Weltraum (oder so).

Grenzen sind ja immer so eine Definitionssache. Das sieht man gut an Staaten, die der Ansicht sind, diese oder jene Region, Insel oder Halbinsel würde doch eigentlich zu ihnen gehören, während der Rest der Welt das mitunter ganz anders sieht (aktuelles Beispiel: China und das US-Kriegsschiff, ein Szenario, das frappierend an den Beginn des kürzlich erschienenen Romans „2034“ von Elliot Ackerman und James G. Stavridis erinnert, ein Buch übrigens, das eher nüchternes Sandkastenspiel denn spannende Erzählung ist). Jedenfalls beginnt der Weltraum, die gern beschworene „letzte Grenze“, nach internationaler Ansicht in etwa 100 km Höhe, bei der sogenannten Kármán-Linie. Ungefähr ab dieser Höhe reicht die Dichte der Erdatmosphäre nicht mehr aus, um auf konventionelle Weise (= mit Tragflächen, die Auftrieb brauchen) zu fliegen.

Darum muss Richard Branson, der u.a. das Musiklabel Virgin, diverse Fluggesellschaften und die Weltraumtourismus-Firma Virgin Galactic gegründet hat, mit dem Spott seines Konkurrenten Jeff Bezos (Blue Origin und, vor allem, Amazon) leben. Branson kam nämlich gestern als Passagier seines eigenen Raketenflugzeugs VSS Unity (SpaceShipTwo) nur auf 83 km — was allerdings immer noch ca. 8 Mal mehr ist, als Sie bei Ihrem nächsten Urlaubsflug erreichen, und zumindest optisch schon sehr nach Weltraum aussieht. Schwerelos ist man auch, zumindest knapp vier Minuten lang, bevor es schon wieder nach unten geht.

Der kurze Ausflug reichte trotzdem dafür, dass Branson und seinen Kolleg*innen das Astronautenabzeichen der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA verliehen wurde (übrigens angesteckt vom kanadischen Astronauten Chris Hadfield, der vor ein paar Jahren durch sein in der Internationalen Raumstation aufgenommenes Gitarrencover des Bowie-Songs „Space Oddity“ bekannt wurde). Denn die USA hat mal irgendwann definiert, dass das Weltall schon bei 80 km beginnt. Jeff Bezos, der eigentlich vor Branson der erste sein wollte, wies schon mal darauf hin, dass seine Astronauten keine Fußnote an ihren Titel anhängen müssen — denn Blue Origins Rakete New Shepherd kann die Kármán-Linie überqueren. Bezos will das am 20. Juli zeigen, und unter anderem wird er die 82jährige Wally Funk mitnehmen. Wally Funk ist Pilotin und bestand in den 1950er Jahren dieselben medizinischen Tests wie die ersten männlichen US-amerikanischen Astronauten, durfte selbst aber nie ins All fliegen. Mehr als 50 Jahre später kann sich das nun ändern.

Der dritte im Bunde verhielt sich bei dem derzeitigen … (schreibe ich das jetzt? Ach, was soll’s …) … galaktischen Schwanzvergleich sehr ruhig. Kurz vor Bransons Start twitterte Branson noch ein Foto, auf dem er zusammen mit Elon Musk zu sehen war — gute Freunde, kurz vor der Fahrradtour am Wochenende. Musk, der neben der Elektroauto-Firma Tesla und dem Gehirnchip-vs.-KI-Unternehmen Neuralink auch der Firma SpaceX vorsteht, kann sich allerdings auch entspannt zurücklehnen. SpaceX führt inzwischen regelmäßig Auftragsflüge für die US-Raumfahrtbehörde NASA durch, seit letztem Jahr auch mit menschlichen Crews. Alles sehr durchgestylt und PR-optimiert, aber bisher immerhin zuverlässig. Auch Bezos hat das eines Tages vor; Blue Origins Schwerlast-Rakete New Glenn soll 2022 das erste Mal starten.

Neben Elon & Jeff on Mars (wie der Satiriker Marc-Uwe Kling die beiden in seinen Känguruh-Comics bei ZEIT online nennt) erscheint Bransons Ansatz als der — gemessen am Nutzen für die Menschheit und Erde — nicht nur umweltschädlichste (ein Flug verursacht 60% der Emissionen eines Transatlantikflugs, und während im Death Valley gerade erst 56,7 °C gemessen wurden, fliegen reiche Leute klimaschädlich durch die Gegend), sondern auch als der sinnloseste. Oberflächlich betrachtet geht es bei Virgin Galactic allein um den kurzen Kick für vergnügungssüchtige Superreiche, die noch auf leicht bekleidete Galionsfiguren an Flugzeugrümpfen stehen (die bei Virgin Atlantic aber mittlerweile immerhin divers gestaltet sind, statt wie vorher nur Frauen zu zeigen).

Trotzdem zieht Branson in seiner Inszenierung alle PR-Register echter Raumfahrt — extra designte blaue Overalls, die so richtig nach Astronaut*in aussehen; die Autokolonne zum Startflugzeug (mehrere Range-Rover-SUVs mit Plugin-Hybrid-Technik, was gut klingt, aber nach Ansicht von Kritiker*innen eher in die Kategorie Greenwashing gehört); die Bezeichnung „Mission Specialist“ für die Besatzung, deren einzige „Mission“ aber Mission ist, also Marketing und zu schauen, wie sich das ganze Erlebnis eigentlich aus Passagiersicht anführt; und natürlich der Live-Stream, der in bester SpaceX-Tradition Innen- und Außenansichten des Fluges anbot.

Und ja, ich nehme das den Leuten an Bord schon ab, dass sie da viel Spaß hatten und fasziniert waren von dem Flug, von der Schwerelosigkeit, vom Anblick der Erde aus so großer Höhe. Ich kann die kindliche Faszination des 70jährigen Branson völlig nachvollziehen, und hätte ich genug Geld und wäre die Technik jahrelang erprobt, wer weiß, ob ich nicht selbst auch mitfliegen würde. Der kleine Kapitalist in mir findet es auch sinnvoll, dass die Raumfahrt privatwirtschaftlich vorangetrieben wird — verschiedene Unternehmen, verschiedene Ansätze, irgendwas davon wird sich vielleicht durchsetzen und irgendwann vielleicht einen erschwinglichen Weg ins Weltall bahnen. Schon als Jugendlicher, so mit 16, 17, wollte ich ins All. Damals stellte ich mir vor, man würde mir einen Flug zum Mars ohne Wiederkehr anbieten — würde ich „ja“ sagen? Und natürlich hätte ich „ja“ gesagt, in meinem jugendlichen Übermut, der von Science-Fiction-Serien wie Star Trek und Babylon 5 geprägt war, aber weder Freundin, Job noch sonstige Verpflichtungen kannte.

Leider steht es nicht gut um die Welt, und wir sind nicht wirklich in einer Lage, in der man unbeschwert darüber nachdenken sollte, wie man die Welt verlassen kann statt sie zu retten. Bransons Ansatz ist der Kurzstreckenflug der Raumfahrt — der schnelle Hüpfer, für den es keine Notwendigkeit gibt und der eigentlich zu unterlassen wäre. Bezos‘ und Musks Ansätze tun wenigstens so, als wären sie nützlich (Internationale Raumstation; Frachttransporte), auch wenn dieser Nutzen zu hinterfragen wäre. Wie viel davon dient der Forschung, und wenn ja, welcher Art von Forschung? Geht es dabei nicht auch am Ende nur um Wirtschaftswachstum?

