„Wir Internetkinder“ von Julia Peglow (2021)

Lange habe ich kein Buch mehr so schnell ‚verschlungen‘ wie Julia Peglows „Wir Internetkinder. Vom Surfen auf der Exponentialkurve der Digitalisierung und dem Riss in der Wirklichkeit einer Generation“ (2021, Verlag Hermann Schmidt). Julia Peglows Buch ist einerseits eine persönliche, stellenweise recht desillusionierte Bestandsaufnahme zum digitalen Zeitalter.

Wir jagen gestresst durch eine Welt, in der wir zum tieferen Durchdenken von Themen keine Zeit mehr haben, wofür digitale Dienstleistungen nicht unerheblich verantwortlich sind.

Andererseits ist das Buch die Autobiographie einer erfolgreichen Designerin, die jahrelang in führender Position für große Konzerne tätig war, dabei die kritisierte Situation zumindest teilweise mitgeschaffen und aufrechterhalten hat, jedoch zunehmend Zweifel bekam und darum 2017 aus dem digital getakteten Hamsterrad der einengenden Konzernstrukturen ausgebrochen ist. Seitdem schreibt Peglow das „diary of the digital age“, veröffentlicht Kolumnen, ist Dozentin und hält Vorträge.

Ein Thema, das sich immer wieder durch Peglows Buch zieht, ist die Diskrepanz zwischen (a) den idealistischen Vorstellungen der jungen Studentin, die Peglow 1994 noch war; (b) ihren im Lauf des Berufslebens in London, Berlin, München und auf weltweiten Dienstreisen erlebten Ernüchterungen; und (c) dem datenhungrigen Albtraum, zu dem das von Megakonzernen wie Google und Meta (Facebook) dominierte Internet heute geworden ist.

„Generation One“ ist der Teil II des Bandes überschrieben, der die Zeit von 1994 bis 2000 beschreibt. Das ist die erste Generation, die das Internet mitaufgebaut und dessen Anfänge als Studierende oder junge Berufstätige erlebt hat – aufgewachsen noch im Analogen, das man heute zunehmend als Privileg sehen kann, aber losgelassen in das beginnende digitale Zeitalter.

Break: Welcome to the Internet (Fraktus)

Kurz bevor ich auf Julia Peglows Buch „Wir Internetkinder“ stieß, hatte ich gerade mal wieder Lars Jessens satirische Mockumentary „Fraktus“ (2012) angeschaut. Fraktus — die eigentlich fiktive, aber im Film und in späteren Musikvideos vom Studio Braun (Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger) verkörperte Elektropop-Band, ohne die es weder Kraftwerk noch Techno gegeben hätte 😉 , und damit auch nicht die Neunziger, wie wir sie kennen und wie sie auch in Julia Peglows Buch aufscheinen.

Drei Jahre nach dem Film brachten Fraktus das Album „Welcome to the Internet“ (2015) heraus — textlich meistens eine Blödelei irgendwo zwischen Neuland, Kapitalismus-Kritik und 80er/90er-Nostalgie, aber eben auch ganz atmosphärische elektronische Musik, der stellenweise das Querflöten-Spiel Heinz Strunks eine besondere Note verleiht (weshalb der Titel „Welcome to the Internet“ auch gut der „Hit mit der Flöte“ hätte sein können, der in Sven Regeners 90er-Revival-Roman „Magical Mystery“ eine Rolle spielte).

Lebendige Faszination

Die 90er erscheinen auch in Peglows Buch als eine — aus damaliger Sicht — tolle Zeit, in der alles möglich schien. Peglows Begeisterung, die sie für die ersten Websites, ihre ersten eigenen Programmiererfolge und ihre ersten Photoshop-Erfahrungen verspürte, ist sooo nachvollziehbar. Auch wenn ich nicht ganz zur Generation gehöre, die das Buch beschreibt (Peglow ist 1973 im ‚Westen‘ geboren, ich erst 1981 und im ‚Osten‘), habe ich beim Lesen dieser Kapitel das Gefühl, in meine Jugend zurückgeworfen zu werden.

Das auch von Peglow erlebte selbstwirksame Gefühl, durch eigenen Programmcode den Computer genau das tun zu lassen, was man will, trug mich durch meine Teeniezeit. Die Freude an ersten Layout-Erfahrungen der Schülerzeitung am Computer hatte ein lange andauerndes (wenn auch nie professionalisiertes) Interesse an Textsatz und Typographie zur Folge. Und ich erinnere mich sehr gut an mein ungläubiges Staunen (und das meines Kunstlehrers), als ein mehrere Jahre jüngerer Mitschüler auf dem PC im Kunst-Fachraum unserer Schule in Windeseile in Corel Photo-Paint (damals ein erfolgreicher Konkurrent von Adobe Photoshop) Bildelemente „klonte“, so perfekt, dass es nicht als Manipulation erkennbar war. Und dann natürlich das schier unendlich scheinende Potenzial des World Wide Web, das wir im Informatik-Unterricht für wenige Minuten ausprobieren konnten!

It’s like We have Contact through a Cable

„Welcome to the Internet / The Old World is Dead“ wird im Refrain von Fraktus‘ Album-Opener geträllert, nachdem „Dickie“ (Rocko Schamoni) in schlimmem deutschen Englisch das Internet erklärt: „It’s electric. It’s like we have contact through a cable“. Und diese Erfindung schenkte Dickie der Welt selbstverständlich ganz altruistisch: „I made it for the people of the World“ — „Thank you, Dickie“ — „Not for that.“

Doch das Internet als demokratischer Raum, der frei von staatlichen und kommerziellen Interessen sein würde, erwies sich schnell als utopische Illusion. Und auch die Idee, im WWW das gesamte Wissen der Menschheit zu erschließen (oder wenigstens Microsoft’sche „Information at your fingertips“, wie es damals hieß), wurde nicht Realität.

Konnte sie auch gar nicht: Zurecht weist Julia Peglow darauf hin, dass das Internet kein Wissen enthält, sondern stets nur Daten; nur selten wird heute noch darauf hingewiesen, dass Daten, Information und Wissen nicht dasselbe sind. Und die verfügbaren Daten sind nur solche, die seit Anfang der Neunziger online gestellt wurden (wenn sie nicht längst wieder verschwunden oder nicht mehr zugänglich sind). Das meiste, was vorher war, wird trotz diverser Digitalisierungsprojekte weiterhin nur offline verfügbar bleiben.

Blinde Flecken

Peglows Buch beginnt und endet wie erwähnt mit Ernüchterung. Es ist ihr Tagebuch, ihre Biographie, ihr Protokoll, wie sie aus dem Hamsterrad ausbricht, um endlich wieder Überblick zu gewinnen, wo sie, ihre Generation und wir als Gesellschaft eigentlich stehen. Ein paar blinde Flecken gibt es dabei aber.

Dass die Autorin vor allem die westdeutsche Perspektive einnimmt, merkt sie mehrfach selbst an. Dass sie an einer Stelle bedauert, dass es heute kaum noch geisteswissenschaftliche Perspektiven auf die digitale Welt geben würde, hat vielleicht damit zu tun, dass Peglows Buch außerhalb des akademischen Kontexts entstanden ist — gerade an netzbezogener Medienkritik und entsprechender Gesellschaftsdiagnosen gibt es eigentlich recht viel (Byung-Chul Han, Dirk Baecker, Armin Nassehi, Hartmut Rosa, u.a.), und auch die Über/Strom-Bände von Uta Buttkewitz und Kathrin Marter leisten einen Beitrag zur Kritik des heutigen Internet.

Für die Gesellschafts- und Generations-Diagnose wichtiger ist aber, dass Julia Peglow die Perspektive ziemlich priviligierter Menschen der Kreativbranche einnimmt, die global denken und global unterwegs sind, und die es sich nach langen Jahren gut bezahlter Tätigkeit leisten können, einen Job hinzuschmeißen, mit dem sie unglücklich sind.

Wenn Peglow schreibt:

„Wir sind die schwebende Generation. Es ist unser Schicksal — und unsere große Freiheit — haltlos im Raum zu hängen, ohne oben und ohne unten. Ohne Anfang und ohne Ende.“

Julia Peglow, Wir Internetkinder, S. 276.

dann können zumindest das mit dem Schicksal wohl viele Leute nachvollziehen, ob nun Kreative*r oder nicht. Aber da steht auch was von Freiheit, und die Textstelle geht noch weiter:

„Wir können uns an die Schwerelosigkeit als neuen, permanenten Seinszustand gewöhnen. In der Schwebe leben und agieren, ohne an ihr irre zu werden, ohne das Gleichgewicht oder überhaupt jeglichen Halt zu verlieren. Sie als Befreiung und Leichtigkeit empfinden. Das ist der Weg.“

Julia Peglow, Wir Internetkinder, S. 276.

Das, was Julia Peglow hier wie ein kleines Manifest, als Hoffnung machenden Abschluss, formuliert, sehe ich an sich ganz genauso — wir müssen lernen, mit den heutigen Ungewissheiten zu leben; müssen berufliche Identität vielleicht als Projekt denken –, aber um das zu schaffen, braucht es handfeste Voraussetzungen, die man mit Bordieu als Kapitalformen beschreiben könnte. Neben Geld und Zeit sind das Wissen und Fähigkeiten, die erstmal erworben oder umgebaut werden wollen, sowie Netzwerke, die bereit sind, zu helfen. Unter den heutigen Bedingungen neoliberalen Wirtschaftens ist es für Menschen in schlecht bezahlten Jobs oder mit geringerem Bildungsgrad schwierig bis unmöglich, diese Arten von Kapital zu erlangen. Die Fähigkeit, mit eigentlich beunruhigender Ungewissheit gelassen ’schwebend‘ umzugehen, bleibt dann unerreichbarer Luxus.

Dass am Ende von „Wir Internetkinder“ ein Zitat der Kunstfigur Donald Draper aus der Fernsehserie Mad Men steht — eine Serie, die in der prädigitalen Welt der 1960er und 1970er spielt –, erscheint da recht ironisch. Don Draper war erfolgreicher Kreativer in einer New Yorker Werbeagentur. Nur dass Draper eigentlich Dick Whitman hieß und aus ganz anderen Verhältnissen kam — bis er beschloss, sie zu vergessen. Vom Autoverkäufer arbeitete er sich zum Kreativdirektor hoch, lebte ein wildes Leben aus Partys und Affären — und zerbrach doch innerlich immer mehr an seinem falschen Leben. Auch Draper gab am Ende seinen Job auf, um meditierend zu sich selbst zu finden. Er hätte ein ganz ähnliches Buch verfassen können.

