Internet findet man viele Karikaturen und Memes, die sich derzeit mit Putin und dem Krieg beschäftigen — nach Putins Atomwaffen-Drohung dauerte es nur wenige Minuten, bis jemand ein altes Meme mit dem Foto des nordkoreanischen Diktator Kim Jong-Un postete, auf dem dieser leicht irre grinst, und darüber der Text „I no longer craziest leader, lol“. Da musste ich wirklich herzlich lachen. Aber es gibt auch Lachen, das einem im Halse stecken bleibt, etwa fiktive IKEA-Anleitungen für den Aufbau gelieferter Waffensysteme. Irgendwie auch lustig — zumindest, bis man sich erinnert, dass genau diese Waffen natürlich weiteres Leid verursachen werden. Ist eigentlich alles, was uns medial-digital in der jetzigen Situation zum Lachen bringt, erstmal legitim? Und wieder: Was können Alternativen sein zu einer sarkastischen Einstellung, die solche Memes und Karikaturen oft zeigen und fördern?

Auch hier bietet sich ein Werte- und Entwicklungsquadrat an. Ich liebe Werte- und Entwicklungsquadrate und weiß aus meinen Coachings, dass sie ganz vielen Gestressten im digitalen Zeitalter helfen, zwischen ‚Schwarz und Weiß‘ (‚Gut und Böse‘, ‚Richtig und Falsch‘) Lösungen zu entdecken.

In diesem Werte- und Entwicklungsquadrat stehen Sarkasmus und Ironie als entwertende Übertreibungen unter der Tugend Humor. Humor tut gut. Lachen schüttet Glückshormone aus und ist eine wichtige Ressource sich, gerade in Krisenzeiten aufzutanken, um gesund und handlungsfähig zu bleiben und so eben auch die Kraft zu haben, Gutes zu tun und eine positive Energiequelle für andere zu sein! Deshalb von mir, als Expertin für Ressourcenmanagement und promovierte Verhaltensneurobiologin, … hier der Darfschein zum Lachen! Und hey, seien wir nicht zu hart zu uns selbst!

Ich mache einmal pro Woche online Lachyoga. Es ist ganz herrlich und wahnsinnig heilsam! Es ist auch, im Gegensatz zu Sarkasmus und Ironie weder bitter noch verletzend.

Die Schwestertugend zum Humor könnte die Ernsthaftigkeit sein. Und die entwertende Übertreibung, d.h. das ‚Drüber‘ der Ernsthaftigkeit, die Verbissenheit oder Sturheit, oder ein übertriebener moralischer Anspruch. Während Humor und Ernsthaftigkeit als positive Schwestertugenden den Regenbogen hunderter gesunder Denk-, Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten für uns schaffen, sind die entwertenden Übertreibungen eher ungesund und weder für uns selbst noch andere in unserem Umfeld und darüber hinaus nützlich. Die Kunst ist es nun, zu beobachten und zu entscheiden, in welchen Spannungsfeldern wir uns (wirklich) bewegen und wie wir aus den ungesunden entwertenden Übertreibungen (mit viel Freude an der Sache, ohne erhobenen Zeigefinger! und über die Diagonalen) in die gesunden ‚Tugenden‘ kommen.

Innerer Frieden für eine friedliche Einstellung

Du hast Yoga eben schon erwähnt. Du bist ja nicht nur Biologin und Coach, sondern du beschäftigst dich auch viel mit Yoga und bist Yoga-Lehrerin. Wie lässt sich das bis hierher Gesagte eigentlich aus dieser Perspektive beurteilen?

Aus dem yogischen und spirituellen Weltbild heraus sind wir alle energetisch miteinander verbunden. Zum Beispiel wird durch den von dir vorhin erwähnten Beschuss von Dart-Scheiben mit Putin-Karikaturen viel negative Energie produziert, die weder dem*der Werfenden, noch dem Feindbild hilft, aus der Aggression zu kommen. Es ist nicht die Reaktion des*der mittlerweile Krisen-erprobten, konfliktfähigen Erwachsenen, sondern die des hilflosen Kindes. Das ist okay, wenn ich mir dessen bewusst bin und nach dem Austoben wieder in den Körper und den Verstand der*des Erwachsenen zurückkomme.

Wie würde das heile, geliebte, genährte Kind in uns reagieren? Meins würde durch Friedensgebete, -Meditationen, -Mantra-s, durch Segnungen, Vergebung, Solidarität, Unterstützungsangebote, Spenden etc. positive Energie produzieren, die mir selbst und anderen gut tun. Für diesen Weg entscheide ich mich auch als Krisen-erprobte, konfliktfähige Erwachsene. Was ich selber denke, sage und tue, kommt tausendfach zu mir zurück. Es ist meine Entscheidung, in Angst und Wut aufzugehen oder den Weg der Liebe und des Vertrauens zu wählen.

Ich sende täglich dichtgepackte Energiepakete der Liebe und des Lichtes nach Russland, auch zum Aggressor und in die Ukraine und binde solche Segnungen auch in meine Yogastunden ein. Auch das Gebet des heiligen Franziskus eignet sich hervorragend, um Entlastung in die aktuelle Situation zu bringen. Ich singe das Mantra der grünen Tara (Om Tare Tu Tare), einer buddhistischen Göttin des Mitgefühls uvm.

Also quasi neben allgemeiner Solidarität, Unterstützungsangeboten, Spenden etc. auch verschiedenste Formen des ›Betens für den Frieden‹, verstehe ich das richtig? Skeptiker*innen könnten einwenden, dass das lediglich ein schönes Symbol ist oder vor allem dem individuellen Wohlbefinden dient …

Wir sind gewordene Wesen. Unsere Worte und Taten sind immer ein Spiegel von dem, was wir denken. Wir denken, höchst subjektiv, was wir meinen erfahren zu haben. Im digitalen Zeitalter meinen wir vor allem nicht genug zu haben und nicht genug zu sein. Ich weiß, dass auch schöne Symbole und vor allem individuelles Wohlbefinden einem gewaltfreien, toleranten und emphatischen Miteinander dienen.

Gebete, Meditationen oder Mantras sind Räume des Friedens, der Reflexion und ggf. die Handlungsempfehlung, die wir uns gerade in stürmischen Zeiten wünschen. Bei ‚regelmäßiger Einnahme‘ führen solche ‚Wunderpillen‘ zu einer achtsamen, wertschätzenden und gewaltfreien Denke, Kommunikation und Handlungsfähigkeit. Mit Mahatma Gandhi: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“


(Titelbild: Alexas_Fotos / pixabay.com)

„Wir Internetkinder“ von Julia Peglow (2021)

Lange habe ich kein Buch mehr so schnell ‚verschlungen‘ wie Julia Peglows „Wir Internetkinder. Vom Surfen auf der Exponentialkurve der Digitalisierung und dem Riss in der Wirklichkeit einer Generation“ (2021, Verlag Hermann Schmidt). Julia Peglows Buch ist einerseits eine persönliche, stellenweise recht desillusionierte Bestandsaufnahme zum digitalen Zeitalter.

Wir jagen gestresst durch eine Welt, in der wir zum tieferen Durchdenken von Themen keine Zeit mehr haben, wofür digitale Dienstleistungen nicht unerheblich verantwortlich sind.