Bei all dem Gejammer gerade ist mir meine eigene Hybris sehr bewusst — nicht nur, dass ich das Fliegen quasi promote, indem ich Artikel für Flugsimulations-Zeitschriften schreibe, sondern auch, dass ich selbst Flugzeug fliegen lerne, was ich mir damit schön rede, dass Ultraleicht nur wenig Treibstoff verbraucht, ich kein Auto fahre und bisher nur selten als Passagier in den Urlaub geflogen bin. Aber im Prinzip tue ich im Kleinen nichts anderes als die Milliardäre, auf die ich so zynisch herabblicke. Oder wie die Leute, die mit Hingabe an ihren Autos oder Motorrädern schrauben. Die Faszination für Technik und dafür, mit Hilfe von Technik über sich hinauszuwachsen.

Gott, in meinem GameStar-Artikel neulich über eine Simulation des sehr alten Flugzeugs Douglas DC-6 (Paywall) aus den 1950ern habe ich sogar einen Satz geschrieben, der mir irgendwie peinlich ist, gerade weil ich ihn ernst meinte: „Seht ihr, wie schön die Zeiger der ganzen Rundinstrumente zittern, während die Motoren an Leistung gewinnen?“ Das ist nicht mehr weit weg von Leuten wie dem Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt, der neulich in einem taz-Interview davon schwärmte, wie geil er Ferrari-Motoren findet. Und Bransons Trägerflugzeug WhiteKnightTwo mit dem SpaceShipTwo in der Mitte finde ich auch mal sehr schön. Solange umweltschädliche Technik auf diese Weise wirkt (weil sie so inszeniert und ihre Wirkung so tradiert wird), wird das nichts mit der Klimawende. Verdammt.


Hinweis: In der ersten Version des Artikels habe ich den „Spaceport America“ fälschlicherweise in die Mojave-Wüste verlegt. Das war falsch; dort liegt lediglich der „Mojave Air & Space Port“, auf dem u.a. Virgin Galactics erstes Raketenflugzeug, SpaceShipOne, getestet wurde.

(Titelbild: Virgin Galactic)

7 aus dem Strom, 01.09.20

Es wird mal wieder Zeit für eine kleine Sammlung lesenswerter Artikel. Diesmal über rassistische Computersysteme, deren Dekolonialisierung, nochmal Neuralink, Teslas Fabrik in Brandenburg, den Symbolgehalt des Berliner Reichstagsgebäudes und dessen sogenannter „Erstürmung“ durch Corona-Maßnahmen-Gegner*innen, sowie ein Interview mit einer Physikerin über Gravitation.

„Dekolonialisierung von Algorithmen“: Bei taz.de schreibt Adrian Lobe über strukturellen Rassismus in Algorithmen und KI-Systemen. Lobe weist darauf hin, dass Versuche, KI weniger anfällig für rassistische Einstufungen zu machen, eher sekundär ist angesichts des Problems, dass die Klassifizierung, Metrisierung und technische Einbindung des Menschen selbst bereits im Kern rassistischen Ursprungs ist — Lobe zieht eine Linie von den Fingerabdrücken, die im 19. Jahrhundert die indische Kolonialverwaltung an Soldaten nahm, zur Entsperrung des Handys mit dem eigenen Fingerabdruck: „Biometrische Verfahren kolonisieren den Körper und machen das Datensubjekt untertan“, so Lobe.


Ein wichtiger Text, auf den sich Lobe offenbar bezieht, stammt vom südafrikanischen KI-Forscher und DeepMind-Mitarbeiter Shakir Mohamed, erschien bereits 2018. Er ist Essay und optimistischer Aufruf zugleich und endet mit ganz praktischen Schritten, die man als Forderung nach Transparenz und Offenheit zusammenfassen könnte: „We can continue to strengthen open-source software, open-data, and open-access science— publishing more, not less; we can further support accessible machine learning frameworks, and accessible scientific communication; and we can continue to find solutions to the challenges of fairness, privacy, safety, verification, and governance.“ Und als Aufforderung zur Selbstreflexion: „And we can go further, by always challenging our settled assumptions and world-views as we expand the frontiers of our knowledge.“


Als „Neuroscience Theater“ kritisiert Antonio Regalado in Technology Review das kürzliche Update zu Elons Musks Neuralink-Projekt. Regalado weist auf das Science-Fiction-artige Design des für die Implantation der Chips genutzten Roboters hin und ist skeptisch, inwieweit die medizinischen Ziele Neuralinks wirklich eine Rolle spielen. Musk sei in seiner Präsentation immer wieder abgeschweift zu seiner Idee eines „general population device„, mit dem sich Menschen mit Computern verbinden, um mit KI-Systemen Schritt halten zu können.


Elon Musk ist auch Thema in der FAZ, wo Simon Strauß den Unternehmer als Prophet bezeichnet, auf dessen Ankunft in dieser Woche „ganz Brandenburg“ warten würde – „Ein Raumschiff landet in Brandenburg“. Insbesondere folgender Beobachtung Strauß‘ kann ich zustimmen: „Es geht dem neunundvierzigjȁhrigen Musk immer auch um das Streben nach dem Unerreichbaren. Ein futuristischer Übermut treibt diese Firma“ Und dieser Übermut trifft nun auf die brandenburgische Provinz, ein Widerspruch, den Strauß ausführlich ausarbeitet. Ich persönlich muss allerdings auch an Rainald Grebe denken (… ja, das ist schon alt, ich weiß), der damals sang: „In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt! Was soll man auch machen mit 17, 18 in BRANDENBURG?“ Vielleicht in Zukunft mit Teslas … in den Baum …? Aber nein. Diese Autos wird sich angesichts des dortigen niedrigen Lohnniveaus wohl nur eine Minderheit leisten können oder wollen.


„Einschüchternd offen“ betitelt Gerhard Matzig seinen Artikel in der Süddeutschen Zeitung über das Berliner Reichstagsgebäude, dessen Kuppel schon immer Anlass zu Kritik gab — weil Kuppelbauten Macht ausdrückten. Der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II. lehnte die Reichstagskuppel ab, weil ihm das dadurch ausgedrückte Machtbewusstsein des Parlaments missfiel. Als es nach der Wende zum Umbau des Reichtstagsgebäudes kam, war eine Kuppel erst nicht vorgesehen, wurde aber von der Politik gefordert und in der Presse kritisiert. Am Ende ist dies für Matzig jedoch nicht entscheidend. Matzig urteilt: „in einem föderalen System, das auch die durchgeknalltesten Formen der Meinungsfreiheit verträgt, wird die Demokratie nicht an zentralen Plätzen und in staatstragenden Herz-Bauten verteidigt, sondern im Alltag. Die Symbolkraft politischer Architektur ist in Wahrheit so überschaubar wie das sinnlose Wüten dagegen.“ Leider, möchte ich ergänzen, ist es den Demonstrant*innen mit ihrer Aktion gelungen, große Aufmerksamkeit zu erzeugen.


