Interview mit Susanne Kaiser zum Buch „Politische Männlichkeit“

Im Buch „Politische Männlichkeit“ führt Susanne Kaiser in die Entstehung, Struktur und Ideologie der sogenannten Incel-Szene ein — eine vor allem online in Internetforen existierende Parallelwelt „unfreiwillig enthaltsam“ lebender Menschen; primär Männer, die dort ihren Selbst- und Frauenhass pflegen. Immer wieder entstehen aus der Szene heraus erschreckende Anschläge, aber es gibt auch ideologische Verbindungen zu rechten Parteien und Religionen. Im E-Mail-Interview hat mir Susanne Kaiser einige Fragen beantwortet.

Für die Leser*innen, die Ihr Buch und unsere Rezension noch nicht kennen: Was möchten Sie mit Ihrem Buch bewegen und wen vor allem ansprechen?

Ich möchte all diejenigen ansprechen, die sich mit dem autoritären Backlash auseinandersetzen, die sich für Phänomene wie den Aufstieg des Rechtspopulismus oder Extremismus interessieren und die gesellschaftliche Debatten spannend finden. Mit meiner zeitdiagnostischen Analyse will ich etwas beleuchten, von dem ich glaube, dass wir es noch zu wenig sehen: Der autoritäre Backlash ist männlich.

Wie sieht es da eigentlich mit den Reaktionen auf Ihr Buch aus? Bekommen Sie selbst „Rückmeldung“ von den im Buch diskutierten Kreisen?

Das eben Gesagte bestätigen auch die Reaktionen auf mein Buch von beispielsweise frauenfeindlichen Männerrechtlern, die selbst im Buch vorkommen. Sie geben sich viel Mühe, die Thesen im Buch zu widerlegen und dabei aber nicht zu feindlich aufzutreten, wie man es sonst von ihren Seiten im Internet kennt, die für ein kleineres Publikum gedacht sind. Nur manche kommentieren auch ganz offen Dinge wie „Wenn Frauen jemals etwas Bedeutendes hervorgebracht hätten – wüssten wir dann nicht davon?“. Alles in allem werden diese Bemühungen von den meisten Lesenden aber als genau das wahrgenommen, was sie sind: Der Beweis dafür, wie misogyn in ihrer Männlichkeit verunsicherte Männer reagieren.

Susanne Kaiser schreibt über gesellschaftliche Debatten, im November 2020 erschien bei Suhrkamp das Buch „Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen“

Die Beispiele, über die Sie berichten, bzw. die Bücher und „Manifeste“, aus denen Sie zitieren, sind erschreckend. Man will nicht wahrhaben, dass diese, Entschuldigung, völlig durchgeknallten Leute und deren Ideen so eine Wirkmächtigkeit haben. Andererseits gibt es Trump & Co. … Wo sehen Sie die Schnittmenge zwischen „Incels“ und Mannosphäre im engeren Sinne mit Tagespolitik, Mainstreammedien und der breiteren Bevölkerung?

Der Weg zwischen Incels und breiter Bevölkerung verläuft gradueller, als wir es als Gesellschaft wahrhaben wollen. Incelattentäter, Rechtsterroristen, religiöse Fundamentalisten werden reflexhaft als verrückte Einzeltäter oder Minderheiten dargestellt, die keinen Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit hätten. Aber das stimmt natürlich nicht. In unseren westlichen Gesellschaften herrschen immer noch patriarchale Strukturen vor, es gibt immer noch Sexismus und Frauenverachtung in breiten Schichten der Bevölkerung — solche extremen Bewegungen gedeihen also aus der Mitte der Gesellschaft heraus.

