Kurzkritik: The Flight Attendant

Man sollte echt keine Menschen in Schubladen stecken. Im Bereich Film & Fernsehen gilt das sowohl für die Schauspieler*innen als auch für ihre Rollen. Ich habe gerade die acht Folgen umfassende US-amerikanische Serie „The Flight Attendant“ mit Kaley Cuoco in der Hauptrolle beendet (HBO Max, Amazon Prime). Ich war nicht nur insgesamt positiv überrascht von der Qualität der Serie, sondern auch speziell von Cuocos Darstellung und der Entwicklung ihrer Rolle. Was als skurrile, ins comedyhafte driftende und sehr vergnügliche Reise beginnt, entwickelt sich schnell in eine tragikomische Richtung, deren zunehmende surreale Elemente eher dramatisch als lustig sind. Eine eigentümliche Mischung, mit der ich so nicht gerechnet hätte.

Cassie Bowden (Kaley Cuoco) ist Flugbegleiterin in der 1. Klasse einer Airline. Ihr beruflicher Alltag spielt sich zwischen Thailand und Korea, Rom und New York ab. Ihre Freizeit verbringt Cassie mit Partys, kurzen Affären und ziemlich viel Wodka. Eines morgens wacht sie in Thailand (es wurde übrigens wirklich vor Ort gedreht) neben der Leiche von Alex Sokolov (Michiel Huisman), ihres One-Night-Stands vom Vortag, auf. Ihr bisher durch den Wechsel von Flugplänen, Hotelaufenthalten und Erholung zu Hause durchgetaktetes Leben gerät dadurch erwartbar aus den Fugen. Schnell ist sie die Hauptverdächtige für die zur Amtshilfe dazugebetene FBI-Ermittlerin Kim Hammond (Merle Dandridge) und ihren tendenziell übergriffigen Kollegen Van White (Amadeus Strobl). Mit ihrer besten Freundin und Anwältin Annie (Zosia Mamet), regelmäßigen inneren Monologen mit einem sehr lebendig wirkenden Ebenbild von Alex und viel chaotischer Entscheidungsfreude versucht Cassie, ihre Unschuld zu beweisen und gleichzeitig der mysteriösen Miranda (herrlich irre: Michelle Gomez) auf die Schliche zu kommen, ohne von der umgebracht zu werden.

Was als eher heiterer Spaß beginnt, wird im weiteren Verlauf düsterer, je mehr man von Cassies verdrängter Vorgeschichte erfährt. Kindheitstraumata werden durch Flashbacks erst mysteriös angeteasert und am Ende befriedigend aufgelöst. Bis dahin zweifelt man mitunter daran, was real ist und was vielleicht Folge von Cassies zunehmender Alkoholabhängigkeit. In den besten Momenten hat mich die so erzeugte Atmosphäre positiv an die britische Serie Life on Mars (2006) erinnert, in der Dramatik und Komödie ebenfalls auf sehr skurrile und zugleich anrührende Weise verschmolzen waren.

Nein, eine weltumspannende Verschwörung gibt es trotz des globalen Settings in The Flight Attendant nicht, die Dramen liegen letztlich auf der persönlichen Ebene, und das wird von Kaley Cuoco wirklich überzeugend gespielt. Man hofft und leidet mit ihr, auch wenn sie einem manchmal auf die Nerven gehen kann. Wer die Schauspielerin nur als Penny aus The Big Bang Theory kennt, kann in The Flight Attendant sehen, dass sie durchaus zu mehr in der Lage ist.

Eine zweite Staffel der Serie, die auf einer Buchvorlage von Chris Bohjalian aus dem Jahr 2018 basiert, wurde bereits genehmigt.

The Flight Attendant Trailer (HBO Max, 2020)

Das analoge Medium Videotext lebt auch im digitalen Zeitalter weiter

In den Zeiten der allgemeinen Digitalisierungseuphorie, die seit der Corona Krise noch einmal mächtig Fahrt aufgenommen hat, finde ich es sehr angenehm, dass der analoge Videotext sein 40jähriges Jubiläum feiert. Seit Jahren besteht mein tägliches Ritual darin, abends durch meine Lieblingsseiten des Videotexts zu blättern – dieser verlässliche analoge Dinosaurier des Medienzeitalters. Er wird zuverlässig stetig aktualisiert, man braucht nur drei Zahlen einzugeben und die Seiten erscheinen mittlerweile genauso schnell wie beim Surfen durch das Internet.

Die Unaufgeregtheit beim Lesen des Videotexts liegt darin, dass man wirklich nur Text vor sich hat und nicht durch andere Bilder, Links oder andere Informationen abgelenkt wird, wie es im Internet fast ständig der Fall ist. Im Unterschied zu Online-Angeboten sparen wir beim Videotext Zeit, weil wir uns nicht endlos durch irgendwelche Links klicken müssen und dadurch Gefahr laufen, uns in Online-Zeitungen oder auf Social-Media-Plattformen zu verlieren. Und wir sind danach meistens genauso gut über die wichtigsten Neuigkeiten des Tages informiert, als wenn wir eine Stunde lang durch das Internet mäandert sind. Außerdem kann man sich die Seiten des Videotexts parallel zum Fernsehen anschauen ohne ein zweites Gerät verwenden zu müssen und kann währenddessen recht problemlos der laufenden Fernsehsendung folgen.

Medien verschwinden, sobald ein neues Medium entwickelt wurde, das die Funktion eines alten Mediums aufgreift, verbessert und schließlich ersetzt. Der Videotext erfüllt immer noch eine ganz spezielle Funktion, die sich bewährt hat und existiert deshalb immer noch. Wenn es um die Veröffentlichung von News geht, ist der Videotext häufig immer noch ein bisschen schneller als das Internet. Und auch wenn er mittlerweile mit der digitalen Technik verknüpft ist (der Videotext lässt sich mittlerweile zum Beispiel auch online auf dem Smartphone oder Tablet abrufen), hat er sich bis heute in seiner Darstellung und Funktion so gut wie gar nicht verändert und bietet einen ordnenden Halt in der chaotisch vernetzten Welt.

Das ist wirklich sehr bemerkenswert, da das Internet prinzipiell eine so große Menge an Informationen aus aller Welt bietet, so dass wir uns fragen könnten, warum der Videotext mit seinen kurzen und zahlenmäßig limitierten Texten weiterhin von Millionen von Menschen in Deutschland regelmäßig aufgerufen wird. Es ist möglicherweise ihre Sehnsucht nach kurzen verständlichen und klar strukturierten Informationen, die uns schneller auf den neuesten Stand bringen als es das oftmals verwirrende Internet je könnte. Hierbei können wir eine gewisse Parallelität zu den weiterhin äußerst beliebten Kurznachrichten-Diensten feststellen. In unseren vollen Medienalltag bringen kurze Texte, die unsere Aufmerksamkeitsspanne nicht überfordern, eine Phase der ordnenden Ruhe hinein, durch wir uns kurz entspannen und auf das Wesentliche fokussieren können.