Auch bei der ZEIT geht es daher um das Reichstagsgebäude. Unter dem Titel „Sie brauchten nur dieses eine Foto“ analysiert Dirk Peitz „die Macht der Bilder“, die am Samstag entstanden, als „Querdenken“-Demonstrant*innen auf die Treppe des Reichstagsgebäudes „stürmten“ und dort ein zugleich skurriles wie Besorgnis erregendes Bild boten mit ihren USA-, Russland- und Deutsches-Reich-Flaggen. Peitz fragt sich (übrigens wie ich mich auch), warum eigentlich nicht das Bundeskanzleramt als Symbol der Regierung Ziel war, sondern das Parlament. Der Autor vermutet, diese Demo-Teilnehmer*innen „wollen ‚das Volk‘ sein und ‚das Volk‘ wird vertreten im Parlament. Die vermeintlichen Reichstagserstürmer vom Samstag wollten offenbar als selbsternannte Volksvertreter verstanden werden und sich als solche ins Bild rücken, nicht so sehr als Opponenten gegen die auf Zeit gewählte Inhaberin der ‚Macht‘, die sie ja ohnehin als nicht legitimiert verstehen und also nicht akzeptieren.“


Zum Schluss etwas Grundsätzliches: Im Quanta Magazine war kürzlich ein Interview mit der Physikerin Claudia de Rham, die sich intensiv mit der Gravitation und Einsteins Relativitätstheorie auseinandersetzt. Ein schönes Interview, in dem sowohl die Faszination für theoretische Physik deutlich wird, als auch, wie Forschung in dem Bereich funktioniert.

(Titelbild: cocoparisienne / pixabay.com)

Cyborg gegen KI? Elon Musks „Neuralink“

Auf den Unternehmer Elon Musk scheint der etwas abgegriffene Begriffs des „Machers“ noch zu passen: Elektroautos nicht nur bauen, sondern als attraktiv vermarkten? Das tut Musk mit seiner Firma Tesla, in die er seit 2004 investiert. Dafür in Windeseile eine Fabrik in Brandenburg hochziehen? Scheinbar trotz Protesten kein Problem. Eine private Alternative zur staatlichen US-Raumfahrt bieten? Musk und SpaceX tun das seit 2002; vor ein paar Monaten erstmals auch mit zwei Astronauten an Bord. Menschen und Fracht mit fast Schallgeschwindigkeit durch Tunnelröhren transportieren? Daran arbeitet seit 2013 Musks Hyperloop-Projekt.

Doch neben Transportmitteln interessiert sich Elon Musk auch für die Natur des Menschen selbst: Seit 2016 untersucht Musks Firma Neuralink Möglichkeiten, Computerchips in menschliche Gehirne einzupflanzen. Gehirnchips, die unsere Fähigkeiten erweitern – für die einen Horrorvorstellung, für die anderen nur Beginn transhumanistischer Sehnsucht. Den Prototypen eines Gehirnchips stellte Musk im Juli 2019 vor, und in einem Livestream präsentierte er am Samstag einige Fortschritte bezüglich der Implantation des Chips selbst – 1.024 Elektroden werden von einem Roboter implantiert, angeblich sanfter als bei früheren Methoden (Bericht bei golem.de).

Soll es am Anfang noch um Unterstützung für körperlich beeinträchtigte Menschen gehen, ist Musks Fernziel, die kognitiven Fähigkeiten von Menschen so zu steigern, dass wir mit Künstlicher Intelligenz (KI) mithalten können. Musk hat schon früher betont, dass er KI als zwar nützlich, aber auch als potenzielle Bedrohung ansieht; er unterstützt deshalb die Non-Profit-Organisation OpenAI, die im März mit GPT-3 die bislang am erfolgreichsten funktionierende KI zur Erzeugung längerer englischsprachiger Texte vorgestellt hat.

Die Philosophin Susan Schneider warnte 2019 nach Musks Ankündigung vor den Gefahren, die Musks Pläne für den menschlichen Geist bedeuten würden. In der Financial Times und in der New York Times warnte Schneider vor einem „Selbstmord des menschlichen Geistes“ (näher ausgeführt hat Schneider das etwas später in ihrem Buch „Artificial You: AI and the Future of Your Mind“). Erstaunlicherweise wurde in den Medien aber kaum über Musks Ausgangsthese gesprochen, die ja besagt, dass wir von KI bedroht werden und gleichsam aufrüsten müssen, um dieser Bedrohung Herr zu werden. Dabei ist gerade das Verhältnis von Mensch und KI eine Frage, die zu klären wäre, bevor wir ihretwegen wahlweise zu Cyborgs werden oder jegliche transhumanistische Idee sofort abtun.

Ist also KI für uns Technik wie jede andere, die wir als mündige Nutzer*innen verwenden, um ein konkretes Problem zu lösen?

Oder ist KI etwas, der wir uns einfach nicht werden entziehen können, von deren Leistungen wir abhängig werden (zumindest, wenn wir gesellschaftlich nicht ‚abgehängt‘ werden wollen), und die uns deswegen auch fremdbestimmen wird?

Die Antwort hängt davon ab, welche Einstellung wir modernen Technologien gegenüber einnehmen. Stehen wir ihnen optimistisch gegenüber, oder nehmen wir sie als Bedrohung wahr?

Unbehagliche Umweltkomplexität

Dass wir uns als Menschen von Technik bedroht fühlen, ist nichts Ungewöhnliches. Das betrifft uns sowohl als Gesellschaft (etwa hinsichtlich Umweltfragen und der Gefahr des Arbeitsplatzverlustes) als auch als Individuen. Insbesondere Technik, deren innerer Aufbau und deren Funktionsweise nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, kann zu Unbehagen führen. Das betrifft erstens ihren Einsatz, wenn wir direkt mit ihr zu tun haben, und zweitens Nebenfolgen, von denen wir als Dritte betroffen sein könnten. Denken wir etwa an das Fliegen:

  1. Viele Menschen haben Flugangst. Die Gründe dafür können vielfältig sein, aber eine der Ursachen können wir als ungläubiges Staunen vor einer als unbegreiflich empfundenen Technik beschreiben: Man ist gleichermaßen fasziniert von der Technik wie man besorgt ist, ob sie auch wirklich wie versprochen funktioniert. Wie kann es sein, dass ein Flugzeug bei Triebwerksausfall nicht einfach vom Himmel fällt? Erst wenn man Funktionsweise und Kontext der am Fliegen beteiligten Techniken und physikalischen Zusammenhänge kennt, kann man Risiken rational abschätzen und begründen.
  2. Neben dem Mitfliegen als Passagier*in sind wir vom Fliegen betroffen, weil es in unserer Umwelt stattfindet und diese Umwelt teils massiv verändert. Darauf reagieren Menschen: Denken wir etwa an Flugscham, an Proteste bei Flughafen-Ausbauten oder an Lärmbeschwerden von Anwohner*innen in Flughafennähe. Nicht das Fliegen selbst wird hier als Bedrohung gesehen, sondern die Folgen und die Voraussetzungen des Fliegens werden als Bedrohung Umwelt und der eigenen Gesundheit wahrgenommen.

Ganz ähnlich ist unsere Beziehung zu Technik insgesamt. Wir sehen uns Technik gegenüber: Wir sitzen als klar abgegrenzte Akteur*innen im Flugzeug, vor dem Computer, wir halten die Bohrmaschine in der Hand, und so weiter. Systemtheoretisch ist das eine Leistungsbeziehung zwischen System und Umwelt. Technik ist Umwelt gesellschaftlicher Systeme, wie Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, aber auch einzelner Nutzer*innen. Nach Niklas Luhmann ist die Leistung von Technik, Komplexität zu verringern. Technik wird von ihren Entwickler*innen so eingerichtet, dass sie diese Leistung in den als am wahrscheinlichsten angenommenen Situationen erbringen kann. Um Technik zu nutzen, müssen wir nur gewisse Grundkenntnisse erwerben und können ansonsten darauf vertrauen, dass die Technik unsere Erwartungen erfüllt (wir müssen freilich auch mit Enttäuschung dieses Vertrauens umgehen).