Im Alltag werden immer noch Sprüche wie „typisch Frau“ oder „Frauen sind halt so“ verwendet (und natürlich auch umgekehrt: „typisch Mann“). Dann die Werbung: Ich bekam vorhin eine Spam-Mail für eine amerikanische Segel-Zeitschrift, auf deren Cover sich eine Frau im Bikini auf dem Deck sonnte. Ein Shop für Flugsimulationen schaltete vor ein paar Jahren Anzeigen, die im Pinup-Stil Frauen vor Flugzeugen inszenierte, mit teils zweideutigen Sprüchen. Und für manche erfolgreichen Computerspiele entwickeln männliche Spieler Modifikationen, die die Körper von Frauen in pornografischer Weise in den Vordergrund stellen… Dieses weite Feld zwische Alltag und Medien trägt zu strukturellem Sexismus bei. Was können wir tun, um das zu bekämpfen? Reicht dafür politische Bildung aus, Appelle an die Vernunft, ständiger Widerspruch im Alltag, Leserbriefe an Medien? Oder braucht es härtere soziale Maßnahmen, zum Beispiel das „Canceln“?

Sexismus und Frauenverachtung sind weit verbreitet, aber wir sprechen darüber nicht offen. Wir nennen Femizide „Familientragödien“ und manipulative Vergewaltiger wie Marilyn Manson Genies, die „ihre Dämonen nicht verstecken“. Das wäre der wichtigste Schritt: Sexismus und Misogynie als solche sichtbar zu machen und darüber zu diskutieren. Bis hin zu Methoden der „Cancel Culture“, die ich für legitim halte. Wenn bei Politikerinnen herauskommt, dass sie ihre Doktorarbeit manipuliert haben, werden sie auch sofort gecancelt — das ist ganz normal und niemand fragt sich, ob die Öffentlichkeit nicht lieber erstmal auf irgendeine Gerichtsentscheidung warten sollte, bis sie den Rücktritt fordert. Warum sollte mit Leuten, die Frauen manipuliert oder vergewaltigt haben, anders verfahren werden? Warum sollte man sexistische Werbung, die Frauenkörper für kapitalistische Zwecke ausbeutet, nicht boykottieren — wenn wir aber gleichzeitig gegen Produkte Stimmung machen, die mit Tierversuchen oder anderem Tierelend ihr Geld verdienen?

Dass extreme Bewegungen in der Mitte der Gesellschaft wachsen, zeigt sich auch darin, dass die Bewegungen, die ich dem autoritären Backlash zuordnen würde, politisch Einfluss nehmen: Indem sie sich unter dem Männlichkeitsthema vernetzt und zusammengeschlossen haben, haben sie Donald Trump ins Präsidentenamt gebracht. Da hat die rechtsextreme Altright-Bewegung Wählerstimmen in Incelforen mobilisiert und mit Evangelikalen gemeinsame Sache gemacht. Drei Gruppierungen also, die ja nur eine einzige Gemeinsamkeit haben: Sie wollen Frauen wieder auf einen untergeordneten Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie zurückverweisen, der Feminismus ist ihr Feindbild. Das sehen wir nicht nur in den USA, auch in Europa oder Lateinamerika gibt es solche Mobilmachungen, von der sich Teile der Bevölkerung abholen lassen. Und die politisch erfolgreich sind und dann Gleichberechtigung zurückrollen können.

Das Internet hat ganz neue Möglichkeiten der Sichtbarkeit, der Vernetzung und Organisationsfähgikeit geschaffen. Einsame soziophobe Nerds hätten sich im analogen Zeitalter per Definitionem nicht in großen Gruppen getroffen — heute können sie allein vor ihrem Rechner sitzen und sich mit einer großen Masse an Gleichgesinnten austauschen, sie können ihren Frauenhass organisieren und ihr verschwörungsideologisches Weltbild entwickeln. Wenn solche Menschen dann durch Gewalttaten — durch Terroranschläge gegen Frauen etwa, wie wir sie schon gesehen haben — Einfluss auf die Gesellschaft nehmen und auch in den Mainstreammedien sichtbar werden, ist die Grenze zwischen Paralleluniversum Mannosphäre und der „Wirklichkeit“, die wir so gerne konstruieren, spätestens aufgehoben.

In Kommentarspalten in großen Medien sind immer wieder frauenfeindliche Äußerungen zu hören, oft gepaart mit Rassismus. Was kann ein Medienunternehmen tun, wenn es dazu kommt? Entsprechende Nutzer wurden dann mitunter kurz verwarnt und bei Wiederholung geblockt. Ist das Blocken hier die beste Medizin oder besteht danach die Gefahr weiterer Radikalisierung?

