Das Privileg des Analogen

Auf Grundlage einiger früherer Skizzen (u.a. 2019 zum Zeitunglesen, so richtig auf Papier, an den Orten, wo diese Zeitungen erscheinen) und Beobachtungen im Alltag habe ich ein neues Schreibprojekt begonnen, in dem ich mich mit dem „Privileg des Analogen“ (als scheinbarer Kontrast zum „Digitalen“) auseinandersetzen will. Ich weiß noch nicht genau, ob das eine Artikelsammlung wird, oder ein neuer Band der Über/Strom-Reihe, oder noch was anderes, aber auf jeden Fall treibt mich das Thema jetzt schon lange um.

Der Grundgedanke ist, dass digitale Medien sowie digital umgesetzte Arbeits- und Lernszenarien einerseits Teilhabemöglichkeiten bieten, die rein analoge Formen nicht haben – dass das Analoge dabei aber noch mehr als vielleicht früher schon zu einem Privileg, vielleicht einem Luxus, wird. Im 2. Coronajahr 2021 erlebe ich dieses Spannungsfeld gleich mehrfach.

Beispiel Wissenschaft: Aus dem gesellschaftlichen Teilsystem Wissenschaft bin ich seit 2015 eigentlich raus (und in Hinblick auf #IchBinHanna möchte ich fast sagen: Gott sei dank), insofern ich seitdem keine institutionelle Zugehörigkeit mehr zu einer Hochschule habe und auch nicht mehr gesucht habe. Stattdessen arbeite ich in verschiedenen Zusammenhängen, 25 h/Woche unbefristet angestellt, Rest der Zeit tätig als „ich schreib so Texte“-Mensch aka „freier Autor“ von Sachtexten („Und, was machst du so?“). Ich werde nicht reich, aber meistens reicht es.

Die Themen meines Schreibens leiten sich zwar großteils aus meiner früheren wissenschaftlichen Tätigkeit her (Kommunikationswissenschaft; in mehr soziologischer und linguistischer Ausprägung, weniger medienwissenschaftlich). Meine Bücher richten sich aber an die Allgemeinheit oder an Praktiker*innen, die z.B. beruflich mit Softwareentwicklung oder technischem Kundendienst zu tun haben (da ist auch der Link zu meinem Angestelltenjob).

Jedoch habe ich in mir immer noch eine gewisse … wehmütige Sehnsucht nach nicht verwertungsgebundenem wissenschaftlichen Austausch. Ironisch sage ich manchmal, ich würde gerne mal ein Jahr lang einfach nur das Wortfeld „Baum“ erforschen. Oder sowas. Nur findet wissenschaftlicher Austausch halt nicht im Kundendienst statt und auch nicht beim Schreiben von Sachtexten, sondern, naja, im Teilsystem Wissenschaft. Daran zu partizipieren, setzt tradtionell nicht nur Zeit und Netzwerke voraus, sondern auch Geld. Denn zu Tagungen zu fahren (wo man Netzwerke knüpft), muss man bezahlen können. Wenn man keine Uni oder Firma hat, die das übernimmt, sieht’s düster aus. Und genau da war Corona dieses Jahr eine Möglichkeit, wieder Anknüpfungspunkte zu finden. Denn so schal das in sozialer Hinsicht auch ist: Viele Konferenzen wurden online durchgeführt und dabei auch die sonst oft hohen Teilnahmegebühren stark reduziert oder ganz fallengelassen. Auch Fahrt- und Übernachtungskosten entfielen. Und so sind es dieses Jahr drei Tagungen, an denen ich teilnahm/teilnehme (die letzte ist die Future and Reality of Gaming in Wien am 26./27.11., eine Games Studies-Tagung, wo ich auch selbst einen Beitrag vorstelle). Zu normalen Bedingungen wäre das weder zeitlich noch finanziell möglich gewesen, und insofern hat mir das Digitale einen länger beiseite geschobenen Teil meiner Identität zurückgebracht.