Andererseits ist das Buch die Autobiographie einer erfolgreichen Designerin, die jahrelang in führender Position für große Konzerne tätig war, dabei die kritisierte Situation zumindest teilweise mitgeschaffen und aufrechterhalten hat, jedoch zunehmend Zweifel bekam und darum 2017 aus dem digital getakteten Hamsterrad der einengenden Konzernstrukturen ausgebrochen ist. Seitdem schreibt Peglow das „diary of the digital age“, veröffentlicht Kolumnen, ist Dozentin und hält Vorträge.

Ein Thema, das sich immer wieder durch Peglows Buch zieht, ist die Diskrepanz zwischen (a) den idealistischen Vorstellungen der jungen Studentin, die Peglow 1994 noch war; (b) ihren im Lauf des Berufslebens in London, Berlin, München und auf weltweiten Dienstreisen erlebten Ernüchterungen; und (c) dem datenhungrigen Albtraum, zu dem das von Megakonzernen wie Google und Meta (Facebook) dominierte Internet heute geworden ist.

„Generation One“ ist der Teil II des Bandes überschrieben, der die Zeit von 1994 bis 2000 beschreibt. Das ist die erste Generation, die das Internet mitaufgebaut und dessen Anfänge als Studierende oder junge Berufstätige erlebt hat – aufgewachsen noch im Analogen, das man heute zunehmend als Privileg sehen kann, aber losgelassen in das beginnende digitale Zeitalter.

Break: Welcome to the Internet (Fraktus)

Kurz bevor ich auf Julia Peglows Buch „Wir Internetkinder“ stieß, hatte ich gerade mal wieder Lars Jessens satirische Mockumentary „Fraktus“ (2012) angeschaut. Fraktus — die eigentlich fiktive, aber im Film und in späteren Musikvideos vom Studio Braun (Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger) verkörperte Elektropop-Band, ohne die es weder Kraftwerk noch Techno gegeben hätte 😉 , und damit auch nicht die Neunziger, wie wir sie kennen und wie sie auch in Julia Peglows Buch aufscheinen.

Drei Jahre nach dem Film brachten Fraktus das Album „Welcome to the Internet“ (2015) heraus — textlich meistens eine Blödelei irgendwo zwischen Neuland, Kapitalismus-Kritik und 80er/90er-Nostalgie, aber eben auch ganz atmosphärische elektronische Musik, der stellenweise das Querflöten-Spiel Heinz Strunks eine besondere Note verleiht (weshalb der Titel „Welcome to the Internet“ auch gut der „Hit mit der Flöte“ hätte sein können, der in Sven Regeners 90er-Revival-Roman „Magical Mystery“ eine Rolle spielte).

Lebendige Faszination

Die 90er erscheinen auch in Peglows Buch als eine — aus damaliger Sicht — tolle Zeit, in der alles möglich schien. Peglows Begeisterung, die sie für die ersten Websites, ihre ersten eigenen Programmiererfolge und ihre ersten Photoshop-Erfahrungen verspürte, ist sooo nachvollziehbar. Auch wenn ich nicht ganz zur Generation gehöre, die das Buch beschreibt (Peglow ist 1973 im ‚Westen‘ geboren, ich erst 1981 und im ‚Osten‘), habe ich beim Lesen dieser Kapitel das Gefühl, in meine Jugend zurückgeworfen zu werden.

Das auch von Peglow erlebte selbstwirksame Gefühl, durch eigenen Programmcode den Computer genau das tun zu lassen, was man will, trug mich durch meine Teeniezeit. Die Freude an ersten Layout-Erfahrungen der Schülerzeitung am Computer hatte ein lange andauerndes (wenn auch nie professionalisiertes) Interesse an Textsatz und Typographie zur Folge. Und ich erinnere mich sehr gut an mein ungläubiges Staunen (und das meines Kunstlehrers), als ein mehrere Jahre jüngerer Mitschüler auf dem PC im Kunst-Fachraum unserer Schule in Windeseile in Corel Photo-Paint (damals ein erfolgreicher Konkurrent von Adobe Photoshop) Bildelemente „klonte“, so perfekt, dass es nicht als Manipulation erkennbar war. Und dann natürlich das schier unendlich scheinende Potenzial des World Wide Web, das wir im Informatik-Unterricht für wenige Minuten ausprobieren konnten!

It’s like We have Contact through a Cable

„Welcome to the Internet / The Old World is Dead“ wird im Refrain von Fraktus‘ Album-Opener geträllert, nachdem „Dickie“ (Rocko Schamoni) in schlimmem deutschen Englisch das Internet erklärt: „It’s electric. It’s like we have contact through a cable“. Und diese Erfindung schenkte Dickie der Welt selbstverständlich ganz altruistisch: „I made it for the people of the World“ — „Thank you, Dickie“ — „Not for that.“

Doch das Internet als demokratischer Raum, der frei von staatlichen und kommerziellen Interessen sein würde, erwies sich schnell als utopische Illusion. Und auch die Idee, im WWW das gesamte Wissen der Menschheit zu erschließen (oder wenigstens Microsoft’sche „Information at your fingertips“, wie es damals hieß), wurde nicht Realität.

Konnte sie auch gar nicht: Zurecht weist Julia Peglow darauf hin, dass das Internet kein Wissen enthält, sondern stets nur Daten; nur selten wird heute noch darauf hingewiesen, dass Daten, Information und Wissen nicht dasselbe sind. Und die verfügbaren Daten sind nur solche, die seit Anfang der Neunziger online gestellt wurden (wenn sie nicht längst wieder verschwunden oder nicht mehr zugänglich sind). Das meiste, was vorher war, wird trotz diverser Digitalisierungsprojekte weiterhin nur offline verfügbar bleiben.

Blinde Flecken

Peglows Buch beginnt und endet wie erwähnt mit Ernüchterung. Es ist ihr Tagebuch, ihre Biographie, ihr Protokoll, wie sie aus dem Hamsterrad ausbricht, um endlich wieder Überblick zu gewinnen, wo sie, ihre Generation und wir als Gesellschaft eigentlich stehen. Ein paar blinde Flecken gibt es dabei aber.

Dass die Autorin vor allem die westdeutsche Perspektive einnimmt, merkt sie mehrfach selbst an. Dass sie an einer Stelle bedauert, dass es heute kaum noch geisteswissenschaftliche Perspektiven auf die digitale Welt geben würde, hat vielleicht damit zu tun, dass Peglows Buch außerhalb des akademischen Kontexts entstanden ist — gerade an netzbezogener Medienkritik und entsprechender Gesellschaftsdiagnosen gibt es eigentlich recht viel (Byung-Chul Han, Dirk Baecker, Armin Nassehi, Hartmut Rosa, u.a.), und auch die Über/Strom-Bände von Uta Buttkewitz und Kathrin Marter leisten einen Beitrag zur Kritik des heutigen Internet.

Für die Gesellschafts- und Generations-Diagnose wichtiger ist aber, dass Julia Peglow die Perspektive ziemlich priviligierter Menschen der Kreativbranche einnimmt, die global denken und global unterwegs sind, und die es sich nach langen Jahren gut bezahlter Tätigkeit leisten können, einen Job hinzuschmeißen, mit dem sie unglücklich sind.

Wenn Peglow schreibt:

„Wir sind die schwebende Generation. Es ist unser Schicksal — und unsere große Freiheit — haltlos im Raum zu hängen, ohne oben und ohne unten. Ohne Anfang und ohne Ende.“

Julia Peglow, Wir Internetkinder, S. 276.

dann können zumindest das mit dem Schicksal wohl viele Leute nachvollziehen, ob nun Kreative*r oder nicht. Aber da steht auch was von Freiheit, und die Textstelle geht noch weiter:

„Wir können uns an die Schwerelosigkeit als neuen, permanenten Seinszustand gewöhnen. In der Schwebe leben und agieren, ohne an ihr irre zu werden, ohne das Gleichgewicht oder überhaupt jeglichen Halt zu verlieren. Sie als Befreiung und Leichtigkeit empfinden. Das ist der Weg.“

Julia Peglow, Wir Internetkinder, S. 276.