Medienunternehmen müssen klare Grenzen ziehen, es gibt Dinge, die nicht öffentlich gesagt werden dürfen, nämlich alles, was sich als Hass, Beleidigung, Bedrohung, Herabwürdigung und so weiter äußert. Da sind Straftatbestände erfüllt und Menschenrechte werden angegriffen, die in unserer Verfassung stehen und unsere demokratische Basis darstellen. Medien haben da eine große Verantwortung, weil sie einen Standard setzen, was sagbar ist und was nicht. Das hat nichts mit Zensur oder „politischer Korrektheit“ zu tun, wie dann gerne eine solche Kommentarpolicy der Medien diffamiert wird, sondern mit Grundrechtsprinzipien. Grundrechte wie Würde, Gleichheit, Unversertheit regeln ja nicht nur das Verhältnis vom Staat zur Bürgerin, sondern auch das der Mitglieder einer Gesellschaft untereinander. Dem sind Medien selbstverständlich verpflichtet.

In dem Zusammenhang nochmal zu dem Werbungbeispiel: Die Grenze bei dem Covermotiv mit der Frau auf dem Sonnendeck oder den Pinup-artigen Flugzeugbildern kann man sicher unterschiedlich sehen — aus eher traditioneller, ‚männlich‘ sozialisierter Sicht mag das als ‚normal‘ gelten, vielleicht auch als schön oder gar mit einem künstlerischem Anspruch (Motivgestaltung) versehen. Aus kritischer Sicht geht es bei „Sex sells“ aber um die Ausnutzung des menschlichen Körpers für kapitalistische Zwecke (primär des Körpers der abgebildeten Frauen, indirekt auch des Körpers der meist männlichen Käufer, die davon angesprochen werden sollen, insofern die Werbung da auf deren körperliche Reaktionen setzt). Sind die derzeitigen Gesetze vielleicht noch viel zu weich, weil die Würde des Menschen auch durch solche akzeptierten Formen der Ausbeutung verletzt wird? Oder gibt es hier eine akzeptable Grauzone?

Man kann nicht alles mit Gesetzen regeln, es sollte eine Grauzone der gesellschaftlichen Verhandlung geben. Manche Dinge können nicht von oben verordnet werden — das hat das Scheitern des Staatsfeminismus in vielen Ländern, z.B. in Tunesien gezeigt, wo sich eine ultrakonservative reaktionäre Bewegung gegen Frauenrechte entwickelt hat. Aber Entwicklungen wie die Cancel Culture sollten dafür auch nicht reguliert werden. Gleichzeitig würden weichere Maßnahmen helfen, wie Quoten oder Förderungen für vorbildliche Beispiele — Positivanreize. Und offene Debatten, die aber muss die Gesellschaft leisten und die Politik dann aufnehmen.

Foren der Radikalisierung zu bannen, finde ich vernünftig. Dadurch nimmt Radikalisierung nicht zu, sondern ab. Denn gerade in der Incelszene gibt es viele, die sich hineinziehen lassen in das düstere geschlossene Weltbild, weil sie zufällig auf die Szene gestoßen sind. Das ist das gleiche wie in der salafistischen Szene in Europa. In Deutschland zum Beispiel sind die ersten Suchergebnisse, die einer Person angeboten werden, die „Islam“, „Konvertieren“ oder ähnliches sucht, solche von salafistischen Organisationen. So können junge Menschen auf der Suche in einen fatalen Sog geraten.

Kann man sagen: Je weniger Alltagssexismus es gibt, desto größer die Gefahr durch radikale Incels oder zumindest durch eine sehr konservative Reaktion? Oder gibt es trotz der internationalen Vernetzung Hoffnung, dass sich auch das Incelphänomen im Laufe der Zeit abschwächen wird — weil die Vertreter dieser Sicht irgendwann akzeptieren, dass ihre Sicht nicht zeitgemäß ist, oder sie durch eine neue Generation abgelöst werden?