Bald: „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ (Band 3 der Über/Strom-Buchreihe)

Dass unser digitales Zeitalter ganz schön anstrengend sein kann und Stress verursacht, ist keine Neuigkeit mehr, aber immer noch eine Herausforderung für den persönlichen Umgang mit digitalen Medien. Wie viel davon möchten wir uns selbst zumuten, wie hilfreich oder hinderlich sind Twitter, LinkedIn, Blogs & Co. für unser Wohlbefinden, und was tun wir, wenn wir wie gefangen von Stresserfahrungen sind? Dieses Problems nimmt sich die Neurobiologin und Über/Strom-Autorin Dr. Kathrin Marter in ihrem in Kürze erscheinenden Buch „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ an.

Cover von „Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter“ von Kathrin Marter (erscheint 2021)

„Du bist, was Dich stresst!“ ist der 3. Band der Über/Strom-Buchreihe. Nachdem in Band 1 Uta Buttkewitz das Phänomen der kontaktlosen, aber trotzdem stressenden Nicht-Kommunikation in digitalen Medien untersucht hat, und ich in Band 2 eher eskapistische Auswege im Computerspiel suchte, widmet sich Kathrin nun der Frage, wie wir das Problem des Stresses der digitalen Zeit direkt am Schopfe packen.

Ein paar Wochen dauert es noch, bis alles gesetzt und gedruckt ist (und ich bin sehr freudig aufgeregt 😀 es ist so schön, wenn ein Projekt wächst und fertig wird), aber hier ist schon mal der Klappentext:

Viele Menschen nutzen täglich die Vorteile des digitalen Zeitalters: wenn sie mal eben ihr Zugticket mit dem Smartphone buchen, sich von ebendiesem zum vereinbarten Treffpunkt navigieren lassen und dann per Textnachricht erfahren, dass die werten Kolleg*innen ein paar Minuten zu spät kommen, der Tisch im Restaurant online schon reserviert wurde und das „Tisch-Ticket“ per QR-Code gleich mitsenden. Viele Menschen erfahren sich bei aller Erleichterung zunehmend reizüberflutet, überfordert und in der Folge gestresst.

Der Begriff und Zustand „Stress“ (heutzutage im Sprachjargon als diffus definierter Normalzustand verankert und schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen) ist allerdings tatsächlich ein Zustand, der vielfältigen Leidensdruck verursacht und krank macht.

Die Autorin unterstützt allgemeinverständlich, anschaulich sowie naturwissenschaftlich und psychologisch fundiert bei der Auseinandersetzung mit Stress, Stressoren und Prozessen der Langzeitgedächtnisbildung. Letztere sind nicht unwesentlich an unserem chronischen Stresslevel beteiligt. Langzeitgedächtnisse, die, häufig schon in der Kindheit geformt, starke negative Glaubenssätze beinhalten. Diese negativen Glaubenssätze erfahren durch die Herausforderungen der digitalen Welt permanente Verstärkung und begünstigen dadurch chronischen Stress – mit seinen für viele Menschen spürbaren Folgen.

Das Buch lädt ein, klärt auf und gibt fundierte, anschauliche und handlungsorientierte Ansätze zur Selbstreflexion und Entwicklung einer gesunden Handlungskompetenz gegenüber dem eigenen Stresslevel, folglich der eigenen Gesundheit und dem eigenen Glück.

Das Zeitalter des Verschwindens und die Boshaftigkeit des Digitalen. Interview mit Uta Buttkewitz

Die Rostocker Kommunikations- und Kulturwissenschaftlerin und Autorin Uta Buttkewitz (auch Co-Herausgeberin dieser Online-Zeitschrift und der dazugehörigen Buchreihe) stellt in ihrem aktuellen Buch die These auf, dass wir im „Zeitalter des Verschwindens“ leben, dessen Kommunikationsform der „kurze, folgenlose Kontakt“ sei. Statt aber hektisch-aktionistisch zu werden und damit nur noch mehr folgenlose Kommunikation zu produzieren, plädiert sie für mehr Lässigkeit im Umgang miteinander und den uns umgebenden digitalen Medien. Ein Gespräch über den Luxus des Analogen und die ‚Boshaftigkeit‘ des Digitalen.

In deinem Buch sprichst du davon, dass wir im „Zeitalter des Verschwindens“ leben. Was ist damit gemeint?

Ich meine damit, dass immer mehr das, was wir tun, für unsere Mitmenschen nicht sichtbar ist. Wir tun ganz viel von dem, was wir früher offline gemacht haben, nun online, sozusagen in einer Black Box: einkaufen, die Bankgeschäfte erledigen, den Urlaub planen, kommunizieren, lesen, Musik hören, Filme schauen usw. Sobald ich meinen Laptop und mein Smartphone ausschalte, sind alle diese Tätigkeiten unsichtbar bzw. physisch nicht mehr greifbar: keine Überweisungsbelege, weniger Urlaubskataloge, kaum noch herkömmliche Briefe, keine CDs, keine DVDs usw.

Dr. Uta Buttkewitz studierte Germanistik, Geschichte, Ur- und Frühgeschichte und Englische Sprachwissenschaft an der Universität Rostock und wurde über das Problem der Simulation in Texten von Thomas Mann promoviert. Nach einem Volontariat am Museum für Kommunikation in Berlin arbeitet sie seit mehreren Jahren im Wissenschaftsmanagement an der Universität Rostock. (Foto: Julia Tetzke, Uni Rostock)

Ich sehe das nicht absolut, denn ich weiß natürlich, dass bei vielen Aktivitäten auch noch die Offline-Variante vorhanden ist bzw. praktiziert wird – aber der Trend geht eindeutig momentan noch weiter in die digitale Richtung – auch wenn an einigen Stellen das Pendel schon wieder umschwingt; Stichwort: das Revival der Vinylschallplatte. Und das Besondere an diesen vielen Online-Aktivitäten ist auch, dass sie nicht nur nicht sichtbar sind, sondern dass sie zur Vereinzelung der Menschen führen und damit etwas Gemeinsames, das die Menschen verbindet, verloren geht.

Vinylplatten – ist das nicht schon fast ein Sinnbild für einen „Luxus des Analogen“? Oder Online-Artikel im Internet, wo man oft auf die nächste Seite klicken muss, damit es weitergeht (und neue Werbung geladen wird), wovon man sich bei manchen Medien durch Abschluss eines Abos freikaufen kann („Artikel auf einer Seite“). Ist das Digitale heute das Normale, Alltägliche, während man das Analoge heute auf andere Weise wertschätzt, und für das man Zeit und ggf. auch Geld braucht?

Ja, das kann man so sagen.  Ich sehe auch schon wieder einen ganz leichten Trend zurück zum Analogen – die Erlebnisse in der Natur können glücklicherweise vom Digitalen noch nicht verschlungen werden, ebenso wenig wie die „echten“ zwischenmenschlichen Begegnungen, wie wir während der Corona-Pandemie auch bemerkt haben. Das zeigen ja auch die vielen Diskussionen zu der Frage, wieviel Digitales wir ertragen können, und die Sehnsucht nach unverfälschten und ursprünglichen Erlebnissen.

Das muss man sich leisten können, oder? Nicht nur finanziell – auch zeitlich, und vielleicht hat es sogar mit dem Bildungsstand zu tun?

Ich weiß nicht so recht, ob der Genuss von analogen Erlebnissen wirklich vom Bildungsstand, der Zeit oder den Finanzen abhängig ist. Meiner Meinung nach ist es einfach eine Sache der Gewöhnung und Bequemlichkeit. Wenn man bedenkt, dass viele Leute mehrere digitale Abos besitzen (Netflix; Amazon Prime; Spotify; Zeitungsabos; kostenpflichtige Apps usw.), dann sind wahrscheinlich die analogen Varianten kostengünstiger.

Zum Beispiel kaufe ich mir als absoluter Musikfan immer noch richtige CDs, die in ein paar Jahren sicher auch wie die Vinylschallplatten ein Revival erleben werden – die Preise für CDs sind innerhalb der letzten Monate auch schon gestiegen. Aber ich möchte wenigstens versuchen, mich in der Freizeit etwas vom Digitalen zu lösen, weil ich merke, dass ich beim analogen Musikhören und beim analogen Lesen viel konzentrierter bin. Und ich denke, dass ich am Ende dabei sogar kostengünstiger wegkomme, weil ich nur ausgewählte CDs kaufe und man sich diese in Bibliotheken auch ausleihen kann genauso wie DVDs. Das Digitale verleitet meines Erachtens zu mehr Konsum, weil dieser so bequem ist und man dafür einfach zu Hause bleiben kann.

Sowohl Richard David Precht als auch Byung-Chul Han sprechen beide davon, dass wir es verlernt haben, bekannte und vertraute Rituale wertzuschätzen und dadurch Glück und Zufriedenheit zu erleben, sondern immer gierig nach einem neuen Kick und der neuesten Technik streben. Der faustische Erkenntnisdrang ist im Menschen verankert, aber wir sollten uns dabei die Frage stellen, wie wir mit diesem umgehen und welche Verluste wir dafür in Kauf nehmen wollen.

Optische Datenträger wie CDs, DVDs oder Blu-rays sind an sich ja auch digital – ist das „ursprüngliche Erlebnis“, das du ansprichst, da das Haptische, das Herausnehmen aus der Hülle, das Papierbooklet, und evtl. die Begrenztheit des Speichermediums? Die CD ist irgendwann zu Ende und es wird nicht, wie bei Streaming-Diensten, ein potenziell endloser Strom „zueinander passender“ Musik gespielt, bei der das einzelne Lied oder bei Alben auch ein Albumkonzept schnell untergeht.

Ja genau. Ich mag es, CDs aus der Hülle zu nehmen, in Ruhe das Booklet durchzublättern und vor allem das ganze Album zu hören und wertzuschätzen. Jedes Musikalbum ist ein Gesamtkunstwerk und transportiert eine besondere Stimmung und Atmosphäre. Da gehört es auch dazu, dass einem einzelne Titel auf dem Album vielleicht nicht so gut gefallen. Aber diese einfach zu ignorieren und nur einige ausgewählte Songs zu hören – das ist für mich Konsumieren, während das andere für mich etwas mit Wertschätzung und Kunstgenuss zu tun hat. Einem gefallen ja in einer Gemäldegalerie auch nicht alle Bilder – aber man kann sich trotzdem mit ihnen auseinandersetzen, Besonderheiten entdecken und sich an verschiedenen Deutungen versuchen.