Das, was Julia Peglow hier wie ein kleines Manifest, als Hoffnung machenden Abschluss, formuliert, sehe ich an sich ganz genauso — wir müssen lernen, mit den heutigen Ungewissheiten zu leben; müssen berufliche Identität vielleicht als Projekt denken –, aber um das zu schaffen, braucht es handfeste Voraussetzungen, die man mit Bordieu als Kapitalformen beschreiben könnte. Neben Geld und Zeit sind das Wissen und Fähigkeiten, die erstmal erworben oder umgebaut werden wollen, sowie Netzwerke, die bereit sind, zu helfen. Unter den heutigen Bedingungen neoliberalen Wirtschaftens ist es für Menschen in schlecht bezahlten Jobs oder mit geringerem Bildungsgrad schwierig bis unmöglich, diese Arten von Kapital zu erlangen. Die Fähigkeit, mit eigentlich beunruhigender Ungewissheit gelassen ’schwebend‘ umzugehen, bleibt dann unerreichbarer Luxus.

Dass am Ende von „Wir Internetkinder“ ein Zitat der Kunstfigur Donald Draper aus der Fernsehserie Mad Men steht — eine Serie, die in der prädigitalen Welt der 1960er und 1970er spielt –, erscheint da recht ironisch. Don Draper war erfolgreicher Kreativer in einer New Yorker Werbeagentur. Nur dass Draper eigentlich Dick Whitman hieß und aus ganz anderen Verhältnissen kam — bis er beschloss, sie zu vergessen. Vom Autoverkäufer arbeitete er sich zum Kreativdirektor hoch, lebte ein wildes Leben aus Partys und Affären — und zerbrach doch innerlich immer mehr an seinem falschen Leben. Auch Draper gab am Ende seinen Job auf, um meditierend zu sich selbst zu finden. Er hätte ein ganz ähnliches Buch verfassen können.

Twitter- und Nachrichten-Eskapismus

Mein knapp einjähriges Twitter-Experiment habe ich gestern sehr spontan beendet, d.h. meinen Account deaktiviert. Obwohl Twitter ein interessantes und durchaus angenehmes Gefühl der Teilhabe und sozialer Eingebundenheit vermitteln kann, ist das immer auch verbunden mit sehr anstrengender Emotionalisierung. Denn irgendwer regt sich immer über irgendeinen Missstand auf — oft berechtigt. Dazu dann noch diverse Newsfeeds althergebrachter Medien.

In der Masse führt das dazu, dass man von einem ständigen Schwall schlimmer Nachrichten überströmt wird — jeden Tag. Gleichzeitig der Drang, die eigenen spontanen Gedanken loszuwerden. Oder Werbung für Über/Strom-Texte zu machen. Diese letztlich folgenlose Kommunikation ist sehr anstrengend, digitaler Stress. Da ich nicht die Selbstdiszipin habe, konsequente Twitter-Pausen einzulegen oder nur zu bestimmten Zeiten dort zu sein, habe ich mein Konto also deaktiviert. Lieber wäre mir die Formulierung „Löschen“, aber das Löschen passiert erst 30 Tage nach Deaktivierung. Diese Schonfrist, während der man doch wieder rückfällig werden kann, fühlt sich ziemlich bevormundend an, auch wenn das vielleicht für Löschen-im-Affekt-und-dann-bereuen-Leute sinnvoll ist.

Auch Echtzeit-Nachrichten versuche ich gerade zu vermeiden, also Seiten wie spiegel.de, zeit.de, sz.de sowie Nachrichtensendungen im Fernsehen und im Radio. Wenn der Dritte Weltkrieg beginnt 😦 , erfahre ich das auch so schon noch rechtzeitig, etwa aus der gedruckten Zeitung am nächsten Tag. Die ist, wegen des höheren Zeitbedarfs, auch ein Teil des Privilegs des Analogen.

„Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ von Kathrin Marter jetzt erhältlich (Über/Strom-Buchreihe, Band 3)

Der dritte Band unserer Buchreihe ist endlich erhältlich, sowohl als gedrucktes Buch als auch als e-Book. In „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ zeigt Über/Strom-Autorin, Verhaltensneurobiologin, Yoga-Lehrerin und Coach Dr.in Kathrin Marter, was digitaler Stress mit uns macht und wie wir damit umgehen können. Hier einmal die Verlagsbeschreibung:

Viele Menschen nutzen täglich die Vorteile des digitalen Zeitalters: wenn sie mal eben ihr Zugticket mit dem Smartphone buchen, sich von ebendiesem zum vereinbarten Treffpunkt navigieren lassen und dann per Textnachricht erfahren, dass die werten Kolleg*innen ein paar Minuten zu spät kommen, der Tisch im Restaurant online schon reserviert wurde und das „Tisch-Ticket“ per QR-Code gleich mitsenden. Viele Menschen erfahren sich bei aller Erleichterung zunehmend reizüberflutet, überfordert und in der Folge gestresst.

Buchumschlag "Du bist, was Dich stresst!" von Kathrin Marter
Cover von „Du bist, was Dich stresst!“

Der Begriff und Zustand „Stress“ (heutzutage im Sprachjargon als diffus definierter Normalzustand verankert und schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen) ist allerdings tatsächlich ein Zustand, der vielfältigen Leidensdruck verursacht und krank macht.

Die Autorin unterstützt allgemeinverständlich, anschaulich sowie naturwissenschaftlich und psychologisch fundiert bei der Auseinandersetzung mit Stress, Stressoren und Prozessen der Langzeitgedächtnisbildung. Letztere sind nicht unwesentlich an unserem chronischen Stresslevel beteiligt. Langzeitgedächtnisse, die, häufig schon in der Kindheit geformt, starke negative Glaubenssätze beinhalten. Diese negativen Glaubenssätze erfahren durch die Herausforderungen der digitalen Welt permanente Verstärkung und begünstigen dadurch chronischen Stress – mit seinen für viele Menschen spürbaren Folgen.

Das Buch lädt ein, klärt auf und gibt fundierte, anschauliche und handlungsorientierte Ansätze zur Selbstreflexion und Entwicklung einer gesunden Handlungskompetenz gegenüber dem eigenen Stresslevel, folglich der eigenen Gesundheit und dem eigenen Glück.

Die Autorin Frau Dr.in rer. nat. Kathrin Marter ist promovierte Verhaltensneurobiologin, systemische Coach, Wissenschaftsautorin, Dozentin, Pädagogin, Yogalehrerin und Trainerin. Als Wissenschaftlerin hat sie die psychologischen, neuro- und verhaltensbiologischen und molekularen Grundlagen von Verhalten, Lernen und Gedächtnis erforscht. Heute bringt sie ihr ganzheitliches Expertinnenwissen über Lernen und Gedächtnis, Gesundheit und Krankheit sowie Verhaltensänderungen in Lernumgebungen, beratenden Settings und der Gesundheitsbranche erfolgreich in die praktische Anwendung.

