Flugsimulation ganz real: C42-Simulator auf der AERO in Friedrichshafen (27.-30.04.2022)

Wie das Leben so spielt, wurde Flugsimulation in den letzten Tagen auf einmal ganz real für mich. Auf der Luftfahrtmesse AERO in Friedrichshafen ist ab heute ein voll beweglicher, lebensgroßer Simulator des Ultraleichtflugzeugs Comco-Ikarus C42 C zu sehen (Halle B1, Stand 301, am Stand von Comco-Ikarus). Die Software, mit der dieser Simulator betrieben wird, ist X-Plane 11 in Kombination mit einem C42-Modell, das ich 2018 zusammen mit meinen Kollegen bei vFlyteAir entwickelt habe. Die Hardware und Integration aller Komponenten wurde durch die Flugschule FunFlight entwickelt, die den Messestand mit Comco-Ikarus betreiben.

Cockpit des Prototyps des C42-Simulators von FunFlight und Comco-Ikarus auf der AERO 2022 in Friedrichshafen, unter Nutzung von X-Plane 11 und dem C42-Modell, das ich und meine Kollegen bei vFlyteAir mit freundlicher Unterstützung des Flugsportzentrums Mitteldeutschland in Magdeburg entwickelt haben. Das Cockpit und die Instrumente sind ‚echt‘ und werden durch X-Plane gespeist. Hinter dem Cockpit ist die Anzeige (Monitore oder Leinwand), auf der die simulierte Landschaft und optional (je nach Sichteinstellung in X-Plane) der vordere Teil des vFlyteAir-Modells sichtbar ist. (Foto: Marco Kind, FunFlight GmbH).

Unser vFlyteAir-Modell beruht auf meinen Flugerfahrungen mit zwei echten C42 C in Magdeburg. Mit freundlicher Unterstützung des Flugsportzentrums Mitteldeutschland konnten wir damals Fotos, Abmessungen, Tonaufnahmen usw. von den echten Flugzeugen (bzw. „Luftsportgeräten“, wie es formal heißt) machen.

Unser Modell läuft mit dem Desktop-Flugsimulator X-Plane 11 und wir verkaufen es immer noch in den üblichen Shops (Aerosoft, x-plane.org usw.) Bei der Entwicklung habe ich sehr viel Wert darauf gelegt, dass alle Bedienvorgänge im Cockpit so real wie möglich sind und dass sich auch das Fluggefühl so echt wie möglich anfühlt. Denn es war tatsächlich auch für mich selbst gedacht. Natürlich nicht als zertifizierbarer Simulator, aber doch zumindest als kleine Gedächtnisstütze in Flugpausen.

FunFlight und Comco-Ikarus haben nun die für professionellen Einsatz gedachte Version von X-Plane mit unserem Modell kombiniert und können damit ihre bewegliche Plattform so ansteuern, dass es sich auch wirklich wie eine C42 anfühlt. Das folgende Video wurde mir freundlicherweise von Marco Kind von FunFlight zur Verfügung gestellt. Man sieht dort sehr schön, wie der Simulator aussieht, wie er sich bewegt und wie die simulierte Landschaft und die Bewegung der Flugzeugzelle synchronisiert sind. Ich finde das sooo toll 😀

Video des C42-Flugsimulators

Der Simulator ist aktuell auf der AERO 2022 in Friedrichshafen zu sehen, die noch bis 30.04.2022 stattfindet.

600.359+ Zeichen Flugsimulation

Seit 2020 schreibe ich an einem Buch über Flugsimulation, das in meiner Vorstellung sozusagen das ultimative deutschsprachige Handbuch zum Thema werden soll – Flugsimulation als Hobby vom ersten Schnupperflug bis zu großen Passagierflugzeugen. Anlass war damals natürlich das Erscheinen des Microsoft Flight Simulators 2020, aber ich widme mich gleichberechtigt auch X-Plane, AeroflyFS und dem Open-Source-Simulator FlightGear.

Irgendwelche „meiner ist besser als deiner“-Kämpfe sind mir fremd. Man kann mit allen ‚Schreibtisch‘-Simulatoren mehr oder weniger plausibel bestimmte Aspekte des Fliegens simulieren, aber ich finde es auch nicht schlimm, wenn man nur ‚fliegen spielt‘ statt es total ernst zu nehmen. Und wenn man es ernst nimmt, muss man sich trotzdem bewusst sein, dass das Fluggefühl – wie es körperlich und leiblich (im phänomenologischen Sinne) wahrnehmbar ist – mit keiner dieser Simulationen richtig zu erfassen ist (auch nicht mit Virtual Reality, das kann sogar eher täuschen). Als offizielles Trainingsgerät ist im Normalzustand (d.h. ohne Einbettung in spezielle Hardware und besondere Einzelfall-Zertifizierung) auch keiner zugelassen.

