„Wir Internetkinder“ von Julia Peglow (2021)

Lange habe ich kein Buch mehr so schnell ‚verschlungen‘ wie Julia Peglows „Wir Internetkinder. Vom Surfen auf der Exponentialkurve der Digitalisierung und dem Riss in der Wirklichkeit einer Generation“ (2021, Verlag Hermann Schmidt). Julia Peglows Buch ist einerseits eine persönliche, stellenweise recht desillusionierte Bestandsaufnahme zum digitalen Zeitalter.

Wir jagen gestresst durch eine Welt, in der wir zum tieferen Durchdenken von Themen keine Zeit mehr haben, wofür digitale Dienstleistungen nicht unerheblich verantwortlich sind.

Andererseits ist das Buch die Autobiographie einer erfolgreichen Designerin, die jahrelang in führender Position für große Konzerne tätig war, dabei die kritisierte Situation zumindest teilweise mitgeschaffen und aufrechterhalten hat, jedoch zunehmend Zweifel bekam und darum 2017 aus dem digital getakteten Hamsterrad der einengenden Konzernstrukturen ausgebrochen ist. Seitdem schreibt Peglow das „diary of the digital age“, veröffentlicht Kolumnen, ist Dozentin und hält Vorträge.

Ein Thema, das sich immer wieder durch Peglows Buch zieht, ist die Diskrepanz zwischen (a) den idealistischen Vorstellungen der jungen Studentin, die Peglow 1994 noch war; (b) ihren im Lauf des Berufslebens in London, Berlin, München und auf weltweiten Dienstreisen erlebten Ernüchterungen; und (c) dem datenhungrigen Albtraum, zu dem das von Megakonzernen wie Google und Meta (Facebook) dominierte Internet heute geworden ist.

„Generation One“ ist der Teil II des Bandes überschrieben, der die Zeit von 1994 bis 2000 beschreibt. Das ist die erste Generation, die das Internet mitaufgebaut und dessen Anfänge als Studierende oder junge Berufstätige erlebt hat – aufgewachsen noch im Analogen, das man heute zunehmend als Privileg sehen kann, aber losgelassen in das beginnende digitale Zeitalter.

Break: Welcome to the Internet (Fraktus)

Kurz bevor ich auf Julia Peglows Buch „Wir Internetkinder“ stieß, hatte ich gerade mal wieder Lars Jessens satirische Mockumentary „Fraktus“ (2012) angeschaut. Fraktus — die eigentlich fiktive, aber im Film und in späteren Musikvideos vom Studio Braun (Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger) verkörperte Elektropop-Band, ohne die es weder Kraftwerk noch Techno gegeben hätte 😉 , und damit auch nicht die Neunziger, wie wir sie kennen und wie sie auch in Julia Peglows Buch aufscheinen.

Drei Jahre nach dem Film brachten Fraktus das Album „Welcome to the Internet“ (2015) heraus — textlich meistens eine Blödelei irgendwo zwischen Neuland, Kapitalismus-Kritik und 80er/90er-Nostalgie, aber eben auch ganz atmosphärische elektronische Musik, der stellenweise das Querflöten-Spiel Heinz Strunks eine besondere Note verleiht (weshalb der Titel „Welcome to the Internet“ auch gut der „Hit mit der Flöte“ hätte sein können, der in Sven Regeners 90er-Revival-Roman „Magical Mystery“ eine Rolle spielte).

Lebendige Faszination

Die 90er erscheinen auch in Peglows Buch als eine — aus damaliger Sicht — tolle Zeit, in der alles möglich schien. Peglows Begeisterung, die sie für die ersten Websites, ihre ersten eigenen Programmiererfolge und ihre ersten Photoshop-Erfahrungen verspürte, ist sooo nachvollziehbar. Auch wenn ich nicht ganz zur Generation gehöre, die das Buch beschreibt (Peglow ist 1973 im ‚Westen‘ geboren, ich erst 1981 und im ‚Osten‘), habe ich beim Lesen dieser Kapitel das Gefühl, in meine Jugend zurückgeworfen zu werden.