Nein, genau andersherum: Weil es noch so viel Alltagssexismus gibt und Männer immer noch mit Ansprüchen gegenüber Frauen, zum Beispiel auf deren Körper und auf sexuelle Verfügbarkeit, sozialisiert werden, gibt es überhaupt Incels und andere Maskulinisten. Natürlich reagieren diese Gruppierungen so heftig, weil ihre männlichen Privilegien in Gefahr sind dadurch, dass Frauen mehr Rechte haben als jemals zuvor und eine viel größere Rolle spielen in Politik und Gesellschaft. Aber das Problem ist ja nicht die Gleichberechtigung, sondern dass manche Männer sich damit nicht abfinden wollen, dass es heute nicht mehr reicht, einfach nur männlich zu sein, um etwas bestimmtes zu haben oder zu erreichen.

Es gibt diese Wendung aus der zweiten Welle des Feminismus: Wenn man Privilegien gewöhnt ist, fühlt sich Gleichberechtigung wie Unterdrückung an. Das ist das Problem.

Vielen Dank für das Interview!

Incels, Fundamentalisten, Autoritäre und das Patriarchat: „Politische Männlichkeit“ von Susanne Kaiser (2020)

Es vergeht kein Jahr, in dem es nicht zu aus Hass begangenen Attentaten junger Männer kommt, die meist als ‚Amoklauf‘ bezeichnet werden, so als handelte es sich um ein kontextloses ‚Durchdrehen‘ — zuletzt der Anschlag eines 21jährigen auf Supermarkt-Kund*innen in Boulder, Colorado, USA am 22.03.2021; eine Woche vorher, am 16.03.2021, das Attentat auf einen ‚Massagesalon‘ in Atlanta. Während das Motiv der Boulder-Tat noch unklar ist, gibt es beim Anschlag in Atlanta klare Bezüge zu Rassismus und Sexismus. Die Opfer des ebenfalls 21jährigen Täters waren vorwiegend Frauen asiatischer Herkunft — die Tat ist damit nur ein Beispiel für die seit Beginn der Corona-Krise um 149 (!) Prozent gestiegene Zahl antiasiatischer Hasskriminalität in den sechzehn größten amerikanischen Städten. Siebzig Prozent der Opfer sind Frauen.

In dem verlinkten Artikel weist Vina Yun darauf hin, dass „das weiße Nordamerika asiatische Frauen fast ausschließlich durch eine sexuelle Linse betrachtet.“ Es gebe, so Yun, „eine direkte und kausale Linie zwischen der Hypersexualisierung asiatischer Frauenkörper und der Gewalt gegen Frauen, die als asiatisch wahrgenommen werden“. Diese Linie steht laut Yun in einer noch älteren europäischen, kolonialistischen Tradition, die bis Marco Polo zurückgehe — „die ‚orientalische Frau‘ als Produkt westlicher männlicher Imagination“. Der Täter von Atlanta, heißt es, sei selbst Kunde des ‚Massagesalons‘ gewesen und hätte diesen „Ort der ‚Versuchung'“ vernichten wollen.

Der ‚autoritäre Backlash‘

Um ein umfassenderes Verständnis solcher Taten zu erlangen, ist es nötig, gesellschaftliche Kontexte aufzuschlüsseln. Anders als von Politik und manchen Medien gern dargestellt, handelt es sich bei Taten wie der in Atlanta nicht (oder nicht nur) um das Werk einzelner, psychisch gestörter Personen. Stattdessen ordnet es sich nicht nur in eine lange kulturelle Tradition der Unterdrückung und Ausbeutung ein (wie Vina Yun im o.g. Artikel zeigt), sondern auch in das vergleichsweise neue Phänomen der sogenannten „Incels“ („involuntary celibates, unfreiwillig zölibatär lebende) — aufgrund ihrer eigenen unerfüllten Sexualität frustrierte Männer leben im Internet ihre Frauen- und Selbstverachtung aus und einige von ihnen begehen schreckliche Verbrechen. Dass es hier um eine globale, nicht eben kleine, Szene geht, von der echte Gefahr für ein freies gesellschaftliches Zusammenleben ausgeht, wird deutlich, wenn man das im November 2020 bei Suhrkamp erschienene Buch „Politische Männlichkeit“ von Susanne Kaiser heranzieht.