Ich denke, in der Zukunft wird das Digitale sich mehr in speziellen Technologien und bestimmten Branchen wiederfinden und dagegen im privaten Alltag mehr in den Hintergrund treten. Ich kann diese Prognose im Moment noch nicht richtig begründen; aber ich denke, es geht in diese Richtung.

Meinst du mit „in den Hintergrund“ treten, dass das Digitale immer ubiquitärer wird – es ist da, aber unsichtbar? Oder dass es weniger relevant wird, also nicht mehr da ist?

Ja, vielleicht kann man das so beschreiben. Das Digitale ist da, wird aber nicht mehr so bewusst wahrgenommen. Gleichzeitig bestimmt es nicht mehr so sehr unseren Alltag – der Umgang mit ihm wird routinierter und schafft dadurch Lücken, uns wieder dem sozialen Miteinander zu widmen. Das klingt jetzt sehr optimistisch und idealistisch. Ich hoffe einfach, dass es so kommt. Ein Motor für diese Entwicklung könnte die Corona-Pandemie sein, weil wir jetzt wirklich merken, was uns fehlt – nämlich Live-Erlebnisse und Ereignisse, die wir auch körperlich bzw. leiblich mit anderen Menschen teilen. Daraus entsteht die berühmte „Resonanz“, die Hartmut Rosa in seinen Büchern beschrieben hat, d.h. wir beziehen uns gemeinsam auf ein bestimmtes Ereignis, sprechen darüber, sind gemeinsam begeistert und bleiben nicht mit einem Erlebnis allein zurück, das ich mir gerade virtuell angeschaut habe. In öffentlichen Debatten rücken solche Themen wie Einsamkeit, Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliches Engagement allmählich mehr in den Fokus. Darin sehe ich einen gegenläufigen Trend zum individualistisch geprägten Digitalen.

Folgenlose Kontakte

Du schreibst, die Kommunikationsform des „Zeitalters des Verschwindens“ sei der „kurze, folgenlose Kontakt“. Wie unterscheidet der sich von anderen Formen der Kommunikation?

Unter Kontakt verstehe ich ein schnelles Empfangen von Signalen wie bei der Kommunikation durch Kurznachrichten und teilweise auch durch E-Mails und in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram. Wir nehmen in Bruchteilen von Sekunden eine Nachricht in Form eines Textes, eines Bildes oder eines Videos auf und antworten darauf sehr schnell, zum Beispiel in Form eines Likes, Smileys, Teilens oder eines sehr kurzen Textes. Das heißt, wir beginnen mit dem Sender der Nachricht keine längere Unterhaltung bzw. ein Gespräch, sondern nehmen diesen Kontakt nur kurz wahr und dabei bleibt es dann. Hier wird also eine Nachricht nach dem Sender-Empfänger-Modell codiert und decodiert, ohne dass beide Kontaktpartner*innen einen größeren persönlichen Kontext beachten würden. Der Philosoph Byung-Chul Han sagt, dass die digitale, extensive Kommunikation nicht mehr Beziehungen, sondern nur noch Verbindungen herstellt, das heißt, die digitale Kommunikation findet derzeit in einer derart hohen Frequenz statt, dass sie es gar nicht mehr schafft, auf die Beziehungsebene zu kommen.

Heißt das, wenn wir uns etwa am bekannten 4-Ohren-Modell der Kommunikation (Schulz von Thun) orientieren, dass nur noch eine oder zwei der Ebenen (Sachinhalt, Beziehung, Selbstaussage, Appell) im Vordergrund stehen, z.B. die Selbstaussage und bestenfalls der Appell (wie die Aufforderung: „Liked mich!“)?

Ja, dem würde ich zustimmen. Bei WhatsApp sind es wahrscheinlich eher die Ebenen Sachinhalt und Appell, die im Vordergrund stehen, da es häufig nur um einen kurzen Informationsaustausch geht und sich die einzelnen Nachrichten sprachlich wenig unterscheiden – egal ob sie an Freund*innen oder an Kolleg*innen gerichtet sind. Bei Facebook und Instagram würde ich auch sagen, dass vor allem der Appell und die Selbstaussage im Vordergrund stehen. Hier geht es zwar auch um die Übermittlung eines Inhalts, aber ein Post innerhalb eines sozialen Netzwerks verlangt nicht sofort eine inhaltliche Reaktion (anders als bei Kurznachrichtendiensten wie WhatsApp) sondern, wie du schon sagst, vor allem ein Like.

Unter vielen online veröffentlichten Artikeln gibt es Leser*innen-Kommentare. Mir erscheinen die oft wie Rauschen, bei dem einzelne Personen ihre immer gleiche Sicht unterbringen, die sie schon in ähnlicher Form unter andere Artikel geschrieben haben, egal worum es in dem gerade kommentierten Artikel eigentlich geht. Da verschwindet dann das ursprüngliche Thema. Aber auch die Absicht des Kommentars geht in der Masse anderer Kommentare unter. Wie könnte ein Kommentarsystem organisiert sein, um einerseits eine gewisse Themennähe sicherzustellen und andererseits die einzelnen Kommentare nicht nur als folgenlosen Kontakt erscheinen zu lassen, sondern als Kommunikation?

Für mich ist die virtuelle Kommunikation mit mir unbekannten Menschen zu einem bestimmten Thema generell nicht sinnvoll; einen möglichen Nutzen kann ich darin nicht erkennen. Wie Du schon sagst, gibt es unter den Artikeln eine Reihe von Kommentaren mit verschiedenen Meinungen auf unterschiedlichem Niveau. Mir erschließt sich nicht, was das für einen Mehrwert bringen soll.

Etwas anders sieht es bei moderierten Foren aus, in dem sich Gleichgesinnte zu einem bestimmten Thema austauschen. Dann ist bei den Kommentierenden zumindest der gemeinsame Nenner eines geteilten Interesses vorhanden. So eine Moderation müsste es dann generell bei allen Kommentierungsmöglichkeiten geben, wobei das aufgrund ihrer vorhandenen Vielzahl schlichtweg unmöglich erscheint.

Ist das geteilte Interesse aber hier nicht der Medienartikel, unter dem kommentiert wird, und der Wunsch, sich dazu auszutauschen? Ich erinnere mich noch, wie der Kommentarbereich bei Spiegel Online vor gar nicht so langer Zeit eine Weile als „Debatte“ bezeichnet wurde. Aber mittlerweile hat man sich von dem Begriff wieder verabschiedet – könnte das ein Eingestehen der Tatsache sein, dass eben nicht „debattiert“ wird, sondern bestenfalls Kontakte und Folgekontakte generiert?

Ich denke, viele dieser Kommentare werden sehr spontan geschrieben und haben keine Debatte und keinen Dialog als Ziel, sondern werden geschrieben, um einfach eine schnelle Meinung loszuwerden, ohne auf die Ansichten der Mitmenschen ernsthaft eingehen zu wollen. Oder es entstehen, wie teilweise im Fernsehen auch, nur kurzzeitige alarmistische Debatten. Da wird zum Beispiel bereits im Vorfeld eine Woche lang medial über die anstehende Demonstration der Gegner*innen der Corona-Regeln in Berlin diskutiert, wodurch man erst recht eine Vielzahl von Demonstrant*innen herbeischreit und quasi nur auf eine Eskalation lauert.

Mir fällt im normalen Arbeitsalltag auf, dass Menschen öfter Schwierigkeiten haben, die Kernaussagen eines Textes zu verstehen – also jetzt nicht in dem Sinne, dass sich nur das für die eigene Meinung oder Erwartungshaltung passende herausgepickt wird, sondern das selbst kurze Texte einfach nicht verstanden werden. Und zwar nicht, weil die Menschen es nicht könnten, sondern weil sie sich keine Zeit lassen – oder keine Zeit haben, weil es vielleicht einfach alles zu viel ist. Etwas Ähnliches ist vielleicht auch beim Kommentieren zu merken.

Mittlerweile potenzieren sich die digitalen informativen Angebote ja noch von Monat zu Monat. In der Corona-Krise sind die Podcasts quasi wie Pilze aus dem Boden geschossen. Mir persönlich ist es immer noch ein Rätsel, wie manche Menschen so viele verschiedene mediale Angebote in kurzer Zeit konsumieren können. Jedes Mal denke ich, jetzt müsste doch einmal der Zenit überschritten sein. Die hohe Frequenz der medialen News innerhalb verschiedener Formate und Plattformen führt zu einem oberflächlichen und weniger konzentrierten Lesen. Dazu gibt es auch schon wissenschaftliche Untersuchungen. Ich gehöre zu den Menschen, die sich lieber mit weniger Texten und Informationen beschäftigen – dafür gut ausgewählt und tiefgründig.

Ein Plädoyer für Lässigkeit

Du vergleichst die Menschen in sozialen Medien mit einer Flipperkugel, die sich umhertreiben lassen, was aber keiner Entspannung dienen würde. Du plädierst für mehr Lässigkeit. Was meinst du damit?

Der Begriff der Lässigkeit bedeutet für mich das Gegenteil von Aktionismus, der im digitalen Zeitalter immer mehr zu Tage tritt. Aus meiner Beobachtung heraus, sowohl beruflich als auch privat, reagieren die Menschen durch die Vielzahl der Nachrichten, die sie jeden Tag erreichen (In meinem Buch beschreibe ich die verschiedenen parallel vorhandenen Kommunikationsmedien), immer aktionistischer und bilden sich sofort eine Meinung, ohne erst einmal in Ruhe abzuwägen, zu überlegen, Hintergrundinformationen einzuholen und mit anderen darüber zu diskutieren, da die Zeit dafür oftmals nicht vorhanden ist.

