Gedanken zu Dune (2021)

Frank Herberts 1965 erschienenes Buch „Dune“ (dt. „Der Wüstenplanet“) fasziniert mich seit meiner Kindheit. Das erste Mal lieh ich es mir aus der Kleinstadtbibliothek mit etwa 10 oder 11 Jahren aus, 1991/92, und dann immer wieder. Allerdings las ich damals vor allem die fiktionalen historischen Darstellungen in den Anhängen. Eine menschliche Gesellschaft aus Feudalstaaten, zehntausende Jahre in der Zukunft, ohne Computer (die verbannt waren), aber mit Raumfahrt und mysteriösen Religionen, die in ihren Begriffen noch seltsam vertraut klangen… All das sprach mich an.

Faszination

Ganz konkret in den Bann zogen mich die schlichten Schwarz-Weiß-Zeichnungen von John Schoenherr, besonders die steinerne Kugel, von zwei Händen umfasst, die die Widmung am Anfang des Buches illustrierte. Auch die Sprache, die in der Übersetzung Ronald M. Hahns (1978) seltsam altmodisch und damit auch gewichtig wirkte, ließ mich nicht los. Dass die übersetzte Widmung so ziemlich das Gegenteil von dem ausdrückte, was Herbert eigentlich geschrieben hatte (und was erst 2016 in der Neuübersetzung von Jakob Schmidt behoben wurde), und dass überhaupt die Übersetzung an manchen Stellen eine recht poetische, aber auch freie Nachdichtung war, konnte ich damals nicht wissen.

Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich das Buch wirklich zu lesen begann. 1995 kaufte ich mir auf einem Schulausflug eine illustrierte Ausgabe, die neben Schoenherrs Zeichnungen auch Fotos aus dem Kinofilm von 1984 enthielt. Ein bisschen verknallt war ich damals in die Portraitaufnahmen von Lady Jessica (Francesca Annis). Lady Jessica war die Konkubine von Herzog Leto Atreides (Jürgen Prochnow) und Mutter der Hauptfigur des Romans, Paul Atreides (Kyle MacLachlan). Die Verfilmung von David Lynch wurde nicht besonders gut aufgenommen (übrigens auch nicht von Lynch selbst, zumindest nicht in der Fassung, die am Ende in die Kinos kam), aber wie schon das Buch sog mich der Film durch seine Fremdartigkeit ein. Der Film hat bis heute seine Fans.

Viele Jahre sind seitdem vergangen und September 2021 kommt eine Neuverfilmung in die Kinos. Regisseur ist diesmal Denis Villeneuve (u.a. „Bladerunner 2049“).

Die Story dürfte dieselbe sein: Auf dem Planeten Arrakis, der eine einzige Wüste ist, wird das seltene Spice (Gewürz) angebaut, das den Blick in die Zukunft erlaubt. Das Spice wird von der Raumfahrergilde benötigt, um durch das All zu navigieren – Voraussetzung dafür, dass das Imperium der Menschen Bestand haben kann. Das Haus Atreides wird als Verwalter des Planeten bestellt, was dem konkurrierenden Haus Harkonnen misfällt.

Der junge Paul Atreides wird in diesen Streit hineingezogen, kann aber in die Wüste fliehen und trifft dort auf die Bewohner von Arrakis, die Fremen, die Frank Herbert als eine entfernt islamisch und arabisch geprägte Kultur gestaltet hat. Für die Fremen erweist sich Paul oder Muad’Dib, wie sie ihn nennen, als Messias, als Kwisatz Haderach („Abkürzer des Weges“, das ersehnte Ergebnis einer Generationen andauernden Züchtung). Paul wird zum Anführer der Fremen und führt sie als Armee in einen heiligen Krieg (Jihad) gegen das Imperium, um dessen Herrschaft über Arrakis zu beenden.

Zweifel

Aus heutiger Sicht klingt diese Story nach Imperialismus (weiße Leute beuten eine für sie fremde Welt und deren Menschen aus) und nach dem „white savior“-Motiv (die ausgebeuteten Menschen werden erst durch einen weißen Retter befreit). Oft fällt der Vergleich mit Thomas Edward Lawrence und dem ihm gewidmeten Film „Lawrence von Arabien„. Es wird auch darauf hingewiesen, dass Dune unter amerikanischen Rechten ein beliebter Roman sei, und es wird kritisiert, dass an der Neuverfilmung eines Stoffes, der Anleihen an Kulturen aus dem arabischen Raum nimmt, keine entsprechenden Schauspieler*innen beteiligt sind.