Bald: „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ (Band 3 der Über/Strom-Buchreihe)

Dass unser digitales Zeitalter ganz schön anstrengend sein kann und Stress verursacht, ist keine Neuigkeit mehr, aber immer noch eine Herausforderung für den persönlichen Umgang mit digitalen Medien. Wie viel davon möchten wir uns selbst zumuten, wie hilfreich oder hinderlich sind Twitter, LinkedIn, Blogs & Co. für unser Wohlbefinden, und was tun wir, wenn wir wie gefangen von Stresserfahrungen sind? Dieses Problems nimmt sich die Neurobiologin und Über/Strom-Autorin Dr. Kathrin Marter in ihrem in Kürze erscheinenden Buch „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ an.

Cover von „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ von Kathrin Marter (erscheint 2021)

„Du bist, was Dich stresst!“ ist der 3. Band der Über/Strom-Buchreihe. Nachdem in Band 1 Uta Buttkewitz das Phänomen der kontaktlosen, aber trotzdem stressenden Nicht-Kommunikation in digitalen Medien untersucht hat, und ich in Band 2 eher eskapistische Auswege im Computerspiel suchte, widmet sich Kathrin nun der Frage, wie wir das Problem des Stresses der digitalen Zeit direkt am Schopfe packen.

Ein paar Wochen dauert es noch, bis alles gesetzt und gedruckt ist (und ich bin sehr freudig aufgeregt 😀 es ist so schön, wenn ein Projekt wächst und fertig wird), aber hier ist schon mal der Klappentext:

Viele Menschen nutzen täglich die Vorteile des digitalen Zeitalters: wenn sie mal eben ihr Zugticket mit dem Smartphone buchen, sich von ebendiesem zum vereinbarten Treffpunkt navigieren lassen und dann per Textnachricht erfahren, dass die werten Kolleg*innen ein paar Minuten zu spät kommen, der Tisch im Restaurant online schon reserviert wurde und das „Tisch-Ticket“ per QR-Code gleich mitsenden. Viele Menschen erfahren sich bei aller Erleichterung zunehmend reizüberflutet, überfordert und in der Folge gestresst.

Der Begriff und Zustand „Stress“ (heutzutage im Sprachjargon als diffus definierter Normalzustand verankert und schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen) ist allerdings tatsächlich ein Zustand, der vielfältigen Leidensdruck verursacht und krank macht.

Die Autorin unterstützt allgemeinverständlich, anschaulich sowie naturwissenschaftlich und psychologisch fundiert bei der Auseinandersetzung mit Stress, Stressoren und Prozessen der Langzeitgedächtnisbildung. Letztere sind nicht unwesentlich an unserem chronischen Stresslevel beteiligt. Langzeitgedächtnisse, die, häufig schon in der Kindheit geformt, starke negative Glaubenssätze beinhalten. Diese negativen Glaubenssätze erfahren durch die Herausforderungen der digitalen Welt permanente Verstärkung und begünstigen dadurch chronischen Stress – mit seinen für viele Menschen spürbaren Folgen.

Das Buch lädt ein, klärt auf und gibt fundierte, anschauliche und handlungsorientierte Ansätze zur Selbstreflexion und Entwicklung einer gesunden Handlungskompetenz gegenüber dem eigenen Stresslevel, folglich der eigenen Gesundheit und dem eigenen Glück.

„Was möchten Sie heute erledigen?“ ✔

Es gibt Zeiten, in denen ich diverse digitale Tools nutze, um Aufgaben zu organisieren und Ideen/Entwürfe festzuhalten. Da wird alles konsequent in Cloud-Diensten gespeichert, um so mehr oder minder elegant zwischen Tablet, PC und Laptop hin und her wechseln zu können. Das fühlt sich dann auch sehr effizient und zielorientiert an — bis zu dem Moment, an dem ich das alles unglaublich anstrengend finde: das Planen, Eintakten, Abarbeiten, das kalte 0 und 1 aus [ ] und ✔.

Das beginnt schleichend, indem ich neue Aufgaben nur noch ohne Fälligkeitsdatum oder ggf. dafür nötige andere Daten (Personen, Adressen, usw.) eintrage und endet damit, dass ich vergesse, erledigte Aufgaben abzuhaken und neue aufzunehmen. Statt in der Cloud wird auf diversen USB-Sticks gespeichert („wo war jetzt die Datei? Ach schade eigentlich, dass es keine Disketten mehr gibt“). Irgendwann komme ich bei Stift, Notizbuch und Wandkalender an, und wenig später lande ich bei der Wahnvorstellung, ich könnte mir alles Wichtige auch einfach so merken und im Kopf behalten.

Was sich bald als Irrtum herausstellt und dazu führt, dass ich nichts davon schaffe, was ich mir vorgenommen habe — wenigstens nicht in der veranschlagten Zeit. Dann beginnt die Phase der Resignation. Selbstmitleidig sitze ich abends um elf vor dem leeren Scrivener-Dokument („noch 230 Seiten to go“), trinke meinen fünften Kaffee und denke mir „vielleicht sollte ich meinen ’normalen‘ Fünf-Stunden-Job auf Vollzeit ausdehnen, da taktet mich mein Arbeitgeber in einen genau definierten Zeitplan und nach Feierabend wäre ich zwar total am Ende, aber das wär‘ nicht schlimm, denn niemand und am wenigsten ich selbst würde noch was von mir erwarten.“

Fieserweise lässt mich die digitale Welt in der Resignation nicht frei. Denn auch in Zeiten nicht vorhandener Organisation hat zumindest die TODO-App von Microsoft unter Android die Angewohnheit, regelmäßig zu fragen: „Was möchten Sie heute erledigen?“ Eine ewige, sehr lästige Mahnung, dass der Pile of Shame nicht kleiner wird und doch bitte organisiert und abgearbeitet werden möchte.

Die TODO-App zeigt sich als virtueller ‚Arbeitgeber‘, der hinter mir steht und mich antreiben will. Es gibt immer was zu tun, was willst du davon heute schaffen? „Die Konkurrenz schläft nicht“, schreit der kleine Kapitalist auf der einen Schulter, während der kleine Baron Münchhausen auf der anderen Schulter listig flüstert: „Es wird schon Gründe geben, warum keiner deine Bücher kauft!!“ [Das war ein Sprechakt. ;-]

Ich glaube, ich bin einfach faul.

Das sage ich dann zu meiner Frau, die mir natürlich versichert, dass ich „so viel“ mache und keinen Grund für das Impostor-Syndrom hätte, und dann ‚reiße ich mich zusammen‘ und fange an, digitale Tools zur besseren Organisation zu verwenden, womit wirklich alles einfacher und effizienter geht, und Erfolgserlebnisse verschafft, zumindest so lange, bis der Kreislauf von vorn beginnt.

Bis es so weit ist, schreibe ich Artikel wie diese hier, weil die schamhaft geöffnete TODO-App („Hey, wie geht’s denn so? Lange nicht geseh’n!“) mir sagt, dass ich das bis 17.06.2020 erledigen wollte.


(Titelbild: Janossy Gergely / Shutterstock.com)

Tipps gegen Update-Stress

Wir leben in der Zeit der „ewigen Beta“. Die Programme, die heute auf unseren Computern, Tablets und Smartphones laufen, werden immer weniger als fertiges Produkt angesehen, sondern als Dienstleistung — „Software as a Service“. Wir bezahlen keine Ware, sondern erwerben eine Nutzungslizenz, oder wir schließen Abonnements ab. Eine neue Version der Software wird so oft nicht mehr explizit erworben, sondern kommt automatisch, und wenn wir ein Programm starten, um einfach damit zu arbeiten, müssen wir mitunter erstmal minutenlang warten, bis es sich aktualisiert hat.