Man könnte jetzt sagen, dass das doch eher das Privileg des Digitalen ist. Ich kann ja eigentlich froh sein, dass mir das Internet eine Teilhabe an solchen Formen erlaubt. Aber das sind, wie erwähnt, Corona-Bedingungen und ich bin mir relativ sicher, dass beim Ende der Pandemie wieder mehr auf analoge Formen der Komunikation umgestellt wird. Und das ist gut so – mir tun junge Student*innen so so leid, die ihr Studium unter Corona-Bedingungen begonnen haben, jetzt endlich ein wenig Präsenzluft schnuppern konnten, aber nun sicher bald wieder (wo noch nicht geschehen) zurück in virtuelle Räume müssen. Aber dann werden eben auch wieder Zeit und Geld entscheidende Parameter sein, die eine Teilhabe ermöglichen oder ausschließen. Darum das Privileg des Analogen.

Ähnliche Beobachtungen mache ich in Bezug auf Medienkonsum (Kino vs. Stream, gedrucktes Buch vs. eBook, gedruckte Zeitungen vs. Paywall usw.), Spiele (Computerspiele vs. Brettspiele), Kundendienst (Menschen vs. Bots, Entscheidungsbefugnis vs. starre Prozesse), Einkaufen (online vs. Geschäft) usw. Ich habe nun vor, diese Beobachtungen jeweils zunächst zu beschreiben und dann gesellschaftlich einzuordnen (da ich nix anderes kann, vermutlich wieder vor systemtheoretischen Hintergründen). Wie genau, wird man dann sehen.

Gesunde Mindsets zur Differenzierung von neuem Alltag und akutem persönlichen Corona-Krisenmanagement

Wir alle haben in den letzten Wochen und Monaten auf sehr vielen Ebenen sehr viele Veränderungen erlebt, die uns körperlich, mental und emotional stark gefordert haben, fordern und weiter fordern werden: Im Rahmen des politischen Corona-Krisenmanagements hat sich für uns vieles verändert, ebenso im Rahmen des unternehmerischen/betrieblichen Krisenmanagements, zum Teil als direkte Folge der Auflagen, z.T. als individuelle unternehmerische Maßnahme im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.

Letztlich landen alle politischen, betrieblichen, und individuellen betrieblichen Maßgaben auf unserer persönlichen Agenda und treffen auf unsere individuelle Persönlichkeit mit all ihren schillernden Farben!

Ich habe gestern Abend eine Mindmap zu den verschiedenen Maßgaben gebastelt, um meine Gedanken zu den Veränderungen und vor allem den daraus entstehenden Belastungen zu sammeln und zu ordnen.

Mit meiner Mindmap zeige ich spezifisch die individuellen Komponenten der Corona-Krisensituation auf. Die politische und wirtschaftliche Komponente sind deshalb absichtlich kurz gehalten und bilden die Komplexität des Einflusses von COVID19 auf beide Systeme nicht vollständig ab.

Sie verdeutlichen aber den Einfluss von Politik und Wirtschaft auf unsere individuelle Situation. Sie zeigen auch, dass wir, da wir die Maßgaben ja letztlich auf unserer eigenen Agenda haben, auch nur in Eigenverantwortung damit umgehen können, um unser eigenes Stress- und Krisenmanagement in den Griff zu bekommen.

Ich darf erschöpft sein!

Eigenverantwortliches Handeln im Sinne der eigenen Gesundheit bei voller Agenda ist ganz sicher nicht einfach, insbesondere wenn die Kinder zu Hause zu beschulen sind; die Arbeitgebenden Forderungen haben; die Vorgesetzten nicht erreichbar sind; der Arbeitsvertrag auszulaufen droht; das Einkommen ausbleibt; und so weiter und so weiter… Die individuelle Komponente des Corona-Krisenmanagements lässt sich durch Sie selbst und Ihre Herausforderungen deshalb beliebig ergänzen.

Die Mindmap dient dabei aber nicht der Eskalation von Angst und/oder Wut, sondern der konstruktiven Lösungsfindung: Durch die Mindmap wird auf den ersten Blick deutlich, dass die Veränderungen, Herausforderungen und Belastungen enorm sind, auf allen Ebenen: körperlich, mental und emotional.

Da Veränderungen immer Energie kosten, ist es (mindestens) deshalb völlig in Ordnung, nach Wochen und Monaten des akuten Krisenmanagements jetzt körperlich, mental und emotional erschöpft zu sein.