Für den auch gern medienkritisch auftretenden Historiker Paul B. Sturtevant mündet das in der Grundsatzfrage, ob ein Film wie Dune heute wirklich angebracht ist. Er bezweifelt das: „Maybe Dune, a Story about a White Superman Created by a Eugenics Program, is Not the Film We Need Right Now“ („Vielleicht ist Dune, eine Geschichte über einen weißen Supermann, der durch ein Eugenik-Programm geschaffen wurde, nicht der Film, den wir gerade brauchen“).

Am Ende der Handlung des Buches gibt es einen Moment, an dem Paul Atreides an seinen Taten zweifelt, denn in einer Spice-induzierten Vision erkennt er, dass sein als Muad’Dib geführter heiliger Krieg immenses Leid über das bekannte Universum bringen wird. Auch Frank Herberts eigene Aussagen, nach denen er typisches Heldentum ablehnt und kritisiert, werden von manchen als Beleg dafür herangezogen, dass sich Dune in Wahrheit gegen Imperialismus stellt und es sich daher nicht um das „white savior“-Motiv handeln könne.

Doch Paul B. Sturtevant lehnt diese Argumentation ab. Denn in der Romanhandlung dienen die Fremen nur zu zwei Dingen: Sie werden entweder kolonisiert (erst durch das Haus Harkonnen und dann das Haus Atreides, beide zanken sich um Arrakis im Namen des Imperiums), oder sie werden befreit (durch Paul Atreides). Sie erscheinen passiv, haben keine eigenen Ziele, keine eigene „agency“ oder Handlungsfreiheit. Erst Paul Atreides gibt sie ihnen scheinbar. Das ist für Sturtevant der Kern des „white savior“-Motivs: „A lack of agency on the part of the people of color is the core of the ‚white savior.'“ Dass davon am Ende bei Leser*innen und Zuschauer*innen der Eindruck hängen bleiben kann, dass ‚arabisch‘ gelesene Menschen gegen ‚den Westen‘ in den heiligen Krieg ziehen, würde ohnehin bestehende Vorurteile verfestigen.

Was tun?

Unabhängig von diesen, bisher vor allem im englischsprachigen Raum geführten, Debatten wird der Film vermutlich ein großes Publikum anziehen. Der bekannte Regisseur, die zu erwartende gute handwerkliche Qualität und Hans Zimmers Überwältigungs-Soundtrack, der diesmal Anleihen an ‚orientalisch‘ gelesenen Klängen nimmt, werden daraus einen lang ersehnten Blockbuster machen.

Doch wie bei vielen erfolgreichen Unterhaltungsmedien stellt sich die Frage, wie man mit der eigenen Hybris und Verantwortung umgeht. Ob man sich etwa trotz zweifelhafter Aspekte für den Moment von ihnen mitreißen lässt (Sturtevant spricht kritisch von einer „willing suspension of disapproval“); oder ob man den Film zwar anschaut, aber mit bewusst aufrecht erhaltener kritischer Distanz; oder ob man ihn sogar boykottiert, wie das vereinzelt gefordert wird.

Film: TENET (2020)

Ich habe nun das zweite Mal Christopher Nolans Film TENET (2020) geschaut, denn es heißt ja, dass man das bei diesem Film tun sollte. Und zumindest für das Verstehen der Handlung stimmt das wohl. Ein Film, in dem die Entropie von Menschen und Objekten umgekehrt wird, sodass sich diese umgekehrt durch die Zeit bewegen, verlangt einige Einarbeitung. Gerade beim ersten Mal geht alles sehr schnell und es ist schwierig, Erzähllogik und Plot nicht aus den Augen und dem Sinn zu verlieren, während ebendiese mit der bloßen Wahrnehmung einer unterkühlten, aber ‚coolen‘ Actionszene nach der anderen ausgelastet sind.

Beim zweiten Mal versteht man dann schon besser, worum es geht — und dass es sich letztlich um eine eher banale Agentenstory handelt. Künftige Menschen einer klimazerstörten Erde greifen die Vergangenheit an, um ihr Schicksal zu ändern. Im Zuge dieses temporalen Krieges droht die ganze Welt unterzugehen. Aber das da leise durchscheinende Motiv der Klimagerechtigkeit wird nur in wenigen Sätzen abgehandelt; ob die unsichtbaren Gegner aus der Zukunft da vielleicht ein echtes Anliegen haben könnten, bleibt unklar. Im Zentrum von TENET steht allein der Einsatz des nur als „Protagonist“ bezeichneten sympathisch-lakonischen Hauptdarstellers (John David Washington).