Die systemtheoretische Perspektive auf Nutzer*in und Technik passt gut auf Verhältnisse, in denen man als Beobachter*in unterschiedliche Systeme und ihre Umwelten klar voneinander abgrenzen kann. Schwierig wird es jedoch, wo diese klare Trennung schwer fällt. Künstlicher Intelligenz etwa stehen wir nicht als gewöhnliche Nutzer*in gegenüber wie einer Bohrmaschine oder einer Textverarbeitung. Womöglich wissen wir gar nicht, dass KI hinter einer erbrachten Leistung steckt.

Im Sommer 2019 füllte die „FaceApp“ kurzzeitig das journalistische Sommerloch. Damit können Sie das Foto eines Gesichts mit KI-Hilfe und Bildverarbeitung verändern, zum Beispiel aus einem jungen Mann einen weise aussehenden älteren Herrn zu machen. Oder aus einer jungen Frau eine nette, gütige „Oma“. Andere, technisch ähnliche Anwendungen, erlauben die Generierung fiktionaler Gesichter, die ebenfalls absolut lebensecht aussehen. Das erleichtert Identitätsbetrug.

Ein noch fiktives bedrohliches Szenario könnte die behördlich angeordnete Einschränkung Ihrer Bewegungsfreiheit sein, weil Sie laut KI-Prognose bald eine Straftat begehen werden, von der Sie selbst noch gar nichts wissen. Womöglich könnten Sie Widerspruch gegen die Entscheidung einlegen, hören dann aber nur die Antwort „Es tut mir leid, aber unsere Risiko-KI hat das so entschieden.“ Dann fühlen Sie sich so hilflos wie einst Josef K. in Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ – einem System ausgeliefert, dessen Entscheidungen man nicht versteht und gegen die man nichts, aber auch gar nichts, tun kann.

So eine KI wäre zwar immer noch Umwelt der anderen Systeme, aber ihre Leistungen kämen eher einer Naturgewalt gleich statt einer kontrollierbaren Technik. Die KI würde eher Umweltkomplexität erzeugen statt sie zu verringern. Wer mag es einem Elon Musk da verdenken, dass er Menschen mittels Chip im Kopf die Möglichkeit geben will, einer KI quasi auf Augenhöhe zu begegnen?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Hauptproblem an Musks Ansatz nicht die technische Machbarkeit. Es ist auch nicht die – philosophisch sicher spannende – Frage, ob ein Chip im Gehirn den menschlichen Geist erweitert, so wie es etwa Andy Clark und David J. Chalmers 2013 in ihrer Extended Mind Theory schon für einfache Techniken wie ein Notizbuch behaupteten (und ähnlich schon früher die Medientheorie Marshall McLuhans), oder ob Susan Schneider mit ihrer Selbstmord-These Recht hat. Wenn wir wirklich von KI bedroht sein sollten, ist das Hauptproblem derzeit, ob Musks Ansatz geeignet ist, das Problem zu lösen, oder ob es nicht auch einfacher geht.

Statt Gehirnchips: Verstehen und Intervention

Eine Alternative finden wir in der Forderung, in Bezug auf Digitalisierung eine „Code Literacy“ auszubilden (so Douglas Rushkoff in seinem Buch „Program or be Programmed“), also verstehen zu lernen, wie Computer und Algorithmen mit unseren Daten umgehen, damit wir mündige Nutzer*innen sein können. In Bezug auf KI denke ich dabei an drei Aspekte:

  • die Fähigkeit, zu erkennen, dass wir in einer bestimmten Situation von KI betroffen sind;
  • das Wissen darüber, was eine KI grundsätzlich tun kann oder nicht – wo also ihre realistischen Fähigkeiten und Grenzen liegen;
  • das Wissen darüber, was Menschen, die eine KI einsetzen, mit ihrer Hilfe tun können oder nicht.

Es geht, kurz gesagt, darum, die System-Umwelt-Verhältnisse der beteiligten menschlichen, gesellschaftlichen und technischen Systeme zu klären und die erwarteten und erbrachten Leistungen einzuordnen. Dann ist es möglich, Interventionsmöglichkeiten zu identifizieren und, anders als Josef K. in Kafkas Roman, KI nicht als mystische Macht wahrzunehmen, die irgendwo im Hintergrund lauert, sondern als Technik wie jede andere auch. Die Ausbildung dieser auf KI erweiterten Code Literacy führt zu einer Demystifizierung, die schon Max Weber in Bezug auf Wahrheitsansprüche gefordert hatte, und an die zu erinnern mir mittlerweile auch für das Alltagsleben geboten erscheint.

Aktuelle KI-Systeme sind lediglich mathematische Modelle, deren Einzelteile fast lächerlich einfach erscheinen können (z.B. das einzelne künstliche Neuron eines neuronalen Netzes). Nur dank der großen Zahl der Einzelteile (z.B. aller Neuronen des Netzes) und mehrfach wiederholter Berechnungsdurchgänge entstehen Ergebnisse, die mitunter selbst die Entwickler*innen überraschen. Aber es ist nach wie vor bloße Mathematik, und eine KI kann nicht, wie in der Science Fiction, auf geradezu magische Art über sich hinauswachsen. Entwickler*innen wählen Trainingsdaten aus, legen Aktivierungsfunktionen und Gewichtungen fest, markieren Ergebnisse als gewünscht, um eine Abbruchbedingung für die Berechnung zu haben, und entwickeln Algorithmen, die selbst bei KI-Systemen auf einer basalen Ebene existieren. Daher tut auch eine KI nur das, wofür sie programmiert wurde. Sie ‚trifft‘ keine eigenen Entscheidungen.

Die Verantwortung für Fehlentscheidungen tragen Menschen, und an die müssen wir uns bei Fehlentscheidungen wenden. Zu verstehen, wie KI funktioniert und zu was sie in der Lage ist (und wozu nicht), hilft dabei. Neben bereits bestehenden Arbeiten zur menschenfreundlichen Darstellung von KI-Entscheidungsprozessen wäre es wünschenswert, wenn die Modelle und Datenbasen einer KI einer Open-Source-Pflicht unterliegen würden. Darüber hinaus bedarf es gesellschaftlicher Organisationsformen als Entlastungsfunktion – zum Beispiel in Form spezieller Abteilungen in Unternehmen und Behörden, die unsere Widersprüche gegen KI-Entscheidungen bearbeiten und KI-Entscheidungen übersteuern können, sowie neutraler Schiedsstellen, an die wir uns wenden können, wenn eine andere Einigung nicht möglich ist. Ein zu erwartender Wegfall von Arbeitsplätzen durch KI muss gesellschaftlich bearbeitet werden – von Fortbildungsprogrammen bis hin zu Grundeinkommensmodellen (denn trotz Fortbildung wird nicht jede*r eine andere Tätigkeit finden), ebenso wie mögliche ökologische Folgen des Energieverbrauchs.

Dies wären Ansatzpunkte für eine menschliche Umgangsweise mit Herausforderungen von KI-Einsatz – zwar kritisch und durchaus der Gefahren bewusst, aber unaufgeregt und grundsätzlich technik-optimistisch. KI hingegen als quasi naturgegebene Macht anzusehen, der wir uns nur durch technische Aufrüstung im Gehirn erwehren können, kommt der Bekämpfung von Feuer mit Öl gleich. Neuralinks Produkt wäre für diesen Einsatzzweck eine Technik, die mehr Komplexität schafft als sie verringert, und zumindest in dieser Hinsicht widersinnig. Nicht nur aus Machbarkeitsgründen wäre es sinnvoller, den Fokus auf die viel naheliegenderen medizinischen Möglichkeiten solcher Chips zu legen, die Musk aber nur als Einstieg sieht.

Titelbild: chenspec / pixabay.com

Den Artikel habe ich zeitgleich in meinem Blog in der Freitag.de-Community gepostet.