Dabei war der Begriff „Incel“ zu Beginn nicht negativ besetzt. Er entstand 1997, als die kanadische Studentin Alana Boltwood eine Website und Mailingliste einrichtete, um eine Plattform zum Austausch für unfreiwillig enthaltsam lebende Menschen jeden Geschlechts einrichtete. Daher gibt es, so Kaiser, eine weite und eine enge Definition des Begriffs: „Im weiteren Sinne meint ‚Incel‘ jeden Menschen unabhängig vom Geschlecht, der unfreiwillig enthaltsam lebt“. Für diese Menschen gibt es seriöse Selbsthilfeforen zum Erfahrungsaustausch. Die enge Definition dagegen ist die, von der Gefahr ausgeht: „Im engeren Sinne […] handelt es sich um eine Bewegung von Männern, die ihren Frauenhass kultivieren und organisieren.“

Liest man Kaisers Buch, kommt man aus dem Erschrecken nicht heraus. Erschrecken über motivisch zumindest lose verbundene Gewalttaten, unter anderem von Anders Breiveik (2011, Oslo und Utøya) über Elliot Rodger (2014, Santa Barbara) und Brenton Tarrant (2019, Christchurch) bis zum Attentäter von Halle, Stephan Balliet (2019). Erschrecken über die Ideologien, die dahinter stehen und die sich in einer oft kruden, frauenfreien „Mannosphäre“ entwickeln, deren Ideale meist nichts mit einer aufgeklärten liberalen Demokratie zu tun haben.

Bei einer 2001 durchgeführten Studie „[gab] [f]ast die Hälfte der befragten sexlosen Erwachsenen an, generell unfähig zu sein, eine soziale Beziehung herzustellen“. Kaiser spricht von einer Antriebslosigkeit , die alle Bereiche des Lebens durchziehe: „Viele sind arbeitslos und nur in einem Feld aktiv: im Internet, entweder als Gamer oder beim Posten“ in Foren, in denen „sich Incels in einen zynischen, oft auch suizidalen Nihilismus hinein[steigern]“. Ebenfalls erschreckend: Wir reden hier nicht über ein paar hundert, sondern über mehrere zehntausend Menschen, die sich in diversen Reddit-Foren und Imageboards sammeln.

Susanne Kaiser zeichnet in ihrem Buch die Entstehung und Verbreitung dieser Szene nach, erklärt Begriffe und Codes dieser Parallelwelt, geht auf die theoretischen Grundlagen ein, auf die sich Incels gern berufen, und ordnet Medienereignissse entsprechend ein. Kaiser zeichnet das Paradoxon nach, dass Attentäter wie Elliot Rodger zwar ein patriarchales männliches Anspruchsdenken hätten, aber gleichzeitig überhaupt nicht dem Männlichkeitsideal entsprächen, von dem sie ausgingen: „Einerseits hängt Rodger einem althergebrachten patriarchalen Männlichkeitsideal an, dem zufolge Frauen ihm Sex und andere ‚Dienstleistungen‘ schulden. Andererseits aber verkörpert er selbst überhaupt nicht das Ideal hegemonialer Männlichkeit. […] Er wartet passiv und frustriert ab.“ Dies sei das Spannungsverhältnis, das bei Incels wie Rodger zu Frustration und letztlich zu Verbrechen führte.

Aber, und das ist wichtig, solche Anschläge sind nur der Extremfall für ein gesamtgesellschaftlich häufig vorhandenes männliches Anspruchsdenken, so als würden Frauen den Männern etwas schulden. Die zahlreichen Fälle im Kontext von #MeToo, die Missbrauchsvorwürfe um den Musiker Marylin Manson, aber auch die Vorgänge um den (jetzt früheren) Intendanten der Berliner Volksbühne Klaus Dörr und den BILD-Chef Julian Reichelt zeigen genau dasselbe Anspruchsdenken, bei denen Männer in Machtpositionen diese Macht auf aggressive Weise (ob nun körperlich oder nur verbal) ausleben.

