Räume des Friedens finden: Interview mit Kathrin Marter

Seit einer Woche greifen Truppen der Russischen Föderation das benachbarte Land Ukraine an. Seit einer Woche erleben wir Krieg direkt vor unserer Haustür in Echtzeit. Ticker-Nachrichten, Live-Berichte, echte und gefälschte Sieges- und Verlustmeldungen sowie sonstige Propaganda in sozialen Medien, Aufrüstungspläne und Atomkriegsdrohungen, Bilder von leidenden Menschen, Flüchtenden und immer mehr zerstörten Städten sorgen für eine große Welle der Solidarität. Aber sie erzeugen auch eine Vielzahl körperlicher und emotionaler Empfindungen: Unruhe, Angst und Ohnmacht, Konzentrationsstörungen, Wut, Sarkasmus. Das kann geradezu lähmend sein. In diesem Interview erklärt die Verhaltensbiologin, Coachin, Yoga-Lehrerin und Über/Strom-Autorin Dr. Kathrin Marter, wie wir mit diesem Empfindungschaos umgehen können, um handlungsfähig zu bleiben.

Unruhe, Angst und Ohnmacht

Krieg löst verständlicherweise ein breites Spektrum an Emotionen oder körperlichen Empfindungen aus. Recht durchgehend verspüre ich z.B. eine diffuse Unruhe, die sich als Grundnervosität und Konzentrationsschwierigkeit zeigt. Nervosität einerseits wegen der Situation an sich; andererseits wegen der Ungewissheit. Dann verspüre ich auch den Drang, Newsticker zu lesen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Das beruhigt dann zwar irgendwo (ich bin auf dem Laufenden), ist aber auch eine eigene Art von Stress, nämlich digitaler, über den du ja auch in deinem Buch schreibst. Hast du einfache Tipps, wie man hier für sich einen gesunden Mittelweg finden kann, ohne sich komplett von Neuigkeiten abzutrennen?

Zunächst einmal: Der offene Umgang mit solchen Beobachtungen an sich selbst ist der Königsweg in die körperliche, mentale und emotionale Stressfreiheit, mittelfristig Zufriedenheit und langfristig Gesundheit.

Dieser Königsweg ist zunächst das achtsame Bemerken, Beobachten und Beschreiben dessen, was da auf körperlicher, gedanklicher und emotionaler Ebene passiert. Damit ist man ganz bei sich (und nicht im Außen bei den Newstickern) und darf sich in seiner Komplexität in dieser außergewöhnlichen Krisensituation erfahren, kennenlernen, wertschätzen und annehmen. Im Buch zitiere ich dazu Marshall R. Rosenberg, den Begründer der gewaltfreien Kommunikation: Unsere „Gefühle brauchen keine Berechtigung.“ Alles, was ist, darf da sein.

Die beschriebene diffuse Unruhe (nicht in der Ruhe, sondern bewegt sein; erhöhter Muskeltonus; Anspannung) ist ein Zustand (kein Gefühl oder Emotion), den gerade sehr viele Menschen an sich wahrnehmen (könnten). Ich auch. Diese starke körperliche Spannung (auch Nervosität), ein echter Stresshormon-induzierter Stress, lässt sich besonders effektiv durch echte körperliche Bewegung und anschließende echte, ggf. angeleitete Entspannung (z.B. Tiefenentspannungen, Körperreisen, Meditation) lösen.

Ich bin fast jeden Sonntag Wandern, mache meine Wege mit dem Rad, mache mindestens vier mal wöchentlich Yoga. Andere gehen regelmäßig laufen. Das sind gute Routinen gegen Unruhe, in einen konstruktiven Umgang mit den eigenen Bedürfnissen. Eine langsame, tiefe Bauchatmung ist ebenso wichtig und direkt stress-entlastend. Ein gesunder Geist, d.h. ein kühler, klarer Kopf braucht einen gesunden, gestärkten, gut versorgten Körper (und ein weites, weises Herz).

Newsticker, doomscrollen etc. verstärken die Unruhe natürlich noch, weil die Angst (Emotion), die eigentlich hinter der Unruhe steckt, sowohl mental (durch Informationen), als auch emotional (Betroffenheit, Mitgefühl, Sorge), als auch körperlich (Reizüberflutung, ungesunde Körperhaltung, körperliche Anspannung) nur weiter genährt wird und das sympathische Stresssystem am Laufen bleibt. Wir bleiben am ‚Problem‘ orientiert, an der Krise, am Krieg, wo wir uns eigentlich eine Lösung erhoffen, z.B. durch neue Informationen, die uns eine neue Gewissheit bringen, mit der wir besser leben können. Das scheint mir derzeit ein unrealistischer Wunsch.

Ich schaue aktuell zwei Mal am Tag Nachrichten und meide die digitalen Netzwerke. Durch meine Filterblase auf LinkedIn geht gerade eine Welle der Solidarität, die ich ganz wundervoll finde und die mich so berührt, dass ich immer weinen muss. Da ich nicht den ganzen Tag weinen, sondern auch noch was schaffen möchte, schaue ich da nur dosiert rein. Weinen ist aber sehr okay. Das Weinen löst auch sehr viel Spannung!

Was kann man tun, wenn zu dieser Unruhe richtig gehende Angst kommt? Wenn Medien neulich zum Beispiel etwas ungenau von Putins Atomwaffen schrieben und man glauben musste, dass da quasi schon der nukleare Erstschlag vor der Tür steht. Kann man verhindern, dass man von solchen Nachrichten aus der Bahn geworfen wird — und sollte man das überhaupt, oder ist es besser, diese Emotion ruhig zulassen?

In meinem Buch schreibe ich: „Die Angst lässt sich gut als die Fluchtreaktion der sympathischen Stressantwort bezeichnen. Sie warnt uns vor Gefahren und sichert so unser Überleben.“

Wir können nicht und sollten nicht verhindern, dass solche Nachrichten uns berühren, d.h. Emotionen in uns auslösen. Wer wären wir denn dann? Ich hab neulich einen Film gesehen, in dem den Menschen alle Emotionen weg geimpft wurden. Da war alles grau in grau und nichts hatte irgendeinen Sinn. Ohne Emotionen leben wir nicht wirklich, wir funktionieren nur.

Es wäre allerdings mehr als ‚nice‘, wenn die Mehrheit von uns möglichst schon in der Schule und im Elternhaus lernen dürfte, die eigenen Gefühle und Emotionen wahr- und anzunehmen, die Bedürfnisse dahinter zu verstehen und lösungsorientiert und gewaltfrei zu befrieden. Dann gäbe es womöglich weder Narzist*innen in Führungspositionen noch einen Krieg. Max Richard Lessmann (ein Gedichte-schreibender Instagram-Influencer) postete 2021: „Würden mehr Leute eine Therapie machen, müssten weniger Leute eine Therapie machen.“

Was ist mit dem Gefühl der Ohnmacht, das viele von uns jetzt empfinden?

Eine Vorstufe der Ohnmacht ist aus meiner Sicht die Hilflosigkeit, gegebenenfalls auch Ratlosigkeit. Hier ließe sich aus Hilf- und Ratlosigkeit und konstruktiver Aktivität als Schwestertugenden sowie Ohnmacht und blindem Aktionismus als entwertende Übertreibungen ein hervorragendes Werte- und Entwicklungsquadrat erstellen.

Tatsächlich empfinde ich mich keinesfalls hilflos oder ratlos. Denn mit den zahlreichen, aktuell durchgeführten Maßnahmen überall auf der Welt, den vielen, noch nie dagewesenen wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland, den vielen Statements, Spenden, Demonstrationen und Hilfsangebote übernehmen viele Menschen (so auch du und ich), Staaten und Unternehmen Verantwortung. Und zwar selbst dann, wenn das persönliche und/oder wirtschaftliche Einschnitte oder gar Insolvenz bedeuten kann.

So viele sind bereit für Liebe, Werte und Frieden einzustehen. Wir wachsen zusammen, wir stehen zusammen. Nicht aus der Angst heraus, sondern aus der Liebe und dem Wunsch nach Frieden, im Kleinen und im Großen. Annalena Baerbock hat am 24.02. gesagt: »Wir alle sind heute Morgen fassungslos, aber wir sind nicht hilflos«.

Trotzdem verfallen manche Menschen jetzt vielleicht ein wenig in Panik. Die Zeitung »Der Standard« in Österreich hat in deren Newsticker neulich davor gewarnt, jetzt hektisch Jodtabletten wegzukaufen, was in dem Land wohl kurz nach Putins Drohung punktuell passiert ist. Aber auch in Leser*innen-Kommentaren unter Medienberichten spürt man vereinzelt leichte Panik.

Sowohl das Gefühl der Ohnmacht (in der Angst nichts tun können, was häufig auf eine in der Kindheit gemachte traumatische Erfahrung zurückgeht), als auch der Zustand Panik (eine Steigerung der Unruhe, als körperlicher Ausdruck starker Angst) sind ganz furchtbar schlimm.

Bei andauernder Ohnmacht und Panik ist es wichtig, dass die betroffene Person sich professionelle Hilfe holt, d.h. Hilfe von Expert*innen, die zuhören, ohne zu werten, die bei der Stressentlastung unterstützen und Werkzeuge an die Hand geben, in die Handlungsfähigkeit zu kommen. Als Beobachtende ist es außerordentlich wichtig, hier Verantwortung zu übernehmen, betroffenen Personen wertungsfrei zuzuhören, mit ihnen spazieren und/oder Eis essen zu gehen und sanft bei der Suche nach professionellen Unterstützungsangeboten zu helfen. Das ist auch eine Form der Solidarität in Krisenzeiten.

Weitere Ideen, wie wir in Krisenzeiten für uns sorgen können, um gesund und handlungsfähig zu bleiben, sowie Telefonnummern zu Unterstützungsangeboten gibt es in meinem Februar-Artikel vom letzten Jahr: Do’s & Don’ts im Lockdown des Jahrhunderts: Ein Mutmacher und Ideengeber.

Wut und Sarkasmus

An mir selbst verspüre ich überraschenderweise noch etwas anderes: Wut. Und ich gebe zu, dass sich diese bei mir gerade vor allem gegen Putin als Person richtet. Ich kenne diesen Menschen nicht und eigentlich bin ich sehr friedliebend, habe mich als Kind nie geprügelt, usw., aber ich stelle mir zum Beispiel vor, irgendein Film-Action-Held wie John Wick (Keanu Reeves) würde Putin mal besuchen. Andere Leute kleben sich vielleicht eine Putin-Karikatur auf eine Dart-Scheibe und bewerfen ihn mit Pfeilen. Sind solche Ideen oder Handlungen ein legitimes Ventil zum Umgang mit dem Gefühl der Wut, oder sollte man sich besser nicht auf diese Ebene begeben? Was können dann Alternativen sein?

Ich bin auch abwechselnd wütend, traurig und besorgt. Ich glaube nicht, dass der Beschuss von Dart-Scheiben mit Putin-Karikaturen mir wirklich helfen würde, meine Wut in konstruktive Aktivität zu verwandeln — die körperliche Aktivität, Konzentration, Fokus auf die eigenen Ziele und Freude bei so einem Spiel allerdings schon.

Ein Beschuss des Feindbildes ist in Gedanken, Worten und Tat letztlich auch ein Akt der Gewalt, der sowohl im Kleinen wie im Großen weder zu einer Einsicht noch zur Linderung von Leid führt. Es bleibt die klare Abgrenzung mit entsprechenden Maßnahmen, sowohl individuell als auch (welt-)politisch, eine nie da gewesene weltweite Solidarität und die fortwährende Einladung an den Verhandlungstisch zurück zu kommen, und konstruktiv, wertschätzend und ehrlich Lösungen zu erarbeiten.

Oft helfen mir auch Lachen, Ironie und Sarkasmus. Im Internet findet man viele Karikaturen und Memes, die sich derzeit mit Putin und dem Krieg beschäftigen — nach Putins Atomwaffen-Drohung dauerte es nur wenige Minuten, bis jemand ein altes Meme mit dem Foto des nordkoreanischen Diktator Kim Jong-Un postete, auf dem dieser leicht irre grinst, und darüber der Text „I no longer craziest leader, lol“. Da musste ich wirklich herzlich lachen. Aber es gibt auch Lachen, das einem im Halse stecken bleibt, etwa fiktive IKEA-Anleitungen für den Aufbau gelieferter Waffensysteme. Irgendwie auch lustig — zumindest, bis man sich erinnert, dass genau diese Waffen natürlich weiteres Leid verursachen werden. Ist eigentlich alles, was uns medial-digital in der jetzigen Situation zum Lachen bringt, erstmal legitim? Und wieder: Was können Alternativen sein zu einer sarkastischen Einstellung, die solche Memes und Karikaturen oft zeigen und fördern?

Auch hier bietet sich ein Werte- und Entwicklungsquadrat an. Ich liebe Werte- und Entwicklungsquadrate und weiß aus meinen Coachings, dass sie ganz vielen Gestressten im digitalen Zeitalter helfen, zwischen ‚Schwarz und Weiß‘ (‚Gut und Böse‘, ‚Richtig und Falsch‘) Lösungen zu entdecken.

In diesem Werte- und Entwicklungsquadrat stehen Sarkasmus und Ironie als entwertende Übertreibungen unter der Tugend Humor. Humor tut gut. Lachen schüttet Glückshormone aus und ist eine wichtige Ressource sich, gerade in Krisenzeiten aufzutanken, um gesund und handlungsfähig zu bleiben und so eben auch die Kraft zu haben, Gutes zu tun und eine positive Energiequelle für andere zu sein! Deshalb von mir, als Expertin für Ressourcenmanagement und promovierte Verhaltensneurobiologin, … hier der Darfschein zum Lachen! Und hey, seien wir nicht zu hart zu uns selbst!

Ich mache einmal pro Woche online Lachyoga. Es ist ganz herrlich und wahnsinnig heilsam! Es ist auch, im Gegensatz zu Sarkasmus und Ironie weder bitter noch verletzend.