„Wie lange würden Sie widerstehen können?“ Interview mit Theresa Hannig

Über die Autorin Theresa Hannig haben wir bereits öfter geschrieben. Im Jahr 2017 veröffentlichte sie ihren Debütroman „Die Optimierer“ (Rezension), im Juni 2019 die Fortsetzung „Die Unvollkommenen“ (Rezension). Beide Romane verhandeln eine Frage: Wie können Menschen ihre Individualität bewahren, wenn sie erst durch massives Social Scoring eingestuft, im Sinne einer „Optimalwohlökonomie“ fremdbestimmt und schließlich mit Gehirnchips digital „integriert“ werden? Die Antwort: Es ist bestenfalls kompliziert, und schlimmstenfalls landet man in idyllisch am Ostseestrand gelegenen und mit jedem materiellen Luxus ausgestatteten „Internaten“ — ein goldenes Dystopia.

Therea Hannig (Bildnachweis: privat)

Erstmal eine eher persönliche Frage, da ich Kühlungsborn, die Villa Baltic, den Nienhäger Gespensterwald usw. recht gut kenne: Wieso diese Umgebung für das „Internat“? Haben Sie dazu einen konkreten Bezug?

Ich habe vor einigen Jahren eine Wohnmobiltour durch Ostdeutschland gemacht und zu dieser Gelegenheit auch Kühlungsborn besucht. Es kam mir damals wie eine sehr saubere, sehr durchstrukturierte Kunstwelt vor, in der man die ideale Version eines Sommerurlaubs verbringen konnte. Gleichzeitig erinnerte mich dieser „ideale“ Urlaubsort an den fiktiven Strand „Shell Beach“ aus dem Science-Fiction Film „Dark City“. Dort ist es der Sehnsuchtsort aller Menschen, die in einer stets dunklen Stadt gefangen sind. Schon in meinem Roman „Die Optimierer“ habe ich mich damit auseinandergesetzt, wie gut es für die Menschen ist, wenn alles immer weiter verbessert und (vermeintlich) optimiert wird. Irgendwann gibt es einen Punkt an dem die Optimierung zu perfekt, zu schön, zu sauber und damit unmenschlich wird.

Die Villa Baltic verkörpert mit ihrem morbiden Charme und der alten Grandezza eine Art Luxusgrusel, den ich in meinem „Internat Kühlungsborn“ etablieren wollte. Als ich die Villa gesehen habe, war für mich sofort klar: Da muss das Internat sein! Das Gefühl hat einfach sofort gepasst.

Der Weg durch den Gespensterwald war die notwendige Route, die Lila und Kophler nehmen mussten. Wenn sie eine realistische Strecke mit dem Tretboot fahren, könnten sie dort ankommen. Und welche Autorin würde es sich schon entgehen lassen, ihre Figuren durch einen Gespensterwald zu schicken?

Religion für Menschen, die schon alles haben

Im Roman „Die Optimierer“ war Samson Freitag ein Mensch. In Ihrem neuen Buch wurde Freitags Bewusstsein in einen Roboterkörper übertragen und er wird von der Bevölkerung als Gott verehrt. Das erschien mir ehrlich gesagt etwas eigenartig. Ich hätte erwartet, dass Religion in einer scheinbar so rational durchoptimierten Gesellschaft wie der Bundesrepublik Europa (BEU) gar keine Bedeutung mehr hat. Zudem muss man an Samson eigentlich nicht glauben: Er ist ja eindeutig da, seine Macht „funktioniert“. Rituale, die es in heutigen Religionen gibt, um sich das ersehnte, aber unerreichbare Göttliche näher heran zu holen, sind eigentlich nicht nötig. Und wenn man das nicht religiös sieht, sondern vielleicht als Form der Herstellung von politischer Gemeinschaft, ist es ähnlich: Die Gemeinschaft wird durch Social Scoring, Implantate usw. ohnehin erreicht, die Menschen müssten dafür nicht zu Hunderten zusammenkommen. Warum also trotzdem das freitägliche Propaganda-Event? Welche Lücke füllt es für die Menschen aus?

Seit Samsons Roboterwerdung sind im Roman fünfeinhalb Jahre vergangen. Ich finde das eine recht lange Zeitspanne, wenn man bedenkt, in welchem Tempo die technische Entwicklung fortschreitet. Ein vergleichbares Beispiel zur gesellschaftlichen Durchdringung einer Technologie ist für mich die Verbreitung von WhatsApp. In wenigen Jahren hat sich der Kurznachrichtendienst von einer App unter vielen zum Hauptkommunikationskanal der Weltbevölkerung entwickelt. Niemand zwingt die Leute, dies zu tun und doch sorgt der Netzwerkeffekt dafür, dass es immer notweniger erscheint (manchmal auch ist), sich ebenfalls daran zu beteiligen.

In der BEU des Jahres 2058 hat eine ähnliche Entwicklung stattgefunden. Die Linsen wurden durch Implantate abgelöst – ein kleiner Eingriff, der die Kommunikation extrem vereinfacht. Danach kamen weitere Upgrades hinzu wie die Tympani-Audiochips und auch der Emóchip, die das Leben und die Kontrolle über das eigene Glück revolutionierten. Stellen Sie sich vor, Sie könnten alles tun, alles ausprobieren, was körperliches Wohlbefinden erzeugt (Essen, Alkohol, Drogen, etc.) ohne dafür den Preis (Übergewicht, Kater, Sucht, etc.) zahlen zu müssen.

Wie lange würden Sie widerstehen können?

Hehe, gute Frage. Vor ein paar Tagen gab Elon Musk bekannt, dass er Gehirnchips produzieren will, die langfristig auch neue Fähigkeiten verleihen sollen. Da musste ich natürlich sofort an Ihr Buch denken. Bestimmt wäre ich versucht, sowas zumindest mal auszuprobieren (möglicherweise aber hätte ich dann doch zu viel Angst vor dem Eingriff und noch unbekannten Spätfolgen). Wie sieht’s bei Ihnen aus?

Ich bin sehr um die Integrität meiner Gedanken bemüht. Ich glaube nicht, dass ich es wagen würde, mir in dem zentralen Organ herumpfuschen zu lassen, das meine gesamte Existenz ausmacht.

Nachvollziehbar. Aber nochmal zurück zu Samson Freitags Rolle als spiritueller Führer und leibhaftiger Gott in der BEU Ihres Romans …

In der BEU gibt es nichts mehr, was man nicht erleben, nicht bekommen kann. Aber irgendwann reicht auch der ständige Genuss, die ständige Steigerung des Glücks nicht mehr. Was soll noch kommen, wenn man bereits im Schlaraffenland lebt? Die Antwort für mich ist spirituelle Erlösung.

Samson bietet den Menschen einen Ausweg aus dem „immer mehr“ an. Er verspricht ihnen jetzt schon die ewige Glückseligkeit im Reinen Land. Und es ist kein leeres Versprechen. Die Menschen müssen nicht glauben, nicht hoffen, dass sie irgendwann vielleicht erlöst werden. Samson beweist jeden Tag, dass er die Seelen/Geister der Verstorbenen ins Reine Land einspeist. Die Menschen müssen sich nur an seine Regeln halten und dann ist die Erlösung sicher. Andererseits: Wenn man sich Samson und der Optimierung verschließt, bekommt man gar nichts.

Interessanterweise ist es bei Geschichten über die gängigen monotheistischen Religionen immer andersherum: Die Erlösung steht immer auf der Kippe und man kann sich nie sicher sein, ob man das finale Ticket in den Himmel gelöst hat. Wenn man aber einen Vertrag mit dem Teufel abschließt, ist das Reiseziel totsicher.