Derzeit ist im ARD-Videotext zu lesen, dass man an einem Preisausschreiben teilnehmen kann und dazu auch eine gute alte Postkarte versenden kann. Und mit ein bisschen Glück gewinnt man dann eine sehr gelungene analoge Broschüre zum Jubiläum des Teletexts. Ach, da werde ich doch ein bisschen nostalgisch und fühle mich in die 1980er Jahre meiner Kindheit zurückversetzt, in der die Moderator*innen noch eingesandte Postkarten von Zuschauer*innen vorlasen.

(Titelbild: unknown author / Commons.wikimedia.org)

Bowie, Bolly and the Guv — zum 10jährigen Serienende von Life on Mars und Ashes to Ashes

Vor zehn Jahren, am 21. Mai 2010, endete mit der Ausstrahlung der letzten Folge von Ashes to Ashes ein britisches Serienuniversum, das am 9. Januar 2006 als Life on Mars seinen Anfang genommen hatte — ein ganz eigenartiger Mix aus Krimi, Spaß, Kulturkritik und Melancholie. In beiden Serien werden zwei moderne britische Polizist*innen in die 1970er bzw. 1980er versetzt, wo sie schnell feststellen müssen, dass ihre modernen Formen der Polizeiarbeit dort nicht nur vollkommen unbekannt sind, sondern als lächerlich bis verrückt erscheinen. Eine Erinnerung, ein ‚Nachruf‘.

Take a look at the lawman / Beating up the wrong guy

David Bowie, Life on Mars
Sam Tyler (John Simm) in Life on Mars (Bild: Wikipedia)

In Life on Mars erwacht Detective Chief Inspector (DCI) Sam Tyler (John Simm) im Jahr 1973, nachdem er von einem Auto angefahren wurde. „Am I mad, in a coma or back in time?“ fragt er von nun an im Vorspann jeder Folge, während er sich daran gewöhnt, nur noch Detective Inspector (DI) in einem homophoben, frauenfeindlichen, rassistischen und auch auf alle sonst denkbaren Weisen von toxischer Männlichkeit geprägten Team zu arbeiten.

Wobei Team nicht der richtige Ausdruck ist — es ist eher das kleine Königreich von Tylers neuem Chef, DCI Gene Hunt (Philip Glenister). Hunt, oder kurz: der Guv, versteht unter richtiger Polizeiarbeit etwas komplett anderes als Tyler. Verdächtige und manchmal auch Zeugen werden höchst unsanft befragt, Beweise auch schon mal platziert, und weibliche Polizistinnen nicht für voll genommen. Man rauft sich jedoch zusammen, lernt voneinander, respektiert sich, geht in den Pub und am Ende will Sam gar nicht mehr zurück ins, im Vergleich, klinisch-sterile 2006.

I’m happy, hope you’re happy, too

David Bowie, Ashes to Ashes
Alex Drake (Keeley Hawes) in Ashes to Ashes (Bild: Life on Mars Wiki)

In Ashes to Ashes erwacht DCI Alex Drake (Keeley Hawes) im Jahr 1981, nachdem sie angeschossen wurde. Drake, die sich als Polizeipsychologin vorher mit dem Fall Sam Tyler befasst hatte, ist mehr als überrascht, als sie — plötzlich wie eine Klischee-Prostituierte gekleidet — von denselben selbsternannten „Three Armed Bastards“ gerettet wird, über die sie vorher so viel von Sam erfahren hatte.

„Oh my god, it’s Gene Hunt“, spricht’s und fällt sogleich in Ohnmacht. Doch anders als Sam, der von der Situation völlig überrascht war, ist Alex überzeugt, dass es sich bei allem um mentale Konstrukte handelt und kann so eine distanziertere ironische Haltung einnehmen. Noch deutlicher als Sam weist Alex so auch immer wieder darauf hin, wie hanebüchen das Menschenbild ihrer neuen ‚alten‘ Kollegen ist. Insbesondere auf die junge Kollegin Shaz Granger (Montserrat Lombard) macht das einen inspirierenden Eindruck (während die troglodytes, wie Shaz sie einmal süffisant bezeichnet, es kaum fassen können, wie Alex mit ihnen umgeht).

Fire up the Quattro!

DCI Gene Hunt
Gene Hunts Audi Quattro (Bild: Wikipedia)

Soweit also die Ausgangslagen, die auf der Oberfläche nicht mehr sind als unterhaltsame, mit extrem vielen popkulturellen und politischen Referenzen versehene, Krimiserien. Musik, alte TV-Shows, Ladi Di, der Falkland-Krieg, Maggie Thatcher, alles kommt vor. Ein nostalgischer Rückblick, dem Philip Glenister 2008 in seinem Buch „Things Ain’t What They Used to Be“ noch ein paar Sätze hinzugefügt hat (vor allem als von Glenister vorgetragenes Hörbuch ganz unterhaltsam).

Hat man sich an die nostalgischen Bezüge gewöhnt, sieht man die Serien erstmal als sozialkritische Kommentare. Man ist schnell fassungslos ob der Machokultur, die scheinbar in den 1970ern bis 1980ern noch herrschte. Man kann es kaum fassen, wie respektlos die weiblichen Polizistinnen (und überhaupt alle anderen Frauen, sowie jegliche Minderheiten) behandelt wurden. Und doch wächst einem selbst eine Figur wie der wirklich eklige Ray Carling (Dean Andrews) ans Herz, vor allem, wenn er sich in Ashes to Ashes endlich weiterentwickeln darf, eine gewisse fachliche Kompetenz durchscheint und deutlicher wird, dass seine ganze — ich wiederhole mich — wirklich eklige Art ein dicker Schutzpanzer ist.

Gene Hunt (Philip Glenister) in Ashes to Ashes (Bild: Life on Mars Wiki)

Gene Hunt (der „Guv“) wirkt mit Mantel, Krokodil-Lederstiefeln und seinen Autos (Ford Cortina Mk3 in Life on Mars bzw. Audi Quattro in Ashes to Ashes) wie eine Antisuperhelden-Comicfigur. Man kann Hunts ‚altmodische‘ Methoden der Polizeiarbeit nicht gutheißen und doch nachempfinden, warum seine Untergebenen ihn wie einen Vater verehren und ihm überall hin folgen würden.

Denn letztlich kümmert sich „Gene Genie“ (wie er sich nennt) um die Leute, die er beschützen soll, egal ob es sich dabei um die Einwohner*innen von Manchester (Life on Mars) und London (Ashes to Ashes) handelt, oder um seine Mitarbeiter*innen. Und er lernt von Sam und Alex (die Hunt meist nur Bolly oder Bols nennt) auch, dass seine Methoden der Polizeiarbeit nicht mehr zeitgemäß sind.