Die Schwestertugend zum Humor könnte die Ernsthaftigkeit sein. Und die entwertende Übertreibung, d.h. das ‚Drüber‘ der Ernsthaftigkeit, die Verbissenheit oder Sturheit, oder ein übertriebener moralischer Anspruch. Während Humor und Ernsthaftigkeit als positive Schwestertugenden den Regenbogen hunderter gesunder Denk-, Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten für uns schaffen, sind die entwertenden Übertreibungen eher ungesund und weder für uns selbst noch andere in unserem Umfeld und darüber hinaus nützlich. Die Kunst ist es nun, zu beobachten und zu entscheiden, in welchen Spannungsfeldern wir uns (wirklich) bewegen und wie wir aus den ungesunden entwertenden Übertreibungen (mit viel Freude an der Sache, ohne erhobenen Zeigefinger! und über die Diagonalen) in die gesunden ‚Tugenden‘ kommen.

Innerer Frieden für eine friedliche Einstellung

Du hast Yoga eben schon erwähnt. Du bist ja nicht nur Biologin und Coach, sondern du beschäftigst dich auch viel mit Yoga und bist Yoga-Lehrerin. Wie lässt sich das bis hierher Gesagte eigentlich aus dieser Perspektive beurteilen?

Aus dem yogischen und spirituellen Weltbild heraus sind wir alle energetisch miteinander verbunden. Zum Beispiel wird durch den von dir vorhin erwähnten Beschuss von Dart-Scheiben mit Putin-Karikaturen viel negative Energie produziert, die weder dem*der Werfenden, noch dem Feindbild hilft, aus der Aggression zu kommen. Es ist nicht die Reaktion des*der mittlerweile Krisen-erprobten, konfliktfähigen Erwachsenen, sondern die des hilflosen Kindes. Das ist okay, wenn ich mir dessen bewusst bin und nach dem Austoben wieder in den Körper und den Verstand der*des Erwachsenen zurückkomme.

Wie würde das heile, geliebte, genährte Kind in uns reagieren? Meins würde durch Friedensgebete, -Meditationen, -Mantra-s, durch Segnungen, Vergebung, Solidarität, Unterstützungsangebote, Spenden etc. positive Energie produzieren, die mir selbst und anderen gut tun. Für diesen Weg entscheide ich mich auch als Krisen-erprobte, konfliktfähige Erwachsene. Was ich selber denke, sage und tue, kommt tausendfach zu mir zurück. Es ist meine Entscheidung, in Angst und Wut aufzugehen oder den Weg der Liebe und des Vertrauens zu wählen.

Ich sende täglich dichtgepackte Energiepakete der Liebe und des Lichtes nach Russland, auch zum Aggressor und in die Ukraine und binde solche Segnungen auch in meine Yogastunden ein. Auch das Gebet des heiligen Franziskus eignet sich hervorragend, um Entlastung in die aktuelle Situation zu bringen. Ich singe das Mantra der grünen Tara (Om Tare Tu Tare), einer buddhistischen Göttin des Mitgefühls uvm.

Also quasi neben allgemeiner Solidarität, Unterstützungsangeboten, Spenden etc. auch verschiedenste Formen des ›Betens für den Frieden‹, verstehe ich das richtig? Skeptiker*innen könnten einwenden, dass das lediglich ein schönes Symbol ist oder vor allem dem individuellen Wohlbefinden dient …

Wir sind gewordene Wesen. Unsere Worte und Taten sind immer ein Spiegel von dem, was wir denken. Wir denken, höchst subjektiv, was wir meinen erfahren zu haben. Im digitalen Zeitalter meinen wir vor allem nicht genug zu haben und nicht genug zu sein. Ich weiß, dass auch schöne Symbole und vor allem individuelles Wohlbefinden einem gewaltfreien, toleranten und emphatischen Miteinander dienen.

Gebete, Meditationen oder Mantras sind Räume des Friedens, der Reflexion und ggf. die Handlungsempfehlung, die wir uns gerade in stürmischen Zeiten wünschen. Bei ‚regelmäßiger Einnahme‘ führen solche ‚Wunderpillen‘ zu einer achtsamen, wertschätzenden und gewaltfreien Denke, Kommunikation und Handlungsfähigkeit. Mit Mahatma Gandhi: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“


(Titelbild: Alexas_Fotos / pixabay.com)

Retro, aber kein altes Eisen: KC85-Entwicklung heute. Interview mit Mario Leubner

Über nostalgische Retro-Computer-Erfahrungen habe ich in Bezug auf Textverarbeitung schon hier und hier berichtet; letztes Jahr schrieb ich bei VSG.de außerdem einen Artikel über Retro-Programmiererlebnisse. Da ich in Ostdeutschland groß geworden bin, ist mein Bezugspunkt da nicht der bekannte Commodore C64, sondern der Kleincomputer KC85/3. Aber der KC und seine Software werden immer noch weiterentwickelt — auch 30 Jahre nach der Wende. Im Umfeld des KC-Clubs und des KC-Labors entstehen neue Betriebsssystem-Varianten, die mittlerweile auch Festplatten und USB-Sticks unterstützen, sowie Hardware-Zusatzmodule, mit denen sich u.a. Musik abspielen oder manche Internetdienste nutzen lassen. In den letzten Wochen habe ich zu dieser Thematik mit einem der aktivsten heutigen KC-Entwickler, Mario Leubner, ein E-Mail-Interview geführt.

Der KC85/4 war der letzte offiziell produzierte KC85 in der DDR. Inoffiziell wurde er in den KC85/5 weiterentwickelt. (Bild: Wikipedia)

Kannst du kurz sagen, wer du bist und warum du dich auch im Jahr 2022 (!) immer noch aktiv mit der Verbesserung des KC-Systems beschäftigst?

Die Computer haben mich bereits in den 1980er Jahren fasziniert. Damals habe ich mir die Radio-Sendungen von Prof. Dr. Horst Völz und Dr. Joachim Baumann auf Radio DDR II oder Jugendradio DT64 reingezogen und teilweise auch mitgeschnitten sowie sämtliches Begleitmaterial zu den Sendungen zuschicken lassen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nicht einmal einen KC. Die waren anfangs ja gar nicht zu bekommen und dann ziemlich teuer. Erst als sie von 4.600 (Ost-)Mark auf 2.150 Mark gesenkt worden sind, habe ich mir meinen KC85/4 gekauft.

Wie alt warst du damals denn?

Damals war ich 25.

Worin besteht heute die Faszination?

Was mich bis heute an dem KC85-System reizt, ist die universelle Erweiterbarkeit mit Modulen. Damit kann man einfach fast alles realisieren. Auch Sachen, die früher überhaupt nicht denkbar waren wie USB, Netzwerk oder Festplatte. Und dann kann ich sagen, dass ich inzwischen beim KC fast jedes Bit persönlich kenne 😉 und weiß, wofür es da ist.

Heutige Computer haben Taktfrequenzen im GHz-Bereich und riesige Speicherkapazitäten. So ein KC85 mit seinen 1,77 MHz Taktfrequenz, dem 8 Bit-Prozessor und 64 K Adressraum liegt davon Welten entfernt. Und dennoch kann man auf diesen alten Kisten wunderbare Sachen machen.

Das ist eben ein Hobby und das soll es auch bleiben, solange es mir Spaß macht.

Gerade du hast ja wirklich sehr viel gemacht: signifikante Updates für Betriebssysteme, Tools oder auch WordPro 6. Bist du mehr der Programmierer oder bastelst du auch an Hardware rum?

Eigentlich bin ich mehr der Programmierer. Ich mache aber auch gern einmal etwas Hardware. Denn beides gehört ja irgendwie zusammen. Was nützt das USB-Modul ohne dazugehörige Software?

WordPro 7 von Mario Leubner wird in Kürze veröffentlicht. Es ist ein Update von WordPro 6 (bis 2007) und eine umfangreiche Weiterentwicklung des originalen WordPro ’86 von Klaus und Stefan Schlenzig, dessen kompletter Quelltext ursprünglich in Buchform zum Abtippen vertrieben wurde.

Auf welches deiner Projekte bist du am meisten stolz und warum?

Das kann ich so nicht beantworten. Manchmal sind es auch kleine Dinge, die einem Freude bereiten.

Wirklich gut gelungen finde ich zum Beispiel die Treiberverwaltung im Grundgerät, während im D004/D008 das Betriebssystem CP/M läuft oder auch die Device-Umschaltung zwischen Kassette, Diskette oder USB seit CAOS 4.7.

CAOS 4.8 ist die neueste, 2021 erschienene, Version eines Betriebssystems aus den 1980ern. Im Emulator JKCEMU können neue Features wie Festplatten- und USB-Unterstützung auch ohne echten KC ausprobiert werden.

Neue Möglichkeiten

Dieses „CAOS“ ist das Betriebssystem des KC85 und steht eigentlich für kassettengestütztes Betriebssystem (Cassette Aided Operation System) – auch wenn mittlerweile die von dir erwähnten anderen Speichermedien unterstützt werden. Mit deiner im September 2021 veröffentlichten Version 4.8 (letztes Update: 01.01.2022) dürfte CAOS wohl auch eines der ältesten noch aktiv weiterentwickelten Betriebssysteme sein. Und die Textverarbeitung WordPro (bald Version 7) ist eine der ältesten noch aktiv entwickelten Anwendungen. Wird der KC85 denn noch für Alltagsaufgaben genutzt, die nichts mit KC-Entwicklung zu tun haben (schreiben, verwalten, Berechnungen durchführen)? Oder ist es halt vorwiegend der Spaß am Basteln und Ausreizen bzw. Erweitern der Möglichkeiten?

Für mich persönlich ist es mehr das Ausreizen der Möglichkeiten und der Spaß an der Freude. Aber gern auch einmal ein Spielchen zwischendurch oder, seitdem es das Soundmodul gibt, etwas Retro-Musik hören. Alltagsaufgaben sind für mich noch das Programmieren von EPROMs – aber das ist ja auch eher etwas für die KC-Entwicklung.

Mit der DEVICE-Umschaltung von CAOS 4.8 und dem komfortablen Laden/Speichern auf USB-Sticks macht das alles auch noch viel mehr Spaß, da die Ladezeiten sehr viel kürzer geworden sind.

Wie viel von der Rechenarbeit, die für das Abspielen von Musik oder für den Zugriff auf USB-Sticks nötig ist, macht der KC85 selbst und wie viel wird an spezialisierte Chips in den Erweiterungsmodulen ausgelagert?

Im Soundmodul befindet sich ein Programmierbarer Soundgenerator-Chip AY-3-8910 (PSG), so wie in vielen anderen (hauptsächlich westlichen) Heimcomputern auch. Der KC übernimmt dabei die Decodierung der Sound-Dateien und die Programmierung des PSG. Die Rechenleistung des KC reicht dazu parallel noch für eine recht ansprechende grafische Anzeige aus.

Im USB-Modul verrichtet die Kommunikation mit dem USB-Stick oder der Tastatur ein VNC1 bzw. VNC2 von FTDI. Hier schickt der KC nur die entsprechenden Befehle zum Lesen oder Schreiben der Daten an den Spezial-Chip.

Man kann durchaus sagen, dass in vielen Erweiterungsmodulen mehr Rechenleistung steckt als im KC-Grundgerät selbst.

Mario Leubners KC-Commander ist ein komfortables Tool zur Dateiverwaltung, das man in ähnlicher Form sonst nur von größeren Computern aus westlicher Produktion kennt.

Ebenfalls realisiert habt ihr das TCP/IP-Protokoll und FTP. Wäre es — vielleicht zumindest auf dem KC85/5 — denkbar, das HTTP-Protokoll oder das GEMINI-Protokoll zu implementieren?

Mittels FTP kann man KC-Programme direkt von einem Server aus dem Internet laden. Das ist durchaus eine sinnvolle Ergänzung. TCP/IP ist jedoch nicht so mein Fachgebiet. Aber was willst du auf dem KC damit anstellen?

Einen einfachen E-Mail-Client für Textnachrichten könnte ich mir noch vorstellen. Von GEMINI habe ich vorher noch nie etwas gehört. Wenn ich das richtig recherchiert habe, handelt es sich hierbei um ein Netzwerkprotokoll zum Abrufen von Text-Dokumenten über das Internet. Es nutzt dabei ausschließlich verschlüsselte Verbindungen, was schon wieder eine Herausforderung für den KC darstellen könnte. Das wäre aber auch mit FTP machbar.

HTTP(S) und dessen Hauptanwendung World Wide Web halte ich dagegen auf dem KC für nicht realistisch, denn heutzutage geht im WWW fast nichts ohne Grafiken und Animationen. Dazu ist die Bildschirmauflösung des KC einfach nicht ausgelegt.

Offenheit für Kreativität

Wie würdest du die „KC-Szene“ (wenn man das so nennen kann) beschreiben? Sind das Leute, die schon früher mit dem KC gearbeitet oder gespielt und halt einfach nie aufgehört haben – oder ist da auch viel von der aktuellen „Retro“-Welle dabei, die man auch bei anderen Computern sieht?

Ich denke, das ist eine Mischung unterschiedlicher Leute.

Zum einen kenne ich viele, die sich schon jahrelang mit dem KC befassen und zum Kern des KC-Clubs zählen.

Dann gibt es auch Leute, die früher einmal mit dem KC gearbeitet/gespielt haben und diesen gerade wieder neu entdecken oder ihren Kindern bzw. Enkeln zeigen wollen, wie früher die Computer waren.

Es gibt aber auch Neueinsteiger. Dabei Menschen, die wesentlich jünger als so ein KC sind.

Grundsätzlich könnte man bei den alten Computern auch noch eine Unterteilung in zwei Gruppen vornehmen. Die einen möchten die Geräte möglichst unverändert erhalten und defekte Geräte wieder in Ordnung bringen. Die anderen erweitern ihre Geräte auch mit neuer Technik. Die „KC-Szene“ würde ich größtenteils in der zweiten Gruppe sehen.

Hast du eine Idee, woran das liegen könnte?

Vermutlich an der bereits vom Hersteller in Mühlhausen vorgesehenen Erweiterbarkeit des KC-Systems.

CAOS 4.8 enthält auch einen vernünftigen Texteditor, der auch 80 Zeichen pro Zeile unterstützt. Die 80-Zeichen-Routine wurde erstmals 1986 in WordPro von Klaus und Stefan Schlenzig vorgestellt; WordPro wurde nach der Wende von Mario Leubner bis Version 6 weiterentwickelt und in Kürze soll Version 7 erscheinen.

