Lesetipp: Wolfgang Ullrich über die Bilder der Kapitolbesetzung

In einem aktuellen Beitrag für den Bayerischen Rundfunk über die Erstürmung des US-Kapitols durch Trump-Anhänger hat Wolfgang Ullrich folgende, wie ich finde ziemlich geniale Beobachtung gemacht:

Vor lauter Begeisterung darüber, bei einer Revolution dabei zu sein, ist man von Anfang an so eifrig mit ihrer Dokumentation und mit dem Sammeln von Erinnerungsstücken beschäftigt, dass diese Revolution letztlich gar nicht mehr richtig stattfindet. Die Leute nehmen die Haltung von Veteranen oder von Geschichtstouristen ein, noch bevor die eigentliche Schlacht geschlagen ist.

Dies mag dazu verleiten, die Gefahr zu unterschätzen. Ullrich warnt davor, dass Protestler, die als Digital Natives mit Plattformen wie TikTok aufwachsen, nicht mehr vor diesem Problem stehen könnten. Er schreibt:

Sie werden darauf achten, dass bei einem nächsten Mal oder einem anderen Anlass vor Ort alles gut genug organisiert ist, um die vorhandenen Kräfte zu bündeln und um den online vorbereiteten Plot auch komplett umzusetzen.

Außerdem wird es schon bald mehr digital natives unter den Demonstranten geben […] Ihnen aber wird es keine Probleme mehr bereiten, gleichzeitig zu putschen und Bilder vom Putsch zu machen. Denn ihr Leben findet ohnehin fast durchwegs mit Kamera in der Hand statt

Mehr dazu im verlinkten Artikel sowie einem Interview mit Ullrich beim SWR.

Aushalten durch Offenhalten. Zum Umgang mit dem medialen Nachrichtenfeuerwerk

„Ein Mann mit nacktem Oberkörper, riesiger Fellmütze und Hörnern stieg auf das Podest des Senats, sah in den Saal und spannte seine Muskeln als Geste des Triumphs.“ In dieser nüchternern Berichtsform fasst der Politikwissenschaftler Yascha Mounk bei Zeit Online eine der Szenen der Ereignisse im US-Kapitol zusammen und damit auch den Zustand vieler Staaten (Demokratien und andere) weltweit, die von machtorientierten Machotypen regiert werden. Das unfreiwillig lächerliche Bild des behörnten Trump-Supporters (der, wie ein anderer Artikel bei Spiegel Online erklärt, als QAnon-Schamane bekannt ist) und die ebenso komische sprachliche Nähe von Trump und Triumph werden mir noch lange im Gedächtnis bleiben, zumindest bis es zur nächsten Eskalationsstufe des „surrealste[n] Aufstand[s] seit Woody Allens Bananas“ (Mounk) kommt.

Mounk leitet den Artikel mit einem Verweis auf das aristotelische Drama ein, dessen Ende „überraschend und zugleich unausweichlich“ sein sollte und urteilt, dass „die vier Jahre, die Donald Trump Präsident der USA war, gerade zu einem angemessenen Schluss gekommen“ seien. Da bin ich mir nicht so sicher, immerhin hat Trump bereits angekündigt, dass sein Kampf gerade erst begonnen habe, und seine engsten Anhänger werden sicher nicht einfach aufgeben, nur weil eine Formalie nun Joe Biden offiziell zum Wahlsieger erklärt hat. Nein, ich denke, der Vergleich zu einer endlosen Streamingserie ist angemessener, und die nächste Staffel kommt bestimmt, denn die Einschaltquoten sind gut.

Unbearbeitbare Ungewissheiten

Jeder der Krisenkomplexe Trump, Corona, Brexit, Klima, usw. wird medial sowohl als äußerst dringlich markiert, als auch als zu komplex für schnelle Lösungen. Der Wunsch, auf alles vorbereitet zu sein, sodass eine komplexe Krise in abschließend bearbeitbare Teilprobleme zerlegbar ist, ist zwar verständlich, aber illusorisch. „Es kann doch nicht sein!“ riefen einem seit Trumps Wahlsieg 2016 die Medien immer wieder entgegen, ungläubiges Staunen, bis zum vorläufigen Höhepunkt. „Es kann doch nicht sein“, dachte man während des Brexit-Prozesses, von dem immerhin John Bercows „Order!“-Rufe in Erinnerung bleiben — der Ordnungsruf, der zur Ruhe im Parlament mahnte, kann rückblickend auch als Ausdruck der Sehnsucht nach dem Ende des Wahnsinns gelesen werden. Und wieder „es kann doch nicht sein“, dass Corona-Maßnahme XYZ immer noch nicht durchgesetzt ist, dass zu wenig Impfstoff bestellt wurde, dass immer noch Lüften statt Luftfilter das Mittel der Wahl für Präsenzunterricht ist, dass der Weg zum Arbeitsplatz nicht von Beschränkungen betroffen ist, dass Home Office immer noch nur eine Empfehlung und keine verbindliche Richtlinie ist, usw. Kommentare von Leser*innen unter entsprechenden Kommentaren echoen die ausgedrückte Ungläubigkeit, Verzweiflung und Wut, und verstärken den medialen Stress nur noch.