Konkret wird die Bedrohung in der Figur des russischen Oligarchen Andrei Sator (Kenneth Branagh), der seine Anweisungen und sein Geld aus der Zukunft erhält. Als zeitgemäße James-Bond-Kandidaten — Agent und Superschurke — kämpfen Protagonist und Antagonist gegeneinander. Christopher Nolan zeigt die dabei entstehenden zeitlichen Verwerfungen in aufwendigen, durchaus staunenswerten Szenen, von deren Wirkung der Film im Wesentlichen lebt.

Erstmal jedoch müssen der Protagonist und sein Helfer Neil (Robert Pattinson) dem Oligarchen näherkommen, und das gelingt über dessen Frau Katherine (Elizabeth Debicki). Diese steht in ausgesprochen toxischer Beziehung zu ihrem Mann und ist die einzige interessante Figur in dem Film — das liegt daran, dass sie die einzige ist, die eine Entwicklung durchmacht. Man kann es als Karthasis ansehen, wenn sie sich am Ende endlich gegen ihren Oligarchen wendet; der zeigt bis dahin nämlich mehrfach, dass er das ‚verdient‘ hat. Aber trotz der Entwicklung von der passiven Opferrolle zur Rächerin gilt, was Katja Bohnet letztes Jahr bei culturmag.de in ihrer sehr unterhaltsamen TENET-Rezension geschrieben hat:

„Der Rest [der Figuren, M.D.] ist männliches Testosteron. Das blonde Sexgiftmuttertier soll bei der Rettung der Welt eine Schlüsselrolle spielen. Natürlich vergeigt sie es, weil sie lieber Rache an ihrem bösen Ehemann Andrei Sator üben will. […] O-Ton der Rächerin im Film: ‚Euch (Männern …) wird schon was einfallen.‘ Doofer geht’s schon gar nicht mehr. Männer sind Macher, geile Frauen blond, die Russen die Bösen. Die Welt mag unsicher geworden sein, aber auf diese Eckpfeiler ist Verlass.“

Nolans Filme Inception (2010) und Interstellar (2014) banden die Faszination für das Surreale — hier die geteilten Klarträume, dort die unwirklichen Weltraumszenen und mehrdimensionalen Räume — immer an konkrete Menschlichkeit, in beiden Filmen u.a. der Wunsch des jeweiligen Hauptdarstellers, zu seinen Kindern zurückkehren zu können. In TENET fehlt so eine Ebene, der Film ist reine Bildgewalt.

Und ja, das hat schon was. Die Idee, Menschen und Objekte den Zeitverlauf invertiert erleben zu lassen, führt zu unerwarteten Konstellationen, Situationen und Bewegungssuggestionen und erzeugt eine dauernde, auch durch den Soundtrack getriebene, Atmosphäre der Anspannung und Unruhe. Wenn Pistolenkugeln in die Waffe zurückfliegen — wenn scheinbar anonyme, gesichtslose invertierte Personen gegen den Protagonisten kämpfen — wenn Sprache und Musik rückwärts abgespielt werden — wenn sogar dieselbe Szene erst normal und dann invertiert gezeigt wird, oder sogar gleichzeitig, ja dann fühlt sich das auf eine ‚uncanny‘ Weise visuell und leiblich glaubwürdig an, aber gleichzeitig wie ein seltsamer Traum.

Wegen dieser Faszination bleibt man dabei und hat am Ende das Gefühl, schon irgendwie einen großen Film gesehen zu haben. TENET bietet keine große Geschichte, keine tiefen Charaktere, ist aber trotzdem eine nachhaltige leiblich-kognitive, quasi ‚mind-bending‘ Erfahrung.

(Titelbild: Wikipedia)

Film: The Wolf’s Call – Entscheidung in der Tiefe (2019)

Wie kann man eine Kritik beginnen und begründen für einen Film, der erstens schon 2019 herauskam, dem zweitens keine große Aufmerksamkeit zuteil wurde, der drittens nicht direkt mit Digitalisierung, KI & Co. zu tun hat und der viertens dem eher obskuren Genre der U-Boot-Filme angehört? Darum: „The Wolf’s Call: Entscheidung in der Tiefe“ („Le Chant du Loup“, Frankreich 2019, Buch und Regie: Abel Lanzac) zeigt, wie algorithmenhaft moderne militärische Logik funktioniert, wie ausgeliefert die Protagonist*innen den Entscheidungsprozessen und Protokollen sind, die individuelles Handeln unterbinden sollen und wie unmenschlich die Menschen dann erscheinen.

Der Kern der Handlung ist schnell erzählt und weil die nicht besonders innovativ ist, verzichte ich auf Spoiler-Warnungen: Nachdem Russland einen Teil Finnlands militärisch besetzt hat, steigen die Spannungen. Schließlich schießt ein vermeintlich russisches U-Boot eine Atomrakete auf das NATO-Land Frankreich ab. Das Abfangen der Rakete misslingt und so gibt der Präsident den Befehl zum nuklearen Gegenschlag, der vom französischen U-Boot Effroyable aus erfolgen soll.