Doch ist Genes kleines Königreich mehr als einmal gefährdet. Sowohl Sam als auch Alex sind unfreiwillig in Hunts Welt gelandet und sie wollen alles tun, um wieder zurück in ihr vertrautes Leben zu gelangen. Dies schließt ein, sich mit anderen Gestalten gegen Gene Hunt zu verbünden und sein Team zu zerstören. Bei Sam Tyler ist es DCI Frank Morgan, der ihn am Ende von Life on Mars aufsucht; bei Alex Drake ist es DCI Jim Keats (Daniel Mays) von Scotland Yards Abteilung für Discipline and Complaints, der in der ganzen dritten Staffel von Ashes to Ashes interne Ermittlungen gegen Hunt führt. Alex, die mit Hunt eine Art Hassliebe verbindet, ist hin und her gerissen — soll sie Keats helfen, dem Handeln Hunts, das sie selbst immer wieder kritisiert hat, ein Ende zu setzen? Oder bleibt sie auf Hunts Seite, der immer wieder durchscheinen lässt, dass er Alex als echte Partnerin begreift?

Im Verlauf dieser Handlung entdecken einzelne Charaktere, wie der erwähnte Ray Carling und sein Kollege Chris Skelton (Marshall Lancaster), ihre eigene Geschichte, die sie schon zu Zeiten von Life on Mars vergessen hatten; genauso geht es ihrer Kollegin Shaz. Nach und nach wird aufgedeckt, worin das Geheimnis, der Zweck, des Hunt’schen Universums besteht, und spätestens ab der zweiten Hälfte der dritten Staffel sind die Kriminalfälle nur noch Nebensache — viel wichtiger wird, was man über die Charaktere erfährt. Das ist wirklich sehr spannend, auch wenn es sicher nicht jede*m gefallen wird.

Immer deutlicher wird, dass Genes Welt nicht mehr lange in der althergebrachten Weise weiterbestehen kann. Diese letzte Staffel beider Serien insgesamt ist eine bittersüße Angelegenheit, die man am besten nicht am Stück ‚bingewatcht‘, sondern ganz langsam anschaut, maximal eine Folge am Tag, um die besondere Atmosphäre aufzunehmen und die Schwere und die Trauer auszukosten, die am Ende jede Oberfläche einreißt.

You and me, Bolly, you and me.

DCI Gene Hunt

Fasten und Verzicht vor Ostern, nach Ostern und in der Corona-Krise

Zur Bedeutung des Fastens vor Ostern

Die Fastenzeit, im christlichen Sinne der bewusste Verzicht auf feste Nahrung, ist mit Ostern zu Ende gegangen. In allen Religionen praktiziert, beginnt die wichtigste Fastenzeit im Christentum in der Nacht von Faschingsdienstag auf Aschermittwoch. Sie endet 40 Tage später am späten Nachmittag des Gründonnerstag bzw. je nach Auslegung und Zählweise am Karsamstag (40 Tage, weil Jesus, höchstwahrscheinlich nur mit Wasser, in der Wüste auf Nahrung verzichtete und betete).

Gründonnerstag ist der Tag des letzten Abendmahls, der Tag vor der Kreuzigung. Am darauf-folgenden Karfreitag stirbt Jesu am Kreuz, am Karsamstag gilt die Grabesruhe. Am Ostersonntag feiern wir die Auferstehung Jesu Christi und das eigentlich drei Tage lang: Ostersonntag, Ostermontag und -dienstag.

Die 40 Tage vor Ostern, Ostern selbst (Leiden, Sterben und Auferstehung Jesu Christis) und die mit dem Ostersonntag beginnende fünfzigtägige Freudenzeit (Osterzeit) bis einschließlich Pfingsten ist dabei in unseren Breiten die Zeit des Frühlings – eine Zeit des Neubeginns, in der alles Leben nach dem (grauem, kalten) Winter wieder erwacht (aufersteht).

Eine Freudenzeit, in der die Tage spürbar länger und lichtvoller werden; in der die Sonne wieder wärmende Kraft entwickelt und in der es uns langsam wieder mehr nach draußen treibt.

Fastenzeit – Leidenszeit?

Die Fastenzeit ist aus der christlichen Liturgie heraus häufig mit Leiden (den Leiden Christi) assoziiert. In anderen Religionen gibt es andere Sichtweisen auf und Gründe für das Fasten.

Muslime fasten einen ganzen Monat (Ramadan) von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang sowohl Nahrung als auch Getränke.

Im Judentum gibt es religiöse Fastentage, an denen Nahrung und Getränke für maximal 25 Stunden gefastet werden.

Im Buddhismus sind weder Völlerei noch Hunger empfehlenswert. Beides schadet Körper und Geist, genauso wie Alkohol, Nikotin, große Mengen und/oder täglicher Fleischkonsum und vieles mehr. Bei den buddhistischen Mönchen und Nonnen ist das Ziel einer einzigen, täglichen Mahlzeit um zwölf Uhr mittags die Beruhigung von Körper und Geist für die Meditation auf dem Weg zum inneren Frieden und der Erleuchtung.

In den hinduistischen Religionen und den Yoga-Philosophien wird unterschiedlich intensiv gefastet. Manch ein*e (spirituelle) Yogin*i fastet regelmäßig, z.B. einmal pro Woche, andere zu Vollmond, wieder andere an Ehrentagen der Gottheiten. Von strengem Nahrungsverzicht bis zu leichten Einschränkungen bei der Ernährung sind alle Abstufungen zu finden.

In Ashrams (das sind klosterähnliche spirituelle Meditationszentren) ist das Intervall-Fasten fest in den Alltag integriert. Beispielsweise wird in den deutschen Yoga Vidya-Ashrams der Swami Sivananda-Tradition nur zwei Mal am Tag gegessen: vormittags um 11 Uhr und abends um 18 Uhr, rein biologisch, mit möglichst regionalen Zutaten, vegetarisch und z.T. vegan.

Schon der Verzicht auf liebgewonnene Gewohnheiten wie tierische Produkte, Kaffee und Süßigkeiten bedeutet für viele Menschen ein Fasten, sofern der Verzicht bewusst und freiwillig geschieht.

Dazu kommt die lange Pause, das Intervall von 16 Stunden zwischen der abendlichen und der vormittäglichen Mahlzeit (19 bis 11 Uhr). Die Pause dient dazu, dass der Körper nicht andauernd mit dem Verdauen beschäftigt, sozusagen friedlicher, ist. Der Körper hat so weniger Aufgaben zu erledigen und dadurch Zeit zum Entgiften und Reinigen, bevor die nächste Nahrungsaufnahme die Konzentration des Körpers wieder auf die Verdauung lenkt.