Geeignet sind Simulationen für den ‚Hausgebrauch‘, um zu verstehen, warum ein Flugzeug fliegt, wie Navigation funktioniert (in aktuellen Simulatoren aufgrund sehr realistischer Optik auch nach Sichtflugregeln), wie Flüge geplant werden, wie technische Systeme im Flugzeug zusammenwirken und wie bestimmte Abläufe und Verfahren funktionieren. Im Prinzip eine tolle, anschauliche Ergänzung zu einem Theoriekurs! Im FS MAGAZIN, für das ich regelmäßig schreibe [@Bert, falls du mitliest: Ja, deine Artikel kommen ;P ] sowie in zwei dicken und sehr schönen GameStar-Sonderheften zur Flugsimulation, an denen ich 2020 und 2021 maßgeblich mitgearbeitet habe, kann man schon viel zu solchen Grundlagen lesen, aber halt nur relativ knapp oder (in den GS-Heften) auf den Microsoft Flight Simulator 2020 bezogen. Das Buch ist grundsätzlicher.

In das Buch fließen auch meine eigenen Erfahrungen aus meinen echten Ultraleicht-Flugstunden mit der Comco-Ikarus C42 ein. Ich schreibe im Kapitel 18 (wo es um echtes Fliegen als Ergänzung zur oder nächsten Schritt nach der Simulation geht) auch über die Flugangst, wegen der ich damals überhaupt erst mit Flugstunden begonnen hatte. Da ich mit dem echten Fliegen aber vorwiegend des Geldes wegen im letzten Herbst erst mal aufhören musste (wie ich hier schon mal kurz erwähnte), habe ich da das damals schon zu knapp 70% fertige Manuskript nur noch aus dem Augenwinkel angeschaut – ganz im Sinne des „Hochstapler-Syndroms“ (Impostor Syndrome), das da höhnisch über mein ‚Scheitern‘ grinsend um die Ecke lugte.

Aber mittlerweile habe ich meine Trauerphase [halbwegs] überwunden [Trauerphase? Ja. Nachdem ich mit der Flugangst endlich klargekommen war und mich sicher fühlte, war das nun ein geradezu leiblich spürbarer Verlust an Bewegungsfreiheit] und so auch wieder Spaß an Flugsimulation; bin außerdem optimistisch, dass ich irgendwann auch wieder in der echten Welt fliegen werde; und bin nun seit ca. 3-4 Wochen in einer Art ‚Schreibwahn‘, um das Buch endlich zu beenden [damit ich danach und nach einem für Mai anstehenden Aufsatz zu Politik und Spiel dann endlich das Projekt „Privileg des Analogen“ fortsetzen kann].

Zurzeit arbeite ich am Flugsimulationsbuch in jeder freien Minute und meist bis spät nachts. Und so ist das Manuskript mit zurzeit 380 Seiten mittlerweile umfangreicher als damals meine Dissertation war – und damit mein bisher längstes Werk.

Und die 400 Seiten kriege ich auch noch voll.

#Coronaµdigkeit #NeunMonateTwitter #Grounded

Ich habe echt langsam keine Lust mehr auf Corona, und bin überzeugt, dass durch mehr Vernunft und Rationalität der derzeitige Anstieg der Zahlen vermeidbar gewesen wäre. Als generell vorsichtiger, oft sogar ängstlicher Mensch habe ich durchaus Verständnis für irrationale Sorgen. Ich verstehe auch, dass es für Leute, die kein naturgegebenes Talent für Mathe haben (auch so wie ich), schwer ist, statistische Zusammenhänge (Einordnung von Impfquoten, Beurteilung von Impfdurchbrüchen, usw.) zu durchdenken oder sich – immer noch, nach fast zwei Jahren Corona – exponentielle Anstiege von Fallzahlen vorzustellen. Aber das kann man alles lernen.

