Schön unverfilmbar? Foundation (Apple TV)

Manchmal weiß man erst beim Anschauen einer Verfilmung, warum das zu Grunde liegende Buch als unverfilmbar gilt. In diesem Jahr gibt es gleich zwei Großproduktionen, über deren Textgrundlagen das behauptet wird. Beide gehören dem Science-Fiction-Genre an. Zum einen der Kinofilm Dune als Verfilmung von Frank Herberts Roman „Der Wüstenplanet“. Zum anderen die Streamingserie „Foundation“ bei Apple TV, als Verfilmung von Isaac Asimovs gleichnamiger Trilogie. Beide Bücher sind sehr umfangreich und ihre Handlungen spielen zehntausende von Jahren in der Zukunft, in der die Menschen die Galaxis besiedelt haben.

Zukunft-Geschichte

Während die Handlung von Dune jedoch in einem zeitlich und räumlich überschaubarem Rahmen innerhalb des Zukunftspanoramas bleibt und eher wegen der im Buch anklingenden theoretischen Konzepte (v.a. Religion und Philosophie) schwer umsetzbar ist, überspannt Foundation knapp 1.000 Jahre. Und die wurden von Asimov teils nur in kleinen Ausschnitten beleuchtet – es sind eher Kurzgeschichten, die zentrale Ereignisse dieser langen Zeitperiode wiedergeben und keine durchgehende Handlung, bei der es sowas wie dauerhafte Identifikationsfiguren gäbe. Asimov ging es nicht um Individuen, sondern um die Entwicklung ganzer Gesellschaften. Im Prinzip hat er Edward Gibbens „The History of the Decline and Fall of the Roman Empire“ ins Weltall verlegt.

Das von einem Kaiser absolutistisch regierte Imperium umspannt die Galaxis, aber der Mathematiker Hari Seldon hat statistisch berechnet, dass dieses scheinbar unverwundbare Reich bald zerfallen wird. Seldons Mathematik heißt bei Asimov „Psychohistorik“, auch wenn die weder mit Psychologie noch Geschichte viel zu tun hat. Das dunkle Zeitalter wird jedenfalls 30.000 Jahre dauern, aber Seldon hat einen Plan, das auf 1.000 Jahre zu verkürzen. Kleiner ging es bei Asimov nicht, und seine anderen Romane, die am Ende alle mit Foundation verknüpft wurden, reichen noch viel weiter in die Zukunft, sodass Asimov tatsächlich eine Zukunftsgeschichte der Menschheit entwirft – angefangen vom noch fast zu unserer Zeit spielenden „Ich, der Robot“ bis hin zu „Die Rückkehr zur Erde“, das nochmal viele viele Jahre nach Foundation spielt.

Zu Seldons Plan gehört, dass eine Gruppe von Wissenschaftlern eine Kolonie auf dem abgelegenen Planeten Terminus gründet und dort an einer Enzyklopädie arbeitet. Diese Encyclopedia Galactica soll das Wissen der Menschheit bewahren. Das soll die angestrebte Verkürzung des Dunklen Zeitalters ermöglichen. Im Buch zeigt Asimov, wie die Kolonisten (man liest fast nur von Männern) sich am Seldon-Plan entlanghangeln, mit geplanten Krisen fertig werden, und dass am Ende auch scheinbare Störungen zum Plan dazugehören.

Asimov hat seine Handlung vor allem in oft recht technokratischen Dialogen zwischen Politikern vorangetrieben, die Charaktere sind für sich genommen ohne Tiefe, Beziehungen spielen kaum eine Rolle. Die an Seitenzahl umfangreiche Trilogie liest sich schnell weg und ist recht spannend, auch wenn es typische Science-Fiction der 1950er ist. Frauen spielen keine Rolle, Atomkraft ist auch in der Zukunft noch die beste aller Energiequellen und überhaupt ist die Idee, man könne eine ganze Gesellschaft quasi kybernetisch regeln, ein Kind dieser Zeit.

Die Serie

Die Serie bei Apple TV hat nun das Problem, aus einem eher theoretischen Stoff eine fernsehtaugliche Erzählung machen zu müssen, die in unsere Zeit passt. Nach bisher drei ausgestrahlten Folgen (immer freitags) kann man das natürlich noch nicht als Ganzes beurteilen, aber zumindest erste Eckpfeiler der Umsetzung werden deutlich – und erste Probleme.

Ausdrücklich nicht problematisch finde ich, dass wichtige Charaktere wie Gaal Dornick und Salvor Hardin in der Serie anders als im Buch als nicht-weiße Frauen dargestellt werden, auch wenn das manche konservative Leute in Science-Fiction-Foren oder -Kommentarspalten schon wieder zu triggern scheint.

Auch die Idee, dass die Kaiserdynastie aus drei Klonen besteht (ein Kind, ein mittelalter Mann und ein alter bis sehr alter Mann) finde ich interessant, zumal ich die Interaktionen der drei Kaiser untereinander gelungen finde und Lee Pace‘ arrogante Darstellung des mittleren Kaisers („Bruder Tag“) herrlich übertrieben ist. Hier könnte künftig vielleicht fast etwas Game of Thrones-Stimmung aufkommen.