Das Buch habe ich vor der Corona-Krise geschrieben. Aber viele Thesen daraus finden jetzt noch einmal im Besonderen ihre Bestätigung. Mit den vorgeschriebenen Regeln, die dazu dienen sollen, die Corona-Pandemie einzudämmen, zeigt sich, dass die Lässigkeit noch einmal mehr eingeschränkt wird. Damit meine ich, sich einfach so zu verhalten, wie man es selbst für richtig hält und wie es dem eigenen Gefühl, dem eigenen Sein entspricht – natürlich immer unter den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die eine Gesellschaft ausmachen und für sie auch wichtig sind.

Damit möchte ich nicht die Corona-Regeln kritisieren, die ich prinzipiell für richtig halte. Aber es tritt dabei ein interessanter Aspekt zu Tage, nämlich der, dass Leute kritisiert und teilweise auch denunziert werden, wenn sie sich nicht korrekt verhalten. Ich finde die momentanen Abstands- und Hygieneregeln in Ordnung, weil ich auch keine andere Möglichkeit sehe. Aber eigentlich könnten wir uns auch darüber freuen, dass die Menschen generell die Sehnsucht haben, zusammen zu sein und die Nähe der Anderen zu spüren. Das ist ein sehr positives Zeichen für unsere Gesellschaft. Insofern leben wir derzeit wirklich in einer sehr paradoxen und absurden Situation.

Man kann jetzt einwenden, dass diese gewisse Gleichgültigkeit von Corona-Demonstrant*innen, zusammen mit Rechtsextremen auf derselben Demo zu sein, nicht nur paradox und absurd ist, sondern gefährlich, weil sie rechte Ideologien und teilweise auch Verschwörungsglauben legitimiert – als wäre das ein akzeptierter Teil einer breiten Gesellschaft. Wäre in solchen Kontexten nicht weniger Lässigkeit – weniger Laissez-faire – angebracht?

Meines Erachtens ist es sehr schwierig, das Gefahrenpotential dieser Demonstrationen einzuschätzen. Ich finde die Mischung der Demonstrant*innen wirklich sehr krude. Von daher glaube ich, dass sich die Demonstrationen größtenteils erledigt haben werden, wenn sich die Corona-Pandemie abschwächt. Ich bin überzeugt davon, dass man medial damit gelassener und souveräner umgehen muss. Damit meine ich nicht, den Rechtsextremismus herunter zu spielen und ihm gleichgültig gegenüber zu stehen – ganz im Gegenteil. Ich glaube aber, dass man mit medialem Hype eher das Gegenteil bewirkt – nämlich die Aufmerksamkeit auf diese Gruppen verstärkt. Souverän und lässig wäre es, darüber sachlich zu berichten und damit zu zeigen – „unsere Demokratie ist so gefestigt, dass wir uns von Euch nicht einschüchtern lassen“.

Der viel zitierte Begriff vom gläsernen Menschen, schränkt diese Lässigkeit insofern immer mehr ein, als dass man ständig aufpassen muss, wie und was man kommuniziert – das hat sich mittlerweile auch auf die Offline-Welt übertragen. Wir müssen wieder mehr lernen, unserem eigenen Lebenstempo zu vertrauen. Thomas E. Schmidt nennt das Naturzeit – im Gegensatz zur linearen kapitalistischen Globalzeit. An dieser Stelle möchte ich noch einmal den Philosophen Byung-Chul Han zitieren, der dazu in seinem Buch „Vom Verschwinden der Rituale“ sagt, dass gegenwärtig die Zeit zu einer bloßen Abfolge punktueller Gegenwart zerfalle und es damit das Verweilen nicht mehr gäbe oder Augenblicke, die einfach nur andauern.

Die Boshaftigkeit des Digitalen

Alles scheint derzeit weiter auf die Globalzeit hinauszulaufen. In einem taz-Artikel wurde kürzlich darauf hingewiesen, dass die Digitalisierung, zu der mittlerweile ja auch die metrische Erfassung des Menschen, seiner Wünsche, seiner Leistungen usw. gehören, „das Datensubjekt Untertan machen“ bzw. es „kolonisieren“ würden. Gibt es einfache Dinge, die man im Alltag tun kann, um sich nicht zu sehr vereinnahmen zu lassen? Oder geht letzten Endes nur: Stecker ziehen?

Was man dagegen tun kann, ist einfach, ständig kritisch und hellhörig zu bleiben und alles zu hinterfragen und sich neue digitale Entwicklungen  erst einmal ein paar Wochen und Monate anzuschauen, bevor man sie selbst nutzt.

Mir fällt es zum Beispiel gerade verstärkt auf, dass auf den von mir besuchten Webseiten ständig ein Fenster erscheint, bei dem ich anklicken muss, dass ich mit Cookies bzw. Tracking-Aktivitäten einverstanden bin. Und diese Fenster sind immer so gestaltet, dass man einfach auf „Akzeptieren“ klicken kann und schon geht es weiter. Man muss schon genauer hinschauen, um zu entdecken, dass ich die Einstellungen auch ändern kann und nicht alle Tracking-Aktivitäten bestätigen muss. Das zeigt für mich die „Boshaftigkeit“ des Systems.

Boshaftigkeit? Was meinst du damit genau?

Damit meine ich, dass das Internet, hinter dem natürlich Menschen und riesige Konzerne stecken, kein Interesse am Wohl des Menschen hat, sondern ständig den Profit im Auge hat und überlegt, wie man die Daten der User noch differenzierter analysieren kann, um sie zu immer mehr Konsum anzutreiben. Natürlich leben wir im Kapitalismus, so dass wir auch im Supermarkt den Werbepsycholog*innen ausgeliefert sind. Aber das Internet hat den Kampf um die Konsument*innen um ein Vielfaches verschärft und geht damit bis an die Grenzen des Erträglichen.

Ich fühle mich dabei als Person und Mensch angegriffen. Wenn es den Webseiten um die Menschen gehen würde, würde man anders handeln. Jede*r sollte wirklich für sich genau hinterfragen, ob er*sie nicht lieber analoge Zeitungen lesen möchte – ohne „Beobachtung“ bzw. Datenerfassung – oder sich vom System zwingen lässt, ein Abo zu kaufen, um sich von der Werbung freizukaufen. Warum nehmen wir so  ein entwürdigendes Vorgehen einfach so hin? Und mir wird auch häufig ganz anders, wenn ich gerade eine private E-Mail erhalten habe und ich kurz danach im Internet dazu passende Anzeigen sehe. Oder man bekommt ständig ungefragt automatische E-Mails, die man theoretische abbestellen kann, was aber häufig nicht funktioniert. Das Internet fühlt sich dann wie eine aufdringliche Schmeißfliege an, die man einfach nicht los wird und die sich ungefragt in unseren privaten Alltag einmischt.

Ich glaube, manchmal hilft es wirklich nur, den Stecker zu ziehen, um sich vor allem auch die nötige Distanz zum Digitalen zu bewahren und nicht Gefahr zu laufen, die Sicht eines*r kritischen Beobachters*in zu verlieren, die es uns noch ermöglicht, jeder Zeit aus dem System aussteigen zu können.


Uta Buttkewitz: Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2020.

Mehr Spiele, Feste und Gemeinschaft bitte! Byung-Chul Han: Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart.

Byung-Chul Han, der Schnellschreiber im digitalen Zeitalter, hat wieder ein Buch vorgelegt, das äußerst inspirierend daherkommt und dem unverwechselbaren Han-Stil entspricht. Es ist nicht so leicht, Rezensionen zu Büchern des Philosophen und Diagnostiker des digitalen Zeitalters zu schreiben, da sie in sich sehr organisch sind und in ihrer Gesamtheit immer einen fortlaufenden Gedankenprozess an einem Stück darstellen – vergleichbar mit einem Kinofilm, der ohne einen einzigen Schnitt gedreht wurde und nur aus einer einzigen Einstellung besteht.

In seinem Buch „Vom Verschwinden der Rituale“ greift Han seine alten Themen wieder auf – nämlich die Beschreibung der aktuellen Digitalisierungsgesellschaft, die vom Subjekt und nicht mehr durch die Gemeinschaft bestimmt wird. Dieses Mal geht Han von Ritualen aus, die als symbolische und formalistische Handlungen der modernen Gesellschaft abhanden gekommen seien. Rituale bringen eine „Gemeinschaft ohne Kommunikation“ hervor, während unsere heutige Gesellschaft durch eine „Kommunikation ohne Gemeinschaft“ geprägt sei. Wir leben in einer Gesellschaft ohne „Symbolkraft“, sagt Han, denn Daten und Informationen haben nichts Bleibendes an sich, sondern ändern sich ständig, so dass sie der Gesellschaft keine Stabilität bieten und kein kontemplatives Verweilen mehr zulassen. Die Logik des Kapitalismus nimmt den Dingen ihre Dauer, da die Dinge ständig neu produziert und konsumiert werden. Auch das scheinbar Moralische, womit vor allem verschiedene Varianten der Selbstoptimierung gemeint sind, wird vom Kapitalismus absorbiert und sofort verwertet, so dass sich die moralischen Werte nicht auf die Gemeinschaft beziehen, sondern damit nur der eigene „Selbstwert erhöht wird“.

Die digitale Gesellschaft zeichnet sich laut Byung-Chul Han durch ständige Wiederholungen des immer Gleichen aus. Es handelt sich hierbei jedoch um eine andere Art des Wiederholens als bei Ritualen, die ja auch das Element der Wiederholung in sich tragen, aber dadurch gekennzeichnet sind, dass sie in sich geschlossen sind, so Han. Er stellt die These auf, dass sich Daten und Informationen uns in einer Endlosschleife präsentieren, aus der wir uns nicht befreien können und wodurch das Leben zu einem reinen Überleben verkommt ohne jegliche symbolische Rituale, die eine Gemeinschaft festigen. Die souveräne Lebenskunst und das sinnlose Verweilen gehen damit verloren. Der fortwährende kapitalistische Produktionszwang negiere den Abschluss des Lebens. Der Tod werde nicht mehr akzeptiert.

Rituelle Zeremonien wie Gottesdienste, religiöse Feiertage, benötigen laut Han keine Psychologie und keine Empathie, weil das Subjekt im Kollektivismus aufgeht und die eigenen, subjektiven Probleme keine Rolle mehr spielen. Der Mensch fühle sich im kollektiven Ritual geborgen und eingehaust. Leider wird Han an dieser Stelle nicht konkreter, so dass man sich ein paar Beispiele für rituelle Handlungen gewünscht hätte, die man wieder aktivieren könnte, ohne dass sie aus der Zeit gefallen wirken und ihr erneutes Aufleben nicht konstruiert wirkt. Denn bei dem Wort Ritualehaben wir sowohl negative als auch positive Assoziationen. Schöne Rituale können beispielsweise ein ausgiebiges Frühstück am Wochenende oder eingeübte und beruhigende Abläufe vor dem Schlafengehen sein. Wir denken wir bei Ritualen aber auch gleichzeitig an dunkle Geheimnisse und an mystische Begebenheiten.