Dass solche Fälle zunehmend thematisiert werden, zeigt einerseits, dass patriarchale Strukturen zunehmend gefährdet sind. Doch dies, so Kaiser im Rückgriff auf die Gewaltforscherin Jess Hill und den Männlichkeitsforscher Michael Kimmel, bedeutet andererseits eine größere Gefahr durch Gewalt: „‚Die erhöhte Aufmerksamkeit für männliche Gewalt […] könnte Täter gerade gefährlicher machen.‘ Hill beobachtet diesen Zusammenhang für Australien. […] ‚Der Backlash ist real und er ist gewalttätig.'“

Die konkreten Formen des Backlash unterscheiden sich im Einzelnen — während sich Anders Breivek in seinem ‚Manifest‘ eine ‚heile Familie‘ der 1950er herbeifantasierte, wünschen sich andere Extremisten eine Art ‚weiße Scharia‘ –, aber (das arbeitet Susanne Kaiser klar heraus) „[i]hnen gemein ist die Herabwürdigung von Frauen. Und dass es sich dabei eben nicht um Wahnvorstellungen einzelner Irrlichternder handelt, sondern um ein transformatorisches Programm, zeigen die zahlreichen Akteure, die diese Ideen in politisches Handeln zu übersetzen versuchen.“

Akteure, die sehr heterogen sind und von Religion über Vereine bis zur Politik ein großes Spektrum abdecken. In manchen Ländern Europas, wie Polen und Ungarn, sind sie in Regierungsverantwortung, in anderen Ländern handelt es sich um starke Lobbygruppen. In Deutschland ist u.a. an die AfD zu denken. Die verschiedenen Akteure mögen im Einzelnen unterschiedliche Schwerpunkte verfolgen. Aber „[s]chaut man […] hinter die verschiedenen Anliegen, findet sich immer dasselbe Muster […] Der Herrschaftsanspruch und die Privilegien, die mit — meistens weißer — Männlichkeit verbunden sind, werden erbittert verteidigt.“

Kaiser zeichnet gegen Schluss ihres Buches nach, wie die „Anti-Genderisten“ sich finanzieren und ihre Politik umsetzen, und welche Rolle Figuren wie der frühere US-Präsident Donald Trump, die französische Rassemblement National-Vorsitzende Marine Le Pen oder die AfD-Politikerin Alice Weidel dabei spielen, die rückwärtsgewandte Politik für möglichst viele Wähler*innen (nicht nur Männer) attraktiv zu machen.

Fazit

Susanne Kaisers Buch ist ein wichtiger Beitrag, der den Blick auf sonst nur am Rande wahrgenommene Phänomene lenkt, wenn wieder einmal ein sogenannter ‚Amoklauf‘ durch die Medien geistert. Kaiser zeigt sehr plausibel, dass es eine ideologische Ebene gibt, auf der Taten von ‚Incels‘, etwa Anschläge wie der in Atlanta, zusammenhängen mit häuslicher Gewalt von Männern gegen Frauen sowie mit mit Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien weltweit. Zurück geht dies letztlich auf Verteidigungsreflexe eines patriarchalen Weltbilds.

Das Buch „Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen“ von Susanne Kaiser erschien 2020 bei Suhrkamp.

7 aus dem Strom: Juli ’19

Nach längerer Pause — Urlaub, Erkältung, Urlaub — habe ich aus dem reißenden Strom des Internet mal wieder sieben Artikel zu Gesellschaft und Wissenschaft ausge“siebt“, die ich in den letzten Wochen für besonders lesenswert hielt.