Verstehe – das heißt, die recht offene Konzeption des KC-Systems motiviert besonders zum Basteln. Das ist heute ja oft nicht mehr gegeben. Geschlossene Systeme wie Tablets und Smartphones, oder kommerzielle Betriebssysteme wie Windows 11 oder macOS verstecken technische Abläufe eher, als dass sie zur aktiven Auseinandersetzung einladen würden. Stattdessen nimmt man als Einstieg in die Technik dann eher kleine Rechner wie den Raspberry Pi oder auch Arduinos. Aber der Z80-Prozessor wird ja heute noch in modernisierter Form hergestellt, und das Modulsystem des KC hat ja schon zu sehr kreativen Arbeiten geführt. Wäre ein modernisierter KC85 nicht eigentlich heute auch ein super Lernsystem?

Auf jeden Fall. Der Z80 bzw. dessen DDR-Nachbau U880 eignet sich hervorragend zum Erlernen von Computertechnik. Es gibt zum U880/Z80 auch sehr viele gute Literatur. Und wie ich bereits erwähnt habe, kann man beim KC noch alle Hard- und Software-Details verstehen und damit eben auch erklären. Zudem ist der KC hauptsächlich mit Standard-TTL-Bausteinen aufgebaut und die meisten sind bis heute noch erhältlich.

Wäre es möglich, mit heute erhältlichen Teilen einen KC nachzubauen?

Das ist sogar schon gemacht worden, siehe hier diesen Bericht im Forum von robotrontechnik.de.

Ich danke dir für das Interview und wünsche dir ein frohes Jahr 2022 mit hoffentlich schönen KC-Erlebnissen 🙂


Wer den KC85 mal selbst ausprobieren will, kann das am besten in Jens Müllers Emulator JKCEMU tun. Damit läuft auch das CAOS 4.8 von Mario Leubner.

Im Emulator JKCEMU kann man so gut wie alle Neuheiten der letzten dreißig Jahre ausprobieren. Und wünscht sich, das hätte es alles schon damals gegeben …

Und zu dem im Interview erwähnten KC85-Neubau gibt es bei YouTube dieses Video:

„Algorithmen werden erst verständlich, wenn man sie durch die menschliche Linse betrachten kann.“ Interview mit Anna Lena Schiller von Unding.de

Was tun, wenn ein Computer-Algorithmus eine Entscheidung trifft, die unser Leben beeinflusst? Wenn die Buchung des Corona-Impftermins nicht klappt, weil die Software in Arztpraxen und Behörden dafür nicht geeignet ist? Der wichtige Kredit abgelehnt wird, weil die SCHUFA aus intransparenten Gründen die Kreditwürdigkeit als zu gering einstuft? Oder ein Fotoautomat in Behörden nur für ‚weiße‘ Menschen funktioniert? Bei Firmen und Behörden selbst gegen falsche oder fragwürdige automatisierte Entscheidungen vorzugehen, ist oft aussichtslos, denn die menschlichen Ansprechpartner*innen können selbst oft nicht sehen, warum eine Entscheidung getroffen wurde — geschweige denn, diese übersteuern. Da fällt es schwer, Technik zu vertrauen. Das Unding-Projekt der Organisation AlgorithmWatch will hierbei helfen. Im E-Mail-Interview erklärt Unding-Managerin Anna Lena Schiller, wie das genau funktioniert und warum wir uns alle mit den Auswirkungen von Algorithmen befassen sollten.

Die Startseite von Unding.de

Können Sie bitte am Anfang kurz sagen, was das Unding-Projekt ist und wer die Macher*innen sind?

Unding ist die Anlaufstelle für Menschen, die durch automatisierte Entscheidungen benachteiligt oder diskriminiert worden sind. Dahinter steht die Organisation AlgorithmWatch, die sich seit 2016 dafür einsetzt, die Auswirkungen von automatisierten Entscheidungen auf die Gesellschaft zu beobachten und darüber zu berichten.

Das Projekt ist entstanden, weil uns aufgefallen ist, dass viele Firmen nicht verantwortlich sein wollen für die Auswirkungen ihrer Software. Die wenigen Beschwerdewege, die es gibt, sind entweder intransparent oder funktionieren gar nicht. Gleichzeitig gibt es keine unabhängigen Stellen, die Betroffenen helfen. Die Lücke wollen wir mit Unding schließen.

Wie muss man sich die offiziellen Beschwerdewege bei Firmen vorstellen? Sind das Kontaktformulare oder E-Mail-Adressen? Und antworten da dann einfache Servicekräfte, die selbst gar keine Befugnisse haben?

Die offiziellen Beschwerdewege gleichen meist Labyrinthen. Man schickt eine Nachricht über ein Online-Formular, und wenn man Glück hat, bekommt man eine Antwort aus Textbausteinen zurück. Wenn es schlecht läuft, versackt die Anfrage einfach irgendwo im Internet und man ist auch nicht schlauer als vorher. Wahrscheinlich nur noch genervter.

Bei öffentlichen Stellen wir Behörden sieht es etwas besser aus. Dort gibt es oft eine E-Mail oder sogar eine*n direkte*n Ansprechpartner*in. Vielleicht sogar eine Telefonnummer.

So oder so, es fühlt sich für viele nach einer ewigen Odyssee an, Ausgang ungewiss. Man könnte fast das Gefühl haben, Feedback sei gar nicht erwünscht. Wie immer, Ausnahmen bestätigen die Regel. Es gibt sicher auch gute Beschwerdewege und Mitarbeiter*innen, die helfen, die Probleme anzugehen.

Wie geht Unding vor, wenn man Sie einschaltet? Schreiben Sie die Unternehmen an? Und was erhalten Sie dann als Antwort? Oder gehen Sie andere Wege?

Aus der Nutzer*innen-Perspektive läuft das so ab: Man wählt ein Problem und wird durch einen Dialog geführt, der möglichst einfach als Chat dargestellt ist. Dadurch wird das Problem eingegrenzt und am Ende ein Anschreiben generiert. Das wiederum kann der*die Nutzer*in direkt an die verantwortliche Stelle schicken. Geht eine Antwort ein, wird man von Unding benachrichtigt und kann die Antwort auch gleich bewerten. Kommt nichts zurück, hakt Unding automatisch bei den Firmen nach.

Ein Problem bei Unding zu melden, ist sehr einfach. Über Hinweise zu neuen Problemkategorien freuen sich die Macher*innen sehr.

Sind Sie da auch auf die von Ihnen erwähnten offiziellen Kanäle angewiesen, oder gehen Sie da anders vor?

Die Technologie hinter Unding basiert auf E-Mail-Verkehr. Wir recherchieren für jeden Falltyp die richtigen Adressaten (Firmen, Behörden etc.) und die E-Mails gleich dazu. So umgehen wir zumindest die Schleife aus Online-Formularen, die man sonst oft bei Beschwerden verwenden muss. Es kann natürlich sein, dass auch von offiziellen E-Mails keine Antwort zurückkommt. Aber auf Unding kann man es im Gegensatz zu Formularen transparent machen, ob und wann eine Antwort eingegangen ist und wie nützlich sie für die Nutzer*innen war.

Für die Zukunft ist geplant, dass wir Bewertungen, Antwortzeiten und Anzahl der Beschwerden in einem Dashboard anzeigen können. Dadurch lässt sich dann einfach nachvollziehen, wie verantwortlich Firmen mit solchen Beschwerden umgehen. Und je mehr Bewertungen wir öffentlich machen können, desto mehr Druck kann Unding auf die Verantwortlichen ausüben, am Problem an sich etwas zu ändern.

Außerdem wollen wir die Unding-Technologie auch anderen Organisationen zugänglich machen, die Kontakt zu Betroffenen haben. Wir stellen uns z.B. vor, dass man direkt über Webseiten der Unding-Partner Fälle melden kann.

Und zu guter Letzt planen wir auch Nicht-Betroffene mit einzubeziehen. Zum Beispiel durch Umfragen, Datenspenden oder Crowd-Recherchen, in denen sich die Erfahrungen der Menschen mit automatisierten Entscheidungen und Algorithmen widerspiegeln.

Wie funktioniert das Nachhaken von Unding bei den Firmen?

Das Nachhaken funktioniert auch automatisch. Das System schaut, wo noch keine Antwort eingegangen ist, und verschickt dann ohne Zutun eine Erinnerungsmail an die Adressaten.

Arbeiten Sie mit Verbraucherschutzorganisationen oder Anwält*innen zusammen?

Wir arbeiten momentan an einem Partner*innenprogramm, dass wir ab Herbst 2021 umsetzen wollen. Wir möchten gerne schneller und direkter mit Betroffenen in Kontakt kommen. Und dafür sind etablierte Akteure und Organisationen natürlich sehr hilfreich, weil die oft schon in Verbindung stehen mit solchen Personen.

Da die Falltypen bei uns thematisch sehr vielfältig sind, halten wir momentan breit Ausschau nach potenziellen Partner*innen, die mit Unding kooperieren möchte. Wer sich hier angesprochen fühlt und Interesse hat, soll sich sehr gerne bei mir melden! Verbraucherschutzorganisationen oder Anwält*innen natürlich eingeschlossen.

Bisher kann man bei Ihnen Probleme mit der Google-Vorschlägen, der SCHUFA, rassistischen Fotoautomaten, Probleme bei der Impfterminvergabe in Berlin und unsinnigen Routen von Navigationssystemen melden.  Wovon hängt es ab, ob ein „neues“ Unding aufgenommen werden kann?

Es gibt zwei Wege, neue Undinge aufzuspüren: entweder über unsere Recherche (da hilft AlgorithmWatch als Mutterorganisation mit viel Erfahrung und Wissen), oder über Hinweise von Nutzer*innen, die in den letzten Monaten auch schon fleißig eingegangen sind.

Dann fragen wir, ob das Problem skalieren kann. Betrifft es möglicherweise viele Menschen? Dann hat es das Potenzial zum Unding.

Wichtig ist auch noch, ob wir die Story dahinter erzählen können. Warum ist das ein Problem? Wen betrifft das? Was sind die Auswirkungen? Algorithmen werden oft erst verständlich, wenn man sie durch die menschliche Linse betrachten kann.

Können Sie ein Beispiel für so eine „Story“ geben? Etwas, wo ganz prägnant wird, wie jemand unter falschen Algorithmen- oder Prozessauswirkungen Nachteile erleiden musste?

Zwei Beispiele fallen mir da aus Recherche für Unding ein.

Das erste wäre Thieshope, ein kleiner Ort in Niedersachsen. Ich nenne es manchmal auch das Gallische Dorf der Navi-Ära. Thieshope hat das Pech, gleich an der A7 zu liegen. Und in unmittelbarer Nachbarschaft auch noch die A1 und die A39 zu haben. Wenn man in solch einem Autobahndreieck wohnt, lernt man schnell die Nachteile von Navigationssystemen kennen. Gibt es einen Stau auf der Autobahn, dann bieten die Navis alternative Routen an. Das Problem dahinter: Es wird nicht immer die offizielle Umleitung angezeigt, sondern der kürzeste Weg zum Ziel. Und der führt oft durch solche Orte wie Thieshope, die auf Autobahn-Blechlawinen von LKWs und PKWs gar nicht ausgelegt sind. Das führt zu Lärmbelästigung und Ärger bei den Anwohner*innen vor Ort. Es ging sogar einmal so weit, dass die Polizei einschreiten musste, weil die Anwohner sich mit den Autofahrern angelegt haben.

Ort wie Thieshope gibt es zu Dutzenden, wahrscheinlich Hunderten in Deutschland. Und wir wollen mit Unding die Menschen unterstützen, sich gegen die Benachteiligung zu wehren. Wer also das gleiche Problem vor Ort hat, bitte melden.

Das zweite Beispiel dreht sich um Fotoautomaten in Behörden. 2015 kam es zum ersten Mal ans Licht der Öffentlichkeit, dass manche dieser Fotoautomaten, die in Ämtern aufgestellt sind, Schwarze Menschen nicht erkennen. Das war leider kein Einzelfall, denn in den Jahren darauf hörte man immer wieder von solchen Vorkommnissen. Zum Beispiel erging es auch Audrey K. so. Deren Geschichte haben die Zeit und die taz sehr gut aufbereitet. Sie wollte in der Führerscheinbehörde Hamburg ein biometrisches Foto von sich machen, aber der Automat erkannte ihr Gesicht nicht. Die von Menschen mit hellerer Haut allerdings schon. Auch in Fotoautomaten und Bild- bzw. Gesichtserkennung steckt Software. Und die kann wie in diesem Fall diskriminieren, wenn die dahinter liegenden Daten nicht repräsentativ genug sind.

Gibt es Ihrer Erfahrung nach genügend Bewusstsein in der Gesellschaft darüber, dass wir von automatisierten Entscheidungen, Algorithmen, KI-Einstufungen usw. betroffen sind, oder merkt man das meist erst, wenn es einen selber mal trifft?

Genügend Bewusstsein? Ein klares Nein. Automatisierte Entscheidungen sind ja auch nicht per se schlecht. Und wenn Digitalisierung unser Leben bequemer macht, dann zweifeln wir das in den seltensten Fällen an.

Routingsoftware z.B. kann den Alltag ungemein erleichtern. Aber es hat eben auch seine Schattenseiten, wenn LKWs kleine Dorfstraßen verstopfen und man in der Fahrradstraße nicht mehr durchkommt, weil alles voll mit Autos ist, die dort per Software hin navigiert wurden.

Oder die Routingsoftware das Auto in den See lotst – wobei man da wohl auch hinterfragen muss, bis zu welcher Stelle man dem dann noch vertrauen würde

Gesellschaftlich fehlt uns noch der differenzierte Blick auf die Auswirkungen von Algorithmen. Vorteile und Nachteile gleichzeitig sehen, die Ambivalenz von Technologie aushalten, nicht dem Glauben an die Neutralität der Software verfallen, automatisierte Systeme erkennen und hinterfragen. Das sind Kompetenzen, die wir uns gesellschaftlich aneignen müssen, um souverän mit Algorithmen umgehen zu können.

Sind Politik und Verbraucherschutzorganisationen hier bereits genügend sensibilisiert? Gerade letztere sind ja die traditionellen Anlaufstellen, wenn Verbraucher*innen Probleme mit Firmen haben.