Wenn die Ziele des Fastens nun nicht das Leiden und der Verzicht selbst sein müssen, sondern eine Entlastung, Entgiftung und Reinigung von Körper und Geist zum eigenen Wohlergehen, dann lässt sich, aus meiner Sicht, vieles fasten, und jederzeit!

Vor allem und zuerst die Dinge, die uns eh nicht gut tun: Im digitalen Zeitalter sind das z.B. Stress, Selbstoptimierung, viel sitzen, viel quatschen, viel Fernsehen, viele digitale Medien, viele Computerspiele, viel Alkohol, viel Zucker, viel Plastik, viel Lärm, viel künstliches Licht, viel Salz, viel Weizen, viel materieller Besitz…

Der Verzicht aus Liebe zu sich Selbst

Das tolle am Fasten, am bewussten, freiwilligen Verzicht, ist, dass man die Gelegenheit bekommt, sich sehr genau zu beobachten und zu hinterfragen.

So muss man sich vor dem Fasten überlegt haben, was man den mit dem Fasten erreichen möchte. Dabei dürfen Fragen aufkommen wie: „Was tut mir gut?“, „Was tut mir nicht gut?“, „Wovon habe ich zu wenig in meinem Leben?“, „Wovon habe ich zu viel in meinem Leben?“.

Anschließend stellt sich die Frage, wie und wie lange möchte ich fasten, wann möchte ich damit anfangen und was möchte ich tun, wenn ich mein Fasten breche oder brechen muss?

Spätestens wenn das Fasten dann beginnt, lohnt es sich ein Fasten-Tagebuch zu schreiben, um die Beobachtungen und die Reflexionen zu verschriftlichen. Es ist etwas anderes, Gedanken und Gefühle, Empfindungen (des Körpers) und Bedürfnisse niederzuschreiben, als sie nur mal kurz zu denken. Dann sind sie im nächsten Moment wieder weg bzw. kommen unkontrolliert immer wieder und belasten so den Geist, ohne Lösungen zu generieren.

Wenn sie niedergeschrieben sind, sind sie fester, manifest, können besser hinterfragt und losgelassen werden. Das Aufschreiben funktioniert ähnlich wie das Denkarium aus Harry Potter, in dem Professor Dumbledore mit seinem Zauberstab seine Gedanken & Erinnerungen aus dem Kopf herausziehen und außerhalb abspeichern konnte. Unser Zauberstab dafür ist der Stift zum Schreiben.

Beim Fasten geht es zwar auch um Selbstdisziplin, aber nicht in der Weise, in der wir es in der westlichen Welt gewohnt sind. Wir fasten ja bewusst und freiwillig, um uns etwas Gutes zu tun, um gesund und glücklich zu sein.

Das darf auch unser Antrieb sein: „Ich verzichte heute (bzw. einmal pro Woche) auf Salz, weil der Verzicht meinem Körper gut tut und ich gesund sein möchte“. Gesprochene oder gedachte Worte wie „Sollen“, „Müssen“, „Nicht dürfen“ sind dabei kontraproduktiv. Sie verstärken eine negative Perspektive des Verzichts, lösen Stress in uns aus und erschweren oder behindern so das Fasten ungemein.

Auch wenn ich im Fasten merke, dass ich auf das, was ich gerade fasten möchte, nicht verzichten kann, und es mir mit dem Verzicht nicht gut geht, dann ist es möglicherweise wichtig für meinen Körper und es liegt vielleicht eine organische Ursache vor, die es abzuklären gilt.

Seinen Körper und Geist unter diesen Umständen mit „Sollen“, „Müssen“, „Nicht dürfen“ unter Druck zu setzen, kann dann gesundheitsschädigend sein. Das Schwierige ist, das eine (die Gewohnheit) vom anderen (das körperliche Bedürfnis) zu unterscheiden. Das Fasten ist ein Weg, nicht das Ziel. Das Ziel ist Erkenntnis.

Das Fasten, also der bewusste, freiwillige Verzicht auf Dinge, die uns nicht gut tun, kann durch das Selbstliebe-Prinzip hervorragend geübt werden.

Wir kommen unseren Konditionierungen auf die Spur, wir lernen unseren Körper und Geist und auch die Abwehrmechanismen unseres Geistes kennen und können uns langsam in Enthaltsamkeit und Abstinenz üben, wenn wir das wollen. Die eigenen Abwehrmechanismen kennenzulernen, herzlichst anzunehmen und zu lösen, hilft dann auch, langfristig schwierige Projekte wie Ängste und Sucht in den Blick zu nehmen.

Verzicht in der Corona-Krise

Auch in der Corona-Krisenzeit müssen wir auf vieles verzichten und auch das kann, wenn wir die Situation aus der entsprechenden Perspektive betrachten, ein Fasten sein. Für die meisten Menschen ist es das jedoch nicht, weil der Verzicht nicht freiwillig ist.

Der Virus zwingt uns z.B. die Kontaktsperre auf. Viele leiden unter dem Verzicht auf bestimmte Gewohnheiten, aber auch wichtige Bedürfnisse werden nicht oder nur unzureichend befriedigt.

Das natürliche, menschliche Bedürfnis nach Nähe und persönlichem Kontakt steht dabei, denke ich, auf Platz 1. Für mich kommt die regelmäßige körperliche Betätigung, das Bewegen und Durchbluten meiner Muskulatur, das gesunde und gewohnte Kalorien- und Energieverbrennen gleich danach.

Dass dieser Verzicht nicht freiwillig ist, drückt auch auf unser Autonomie-Bedürfnis und verstärkt momentan spürbar den Widerstand in manchen Menschen. Die Maßnahmen werden z.T. kritisch hinterfragt und diskutiert, z.T. wird der Blick für den Grund der Einschränkungen und das Vertrauen in die zuständigen Systeme verloren und lautstark durch die digitalen Medien geschrien. Wie immer, ein breites Portfolio an Verhaltens- und Ausdrucksmöglichkeiten.

Ich mache den Perspektivwechsel, ich faste weiter. Ich beobachte und reflektiere, was das Sozial- und Bewegungsfasten mit mir macht.

Ich lebe und feiere die Traurigkeit und Unausgeglichenheit, die dieses spezielle Fasten an einigen Tagen mit sich bringt und heile sie in Yoga und Meditation, mit tollen ätherischen Ölen und mit, was immer ich meine, was mir in diesen Momenten gut tut.

Da sind sie wieder, diese wichtigen Fragen: „Was tut mir gut?“, „Was tut mir nicht gut?“, „Wovon habe ich gerade zu wenig in meinem Leben?“, „Wovon habe ich zu viel in meinem Leben?“.

Ich spiele in Gesellschaft online Gitarre und schnattere was das Zeug hält, spiele lustige Ratespiele, schreibe und schaue Fernsehen.