Das auch von Peglow erlebte selbstwirksame Gefühl, durch eigenen Programmcode den Computer genau das tun zu lassen, was man will, trug mich durch meine Teeniezeit. Die Freude an ersten Layout-Erfahrungen der Schülerzeitung am Computer hatte ein lange andauerndes (wenn auch nie professionalisiertes) Interesse an Textsatz und Typographie zur Folge. Und ich erinnere mich sehr gut an mein ungläubiges Staunen (und das meines Kunstlehrers), als ein mehrere Jahre jüngerer Mitschüler auf dem PC im Kunst-Fachraum unserer Schule in Windeseile in Corel Photo-Paint (damals ein erfolgreicher Konkurrent von Adobe Photoshop) Bildelemente „klonte“, so perfekt, dass es nicht als Manipulation erkennbar war. Und dann natürlich das schier unendlich scheinende Potenzial des World Wide Web, das wir im Informatik-Unterricht für wenige Minuten ausprobieren konnten!

It’s like We have Contact through a Cable

„Welcome to the Internet / The Old World is Dead“ wird im Refrain von Fraktus‘ Album-Opener geträllert, nachdem „Dickie“ (Rocko Schamoni) in schlimmem deutschen Englisch das Internet erklärt: „It’s electric. It’s like we have contact through a cable“. Und diese Erfindung schenkte Dickie der Welt selbstverständlich ganz altruistisch: „I made it for the people of the World“ — „Thank you, Dickie“ — „Not for that.“

Doch das Internet als demokratischer Raum, der frei von staatlichen und kommerziellen Interessen sein würde, erwies sich schnell als utopische Illusion. Und auch die Idee, im WWW das gesamte Wissen der Menschheit zu erschließen (oder wenigstens Microsoft’sche „Information at your fingertips“, wie es damals hieß), wurde nicht Realität.

Konnte sie auch gar nicht: Zurecht weist Julia Peglow darauf hin, dass das Internet kein Wissen enthält, sondern stets nur Daten; nur selten wird heute noch darauf hingewiesen, dass Daten, Information und Wissen nicht dasselbe sind. Und die verfügbaren Daten sind nur solche, die seit Anfang der Neunziger online gestellt wurden (wenn sie nicht längst wieder verschwunden oder nicht mehr zugänglich sind). Das meiste, was vorher war, wird trotz diverser Digitalisierungsprojekte weiterhin nur offline verfügbar bleiben.

Blinde Flecken

Peglows Buch beginnt und endet wie erwähnt mit Ernüchterung. Es ist ihr Tagebuch, ihre Biographie, ihr Protokoll, wie sie aus dem Hamsterrad ausbricht, um endlich wieder Überblick zu gewinnen, wo sie, ihre Generation und wir als Gesellschaft eigentlich stehen. Ein paar blinde Flecken gibt es dabei aber.

Dass die Autorin vor allem die westdeutsche Perspektive einnimmt, merkt sie mehrfach selbst an. Dass sie an einer Stelle bedauert, dass es heute kaum noch geisteswissenschaftliche Perspektiven auf die digitale Welt geben würde, hat vielleicht damit zu tun, dass Peglows Buch außerhalb des akademischen Kontexts entstanden ist — gerade an netzbezogener Medienkritik und entsprechender Gesellschaftsdiagnosen gibt es eigentlich recht viel (Byung-Chul Han, Dirk Baecker, Armin Nassehi, Hartmut Rosa, u.a.), und auch die Über/Strom-Bände von Uta Buttkewitz und Kathrin Marter leisten einen Beitrag zur Kritik des heutigen Internet.

Für die Gesellschafts- und Generations-Diagnose wichtiger ist aber, dass Julia Peglow die Perspektive ziemlich priviligierter Menschen der Kreativbranche einnimmt, die global denken und global unterwegs sind, und die es sich nach langen Jahren gut bezahlter Tätigkeit leisten können, einen Job hinzuschmeißen, mit dem sie unglücklich sind.