Das Thema haben sowohl die Politik als auch der Verbraucherschutz auf dem Zettel. Ich würde die Antidiskriminierungsstellen auch noch dazu zählen. Aber es bräuchte Unding ja nicht, wenn das alles schon rund liefe. Ein Grund dieses Projekt zu starten war, dass die Auswirkungen von algorithmischen Entscheidungssystemen noch nicht hoch genug auf der Agenda dieser Akteure stehen. Oft braucht es mehrere Punkte, die Druck ausüben. Verbraucher*innen, Diskriminierte und Betroffene, zivilgesellschaftliche Organisationen und Verbände.

Wir versuchen unseren Teil dazu beizutragen, damit das Thema stärker in den Fokus gerät. Um breiter wirken zu können, wollen wir das gerne mit anderen im Verbund machen. Dazu das bereits erwähnte Partner*innenprogramm. Und natürlich sprechen wir in diesem Rahmen u.a. auch mit dem Verbraucherschutz und Politiker*innen.

Wie kann man Menschen, die sich nicht beruflich oder aus persönlichem Interesse mit der Problematik befassen, ihre eigene Betroffenheit bewusst machen?

Gute Frage! Ich teste das immer an meinen Eltern. Die sind so halb-digital und nutzen Chat-Apps und Online-Banking, aber Algorithmen sind dann doch nicht mehr auf ihrem Radar. Ich versuche Beispiele zu finden, die sehr nah an deren Alltag sind. Zum Beispiel warum ältere Menschen oft automatisch bei Krediten abgelehnt werden. Oder ganz aktuell: wie die Impfterminvergabe durch Algorithmen beeinflusst wird. Und was dabei schieflaufen kann.

Die größte Herausforderung für „Normalos“ ist dabei, überhaupt zu erkennen, wo automatisch entschieden wurde und wo nicht. Das sieht man ja nicht immer so einfach von außen. Wenn ich mich z.B. auf einen neuen Job bewerbe – woher kann ich wissen, ob mein Lebenslauf von einem Programm ausgelesen wurde und ich deshalb die Stelle (nicht) bekommen habe? Oder steckt da doch ein Mensch dahinter? Oder beides?

Um den KI-Blick zu schulen, braucht es Beispiele, Geschichten und immer wieder Aufklärung. Meine Mutter schneidet mir inzwischen Artikel aus ihrer Tageszeitung aus, in der es um Algorithmen geht. Das finde ich eine wunderbare Übung. Falls sie dann wirklich mal Algorithmen-Opfer werden sollte, merkt sie das dadurch hoffentlich schneller. Und kann ihren Fall gleich auf unding.de melden.

Sie haben schon AlgorithmWatch erwähnt – worin besteht da ihr Arbeitsalltag? Auf der Website werden verschiedene Projekte genannt – kann man sich das so ähnlich wie Forschungs- und Entwicklungsprojekte an Unis oder Forschungseinrichtungen vorstellen? Oder betreibt AlgorithmWatch v.a. journalistische Arbeit? Und steht auch Bildungsarbeit (in Schulen, Unis, Volkshochschulen) auf Ihrem Programm?

AlgorithmWatch hat mehrere Säulen. Ich beschreibe die Organisation mal aus dem Blick meiner Rolle als Unding-Projektmanagerin, dann ist es vielleicht am besten nachzuvollziehen.

Anna Lena Schiller ist bei AlgorithmWatch für Undinge zuständig (Foto: Julia Bornkessel, CC BY 4.0)

Zuallererst darf ich mich ums große Ganze kümmern. Mit anderen zusammen die Strategie für Unding bauen, und davon Maßnahmen ableiten, wie das Partner*innenprogramm. Die Umsetzung liegt dann ebenso in meiner Verantwortung. Das macht Spaß, denn so habe ich direkt Einfluss auf die Entwicklung des Projekts.

Dann hat AlgorithmWatch noch Softwareentwickler. Die sind immens wichtig, denn einige unserer Projekte, wie z.B. Unding, sind eine konkrete digitale Dienstleistung, die erstmal gebaut werden muss.

Unding soll natürlich auch bekannt gemacht werden, z.B. über Öffentlichkeitsarbeit, wie dieses Interview hier, aber auch Betreuung von Unding-Social Media-Kanälen. Dafür spreche ich mich mit der PR-Abteilung ab, die übergreifend alle Projekte betreut.

Dann wäre noch die Frage, wie wir auf neue Fälle für Unding kommen. Das geht über unsere Journalisten, die die Hintergründe recherchieren und aufbereiten. Gerade heute habe ich einen Hinweis über verunglückte Automatisierung bei einer Jobplattform erhalten. Da recherchiert der Kollege jetzt weiter.

Unsere Policy- und Advocacy-Abteilung beobachtet, was politisch passiert. Das Team formuliert dafür z.B. Forderungen zur Regulierung von Automated Decision Making? Wir überlegen aber auch, ob Policy-Entwicklungen wie das neue KI-Gesetz Auswirkungen haben, auf die wir mit Unding antworten können.

Zu guter Letzt gibt es noch den wissenschaftlichen Teil. Der ist bei Unding nicht so ausgeprägt, bei anderen Projekten dafür wesentlich stärker. Wir arbeiten in einem internationalen Netzwerk mit Wissenschaftler*innen, Universitäten und Forschungsorganisationen zusammen.

Bildungsarbeit kommt auch immer mal wieder vor, z.B. durch Anfragen von Bildungsinstitutionen für Workshops oder Paneldiskussionen.

Kann man abseits von Geldspenden und als Tippgeber*in bei AlgorithmWatch aktiv werden?

Wir veröffentlichen gerade ein neues Produkt namens Dataskop. Dabei geht es auch um Spenden, allerdings nicht finanzieller Natur, sondern Datenspenden. Den Ansatz der Datenspende haben wir jetzt in mehreren Projekten erfolgreich ausprobiert (z.B. OpenSchufa). Dieses Mal geht es um YouTube-Daten und ganz konkret um die Videoempfehlungen rund um die Bundestagswahl. Auch mit Unding sind Datenspenden geplant.

Wer sich gerne in die Richtung engagieren möchte, kann dafür den AlgorithmWatch-Newsletter abonnieren – und bekommt rechtzeitig Bescheid zu neuen Initiativen. Darüber hinaus freuen uns über alle, die uns längerfristig mit Dauerspenden fördern wollen.

Und natürlich Undinge melden!


(Titelbild: local_doctor / Shutterstock.com)

Interactive Fiction: Interview mit Aaron A. Reed zum Spring Thing Festival 2021

Noch bis 7. Mai läuft das Spring Thing Festival 2021, ein Wettbewerb für Interactive Fiction (siehe dazu auch unseren anderen Artikel). Der Informatiker und Autor Aaron A. Reed organisiert das Spring Thing seit 2014. Er hat außerdem diverse Paper zum interaktiven Erzählen veröffentlicht und eine Einführung in das Entwicklungssystem Inform7 verfasst. Ich habe mit ihm ein E-Mail-Interview geführt.

Das Spring Thing existiert seit 2002; du organisierst den Wettbewerb seit 2014. Was hat sich außer der höheren Zahl an Wettbewerbsbeiträgen noch geändert, seit er das erste Mal stattfand?

Aaron A. Reed ist Autor und seit 2014 Organisator des Spring Thing Festival

Zu Beginn war das Spring Thing spezifisch für parserbasierte Interactive Fiction, die nach dem klassischen Modell der Textadventures funktionieren. Wie die größere jährliche IF Comp [The Interactive Fiction Competition] erwuchs das Spring Thing aus einer aktiven Community in der Usenet-Gruppe rec.arts.int-fiction, die speziell an der Entwicklung solcher Spiele interessiert war.

Mit Beginn der 2010er gab es jedoch eine Menge Überschneidungen zwischen Leuten, die unterschiedliche Formen von Textspielen erstellt haben, und das war eines der Dinge, die ich fördern wollte, als ich das Spring Thing übernahm. Ich hoffe wirklich, dass das Thing eine Art Kreuzung sein kann, an der unterschiedliche IF-Communitys sehen können, was andere Leute vorhaben.

Ursprünglich war das Thing ein ‚Wettbewerb‘, bei dem jedes Spiel eine Durchschnittsbewertung von 1 bis 10 erhielt. Heute ist es ein weniger kompetitiver Raum, wo Spiele nicht mehr numerisch gerankt werden und Autoren so hoffentlich eine entspanntere, weniger stressige Erfahrung haben. Und wie du gesagt hast, durchschnittlich gibt es jedes Jahr jetzt viel mehr Einreichungen.

Wie ist deiner Erfahrung nach der Stand, den Interactive Fiction in der Kunst- und Literaturszene hat?

Die Leute schreiben mehr IF als früher! Früher gab es nur ein paar wenige gute Werkzeuge, um IF zu erstellen, und obwohl immer noch einige dominieren, gibt es mittlerweile so viele unterschiedliche Gemeinschaften von Menschen, die Interactive Fiction für ein unterschiedliches Publikum schreiben, mit unterschiedlichen Werkzeugen und Erwartungen. Es ist heute viel schwieriger geworden, alles zu verstehen, was in diesem Raum vorgeht.

Gehören Spieler*innen/Leser*innen und Entwickler*innen von Interactive Fiction zu derselben Gruppe (d.h. wird IF vor allem von den Leuten rezipiert, die auch selbst IF schreiben), oder gibt es eine Art ’schweigende Mehrheit‘, die sich einfach davon unterhalten lassen?

Es gibt auf jeden Fall viele Überschneidungen. Ich denke, es gibt einen Mangel an ’spieler-fokussierten‘ Gemeinschaftsräumen: Die meisten Foren usw., die ich kenne, richten sich an Autor*innen und Entwickler*innen, nicht nur an Fans. Aber ich denke, das war bei IF immer so, selbst in den 1980ern, als es große Fangemeinschaften rund um Autorentools wie The Quill gab. Möglicherweise gibt es einfach eine inhärente Überschneidung zwischen dem Wunsch, herauszufinden, wie eine interaktive Geschichte funktioniert, und dem Wunsch, selbst eine zu erschaffen.

Ist das Spring Thing auch dafür gedacht, ein größeres Publikum anzuziehen? Ich kann mir vorstellen, dass das Festival ein guter Einstiegspunkt für einige Leute ist?

Das ist eine gute Frage! Es war in all den Jahren eher nach innen als nach außen gerichtet. Ich mache nicht viel Werbung außerhalb der Gemeinschaften, von denen ich bereits weiß, dass sie Spiele einreichen. In gewisser Weise würde ich gerne sehen, dass es mehr nach außen wirkt. Ich denke, es war ein sanfter Einstieg für neue Leute, die damit begonnen haben, mehr IF-Spiele zu erschaffen, und es wäre toll, davon mehr zu sehen.

Aber ich bin ein wenig vorsichtig damit, es zu sehr auszudehnen: Wenn es über eine bestimmte Größe anwüchse, wäre es schwieriger durchzuführen und es würde auch, denke ich, einiges von seinem derzeitigen Außenseiter-Flair verlieren. Es würde möglicherweise Trolle anziehen oder andere Arten negativer Aufmerksamkeit (von dem es bisher erstaunlich wenig gibt). Größere Reichweite würde auch mehr andauernde Arbeit für mich (oder künftige Organisator*innen) bedeuten; Arbeit, bei der ich eher zögere, solange der Status Quo weiterhin ausreichend Beiträge pro Jahr anzieht.

Erhältst du Antworten oder Feedback von Menschen oder Medien, die nicht direkt mit der Interactive-Fiction-Szene zu tun haben, etwa von ‚klassischen‘ Literaturmagazinen, Blogs oder der akademischen Welt? (Beiträge wie in diesem Jahr Queenslash würden deren Aufmerksamkeit auf jeden Fall verdienen.)

Nicht wirklich, unglücklicherweise. Ich denke, die Tatsache, dass das Spring Thing ohne Preisrichter oder Jury funktioniert, ist wunderbar — es bedeutet, dass jede*r mitmachen kann, ohne irgendeine Art von Gatekeeping oder Annahmen darüber, was gut oder schlecht ist. Aber es bedeutet wahrscheinlich auch, dass einige Leute es abtun im Vergleich zu einem Event mit größerer Selektivität und mehr Prestige, wie dem IndieCade.

Ich stimme zu, dass es jedes Jahr viele Beiträge gibt, die ein größeres Publikum ansprechen würden, und ich versuche, die Autor*innen zu ermutigen, das Festival als Ausgangspunkt zu nutzen, um ihre Spiele bekannter zu machen, und nicht als Endpunkt!

Kennst du den Status von Interactive Fiction in anderen Sprachen als dem Englischen? Für deutschsprachige IF beispielsweise wurden geplante Wettbewerbe in den letzten Jahren abgesagt, weil es zu wenig Teilnehmer*innen gab. Gibt es etwas, das man tun kann, um IF in anderen Sprachen bekannter zu machen?

Ich habe mich damit etwas für meine Blogserie 50 Years of Text Games [„50 Jahre Textspiele“] beschäftigt — bald schreibe ich über ein Spiel in tschechischer Sprache und dann eines in Spanisch –, aber offensichtlich ist jede Sprache, die ich nicht spreche, eine völlig neue IF-Welt, über die ich quasi nichts weiß.

Ich weiß, dass manche Szenen groß genug für regelmäßige Veranstaltungen sind: Es gibt zum Beispiel eine aktive französischsprachige IF-Community. Ich könnte in den nächsten Jahren versuchen, einen Anschub für mehr internationale Einreichungen für das Spring Thing zu geben; das ist eine weitere Art von Diversität und Repräsentation, die ich sehr gern sehen würde.

Du hast auch selbst Interactive Fiction veröffentlicht, deine bekannteste Arbeit ist Blue Lacuna (itch.io; Rezensionen bei IFBD). Bist du nach wie vor als Autor aktiv und sind für die nähere Zukunft neue Werke geplant?

Traditionelle Interactive Fiction habe ich seit einer Weile nicht geschrieben, aber ich habe mit verschiedenen Wegen experimentiert, wie Geschichten interaktiv sein und Leser*innen spielartige Erfahrungen haben können. Ich habe mehrere Tabletop-Rollenspiele veröffentlicht und letztes Jahr das Buch Subcutanean; das hat prozeduralen Text, sodass keine zwei Kopien für zwei Leser*innen identisch sind. Ich habe dieses Jahr auch eine Menge Energie in meine Blogserie „50 Years of Text Games“ gesteckt, in der ich für die Jahre 1971 bis 2020 je ein Spiel auswähle und eine tiefgehende Analyse dazu schreibe. Künftig würde ich gerne wieder ein mehr traditionelles Spiel schreiben — bleibt dran!