Letzteres ist ein Kompensations- und Verdrängungsmechanismus aus vergangenen Tagen, der mich kurzfristig abschalten und zur Ruhe kommen lässt, der mir durch vermeintliche Normalität Stabilität gibt, weil ich das ja seit vielen, vielen Jahren so gewohnt bin.

Ich spüre aber auch immer wieder, dass das Fernsehen eigentlich nur unnötig Kraft und neuronale Energie kostet und mich letztlich eher frustriert als nährt.

Ich könnte dem Sozial- und dem Bewegungsfasten jetzt noch TV-Fasten hinzufügen. Mach‘ ich aber nicht! Denn diese Zeit ist ereignisreich, anstrengend und lehrreich genug und, wie gesagt, Fasten muss nicht zum Leiden werden, sondern darf auch ein Akt der Selbstliebe und Selbsterkundung sein!

Toss a Coin to Your Witcher: Fantasy-Popsong und Freelancer-Hymne

Fantasyfilme und -serien, die etwas auf sich halten, brauchen offenbar eingängige Lieder, die idealerweise in ihre Handlung eingebaut sind. Für Produzent*innen kann so etwas nur gut sein, denn das generiert zusätzliche Aufmerksamkeit und hält das jeweilige Produkt länger im Gedächtnis. Man kann sich heute fast sicher sein, dass nur Stunden nach Veröffentlichung die ersten Coverversionen auf YouTube auftauchen. Oft sind es aufstrebende Musiker*innen, die ihre Karriere auf YouTube aufbauen und durch Cover hohe Aufrufzahlen ihrer Videos und idealerweise den einen oder anderen mp3-Verkauf erzeugen können. Natürlich finden sich auch einfach Fans der Filme/Serien, die Spaß am Singen der Lieder haben.

In Peter Jacksons Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (2003) wurde eine traurige Szene mit einigen gesungenen Versen aus Tolkiens Gedicht „A Walking Song“ untermalt, gesungen von Pippin-Darsteller Billy Boyd. Derselbe Schauspieler sang auch den Popsong The Last Goodbye im Abspann von Jacksons Der Hobbit: Die Schlacht der Fünf Heere (2014). Für seine Herr der Ringe-Abspänne hatte Jackson zuvor schon Enya („May it Be“), Emilíana Torrini („Gollum’s Song“) und Annie Lennox („Into the West“) verpflichtet; für den Hobbit Neil Finn („Song of the Lonely Mountain“) und Ed Sheeran („I see Fire“).

Einige Jahre später trat derselbe Ed Sheeran mit einem kurzen Stück in der Serie Game of Thrones auf. Er spielte einen Soldaten, der seinen Kameraden am Lagerfeuer ein paar Verse vorsang. Dann kam Arya Stark (Maisie Williams), eine der Hauptrollen der Serie, dazu, man unterhielt sich über einige Alltagssorgen (den Vater, der allein auf seinem Boot ist; die Frau, die gerade ein Kind geboren hat). Sheerans Auftritt wurde angeblich eingebaut, weil die Produzenten der Serie Maisie Williams eine Freude machen wollten, die Szene wurde allerdings stark kritisiert („schmerzhaft unsubtil“). Als der Sänger kurz nach Veröffentlichung der Episode seinen Twitter-Account deaktivierte, wurde spekuliert, dass er dies wegen der Kritik getan hätte (was Sheeran jedoch leugnete).

Offenbar in Anlehnung an die Game of Thrones-Kritik scherzte der polnische Fantasy-Autor Andrzej Sapkowski schon 2018, dass er einen Auftritt Sheerans in der Netflix-Umsetzung von Sapkowskis Witcher-Reihe nicht zulassen würde. Dennoch wartet Netflix‘ Serie mit einer ganzen Reihe eingängiger Songs auf. Den größten Ohrwurm-Charakter hat das von Sonya Belousova und Giona Ostinelli geschriebene und von Schauspieler Joey Batey gesungene „Toss a Coin to Your Witcher“ (Original-Version auf Soundcloud) — im Wesentlichen eine Aufforderung an die Menschen, den Hexer Geralt, der sich für sie um unliebsame Monster und andere Widrigkeiten kümmert, anständig zu bezahlen.

In der Serie spielt Batey den Barden Rittersporn, der Geralt zeitweise auf seinen Reisen begleitet und dieses Lied quasi im Sinne einer PR-Kampagne einsetzt, um das schlechte Image des Hexers aufzubessern. An ihr eigenes Freiberufler-Dasein erinnert, bezeichnen manche Autor*innen den Witcher daher schon als „Helden der Gig-Ökonomie“ (so Melanie McFarland in einem Artikel bei salon und Scott Meslow in einem Kommentar bei Vulture).

Zumindest im Internet unserer Welt haben Rittersporn bzw. die Produzent*innen zumindest großen Erfolg. Musik trägt in der Serie generell dazu bei, sie über Durchschnitt hinauszuheben, aber insbesondere „Toss a Coin to Your Witcher“ sorgt dafür, dass The Witcher auch nach Ende der ersten Staffel (sie hatte nur 8 Folgen und sie waren alle gleichzeitig verfügbar) noch länger präsent bleibt. Die Anzahl der Versionen ist mittlerweile immens. Zum einen hat Netflix selbst dafür gesorgt, indem Lied und Szene in mehreren Sprachen produziert wurden (im Deutschen heißt es etwa „Reichet Gold eurem Hexer“). Zum anderen wurde der Song von YouTubern in diversen Coverversionen von Klassik bis Metal nachgespielt.

Und so findet sich eine Version eines Chors aus der russischen Stadt Omsk:

… gleich neben einer Hip-Hop-Variante:

… und einer Synthie-Pop-Version::

Der freiberufliche Monsterjäger — dem vom freiberuflichen Barden ein PR-Song erdichtet wird — den manche fantasyaffinen Freiberufler*innen in unserer Welt als inoffizielle Hymne bezeichnen — und die von YouTuber*innen weltweit gecovert wird — wodurch das Produkt The Witcher, nebst der Romanvorlage und den drei schon lange erhältlichen Computerspielen (2007-2015) kommerziell so erfolgreich ist wie lange nicht mehr — da gewinnen doch alle — oder?

Wäre ich Kulturkritiker, würde ich jetzt damit beginnen, die Songtexte der bis hierher benannten so erfolgreichen Lieder auseinanderzunehmen. Auf ihre doch teils „harte“, „männliche“ Sicht der Welt hinzuweisen, etwa im „Lonely Mountain“-Song aus dem Hobbit, der betont: „Some folk we never forgive“, oder im „Song of the White Wolf“ aus dem Witcher, der die grundsätzliche Einsamkeit des männlichen Helden hervorhebt, eine Einsamkeit, die erst durch Frau (Yennefer) und Ziehtochter (Ciri) gedämpft wird. Auch das Problem, dass manch eineR im Internet die absurde Sicht hat, dass die Serie The Witcher viel zu divers besetzt sei und zu viele starke Frauenrollen besitze (eine Kritik, die vor ein paar Jahren auch schon Star Trek: Discovery vorgeworfen wurde, weil sie eine starke weibliche, nicht-weiße Hauptfigur besitzt), müsste eigentlich ausführlich diskutiert werden.