Trotz Frühling mit sommerlichen Temperaturen dürfen wir auf der Couch bingewatchen, wenn wir das brauchen. Wir dürfen Dinge vergessen und Fehler machen. Das dürfen wir immer und jetzt noch mehr, auch wenn das aktuelle Gefühl (aus der Erziehung und dem Stresslevel heraus) oder das System, in dem wir uns bewegen, etwas anderes behaupten!

Ich wünsche mir, dass wir Erschöpfung, Vergessen und Fehler für uns als Anzeichen von Überlastung erkennen, nicht weil wir schwach sind (das ist nie der Grund für Überlastung), sondern weil die Belastungen hoch sind.

Grobe, unfreiwillige Veränderungen versetzen uns in der Regel erst einmal in einen akuten Stresszustand: das ist ein Zustand erhöhter Aufmerksamkeit, Konzentration und erhöhten Leistungsvermögens. Das ist auch gut so!

Akut bedeutet laut Duden ‘im Augenblick‘, ‚brennend‘, ‚schnell und heftig‘. Unser aktueller Stresszustand ist mittlerweile aber nicht mehr ‚im Augenblick‘, er beinhaltet schon eine Vergangenheit von Wochen bis Monaten. Er ‚brennt‘ sozusagen seit Wochen ‚schnell und heftig‘. Es handelt sich deshalb um einen chronischen Stresszustand, der uns, wenn wir nicht auf uns aufpassen, ausbrennt.

Ich bin für mein Wohlbefinden verantwortlich!

Die Systeme Politik und Wirtschaft können gegen unser persönliches Ausbrennen gerade nur wenig tun. Nur die wenigsten Arbeitgebenden sorgen sich gerade darum, die Mitarbeitenden im Home Office mit betrieblichem Gesundheitsmanagement zu versorgen. Und ganz ehrlich, viele Betriebe und Unternehmen haben ganz andere Sorgen.

Eigentlich immer, aber jetzt unbedingt, wünsche ich mir, dass jeder akut und chronisch Gestresste/Belastete für die eigene körperliche, mentale und emotionale Gesundheit selbst Verantwortung übernimmt.

Dabei dürfen Fragen aufkommen wie: „Was tut mir gut?“, „Was tut mir nicht gut?“, „Wovon habe ich gerade zu wenig in meinem Leben?“, „Wovon habe ich gerade zu viel in meinem Leben?“.

Unter Berücksichtigung der Pandemie-Maßgaben stellen sich anschließend Fragen wie „Wie / wo / von wem bekomme ich was ich brauche?“, „Was kann ich jetzt sofort für mich tun?“, „Wen kann ich mir ins Boot holen, um mein Ziel zu erreichen?“.

Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung können dann manchmal ganz nah beieinander liegen, zum Beispiel: „Ich brauche Bewegung“ und verabrede mich deshalb fürs Wochenende mit meiner besten Freundin zum Wandern.

In diesem Fall werden dabei eine ganze Reihe anderer Bedürfnisse und Work-Life-Balance-Aspekte mit abgedeckt; das Bedürfnis nach sozialem Kontakt, nach Sonne und Wärme, nach Zeit in der Natur. Die Augen erholen sich von den Videokonferenzen, die Lunge kann sich weiten und saubere Luft atmen um den Körper gut mit Energie zu versorgen…

Die Belastungen auf unserer Agenda lösen sich auf diese Weise nicht in Luft auf. Wir unterstützen uns aber dabei Sie besser angehen zu können und leisten einen extrem wertvollen und unbedingt nötigen Beitrag zu unserer körperlichen, mentalen und emotionalen Gesundheit.

Auch professionelle Hilfssysteme: Beratende und Coaches, je nach Stressor, z.B. Unternehmensberatende, Karriereberatende, Gesundheitscoaches oder Yogalehrende sind gute Ansprechpartner*innen um beim Lösen akuter Spannungen zu unterstützen und Entlastung zu begleiten.

Allerdings, wenn Sie massiv erschöpft sind, es Ihnen körperlich und/oder psychisch nicht gut geht, wenn Sie sich in einem körperlich oder psychisch ungesunden Umfeld befinden, zögern Sie bitte nicht Ihren Arzt anzurufen und/oder die Hilfesysteme in Anspruch zu nehmen, z.B. Nummer gegen Kummer: 116 111, www.nummergegenkummer.de, Telefonische Seelsorge: 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222, www.telefonseelsorge.de, Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016, www.hilfetelefon.de, NINA – Hilfetelefon: 0800-22 55 530, www.nina-info.de.