Hast du generelle Ratschläge, die du Autor*innen geben kannst, die selbst einmal Interactive Fiction schreiben wollen?

Ich denke, das ist dasselbe wie bei jeder anderen Medienform. Schreib etwas, veröffentliche es. Schreib etwas anderes, veröffentliche es. Jedes Mal wirst du besser und besser!

Vielen Dank für das Interview, Aaron!

Interview mit Susanne Kaiser zum Buch „Politische Männlichkeit“

Im Buch „Politische Männlichkeit“ führt Susanne Kaiser in die Entstehung, Struktur und Ideologie der sogenannten Incel-Szene ein — eine vor allem online in Internetforen existierende Parallelwelt „unfreiwillig enthaltsam“ lebender Menschen; primär Männer, die dort ihren Selbst- und Frauenhass pflegen. Immer wieder entstehen aus der Szene heraus erschreckende Anschläge, aber es gibt auch ideologische Verbindungen zu rechten Parteien und Religionen. Im E-Mail-Interview hat mir Susanne Kaiser einige Fragen beantwortet.

Für die Leser*innen, die Ihr Buch und unsere Rezension noch nicht kennen: Was möchten Sie mit Ihrem Buch bewegen und wen vor allem ansprechen?

Ich möchte all diejenigen ansprechen, die sich mit dem autoritären Backlash auseinandersetzen, die sich für Phänomene wie den Aufstieg des Rechtspopulismus oder Extremismus interessieren und die gesellschaftliche Debatten spannend finden. Mit meiner zeitdiagnostischen Analyse will ich etwas beleuchten, von dem ich glaube, dass wir es noch zu wenig sehen: Der autoritäre Backlash ist männlich.

Wie sieht es da eigentlich mit den Reaktionen auf Ihr Buch aus? Bekommen Sie selbst „Rückmeldung“ von den im Buch diskutierten Kreisen?

Das eben Gesagte bestätigen auch die Reaktionen auf mein Buch von beispielsweise frauenfeindlichen Männerrechtlern, die selbst im Buch vorkommen. Sie geben sich viel Mühe, die Thesen im Buch zu widerlegen und dabei aber nicht zu feindlich aufzutreten, wie man es sonst von ihren Seiten im Internet kennt, die für ein kleineres Publikum gedacht sind. Nur manche kommentieren auch ganz offen Dinge wie „Wenn Frauen jemals etwas Bedeutendes hervorgebracht hätten – wüssten wir dann nicht davon?“. Alles in allem werden diese Bemühungen von den meisten Lesenden aber als genau das wahrgenommen, was sie sind: Der Beweis dafür, wie misogyn in ihrer Männlichkeit verunsicherte Männer reagieren.

Susanne Kaiser schreibt über gesellschaftliche Debatten, im November 2020 erschien bei Suhrkamp das Buch „Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen“

Die Beispiele, über die Sie berichten, bzw. die Bücher und „Manifeste“, aus denen Sie zitieren, sind erschreckend. Man will nicht wahrhaben, dass diese, Entschuldigung, völlig durchgeknallten Leute und deren Ideen so eine Wirkmächtigkeit haben. Andererseits gibt es Trump & Co. … Wo sehen Sie die Schnittmenge zwischen „Incels“ und Mannosphäre im engeren Sinne mit Tagespolitik, Mainstreammedien und der breiteren Bevölkerung?

Der Weg zwischen Incels und breiter Bevölkerung verläuft gradueller, als wir es als Gesellschaft wahrhaben wollen. Incelattentäter, Rechtsterroristen, religiöse Fundamentalisten werden reflexhaft als verrückte Einzeltäter oder Minderheiten dargestellt, die keinen Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit hätten. Aber das stimmt natürlich nicht. In unseren westlichen Gesellschaften herrschen immer noch patriarchale Strukturen vor, es gibt immer noch Sexismus und Frauenverachtung in breiten Schichten der Bevölkerung — solche extremen Bewegungen gedeihen also aus der Mitte der Gesellschaft heraus.

Im Alltag werden immer noch Sprüche wie „typisch Frau“ oder „Frauen sind halt so“ verwendet (und natürlich auch umgekehrt: „typisch Mann“). Dann die Werbung: Ich bekam vorhin eine Spam-Mail für eine amerikanische Segel-Zeitschrift, auf deren Cover sich eine Frau im Bikini auf dem Deck sonnte. Ein Shop für Flugsimulationen schaltete vor ein paar Jahren Anzeigen, die im Pinup-Stil Frauen vor Flugzeugen inszenierte, mit teils zweideutigen Sprüchen. Und für manche erfolgreichen Computerspiele entwickeln männliche Spieler Modifikationen, die die Körper von Frauen in pornografischer Weise in den Vordergrund stellen… Dieses weite Feld zwische Alltag und Medien trägt zu strukturellem Sexismus bei. Was können wir tun, um das zu bekämpfen? Reicht dafür politische Bildung aus, Appelle an die Vernunft, ständiger Widerspruch im Alltag, Leserbriefe an Medien? Oder braucht es härtere soziale Maßnahmen, zum Beispiel das „Canceln“?

Sexismus und Frauenverachtung sind weit verbreitet, aber wir sprechen darüber nicht offen. Wir nennen Femizide „Familientragödien“ und manipulative Vergewaltiger wie Marilyn Manson Genies, die „ihre Dämonen nicht verstecken“. Das wäre der wichtigste Schritt: Sexismus und Misogynie als solche sichtbar zu machen und darüber zu diskutieren. Bis hin zu Methoden der „Cancel Culture“, die ich für legitim halte. Wenn bei Politikerinnen herauskommt, dass sie ihre Doktorarbeit manipuliert haben, werden sie auch sofort gecancelt — das ist ganz normal und niemand fragt sich, ob die Öffentlichkeit nicht lieber erstmal auf irgendeine Gerichtsentscheidung warten sollte, bis sie den Rücktritt fordert. Warum sollte mit Leuten, die Frauen manipuliert oder vergewaltigt haben, anders verfahren werden? Warum sollte man sexistische Werbung, die Frauenkörper für kapitalistische Zwecke ausbeutet, nicht boykottieren — wenn wir aber gleichzeitig gegen Produkte Stimmung machen, die mit Tierversuchen oder anderem Tierelend ihr Geld verdienen?

Dass extreme Bewegungen in der Mitte der Gesellschaft wachsen, zeigt sich auch darin, dass die Bewegungen, die ich dem autoritären Backlash zuordnen würde, politisch Einfluss nehmen: Indem sie sich unter dem Männlichkeitsthema vernetzt und zusammengeschlossen haben, haben sie Donald Trump ins Präsidentenamt gebracht. Da hat die rechtsextreme Altright-Bewegung Wählerstimmen in Incelforen mobilisiert und mit Evangelikalen gemeinsame Sache gemacht. Drei Gruppierungen also, die ja nur eine einzige Gemeinsamkeit haben: Sie wollen Frauen wieder auf einen untergeordneten Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie zurückverweisen, der Feminismus ist ihr Feindbild. Das sehen wir nicht nur in den USA, auch in Europa oder Lateinamerika gibt es solche Mobilmachungen, von der sich Teile der Bevölkerung abholen lassen. Und die politisch erfolgreich sind und dann Gleichberechtigung zurückrollen können.

Das Internet hat ganz neue Möglichkeiten der Sichtbarkeit, der Vernetzung und Organisationsfähgikeit geschaffen. Einsame soziophobe Nerds hätten sich im analogen Zeitalter per Definitionem nicht in großen Gruppen getroffen — heute können sie allein vor ihrem Rechner sitzen und sich mit einer großen Masse an Gleichgesinnten austauschen, sie können ihren Frauenhass organisieren und ihr verschwörungsideologisches Weltbild entwickeln. Wenn solche Menschen dann durch Gewalttaten — durch Terroranschläge gegen Frauen etwa, wie wir sie schon gesehen haben — Einfluss auf die Gesellschaft nehmen und auch in den Mainstreammedien sichtbar werden, ist die Grenze zwischen Paralleluniversum Mannosphäre und der „Wirklichkeit“, die wir so gerne konstruieren, spätestens aufgehoben.

In Kommentarspalten in großen Medien sind immer wieder frauenfeindliche Äußerungen zu hören, oft gepaart mit Rassismus. Was kann ein Medienunternehmen tun, wenn es dazu kommt? Entsprechende Nutzer wurden dann mitunter kurz verwarnt und bei Wiederholung geblockt. Ist das Blocken hier die beste Medizin oder besteht danach die Gefahr weiterer Radikalisierung?

Medienunternehmen müssen klare Grenzen ziehen, es gibt Dinge, die nicht öffentlich gesagt werden dürfen, nämlich alles, was sich als Hass, Beleidigung, Bedrohung, Herabwürdigung und so weiter äußert. Da sind Straftatbestände erfüllt und Menschenrechte werden angegriffen, die in unserer Verfassung stehen und unsere demokratische Basis darstellen. Medien haben da eine große Verantwortung, weil sie einen Standard setzen, was sagbar ist und was nicht. Das hat nichts mit Zensur oder „politischer Korrektheit“ zu tun, wie dann gerne eine solche Kommentarpolicy der Medien diffamiert wird, sondern mit Grundrechtsprinzipien. Grundrechte wie Würde, Gleichheit, Unversertheit regeln ja nicht nur das Verhältnis vom Staat zur Bürgerin, sondern auch das der Mitglieder einer Gesellschaft untereinander. Dem sind Medien selbstverständlich verpflichtet.

In dem Zusammenhang nochmal zu dem Werbungbeispiel: Die Grenze bei dem Covermotiv mit der Frau auf dem Sonnendeck oder den Pinup-artigen Flugzeugbildern kann man sicher unterschiedlich sehen — aus eher traditioneller, ‚männlich‘ sozialisierter Sicht mag das als ‚normal‘ gelten, vielleicht auch als schön oder gar mit einem künstlerischem Anspruch (Motivgestaltung) versehen. Aus kritischer Sicht geht es bei „Sex sells“ aber um die Ausnutzung des menschlichen Körpers für kapitalistische Zwecke (primär des Körpers der abgebildeten Frauen, indirekt auch des Körpers der meist männlichen Käufer, die davon angesprochen werden sollen, insofern die Werbung da auf deren körperliche Reaktionen setzt). Sind die derzeitigen Gesetze vielleicht noch viel zu weich, weil die Würde des Menschen auch durch solche akzeptierten Formen der Ausbeutung verletzt wird? Oder gibt es hier eine akzeptable Grauzone?

Man kann nicht alles mit Gesetzen regeln, es sollte eine Grauzone der gesellschaftlichen Verhandlung geben. Manche Dinge können nicht von oben verordnet werden — das hat das Scheitern des Staatsfeminismus in vielen Ländern, z.B. in Tunesien gezeigt, wo sich eine ultrakonservative reaktionäre Bewegung gegen Frauenrechte entwickelt hat. Aber Entwicklungen wie die Cancel Culture sollten dafür auch nicht reguliert werden. Gleichzeitig würden weichere Maßnahmen helfen, wie Quoten oder Förderungen für vorbildliche Beispiele — Positivanreize. Und offene Debatten, die aber muss die Gesellschaft leisten und die Politik dann aufnehmen.

Foren der Radikalisierung zu bannen, finde ich vernünftig. Dadurch nimmt Radikalisierung nicht zu, sondern ab. Denn gerade in der Incelszene gibt es viele, die sich hineinziehen lassen in das düstere geschlossene Weltbild, weil sie zufällig auf die Szene gestoßen sind. Das ist das gleiche wie in der salafistischen Szene in Europa. In Deutschland zum Beispiel sind die ersten Suchergebnisse, die einer Person angeboten werden, die „Islam“, „Konvertieren“ oder ähnliches sucht, solche von salafistischen Organisationen. So können junge Menschen auf der Suche in einen fatalen Sog geraten.

Kann man sagen: Je weniger Alltagssexismus es gibt, desto größer die Gefahr durch radikale Incels oder zumindest durch eine sehr konservative Reaktion? Oder gibt es trotz der internationalen Vernetzung Hoffnung, dass sich auch das Incelphänomen im Laufe der Zeit abschwächen wird — weil die Vertreter dieser Sicht irgendwann akzeptieren, dass ihre Sicht nicht zeitgemäß ist, oder sie durch eine neue Generation abgelöst werden?

Nein, genau andersherum: Weil es noch so viel Alltagssexismus gibt und Männer immer noch mit Ansprüchen gegenüber Frauen, zum Beispiel auf deren Körper und auf sexuelle Verfügbarkeit, sozialisiert werden, gibt es überhaupt Incels und andere Maskulinisten. Natürlich reagieren diese Gruppierungen so heftig, weil ihre männlichen Privilegien in Gefahr sind dadurch, dass Frauen mehr Rechte haben als jemals zuvor und eine viel größere Rolle spielen in Politik und Gesellschaft. Aber das Problem ist ja nicht die Gleichberechtigung, sondern dass manche Männer sich damit nicht abfinden wollen, dass es heute nicht mehr reicht, einfach nur männlich zu sein, um etwas bestimmtes zu haben oder zu erreichen.

Es gibt diese Wendung aus der zweiten Welle des Feminismus: Wenn man Privilegien gewöhnt ist, fühlt sich Gleichberechtigung wie Unterdrückung an. Das ist das Problem.

Vielen Dank für das Interview!