Wenn Peglow schreibt:

„Wir sind die schwebende Generation. Es ist unser Schicksal — und unsere große Freiheit — haltlos im Raum zu hängen, ohne oben und ohne unten. Ohne Anfang und ohne Ende.“

Julia Peglow, Wir Internetkinder, S. 276.

dann können zumindest das mit dem Schicksal wohl viele Leute nachvollziehen, ob nun Kreative*r oder nicht. Aber da steht auch was von Freiheit, und die Textstelle geht noch weiter:

„Wir können uns an die Schwerelosigkeit als neuen, permanenten Seinszustand gewöhnen. In der Schwebe leben und agieren, ohne an ihr irre zu werden, ohne das Gleichgewicht oder überhaupt jeglichen Halt zu verlieren. Sie als Befreiung und Leichtigkeit empfinden. Das ist der Weg.“

Julia Peglow, Wir Internetkinder, S. 276.

Das, was Julia Peglow hier wie ein kleines Manifest, als Hoffnung machenden Abschluss, formuliert, sehe ich an sich ganz genauso — wir müssen lernen, mit den heutigen Ungewissheiten zu leben; müssen berufliche Identität vielleicht als Projekt denken –, aber um das zu schaffen, braucht es handfeste Voraussetzungen, die man mit Bordieu als Kapitalformen beschreiben könnte. Neben Geld und Zeit sind das Wissen und Fähigkeiten, die erstmal erworben oder umgebaut werden wollen, sowie Netzwerke, die bereit sind, zu helfen. Unter den heutigen Bedingungen neoliberalen Wirtschaftens ist es für Menschen in schlecht bezahlten Jobs oder mit geringerem Bildungsgrad schwierig bis unmöglich, diese Arten von Kapital zu erlangen. Die Fähigkeit, mit eigentlich beunruhigender Ungewissheit gelassen ’schwebend‘ umzugehen, bleibt dann unerreichbarer Luxus.

Dass am Ende von „Wir Internetkinder“ ein Zitat der Kunstfigur Donald Draper aus der Fernsehserie Mad Men steht — eine Serie, die in der prädigitalen Welt der 1960er und 1970er spielt –, erscheint da recht ironisch. Don Draper war erfolgreicher Kreativer in einer New Yorker Werbeagentur. Nur dass Draper eigentlich Dick Whitman hieß und aus ganz anderen Verhältnissen kam — bis er beschloss, sie zu vergessen. Vom Autoverkäufer arbeitete er sich zum Kreativdirektor hoch, lebte ein wildes Leben aus Partys und Affären — und zerbrach doch innerlich immer mehr an seinem falschen Leben. Auch Draper gab am Ende seinen Job auf, um meditierend zu sich selbst zu finden. Er hätte ein ganz ähnliches Buch verfassen können.

Zurück zu den Wurzeln: Gemini als kleiner ‚Zwilling‘ des Internets

Nicht nur wir bei Über/Strom leiden mitunter am digitalen Overload, wie es Uta gestern formuliert hat. Im Fokus unserer Kritik stehen oft Online-Konferenzen oder Social-Media-Dienste, wo es also um Kommunikation zwischen Menschen geht. Aber auch das World Wide Web (WWW) fühlt sich mitunter überladen an, was nicht nur an der vielen Werbung liegt. Was als Möglichkeit zum akademischen Austausch begann und in den Neunzigern noch gern als Realisierung von Vannevar Bushs Memex-Konzept (1945) gesehen wurde, ist heute Alltag — ein nie endender Strom von Texten, Bildern, Musik, Videos, in dem man sich leicht verlieren kann: Über/Strom eben. Eine bis heute existierende Alternative zum WWW, Gopher, hat auch wegen technischer Unzulänglichkeiten an Bedeutung verloren. An der Stelle stieg 2019 das Gemini-Projekt ein.