Beim Witcher wird die Hauptrolle Geralt fast uninteressant dargestellt. Er ist halt der Held, der Monster erlegt. Er ist allein, will allein sein, wird aber zunehmend dazu gedrängt, sich um andere Menschen zu kümmern, und eigentlich sieht man ihm trotz aller ‚Coolness‘ auch an, dass er Mitleid mit den Menschen hat. Eben „ein Freund aller Menschen“, wie Rittersporn es besingt. Trotz dieser Entwicklung viel interessanter ist die Geschichte der Magierin (und späteren Witcher-Freundin) Yennefer, deren Herkunft aus armen und unterdrückten Verhältnissen zwar in einer starken Episode gezeigt wird, deren Entwicklungsprozess aber viel mehr Zeit verdient hätte.

Eine Diskussion dieser Themen würde mehr Zeit benötigen, als ich sie gerade habe. Abschließend daher nur ein Lesetipp: Bekannt wurde der Hexer Geralt von Riva ja vor allem durch die Computerspiele, nicht durch die Bücher, die lange vorher erschienen. Vor drei Jahren hat Carolyn Petit bei Feminist Frequency den Text „Contained in Our Moments“ veröffentlicht. Darin beschreibt die Autorin ihre Begeisterung für das Spiel Witcher 3, analysiert aber gleichzeitig die Probleme, die es aus feministischer Sicht hat. Obwohl sich die Autorin auf das Spiel bezieht, ist vieles davon auch für die Serie brauchbar.

Eine Welt ohne Puls, Verbindlichkeit und Tiefe … tatsächlich. (Teil 1)

Eine der Hauptthesen in unserer heutigen Gesellschaft lautet immer wieder, dass das digitale Zeitalter die Gesellschaft so sehr verändert hat wie kaum je zuvor. Die Frage ist jedoch, ob diese These sich immer noch so leicht halten lässt wie noch vor zehn Jahren. Durch unseren alltäglichen Umgang mit digitaler Kommunikationstechnik tauchen wir immer mehr ein in die virtuelle Realität; und während es vor zehn Jahren noch viele Menschen gab, die sich bewusst gegen den Umgang mit Computern oder Smartphones bzw. Handys entschieden, ist das heutzutage kaum noch möglich – wenn man nicht gleich als weltfremd gelten möchte. Das bedeutet aber auch, dass kaum noch jemand eine so genannte „Ursprungsrealität“ kennt, von der man quasi von außen aus der realen auf die hyperreale Welt schauen kann, weil sich beide Welten immer mehr miteinander vermischen und ineinander greifen. Trotzdem bleibt die Skepsis, ob nicht die Einführung der Fotografie und der bewegten Bilder und die Erfindung des Telefons entscheidender zur Veränderung der Gesellschaft beitrugen als es jetzt die Computer tun und den derzeitigen Veränderungen andere Ursachen zugrunde liegen. Worin liegt diese Skepsis begründet? Der vorliegende Text erhebt nicht den Anspruch einer technisch basierten detaillierten Medienanalyse, sondern möchte die kommunikativen Umwälzungen, die sämtliche gesellschaftliche Bereiche erfassen, in erster Linie als „Temperatur“ beschreiben.

Nachrichten ohne Aussage

Bei jeder neuen Nachricht fallen wir in einen kleinen Schockzustand. Jean Baudrillard und Marshall McLuhan nannten diese Form der Kommunikation taktile Kommunikation. Es handelt sich um eine Form der Kommunikation, bei der der Rezipient nur kurz von der Nachricht berührt wird, ohne dass eine Reflexion darüber möglich ist, denn im Hintergrund wartet schon die nächste Nachricht in der Timeline auf Facebook und keine ist so wichtig, als dass es sich lohnte, länger als zehn Sekunden darüber nachzudenken. Ein typisches Beispiel, wie Hyperrealität nach dem Verständnis von Baudrillard funktioniert, ist die Causa Jan Böhmermann und seine Äußerungen über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ am 31. März 2016. Der Fall bestimmte zwei Wochen sämtliche Medien. Die Auseinandersetzungen darüber fanden jedoch nur hyperreal innerhalb des medialen Kreislaufs statt. Es ist eine Nachricht, die von den Medien selbst in Umlauf gebracht wurde und nur rein medial diskutiert wurde, d. h. die Medien bekämpfen das, was man im analogen Zeitalter „Papiertiger“ nannte. Der Medienkreislauf erzeugt Nachrichten, über die sich dann wiederum medial ausgetauscht wird – es handelt sich dabei nahezu um ein Nullsummenspiel ohne jeglichen Erkenntniswert, der nachhallt. Nachrichten lösen sich immer schneller ab, kaum eine kann noch längerfristige Wirkung erzeugen. Geniale Theateraufführungen wie Frank Castorfs Abschiedsinszenierung „Faust“ an der Berliner Volksbühne erreichen zwar mediale Präsenz, gehen aber im Rausch der Medien unter, so dass sie ohne gesellschaftliche Auswirkungen bleiben. Es lässt sich schwer antizipieren, wie wir diesem Dilemma entkommen könnten. Zeichenwelten oder Simulationen verfügen über keinen Referenten (Signifikanten) mehr, bezeichnen nichts, sondern interagieren nur noch mit anderen Simulakren, die den Zugang zur unmittelbaren und sinnlichen Wahrnehmung der Welt verschüttet haben. Die Geistes- und Kulturwissenschaften sind quasi narkotisiert und liefern kaum Erklärungsversuche bzw. Versuche zur Einordnung der rasant voranschreitenden digitalen Kommunikation und der sich damit verändernden Arbeitsgesellschaft und der zwischenmenschlichen Kommunikation. Es fehlen Erklärungsversuche, die über die bekannte Mensch-Maschine-Dichotomie hinausgehen und auch die psychologische und moralische Perspektive beleuchten. Damit ist in erster Linie nicht das veränderte Nutzungsverhalten hinsichtlich digitaler Kommunikationstechniken gemeint, sondern die Auswirkungen, die das Nutzungsverhalten auf das zwischenmenschliche Miteinander ausübt. Wir können zunehmend beobachten, dass das „Frontend“, das nach außen Sichtbare und Plakative, in der Kommunikation immer mehr an Relevanz gewinnt, während das „Backend“, die komplexe Gedankenvielfalt, nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Parallelität der Kommunikationsmedien