Das eine große Stichwort, unter dem sich der medienbedingte Stress in aktuellen soziologischen Perspektiven fassen lässt, ist unbearbeitbare Ungewissheit. Normalerweise verlassen wir uns auf gesellschaftliche Funktionssysteme, Ungewissheiten zu klären. Die gerade relevante Krise wird als zu lösendes Problem definiert, und je nach Problem trauen wir dem einen oder anderen System zu, es zu bearbeiten. Wir erwarten uns Antworten und Lösungen, die, wenn schon nicht schnell, dann doch verlässlich sein sollten und entsprechend kommuniziert. Eine Weile kann man Ungewissheit gut aushalten, aber was, wenn sie über Monate oder Jahre anhält?

Resilienz und Umgang mit Stress

In der Psychologie spricht man von Widerstandsfähigkeit oder Resilienz. In dem Zusammenhang unterscheidet man problemorientierte und emotionsorientierte Strategien zum Umgang mit Stress. Erstere widmen sich dem stressauslösenden Element (dem Stressor); letztere dienen dazu, dass man sich besser fühlt, ohne den Stressor selbst verändern zu können. Welche Strategie sinnvoll ist, hängt auch davon ab, ob der Stressor kontrollierbar ist oder nicht. Beispiel individueller Corona-Stress: Abstandhalten, Maske tragen oder jetzt die Impfung können Verbreitung oder Wirkung des Virus eindämmen und gehören zu den problemorientierten Strategien. Der eskapistische Gebrauch von Filmen oder Computerspielen zur Ablenkung wäre dagegen eine emotionsorientierte Strategie; ebenso der Versuch, die eigene Einstellung zu dem Stressor zu ändern.

Der Stress, der durch die unklaren, sich teils widersprechenden politischen und medialen Lagen ausgelöst wird, kann ebenfalls problem- oder emotionsorientiert bearbeitet werden. „Einfach abschalten“ ist dabei die einfachste problemorientierte Strategie: nur noch sporadisch Nachrichten schauen oder lesen, oder gar nicht mehr. Mit dieser Flucht vor dem Stressor lebt es sich erstmal leichter. Auch massive Medien- bzw. Politikkritik oder eine Abwertung der Systeme Massenmedien und Politik können so eine Funktion erfüllen.

Doch auf Dauer entlastend ist beides nicht. Abschalten funktioniert dann nicht mehr, wenn sich zeigt, dass hinter den Medienberichten doch echte Ereignisse stehen, die auch ohne Medienkonsum passieren. Spätestens, wenn der erste schwere Coronafall im eigenen sozialen Umfeld auftaucht, ist man betroffen, auch wenn man sich durch Ignorieren der Medien in eine heile Welt geträumt hat. Ähnlich die abwertende Kritik an Medien und Politik: Die funktioniert nicht mehr, wenn man irgendwann doch versteht, dass die von diesen Funktionssystemen bearbeiteten Ungewissheiten einfach nicht verlässlich in Gewissheiten verwandelt werden können — nicht, weil die Leute alle unfähig oder korrupt oder „Lügenpresse“ wären, sondern weil es einfach Probleme ohne allgemeingültige oder dauerhafte Lösung gibt.

Situative Offenheit

Jede Lösung gesamtgesellschaftlicher Probleme ist heute ein Kompromiss, denn jede Lösung beruht auf unvollständigen Informationen und muss immer wieder an neue Situationen angepasst werden. In der ethnomethodologischen Forschung (wo seit Ende der 1960er Jahre der subjektive Umgang mit Plänen zur Problemlösung beobachtet wird) sowie in der soziologischen Systemtheorie (in der es nicht um Erklärungen im kausalen Sinne geht, sondern um Funktionsäquivalente zum Beobachteten) hat man diese Erkenntnis schon lange — jetzt kommt sie langsam im Alltag an, wenn etwa heute ein Beschluss gefasst wird, der morgen schon wieder anders ausgelegt wird, oder wenn in derselben Zeitung zwei sich widersprechende Einschätzungen stehen, die beide Absolutheit beanspruchen. Aber noch wehrt man sich mit Händen und Füßen gegen das, was negativ interpretiert vielleicht als nur noch mehr Ungewissheit verbreitender Relativismus erscheint.