Minimalismus

Das Gemini Protocol ist ein Daten-Übertragungsprotokoll ähnlich dem Hypertext Transfer Protocol (HTTP), das dem WWW zugrundeliegt. Adressen fangen bei Gemini nicht mit http:// oder https:// an, sondern werden mit gemini:// eingeleitet. Normale Webbrowser verstehen das noch nicht, aber es gibt eine Menge spezieller Gemini-Browser.

Screenshot von Lagrange, einem Gemini-Browser für Windows, Linux und macOS

Der Name des Protokolls bezieht sich auf die US-amerikanischen Gemini-Raumschiffe (1961-1966). Gemini-Websites werden daher auch Kapsel / capsule genannt. Wie beim WWW wird ein Browser benutzt, um Gemini-Seiten zu betrachten (vgl. Screenshot oben). Wer sich keinen extra Browser installieren will, kann Gemini-Adressen auch über einen Proxy aufrufen, zum Beispiel https://proxy.vulpes.one — darüber können Sie sich zum Beispiel die Projektbeschreibung von Über/Strom auf unserer brandneuen Gemini-Kapsel anschauen (eventuell werden dort künftig als Experiment ausgewählte Artikel unserer Zeitschrift gespiegelt. Die Gemini-URL ist dann: gemini://ueberstrom.flounder.online ).

Statt der im WWW üblichen Auszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language) oder gar komplexen Formatierungen mit CSS und für besondere Funktionen nötigen Skriptsprachen wie JavaScript besteht der Geminispace aus einfachen Textdateien, die lediglich mit wenigen Befehlen formatiert sein können. Das Format wird Gemtext genannt. Die Dateiendung ist .gmi statt .html.

Neben normalem Text erlaubt Gemtext Überschriften (maximal drei Ebenen), unnummerierte Listen (nicht verschachtelt), Blockzitate und vorformatierten Text — das war’s. Hyperlinks werden nicht innerhalb des Texts eingefügt, sondern separat als einzelne Zeile. Cookies, Formulare, eingebettetes Multimedia, also das ganze Zeug, das das WWW so vielfältig, aber auch so anstrengend macht, gibt es nicht.

Wie auf Zeitreise

Entsprechend liegt der mögliche Nutzen von Gemini vor allem im Präsentieren von Hypertexten im engeren Sinne. Ein guter Browser formatiert diese Texte so, dass sie angenehm lesbar sind. Gemini ist dahingehend quasi das Äquivalent zum distraktionsfreien Schreiben, wie es in diversen mittlerweile recht beliebten Markdown-Editoren wie Typora möglich ist.

Den mit derzeit ca. 209.000 einzelnen Seiten noch recht überschaubaren Geminispace zu erkunden, versetzt ein wenig zurück in die Anfangszeit des WWW — als das noch neu und aufregend war, als man nicht wusste, was sich wohl hinter dem nächsten Link verbirgt, und als noch keine großen Konzerne das Web dominierten. Daher gibt es auch noch etwas, das im WWW längst keine Bedeutung mehr hat: von Hand gepflegte Seitenverzeichnisse.

Klickt man sich da durch, findet man neben inoffiziellen Spiegelungen von Nachrichten-Websites vor allem eine Menge Seiten, auf denen Leute ihre Kochrezepte, Lieblingsbücher, Musikvorlieben, Linklisten und persönliche Tagebucheinträge teilen. Viele Kapseln sind sehr techniklastig, mitunter mischt sich darunter ein anti-kapitalistischer bis anarchistischer Vibe.

Sinnsuche

Das alles erinnert an die Frühzeit des Internet. Man fragt sich durchaus, welchen konkreten Zweck Gemini erfüllen soll und kann. Zwar lassen sich darüber Textdokumente ressourcensparend verteilen und lesen, und das kann aus klimatechnischer Sicht ein Argument sein. Aber den Ansprüchen unserer hyperkommunikativen Zeit, wo es oft nicht um den Text geht, sondern um die Reaktion darauf (Klick, Like, Share), wird das nicht gerecht. Und will es ja auch nicht. Auch ein „Darknet“ kann Gemini nicht werden, denn es ist ja öffentlich.