Okay, den Gedanken verstehe ich. Die Frage ist aber, ob das wirklich spirituelle Erlösung ist, die die Menschen dort erfahren. Oder nicht doch bloß ein technologisch erzeugter Schein. In der TV-Serie „Caprica“ (2010) will eine Priesterin und Terroristin etwas Ähnliches – sie will „das Paradies“ technologisch erzwingen; die Bewusstseine ihrer Anhänger*innen sollen nach dem Tod – durch Terroranschläge – in eine virtuelle Welt hochgeladen werden anstatt bloß ins Ungewisse hinein glauben zu müssen. Das klappt natürlich nicht und „Gott“ bleibt weiterhin ein nur schwer greifbarer Akteur. Aber ist gerade dieses Nicht-Greifbare nicht erst das, was Spiritualität auszeichnet, und wäre das Eingehen in Samson Freitags „Reines Land“ nicht bloß eine weitere Form eines goldenen Käfigs, an dem eigentlich gar nichts Spirituelles ist, sondern bloß Technik?

Dass Sie fragen, was „wirkliche“ spirituelle Erlösung ist, ist interessant. Es ist wie die Frage, ob Glück auch dann „echtes“ Glück ist, wenn es nur durch Hirnreize verursacht wird. Es ist die Frage, ob ein unglücklicher Sokrates erstrebenswerter ist als ein glückliches Schwein. Diese Frage beschäftigt die Philosophen schon seit Jahrtausenden. Im alten Griechenland kannte man aber noch nicht die Funktionsweise des Gehirns. Solange wir nicht beweisen können, ob es (k)einen Gott gibt, erleben wir nur, was unser Gehirn erlebt.

Da kommt mir noch was anderes in den Sinn, ein Zitat: „Ich weiß, dass dieses Steak nicht existiert. Ich weiß, dass, wenn ich es in meinen Mund stecke, die Matrix meinem Gehirn sagt, dass es saftig ist und ganz köstlich. […] Unwissenheit ist ein Segen.“ (aus dem Film „Matrix“, der dieses Jahr 20 Jahre alt wurde).

Unserem Gehirn ist es egal, woher die Glückshormone kommen – so sehr die Erziehung oder die Sehnsucht nach Sinn in uns dem Glück auch eine tiefere Bedeutung beimessen wollen. Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich empfinde jegliche religiöse Paradiesvorstellung als goldenen Käfig.

Das Reine Land hat aber noch eine andere Komponente, und die ist bisher den meisten Leser*innen (vielleicht aufgrund des kulturellen Hintergrunds) entgangen. Das Reine Land ist ein buddhistisches Konzept. Es ist eine Vorstufe, ein Vorhimmel, in dem die Seelen sich auf die „echte“ Erlösung im Nirwana vorbereiten können.

Oh, das wusste ich tatsächlich nicht. Vor dem Hintergrund gewinnen die Figur Samson Freitag (der als Roboter wiedergeborene Mensch, der ja quasi noch ein „Hybrid“ ist) sowie das von neueren (nicht auf einer früheren menschlichen Existenz beruhenden) Robotern verfolgte politische Ziel, diese Hybriden abzuschaffen, ja noch eine ganz andere Bedeutung!

Zwischen Dystopie und Utopie

Die Gesellschaft, die Sie in Ihren Romanen zeigen, ist wie eine Gratwanderung zwischen Utopie und Dystopie. Es gibt in ihr ein durchaus komfortables Leben, aber nur, wenn man sich der Überwachung nicht entzieht. Sehen Sie selbst Ihr Buch als Warnung vor möglichen Entwicklungen, oder gibt es Aspekte an der BEU, die Ihnen sinnvoll, sogar erstrebenswert erscheinen?

Ich finde viele Entwicklungen und Errungenschaften der BEU durchaus erstrebenswert. Der Dreh- und Angelpunkt zwischen Utopie und Dystopie ist für mich die Freiheit der persönlichen Entscheidung. Wenn ich die Wahl habe, mich zu optimieren oder die Wahl habe, mich integrieren zu lassen, ist das eine positive Entwicklung. Wird aber ein gesellschaftlicher Zwang daraus, ist es eine Diktatur. Die Grenzen sind oft fließend.

Zum Beispiel müssen wir unseren Konsum von Fleisch und Milchprodukten massiv einschränken, um das Klima zu schonen. Deshalb hoffe ich auf leckeres Synthfleisch.

Ich persönlich bin außerdem ein großer Fan des Bedingungslosen Grundeinkommens und auch der festen Überzeugung, dass wir in Hinblick auf Automatisierung und Einsatz der KI in der Arbeitswelt gar nicht darum herumkommen werden.

Darf ich fragen, welches Modell Sie da favorisieren?

Das einfachste: 1000 Euro (oder eine vergleichbar hohe Summe, die ein menschenwürdiges Leben in der jeweiligen Region ermöglich), bedingungslos für jeden. Und dann sehen wir weiter.

Die „Integration“, über die Sie in Ihrem Buch schreiben, ist auch einer der Teile, die sowohl locken als auch erschrecken. Ich versuche ja gerade, mich der Integration in Facebook und WhatsApp zu verweigern. Ich merke aber auch, wie viel einfacher es mit Facebook wäre, z.B. die Beiträge unseres Blogs bekannter zu machen. Man merkt heute schon, wie sehr man bestimmte Technologien eigentlich braucht, wenn man „mithalten“ will …

Ich habe vor kurzem mit großem Bedauern und unter Protest meinen Widerstand gegen WhatsApp aufgegeben, weil die gesellschaftlichen Nachteile, die ich und meine Familie durch das Fernblieben von WhatsApp erfahren mussten, nicht mehr hinnehmbar waren. Ich fand und finde das nach wie vor schlimm. Ich hoffe, dass wir es in naher Zukunft schaffen, den Facebook-Konzern politisch so in die Schranken zu weisen, dass der Datenschutz wieder gewahrt wird.

Autorinnen in der Science Fiction und struktureller Sexismus

Nicht-männliche und nicht-weiße Menschen erscheinen als Autor*innen zu technischen Themen und auch im Science-Fiction-Genre noch immer als Ausnahme. Gerade muss ich an Nnedi Okorafor denken, weil von ihr vor einer Weile zwei Bücher auf Deutsch erschienen sind. Aber wenn man in große Buchläden geht, sieht man vor allem weiße männliche Autoren. Woran liegt diese Wahrnehmung — läuft da viel unter dem Radar der großen Verlage bzw. von deren Marketing ab, oder trifft es nach wie vor zu, dass Mädchen und Frauen nicht so „technisch“ sozialisiert werden und darum weniger dazu arbeiten?

Struktureller Sexismus, wie wir ihn in vielen Bereichen unserer Gesellschaft kennen, ist ein sich selbstverstärkender Prozess. Wenn Mädchen eingeredet wird: Technik ist nichts für dich und Informatik auch nicht, dann werden sie sich seltener für diese Themen interessieren, seltener in diesen Bereichen arbeiten und so haben wir dann wieder eine Realität, in der es fast nur Grundschullehrerinnen und fast nur KFZ-Mechatroniker gibt, die sich Jungs und Mädchen dann wieder als entsprechende Vorbilder heraussuchen.

Erfreulicherweise brechen diese verkrusteten Strukturen endlich auf. Männer werden Erzieher, Frauen Informatikprofessorinnen und geschlechtergerechte Sprache hilft Kindern dabei, sich ihre Zukunft unabhängig von sprachlichen Stereotypen auszumalen. Das alles ist aber ein langsamer und langwieriger Prozess, der immer wieder neu angestoßen werden muss, denn von alleine passiert die Gleichberechtigung nicht.