Ich hatte zum Beispiel sehr lange Flugangst, mit den typischen irrationalen Befürchtungen: „Gerade weil es so selten Abstürze gibt, muss es doch mich treffen!“ Durch Fliegen lernen, also nicht nur theoretisch oder am Simulator zu verstehen, wie ein Flugzeug fliegt, sondern durch das Erfahren am eigenen Leibe, ist es mir gelungen, diese Angst einzudämmen und zu kontrollieren.

[Leider bin ich aus finanziellen Gründen derzeit #Grounded, also erst mal für längere Zeit nicht mehr in der Luft, was mit einer für mich überraschenden Traurigkeit und einem echten Gefühl der Einschränkung der Bewegungsfreiheit auf nur noch zwei Dimensionen einhergeht, aber das ist ein anderes Thema und ließe sich auch gut unter Privilegienchecks diskutieren.]

Genauso jedenfalls kann man sich mit Corona-Tools (wie der Impfung) befassen und verstehen, warum sie nicht schlimm, sondern hilfreich ist. Aber sowas trifft mittlerweile häufig sofort auf Abwehr. Guckt man sich halt nicht an, versucht es nicht mal. Ein bisschen wie in Brechts „Leben des Galilei“, wenn man halt bei festen Überzeugungen bleibt, ohne empirische Fakten dagegen auch nur als potenziell gültig zu prüfen.

Vielleicht braucht es daher den Druck der Masse? #allesindenArm ist gerade ein Twitter-Trend, bei dem alle möglichen Leute dazu aufrufen, sich endlich impfen zu lassen. Zurzeit ist er bei 68.400 Tweets, was sehr viel ist, vor allem im Vergleich zu impfkritischen Hashtags (die ich nicht verlinke, was wiederum durch das Hashtag #FalseBalance begründet werden könnte). Es ist in gewisser Weise beruhigend zu sehen, dass ‚die Mehrheit‘ ähnlich denkt wie ich. Natürlich ist letzteres kein Wert an sich. Aber vor dem Hintergrund der rationalen Beschäftigung mit der Corona-Thematik macht es doch Hoffnung.

Seit Januar 2021 übrigens habe ich einen Twitter-Account, …

[Edit: äh … was dann 11 Monate sind, nicht 9 wie in der Überschrift … so viel zu meinem Mathetalent 😀 ]

… um auszuprobieren, wozu das gut ist und wie sich das anfühlt. Uta Buttkewitz hat ja in ihrem Buch kritisiert, dass es kurze folgenlose Kontakte sind, um die es in ’sozialen‘ Medien geht, aber das ist nicht immer so. Ich hatte auch positive Twittererlebnisse: Wenn Wissenschaftler*innen Erklärthreads zu diversen Themen posten; wenn (wie beim Historikertag neulich) parallel auf Twitter diskutiert werden kann, was ein schönes Gefühl der Teilhabe erzeugt; oder wenn man über interessante Veröffentlichungen und Veranstaltungen informiert wird. Auch als simpler Newsfeed der üblichen Zeitungen und Nachrichtensendungen lässt sich Twitter benutzen.

Aber, ja, wesentlich sind immer auch Selbstdarstellung (persönlich oder zu Werbezwecken), Affektentladung als Einzelne*r oder hinter Hash-getaggte Twitter-Trends versammelte Gruppe, sowie das kurzfristige Belohnungsgefühl eines „Likes“ (nett) oder gar eines „Retweets“ (viel besser). Gerade letzteres ist mir selten vergönnt, was vermutlich heißt, dass die Dinge, die ich dort schreibe oder verlinke, nicht relevant genug für meine derzeit 55 „Follower“ sind. 🙂

Den Kopf [frei kriegen] über den Wolken

War mal wieder so weit. Die übliche Runde ‚um den Block‘. Mittlerweile sieht es wieder viel trockener aus als letzten Monat, der Elbpegel ist wieder gesunken.

Wir sprachen heute kurz darüber, dass das Selber-Fliegen ein großes Privileg ist. Aber das ist es nicht nur wegen der Landschaft usw. Sondern weil das räumliche Herausheben auch für den Luxus steht, den Alltag hinter sich lassen zu können. Ich weiß nicht, wie das bei Berufspilot*innen ist oder bei Fluglehrer*innen, für die das der normale Job ist. Aber wenn ich vielleicht drei, wenn’s hoch kommt, vier mal im Monat für je eine halbe bis dreiviertel Stunde unterwegs bin, ist das immer noch etwas Besonderes. Und etwas, wo ich dann ganz bei der Sache und mir selbst bin. Für diese Zeit verschwinden alle eigenen und medial vermittelten Weltschmerzen. Das ist das eigentliche, zu hinterfragende, Privileg.