„Ich trenne mein Krisenmanagement von meinem gesunden Alltag!“

Es ist gerade sehr wichtig, bewusst das kurzfristige Krisenmanagement zu verlassen, in welchem wir uns angetrieben durch die Gegend peitschen (lassen) und eigene körperliche und psychische Bedürfnisse zurückstellen.

Die aktuellen Lockerungen mögen den Eindruck erwecken, dass der Spuk demnächst vorbei ist, wir bis dahin nur noch etwas ‚durchhalten müssen‘ und wir dann wieder wie gewohnt im Büro in unseren gut eingestellten Bürostühlen sitzen und Käffchen trinkend mit unseren Kolleg*innen schnattern.

Realistischer ist jedoch, dass es (1) noch dauert und sich (2) Home Office, (3) Online-Weiterbildungen und (4) Home Schooling etablieren, weil sie – in Balance – auch gut funktionieren können.

Wir tun deshalb gut daran, unsere Heimarbeitsplätze aufzuwerten, gemütlich und ergonomisch einzurichten, um nicht weiterhin den ganzen Tag total verdreht auf dem Küchenstuhl am Küchentisch zu sitzen. Es bedarf dafür nicht unbedingt einer teuren Büroausstattung. Seien wir kreativ!

Es ist nötig lange Mittagspausen mit Bewegung in unseren Alltag einzubauen, in denen sich (besonders, aber nicht nur) unsere Augen vom Bildschirm erholen können. Auch Videokonferenzen sind sehr anstrengend und stressig für Körper und Geist. Zum einen ist Information dabei stärker komprimiert, zum anderen lässt sie sich schlechter abspeichern, auch weil die persönliche Komponente fehlt. Außerdem braucht unser Gehirn viel Energie und Zeit, um die Pixel und Töne zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. Noch mehr, wenn Bild und/oder Ton ruckeln oder wackeln. Vielleicht haben Sie sich dabei auch schon mal gefühlt, als würde gleich der Kopf platzen.

Jede Stunde Videokonferenz braucht danach eine analoge Pause zum Gitarre spielen, singen, tanzen, Wäsche waschen, Abwasch machen, Staubsaugen, Essen kochen, essen, Pause im Grünen, handschriftliches Arbeiten… Wir sollten nicht mehr als vier Stunden am Tag in Videokonferenzen verbringen und eigentlich auch keine acht Stunden vor dem Computerbildschirm… Eine liebe Kollegin, Jasmin Döhling-Wölm, hat speziell dazu kürzlich einen sehr lesenswerten und hilfreichen Artikel geschrieben: Wie man zoomt, ohne auszubrennen.

Fazit

Auch wenn die akute Krisen-Management-To-do-Liste nach wie vor lang ist und gefühlt nicht kürzer wird, verlassen Sie bitte bewusst das kurzfristige Krisenmanagement. Es ist niemandem geholfen, wenn wir in einem Monat so erschöpft sind, dass nichts mehr funktioniert und wir, sofern vorhanden, unsere Berufsunfähigkeitsversicherung in Anspruch nehmen müssen…

Regelmäßige Affirmationen wie: „Ich verlasse das akute Krisenmanagement“, „Ich gehe in eine gesündere Form meines Krisenmanagements über!“ oder „Ich trenne mein Krisenmanagement von meinem gesunden Alltag“ hilft, mit neuem Mindset in diese neue Phase überzugehen.

Es hilft, die Fragen in der Mindmap für sich selbst zu beantworten und mit Herz, Kreativität und ein wenig Verstand (in dieser Reihenfolge) Gesundheit, Regeneration und Freude mit oberster Priorität in den neuen Alltag zu integrieren.

Und es wird helfen, die Mindmap hinsichtlich positiver Veränderungen neu aufzubauen und Dinge zu sammeln, die jetzt besser funktionieren oder für die man dankbar ist! Es gibt auch davon eine ganze Menge!

Viel Erfolg, viel Freude, alles Gute und herzliche Sonnengrüße!