Wozu also?

Vielleicht einfach, „weil man es kann“. Weil Erschöpfung vom normalen WWW nicht bedeutet, ganz auf Vernetzung verzichten zu wollen. Und technischer Spieltrieb Ziele braucht. Inhaltlich erscheint der Geminispace aber vor allem als Versuch, sich diese seltsame Halböffentlichkeit zurückzuholen, die das WWW anfangs ausgezeichnet hat:

„Ich habe jetzt eine eigene Homepage!“

„Aha. Hast du schon Hausaufgaben gemacht?“

Der Kokon platzt auf. E. M. Forster: „Die Maschine steht still“

Eines Tages werden die Menschen in kleinen wabenartigen Zellen unter der Erde leben, umsorgt von automatischen Systemen, die sie als Gott verehren und deren Handbuch für die Menschen die Rolle eines religiösen Textes einnimmt. Eingelullt durch sanfte Klänge, denken die Menschen sich fortwährend „Ideen“ über theoretische Fragestellungen aus, teilen sie per Streaming mit anderen Menschen oder tauschen sich darüber per Videokonferenz aus. Physischer Kontakt zwischen Menschen ist ein Tabu und findet, ebenso wie die Reise an die Oberfläche, nur im äußersten Notfall statt.

Dieses Szenario entstammt keiner „Black Mirror“-Folge und ist kein dystopisches Weiterdenken derzeitiger Corona-Isolation, sondern wurde 1909 in einer Kurzgeschichte des britischen Schriftstellers E. M. Forster (1879-1970) beschrieben. Vor ein paar Jahren erschien sie als hübsches kleines Büchlein bei Hoffmann und Campe. Der Klappentext zitiert den Virtual-Reality-Pionier Jaron Lanier, der die Geschichte als „früheste und treffendste Beschreibung des Internets“ bezeichnete. In der Tat ist es erstaunlich, wie sehr die Eingangsszene heutigen Leser*innen vertraut vorkommt.

Eine Frau sitzt in ihrem Sessel und hört Musik, nachdenkend. Plötzlich wird sie durch eine Klingel unterbrochen, ein Videoanruf. „Sie hatte Abertausende Bekannte“, schreibt Forster (S. 6), aber dieser Anruf stammt von ihrem Sohn. Richtiggehend belästigt fühlt die Frau sich von der unangekündigten Störung, ist irritiert, warum der Sohn nicht das schnellere Kommunikationsmedium der Rohrpost verwendet, nimmt sich aber dennoch einige Minuten Zeit. Aber ihre Hoffnung, dass es schnell vorbeigehen möge, wird nicht erfüllt. Denn ihr Sohn verlangt etwas Ungeheuerliches: Er will sich persönlich mit seiner Mutter treffen.

Man spürt förmlich die Erleichterung der Frau, als das Gespräch nach kurzer Zeit endet und sie sich wieder in ihr soziales Netzwerk versenken kann. Zwar ist sie auch davon genervt, beantwortet alle Anfragen in der „gewissen Gereiztheit, ein Wesenszug, der in jenem beschleunigten Zeitalter um sich griff“ (S. 12), aber es ist nur der gewöhnliche Alltagsstress, vor dem sie das Dasein in ihrer Wabe nicht schützt. Dann endlich ist es „an der Zeit für ihren Vortrag über Australische Musik“, der, wie wir erfahren, lediglich zehn Minuten dauert, aber „positiv aufgenommen“ wird.