Bekanntestes Beispiel ist Microsofts Betriebssystem Windows 10, das ca. zwei Mal im Jahr ein großes Update erhält und dazwischen mehrere kleine. Die lassen sich zwar für einige Tage verschieben, sind aber schließlich zwingend zu installieren. Auch Apple hat Mitte 2020 in seinem Betriebssystem macOS die Möglichkeit entfernt, Updates zu ignorieren. Das mobile Betriebssystem Android, viele Spiele und Anwendungsprogramme (oder „Apps“) erscheinen ebenfalls als „rolling release“ ohne absehbaren Endzustand.

Beispiele für Update-Stress

Solch regelmäßige Aktualisierungen beheben heute nicht nur Fehler, damit am Ende ein möglichst ‚rundes‘ Produkt entsteht. Oft fügen sie neue Funktionen hinzu, verändern oder entfernen bekannte Funktionen und bringen leider auch neue Fehler mit. Das alles kann auf Nutzer*innen-Seite echten Stress verursachen.

Nicht nur an mir selbst, auch in meinen diversen Kundenservice-Erfahrungen erlebe ich immer wieder Kombinationen von Situationen wie den folgenden:

  • Ein Update verändert Bezeichnungen, Symbole oder die Anordnung von Bedienelementen so, dass bekannte Funktionen nicht mehr wiedergefunden oder nicht mehr korrekt bedient werden können, obwohl sie ansonsten weiter vorhanden sind. Das bereitet Menschen große Schwierigkeiten, die sich mit Mühe in eine Nutzerschnittstelle eingearbeitet hatten und nun umlernen müssen. Das betrifft mehr Leute, als man als computeraffiner Mensch glaubt.
  • Ein Update verändert bekannte Funktionen so, dass die Leistungen dieser Funktionen (ihre Ergebnisse oder Effekte) anders sind als zuvor. Funktion A hatte vor dem Update Effekt 1 und 2, nach dem Update hat sie vielleicht noch Effekt 3, oder Effekt 2 wurde entfernt, weil dafür nun eine neue Funktion B eingeführt wurde.
  • Ein Update verändert die ‚harten‘ technischen Voraussetzungen, die nötig sind, damit das Programm vernünftig läuft — es benötigt auf einmal mehr Speicher, einen besseren Prozessor oder eine bessere Grafikkarte, um genauso schnell wie zuvor auf unsere Wünsche zu reagieren. Im schlimmsten Fall stellen wir dann fest, dass wir auch die Hardware selbst aktualisieren müssen, damit alles wieder gut funktioniert.
  • Ein automatisches Update wird genau dann durchgeführt, wenn man es gerade am wenigsten brauchen kann — statt einfach schnell die jeweilige Aufgabe zu erledigen, muss man erstmal warten, bis das Update fertig ist. Wenn dafür auch noch lange Downloads nötig sind, während der Internetzugang vielleicht gerade durch andere Haushaltsmitglieder ausgelastet ist, kann das sehr frustrierend sein.
  • Ein automatisches Update ist nicht verhinderbar („Zwangsupdate“) oder kann nicht auf einen geeigneteren Zeitpunkt verschoben werden.
  • Es wird nicht verständlich erklärt, was ein Update für Änderungen zur Folge hat, und ob es wichtig oder unwichtig für meine eigene, ganz konkrete Nutzungssituation ist.

Ihnen fallen sicher noch andere Punkte ein. Jedenfalls kann all das ‚ganz schön stressig‘ sein.

Tipps gegen den Updatestress

Auf Updates zu verzichten, ist keine gute Idee, denn oft sind die Änderungen positiv und wichtige Fehlerquellen oder Sicherheitslücken (die sich eben nie ganz im Vorfeld verhindern lassen) werden behoben. Auch Zwangsupdates können sinnvoll sein, um gegen akute Sicherheitsprobleme oder Fehler mit großen Auswirkungen vorzugehen. In diesen Fällen mag das — eigentlich ziemlich übergriffige — Verhalten der großen Softwarefirmen gerechtfertigt erscheinen, denn ein nicht aktuell gehaltenes System wird im Internet auch zur Gefahr für andere.

Daher folgen nun einige einfache Tipps, wie man Updatestress vorbeugen kann.

  1. Vereinfachung I: Man muss nicht gleich „Digital Detox“ machen, aber was nicht installiert ist, braucht auch keine Updates. Viele Geräte werden von Anfang an mit Software geliefert, die man gar nicht verwendet. Misten Sie Ihre Geräte daher regelmäßig aus und vermeiden Sie es, irgendwelche Programme aus dem Internet oder Apps aus dem Appstore runterzuladen, nur weil die Werbung irgendwelche Wunder verspricht oder ein neues Programm toller aussieht als das alte. Neu ist nicht immer besser.
  2. Vereinfachung II: Im Laufe der Zeit sammeln sich heute ziemlich viele Geräte an. Das ist nicht nur ein Problem für die natürlichen Ressourcen der Erde, das Klima und die Stromrechnung. Jedes Gerät will gewartet sein, und gerade Geräte, die wir nur selten verwenden, sind beim nächsten Mal erstmal lange mit Aktualisierungen beschäftigt. Beschränken Sie sich daher auf wenige, möglichst langlebige Geräte, die Sie wirklich brauchen und regelmäßig verwenden.
  3. Erkennen Sie Ihren Bedarf: Um zu ermitteln, welche Geräte und Programme wir ‚wirklich brauchen‘, hilft es, mal einen Monat Tagebuch über die eigenen Nutzungsgewohnheiten zu führen. Was tue ich in welchem Umfang mit meinem Smartphone, meinem Tablet, meinem PC und meinem Laptop? Kann ich eventuell bei der nächsten Mobilfunkvertragsverlängerung auf ein neues Gerät verzichten? Kann das Tablet möglicherweise PC und Laptop ersetzen? Muss das Telefon wirklich ’smart‘ sein, wenn ich daneben auch ein Tablet habe? Verzichte ich vielleicht sogar ganz auf Smartphone und Tablet, um die Computer dorthin zu verbannen, wo sie hingehören (nämlich auf den Schreibtisch statt auf die Couch oder neben das Bett)? Habe ich das Gefühl, dass die Verwendung von Gerät A, Programm B oder App C mir einen echten Nutzen oder Freude bringt? Wenn nicht, weg damit.
  4. Legen Sie Updates auf eine günstige Zeit: Um zu vermeiden, dass sich Updates gerade dann in den Vordergrund drängen, wenn Ihnen das gar nicht passt, planen Sie regelmäßige Zeitfenster für Updates ein — so wie für den Hausputz. Der ist übrigens eine gute Zeit, um größere Updates durchzuführen (besser, als Geräte dafür nachts angeschaltet zu lassen, während wir schlafen). Während wir Staub saugen, das Bad putzen oder abwaschen, können parallel Updates runtergeladen und installiert werden — die Geräte nutzen wir da ohnehin nicht und wenn wir mit der Hausarbeit fertig sind, dürften die meisten Updates auch abgeschlossen sein. Falls zwischendurch ein Neustart nötig ist, ist der auch schnell erledigt.
  5. Verschieben Sie brandneue Updates eine Weile, wenn möglich: Wenn es nicht gerade um wichtige Sicherheitslücken geht, warten Sie einige Tage ab. Schon öfter hatten etwa Nutzer*innen von Windows 10 das Problem, dass der Computer nach Updates nicht mehr startete; der Hersteller zog dann diese Updates zurück und brachte später korrigierte Versionen heraus. Mittlerweile kann man eine „Update-Pause“ für bis zu 35 Tage in Windows 10 einstellen; unter Umständen ist das sinnvoll.
  6. Informieren Sie sich im Internet, ob ein Update Probleme bereiten könnte. Seriöse Seiten sind dafür etwa technische Nachrichtenportale wie heise.de oder golem.de; Social Media und Foren verbreiten hingegen oft auch oft Halbwissen und Mythen.
  7. Machen Sie Backups: Wertvolle Texte, Fotos, Musik, usw. sollten regelmäßig gesichert werden — das geht zwar in der Cloud, aber falls das Internet mal ausfällt, schadet es auch nicht, traditionelle Backups auf externen Datenträgern zu haben. Das nimmt die Sorge davor, alles zu verlieren, wenn mal etwas schiefgeht. Sie müssen dazu keine komplexe Backupstrategie mit zig Versionen einführen. Machen Sie einfach jede Woche eine Sicherung der wichtigsten Ordner und löschen Sie nach vier Wochen die jeweils älteste Sicherung. Auch dies lässt sich übrigens mit dem Hausputztermin kombinieren.