Nach Erhalt dieses Befehls darf der Kapitän des Boots keine weiteren Befehle mehr entgegennehmen, schon gar nicht einen Widerruf des Befehls, denn der könnte ja vom Feind stammen. So will es „das Protokoll“, das im Film immer wieder so benannt wird (und eigentlich hätte man den Film auch so betiteln können). Dummerweise stellt man kurze Zeit später fest, dass die Rakete gar nicht mit einem Sprengkopf versehen war und auch nicht von Russland gestartet, sondern von Terroristen, die irgendwie an ein früheres sowjetisches U-Boot gekommen sind. Ein zweites französisches U-Boot, die Titane, wird hinterhergeschickt und soll die Effroyable am Gegenschlag hindern.

Der Film ist recht spannend, die Charaktere sind relativ sympathisch und glaubhaft. Und man kann sich denken, dass insbesondere die Szenen an Bord der beiden U-Boote atmosphärisch dicht sind und an die Klassiker „Jagd auf Roter Oktober“ (1990, mit dem erst kürzlich verstorbenen Sean Connery) und „Das Boot“ (1981, seit 2018 als Serie neu aufgelegt) erinnern.

Der mediale „Mythos U-Boot“, den Linda Maria Koldau vor einigen Jahren in einer gleichnamigen Studie aufgearbeitet hat, setzt sich in „The Wolf’s Call“ fort. Wir erkennen ihn im Motiv der jungen Männer, die in einer engen Stahlröhre in einer Art mythischen Schicksalsgemeinschaft aneinander gebunden sind und einen erfahrenen Kommandanten als Vaterfigur haben; oder an typischen audiovisuellen Elementen wie den Meeresgeräuschen im Hydrophon und dem „Ping“ des Sonars, das hier eher nach einem Kreischen klingt und das Wolfsgeheul sein soll, das dem Film seinen Namen gibt.

Doch „The Wolf’s Call“ ist kein Hollywood-Action-Thriller. Er ist auch kein Kriegs- oder Anti-Kriegsfilm. Eher erinnert er an einen Politkrimi, der ruhig und nüchtern erzählt ist und stellenweise sehr melancholisch daherkommt. Zwar wird der nukleare Weltuntergang verhindert, aber der Preis ist hoch und am Ende bleibt man eher verängstigt denn erleichtert zurück – verängstigt ob der kalten militärischen Vorgänge und des blinden Gehorsams, der im System des Militärs angelegt ist und durch die technische Distanzierung zu den Opfern gefördert wird.

„Das Protokoll“ des Gegenschlags manifestiert sich in eigentlich simplen Bedienvorgängen technischer Systeme an Bord der Effroyable. Und dass kein offizieller Weg vorgesehen ist, ein fälschliches Auslösen des „Protokolls“ zu stoppen, ist erschreckend. Es liegt daher am einzelnen Individuum, sich „dem Protokoll“ zu widersetzen. Der deutsche Untertitel des Films „Entscheidung in der Tiefe“ meint damit gar nicht nur, wie der Kampf der beiden U-Boote gegeneinander ausgeht. Die eigentliche Entscheidung ist, wie man mit so einem unmöglichen Befehl umgehen würde. Oder (aber das fragen sich die Protagonisten natürlich nicht), ob man überhaupt in einer Organisation tätig sein will, in denen es Befehle und Protokolle gibt, die jeglichen menschlichen Einspruch ausschließen.

Interessant ist der Film am Ende auch als politisches Produkt. Der Regisseur war früher als Diplomat tätig und man möchte dem Film (der Großbritannien gar nicht und die USA nur in einer Nebenbemerkung erwähnt) unterstellen, dass er das Selbstverständnis Frankreichs als ‚Atommacht‘ unterstreicht und möglicherweise auch politische Ambitionen wiedergibt – etwa die von manchen gewünschte größere weltpolitische und damit militärische Bedeutung der EU und Frankreichs darin.

In dem Zusammenhang schrieb die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer kürzlich, „die Europäer werden nicht in der Lage sein, die entscheidende Rolle Amerikas als ein Sicherheitsanbieter zu ersetzen“. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warf ihr daraufhin eine „Fehlinterpretation der Geschichte vor“ und betonte, dass Europa unabhängiger von den USA werden müsse. Eine unter anderem von Macron geforderte eigene europäische Armee wäre in der Praxis sicher stark an Frankreich gebunden; eine Situation wie im Film, in der Frankreich stellvertretend für die anderen Länder die Initiative als ‚Weltpolizist‘ ergreift, dann nicht weit hergeholt.