Verschwörungsmythen & Mittelalterfantasie: Interview mit Rainer Sigl zu Ideologie im Computerspiel

Rainer Sigl ist Journalist, Historiker und im deutschsprachigen Raum einer der bekanntesten Kritiker von Ideologien in Computerspielen. Kürzlich zeigte Sigl in einem Artikel im österreichischen „Standard“, dass die Story von „Call of Duty: Black Ops Cold War“ (neuester Teil der beliebten Shooter-Serie) viele Motive der amerikanischen ‚alternativen Rechten‘ (Alt-right) fortführt. Ohne Reflexion der eigenen Funktion als Medium werden in dem Spiel Verschwörungsmythen unter die Leute gebracht, was — auch angesichts der aktuellen Ereignisse in den USA — zu mehr als nur Skepsis anregen sollte. Ich habe mit dem Autoren in den letzten Wochen ein E-Mail-Interview geführt:

In Kommentaren unter deinen Texten kann man sinngemäß oft lesen: „Was regt sich der Autor eigentlich so auf, entspann dich mal, es ist doch nur ein Spiel.“ Doch schon 2017 hast du darauf hingewiesen, dass „es ist doch nur ein Spiel“ nur eine Ausrede ist, um sich nicht mit dem politischen Gehalt von Spielen auseinanderzusetzen. Immerhin schrieb im Oktober 2020 sogar die GameStar: „Jedes Spiel ist politisch“ (Link, hinter der Paywall). Warum ist es so wichtig, auf ideologische und politische Faktoren von Spielen hinzuweisen – vielleicht gerade von Spielen, im Vergleich zu Filmen und Büchern? Und warum dauert es so lange, bis diese Erkenntnis im Mainstream ankommt?

Rainer Sigl ist Historiker und Journalist.

Im Unterschied zu den etablierteren Medien ist es dem Publikum von Videospielen für gewöhnlich nicht ganz klar, dass sein Unterhaltungsprodukt der Wahl natürlich und selbstverständlich Ideologie und politische Ideen mittransportiert, ob das Absicht ist oder nicht. Ich lege in meinen Texten Wert darauf, festzuhalten, dass es nicht das Problem ist, dass Spiel XY eine zum Beispiel reaktionäre Ideologie transportiert, wie es etwa bei den meisten Militainment-Spielen unter dem „Tom Clancy“-Label recht unzweifelhaft der Fall ist. Das ist natürlich nicht per se ein Problem. Warum auch? Filme mit unkritisch positiver Einstellung zum (meist US-)Militär, die kriegerische Interventionen als alternativlose Lösung für alle möglichen Probleme darstellen, lassen sich diesbezüglich ja auch problemlos einordnen.

Das Problem ist vielmehr, dass die Existenz und Wirksamkeit dieser Ideologie in Videospielen nicht nur nicht gesehen, sondern aktiv geleugnet wird, und zwar beginnend bei deren Produzenten. Die Macher großer Videospiele ziehen sich seit jeher auf die Ausrede zurück, sie würden unpolitisches Entertainment produzieren, und die Spielerschaft nimmt diese Ausrede dankbar an. Der Konsens ist: Das hier ist nur Unterhaltung, Politik soll draußen bleiben, wir wollen diese Diskussion hier gar nicht, es ist alles absolut harmlos und unpolitisch.

Call of Duty: Black Ops Cold War (2020, Foto: IGDB)

Woran liegt es, dass bei Filmen der ideologische Gehalt klar hinterfragt werden ‚darf‘ (sowohl von Spieler*innen als auch von Kritiker*innen), und auch von Filmschaffenden oft reflektiert wird, aber bei Spielen nicht? Hat es mit einer unterschiedlichen Kultur (im Sinne von Sozialisation und Selbstbild) zu tun — man sieht sich vielleicht eher als Künstler*in, wenn man Filme macht und weiß darum um die eigene, für die Gesellschaft gegebenenfalls wichtige Rolle (oder wünscht sich diese Rolle sogar), während man als Entwickler*in vielleicht einfach das Spiel machen will, was einem selbst Spaß macht (viele Entwickler*innen waren immerhin früher selbst vor allem Spieler*innen oder kamen als Modder*innen in die Branche)?

Filmemacher*innen und Autor*innen haben vermutlich einerseits ein anderes Selbstbewusstsein, andererseits sind sie gewohnt, mit solchen unter Umständen heiklen Fragen zu ihrem Werk konfrontiert zu werden und daher gezwungen, sich selbst Gedanken zu machen. Spiele galten und gelten vielen, Schaffenden wie Konsumenten, irgendwie als „geschützter Raum“, in dem ein außergewöhnliches „Vertrauensverhältnis“ zwischen Produzenten und Konsumenten herrscht: ein augenzwinkerndes „du weißt schon, wie ich es meine“. Das ist erklärbar aus der historischen Rolle als Minderheitenmedium mit starkem Bedürfnis der Verteidigung gegenüber einem feindlichen „Außen“. Für das größte Entertainmentmedium des Planeten mit hunderten Millionen Fans ist dieses betriebsblinde Fantum sich selbst gegenüber aber anachronistisch.

Natürlich sind Spiele, in denen selbstverständlich mit der Waffe im virtuellen Nahen Osten auf wen auch immer geschossen wird, nicht unpolitisch, natürlich sind Szenarien, in denen „unser“ Lebensstil gegenüber einem Angreifer von „draußen“ verteidigt wird, nicht nur Entertainment, natürlich trifft ein Spiel mit der bloßen Auswahl der Mittel, die dem Spieler in die Hand gegeben werden, schon eine Aussage über das, was auch real machbar oder überhaupt nur denkbar ist. Bevor wir also darüber überhaupt nur nachdenken können, ob uns die Politik und Ideologie eines Spiels gefällt, ob sie uns problematisch erscheint oder gar im demokratiepolitischen Sinn schädlich ist, muss Konsens bestehen, dass hier überhaupt Politik und Ideologie transportiert wird. Dagegen wehren sich viele, und wie gesagt: Die Industrie redet sich heraus, weil sie sich nicht positionieren will.

Ob es in Videospielen mehr als in anderen Medien wichtiger ist, darauf hinzuweisen, ist schwer zu beurteilen – insofern vielleicht ja, weil es ein Medium ist, das von enorm vielen jungen Menschen konsumiert wird, und eben, weil sowohl im Medium als auch beim Publikum die Reflexion dieser Einflüsse noch nicht so ausgeprägt ist wie anderswo. Die Erkenntnis, dass Entertainmentprodukte allgemein und damit auch Spiele politisch sind, ist allgemein schwer dem Mainstream zu vermitteln. Das sieht man z.B. auch am Erfolg großer Fernsehserien wie „CSI“, die deshalb auch mit dem Big Brother Award ausgezeichnet wurden, weil sie völlig nebenbei Überwachungs- und Diagnosemethoden als selbstverständlich nutzenswert betonen, ohne irgendwie darauf hinzuweisen, dass damit Bürgerrechte beschnitten werden, etc.

Spiele sind da zusätzlich noch in der Schmuddelecke – viele Politik-, Gesellschafts- und Kulturjournalist*innen haben dazu einfach keinen Zugang. Dementsprechend oberflächlich und als „von außen kommend“ wird deren Kritik dann abgeurteilt. Ich spiele seit über 30 Jahren und weiß: Zu viel der Kritik, die eben so „von außen“ kommt, kann man bequem sofort abhaken, weil sie offensichtlich von Menschen kommt, die von Spielen keine Ahnung haben.

Wenn du schon so lange ‚dabei‘ bist: Was für Spiele spielst du selbst gerne? Was für Spiele könntest du vielleicht sogar empfehlen, als Positivbeispiel? Gibt es da zeitlose Klassiker?

Ich spiele berufsbedingt viele verschiedene Genres, mein besonderes Interesse gilt Indie-Spielen. Die können einerseits oft Originelles ausprobieren, weil sie klein und billig produziert werden, andererseits gibt es in diesem Bereich oft noch eine Art intime Community, die bei riesigen Blockbustern nicht existieren kann. Wenn ich ausschließlich zu meinem eigenen Spaß spielen würde, würde ich vermutlich Spiele wie „Dwarf Fortress“ oder andere, „klassische“ Rogue-likes spielen, weil die einerseits endlos wiederspielbar sind, andererseits aber keine riesige kontinuierliche Zeitinvestition brauchen. Daneben und im Widerspruch dazu bewundere ich die Spiele von Hidetaka Miyazaki und From Software.

Ich finde Spiele gut, die sich ihre Themen nicht nur als „Tapete“ aussuchen, sondern, wenn sie schon von der „realen Welt“ erzählen wollen, mir etwas Neues über sie lehren können. Spiele können uns Mechanismen erfahrbar machen, die real existieren. „Crusader Kings“ oder „Mount & Blade“ sind keine Geschichtsstunden, aber sie demonstrieren Dinge, die „realistisch“ sind: die Bedeutung von Heiratspolitik oder Logistik, die Komplexität von Politik oder die praktische Bedeutung von Verteidigungstaktiken. Es ist aber überhaupt nichts gegen Eskapismus einzuwenden. Problematisch ist immer die Schnittstelle zur Realität, Stichwort behauptete Authentizität.

Dein 2018 im „Standard“ veröffentlichter Artikel über die rechtsextremen Umtriebe des Entwicklers von „Kingdom Come Deliverance“ führte damals in der Kommentarspalte zu großem Widerspruch; bei deinem aktuellen Beitrag über „Call of Duty: Black Ops Cold War“ ist es nicht anders. Was müsste sich in der Spieler*innenschaft ändern, damit die von dir geschilderten Problematiken nicht länger geleugnet werden?

Das große Problem ist hier eines der Wahrnehmung: Klar sieht man die am besten, die sich im Forum besonders aufregen, Befunde ablehnen, egal wie offensichtlich sie sind oder wie vorsichtig formuliert wird, und oft das Klischeebild vom „angry gamer“ bestätigen. Das ist jedoch nur eine Minderheit, die aber dafür „extremely online“ ist und sich gewohnheitsmäßig laut zu Wort meldet. Die sind weder in der Mehrheit noch in der Spielerschaft besonders relevant; als Ausgleich sehen sie aber sich selbst und ihresgleichen als den eigentlichen Kern des Zielpublikums. Da ist dann schnell jede*r, der oder die nicht „ihre“, also die „richtigen“ Spiele spielt und ihrer Meinung ist, kein richtiger „Gamer“. Es ist die klassische „No True Scotsman“-Fallacy.

Diese eigentlich kleine Gruppe, bestärkt durch Kampagnen wie Gamergate und ihre eigenen Echokammern, sieht sich sofort und jedes Mal zur Verteidigung „ihrer Spiele“ und ihrer Kultur gegen jede Kritik berufen. Das kommt zum einen daher, weil man aus schlechter Erfahrung mit „Killerspiel“-Debatte und Co. dauernd davor auf der Hut ist, dass einem „etwas weggenommen“ werden soll — jede Kritik, so deren historisch erfahrene Gewissheit, kommt von Leuten, die keine Ahnung haben und uns nur etwas verbieten wollen. Das ist der Reflex jedes Mal, egal was ich in meinem Text schreibe: Du willst uns etwas wegnehmen, du machst etwas schlecht, dabei kennst du dich nicht aus. Das war vielleicht bei Jack Thompson der Fall, aber inzwischen kommt vor allem differenzierte Kritik längst von Menschen, die Spiele nicht fürchten, sondern sie lieben und Ahnung haben. Das geht nicht in deren Köpfe: Entweder man ist „Gamer“, dann gehört man zu einer imaginierten Community, die weiß, dass alles völlig problemlos und super ist, oder man ist der Feind, der einfach keine Spiele kennt.

Was sich da ändern müsste? Vorurteilen gegenüber Spielern und dem Medium insgesamt soll keine Bühne mehr gegeben werden, das bringt nichts. Zugleich soll mehr differenzierte Kritik ermöglicht werden. Das Publikum verkraftet schon ein bisschen Differenzierung, da muss die Diskussion nicht jedes Mal dabei anfangen, ob Spiele jetzt gewalttätig machen oder die Jugend verderben. Tun sie wohl nicht — trotzdem gibt es auch noch anderes anzumerken. Wenn differenzierte Kritik statt uninformiertem Games-Bashing möglich wird, schwindet vielleicht der unbedingte blinde Verteidigungsreflex.

Glaubst du, dass ideologische und politische Verweise in Spielen von den Entwickler*innen bewusst reflektiert werden, oder sind sie Folge eines eher naiven Vorgehens – etwas, dass man bestimmte Epochen oder Verschwörungstheorien als geeignet für eine „coole“ Geschichte ansieht und dann halt ohne viel Nachdenken verwendet?

Das hängt vom Spiel ab. Die polnischen Macher von „Hatred“ und „Ancestor’s Legacy“ sind im rechtsextremen Umfeld und wählen ihre Inhalte sicher mit anderen Hintergedanken aus als riesige Firmen wie Ubisoft, die Politik als Tapete nutzen und sich auf absurde Weise bemühen, ja keine direkten politischen Verweise in ihre Spiele zu packen. „Far Cry 5“ ist ein Spiel über bewaffnete US-Milizen, Prepper und religiöse Weltuntergangssekten in einem hyperländlichen Montana voller Redneck-Klischees, aber das Ganze hat nach Aussage der Macher gar keine politische Dimension. Was soll man dazu sagen? Da wird mit Absicht behauptet, dass politische und ideologische Inhalte nur dann vermittelt werden, wenn man „Trump ist super“ oder „Biden ist ein Kommunist“ in seinem Spiel als Aussage hat. Alles andere sei unpolitisch.

Mir scheint, dass dieses verkürzte Verständnis des Politischen der Kern der Sache ist – das wäre etwas, das wir oft auch im normalen Alltag erleben können. Politisch ist dann nur, was das gesellschaftliche Teilsystem „Politik“ (Parteien, Berufspolitiker, formulierte Programme usw.) direkt referenziert, aber dass auch Handlungen in anderen Teilsystemen mit dem politischen System gekoppelt sein können, dafür gibt es noch kaum Bewusstsein oder es wird direkt abgelehnt (was man z.B. auch daran sieht, wie man als „social justice warrior“ beschimpft wird, oder als „Schneeflöckchen“, wenn man auf Rassismus und Sexismus aufmerksam macht). Es gibt also ein naives (Un)verständnis der eigenen politischen Rolle und man merkt gar nicht, dass man gerade politisch ist. Sind Spiele da ähnlich unabsichtlich ideologisch?

Wie gesagt: Es hängt vom Spiel ab. Spiele mit dem Namen des rechten Thriller-Autors Tom Clancy im Titel positionieren sich als Franchise ja eindeutig in eine gewisse Richtung: unhinterfragte US-Hegemonie, Law & Order, Falkentum in der Außenpolitik. Aber meistens geht es nicht darum, dass man absichtlich Ideologie verkaufen will — wenn man von gefloppten PR-Stunts wie dem Spiel der Identitären Bewegung absieht. Ich bin mir sicher, dass auch von mir deswegen kritisierte Spiele wie „Kingdom Come Deliverance“ keine plump eindeutige politische Agenda haben. Letzteres transportiert aber halt — mit Absicht oder nicht — eine Ideologie, die vom weißen Mittelalter träumt, in dem es die böse „Multikulti“-Vermischung der Gegenwart angeblich noch nicht gegeben hat.