Und ich habe auch nichts gegen Liebesbeziehungen der Charaktere untereinander, immerhin gehört sowas zum Menschsein dazu.

All diese veränderten oder dazu erfundenen Elemente der Handlung machen jedoch deutlich, wie wenig ‚Fleisch‘ eigentlich in Asimovs ursprünglicher Geschichte steckt und zeigen, wie unzeitgemäß sein Buch heute ist. Daher muss man sich wohl davon lösen, die Serie mit dem Buch zu vergleichen und schauen, ob sie auf eigenen Füßen stehen kann.

Schön unverfilmbar

Und da wird es doch wackelig.

Foundation bietet tolle Landschafts- und Weltraumaufnahmen und ein aufwendiges World Building. Das sieht alles sehr teuer aus. Die Schauspieler*innen wie Lou Llobell, Leah Harvey, Jared Harris oder Lee Pace wirken überzeugend.

Der Soundtrack von Bear McCreary (u.a. Battlestar Galactica, Caprica, Outlander) klingt zwar so, wie ein Soundtrack von Bear McCreary immer klingt, ist aber trotzdem ‚schön‘ (Anspieltipp: Gaal leaves Synnax – in dem Song steckt alles, was McCreary schon immer ausgemacht hat, nämlich Melancholie und Wehmut gepaart mit Aufbruchstimmung und Pathos).

Aber sobald sich die Handlung von den Impulsen der Buchvorlage entfernt – zieht es sich. Nach viel Exposition in Folge 1 und der ersten dramatischen Wendung in Folge 2 (die, man muss es sagen, auch wenn das blöd klingt, im Buch nicht vorkommt) passiert in Folge 3 – gar nichts.

Dieses Nichts ist sehr atmosphärisch, wieder schön anzuschauen, vermittelt auch interessante Hintergrundinformationen zur Welt, aber es verschleppt doch die Handlung.

Mich persönlich stört das nicht. Ich mag die Serie. Aber es kann Zuschauer*innen auch abschrecken und ich sehe durchaus die Gefahr, dass die auf 80 Folgen angelegte Serie mangels Erfolg bald wieder eingestellt wird.

Dann wäre quasi experimentell erwiesen, dass Asimovs Buch wirklich unverfilmbar ist.

Gedanken zu Dune (2021)

Frank Herberts 1965 erschienenes Buch „Dune“ (dt. „Der Wüstenplanet“) fasziniert mich seit meiner Kindheit. Das erste Mal lieh ich es mir aus der Kleinstadtbibliothek mit etwa 10 oder 11 Jahren aus, 1991/92, und dann immer wieder. Allerdings las ich damals vor allem die fiktionalen historischen Darstellungen in den Anhängen. Eine menschliche Gesellschaft aus Feudalstaaten, zehntausende Jahre in der Zukunft, ohne Computer (die verbannt waren), aber mit Raumfahrt und mysteriösen Religionen, die in ihren Begriffen noch seltsam vertraut klangen… All das sprach mich an.

Faszination

Ganz konkret in den Bann zogen mich die schlichten Schwarz-Weiß-Zeichnungen von John Schoenherr, besonders die steinerne Kugel, von zwei Händen umfasst, die die Widmung am Anfang des Buches illustrierte. Auch die Sprache, die in der Übersetzung Ronald M. Hahns (1978) seltsam altmodisch und damit auch gewichtig wirkte, ließ mich nicht los. Dass die übersetzte Widmung so ziemlich das Gegenteil von dem ausdrückte, was Herbert eigentlich geschrieben hatte (und was erst 2016 in der Neuübersetzung von Jakob Schmidt behoben wurde), und dass überhaupt die Übersetzung an manchen Stellen eine recht poetische, aber auch freie Nachdichtung war, konnte ich damals nicht wissen.

Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich das Buch wirklich zu lesen begann. 1995 kaufte ich mir auf einem Schulausflug eine illustrierte Ausgabe, die neben Schoenherrs Zeichnungen auch Fotos aus dem Kinofilm von 1984 enthielt. Ein bisschen verknallt war ich damals in die Portraitaufnahmen von Lady Jessica (Francesca Annis). Lady Jessica war die Konkubine von Herzog Leto Atreides (Jürgen Prochnow) und Mutter der Hauptfigur des Romans, Paul Atreides (Kyle MacLachlan). Die Verfilmung von David Lynch wurde nicht besonders gut aufgenommen (übrigens auch nicht von Lynch selbst, zumindest nicht in der Fassung, die am Ende in die Kinos kam), aber wie schon das Buch sog mich der Film durch seine Fremdartigkeit ein. Der Film hat bis heute seine Fans.

Viele Jahre sind seitdem vergangen und September 2021 kommt eine Neuverfilmung in die Kinos. Regisseur ist diesmal Denis Villeneuve (u.a. „Bladerunner 2049“).