Doch statt sich darüber in Ärger zu versteifen, lohnt es sich, das ewige „Es kann doch nicht sein!“ mit all der Verzweiflung und Wut dahinter zu ersetzen durch ein positiv gedachtes, Luhmann’sches „Es kann auch immer anders sein!“ Es geht um das sich-Offenhalten für Alternativen, um auch in schnell veränderlichen Situationen handlungs- bzw. anpassungsfähig zu bleiben. Bewährte Methoden der Stressbewältigung (die z.B. Kathrin Marter vor einigen Monaten in ihrem Artikel zum persönlichen Corona-Management erläutert hat) helfen dabei, diese Offenheit aufrechtzuerhalten.

(Titelbild: Andrys Stienstra / Pixabay)

Ein wenig Erleichterung

Gerade habe ich die New York Times-App geöffnet und sehe, dass endlich, drei Wochen nach der US-Wahl, die offizielle Vorbereitung der Amtsübergabe von Trump an Biden und Harris beginnen kann. Ich bin zwar immer noch etwas beunruhigt, wie sich Trump und seine Fans in den nächsten Monaten verhalten werden, aber trotzdem fiel mir tatsächlich ein Stein vom Herzen.

Titelseite der New York Times-App am 24.11.2020

Hier geht es zu dem Artikel der New York Times.

Interessant finde ich übrigens wieder die Bildauswahl, mit Biden an seinem Tisch. Sieht einerseits aus, als würde er auf jemanden warten; andererseits auch, als würde er in Ruhe nachdenken. Geduld und nachdenken — beides hat die letzten Jahre nur wenig eine Rolle gespielt …

Vier Tage

Die Titelseiten der letzten vier Ausgaben der New York Times International Edition erzählen eine serienreife Geschichte — jede Headline und jedes Foto eine Folge einer Serie, die sicher irgendwann mal von Netflix, Amazon oder sonst wem produziert wird.

Da haben wir zuerst den „American Cliffhanger“, der zwischen zwei sehr alt und müde aussehenden Männern ausgetragen wird. Man hätte es auch American Standoff nennen können, in Anlehnung an den Mexican Standoff, eine Konfrontation, die von keiner Seite gewonnen werden kann. Damit meine ich nicht die Wahl an sich, sondern die Teilung der Gesellschaft als Konflikt, den kein Präsident allein lösen kann.

Die zweite Folge hält die Spannung. Erschöpft aussehende Wahlhelfer*innen dominieren die Seite, darunter ein Foto von Demonstrant*innen und ein Bild eines Wahllokals, dessen Fenster mit Papier abgeklebt werden, wohl um die Störungen von außen zu minimieren, was das Wahllokal aber gleichzeitig als geschlossenen Ort inszeniert. Zu dem Zeitpunkt lag Trump in der Auszählung noch vorn, aber langsam drehte sich das zugunsten Bidens. Die vorsichtige Formulierung „Slow count pushes Biden close“ zeigt Biden jedoch noch passiv — er wird durch die Auszählung näher an den bis dahin Führenden herangeschoben.

Das finde ich deshalb wichtig, weil in der dritten Folge Biden nun als aktiver Akteur gezeigt wird. Da wird er nicht mehr ‚gepusht‘, sondern „Biden clears a path to victory“ — er räumt den Weg Richtung Sieg frei. Interessant ist zudem die Bildauswahl und -aufteilung. Die beiden zentralen Fotos zeigen Demos im Bundesstaat Pennsylvania. Oben sehen wir Demonstrant*innen in Philadelphia, die fordern, dass die Auszählung weitergeht — „Black votes matter“ steht auf ihren schwarz-weiß-roten Schildern, hinter ihnen sehen wir Hochhäuser. Darunter quasi das Spiegelbild — Trump-Unterstützer*innen im kleinen Ort Harrisburg, der nichtmal 50.000 Einwohner hat, aber trotzdem Hauptstadt des Bundesstaates ist; „Stop the Steal“ steht auf ihren vorwiegend weißen Schildern, im Hintergrund offenbar das State Capitol, der Regierungssitz. Oben also die jungen, diversen Einwohner*innen der Großstadt, die Hände zur Faust geballt und damit aktiv dargestellt — unten die älteren, weißen Einwohner*innen außerhalb der Großstädte, schweigend, abwartend. Neben den Fotos sind jeweils kurze Artikel zum Stand der Wahl, oben mit einem kleinen Foto Bidens (den Blick nach vorn gerichtet, den Mund geöffnet, Entschlossenheit ausstrahlend), unten mit einem Foto Trumps (den Blick nach unten gerichtet, die Augen geschlossen).

Und dann schließlich Folge vier — ein sehr großes, staatstragendes Foto von Joe Biden und Kamala Harris, die Überschrift: „Taking the reins of a divided nation“ („die Zügel einer geteilten Nation übernehmen“). Und da sind wir nun — Joe Biden als alter weißer Mann, Kamala Harris als dunkelhäutige, vergleichsweise jüngere Frau. Das ist das Team, das das geteilte Land zusammenhalten soll.