Im Gegensatz zu früheren kommunikationstechnologischen Entwicklungen, bei der ein Medium das andere ablöste bzw. Medien mit neuen Funktionen dazukamen, haben wir mittlerweile eine Reihe von Kommunikationstechnologien, die trotz gleicher oder ähnlicher Funktionen parallel existieren und genutzt werden (Facebook, Instagram, Whatsapp, SMS; CD, Schallplatte, Mp3, Streaming-Dienste, Radio; lineares Fernsehen, Mediatheken, Netflix, Amazon, DVD, Kino; Telefon, Skype, Handy; Buch, ebook; Fotoapparat, Smartphone; PC, Tablet, Smartphone; Email, Twitter, Facebook, Website; Zeitung, epaper, Videotext, Online-Zeitungen). Die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig. Sie soll vor allem verdeutlichen, welche Entwicklung sich gerade einmal in den letzten 15 bis 20 Jahren vollzogen hat und warum die Menschen immer mehr auf der Suche nach „Zeit-Oasen“ sind. Es gibt zu viele Kommunikationsmöglichkeiten, die noch nicht ausreichend voneinander abgegrenzt sind. de Bis zur Übernahme der Massenmedien durch das Internet gab es neben dem Fernsehen noch eine „Realität erster Ordnung“, d. h. einen Gegenpol. Jetzt haben bzw. nehmen wir uns nur noch die Zeit, uns mit „Weltausschnitten“ zu beschäftigen, die beispielsweise auf Facebook zufällig erscheinen, je nachdem was unsere „Freunde“ geliked oder geteilt haben – so entsteht dann eine kleine neue Welt mit Ausschnitten, deren Auswahl zwar auf bestimmten Algorithmen beruht, die jedoch von künstlicher, und nur indirekt von menschlicher Intelligenz berechnet wurden. Auch die Journalisten haben nicht das „Große, Ganze“ im Blick. Das Silicon Valley mit seinen großen Akteuren wie Facebook, Google, Youtube, Uber, Airbnb usw. präsentieren sich als moderne Visionäre und strotzen vor Selbstbewusstsein, wenn einmal wieder eine „innovative“ Idee wie die Vermietung von Wohnungen enormen Profit abwirft. Diese Ideen haben jedoch nichts mit einer nachhaltig wissenschaftlich technologischen Weiterentwicklung im Interesse der Menschen zu tun – wenn im Vordergrund die kapitalistische Frage der Vermarktungsmöglichkeit steht:

Ein faustisches Territorium in den USA ist das Silicon Valley. Die Leute dort sind die Faustfiguren unserer Zeit. Auch sie wollen alles. Sie wollen das Globale, sie wollen Unsterblichkeit, sie wollen alle Informationen sammeln. Der Faust unserer Zeit ist Google.“ ( Hegemann, Carl Wie man ein Arschloch wird. Kapitalismus und Kolonialisierung, Berlin, 2017, S. 110. )

Vor allen Dingen durch Anwendungen wie Facebook, Instagram, Whatsapp usw. verliert die tiefgründige und analytische Debattenkultur zunehmend an Bedeutung. Jeder kann zwar zu allem seine Meinung kundtun – oft ist es durch die dem Internet inhärente Öffentlichkeit und Selbstzensur eine gebremste Meinung. Die Folge ist der Verlust von Meinungsvielfalt, Kreativität und Originalität. Die parallele Nutzung von Kommunikationsmedien und die Verbreitung derselben Nachrichten auf verschiedenen Informationskanälen und die schnelle, technische Möglichkeit des Nachrichtenaustauschs (Teilen, Liken, Weiterleiten usw.) führen zu einer eindimensionalen, oberflächlichen und indifferenten Debattenkultur. Es fehlt oftmals schlicht und einfach die Zeit eines substanziellen Austausches, so dass ich die These formulieren möchte, dass die gegenwärtige Ausprägung der Kommunikationstechnologien nicht zu mehr Zeitersparnis führt, sondern im Gegenteil wertvolle Zeit verschluckt. Beispielsweise können die Effektivitätssteigerung und Vereinfachung der Arbeitsabläufe, die durch eine professionelle Internetnutzung in der Tat erreicht werden, keine kreative Energien freisetzen, da zunehmend beim Personal gespart wird – paradoxerweise mit der Begründung der technologischen Weiterentwicklung in vielen Bereichen.

Facebook und Instagram befördern ein egozentrisches und individualistisches Verhalten, während gleichzeitig die globale Nutzung dieser Medien wiederum Einförmigkeit im Denken und in der Lebensweise unterstützt. Die Kommunikation innerhalb von Gruppen wird zwar forciert – das ist jedoch nur oberflächlich der Fall, denn bei den meisten Spielarten der digitalen Kommunikationsmittel geht es in erster Linie um die Darstellung der eigenen Person.

Authentizität des Digitalen

Durch die Reizüberflutung in der modernen Gesellschaft und die Angst etwas zu verpassen, löst immer schneller ein Ereignis und ein neuer Trend den nächsten ab – egal ob es sich um Musik, neue Apps, Kleidung, Filme, eine Ausstellung oder andere diverse Events handelt.

„Das Eindringen des binären Frage/Antwort-Schemas hat eine unabsehbare Tragweite: es zerstückelt jeden Diskurs, es schließt alles kurz, was im inzwischen vergangenen goldenen Zeitalter die Dialektik des Signifikanten und des Signifikats, des Repräsentanten und des Repräsentierten war. Es ist vorbei mit den Objekten, deren Signifikat die Funktion wäre, vorbei auch mit der freien Meinung, die in Abstimmungen sogar zu „repräsentativen“ Repräsentanten führte, vorbei die wirkliche Befragung, der die Antwort entspricht (vorbei vor allem die Fragen, auf die es keine Antwort gibt). Dieser ganze Prozeß ist auseinandergerissen: der widersprüchliche Prozeß zwischen dem Wahren und dem Falschen, dem Realen und dem Imaginären wird durch die hyperreale Logik der Montage beseitigt.“ ( Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod, Berlin, 2005, S. 101.)

Jean Baudrillard hat bereits im Jahr 1976 die aktuelle Problematik des digitalen Zeitalters beschrieben. Sein luzides Postulat von der Agonie des Realen ist von der Wirklichkeit insofern absorbiert worden, als dass wir uns mittlerweile in der „Matrix“ befinden. Es ist nicht so, dass es die Realität nicht mehr gibt oder die Realität lediglich simuliert wird. Nein, die Realität ist zu einem großen Teil mittlerweile zur Realität des Digitalen geworden. Es geht nicht mehr nur um die Simulation oder Dissimulation des Realen, sondern das Reale ist vom Digitalen kassiert worden. Und wenn es ein Verdienst von Facebook und Co. gibt, dann ist es das der Entzauberung des Digitalen. Es gibt keinen Verdacht mehr, der unter der opaken Schicht der Oberfläche lauern könnte. Die Simulation der Medien im Fernsehzeitalter wurde durch eine neue Authentizität des Digitalen abgelöst – es handelt sich jedoch um eine äußerst oberflächliche Authentizität. Die spielerische Referenzlosigkeit der Kommunikation via Youtube, Facebook, Twitter, Instagram und Whatsapp ist allgemeiner Konsens geworden. Die Schwierigkeit besteht darin, dass diese referenzlose Kommunikation jede Möglichkeit eines ernsthaften dialektischen Diskurses verwehrt. Nachrichten, Kommunikationen und Reaktionen drehen sich in einem digitalen Kreislauf. Hinzu kommt die Steuerung der neuen digitalen Welt durch ein Silicon Valley, das immer mächtiger wird und sich anschickt, die Grundlagenforschung an den Universitäten ernsthaft zu beeinflussen und zu bestimmen.