Lesetipp: Flugsimulation ist mehr Romantik als Realismus (GameStar, Paywall)

Für den Plus-Bereich der Zeitschrift GameStar habe ich einen kleinen Essay geschrieben über das Paradoxon, dass die sehr „realistische“, von echten Luftbildaufnahmen teils nicht zu unterscheidende Grafik im Microsoft Flight Simulator (2020) gerade erst zu einem Gefühl der Unwirklichkeit fühlt. Das ist am Ende mehr Romantik als Realismus — und das, wo ja gerade der technische Begriff „Simulation“ zumindest auf den ersten Blick für alles andere als Romantik zu stehen scheint. Der Text ist eher ‚gefühlig‘ und beruht auf dem Unterschied des Spiels zu meinen echten Flugerfahrungen, aber einen kurzen Verweis auf Benjamins Aura-Begriff konnte ich mir trotzdem nicht verkneifen, wenn es um das Fehlen echter Dynamik und Lebendigkeit bei der Darstellung unserer Erde im Spiel geht. Hier geht’s zum Artikel: https://www.gamestar.de/artikel/microsoft-flight-simulator-romantik-des-fliegens,3372099.html

Gedankenlos

Sobald das Flugzeug abhebt, verfliegen alle Gedanken.

Das Gefühl des Steigens, körperlich und leiblich, und der Blick auf Geschwindigkeit, Steigrate, Richtung, mehr ist nicht wichtig, und je kleiner die Welt unter mir wird, umso irrelevanter erscheinen die Sorgen des Alltags aus der ersten Tageshälfte.

Spontan (statt nur Platzrunden) ein Rundflug, die Stadt von oben in 2.000 Fuß ist so ruhig, alles so klein und unwichtig. Magdeburg habe ich mittlerweile schon so oft aus der Perspektive gesehen, aber trotzdem ist es immer wieder neu.

Der Elbpegel ist mit knapp 2,50 m gerade recht hoch (im Vergleich zu den letzten Jahren) und aus der Luft sieht man gut, wie der Fluss vor kurzem noch begehbare Spazierwege überschwemmt hat:

Da unten, auf dem schmalen grünen Streifen unterhalb des Hafens, war neulich noch viel mehr Platz.

Sogar Gräben in der Umgebung sind voll mit Wasser gefüllt.

Aber das ist alles noch im Rahmen, fast „normal“, so wie man sich einen großen Fluss vorstellt.

Nach der Landung das übliche Highsein.

Und das Abendessen, Pilzsuppe am Flugplatzrestaurant. Dort zufällig einen ebenfalls fliegenden Bekannten getroffen, der erzählt, dass das Restaurant in Stendal jetzt auch wieder geöffnet hat, mit gutem Eiskaffee. Und unverständlich, dass es in Dessau am Platz nicht mal Kaffee gibt, und auch keinen Fahrradverleih (mehr). Luxusprobleme, die mir aber in diesem Moment sehr interessant erscheinen.

Dann die Fahrradfahrt nach Hause, noch mal 9 Kilometer durch die laute Abendstadt, die zurzeit noch wie vor Corona wirkt, und die ich lange nicht mehr so gesehen haben. Nach der Ruhe am Himmel wirkt sie doppelt.

Zu Hause die Nachrichten, um auch gedanklich wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen, mit den Fluten in Südwestdeutschland …

Ultraleicht auf dem Mars: Am ersten Flug von Ingenuity ist vor allem die Konstruktion des Medienereignisses bedeutsam

Gestern flog das erste Mal ein propellergetriebenes Fluggerät auf einem anderen Planeten. Über dem Jezero-Krater auf dem Mars stieg der einer kleinen Drohne ähnliche Helikopter Ingenuity ca. drei Meter in die Höhe. Da blieb er ca. 30 Sekunden, vollführte eine Drehung und landete dann wieder. Eine offenbar perfekte Demonstration technischer Planung und robuster Konstruktion — aber auch ein Beispiel dafür, wie durch einfache Mittel, nämlich Sprache, Definitionen und Requisiten, ein Medienereignis erzeugt wird.