Fazit

Natürlich könnte man noch viel weitergehen. Man könnte selbst zum ‚Techniknerd‘ werden, ein freies Betriebssystem wie Linux installieren und so eine fast vollständige Kontrolle über die eigenen Geräte und Programme erlangen. Dies jedoch verschiebt den eigenen Fokus von der möglichst einfachen Nutzung und verlangt zeitaufwendige Einarbeitung (an deren Ende zwar ebenfalls eine elegante Form von Einfachheit stehen kann, aber der Weg dahin braucht etwas Zeit und Lernwillen). Die genannten Tipps hingegen — sie dienen letztlich der Systematisierung und dem Gewinnen eines Überblicks — lassen sich auch in einem ’normalen‘ Nutzungsalltag umsetzen.

(Titelbild: mohamed_Hassan / Pixabay.com)

Aushalten durch Offenhalten. Zum Umgang mit dem medialen Nachrichtenfeuerwerk

„Ein Mann mit nacktem Oberkörper, riesiger Fellmütze und Hörnern stieg auf das Podest des Senats, sah in den Saal und spannte seine Muskeln als Geste des Triumphs.“ In dieser nüchternern Berichtsform fasst der Politikwissenschaftler Yascha Mounk bei Zeit Online eine der Szenen der Ereignisse im US-Kapitol zusammen und damit auch den Zustand vieler Staaten (Demokratien und andere) weltweit, die von machtorientierten Machotypen regiert werden. Das unfreiwillig lächerliche Bild des behörnten Trump-Supporters (der, wie ein anderer Artikel bei Spiegel Online erklärt, als QAnon-Schamane bekannt ist) und die ebenso komische sprachliche Nähe von Trump und Triumph werden mir noch lange im Gedächtnis bleiben, zumindest bis es zur nächsten Eskalationsstufe des „surrealste[n] Aufstand[s] seit Woody Allens Bananas“ (Mounk) kommt.

Mounk leitet den Artikel mit einem Verweis auf das aristotelische Drama ein, dessen Ende „überraschend und zugleich unausweichlich“ sein sollte und urteilt, dass „die vier Jahre, die Donald Trump Präsident der USA war, gerade zu einem angemessenen Schluss gekommen“ seien. Da bin ich mir nicht so sicher, immerhin hat Trump bereits angekündigt, dass sein Kampf gerade erst begonnen habe, und seine engsten Anhänger werden sicher nicht einfach aufgeben, nur weil eine Formalie nun Joe Biden offiziell zum Wahlsieger erklärt hat. Nein, ich denke, der Vergleich zu einer endlosen Streamingserie ist angemessener, und die nächste Staffel kommt bestimmt, denn die Einschaltquoten sind gut.

Unbearbeitbare Ungewissheiten

Jeder der Krisenkomplexe Trump, Corona, Brexit, Klima, usw. wird medial sowohl als äußerst dringlich markiert, als auch als zu komplex für schnelle Lösungen. Der Wunsch, auf alles vorbereitet zu sein, sodass eine komplexe Krise in abschließend bearbeitbare Teilprobleme zerlegbar ist, ist zwar verständlich, aber illusorisch. „Es kann doch nicht sein!“ riefen einem seit Trumps Wahlsieg 2016 die Medien immer wieder entgegen, ungläubiges Staunen, bis zum vorläufigen Höhepunkt. „Es kann doch nicht sein“, dachte man während des Brexit-Prozesses, von dem immerhin John Bercows „Order!“-Rufe in Erinnerung bleiben — der Ordnungsruf, der zur Ruhe im Parlament mahnte, kann rückblickend auch als Ausdruck der Sehnsucht nach dem Ende des Wahnsinns gelesen werden. Und wieder „es kann doch nicht sein“, dass Corona-Maßnahme XYZ immer noch nicht durchgesetzt ist, dass zu wenig Impfstoff bestellt wurde, dass immer noch Lüften statt Luftfilter das Mittel der Wahl für Präsenzunterricht ist, dass der Weg zum Arbeitsplatz nicht von Beschränkungen betroffen ist, dass Home Office immer noch nur eine Empfehlung und keine verbindliche Richtlinie ist, usw. Kommentare von Leser*innen unter entsprechenden Kommentaren echoen die ausgedrückte Ungläubigkeit, Verzweiflung und Wut, und verstärken den medialen Stress nur noch.

Das eine große Stichwort, unter dem sich der medienbedingte Stress in aktuellen soziologischen Perspektiven fassen lässt, ist unbearbeitbare Ungewissheit. Normalerweise verlassen wir uns auf gesellschaftliche Funktionssysteme, Ungewissheiten zu klären. Die gerade relevante Krise wird als zu lösendes Problem definiert, und je nach Problem trauen wir dem einen oder anderen System zu, es zu bearbeiten. Wir erwarten uns Antworten und Lösungen, die, wenn schon nicht schnell, dann doch verlässlich sein sollten und entsprechend kommuniziert. Eine Weile kann man Ungewissheit gut aushalten, aber was, wenn sie über Monate oder Jahre anhält?

Resilienz und Umgang mit Stress

In der Psychologie spricht man von Widerstandsfähigkeit oder Resilienz. In dem Zusammenhang unterscheidet man problemorientierte und emotionsorientierte Strategien zum Umgang mit Stress. Erstere widmen sich dem stressauslösenden Element (dem Stressor); letztere dienen dazu, dass man sich besser fühlt, ohne den Stressor selbst verändern zu können. Welche Strategie sinnvoll ist, hängt auch davon ab, ob der Stressor kontrollierbar ist oder nicht. Beispiel individueller Corona-Stress: Abstandhalten, Maske tragen oder jetzt die Impfung können Verbreitung oder Wirkung des Virus eindämmen und gehören zu den problemorientierten Strategien. Der eskapistische Gebrauch von Filmen oder Computerspielen zur Ablenkung wäre dagegen eine emotionsorientierte Strategie; ebenso der Versuch, die eigene Einstellung zu dem Stressor zu ändern.