Doch allein durch eine Wahl wird nicht plötzlich „Alles wieder gut!“, wie gestern Nikolaus Blome bei Spiegel Online behauptete. Dafür werden fanatische Trump-Anhänger und frustrierte, alle politischen Initiativen Bidens blockierende Republikaner auch nach einer offiziellen Vereidigung Bidens schon sorgen (und ich wünsche mir, dass ich mich irre). Das winzige Foto Trumps nach seiner Rückkehr vom Golfplatz, das die Zeitung ganz unten platziert, ändert daran leider noch nichts.

Hoffnung und Sorge

Ich würde mich ja gerne freuen darüber, dass Joe Biden die Präsidentschaftswahl in den USA gewonnen zu haben scheint. Schon allein deshalb, weil ‚alles besser als Trump‘ ist (aber das habe ich 2001 auch über George W. Bush gedacht und dann kam es 2016 noch viel schlimmer). Vorerst bin ich vorsichtig hoffnungsvoll, dass der mediale und politische Albtraum der letzten vier Jahre bitte bitte bald zu Ende gehen möge, aber diese Hoffnung wird doch von der Sorge überschattet darüber, was in den verbleibenden Monaten bis zum 20.01.2021 (wo die Amtseinführung wäre) noch mit juristischen Tricks oder — nicht auszudenken — von Seiten gewaltaffiner Trump-Anhänger geschehen kann.

SpaceX Style

Vorhin war der auf heute verschobene Start der ersten mit zwei Menschen besetzten Crew Dragon, womit die USA seit langer Zeit wieder von eigenem Boden die Internationale Raumstation ISS anfliegt. Ganz klassisch haben wir uns dazu keinen Livestream im Internet angeschaut, sondern die Phoenix-Sendung im Fernsehen. Und davon hab ich dann mit meinem einfachen Handy (kein Smartphone) schlecht aufgelöste Fotos gemacht. Im Nachhinein etwas ironisch, immerhin ist die Raketentechnik heute nicht wesentlich moderner als früher, wenn man mal von der Landung der 1. Raketenstufe der Falcon 9 absieht (die für sich ziemlich beeindruckend ist, aber … wann gibt es endlich richtige Raumschiffe?) Die Raumanzüge, die Inneneinrichtung und das User Interface bringen aber immerhin etwas Science-Fiction-Flair in die Raumfahrt.

Ich gebe zu, dass ich das alles ziemlich cool finde.

Wenn es mir gelingt, die Gedanken an den wirklich sehr gruseligen Donald Trump, die irgendwie täglich schlimmer wirkenden politischen Zustände in seinem Land und die offenbar trotz allem begeisterten Trump-Wähler*innen zu verdrängen. Der Name der Weltraummission „Launch America“ ist vor dem Hintergrund ziemlich zwiespältig. Aber das Thema bräuchte einen längeren Kommentar, als ich jetzt Lust habe zu schreiben.

Donald, der Auserwählte

Ich bin eigentlich ziemlich zurückhaltend. Aber manchmal möchte ich mich doch mal in eine Wüste stellen und laut und anhaltend schreien. Oder auf einen Trump-Tower. Denn Donald Trump hat sich unlängst als Auserwählten bezeichnet: „I’m the chosen one.“

Bericht und Video bei CNN

Donald, komm doch mal her. Fein. So, hier hast du einen Lutscher, damit du mal kurz still bist. Also. Donald, auch wenn es in deinem Statement nur um deinen Handelskrieg mit China geht: Nein, nein, nein, Donald, du bist nicht der Auserwählte. Sowas sagt man heute nicht mehr.

(Wenn, dann war das Neo, aber das ist auch schon zwanzig Jahre her. Wobei … moment mal…)

Donald, ich weiß nicht, was du bist, denn ich kenne dich nicht, aber ich hoffe, du wirst bald nur noch ein alter Mann sein, der seine Tage auf dem Golfplatz verbringt, ohne die Welt jeden Tag schlimmer zu machen. Für deine Brüder und Schwestern im Geiste — BoJo, Salvini, Bolsonaro, Erdogan, Putin, Orban, Höcke, LePen (wen vergessen?) — erhoffe ich mir übrigens dasselbe.

Trefft euch doch alle in einem deiner Hotels zum Bingo und jammert über eine Welt, die ihr nicht versteht, weil ihr dafür zu dumm, zu egozentrisch, zu menschenverachtend, zu soziopathisch oder was weiß ich seid. Der Bingo-Gewinner erhält dann meinetwegen die „volle Macht“ (Salvini) über das Kuchenbuffet. Hauptsache, ihr stört nicht mehr.