Das ist ein fixer Mythos der modernen Rechtsextremen, von Breivik bis hin zu den Identitären: die verklärte national „reine“ Vergangenheit vor einer — auch durchaus klassisch rassistisch gedachten – „Verunreinigung“. Wollte der Macher des Spiels in voller Absicht dieser extremistischen und letztlich mörderischen Ideologie eine Bühne bieten? Sicher nicht direkt. Aber er hat oft genug Sympathie zu diesem Gedankengut erkennen lassen, dass die Frage erlaubt ist, warum es denn nun dem Spiel so wichtig ist, ja nur Weiße im Spiel zu haben. Weil das der „Realismus“ gebietet? Ich bin übrigens selbst Mediävist, also Mittelalter-Kulturhistoriker, und die Sache ist beileibe nicht so klar, wie das behauptet wird.

Mehr zur gesellschaftlichen Relevanz von Computerspielen auch im 2. Band der Über/Strom-Buchreihe: Let’s Play. Was wir aus Computerspielen über das Leben lernen können

Kannst du das in zwei, drei Sätzen erläutern? Das „weiße Mittelalter“ ist in der Fantasy oft zu sehen. Es wurde 2019/20 etwa von Zuschauer*innen der „Witcher“-Serie herbeigewünscht; die Einwohner*innen einer Stadt waren diesen Leuten zu divers. Wie war das im Mittelalter eigentlich?

Mit „dem Mittelalter“ meint man zum einen fast immer nur eine westeuropäische Epoche, auch die umfasst aber einen Zeitraum von 1000 Jahren. Das ist eine Zeitspanne und letztlich auch ein geografisch so diverses und riesiges Gebiet von Abhängigkeiten, dass es einfach keine Antwort drauf gibt, wie „das Mittelalter“ so war. Im muslimischen Südspanien forschten jüdische Mathematiker, während in Nordeuropa Klöster brannten. Der byzantinische Hof verlängerte de facto die Hochkultur des tausend Jahre alten römischen Weltreichs, zugleich bauten religiöse Sekten in Frankreich befestigte Städte auf und skandinavische Bauern gründeten Monarchien in Russland und Sizilien.

„Das Mittelalter“ ist letztlich immer eine Fiktion im Nachhinein und ein Projektionsraum gewesen. Das Klischee, das viele, nicht nur in Spielen, sondern allgemein in der Populärkultur davon haben — höfische Kultur, Rittertum, Turniere etc. — ist Produkt einer ganz speziellen Romantisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts, just als in Europa der Nationalismus aus dem Zusammenbruch der alten Herrschaftsstrukturen entstand. Das Leben im Mittelalter, zumindest das der herrschenden Schicht, war auch zuvor aber viel kosmopolitischer und internationaler, als man glauben möchte. Es gab internationale Diplomatie, Handel, Universitäten, kirchlichen und politischen Austausch, Pilgerreisen, mit Latein eine internationale Verkehrssprache und zum Beispiel mit der Artussage sogar so etwas wie eine internationale Popkultur.

Der Blick auf die Vergangenheit ist immer von der Gegenwart geprägt; beim Mittelalter hat dieses romantisierende Bild eines ganz spezifischen, schmalen, auch meist „weißen“ Mittelalters aber eben eine ganz spezifische, eingeschränkte politische Konnotation als Projektion des entstehenden Nationalismus. Im Namen dieser Ideologien wurden dann auch fatale Feindbilder konstruiert — wer gehört hierher, wer nicht? Wer „war schon immer da“? Im Fall des mörderischen historischen Antisemitismus endet diese Fantasie dann damit, dass sechs Millionen Menschen, die seit Jahrhunderten Teil Europas waren, als „Fremdkörper“ vernichtet wurden.

Natürlich gibt es keinen unmittelbar direkten Weg vom romantischen Mittelalterbild zum Holocaust, aber diese Zusammenhänge existieren. Die vereinfachten Bilder und Mittelalterfantasien, die die Popkultur prägen, sind an sich nicht problematisch — solange mitgedacht wird, dass sie eben Bilder sind. Problematisch wird es erst, wenn damit Authentizität und Realismus behauptet oder eingefordert werden. Da darf man dann durchaus darauf hinweisen, dass alles komplexer ist.

Kingdom Come Deliverance (2018, Foto: IGDB)

Und dieses Problem, dass die Realität doch komplexer ist, als Medien, wie Spiele es ja auch sind, findet sich dann auch in Spielen mit modererner Thematik, wie dem von dir kritisierten Call of Duty?

Da sehen wir dasselbe. Im aktuellen „Call of Duty: Black Ops Cold War“ will Activision cool und edgy sein, aber bietet dabei einem zentralen Mythos der Alt-right, der „kulturmarxistischen Unterwanderung“ westlicher Gesellschaften, eine Bühne. Wollen die, dass da Spieler in diesen rechten Kaninchenbau springen? Nein, die wollen nur ihr Spiel verkaufen. Es ist nur ein Spiel. Aber im Hintergrund werden da ziemlich achtlos Weltbilder behauptet, die eben nicht neutral, objektiv oder überhaupt nur faktisch wahr sind. Das Marketing will edgy sein. Leider begeben sie sich damit auf ein Gebiet, auf dem in den letzten Jahren rechte Identitätspolitiker vor allem bei jungen Zielgruppen definiert haben, was genau „edgy“ ist.

Bräuchte es Historiker*innen oder Politikwissenschaftler*innen in Entwickler*innen-Teams, um die möglichen Folgen einer Spielerfahrung besser einzuschätzen?

Es bräuchte vielleicht hauptsächlich ein Bewusstsein dafür, dass man ein Produkt macht, das nicht im luftleeren Raum entsteht und eine Aussage transportiert, egal ob ich das beabsichtige oder nicht. Ich sähe die Aufgabe eher bei der Rezeption, bei der Kritik und der Gesellschaft, die sich nicht vom Geschrei der reflexhaften Verteidiger beirren lässt, und einfach darauf hinweist, was da ist. Spiele sind komplexe Produkte, weil sie erzählen, konstruieren und uns auch handeln lassen. Umso mehr sollte man hinsehen, welche Ideen und Ideologien da im Stillen, also ohne, dass es vielleicht die Macher selbst beabsichtigen, transportiert und damit normalisiert werden. Wer einen Hammer hat, sieht nur mehr Nägel.

Man muss zumindest darauf hinweisen dürfen, dass Spiele Weltbilder transportieren und ihre Macher eine Verantwortung haben, die sie nicht damit verleugnen können, indem sie sagen, sie machen ja nur Spiele. Erst wenn das geklärt und anerkannt ist, lässt sich gelassen darüber diskutieren, welche Weltbilder und Ideologien das überhaupt sind.

Vielen Dank für das spannende Interview!

(Titelbild: Wokandapix / Pixabay.com)

Das Zeitalter des Verschwindens und die Boshaftigkeit des Digitalen. Interview mit Uta Buttkewitz

Die Rostocker Kommunikations- und Kulturwissenschaftlerin und Autorin Uta Buttkewitz (auch Co-Herausgeberin dieser Online-Zeitschrift und der dazugehörigen Buchreihe) stellt in ihrem aktuellen Buch die These auf, dass wir im „Zeitalter des Verschwindens“ leben, dessen Kommunikationsform der „kurze, folgenlose Kontakt“ sei. Statt aber hektisch-aktionistisch zu werden und damit nur noch mehr folgenlose Kommunikation zu produzieren, plädiert sie für mehr Lässigkeit im Umgang miteinander und den uns umgebenden digitalen Medien. Ein Gespräch über den Luxus des Analogen und die ‚Boshaftigkeit‘ des Digitalen.

In deinem Buch sprichst du davon, dass wir im „Zeitalter des Verschwindens“ leben. Was ist damit gemeint?

Ich meine damit, dass immer mehr das, was wir tun, für unsere Mitmenschen nicht sichtbar ist. Wir tun ganz viel von dem, was wir früher offline gemacht haben, nun online, sozusagen in einer Black Box: einkaufen, die Bankgeschäfte erledigen, den Urlaub planen, kommunizieren, lesen, Musik hören, Filme schauen usw. Sobald ich meinen Laptop und mein Smartphone ausschalte, sind alle diese Tätigkeiten unsichtbar bzw. physisch nicht mehr greifbar: keine Überweisungsbelege, weniger Urlaubskataloge, kaum noch herkömmliche Briefe, keine CDs, keine DVDs usw.

Dr. Uta Buttkewitz studierte Germanistik, Geschichte, Ur- und Frühgeschichte und Englische Sprachwissenschaft an der Universität Rostock und wurde über das Problem der Simulation in Texten von Thomas Mann promoviert. Nach einem Volontariat am Museum für Kommunikation in Berlin arbeitet sie seit mehreren Jahren im Wissenschaftsmanagement an der Universität Rostock. (Foto: Julia Tetzke, Uni Rostock)

Ich sehe das nicht absolut, denn ich weiß natürlich, dass bei vielen Aktivitäten auch noch die Offline-Variante vorhanden ist bzw. praktiziert wird – aber der Trend geht eindeutig momentan noch weiter in die digitale Richtung – auch wenn an einigen Stellen das Pendel schon wieder umschwingt; Stichwort: das Revival der Vinylschallplatte. Und das Besondere an diesen vielen Online-Aktivitäten ist auch, dass sie nicht nur nicht sichtbar sind, sondern dass sie zur Vereinzelung der Menschen führen und damit etwas Gemeinsames, das die Menschen verbindet, verloren geht.

Vinylplatten – ist das nicht schon fast ein Sinnbild für einen „Luxus des Analogen“? Oder Online-Artikel im Internet, wo man oft auf die nächste Seite klicken muss, damit es weitergeht (und neue Werbung geladen wird), wovon man sich bei manchen Medien durch Abschluss eines Abos freikaufen kann („Artikel auf einer Seite“). Ist das Digitale heute das Normale, Alltägliche, während man das Analoge heute auf andere Weise wertschätzt, und für das man Zeit und ggf. auch Geld braucht?

Ja, das kann man so sagen.  Ich sehe auch schon wieder einen ganz leichten Trend zurück zum Analogen – die Erlebnisse in der Natur können glücklicherweise vom Digitalen noch nicht verschlungen werden, ebenso wenig wie die „echten“ zwischenmenschlichen Begegnungen, wie wir während der Corona-Pandemie auch bemerkt haben. Das zeigen ja auch die vielen Diskussionen zu der Frage, wieviel Digitales wir ertragen können, und die Sehnsucht nach unverfälschten und ursprünglichen Erlebnissen.

Das muss man sich leisten können, oder? Nicht nur finanziell – auch zeitlich, und vielleicht hat es sogar mit dem Bildungsstand zu tun?

Ich weiß nicht so recht, ob der Genuss von analogen Erlebnissen wirklich vom Bildungsstand, der Zeit oder den Finanzen abhängig ist. Meiner Meinung nach ist es einfach eine Sache der Gewöhnung und Bequemlichkeit. Wenn man bedenkt, dass viele Leute mehrere digitale Abos besitzen (Netflix; Amazon Prime; Spotify; Zeitungsabos; kostenpflichtige Apps usw.), dann sind wahrscheinlich die analogen Varianten kostengünstiger.

Zum Beispiel kaufe ich mir als absoluter Musikfan immer noch richtige CDs, die in ein paar Jahren sicher auch wie die Vinylschallplatten ein Revival erleben werden – die Preise für CDs sind innerhalb der letzten Monate auch schon gestiegen. Aber ich möchte wenigstens versuchen, mich in der Freizeit etwas vom Digitalen zu lösen, weil ich merke, dass ich beim analogen Musikhören und beim analogen Lesen viel konzentrierter bin. Und ich denke, dass ich am Ende dabei sogar kostengünstiger wegkomme, weil ich nur ausgewählte CDs kaufe und man sich diese in Bibliotheken auch ausleihen kann genauso wie DVDs. Das Digitale verleitet meines Erachtens zu mehr Konsum, weil dieser so bequem ist und man dafür einfach zu Hause bleiben kann.

Sowohl Richard David Precht als auch Byung-Chul Han sprechen beide davon, dass wir es verlernt haben, bekannte und vertraute Rituale wertzuschätzen und dadurch Glück und Zufriedenheit zu erleben, sondern immer gierig nach einem neuen Kick und der neuesten Technik streben. Der faustische Erkenntnisdrang ist im Menschen verankert, aber wir sollten uns dabei die Frage stellen, wie wir mit diesem umgehen und welche Verluste wir dafür in Kauf nehmen wollen.

Optische Datenträger wie CDs, DVDs oder Blu-rays sind an sich ja auch digital – ist das „ursprüngliche Erlebnis“, das du ansprichst, da das Haptische, das Herausnehmen aus der Hülle, das Papierbooklet, und evtl. die Begrenztheit des Speichermediums? Die CD ist irgendwann zu Ende und es wird nicht, wie bei Streaming-Diensten, ein potenziell endloser Strom „zueinander passender“ Musik gespielt, bei der das einzelne Lied oder bei Alben auch ein Albumkonzept schnell untergeht.

Ja genau. Ich mag es, CDs aus der Hülle zu nehmen, in Ruhe das Booklet durchzublättern und vor allem das ganze Album zu hören und wertzuschätzen. Jedes Musikalbum ist ein Gesamtkunstwerk und transportiert eine besondere Stimmung und Atmosphäre. Da gehört es auch dazu, dass einem einzelne Titel auf dem Album vielleicht nicht so gut gefallen. Aber diese einfach zu ignorieren und nur einige ausgewählte Songs zu hören – das ist für mich Konsumieren, während das andere für mich etwas mit Wertschätzung und Kunstgenuss zu tun hat. Einem gefallen ja in einer Gemäldegalerie auch nicht alle Bilder – aber man kann sich trotzdem mit ihnen auseinandersetzen, Besonderheiten entdecken und sich an verschiedenen Deutungen versuchen.