Des Weiteren kritisiert Han, dass die digitalen Menschen ständig neue Reize benötigen, immerzu konsumieren und damit die Dinge keine Geschichten mehr erzählen und keine Erinnerungen in sich tragen. Außerdem wendet er sich gegen Veranstaltungen, die nur mehr Events genannt werden und damit die Flüchtigkeit schon im Namen tragen. Aus meiner Sicht widerspricht sich Han hier in gewisser Weise selbst, da zum Beispiel auch große Musikkonzerte etwas rituelles an sich haben, da sich die Zuschauer:innen dabei völlig entrückt verlieren können und in Ekstase geraten – ohne sich als Subjekt wahrzunehmen. Und gerade solche emotionalen Großereignisse verinnerlichen besonders junge Menschen sehr stark und bewahren sie dauerhaft als Erinnerung und wertvolle Zeit in ihrem Leben.

Gleichzeitig stimme ich Han dahingehend zu, dass er ähnlich wie ich in meinem Buch „Smiley Herzchen Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im digitalen Zeitalter“ die Leichtigkeit und die Gelassenheit in unserer gegenwärtigen Gesellschaft vermisst. Er vermisst vor allem das Spielerische und Theatralische und die oberflächliche Höflichkeit als rituelle Handlungen, wie sie im 18. Jahrhundert üblich waren und heute noch in der japanischen Gesellschaft gelebt werden. Han plädiert auch für das Spielerische, das Schauspielerische und die Schönheit von Sprache, die nichts meinen muss und nur durch den Schein des Schönen attraktiv ist.

Einige Sätze im Buch sind aus meiner Sicht etwas zu plakativ formuliert, zum Beispiel: „Den neoliberalen Dispositiven wie Authentizität, Innovation oder Kreativität wohnt ein permanenter Zwang zu Neuem inne. Sie erzeugen aber letzten Endes nur Variationen des Gleichen“. Meiner Meinung nach fehlt dem digitalen Zeitalter gerade Authentizität und Kreativität, wodurch alles mehr und mehr gleich wirkt. Im Kult der Authentizität erkennt Han dagegen eine Verrohung der Gesellschaft – eine mittlerweile inflationär gebrauchte Aussage in unserer Gesellschaft. Da verweise ich immer gern auf die Weltkriege im 20. Jahrhundert. Wenn wir jetzt eine Verrohung der Gesellschaft haben – was hatten wir dann damals?

Auch wenn sich Byung-Chul Han in seinen Büchern selbst zu Wiederholungen neigt, so findet man in ihnen immer wieder geniale Sätze, die einen inspirieren und verführen und wofür sich das Lesen seiner Bücher lohnt, wie zum Beispiel: „Die Depression entsteht am Nullpunkt der Resonanz […]. Das neoliberale Regime vereinzelt die Menschen. Gleichzeitig wird die Empathie beschworen. Die rituelle Gesellschaft benötigt keine Empathie, denn sie ist ein Resonanzkörper.“

(Titelbild: Free-Photos auf Pixabay.com)

Laptop, Internet und Yogalehr-Ausbildung gehen jetzt auch zusammen Teil 2/3

Eine der letzten analogen Hochburgen, die Yogalehr-Ausbildung ist nun auch digital. Ich durfte dabei sein! Dies ist Teil 2 von 3 meines Erfahrungsberichtes, aus dem sich Wertvolles und Hilfreiches für den Alltag im digitalen Zeitalter ableiten lässt.

Letzte Woche berichtete ich von der Geschichte der Yogalehrtradition und vom Intensiv-Programm des analogen Formates im Ashram und fragte:

Wie soll solch ein Intensiv-Programm nun online gehen?

Es geht super! Ich habe das Glück beide Formate vergleichen zu können. Da ich meine vier Intensiv-Wochen gesplittet habe. Ich habe 2 mal eine Woche im Ashram (klosterähnliches Meditationszentrum1 /Ort, an dem Yoga und andere spirituelle Praktiken praktiziert und gelehrt werden2) verbracht und dann kam Corona, so dass ich die letzten beiden Wochen am Stück online absolviert habe.

Die Online-Tage waren nicht ganz so lang. Sie gingen ‚nur‘ von 7 -21 Uhr, dafür waren die Pausen kürzer und es war nebenbei eine Hausarbeit zu schreiben.

Für mich sind beide Erfahrungen, Präsenz im Ashram und Online zu Hause, wundervolle Erfahrungen für die ich sehr dankbar bin und die ich nicht missen möchte.

Das Leben im Ashram ist wunderbar gesund, ruhig und entschleunigt. Man praktiziert dort sehr viel Yoga und Meditation, ist in Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und hat so wenig Möglichkeit über den Alltag nachzudenken. Man kommt dort wirklich gut zur Ruhe und kann regenerieren. Auch wenn das Programm straff ist, merkt man wie die Arbeit mit Körper und Geist, die natürliche Umgebung und das gesunde Essen im Intervall einem sehr viel neue Energie geben.

Die große Herausforderung besteht dann darin, wenn man heimkommt, wenigstens einen Teil dieser sehr gesunden Verhaltensweisen und Einstellungen dauerhaft in den eigenen Alltag zu integrieren.

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Über die Notwendigkeit als Erwachsene überhaupt erst anfangen zu müssen, gesunde Verhaltensweisen und Einstellungen in den Alltag einzubauen, denke ich, gespeist aus und gespickt mit meinen Expertisen und Erfahrungen seit Jahren intensiv nach.

Mal wütend darüber, dass man uns einen gesunden Umgang mit unserem Körper, unseren Gedanken und unseren Gefühlen nicht beigebracht hat, mal besorgt, mit der Frage, was das für die Gesellschaft und das Glück jeder/jedes Einzelnen in unserer Gesellschaft bedeutet, mal handlungsorientiert mit Werkzeugen zur nachhaltig-gesunden Lebensführung.

Viele dieser Gedanken finden sich dann Anfang nächsten Jahren auch in meinem Buch über Stress in der Überstrom-Reihe für den Springer-Verlag.

Integration von Gelerntem in den Alltag

Es fällt mir seit der Ausbildung wesentlich leichter, den Tag mit Meditieren zu beginnen. Gerade morgens bin ich normalerweise voller Tatendrang und Gedanken und möchte eigentlich sofort losarbeiten, was mir die Meditation bisher immer zur Challenge gemacht hat und ich es letztlich ließ. Eine ruhige, fokussierte Morgenroutine ist aber sehr wichtig um nicht mittags schon im Stresslevel zu versinken und keine Sonne oder kein Land mehr zu sehen.

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Auch das Intervall-Fasten habe ich beibehalten. Durch die lange Pause, das Intervall von 16 Stunden zwischen der abendlichen und der vormittäglichen Mahlzeit (19 bis 11 Uhr) hat mein Körper mehr Zeit das Gegessene zu verdauen, das heißt zu verstoffwechseln, das heißt die Nährstoffe und Energieträger aus der Nahrung abzubauen, Energie zu generieren und neue, körpereigene Stoffe aufzubauen.

Die Pause dient auch dazu, dass der Körper nicht andauernd mit Verdauen beschäftigt, sozusagen friedlicher, ist. Der Körper hat so weniger Aufgaben zu erledigen und dadurch Zeit zum Entgiften und Reinigen, bevor die nächste Nahrungsaufnahme die Konzentration des Körpers wieder auf die Verdauung lenkt.

Anders als im Ashram, war es in der Online-Ausbildung nicht möglich, den Alltag komplett auszublenden und auch das habe ich als sehr positiv empfunden.

Ich höre die Nachbarn, ich reagiere auf E-Mails, der Postbote klingelt, das Essen besorgt sich nicht, wie im Ashram, von allein und auch die Wohnung macht sich nicht vollautomatisch selber sauber. All dies musste sich machen lassen und trotzdem war ein fokussiertes, von Alltagsstress-gelöstes Yoga und Meditieren möglich und damit einhergehend tiefe geistige und körperliche Entspannung und Regeneration in den eigenen vier Wänden.

Tabula Rasa mit alten Gewohnheiten

Meine Wohnung ist so auch ein wenig zu meinem Ashram geworden und ich gebe mir große Mühe die neuen Verhaltensweisen zu festen Routinen und letztlich spielerischen Gewohnheiten werden zu lassen.

Es heißt ja, nach 21 Tagen hat sich eine Gewohnheit gefestigt. Ich glaube, dass es länger dauern kann, eine ungesunde Gewohnheit gegen eine Gesunde zu ersetzen.

Wie lange das dauert, hängt auch davon ab, wie gefestigt die alte Gewohnheit ist, das heißt z.B. auch wie lange übe ich sie schon aus? Wie wichtig war mir diese Gewohnheit, d.h. welches Bedürfnis hat sie befriedigt? Und auch, wie unspezifisch sind die Reize mit der Zeit geworden, die das Verhalten (die ungesunde Gewohnheit) auslösen.

Von solchen Faktoren hängt die Größe des Gedächtnisses ab und deshalb u.a. auch die Zeit die es dauert, bis ein neues, gesünderes Gedächtnis groß genug ist um das ältere, ungesunde Gedächtnis im Verhalten automatisch abzulösen.

Ein kleines harmloses Beispiel ist das Kaffee trinken. Es ist eine unnötige Gewohnheit, basierend auf mehreren ungesunden Glaubenssätzen, z.B. „Ich bin müde, ich brauche erstmal einen Kaffee“, usw. Auch Generationsgedächtnissen spielen eine große Rolle: Das Kaffeetrinken (Verhalten / Gewohnheit) gehört über viele Generationen zur Morgenroutine und war ursprünglich ein Zeichen des Wohlstandes.

Es wird von den Eltern, inklusive der Glaubenssätze, völlig automatisiert an die nächste Generation weitergegeben. Der morgendliche Kaffee ist für viele so selbstverständlich, als gäbe es nur diese eine Option, diese eine Wirklichkeit, wie Watzlawick3 sagen würde.