Der Mars-Rover Perseverance hat den Erstflug von Ingenuity gefilmt:

NASA-Video des ersten propellergestützten Fluges auf dem Mars

Das Fluggerät selbst hat mit einer Kamera seinen eigenen Schatten fotografiert, wenn auch zunächst nur in Schwarz-Weiß:

Schatten von Ingenuity auf dem Mars (Bild: Wikipedia)

Außer der Kamera hat die Drohne keine wissenschaftlichen Instrumente an Bord und dürfte daher für sich gesehen kaum wissenschaftlichen Mehrwert bringen — außer eben zu zeigen, dass zumindest sehr leichte Objekte auf dem Mars mit konventionellen Antrieben fliegen können, was irgendwann in der Zukunft mal für die Landschaftserkundung und ggf. den Transport leichter Frachten relevant werden könnte. Da man die Flugfähigkeit schon theoretisch sowie in Simulationen absehen konnte, kann man sicher streiten, ob die 85 Mio. US-Dollar, die Bau und Betrieb von Ingenuity kosten, gerechtfertigt sind. Die gesamte Perseverance-Mission, von der Ingenuity ein kleiner Teil ist, kostet allerdings ca. 2,7 Milliarden US-Dollar.

Ingenuity und die Konstruktion eines Medienereignisses

Wenn man mal von grundsätzlicher Raumfahrtkritik absieht (nach dem Motto „Das Geld wäre auf der Erde besser verwendet“), und abgesehen vom Respekt für die technische Leistung (dass es eben funktioniert hat, trotz der langen eisigen Reise durch das All und der großen Entfernung), ist das Experiment vor allem kulturgeschichtlich und als Medienereignis faszinierend. Nicht ohne Grund heißt der ‚Flugplatz‘ jetzt Wright Brothers Field, nach Orville und Wilbur Wright, die (zumindest nach US-Lesart) 1903 den ersten Motorflug durchführten.

Die internationale Luftfahrtbehörde ICAO (International Civil Aviation Organization) hat dem Platz das offizielle Kürzel JZRO zugewiesen — ganz wie einem echten Flughafen auf der Erde. Der mittlerweile geschlossene Flughafen Berlin-Tegel „Otto Lilienthal“ trug beispielsweise das Kürzel EDDT, während der berüchtigte Flughafen Berlin Brandenburg von Schönefeld das Kürzel EDDB geerbt hat.

In einem Tweet konnte die NASA damit den Test als echten Flug inszenieren, zwar mit einer gewissen gebotenen Selbstironie, aber sicher nicht ohne Stolz:

„Wie jeder gute Pilot haben wir den Flug ins Flugbuch eingetragen, und dank der ICAO haben wir sogar Bezeichner für den Erstflug des Mars-Helikopters (IGY-1), ein Rufzeichen (INGENUITY) und unsere Buschpiste im Jezero-Krater auf dem Mars (JZRO).“

Screenshot des Tweets der NASA über die ICAO-Bezeichnungen für Fluggerät und Flugplatz; wie häufig in den letzten Jahren hat die NASA auch wieder ein fiktives Flugticket erstellt.

Das Fluggerät selbst hat nun die offizielle ICAO-Bezeichnung IGY — so wie Luftfahrzeuge auf der Erde ebenfalls ICAO-Abkürzungen haben. Und natürlich hat die NASA in einer Pressekonferenz auch ein Flugbuch präsentiert, passend zum Mars mit rotem Einband:

Flugbuch von Ingenuity (Bild: Screenshot aus dem Video vom Tweet der NASA-Pressekonferenz)

Was für sich genommen also ein kleiner Hüpfer war, der vor allem als Experiment einiger Techniker*innen und Wissenschaftler*innen relevant ist, soll durch seine historische, mediale und institutionelle Einbettung an Bedeutung gewinnen. Die Namen (Wright Brothers Field), Rufzeichen (INGENUITY), Abkürzungen (IGY und JZRO) und Requisiten (das Flugbuch) rufen aktuelle und historische Luftfahrt-Kontexte auf, mit denen der Flug von Ingenuity erst als Medienereignis konstruiert wird. Die Einbindung der zur UN gehörenden ICAO stellt sicher, dass dieses Ereignis nicht nur auf die USA beschränkt bleibt, sondern internationalen Anspruch erhebt.