Seit gut einem Jahr engagiere ich mich aktiv für die Sichtbarkeit von Frauen in der Gesellschaft im Allgemeinen und in der Science Fiction im Besonderen. Aus erster Hand erfahre ich nun, wie es ist, als Frau in einem Genre zu schreiben, das zum Großteil den Männern vorbehalten ist. Das Projekt „Frauenzählen“ von Nina George beweist, dass das Gefühl nicht trügt: Von Frauen verfasste Science-Fiction-Romane werden wesentlich seltener rezensiert (und damit öffentlich wahrgenommen) als von Männern verfasste. Das Verhältnis liegt bei 21:79! Das ist noch schlechter als im „normalen“ Literaturbetrieb, wo Literatur von Frauen lediglich halb so oft besprochen wird wie die von Männern.

So ist es kein Wunder, dass Science-Fiction-Autorinnen in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu unsichtbar sind. Doch es gibt sie, das kann ich versichern. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, dem empfehle ich die neue „Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen“ auf Wikipedia. Da findet man eine ganze Menge Autorinnen, deren Werke lesenswert sind.

Welche nicht-männlichen und ggf. nicht-weißen Autor*innen zu verwandten Themen würden Sie zum Weiterlesen empfehlen — sowohl fiktional als auch technikphilosophisch? Gibt es international welche, die Ihrer Ansicht nach eigentlich mal ins Deutsche übersetzt werden sollten?

Ich bin der Sexismus-Falle auch erst seit gut einem Jahr entstiegen. Alles was ich bis dahin gelesen habe, war zu 98% weiß und männlich – ohne dass ich dies intendiert hätte oder es mir überhaupt aufgefallen wäre! Das ist für mich selbst am erstaunlichsten und auch ein bisschen beschämend. Aber deshalb kann ich auch verstehen, wenn es anderen ähnlich geht. Das passiert leider, wenn man die Bücher nach Cover oder Empfehlung aussucht und sich keine Gedanken darüber macht, wer sie eigentlich geschrieben hat. In den letzten Monaten habe ich aber ein bisschen aufgeholt und bemühe mich, weiblicher und im Allgemeinen diverser zu lesen. Hier also ein paar Empfehlungen – wenn Sie mich in ein paar Jahren noch einmal fragen, habe ich da hoffentlich mehr zu bieten:

Allen, die sich für Science-Fiction und Utopien interessieren, kann ich das Werk von Ursula K. Le Guin empfehlen, das 2018 und 2019 auch neu ins Deutsche übersetzt wurde. Ich mag an Le Guin besonders, dass sie positive Gesellschaftsentwürfe beschreibt (in denen die Menschen mit ihren Schwächen natürlich trotzdem auf Probleme stoßen), die Anlass zur Hoffnung geben.

Dann hat mir Ann Leckies Roman „Maschinen“ gut gefallen. Er ist besonders in der deutschen Übersetzung interessant, da hier experimentell im generischen Femininum geschrieben wird – eine Erfahrung, die mir noch einmal die Augen dafür geöffnet hat, wie selbstverständlich wir das generische Maskulinum benutzen und damit dem Male-Bias in allen Bereichen Vorschub leisten.

Sehr interessant finde ich auch die Romane von Judith Vogt, die sie teilweise allein, teilweise zusammen mit ihrem Mann Christian schreibt. Judith ist eine Autorin, die mich auf dem Weg zum Feminismus sehr beeinflusst hat. Dabei setzt sie sich nicht nur für Frauen in der Literatur ein, sondern generell für mehr Diversität. Im Oktober wird ihr neuer Roman „Wasteland“ erscheinen, in dem mit so manchen Gender-Stereotypen gebrochen wird.

Für weitere Leseempfehlungen von Autor*innen, die nicht männlich und weiß sind, bin ich immer dankbar!

In Ihrem Blog schreiben Sie über die Probleme, die Wikipedia offenbar mit einer von Ihnen erstellten Liste weiblicher SF-Schriftstellerinnen hat — bzw. dass diese Liste von Männern als irrelevant abgetan wird. Sogar Jan Böhmermann hat darüber berichtet, und es gibt eine Petition. Wie ist denn da der Stand, und welche Erfahrungen — positive wie negative — machen Sie als weibliche Autorin fiktionaler Texte mit sowohl politischen als auch technologischen Themen?

Meine Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen hat die heiße Diskussionsphase glücklicherweise überlebt. Aber am 20. Juli wurde der Wikipedia-Artikel über das Nornennetz – Netzwerk für Fantastik-Autorinnen gelöscht und der neu angelegte Wikipedia-Artikel über das Phantastik-Autoren-Netzwerk (PAN) zur Löschung vorgeschlagen. Offenbar sind dafür die gleichen Wikipedianer*innen verantwortlich, die schon gegen die Liste deutschsprachiger Science-Fiction-Autorinnen gewettert haben. Es scheint also, als ob der Kampf für mehr Sichtbarkeit von Frauen in eine zweite Runde geht.

Die ganze Wikipedia-Diskussion der vergangen Monate ist mittlerweile auf eine Länge von über 1200 Romanseiten angewachsen (wenn man denn Lust hätte, das Ganze auszudrucken!) In meinem Blog unter #wikifueralle gehe ich im Detail auf die verschiedenen Aspekte unseres Projekts ein, deshalb an dieser Stelle nur so viel:

Weil wir vermeiden wollten, dass zukünftig wieder weibliche Listen wegen vermeintlicher „Irrelevanz, Redundanz und Dubiosität“ gelöscht werden, haben wir die Aktion #wikifueralle ins Leben gerufen. Ziel war es, Frauen und nicht-binäre Menschen in der deutschsprachigen Wikipedia sichtbarer zu machen. Unsere Anliegen

  1. Gemischtgeschlechtlichen Listen, in denen sowohl Frauen als auch Männer aufgeführt werden, wie z.B. die Liste von Malern, sollten in Zukunft „Liste von Malerinnen und Malern“ genannt werden können. Außerdem sollten die Listen nach Geschlecht sortierbar sein können.
  2. Generell sollte es möglich (nicht verpflichtend) sein, die Wikipedia-Artikeltexte in geschlechtergerechter Sprache zu verfassen.
  3. Artikeltitel und Kategorien sollten auf Beidnennung umgestellt werden können. So hätte also der Artikel Raumfahrer in Zukunft „Raumfahrerin und Raumfahrer“ heißen können.
  4. Über unsere Petition auf change.org haben wir Neulinge und insbesondere Frauen und nicht-binäre Menschen dazu aufgerufen, sich an der Wikipedia zu beteiligen, um auf diese Weise den Male-Bias zu beseitigen. Denn etwa 10-15% der Wikipedia-Autor*innen sind keine Männer, nur 15% aller Biographien wurden über Frauen verfasst.

Die Anliegen 1-3 haben wir mithilfe sogenannter Meinungsbilder zur Abstimmung gebracht. So können aktive Wikipedia-Autor*innen (mit mehr als 200 Artikelbearbeitungen) über die Regeln und Verfahren der Wikipedia bestimmen. Leider wurden alle unsere Vorschläge abgelehnt. Mich hat das besonders enttäuscht, da wir in unseren Vorschlägen niemanden einschränken, sondern lediglich eine Möglichkeit für mehr Diversität bieten wollten. Leider hat die Community auch dies abgelehnt.