Man kann Jaron Lanier verstehen, wenn ihn das alles an das Internet erinnert. Die technischen und sozialen Kommunikationsformen, die E. M. Forster in einer Zeit ersann, als gerade einmal das Telefon verbreitet war (ein Medium, das laut eines Spiegel Online-Berichts gerade wiederentdeckt wird), erinnern deutlich an die schnellen, oft inhaltsleeren Kontakte (wie es Uta Buttkewitz in ihrem neuen Buch kritisch beschreibt) unserer Zeit. E. M. Forster geht es aber nicht um die Technik. Der Titel des Buches deutet es schon an: Der fast im Wortsinn zu verstehende Kokon, in dem sich die Menschen in Forsters Erzählung befinden, hält nicht ewig.

„Die Probleme nahmen schleichend ihren Anfang“, schreibt Forster. Nach und nach kommt es zu ungewöhnlichem Fehlverhalten der alles steuernden Maschine. Bald zeigt sich, dass die streng nach Handbuch vorgenommenen Eingaben der Menschen an das „Gremium des Korrekturapparats“ (heute würde man von Support-Tickets reden) zu keinen Verbesserungen führen. Sie müssen der Wirklichkeit ins Auge sehen: Der Kokon bricht auf.

Es ist kein positives Ende, das E. M. Forster seinen Figuren spendiert. Dennoch verbleibt ein Hoffnungsschimmer, für die Menschheit als Ganzes, denn die „Heimatlosen“ — Menschen, die außerhalb des trügerischen Luxus des unterirdischen Wabenlebens stehen — warten schon …

„Die Maschine steht still“ ist kein ausufernder Science-Fiction-Roman, sondern eine kurze Allegorie auf eine zunehmend technisierte Welt. Das Thema der Isolation hat etwa Isaac Asimov in seinem Roman „Die nackte Sonne“ (1957) als recht spannenden Science-Fiction-Kriminalroman bearbeitet. Anders als Asimov (der seinen Roman in seine Robotergeschichten einbettet und in der Reisen durch den Weltraum Alltag sind), wirken die wenigen konkret benannten Techniken in Forsters Erzählung ihrer Form nach anachronistisch, in ihrer Funktion aber sehr vertraut.

Und gerade weil „Die Maschine steht still“ auf das Wesentliche beschränkt ist, wirkt die Erzählung immer noch wie ein mahnend-düsteres Spiegelbild.

E. M. Forster, „Die Maschine steht still“, Hoffmann und Campe, 2016, 78 Seiten.


(Titelbild des Blogeintrags: Pete Linforth / Pixabay.com)

7 aus dem Strom: 09/2019

Seit dem letzten (heraus)sieben von sieben relevanten Neuigkeiten aus dem ständigen Medienstrom ist schon wieder ein Monat vergangen. Ist auch gar nicht so einfach, schnell auf dem Laufenden zu bleiben, wenn das nur noch zu Hause am PC oder Laptop geht und nicht mehr unterwegs mit einem Smartphone. Aber nun ist es mal wieder Zeit dafür, ein paar interessante Berichte zu teilen.

Ende September ging durch die Medien, dass im Rahmen eines Google-Projekts das erste Mal die Quantenüberlegenheit belegt wäre, das heißt, die Überlegenheit von Quantencomputern gegenüber herkömmlichen Rechnern (beispielsweise berichteten die Süddeutsche Zeitung und Deutschlandfunk Kultur). Quantencomputer sind ein spannendes Thema — einerseits, weil sie sehr große Rechenleistungen versprechen, mit denen bis dato unberechenbare Probleme handhabbar werden; andererseits, weil der Grund für diese Leistungen faszinierend ist.

Mal zusammengefasst und teil-zitiert nach Kapitel 8 meines Buches „Die Unschuld der Maschinen„: In einem Quantencomputer werden Daten mit Hilfe von Quantenobjekten (z.B. Photonen) als sogenannte Qubits (Quanten-Bits) dargestellt. Wie bei gewöhnlichen Computern gibt es die Zustände 0 und 1 – daneben aber einen Zustand, der als Überlagerung bezeichnet wird. In der Überlagerung können mehrere Zustände gleichzeitig vorliegen, also 0 und 1 gleichzeitig. Die Teilchen können außerdem miteinander verschränkt sein. Miteinander verschränkte Teilchen lassen sich im Labor erzeugen und dann trennen – trotz der Trennung verändern sich die Eigenschaften beider Teilchen, wenn man nur eines davon manipuliert, und das sogar, wenn nach der Trennung viele Kilometer zwischen den Teilchen liegen.