„Denn schließlich hat sich als erstes das Kapital im Laufe seiner Geschichte von der Zerstörung aller Referentiale, aller menschlichen Zwecke genährt und hat dabei alle Unterscheidungen zwischen wahr und falsch, gut und böse zerschlagen, um so ein radikales Äquivalenz- und Tauschgesetz, das eherne Gesetz seiner Macht zu zementieren.“ (Baudrillard, Jean: Agonie des Realen, Berlin, 1978, S. 39.

Wir befinden uns im Zeitalter der Reaktion und nicht der Aktion, Kreativität und Originalität:

„Es gibt kein Medium im buchstäblichen Sinne des Wortes mehr: von nun an lässt es sich nicht mehr greifen, es hat sich im Realen ausgedehnt und gebrochen, und man kann nicht einmal sagen, es habe sich dadurch verfälscht. Obwohl sich die Medien derartig einmischen und wie ein Virus endemisch, chronisch und panisch präsent sind, können sie in ihren Wirkungen nicht mehr isoliert betrachtet werden. Die Wirkungen werden wie die Werbeskulpturen des Lasers im leeren Raum von durch die Medien gefilterten Ereignissen spektralisiert. Auflösung des Fernsehens im Leben, Auflösung des Lebens im Fernsehen – eine nicht mehr zu unterscheidende, chemische Lösung […]“. (Baudrillard, Jean: Agonie des Realen, Berlin, 1978, S. 48-49.)

Während das Fernsehen noch Informationsübermittlung und Zeit des Reflektierens bietet, schaffen soziale Netzwerke keinen eigentlichen Mehrwert mehr. Jeder Mensch hat weiterhin nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Die fehlende Zeit führt dazu, dass sich die Menschen vor permanenter Kommunikation in Kurzform keine Zeit mehr zur Reflexion gönnen:

„Die Tyrannei des Moments‘ liegt in der Abfolge an Augenblicken, die, bei aller Intensität, nichts meinen“. ( Simanowski, Roberto: Die Facebook-Gesellschaft, Berlin, 2016, S. 45 )

„[…] die Möglichkeit umfassender Kontrolle des individuellen und kollektiven Verhaltens in sozialen Netzwerken führt subtil zu Selbstzensur; die vorrangig phatische Kommunikation und der Ausbau nicht-reflexiver Selbst- und Weltbezüge untergräbt die intellektuelle Basis einer politischen Gegenbewegung.“ ( Simanowski, Roberto: Die Facebook-Gesellschaft, Berlin, 2016, S. 154 )

Die Filme der letztjährigen 67. Berlinale spiegelten visionär den aktuellen Zeitgeist wieder. Den Menschen und dem kritischen Denken geht die Puste aus. Sie sind müde und überreizt vom permanenten Nachrichtenfluss in der scheinbar immer komplexer werdenden Welt und den stressigen und beschleunigten Arbeitsbedingungen. Was bleibt ist das Sitzen auf der Parkbank wie im koreanischen Film „On the beach at night alone“, dessen Hauptdarstellerin einen silbernen Bären gewonnen hat. Das völlig kraftlose Loslassen ersetzt aktives kreatives Denken und den Drang, neue Lebensmodelle zu entwerfen und zu erproben. Die Zukunft bleibt ungewisser denn je.

Die Menschen lassen sich durch die sozialen Medien wie eine Kugel in einem Flipperautomaten zufällig und ziellos umhertreiben ohne konkretes Ziel. Dieses Verhalten ähnelt dem Aufenthalt in einem Hotel. Während dort das sich treiben lassen jedoch als Entspannung vom Alltag erwünscht ist – nach einer fest bestimmten Zeit steigt man aus dem Spiel aus und wechselt wieder in die „Realität“ – ist der Ausstieg aus der digitalen Kommunikation so gut wie nicht mehr möglich: „Die digitale Abstandslosigkeit beseitigt alle Spielformen von Nähe und Ferne. […] Das Spiel bedarf eines Scheins, einer Unwahrheit. Die nackte, pornographische Wahrheit lässt kein Spiel, keine Verführung zu“ ( Han, Byung-Chul: Die Austreibung des Anderen, Frankfurt a.M., 2016, S. 13-14 )

Der Ruf nach ständiger Transparenz, Konstruktivität und Authentizität verhindert jegliche Form von Geheimnissen, „zwischen den Zeilen lesen“, gedanklicher Tiefe und der Lust nach der Suche von Erkenntnissen. Dabei ist es dieses spielerische Moment, das das Leben überraschend und spannend und gleichzeitig entspannend macht. Die Transparenz- und Kommunikationsgesellschaft widerspricht dem natürlichen Bedürfnis eines jeden Menschen nach Privatheit und einer Intimsphäre. Deutlich wird das an dem verzweifelten und aussichtslosen Kampf des Menschen im digitalen Zeitalter um die Beibehaltung der Herrschaft über die eigenen Daten. Man kann jedoch nicht seine Daten bereitwillig preisgeben, um sie dann wieder mühsam beschützen zu wollen. Es bedeutet eine Form von Anstrengung und Stress, Transparenz und Authentizität zu simulieren, um weiterhin eine gewisse Privatsphäre und Anonymität zu wahren und somit die spielerische Leichtigkeit nicht völlig zu verlieren.

Vor lauter hektischem Teilen, Liken und Kommunizieren vergessen die Menschen immer mehr, ihren eigenen Gedanken zu vertrauen. Es passiert nur das, was gerade aktionistisch in sämtlichen Medien berichtet wird und auch nur darüber wird diskutiert. In der kulturellen Landschaft und an den Universitäten passiert scheinbar kaum noch etwas Relevantes – auch innovative Denkansätze und Entwicklungen gehen im allgemeinen Medienrauschen unter. Wie bereits oben beschrieben, verhindern die vielen Worte und die ständige Aktualisierung von Daten und Nachrichten jegliches Nachdenken, die Entwicklung von Visionen und ihre Umsetzung in die Tat. Wenn es noch Taten gibt, dann bleiben sie ohne größere substanzielle Wirkung.

Die Fortsetzung des Essays finden Sie hier.