In ihrem Blog/Magazin Ant1heldin schreibt Sabine Friedrich über feministische Popkultur. Unter anderem nimmt sie Filme und Serien unter die Lupe und berichtet über Bücher. Zuletzt hat sie Virginie Despentes Buch „King Kong Theorie“ vorgestellt, das 2018 neu übersetzt wurde. Das Buch, das sieben Essays enthält, sei „ein einziger wütender Rundumschlag gegen alle gesellschaftlichen Zerrbilder von Geschlechtsidentität und Sexualität — und ein Lobgesang auf das Unangepasstsein“. Friedrich bespricht die einzelnen Essays, hebt deren lohnenswerte Gedanken vor, wenngleich sie manche Thesen als „sehr plakativ und vereinfachend“ empfindet und „ein bisschen Differenziertheit“ vermisst. Virginies Buch ist 2018 bei KiWi erschienen.


Bei ZEIT online wurde ein Artikel des Historikers Bodo Mrozek veröffentlicht, in dem Mrozek sich ausführlich mit dem von Rechten öfter getätigten Vorwurf auseinandersetzt, dass sich als urban und global verstehende Menschen keine Heimat mehr hätten. Unter anderem wiederholt der AfD-Politiker Alexander Gauland häufiger diesen Gedanken. Um diesen Vorwurf zu entkräften — vielleicht auch zu entlarven –, geht Mrozek weit zurück in die Medien- und Kulturgeschichte. Ein sehr langer, ziemlich dicht geschriebener, aber sehr lesenswerter Text.


In einem Beitrag im Missy Magazine (der schon im März online ging) denkt Ina Holev darüber nach, wie der Begriff des „digitalen Kolonialismus“ besser zu fassen ist. Damit ist gemeint, dass Internet-Technologien durch eine männliche, weiße, ‚westliche‘ Sicht dominiert werden. Länder, die man auch als „globaler Norden“ bezeichnet, exportieren Hard- und Software in andere, wirtschaftlich ärmere Regionen, während die für die Herstellung von Hardware nötigen Rohstoffe aus diesen Regionen stammen. Und mit dem Export von Hard- und Software werden auch Inhalte exportiert. Daher fragt Ina Holev, wie „ein Internet als digitales Archiv und Kommunikationsplattform funktionieren [kann], in denen das Wissen von Frauen und queeren Menschen, People of Color und anderen marginalisierten Gruppen ohne Einschränkungen zur Verfügung steht?“ Dass das keine theoretische Frage ferner Länder ist, sondern auch ein deutsches Problem, zeigen z.B. die Vorgänge um die Liste weiblicher Science-Fiction-Autor*innen in der deutschsprachigen, männlich dominierten Wikipedia (siehe unser Interview mit Theresa Hannig).


Wer sich noch mehr mit Fragen von Digitalisierung, Gerechtigkeit und Umweltschutz befassen möchte, sollte sich einmal den Tagungsband der Konferenz „Bits & Bäume“ anschauen. Die Tagung fand im November 2018 statt und Anfang Juli erschien dazu das Buch „Was Bits und Bäume verbindet“. Herausgeberinnen sind Vivian Frick und Anja Höfner von der Technischen Universität Berlin. Der Band lässt sich kostenlos herunterladen oder für 20,00 EUR beim oekom-Verlag kaufen. Zahlreiche Autor*innen präsentieren darin wissenschaftlich und theoretisch fundierte, aber praxisnahe Ideen zu einer gerechteren und nachhaltigeren digitalen Gesellschaft. Die auch optisch sehr gut gestalteten Beiträge sind in fünf Kategorien unterteilt. Der Teil „Wie schwer wiegt ein Bit?“ etwa fragt nach den „soziale[n] und ökologische[n] Auswirkungen“ der heute üblichen Digitalisierung. Der Abschnitt „Alternativ wirtschaften“ präsentiert dann Ansätze, wie eine „andere Digitalisierung“ gelingen kann. Mehr zu dem Buch und ein Interview mit den Herausgeberinnen in Kürze auf ueberstrom.net.


Ein Aspekt der digitalen Gesellschaft ist Künstliche Intelligenz. Die ist keine Science Fiction mehr, sondern Alltag. Neben Datenschutz-Bedenken rückt zunehmend auch ihr Energieverbrauch in den Fokus. Der spektrum.de-Autor Adrian Lobe gibt hierzu einen umfassenden Überblick.