Dank der Überlagerung können sehr hohe Datenmengen gespeichert werden; dank Überlagerung und Verschränkung sind sehr hohe Rechengeschwindigkeiten möglich. Das Problem dabei: Quantenzustände sind sehr instabil, sie neigen dazu, schnell zu zerfallen (Dekohärenz) und geeignete Fehlerkorrektur-Verfahren lassen die Menge benötiger Quantenbits stark steigen. Quantencomputer müssen bis nah an den absoluten Nullpunkt gekühlt werden, damit die Quantenzustände so lange wie möglich kohärent bleiben.

Darum ist das Ziel der Quantenüberlegenheit so bedeutsam — damit wird nämlich nicht nur gezeigt, dass Quantencomputer funktionieren (das ist schon lange bekannt), sondern auch, dass sie echte Vorteile gegenüber gewöhnlichen Computern haben, was letztlich eine aus praktischer Sicht nötige Rechtfertigung für den ganzen Aufwand darstellt. Ganz erreicht ist das Ziel mit Googles Projekt wohl noch nicht; eine gute Analyse findet sich bei golem.de sowie (tiefgründiger) hier.


Wenn Quantencomputer einmal Alltag werden, könnte es einige Probleme hinsichtlich der Datensicherheit geben — heute genutzte Verfahren etwa zur Verschlüsselung ließen sich mit Quantencomputern ziemlich leicht aushebeln. Passend dazu brachte das Quanta Magazine ein lesenswertes Interview mit der Physikerin und Informatikerin Stephanie Wehner, die an der Universität Delft (Niederlande) an einem „Quanten-Internet“ arbeitet, für das die schon erwähnte Verschränkung von Quanten genutzt werden soll. Dies soll nicht das bisherige Internet ersetzen, aber um für das Quantenzeitalter geeignete Sicherheitsmaßnahmen ergänzen sowie neue Formen verteilten Rechnens erlauben.


Ebenfalls im Quanta Magazine erschien ein Artikel über die Filterung von Informationen durch das Gehirn. Der Text beschreibt die Arbeit des Neurowissenschaftlers Michael Halassa (MIT), der nachweisen will, dass der Thalamus im Gehirn Reize nicht nur weiterleitet, sondern im Gegenteil Reize auch nicht weiterleitet, wenn diese für die derzeitige Aufgabe nicht relevant sind. Das wurde zuerst 1984 von dem Physiker und Biologen Francis Crick vorgeschlagen, konnte aber empirisch nicht belegt werden — offenbar bis jetzt.


Und nochmal das Quanta Magazine, nochmal ein Interview. Diesmal stellt der u.a. am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (Berlin) tätige Anthropologe Iyad Rahwan sein Forschungsgebiet des Maschinenverhaltens (Machine Behavior) vor. An dem Interview gefällt mir besonders Rahwans Antwort auf die Frage, ob nicht die Ingenieure und Entwickler diejenigen seien, die das Verhalten von Maschinen bestimmen würden. Rahwan unterscheidet in seiner Antwort kurz- von langfristigem Verhalten. Ingenieure würden das kurzfristige Verhalten bestimmen, aber über langfristige Prozesse wäre damit noch nichts gesagt:

„There are behaviors that manifest themselves across different timescales. So [when you’re building it] maybe you focus on short timescales, but you can only know that long-timescale behavior once you deploy these machines.“ (Iyad Rahwan)

Diese Sicht finde ich erfreulich anschlussfähig an Standpunkte der Technikanthropologie (z.B. Lucy Suchman) und der kommunikationswissenschaftlichen Technikforschung (z.B. ich), die ja auch das technische Artefakt im Kontext der späteren konkreten Nutzungssituation betrachten.