Die Story dürfte dieselbe sein: Auf dem Planeten Arrakis, der eine einzige Wüste ist, wird das seltene Spice (Gewürz) angebaut, das den Blick in die Zukunft erlaubt. Das Spice wird von der Raumfahrergilde benötigt, um durch das All zu navigieren – Voraussetzung dafür, dass das Imperium der Menschen Bestand haben kann. Das Haus Atreides wird als Verwalter des Planeten bestellt, was dem konkurrierenden Haus Harkonnen misfällt.

Der junge Paul Atreides wird in diesen Streit hineingezogen, kann aber in die Wüste fliehen und trifft dort auf die Bewohner von Arrakis, die Fremen, die Frank Herbert als eine entfernt islamisch und arabisch geprägte Kultur gestaltet hat. Für die Fremen erweist sich Paul oder Muad’Dib, wie sie ihn nennen, als Messias, als Kwisatz Haderach („Abkürzer des Weges“, das ersehnte Ergebnis einer Generationen andauernden Züchtung). Paul wird zum Anführer der Fremen und führt sie als Armee in einen heiligen Krieg (Jihad) gegen das Imperium, um dessen Herrschaft über Arrakis zu beenden.

Zweifel

Aus heutiger Sicht klingt diese Story nach Imperialismus (weiße Leute beuten eine für sie fremde Welt und deren Menschen aus) und nach dem „white savior“-Motiv (die ausgebeuteten Menschen werden erst durch einen weißen Retter befreit). Oft fällt der Vergleich mit Thomas Edward Lawrence und dem ihm gewidmeten Film „Lawrence von Arabien„. Es wird auch darauf hingewiesen, dass Dune unter amerikanischen Rechten ein beliebter Roman sei, und es wird kritisiert, dass an der Neuverfilmung eines Stoffes, der Anleihen an Kulturen aus dem arabischen Raum nimmt, keine entsprechenden Schauspieler*innen beteiligt sind.

Für den auch gern medienkritisch auftretenden Historiker Paul B. Sturtevant mündet das in der Grundsatzfrage, ob ein Film wie Dune heute wirklich angebracht ist. Er bezweifelt das: „Maybe Dune, a Story about a White Superman Created by a Eugenics Program, is Not the Film We Need Right Now“ („Vielleicht ist Dune, eine Geschichte über einen weißen Supermann, der durch ein Eugenik-Programm geschaffen wurde, nicht der Film, den wir gerade brauchen“).

Am Ende der Handlung des Buches gibt es einen Moment, an dem Paul Atreides an seinen Taten zweifelt, denn in einer Spice-induzierten Vision erkennt er, dass sein als Muad’Dib geführter heiliger Krieg immenses Leid über das bekannte Universum bringen wird. Auch Frank Herberts eigene Aussagen, nach denen er typisches Heldentum ablehnt und kritisiert, werden von manchen als Beleg dafür herangezogen, dass sich Dune in Wahrheit gegen Imperialismus stellt und es sich daher nicht um das „white savior“-Motiv handeln könne.

Doch Paul B. Sturtevant lehnt diese Argumentation ab. Denn in der Romanhandlung dienen die Fremen nur zu zwei Dingen: Sie werden entweder kolonisiert (erst durch das Haus Harkonnen und dann das Haus Atreides, beide zanken sich um Arrakis im Namen des Imperiums), oder sie werden befreit (durch Paul Atreides). Sie erscheinen passiv, haben keine eigenen Ziele, keine eigene „agency“ oder Handlungsfreiheit. Erst Paul Atreides gibt sie ihnen scheinbar. Das ist für Sturtevant der Kern des „white savior“-Motivs: „A lack of agency on the part of the people of color is the core of the ‚white savior.'“ Dass davon am Ende bei Leser*innen und Zuschauer*innen der Eindruck hängen bleiben kann, dass ‚arabisch‘ gelesene Menschen gegen ‚den Westen‘ in den heiligen Krieg ziehen, würde ohnehin bestehende Vorurteile verfestigen.

Was tun?

Unabhängig von diesen, bisher vor allem im englischsprachigen Raum geführten, Debatten wird der Film vermutlich ein großes Publikum anziehen. Der bekannte Regisseur, die zu erwartende gute handwerkliche Qualität und Hans Zimmers Überwältigungs-Soundtrack, der diesmal Anleihen an ‚orientalisch‘ gelesenen Klängen nimmt, werden daraus einen lang ersehnten Blockbuster machen.

Doch wie bei vielen erfolgreichen Unterhaltungsmedien stellt sich die Frage, wie man mit der eigenen Hybris und Verantwortung umgeht. Ob man sich etwa trotz zweifelhafter Aspekte für den Moment von ihnen mitreißen lässt (Sturtevant spricht kritisch von einer „willing suspension of disapproval“); oder ob man den Film zwar anschaut, aber mit bewusst aufrecht erhaltener kritischer Distanz; oder ob man ihn sogar boykottiert, wie das vereinzelt gefordert wird.