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Obwohl die ersten Tassen Kaffee wohl kaum einem Jugendlichen wirklich schmecken, ist der Einstieg in das Kaffeetrinken, aufgrund des Kaffeeverbotes für Kinder, auch ein Einstieg in das Erwachsensein, mit der Hoffnung und dem Bedürfnis auf Augenhöhe behandelt zu werden.

Die Wirklichkeit endet ohne den Kaffee nicht. Kein Mensch braucht wirklich Kaffee um morgens wirklich wach zu werden. Wer morgens nicht wach wird, ist körperlich oder geistig erschöpft und sollte besser Körper und Geist erholen.

Kaffee ist dabei sogar kontraproduktiv, weil das Koffein, wenn es denn überhaupt noch eine Wirkung4 auf den habituierten (gewöhnten) Körper hat, unruhig macht, anstatt zu beleben und Körper und Geist so noch mehr erschöpft…

Das bringt den unruhigen erschöpften Geist nun auf die Idee noch mehr Kaffee zu trinken…, oder sogar ein Zigarettchen dazu zu rauchen, wenn das Rauchen Teil der Lebensgewohnheiten ist, oder auf dem frühen Abend vom Kaffee zum Bierchen überzugehen… …Feedbackloop zur morgendlichen Erschöpfung…

Die Macht solcher Gewohnheiten wird mir im Verzicht besonders deutlich, weshalb die Yogalehr-Ausbildung schon im Präsenzteil, im Online-Teil zu Hause dann noch einmal mit stärkerem Bezug zu den eigenen Alltags-Routinen so wertvoll und ‚erleuchtend‘ war.

Dieses war der zweite Streich. Im letzten Teil, nächste Woche, soll es um die soziale Komponente der Online-Yogalehr-Ausbildung gehen.

Stay tuned.

Eure Kathrin

Literaturverlinkungen

1 www.de.wikipedia.org/wiki/Aschram

2 www.wiki.yoga-vidya.de/Ashram

3 https://www.youtube.com/watch?v=zjrX5GhqWck, Ein Audio-Vortrag von Paul Watzlawick mit dem Titel “Wie wirklich ist die Wirklichkeit” ausgestrahlt von RadioKultur

4https://www.ted.com/talks/matt_walker_how_caffeine_and_alcohol_affect_your_sleep, Ein wunderschöner TED-Talk zu den Effekten von Kaffee und Alkohol auf unseren Schlaf.

Laptop, Internet und Yogalehr-Ausbildung gehen jetzt auch zusammen

Eine der letzten analogen Hochburgen, die Yogalehr-Ausbildung ist nun auch digital. Ich durfte dabei sein!

In drei Teilen berichte ich in den nächsten Wochen von meinen Erfahrungen, aus denen sich Wertvolles und Hilfreiches für den Alltag im digitalen Zeitalter ableiten lässt.

Zur Geschichte der Yogalehre

Der Yoga ist uralt. Er wurde wahrscheinlich viele Jahrhunderte lang in Indien mündlich an ausgewählte Schüler*innen weitergegeben. Die ältesten Darstelllungen von Yoga-Stellungen sollen über 5000 Jahren alt sein1,2, die ältesten Yoga-Schriften, die Veden, bzw. Teile davon sind mindestens 800-1500 v. Chr. entstanden (Auffassung der westlichen Indologie), wenn nicht sogar mehr als 3000 v. Chr. (klassische indische Auffassung) 3.

Mal sehr populär, mal fast vergessen, wurde der Yoga nur von Yoga-Meister*innen (jemand, der die Erleuchtung oder einen hohen Grad an spiritueller Verwirklichung erreicht hat) an ausgewählte Schüler*innen weitergegeben. Den Legenden nach waren diese Yoga-Schüler*innen zum Teil auch große Könige, die ihre Königreiche für die Lehre bei den großen Yoga-Meister*innen hinter sich ließen. Ein*e Yoga Meister*in war jemand, bei dem Yoga-Schüler*innen viele Jahre wohnten und dienten, um Yoga zu lernen.

Sowohl die Yoga-Meister*innen, als auch die Yoga*Schülerinnen habe ich hier bewusst gegendert. Denn es gab sie, die Frauen, in der langen Tradition des Yoga4, wenn auch nicht zu allen Zeiten und sicher eher in der Minderheit und in einer männlich dominierten Öffentlichkeit, weniger wahrgenommen.

Ihre Wahrnehmung & Akzeptanz sinkt zusätzlich, zum Beispiel auch durch ungegenderte Online-Beiträge.

In den letzten 100 Jahren bis heute gibt es einige große Yoga-Meisterinnen und heute, zumindest in der westlichen Welt mehr Yoga-Schülerinnen5 als Yoga-Schüler.

Die Gründe für die Umkehr des Geschlechtes unter den Schülerinnen und Schülern mit der Verbreitung des Yoga im Westen sind allerdings kein Zeichen für Geschlechtergerechtigkeit, sondern den unterschiedlichen Assoziationen der Kulturen mit dem Yoga geschuldet:

Während der Yoga in Indien z.T. nur ausgewählten, in der Regel wohlhabenden Personenkreisen und hier im Besonderen den Männern vorbehalten war, gilt der Yoga im Westen der Entspannung, der Schulung von Achtsamkeit, der Wahrnehmung und Vereinigung von Körper und Geist. Themen, mit denen der gemeine westliche Mann leider noch nicht unbedingt etwas anfangen kann und möchte.

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Auch Auszubildende gehen heutzutage sozusagen als Schüler*innen für mehrere Jahre und wenig Entlohnung in die Lehre, d.h. (eigentlich) in eine umfangreiche Betreuung zu einer*m Meister*in des jeweiligen Faches.

Während ernsthafte Aspirant*innen (spirituell Suchende) auch heute noch oder vielleicht gerade im digitalen Zeitalter auf der Suche nach einer*m Lehrenden sind, die/der auf dem spirituellen Weg unterstützt, hat sich an der Art der Ausbildung im letzten Jahrhundert vieles verändert.

So ist z.B. das Ziel des Yoga im Westen für einen Großteil der Yoga-Praktizierenden kein Spirituelles und vielleicht werden deshalb die alten Yoga-Schriften in den Grundausbildungen zunächst einmal nur angerissen. Yogalehrende, welche ihr Wissen in diese Richtung vertiefen möchten, können das in weiterführenden Seminaren und Ausbildungen tun.

Zu diesen Veränderungen des Yoga lässt sich durchaus Kritisches anmerken, wenn der Yoga nicht groß wäre und für Vielfältigkeit und Individualität stünde. So wird gesagt, das eine Jahrhunderte alte indische Tradition „aus seinem gesamten spirituellen, historischen und kulturellen Kontext“6 genommen wurde und der Westen, insbesondere über die Briten während der Kolonialzeit, sich den Yoga kulturell angeeignet habe6,7 und damit z.T. zu einer Dehnübung reduziert.

Vieles was in der Yoga-Tradition, -Philosophie, – und dem Lebensstil wichtig und heilend ist, kann, in Abhängigkeit vom Lehrenden, im Fitnessstudio verloren gehen. Wenn ich auch selbst eine Verunglimpfung der Yoga-Tradition, z.B. im Bier-Yoga sehe und manchmal auch keine Lust mehr habe, immer wieder zu erklären, dass (mein) Yoga nicht nur Sport ist, teile ich obige Ansicht nur bedingt:

Es gibt viele Quellen, so auch mein Yoga-Lehrenden-Handbuch aus der Ausbildung, die davon berichten, dass es Wunsch, Wille und Streben einiger großer indischer Meister des späten 19. Jahrhundert und des 20. Jahrhundert war, den Yoga im Westen populär zu machen und es so heute auch in Deutschland möglich ist, den Yoga in seiner Ganzheit (und nicht nur als Dehnübung) zu erlernen.

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Yogalehre im digitalen Zeitalter

Yoga dient den meisten Praktizierenden im digitalen Zeitalter zur Entspannung und zur Erhöhung der körperlichen Fitness. Der Yoga ist für sie Gegenstück zu einem sehr schnell-lebigen, reizüberflutenden, materialistischen und häufig ungesundem Alltag.

Die Ausbildungen zur/zum Yogalehrenden, so auch die 4-Wochen-Intensiv-Ausbildung, welche ich vor einigen Wochen abgeschlossen habe, versuchen die westlichen Anforderungen an den Yoga mit dem hohen Anspruch und Niveau des traditionellen Yoga anzugleichen.

Deshalb meint intensiv in der Ankündigung ‚4-Wochen-Intensiv-Ausbildung‘ auch wirklich intensiv! Intensiver, als ich es mir habe vorstellen können und ganz anders (besser, wenn auch herausfordernd) als man Aus- und Fortbildung normalerweise in Deutschland gewohnt ist.

In weiser Voraussicht und weil auch für mich ein beruflicher Alltag zu bewältigen ist, habe ich meine Ausbildung in drei Teile geteilt. Ich war zweimal eine Woche in der Präsenzausbildung im Ashram (klosterähnliches Meditationszentrum8 / Ort, an dem Yoga und andere spirituelle Praktiken praktiziert und gelehrt werden9) in Bad Meinberg und habe Corona-bedingt, die letzten beiden Wochen am Stück online zu Hause absolviert.

Intensiv bedeutet in der Präsenzausbildung im Ashram u.a., dass der Tag (das Aufstehen nicht inklusive) um 6 Uhr morgens mit Atemübungen, Meditation, gemeinsamem Singen, rituellen, hinduistischen Zeremonien und einem Vortrag zur Yoga-Philosophie bis 8:30 Uhr beginnt.

Dem schließt sich fast nahtlos die erste mehr als zwei-stündige Yoga-Praxis des Tages von 8:45 bis 11:05 Uhr an, bevor es bis 12 Uhr gesunde biologische, mindestens vegetarische Vollwertkost gibt. Dann folgen 45 Minuten Karma-Yoga (für mich Putzen in der Küche) und 45 Minuten Studienzeit. Schon ist es 14 Uhr und es geht weiter: Vortrag bis 16 Uhr, Yoga-Praxis bis 18 Uhr, Essen 18-19 Uhr, Meditation, Vortrag und gemeinsames Singen bis 22:10 Uhr.