Der Stress, der durch die unklaren, sich teils widersprechenden politischen und medialen Lagen ausgelöst wird, kann ebenfalls problem- oder emotionsorientiert bearbeitet werden. „Einfach abschalten“ ist dabei die einfachste problemorientierte Strategie: nur noch sporadisch Nachrichten schauen oder lesen, oder gar nicht mehr. Mit dieser Flucht vor dem Stressor lebt es sich erstmal leichter. Auch massive Medien- bzw. Politikkritik oder eine Abwertung der Systeme Massenmedien und Politik können so eine Funktion erfüllen.

Doch auf Dauer entlastend ist beides nicht. Abschalten funktioniert dann nicht mehr, wenn sich zeigt, dass hinter den Medienberichten doch echte Ereignisse stehen, die auch ohne Medienkonsum passieren. Spätestens, wenn der erste schwere Coronafall im eigenen sozialen Umfeld auftaucht, ist man betroffen, auch wenn man sich durch Ignorieren der Medien in eine heile Welt geträumt hat. Ähnlich die abwertende Kritik an Medien und Politik: Die funktioniert nicht mehr, wenn man irgendwann doch versteht, dass die von diesen Funktionssystemen bearbeiteten Ungewissheiten einfach nicht verlässlich in Gewissheiten verwandelt werden können — nicht, weil die Leute alle unfähig oder korrupt oder „Lügenpresse“ wären, sondern weil es einfach Probleme ohne allgemeingültige oder dauerhafte Lösung gibt.

Situative Offenheit

Jede Lösung gesamtgesellschaftlicher Probleme ist heute ein Kompromiss, denn jede Lösung beruht auf unvollständigen Informationen und muss immer wieder an neue Situationen angepasst werden. In der ethnomethodologischen Forschung (wo seit Ende der 1960er Jahre der subjektive Umgang mit Plänen zur Problemlösung beobachtet wird) sowie in der soziologischen Systemtheorie (in der es nicht um Erklärungen im kausalen Sinne geht, sondern um Funktionsäquivalente zum Beobachteten) hat man diese Erkenntnis schon lange — jetzt kommt sie langsam im Alltag an, wenn etwa heute ein Beschluss gefasst wird, der morgen schon wieder anders ausgelegt wird, oder wenn in derselben Zeitung zwei sich widersprechende Einschätzungen stehen, die beide Absolutheit beanspruchen. Aber noch wehrt man sich mit Händen und Füßen gegen das, was negativ interpretiert vielleicht als nur noch mehr Ungewissheit verbreitender Relativismus erscheint.

Doch statt sich darüber in Ärger zu versteifen, lohnt es sich, das ewige „Es kann doch nicht sein!“ mit all der Verzweiflung und Wut dahinter zu ersetzen durch ein positiv gedachtes, Luhmann’sches „Es kann auch immer anders sein!“ Es geht um das sich-Offenhalten für Alternativen, um auch in schnell veränderlichen Situationen handlungs- bzw. anpassungsfähig zu bleiben. Bewährte Methoden der Stressbewältigung (die z.B. Kathrin Marter vor einigen Monaten in ihrem Artikel zum persönlichen Corona-Management erläutert hat) helfen dabei, diese Offenheit aufrechtzuerhalten.

(Titelbild: Andrys Stienstra / Pixabay)

Raunächte — digitale Ruhe und Besinnlichkeit zwischen den Jahren

In diesem Blogbeitrag geht es um die Raunächte, ihre Bedeutung, wie wir sie gut für uns nutzen können, um das alte Jahr dankend gehen zu lassen und das neue Jahr zielorientiert willkommen zu heißen. Ganz im Sinne der Über-Strom-Reihe nutze ich Beispiele aus unserem digitalen Alltag, um Rück- und Vorschau einzuleiten. Ganz im Sinne von Tabula Rasa 2.0 frage ich, um ungesunde Glaubenssätze und Verhaltensweisen erkennbar zu machen und die Absicht der Integration neuer gesunder Verhaltens- und Denkweisen zu ermöglichen und zu stärken.

Raunächte — Tage außerhalb der Zeit

Die Raunächte, auch Rauhnächte, gehen vermutlich auf den germanischen Mondkalender zurück. Dieser hatte ein Jahr mit zwölf Mondmonaten und demnach 354 Tagen. Die zum heutigen Sonnenkalender mit 365 Tagen fehlenden elf Tage – bzw. zwölf Nächte – sind, aus Sicht des Mondkalenders, mit dem Wissen um den Sonnenkalender, Tage außerhalb der Zeit. (1)

Diese Tage außerhalb der Zeit sind für viele von uns arbeitsfreie Tage. Durch die vorbereitenden Adventsonntage, das Raunächte einleitende Weihnachten bei Kerzenlicht, Liedern, im Kreise der Familie kommen wir zur Ruhe und erleben zwischen den Jahren eine besinnliche und entschleunigte Zeit. Sie wirkt durch die kurzen Tage um die Wintersonnenwende mit dem 21.Dezember immer auch mystisch.

Analoge Tage außerhalb der Zeit?

Die Raunächte können dieses Jahr ganz besonders, auch eine Zeit sein in der Körper, Psyche und emotionales System einen Ausgleich zur Digitalisierung erfahren.

Ich liebe die Digitalisierung! Sie hat es mir ermöglicht meine YogaLehrAusbildung trotz Lockdown zu Hause zu beenden. Sie ermöglicht es mir in Kontakt zu bleiben und z.B. zu Weihnachten auch meine Schwester sehen zu können, die nicht ‚anfassbar präsent‘ bei uns sein wird. Die Digitalisierung ermöglicht es mir meine Yoga-Kurse auch weiterhin anzubieten und so viele Menschen bei ihrer Entspannung und Stressbewältigung in dieser irren Zeit zu unterstützen und ich kann sogar Formate wie die Raunächte-Meditations-Challenge anbieten, für die es vor Corona und den damit verbundenen Lockdowns keine Zielgruppe und/oder keine Bereitschaft und Vorstellungskraft gegeben hätte: Ab dem 21.Dezember werde ich nun jeden Morgen um 7 Uhr (vielleicht 6:50 Uhr) aus dem Bett kullern, den Rechner hochfahren und um 7:15 Uhr mit Gleichgesinnten meditativ die Raunächte begehen. Ebenso um 20:45 Uhr, damit ich gegen 21:30 Uhr tief verbunden mit mir selbst und absolut präsent wieder ins Bett kullern kann, um dort in der Meditation, die sich Schlaf nennt, zu regenerieren und aufzutanken. Ich wünsche mir von mir selbst, dass sich dieses Meditations-Ritual durch die Raunächte so festigt, dass ich es beibehalte, weil es mir gut tut, weil es gesund ist und ich gesund sein möchte.

Raunächte- digitale Ruhe und Besinnlichkeit zwischen den Jahren

Die Meditation, wenn hier auch digital übertragen, um im Lockdown gemeinsam zu sein, ist ein wundervolles Pendant zur Digitalisierung, weil wir uns in der Meditation von äußeren Reizen zurückziehen. Das Digitale, viele werden es spätestens in der Intensität des Home Office und der Lockdowns bemerkt haben, ist körperlich und kognitiv anstrengend:

Die Impulse der hellen Bildschirme strengen die Augen im Übermaß an, bei schlechter Verbindung der Telco muss das Gehirn sich aus abgehackten Tönen den Kontext zusammenschustern, viele Formate wollen unsere Aufmerksamkeit und einige versuchen sie über angstauslösende Titel und Artikel zu bekommen. Gleichzeitig haben wir, ob der Fülle der digitalen Angebote, Belehrungen und Informationen keine Zeit uns tief und ernsthaft mit deren Wahrheitsgehalt auseinanderzusetzen, um unsere individuelle Wirklichkeit in der aktuellen Situation überhaupt noch einschätzen zu können.