Abseits größerer gesellschaftlich-politischer Zusammenhänge kann Computertechnik auch auf basalster physikalischer Ebene problematische Folgen für die von ihr abhängenden Menschen und Gesellschaften haben. Ganz weit entfernt von großen Themen wie Datenschutz und Nachhaltigkeit ist etwa die Zuverlässigkeit digitalen Rechnens als solche immer wieder ein Problem. Im Alltag merken wir selten etwas davon, aber digitale Computerchips sind grundsätzlich fehleranfällig. Ein häufiger Fehler sind sogenannte Bit Flips. Ein Bit ist die kleinste Einheit in einem Computer, heute meist als winzigkleine Schaltung auf einem Chip umgesetzt, die Strom durchlässt oder nicht. Bei einem Bit Flip kehrt sich der Wert eines Bits plötzlich um: Was 0 ist, wird 1 oder umgekehrt. Der Schalter springt einfach um. Das ist ein natürlicher Vorgang, der sich nicht ganz vermeiden lässt. Ein Bit Flip kann etwa durch den Einfluss kosmischer Strahlung geschehen, wie im Jahr 2003, als in Belgien das erste Mal Wahlautomaten eingesetzt wurden. Durch einen Bit Flip wurde das Ergebnis falsch berechnet (siehe dazu folgende Animation, die vom WNYC Radiolab erstellt wurde, wo es auch einen längeren Podcast zu dem Thema gibt).

Animation zu Bit Flips bei der Wahl 2003 in Belgien (WNYC Studios Radiolab)

Man versucht die Folgen von Bit Flips zu begrenzen, indem man ein Mehrheitsprinzip benutzt. Dann wird der Wert eines logischen Bits z.B. durch drei physische Bits dargestellt: Ist das logische Bit 1, dann liegen idealerweise auch drei physische Bits (111) vor. Aber auch, wenn nur zwei der drei physischen Bits 1 sind (110, 101 oder 011), ist das darauf aufbauende logische Bit 1, denn die Mehrheit der physischen Bits ist 1 — das physische Bit, das 0 ist, muss das fehlerhafte sein. Wegen des Auftretens von Bit Flips würde man gerne wissen, wie empfindlich eine logische Schaltung für Bit Flips ist. Wie viele Bits der Eingabe dürfen ‚umkippen‘, bis sich die Ausgabe der Funktion verändert? Das war für Jahrzehnte ein ungelöstes mathematisches Problem, das als „sensitivity conjecture“ bekannt ist. Der Mathematiker Hao Huang hat dieses Problem nun gelöst, wie Erica Klarreich in ihrem umfangreichen Artikel im Quanta Magazine berichtet. Der ist auch für Nicht-Mathematiker verständlich (das Paper von Hao Huang gibt es als PDF hier).


Raumfahrt ist faszinierend, aber immer mit dem Risiko von Umweltschäden behaftet. Es werden starke Raketen mit chemischen Antrieben benötigt, um den Bereich der Erdanziehung zu verlassen. Im All angekommen, bewegt man sich ebenfalls mit Hydrazintriebwerken fort oder hat einen Radioisotopengenerator an Bord. Wenn beim Start auf der Erde etwas schiefgeht, besteht die Gefahr, dass das hochgiftige Hydrazin oder radioaktives Material in die Umwelt gelangen (mal abgesehen von den Emissionen der Raketen beim erfolgreichen Start). Um wenigstens den Teil des gefährlichen Treibstoffs einzusparen, der im All selbst genutzt wird, werden alternative Antriebe entwickelt, z.B. Ionenantriebe. Eine weitere Alternative können Sonnensegel sein. Um das zu testen, hat die Organisation „The Planetary Society“ den Satelliten LightSail 2 in den Weltraum geschossen und Ende Juli dessen Segel entfaltet. Darüber berichtete die New York Times. Ein Sonnensegel soll die von der Sonne ausgehenden Photonen nutzen, um ein Raumfahrzeug zu beschleunigen. Zumindest theoretisch wäre damit ein treibstoffloses Reisen möglich.