12 Stunden jeden Tag. Und immer stehen die sogenannten ‚Türengel‘ an der Tür, bei denen man sich anwesend zeichnen lassen muss. Fehlzeiten sind nicht gestattet.

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Wenn man allerdings einfach mal im Vortrag einschläft, so wie ich, ist das in Ordnung. Und auch, wenn man die ein oder andere Yogaübung auslässt, ist das ganz normal. Jeder achtet auf seinen Körper mit seinen aktuellen Grenzen (die sich mit der Zeit verschieben!)! Auch kritische Fragen und Diskussionen zu den Themen waren gewünscht, wurden aufgenommen und geklärt.

Es stehen auch Fasten- und Schweigetage auf dem Programm, wobei insbesondere das Fasten freiwillig ist, zumal der ‚normale‘ Rhythmus der Nahrungsaufnahme im Ashram ja schon ein Intervall-Fasten ist. (Hier zu meinem Artikel über das Fasten von Gewohnheiten…)

Der Verzicht auf Fleisch, Fisch, Eier, Tabak und Alkohol während der Ausbildung ist selbstverständlich, wo doch in der ‚normalen Welt‘ das Gegenteil selbstverständlich scheint.

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Für Menschen mit hohem Autonomiebedürfnis hört sich dieses Programm vielleicht schockierend an und löst Gegenwehr aus. Auch ich war manchmal ziemlich genervt, weil überfordert.

Ich habe meine (automatisierten, neuronal nicht-mehr anstrengenden) Routinen vermisst. Routinen, die Sicherheiten geben und an die auch mein Körper sich gewöhnt hat (z.B. das Kaffee trinken).

Routinen, die ich als meine bezeichne, von denen ich aber annehmen darf, dass es sich auch um Generationsgedächtnisse der Generationsgedächtnisse meiner Eltern und Großeltern und dem sozio-kulturellen Einfluss der deutschen Gesellschaft handelt.

Routinen, von denen ich mich im Yoga-philosophischen, sowie verhaltensneurobiologischem Kontext auch fragen darf (oder darüber meditieren darf), ob es denn bei der ein oder anderen erlernten Routine nicht sinnvoller wäre, sie loszulassen, weil sie nicht gesund ist und mir nicht gut tut…

Ich war vorher noch nicht im Ashram und hatte sicher eine falsche, westliche Vorstellung von der Ausbildung. Und das, obwohl sowohl Vorbereitungswochenenden zur Ausbildung angeboten werden als auch im Internet viele Informationen, insbesondere das Programm detailliert beschrieben sind. Ich hatte einfach noch keine Neuronen für diese Vorstellung.

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Es war eine sehr intensive und gesunde Erfahrung und beide Male wollte ich bei der Abreise schon am Bahnhof lieber wieder zurück in den Ashram. Gleichzeitig wollte ich aber auch wieder zurück in meinen Alltag. Das waren sehr widersprüchliche Gedanken, letztlich mit dem Vorsatz, so viele gesunde Routinen wie möglich in meinen Alltag zu integrieren.

Der Kontrast ist wirklich stark. Das merkt man erst, wenn Körper und Geist durch den Yoga und das Meditieren mal richtig runtergefahren, zentriert und gestärkt sind, die Lungen vom vielen Yoga, den vielen Atemübungen und der Landluft wieder frei sind, der Körper durch das Intervall-Fasten, den Yoga und das gesunde Essen entgiftet ist und das Herz durch das Singen, die schönen, alten Geschichten und die Gemeinschaft wieder weit offen ist…

Wie solch ein Intensiv-Programm nun online gehen kann, erfahrt ihr in der nächsten Woche…

Stay tuned.

Eure Kathrin

Literaturverlinkungen

1 http://www.wiki.yoga-vidya.de/Yoga_Geschichte

2 http://www.yogaeasy.de/artikel/Die-Geschichte-des-Yoga

3 http://www.wiki.yoga-vidya.de/Veden

4 http://www.vedanta-yoga.de/yogameisterinnen-heilige-frauen-rishikas/

5 http://www.yoga.de/yoga-als-beruf/yoga-in-zahlen/yoga-in-zahlen-2018/

6 http://www.zeit.de/kultur/2019-09/yoga-geschichte-historie-sport-achtsamkeit-spiritualitaet

7 http://www.bento.de/sport/yoga-ist-mehr-als-sport-und-nicht-so-harmlos-wie-wir-denken-a-68cf3b17-8cc5-4839-a392-547e69b3bd66

8 http://www.de.wikipedia.org/wiki/Aschram

9 http://www.wiki.yoga-vidya.de/Ashram

(un)freundliche Worte: Zum ‚Spiel‘ Kind Words

Im … nennen wir es ‚Computerspiel‘ … Kind Words sendet man anonym „requests“ (Anfragen) an andere Spieler*innen und bekommt ebenfalls anonym Antworten darauf. Das ist optisch alles ziemlich kindlich gestaltet: das Spiel zeigt ein rosafarbenes Zimmer, die Briefe werden von einem Rentier gebracht, im Hintergrund spielt entspannende Musik. Thematisch geht es in den Anfragen jedoch um ernsthafte Probleme, die die oft jungen Spieler*innen gerade plagen.

A game about writing nice letters to real people. Write and receive encouraging letters in a cozy room. Trade stickers and listen to chill music. We’re all in this together. Sometimes all you need are a few kind words.

Kurzbeschreibung von Kind Words aus im Steam-Shop

Kind Words funktioniert wie der Kummerkasten einer Zeitschrift, der Besuch der Beichte oder das Erstellen und Bearbeiten von Support-Tickets im Kundendienst: Ein längerer Austausch zwischen zwei Personen ist nicht möglich. Die einzige messbare Belohnung für die antwortenden Spieler*innen sind Sticker, die man durch das Bearbeiten der requests sammeln kann; ansonsten wird Kind Words nur wegen der titelgebenden „freundlichen Worte“ gespielt. Die Befriedigung beim Spielen entsteht entweder, weil man etwas loswerden kann, das einem auf der Seele liegt, oder weil man anderen Menschen durch die eigene Antwort hilft — wobei es für letzteres keine Garantie gibt, denn eine nochmalige Rückmeldung auf eine Antwort gibt es nicht.

Man sollte annehmen, dass dieses Konzept auch ‚Trollen‘ Tür und Tor öffnen würde, mit Antworten, die bewusst nicht freundlich, sondern im Gegenteil verletzend gemeint sind. Aber offenbar hält sich die Anzahl entsprechend gemeldeter Beiträge bisher in Grenzen. Doch dies führt zu einer Kritik, die zu Kind Words mitunter geäußert wird: dass das Leben nicht nur aus Freundlichkeit bestehe bzw. dass lediglich freundliche Antworten nicht immer das sind, was eine Person in einer Problemsituation wirklich braucht. Und dass dies insbesondere jüngere Spieler*innen unter Umständen ein falsches Bild vom Menschen vermitteln würde.

Und so ist Kind Words am ehesten als anonymes, auf Kurzzeitkontakte ausgelegtes virtuelles Gruppenkuscheln zu beschreiben. Eine Sequenz aus Anfrage — Antwort mit der Anforderung, nur freundliche Aussagen enthalten zu dürfen, ist am Ende nicht mehr als der kurze, Smiley-geschönte, aber letztlich inhaltsleere und damit folgenlose Kontakt, den meine Kollegin, die Kommunikationswissenschaftlerin Uta Buttkewitz, in ihrem aktuellen Buch als fragwürdiges Merkmal unseres „Zeitalter[s] des Verschwindens“ (S. 71) beschreibt. Das kann für diejenigen, die auf ernstgemeinte verzweifelte Anfragen aufmunternde Antworten erhalten, zwar eine für den Moment positive Erfahrung sein — aber wie dann weiter? Eine Rückfrage, wie etwa eine Antwort gemeint war oder ob man etwas näher erklären kann, ist nicht möglich.

Gerade dies kann auch für die Antwortenden auf Dauer anstrengend sein. Man arbeitet sich an den echten Problemen anderer Menschen ab, ohne einen Fortschritt zu sehen (das Spiel belohnt einen, wie erwähnt, lediglich mit virtuellen Stickern, die man sammeln kann). Auch darum hat Kind Words mit echten Spielen wenig zu tun. Eher ist es eine verklausulierte Form der Gamification — dem Einzug bestimmter spielerischer Elemente ins Arbeitsleben.

Die Medienwissenschaftlerin Marlen Hobrack beurteilt Kind Words in einer Rezension in der Wochenzeitung „der Freitag“ daher eher skeptisch: „Ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, nach Feierabend an meinem PC zu sitzen und andere Menschen psychologisch zu beraten […] So viel Verantwortung erzeugt einen Modus der Ernsthaftigkeit […] man muss schon einen größeren Helferkomplex haben, um dieses ‚Spiel‘ mit Gewinn zu spielen“ (der Freitag, 23.04.2020, S. 14).

(Titelbild: Steam-Shop)

Fasten und Verzicht vor Ostern, nach Ostern und in der Corona-Krise

Zur Bedeutung des Fastens vor Ostern

Die Fastenzeit, im christlichen Sinne der bewusste Verzicht auf feste Nahrung, ist mit Ostern zu Ende gegangen. In allen Religionen praktiziert, beginnt die wichtigste Fastenzeit im Christentum in der Nacht von Faschingsdienstag auf Aschermittwoch. Sie endet 40 Tage später am späten Nachmittag des Gründonnerstag bzw. je nach Auslegung und Zählweise am Karsamstag (40 Tage, weil Jesus, höchstwahrscheinlich nur mit Wasser, in der Wüste auf Nahrung verzichtete und betete).

Gründonnerstag ist der Tag des letzten Abendmahls, der Tag vor der Kreuzigung. Am darauf-folgenden Karfreitag stirbt Jesu am Kreuz, am Karsamstag gilt die Grabesruhe. Am Ostersonntag feiern wir die Auferstehung Jesu Christi und das eigentlich drei Tage lang: Ostersonntag, Ostermontag und -dienstag.

Die 40 Tage vor Ostern, Ostern selbst (Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu Christis) und die mit dem Ostersonntag beginnende fünfzigtägige Freudenzeit (Osterzeit) bis einschließlich Pfingsten ist dabei in unseren Breiten die Zeit des Frühlings – eine Zeit des Neubeginns, in der alles Leben nach dem (grauem, kalten) Winter wieder erwacht (aufersteht).