Dazu fehlt vielen Bewegung, vielen fehlen die eingefahrenen, Sicherheit-gebenden Routinen des Berufsalltag, die Gespräche auf dem Flur, das Käffchen. Zudem können digitale Formate uns nur sehr begrenzt emotional berühren, wie es ein Lächeln oder auch Nicht-Lächeln der Chefin in ‚Präsenz-Präsenz‘ könnte, so dass einigen Menschen sicher große Mengen Oxytocin fehlen und so ein Gefühl von Einsamkeit entstehen kann.

In der Summe kann der Körper am Ende dieses Corona-Jahres nicht-ausgelastet und rastlos sein, bei gleichzeitigen Gefühlen von Schwäche und/oder dem Gefühl nicht belastbar zu sein, schlecht in den Schlaf zu finden oder nicht durchschlafen zu können, eine stärkere Brille zu brauchen, Verspannungen in Hüfte, Schultern, Nacken und Gesicht, Kopfschmerzen bis hin zu Migräne und diffusen Ängsten, ob der Unsicherheiten und möglichen Veränderungen der eigenen Gesundheit und der eigenen Lebensumstände.

Raunächte — Rück- und Innenschau

Mit dem Wissen, dass die Tage wieder länger werden und das neue Jahr vor der Tür steht, regt sich Hoffnung in uns. Alle Jahre wieder, wünschen sich viele, dass das nächste Jahr besser wird als das vorangegangene, häufig ohne genau zu schauen, was alles erreicht wurde, ohne Dankbarkeit und Wertschätzung für das Erreichte und die Rückschau auf die Herausforderungen, die das Leben für uns bereit gehalten hat.

Diese Dankbarkeit und Wertschätzung allerdings sind es, die uns aus unserem tiefsten Innern heraus glücklich, zufrieden, entspannt und gesund sein lassen, die uns helfen, die Herausforderungen unseres Lebens anzunehmen, ohne dauerhaft den Ist-Zustand bekämpfen zu wollen, weil er noch nicht und niemals einen dauerhaften Zustand von Euphorie, Sicherheit und Fülle in uns auslöst.

Die Einflüsse von Sonne und Mond führen eine tiefe Empfindsamkeit herbei, die sich nutzen lässt, um

  • im Innen aufzuräumen,
  • Altes, das nicht mehr gebraucht wird, das nicht mehr nährt, dankbar und wertschätzend gehen zu lassen,
  • zu regenerieren,
  • die eigenen Wünsche und Bedürfnisse abzufragen,
  • neue Ziele zu visualisieren und
  • sich fest mit den eigenen kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen Zielen zu verbinden,
  • Schritte zur Wunscherfüllung zu reflektieren,
  • sich zu fokussieren und
  • zu erden.

In Bezug auf den stark digitalisierten, bewegungs- und kontaktarmen Home Office-(Lockdown)-Alltag lässt es sich fragen:

  • Welche digitalen Medien und Werkzeuge nutze ich stündlich, täglich, wöchentlich? Wie viele Stunden bin ich auf diese Weise täglich online? Möchte ich das so?
  • Welche Regenerationsmöglichkeiten möchte ich meinem Körper, meiner Psyche, meinem emotionalem System vor / nach einen digitalen Tag geben? Ist das smart, d.h. ist das Ziel
    • simpel genug, um es auch anzugehen?
    • messbar? (spätestens hier fällt das Ziel, dauerhaft glücklich sein zu wollen raus)
    • für mich attraktiv? Hab ich da Bock drauf?
    • realistisch? (hier können wir auch nochmal über das Glück nachdenken…)
    • Ist der Startpunkt terminiert? Ein Zeitraum? (hier können wir auch nochmal über das Glück nachdenken…)
  • Wovon habe ich gerade zu viel in meinem Leben? Wo von zu wenig? Wie kann ich das ändern?

Raunächte — Tabula Rasa 2.0 pur

Wie in einem Karriere- und Persönlichkeitsentwicklungsprozess in einem Workshop oder Coaching fragen uns die Raunächte nach unseren Bedürfnissen, persönlichen Motiven, Zielen und Werthaltungen. Unsere Wünsche und Bedürfnisse sind natürlich und menschlich (siehe auch Artikel zur Maslowschen Bedürfnisse-Pyramide in Corona-Zeiten). Nicht immer ist allerdings die Art und Weise, wie wir uns unsere Wünsche erfüllen und Bedürfnisse befriedigen wollen, sinnvoll und zielführend. So kann ich mir und anderen zum neuen Jahr Gesundheit und Glück wünschen (lassen); daran zu glauben, dass ich durch das Aussprechen dieser Sätze allein dauerhaft gesund und glücklich bin, ist allerdings ziemlich esoterisch.

Um z.B. dauerhaft gesund zu sein, muss ich/musst Du Verantwortung für deine Gesundheit übernehmen.

Es braucht die Rückschau:

  • Was hab ich alles schon probiert?
  • Was hat gut funktioniert?
  • Was hat nicht so gut funktioniert?
  • Warum hat es nicht gut funktioniert?
  • Warum hat das, was gut funktioniert hat, gut funktioniert? …

Es braucht die Innenschau:

  • Wie zufrieden bin ich mit dem IST-Zustand?
  • Wofür bin ich dankbar?
  • Was brauche ich und warum?
  • Wie kann ich bekommen, was ich brauche?
  • Ist das wirklich wahr?
  • Was hindert mich daran, mein Ziel zu erreichen?

Und es braucht den Blick in die Zukunft:

  • Wie fühlt es sich an, wenn ich mein Ziel erreicht habe?
  • Wer teilt meine Werte, Bedürfnisse und/oder Ziele und wie können wir uns gegenseitig unterstützen ?
  • Wie sieht mein Plan aus? Was sind meine ersten Schritte hin zur Zielverwirklichung?
  • Was/wer/wo sind meine Reminder?

12 Tage und Nächte für diese und weitere Fragen lassen uns uns tief bei uns selbst ankommen und den ein oder anderen Wunsch, das ein oder andere Gefühl, als kontra-produktiv entlarven und im alten Jahr lassen. 12 Tage und Nächte in Verbindung, in Achtsamkeit und Wertschätzung mit uns selbst, ermöglichen es uns Achtsamkeit, Wertschätzung und Dankbarkeit zu üben und als Routine, als neue gesunde Verhaltensweise mit ins neue Jahr zu nehmen und in den Alltag zu integrieren.

Und wenn Dich im neuen Jahr das Hamsterrad nach einiger Zeit doch wieder einholt, dann hast Du mit dem Fasten zu Ostern und spätestens mit den Raunächten in 2021  wieder die Gelegenheit, rauszupurzeln.

Tipp: Um in Verbindung mit Dir selbst und Deinen Zielen, Wünschen und Bedürfnissen zu bleiben, bietet sich eine regelmäßige Yogapraxis an. Der Yoga ist vor 1000nden Jahren dafür entwickelt worden, dass wir unseren wahren Wesenskern entdecken können. Er bietet daher immer wieder die Innenschau an, verbindet Dich wärmend und umarmend mit Dir und schafft einen sanft-bewegenden, ent-spannenden Ausgleich zum wahnsinnig coolen und an-spannenden digitalen Zeitalter!

Herzlichst frohe Weihnachten, besinnliche Raunächte und ein zufriedenes neues Jahr,

wünscht Dir

Kathrin