Auch wenn das vor allem Marketing ist — per definitionem ist auf dem Mars jetzt ein Flugplatz, auch wenn weder Ort noch Fluggerät dem entsprechen, was wir im Alltag unter Flugplatz oder Helikopter verstehen würden. Ungeachtet solcher Feinheiten soll am Ende im Gedächtnis bleiben, dass am 19.04.2021 der erste Motorflug der Menschheit auf einem fremden Planeten durchgeführt wurde, in der Tradition der Luftfahrtpioniere Gebrüder Wright — „NASA scores Wright Brothers moment with first helicopter flight on Mars“, titelt die Nachrichtenagentur Reuters in ihrer Berichterstattung. Die dafür von NASA und ICAO genutzten kommunikativ wirksamen Elemente sind am Ende fast faszinierender als der Flug an sich.

Den mein Nerd-Herz trotz allem ziemlich cool findet.


(Titelbild: NASA / Public Domain)

Die Balance zwischen Kontrolle und Loslassen (Teil II)

Seit dem ersten Teil dieser Artikelreihe zum Thema Kontrolle und Loslassen ist schon wieder viel Zeit verstrichen. Eigentlich wollte ich in diesem zweiten Teil die Flug-Metapher aus Teil eins jetzt auf berufliche Kommunikationssituationen anwenden, aber vorher will ich doch noch auf etwas anderes hinweisen. Das Loslassen der Arbeit insgesamt.

Die letzten zwei Monate waren sehr arbeitsintensiv, insbesondere, was das Schreiben angeht. Erstens hatte ich im Juli mein nächstes Buch fertiggestellt, das ich diesmal auch noch selbst layoutet habe (weil ich wegen des Themas — Computerspiele — statt der Standardvorlage des Verlags gerne etwas Zweispaltiges und Buntes haben wollte). Dieser Satzprozess (mit der Software Scribus) hat fast einen Monat gedauert, weil ich mich auch inhaltlich nicht ganz lösen konnte. Immerzu gab es noch kleine Ergänzungen, obwohl es eigentlich längst vollständig war. Und eigentlich hätte ich noch lange so weitermachen können. Nach der Abgabe fiel ich in dieses „Loch“, das eigentlich bedeuten könnte: Endlich mal Entspannung, aber mir drängt sich eher die Frage: „Was als nächstes?“ auf.

Glücklicherweise kam darauf schnell eine Antwort, in Form eines ziemlich spontanen GameStar-Sonderhefts über den neuen Microsoft Flight Simulator (dessen Veröffentlichung am 18.08. ebenfalls sehr kurzfristig war). Innerhalb weniger Wochen haben wir dieses Projekt fertiggestellt, und das Heft enthält allein über 40 eng bedruckte Seiten von mir. Das war viel Schreiben und Ausprobieren — gut, dass ich dank Urlaub genug Zeit dafür hatte 😉 Die Zeitschrift ist seit Freitag erhältlich und insgesamt bin ich sehr zufrieden damit. Doch wieder war ich noch Tage nach Abgabe der Artikel irgendwie „grundnervös“ und es hat ziemlich lange gedauert, bis ich langsam runtergekommen bin. Das ist immer so nach dem Beenden eines größeren Schreibprojekts, und diesmal gab es eben gleich zwei nacheinander.

Das gedankliche Loslassen fiel mir also schwer. Und damit auch die Konzentration auf andere Dinge. Eigentlich fühle ich mich erst seit heute wieder entspannt — seit ich heute wieder fliegen war, mit dieser für mich paradoxen Mischung aus Freiheit und Reminiszenzen an frühere Flugangst-Zeiten, die sich wieder in dem Drang äußert, das Flugzeug viel stärker kontrollieren zu wollen als nötig, wenn es wegen Thermik oder Turbulenzen hoch- und runter hüpft, oder sich zur Seite neigt. Dieses Einlassen auf diese Bewegungen, das entspannte Zurücklehnen, muss ich nach zwei Monaten Flugpause immer wieder erst bewusst zulassen — durch Loslassen.

Dies soweit. Im nächsten Teil dann endlich die Übertragung auf das Kommunikationsthema.

GameStar-Podcast zu Flugsimulation

Vor ein paar Tagen hat Microsoft einen neuen Flight Simulator veröffentlicht. Die GameStar bringt dazu ein Sonderheft raus, für das ich diverse Artikel beigesteuert habe. Außerdem gibt es begleitend einen Podcast, in dem unter anderem ich interviewt wurde und der heute online ging (leider hinter der Paywall): https://www.gamestar.de/artikel/podcast-flight-simulator,3361102.html