Eine Freudenzeit, in der die Tage spürbar länger und lichtvoller werden; in der die Sonne wieder wärmende Kraft entwickelt und in der es uns langsam wieder mehr nach draußen treibt.

Fastenzeit – Leidenszeit?

Die Fastenzeit ist aus der christlichen Liturgie heraus häufig mit Leiden (den Leiden Christi) assoziiert. In anderen Religionen gibt es andere Sichtweisen auf und Gründe für das Fasten.

Muslime fasten einen ganzen Monat (Ramadan) von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang sowohl Nahrung als auch Getränke.

Im Judentum gibt es religiöse Fastentage, an denen Nahrung und Getränke für maximal 25 Stunden gefastet werden.

Im Buddhismus sind weder Völlerei noch Hunger empfehlenswert. Beides schadet Körper und Geist, genauso wie Alkohol, Nikotin, große Mengen und/oder täglicher Fleischkonsum und vieles mehr. Bei den buddhistischen Mönchen und Nonnen ist das Ziel einer einzigen, täglichen Mahlzeit um zwölf Uhr mittags die Beruhigung von Körper und Geist für die Meditation auf dem Weg zum inneren Frieden und der Erleuchtung.

In den hinduistischen Religionen und den Yoga-Philosophien wird unterschiedlich intensiv gefastet. Manch ein*e (spirituelle) Yogin*i fastet regelmäßig, z.B. einmal pro Woche, andere zu Vollmond, wieder andere an Ehrentagen der Gottheiten. Von strengem Nahrungsverzicht bis zu leichten Einschränkungen bei der Ernährung sind alle Abstufungen zu finden.

In Ashrams (das sind klosterähnliche spirituelle Meditationszentren) ist das Intervall-Fasten fest in den Alltag integriert. Beispielsweise wird in den deutschen Yoga Vidya-Ashrams der Swami Sivananda-Tradition nur zwei Mal am Tag gegessen: vormittags um 11 Uhr und abends um 18 Uhr, rein biologisch, mit möglichst regionalen Zutaten, vegetarisch und z.T. vegan.

Schon der Verzicht auf liebgewonnene Gewohnheiten wie tierische Produkte, Kaffee und Süßigkeiten bedeutet für viele Menschen ein Fasten, sofern der Verzicht bewusst und freiwillig geschieht.

Dazu kommt die lange Pause, das Intervall von 16 Stunden zwischen der abendlichen und der vormittäglichen Mahlzeit (19 bis 11 Uhr). Die Pause dient dazu, dass der Körper nicht andauernd mit dem Verdauen beschäftigt, sozusagen friedlicher, ist. Der Körper hat so weniger Aufgaben zu erledigen und dadurch Zeit zum Entgiften und Reinigen, bevor die nächste Nahrungsaufnahme die Konzentration des Körpers wieder auf die Verdauung lenkt.

Wenn die Ziele des Fastens nun nicht das Leiden und der Verzicht selbst sein müssen, sondern eine Entlastung, Entgiftung und Reinigung von Körper und Geist zum eigenen Wohlergehen, dann lässt sich, aus meiner Sicht, vieles fasten, und jederzeit!

Vor allem und zuerst die Dinge, die uns eh nicht gut tun: Im digitalen Zeitalter sind das z.B. Stress, Selbstoptimierung, viel sitzen, viel quatschen, viel Fernsehen, viele digitale Medien, viele Computerspiele, viel Alkohol, viel Zucker, viel Plastik, viel Lärm, viel künstliches Licht, viel Salz, viel Weizen, viel materieller Besitz…

Der Verzicht aus Liebe zu sich Selbst

Das tolle am Fasten, am bewussten, freiwilligen Verzicht, ist, dass man die Gelegenheit bekommt, sich sehr genau zu beobachten und zu hinterfragen.

So muss man sich vor dem Fasten überlegt haben, was man den mit dem Fasten erreichen möchte. Dabei dürfen Fragen aufkommen wie: „Was tut mir gut?“, „Was tut mir nicht gut?“, „Wovon habe ich zu wenig in meinem Leben?“, „Wovon habe ich zu viel in meinem Leben?“.

Anschließend stellt sich die Frage, wie und wie lange möchte ich fasten, wann möchte ich damit anfangen und was möchte ich tun, wenn ich mein Fasten breche oder brechen muss?

Spätestens wenn das Fasten dann beginnt, lohnt es sich ein Fasten-Tagebuch zu schreiben, um die Beobachtungen und die Reflexionen zu verschriftlichen. Es ist etwas anderes, Gedanken und Gefühle, Empfindungen (des Körpers) und Bedürfnisse niederzuschreiben, als sie nur mal kurz zu denken. Dann sind sie im nächsten Moment wieder weg bzw. kommen unkontrolliert immer wieder und belasten so den Geist, ohne Lösungen zu generieren.

Wenn sie niedergeschrieben sind, sind sie fester, manifest, können besser hinterfragt und losgelassen werden. Das Aufschreiben funktioniert ähnlich wie das Denkarium aus Harry Potter, in dem Professor Dumbledore mit seinem Zauberstab seine Gedanken & Erinnerungen aus dem Kopf herausziehen und außerhalb abspeichern konnte. Unser Zauberstab dafür ist der Stift zum Schreiben.

Beim Fasten geht es zwar auch um Selbstdisziplin, aber nicht in der Weise, in der wir es in der westlichen Welt gewohnt sind. Wir fasten ja bewusst und freiwillig, um uns etwas Gutes zu tun, um gesund und glücklich zu sein.

Das darf auch unser Antrieb sein: „Ich verzichte heute (bzw. einmal pro Woche) auf Salz, weil der Verzicht meinem Körper gut tut und ich gesund sein möchte“. Gesprochene oder gedachte Worte wie „Sollen“, „Müssen“, „Nicht dürfen“ sind dabei kontraproduktiv. Sie verstärken eine negative Perspektive des Verzichts, lösen Stress in uns aus und erschweren oder behindern so das Fasten ungemein.

Auch wenn ich im Fasten merke, dass ich auf das, was ich gerade fasten möchte, nicht verzichten kann, und es mir mit dem Verzicht nicht gut geht, dann ist es möglicherweise wichtig für meinen Körper und es liegt vielleicht eine organische Ursache vor, die es abzuklären gilt.

Seinen Körper und Geist unter diesen Umständen mit „Sollen“, „Müssen“, „Nicht dürfen“ unter Druck zu setzen, kann dann gesundheitsschädigend sein. Das Schwierige ist, das eine (die Gewohnheit) vom anderen (das körperliche Bedürfnis) zu unterscheiden. Das Fasten ist ein Weg, nicht das Ziel. Das Ziel ist Erkenntnis.

Das Fasten, also der bewusste, freiwillige Verzicht auf Dinge, die uns nicht gut tun, kann durch das Selbstliebe-Prinzip hervorragend geübt werden.

Wir kommen unseren Konditionierungen auf die Spur, wir lernen unseren Körper und Geist und auch die Abwehrmechanismen unseres Geistes kennen und können uns langsam in Enthaltsamkeit und Abstinenz üben, wenn wir das wollen. Die eigenen Abwehrmechanismen kennenzulernen, herzlichst anzunehmen und zu lösen, hilft dann auch, langfristig schwierige Projekte wie Ängste und Sucht in den Blick zu nehmen.

Verzicht in der Corona-Krise

Auch in der Corona-Krisenzeit müssen wir auf vieles verzichten und auch das kann, wenn wir die Situation aus der entsprechenden Perspektive betrachten, ein Fasten sein. Für die meisten Menschen ist es das jedoch nicht, weil der Verzicht nicht freiwillig ist.

Der Virus zwingt uns z.B. die Kontaktsperre auf. Viele leiden unter dem Verzicht auf bestimmte Gewohnheiten, aber auch wichtige Bedürfnisse werden nicht oder nur unzureichend befriedigt.

Das natürliche, menschliche Bedürfnis nach Nähe und persönlichem Kontakt steht dabei, denke ich, auf Platz 1. Für mich kommt die regelmäßige körperliche Betätigung, das Bewegen und Durchbluten meiner Muskulatur, das gesunde und gewohnte Kalorien- und Energieverbrennen gleich danach.

Dass dieser Verzicht nicht freiwillig ist, drückt auch auf unser Autonomie-Bedürfnis und verstärkt momentan spürbar den Widerstand in manchen Menschen. Die Maßnahmen werden z.T. kritisch hinterfragt und diskutiert, z.T. wird der Blick für den Grund der Einschränkungen und das Vertrauen in die zuständigen Systeme verloren und lautstark durch die digitalen Medien geschrien. Wie immer, ein breites Portfolio an Verhaltens- und Ausdrucksmöglichkeiten.

Ich mache den Perspektivwechsel, ich faste weiter. Ich beobachte und reflektiere, was das Sozial- und Bewegungsfasten mit mir macht.

Ich lebe und feiere die Traurigkeit und Unausgeglichenheit, die dieses spezielle Fasten an einigen Tagen mit sich bringt und heile sie in Yoga und Meditation, mit tollen ätherischen Ölen und mit, was immer ich meine, was mir in diesen Momenten gut tut.

Da sind sie wieder, diese wichtigen Fragen: „Was tut mir gut?“, „Was tut mir nicht gut?“, „Wovon habe ich gerade zu wenig in meinem Leben?“, „Wovon habe ich zu viel in meinem Leben?“.

Ich spiele in Gesellschaft online Gitarre und schnattere was das Zeug hält, spiele lustige Ratespiele, schreibe und schaue Fernsehen.

Letzteres ist ein Kompensations- und Verdrängungsmechanismus aus vergangenen Tagen, der mich kurzfristig abschalten und zur Ruhe kommen lässt, der mir durch vermeintliche Normalität Stabilität gibt, weil ich das ja seit vielen, vielen Jahren so gewohnt bin.

Ich spüre aber auch immer wieder, dass das Fernsehen eigentlich nur unnötig Kraft und neuronale Energie kostet und mich letztlich eher frustriert als nährt.

Ich könnte dem Sozial- und dem Bewegungsfasten jetzt noch TV-Fasten hinzufügen. Mach‘ ich aber nicht! Denn diese Zeit ist ereignisreich, anstrengend und lehrreich genug und, wie gesagt, Fasten muss nicht zum Leiden werden, sondern darf auch ein Akt der Selbstliebe und Selbsterkundung sein!