Auch sehr bedauerlich fand ich, dass wir im Laufe der Diskussion immer mehr Abstand davon nehmen mussten, auch nicht-binäre Menschen in unsere Vorschläge einzubeziehen und uns hauptsächlich auf die binäre Beidnennung beschränken mussten (die ja dann trotzdem abgelehnt wurde). Das lag an den technischen Gegebenheiten der Wikipedia. Weil * und _ keine normalen Buchstaben sind, hätten Titel oder Kategorien in geschlechtergerechter Sprache mit Genderstern oder Gendergap zu unvorhersehbaren Problemen bei der internen Suche geführt. Deshalb mussten wir dieses Vorhaben relativ schnell fallenlassen.

Ich habe in den langen #wikifueralle Diskussionen eine Menge über die Wikipedia-Community gelernt und im Zuge dessen auf einige strukturelle Probleme aufmerksam gemacht. Generell halte ich die Wikipedia aber nach wie vor für eine großartige Errungenschaft des freien Internets. Wie in jedem anderen Sozialen Medium gibt es auch hier Trolle, die besonders laut schreien. Doch im Hintergrund arbeiten tausende ehrenamtliche Menschen, die sich vielleicht nicht an den Diskussionen beteiligen, die aber inhaltlich den Laden am Laufen halten. Deshalb möchte ich nach wie vor jede*n ermutigen, bei der Wikipedia mitzuarbeiten und die Community so insgesamt offener und diverser zu machen.

Über das Schreiben und zur Arbeit mit Verlagen

Erzählen Sie bitte etwas über Ihren fachlichen Hintergrund. Sie haben Philosophie studiert, mit welchen Schwerpunkten? Sie schreiben Romane, die man auch als Science Fiction klassifizieren kann. Sehen Sie sich primär als Philosophin (und arbeiten auch als solche) oder als Schriftstellerin?

Ich hatte das Glück, noch einen Magisterstudiengang absolvieren zu dürfen, bei dem ich Politik als Hauptfach und Philosophie und VWL als Nebenfach studieren konnte. Das war eine tolle Kombination, um Herkunft, Funktion und Auswirkungen der Politik von allen Seiten zu beleuchten. Meine politiktheoretischen Schwerpunkte lagen beim Gesellschaftsvertrag. Besonders mochte ich die Ansätze von Jean-Jacques Rousseau und John Rawls aber an Platon und Aristoteles kommt man als Staatstheoretikerin natürlich nicht vorbei! Ich mag normative Politiktheorien, die das positive (und irrationale) Wesen der Menschen miteinbeziehen. Rein mechanische Theorien (wie sie vor allem in der Analyse der Internationalen Beziehungen vorkommen) funktionieren zwar, fühlen sich aber irgendwie immer an, als habe man einen Stein im Schuh. Man kann den menschlichen Faktor einfach nicht aus der Politik herauskürzen. Die USA unter Obama und die USA unter Trump sind zwei vollkommen verschiedene Akteure.

In der Philosophie habe ich mich neben Staatstheorie auch viel mit Religionsphilosophie beschäftigt. Zwei Hauptfelder waren das Problem der Theodizee (warum lässt Gott das Übel in der Welt zu?) und die Mechanismen von Sünde und Erlösung.

In Hinblick auf meine Romane kann man also sagen: Das ergibt bisher durchaus alles Sinn! Ich sehe mich aber weiterhin hauptsächlich als Schriftstellerin – Meine Ideen in Geschichten zu verpacken macht eindeutig mehr Spaß, als wissenschaftliche Texte zu verfassen.

Wie sind Sie zu Ihrem Thema gekommen?

Ich selber war immer schon technik-affin und habe gerne programmiert und mich mit Science-Fiction beschäftigt. Trotzdem habe ich mich beim Schreiben von „Die Optimierer“ selbst gar nicht als Science-Fiction-Autorin gesehen. Für mich spielt der gesellschaftspolitische Aspekt eine größere Rolle. Aber die technische, in die Zukunft extrapolierte Fiktion – sprich Science-Fiction – macht die Sache für mich interessanter. Generell mag ich Geschichten, in denen nicht alles läuft, wie erwartet und an irgendeiner Stelle die Realität aus den Fugen gerät.

Waren Sie in der Ausgestaltung Ihrer beiden Romane frei oder hat Ihr Verlag Einfluss genommen?

Ich war inhaltlich frei. Aber beim Titel konnte ich mich mit meinen Vorstellungen leider nicht durchsetzen. Mein Wunschtitel für „Die Unvollkommenen“ war eigentlich „Reines Land“. Leider war dieser Titel dem Verlag zu heikel, da befürchtet wurde, uninformierte Leser könnten vermuten, der Roman sei politisch rechts zu verorten und würde sich deshalb schlecht verkaufen.

Ach Gott. Ja, wenn man darauf gestoßen wird, könnte man diese Befürchtung vielleicht nachvollziehen, aber in dem Kontext, in dem der Roman erschienen ist, bei dem Klappentext und bei der Handlung wäre ich von selbst nicht auf diese Idee gekommen. Wie sehen Sie persönlich solche Vorsichtsmaßnahmen? Sind die sinnvoll oder heute gar nötig?

Ich bin unschlüssig. Nach wie vor trauere ich dem Titel ein wenig nach. Andererseits hat der Vertrieb eines so großen Verlags mehr Erfahrung, was die „Verkäuflichkeit“ eines Titels betrifft. Obwohl ich gerne alles so machen würde, wie ich es für richtig halte, habe ich doch ein Interesse daran, dass meine Bücher gelesen werden! Wenn der Titel stimmt, das Buch aber am Ende keiner liest, habe ich auch nichts gewonnen.

War von Anfang an eine Fortsetzung zu „Die Optimierer“ geplant oder war das ein Wunsch des Verlags?

„Die Optimierer“ war ursprünglich als eigenständige und abgeschlossene Geschichte geplant. Nachdem der Roman aber einigen Erfolg hatte, wurde ich gefragt, ob ich nicht eine Fortsetzung schreiben wolle. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon eine andere Geschichte konzipiert und schon ein paar Kapitel geschrieben. Wie sich herausstellte, passten die Idee und das Konzept nach einigen Anpassungen wunderbar in die Optimalwohlökonomie der BEU und schon nach kurzer Zeit fügten sich die Storylines ineinander, als sei alles von langer Hand geplant worden. Das ist die Magie beim Schreiben. Ein Kollege meinte neulich, dass das Unterbewusstsein die Geschichten wahrscheinlich schon längst fertig hat und sie dem schreibenden Ich einfach Stück für Stück offenbart.

So ist auch „Die Unvollkommenen“ eigentlich ein in sich abgeschlossener, eigenständiger Roman (wenn man die Wahl hat, ist es trotzdem sinnvoll „Die Optimierer“ vorher zu lesen).

Ich würde das sogar unbedingt empfehlen. Die ganze Welt wird reichhaltiger und stimmiger, wenn man den ersten Band gelesen hat. Wird es denn jetzt, wo sich die Situation im 2. Band so verändert hat, noch einen dritten Teil geben?

Es gibt natürlich immer Anknüpfungspunkte für neue Geschichten. In diesem Sinne will ich es nicht kategorisch ausschließen, dass es irgendwann einen 3. Teil geben könnte, zumal der Wunsch auch schon von einigen Leser*innen geäußert wurde. Aber auch dann wäre der Roman eine in sich geschlossene Geschichte, die ein neues Thema bearbeiten würde. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

Ich bin sehr gespannt darauf – in doppelter Hinsicht 😉 und danke Ihnen für das Interview!

Ich danke Ihnen! Es hat mir großen Spaß gemacht!