Die amerikanischen KI-Forscher Gary Marcus und Ernest Davis haben kürzlich ihr Buch „Rebooting AI“ veröffentlicht, in dem sie diskutieren, wie man KI-Systeme entwickeln kann, denen wir vertrauen können. Machine Learning sei dafür nicht genug; stattdessen müsste Künstliche Intelligenz die Aufgaben und die Welt um sie herum verstehen. Sonst könnten gefährliche Situationen entstehen. Bei Technology Review gibt es ein Interview mit einem der Autoren.


Anders als unser Gehirn vergisst das Internet nicht so schnell. Darum wird immer wieder ein Recht auf Vergessenwerden diskutiert bzw. gefordert. Vor fünf Jahren hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass man bei Google die Löschung von personenbezogenen Ergebnissen verlangen kann. Nun hat das Gericht klargestellt, dass das nur innerhalb der Europäischen Union gilt, was das Ganze angesichts der globalen Natur des Internet etwas widersinnig erscheinen lässt, aber offenbar verhindert, dass autoritäre Regime das Gesetz als Vorwand nutzen, um missliebige Informationen entfernen zu lassen. Und tatsächlich ist das Recht auf Vergessenwerden bei näherem Nachdenken durchaus zwiespältig, wie einige Beispiele zeigen, die in der guten Zusammenfassung von netzpolitik.org genannt werden.


Abschließend: Bei ZEIT Online gibt es ein Interview mit dem Digitalisierungskritiker James Bridle, Autor des Buches „New Dark Age“.

Thomas E. Schmidt sieht den Menschen wiederkehren

Thomas E. Schmidt stellt die These auf, dass gerade im  Zeitalter der Digitalisierung die Natürlichkeit oder Mensch an sich zurückkehrt. Schmidt unternimmt mit seinem neuen Buch den Versuch, den Antagonismus von realer und virtueller Welt aufzulösen. Es entspricht sicher dem Zeitgeist, die digitale Welt nicht mehr absolut als simulative und manipulierte Welt zu betrachten, wie es zum Beispiel Jean Baudrillard getan hat. Aber Schmidt beschreibt, wie der Mensch allmählich mit dem Digitalen verschmilzt und darüber reflektiert, dass die Kommunikation immer eine medial vermittelte ist.

„Das Digitale ist folglich keine Anderswelt“, so beschreibt es Schmidt. Das Internet mit all seinen verschiedenen Austauschplattform ist kein System, das entkoppelt von der Gesellschaft funktioniert, sondern uns als eine Form der sozialen Gemeinschaft gegenübertritt, die lediglich nach etwas anderen Regeln als die herkömmliche analoge Gesellschaft funktioniert. Da sich die Menschen bei ihrer Kommunikation gegenseitig beobachten und darüber reflektieren, entsteht in der digitalen Sphäre also eine eigene Binnenethik, konstatiert Schmidt.

Im Mittelpunkt der digitalen Kommunikation stehen seiner Meinung nach nicht mehr die Informationen, sondern die Mitteilungen, emotionale Inszenierungen, Meinungen und geäußerte Wahrheitsansprüche. Hoffnung äußert Schmidt dahingehend, dass die sogenannten „sozialen Episoden“ im Netz neue gesellschaftliche Alternativen und Lebenswelten hervorbringen könnten, die die Menschen der „Naturzeit“ im Unterschied zur „linearen kapitalistischen Globalzeit“ wieder näherbringen.

Das Buch überzeugt durch interessante, neue Thesen; das Lesen erfordert jedoch durch seine dichte Darstellung und nicht einer immer ganz klaren Struktur, eine hohe Konzentration.

Thomas E. Schmidt: Wiederkehr des Menschen: Natur und Natürlichkeit im digitalen Zeitalter, Merve, 2019, 240 Seiten.