Ich denke, in der Zukunft wird das Digitale sich mehr in speziellen Technologien und bestimmten Branchen wiederfinden und dagegen im privaten Alltag mehr in den Hintergrund treten. Ich kann diese Prognose im Moment noch nicht richtig begründen; aber ich denke, es geht in diese Richtung.

Meinst du mit „in den Hintergrund“ treten, dass das Digitale immer ubiquitärer wird – es ist da, aber unsichtbar? Oder dass es weniger relevant wird, also nicht mehr da ist?

Ja, vielleicht kann man das so beschreiben. Das Digitale ist da, wird aber nicht mehr so bewusst wahrgenommen. Gleichzeitig bestimmt es nicht mehr so sehr unseren Alltag – der Umgang mit ihm wird routinierter und schafft dadurch Lücken, uns wieder dem sozialen Miteinander zu widmen. Das klingt jetzt sehr optimistisch und idealistisch. Ich hoffe einfach, dass es so kommt. Ein Motor für diese Entwicklung könnte die Corona-Pandemie sein, weil wir jetzt wirklich merken, was uns fehlt – nämlich Live-Erlebnisse und Ereignisse, die wir auch körperlich bzw. leiblich mit anderen Menschen teilen. Daraus entsteht die berühmte „Resonanz“, die Hartmut Rosa in seinen Büchern beschrieben hat, d.h. wir beziehen uns gemeinsam auf ein bestimmtes Ereignis, sprechen darüber, sind gemeinsam begeistert und bleiben nicht mit einem Erlebnis allein zurück, das ich mir gerade virtuell angeschaut habe. In öffentlichen Debatten rücken solche Themen wie Einsamkeit, Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliches Engagement allmählich mehr in den Fokus. Darin sehe ich einen gegenläufigen Trend zum individualistisch geprägten Digitalen.

Folgenlose Kontakte

Du schreibst, die Kommunikationsform des „Zeitalters des Verschwindens“ sei der „kurze, folgenlose Kontakt“. Wie unterscheidet der sich von anderen Formen der Kommunikation?

Unter Kontakt verstehe ich ein schnelles Empfangen von Signalen wie bei der Kommunikation durch Kurznachrichten und teilweise auch durch E-Mails und in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram. Wir nehmen in Bruchteilen von Sekunden eine Nachricht in Form eines Textes, eines Bildes oder eines Videos auf und antworten darauf sehr schnell, zum Beispiel in Form eines Likes, Smileys, Teilens oder eines sehr kurzen Textes. Das heißt, wir beginnen mit dem Sender der Nachricht keine längere Unterhaltung bzw. ein Gespräch, sondern nehmen diesen Kontakt nur kurz wahr und dabei bleibt es dann. Hier wird also eine Nachricht nach dem Sender-Empfänger-Modell codiert und decodiert, ohne dass beide Kontaktpartner*innen einen größeren persönlichen Kontext beachten würden. Der Philosoph Byung-Chul Han sagt, dass die digitale, extensive Kommunikation nicht mehr Beziehungen, sondern nur noch Verbindungen herstellt, das heißt, die digitale Kommunikation findet derzeit in einer derart hohen Frequenz statt, dass sie es gar nicht mehr schafft, auf die Beziehungsebene zu kommen.

Heißt das, wenn wir uns etwa am bekannten 4-Ohren-Modell der Kommunikation (Schulz von Thun) orientieren, dass nur noch eine oder zwei der Ebenen (Sachinhalt, Beziehung, Selbstaussage, Appell) im Vordergrund stehen, z.B. die Selbstaussage und bestenfalls der Appell (wie die Aufforderung: „Liked mich!“)?

Ja, dem würde ich zustimmen. Bei WhatsApp sind es wahrscheinlich eher die Ebenen Sachinhalt und Appell, die im Vordergrund stehen, da es häufig nur um einen kurzen Informationsaustausch geht und sich die einzelnen Nachrichten sprachlich wenig unterscheiden – egal ob sie an Freund*innen oder an Kolleg*innen gerichtet sind. Bei Facebook und Instagram würde ich auch sagen, dass vor allem der Appell und die Selbstaussage im Vordergrund stehen. Hier geht es zwar auch um die Übermittlung eines Inhalts, aber ein Post innerhalb eines sozialen Netzwerks verlangt nicht sofort eine inhaltliche Reaktion (anders als bei Kurznachrichtendiensten wie WhatsApp) sondern, wie du schon sagst, vor allem ein Like.

Unter vielen online veröffentlichten Artikeln gibt es Leser*innen-Kommentare. Mir erscheinen die oft wie Rauschen, bei dem einzelne Personen ihre immer gleiche Sicht unterbringen, die sie schon in ähnlicher Form unter andere Artikel geschrieben haben, egal worum es in dem gerade kommentierten Artikel eigentlich geht. Da verschwindet dann das ursprüngliche Thema. Aber auch die Absicht des Kommentars geht in der Masse anderer Kommentare unter. Wie könnte ein Kommentarsystem organisiert sein, um einerseits eine gewisse Themennähe sicherzustellen und andererseits die einzelnen Kommentare nicht nur als folgenlosen Kontakt erscheinen zu lassen, sondern als Kommunikation?

Für mich ist die virtuelle Kommunikation mit mir unbekannten Menschen zu einem bestimmten Thema generell nicht sinnvoll; einen möglichen Nutzen kann ich darin nicht erkennen. Wie Du schon sagst, gibt es unter den Artikeln eine Reihe von Kommentaren mit verschiedenen Meinungen auf unterschiedlichem Niveau. Mir erschließt sich nicht, was das für einen Mehrwert bringen soll.

Etwas anders sieht es bei moderierten Foren aus, in dem sich Gleichgesinnte zu einem bestimmten Thema austauschen. Dann ist bei den Kommentierenden zumindest der gemeinsame Nenner eines geteilten Interesses vorhanden. So eine Moderation müsste es dann generell bei allen Kommentierungsmöglichkeiten geben, wobei das aufgrund ihrer vorhandenen Vielzahl schlichtweg unmöglich erscheint.

Ist das geteilte Interesse aber hier nicht der Medienartikel, unter dem kommentiert wird, und der Wunsch, sich dazu auszutauschen? Ich erinnere mich noch, wie der Kommentarbereich bei Spiegel Online vor gar nicht so langer Zeit eine Weile als „Debatte“ bezeichnet wurde. Aber mittlerweile hat man sich von dem Begriff wieder verabschiedet – könnte das ein Eingestehen der Tatsache sein, dass eben nicht „debattiert“ wird, sondern bestenfalls Kontakte und Folgekontakte generiert?

Ich denke, viele dieser Kommentare werden sehr spontan geschrieben und haben keine Debatte und keinen Dialog als Ziel, sondern werden geschrieben, um einfach eine schnelle Meinung loszuwerden, ohne auf die Ansichten der Mitmenschen ernsthaft eingehen zu wollen. Oder es entstehen, wie teilweise im Fernsehen auch, nur kurzzeitige alarmistische Debatten. Da wird zum Beispiel bereits im Vorfeld eine Woche lang medial über die anstehende Demonstration der Gegner*innen der Corona-Regeln in Berlin diskutiert, wodurch man erst recht eine Vielzahl von Demonstrant*innen herbeischreit und quasi nur auf eine Eskalation lauert.

Mir fällt im normalen Arbeitsalltag auf, dass Menschen öfter Schwierigkeiten haben, die Kernaussagen eines Textes zu verstehen – also jetzt nicht in dem Sinne, dass sich nur das für die eigene Meinung oder Erwartungshaltung passende herausgepickt wird, sondern das selbst kurze Texte einfach nicht verstanden werden. Und zwar nicht, weil die Menschen es nicht könnten, sondern weil sie sich keine Zeit lassen – oder keine Zeit haben, weil es vielleicht einfach alles zu viel ist. Etwas Ähnliches ist vielleicht auch beim Kommentieren zu merken.

Mittlerweile potenzieren sich die digitalen informativen Angebote ja noch von Monat zu Monat. In der Corona-Krise sind die Podcasts quasi wie Pilze aus dem Boden geschossen. Mir persönlich ist es immer noch ein Rätsel, wie manche Menschen so viele verschiedene mediale Angebote in kurzer Zeit konsumieren können. Jedes Mal denke ich, jetzt müsste doch einmal der Zenit überschritten sein. Die hohe Frequenz der medialen News innerhalb verschiedener Formate und Plattformen führt zu einem oberflächlichen und weniger konzentrierten Lesen. Dazu gibt es auch schon wissenschaftliche Untersuchungen. Ich gehöre zu den Menschen, die sich lieber mit weniger Texten und Informationen beschäftigen – dafür gut ausgewählt und tiefgründig.

Ein Plädoyer für Lässigkeit

Du vergleichst die Menschen in sozialen Medien mit einer Flipperkugel, die sich umhertreiben lassen, was aber keiner Entspannung dienen würde. Du plädierst für mehr Lässigkeit. Was meinst du damit?

Der Begriff der Lässigkeit bedeutet für mich das Gegenteil von Aktionismus, der im digitalen Zeitalter immer mehr zu Tage tritt. Aus meiner Beobachtung heraus, sowohl beruflich als auch privat, reagieren die Menschen durch die Vielzahl der Nachrichten, die sie jeden Tag erreichen (In meinem Buch beschreibe ich die verschiedenen parallel vorhandenen Kommunikationsmedien), immer aktionistischer und bilden sich sofort eine Meinung, ohne erst einmal in Ruhe abzuwägen, zu überlegen, Hintergrundinformationen einzuholen und mit anderen darüber zu diskutieren, da die Zeit dafür oftmals nicht vorhanden ist.

Das Buch habe ich vor der Corona-Krise geschrieben. Aber viele Thesen daraus finden jetzt noch einmal im Besonderen ihre Bestätigung. Mit den vorgeschriebenen Regeln, die dazu dienen sollen, die Corona-Pandemie einzudämmen, zeigt sich, dass die Lässigkeit noch einmal mehr eingeschränkt wird. Damit meine ich, sich einfach so zu verhalten, wie man es selbst für richtig hält und wie es dem eigenen Gefühl, dem eigenen Sein entspricht – natürlich immer unter den gesetzlichen Rahmenbedingungen, die eine Gesellschaft ausmachen und für sie auch wichtig sind.

Damit möchte ich nicht die Corona-Regeln kritisieren, die ich prinzipiell für richtig halte. Aber es tritt dabei ein interessanter Aspekt zu Tage, nämlich der, dass Leute kritisiert und teilweise auch denunziert werden, wenn sie sich nicht korrekt verhalten. Ich finde die momentanen Abstands- und Hygieneregeln in Ordnung, weil ich auch keine andere Möglichkeit sehe. Aber eigentlich könnten wir uns auch darüber freuen, dass die Menschen generell die Sehnsucht haben, zusammen zu sein und die Nähe der Anderen zu spüren. Das ist ein sehr positives Zeichen für unsere Gesellschaft. Insofern leben wir derzeit wirklich in einer sehr paradoxen und absurden Situation.

Man kann jetzt einwenden, dass diese gewisse Gleichgültigkeit von Corona-Demonstrant*innen, zusammen mit Rechtsextremen auf derselben Demo zu sein, nicht nur paradox und absurd ist, sondern gefährlich, weil sie rechte Ideologien und teilweise auch Verschwörungsglauben legitimiert – als wäre das ein akzeptierter Teil einer breiten Gesellschaft. Wäre in solchen Kontexten nicht weniger Lässigkeit – weniger Laissez-faire – angebracht?

Meines Erachtens ist es sehr schwierig, das Gefahrenpotential dieser Demonstrationen einzuschätzen. Ich finde die Mischung der Demonstrant*innen wirklich sehr krude. Von daher glaube ich, dass sich die Demonstrationen größtenteils erledigt haben werden, wenn sich die Corona-Pandemie abschwächt. Ich bin überzeugt davon, dass man medial damit gelassener und souveräner umgehen muss. Damit meine ich nicht, den Rechtsextremismus herunter zu spielen und ihm gleichgültig gegenüber zu stehen – ganz im Gegenteil. Ich glaube aber, dass man mit medialem Hype eher das Gegenteil bewirkt – nämlich die Aufmerksamkeit auf diese Gruppen verstärkt. Souverän und lässig wäre es, darüber sachlich zu berichten und damit zu zeigen – „unsere Demokratie ist so gefestigt, dass wir uns von Euch nicht einschüchtern lassen“.

Der viel zitierte Begriff vom gläsernen Menschen, schränkt diese Lässigkeit insofern immer mehr ein, als dass man ständig aufpassen muss, wie und was man kommuniziert – das hat sich mittlerweile auch auf die Offline-Welt übertragen. Wir müssen wieder mehr lernen, unserem eigenen Lebenstempo zu vertrauen. Thomas E. Schmidt nennt das Naturzeit – im Gegensatz zur linearen kapitalistischen Globalzeit. An dieser Stelle möchte ich noch einmal den Philosophen Byung-Chul Han zitieren, der dazu in seinem Buch „Vom Verschwinden der Rituale“ sagt, dass gegenwärtig die Zeit zu einer bloßen Abfolge punktueller Gegenwart zerfalle und es damit das Verweilen nicht mehr gäbe oder Augenblicke, die einfach nur andauern.

Die Boshaftigkeit des Digitalen

Alles scheint derzeit weiter auf die Globalzeit hinauszulaufen. In einem taz-Artikel wurde kürzlich darauf hingewiesen, dass die Digitalisierung, zu der mittlerweile ja auch die metrische Erfassung des Menschen, seiner Wünsche, seiner Leistungen usw. gehören, „das Datensubjekt Untertan machen“ bzw. es „kolonisieren“ würden. Gibt es einfache Dinge, die man im Alltag tun kann, um sich nicht zu sehr vereinnahmen zu lassen? Oder geht letzten Endes nur: Stecker ziehen?

Was man dagegen tun kann, ist einfach, ständig kritisch und hellhörig zu bleiben und alles zu hinterfragen und sich neue digitale Entwicklungen  erst einmal ein paar Wochen und Monate anzuschauen, bevor man sie selbst nutzt.

Mir fällt es zum Beispiel gerade verstärkt auf, dass auf den von mir besuchten Webseiten ständig ein Fenster erscheint, bei dem ich anklicken muss, dass ich mit Cookies bzw. Tracking-Aktivitäten einverstanden bin. Und diese Fenster sind immer so gestaltet, dass man einfach auf „Akzeptieren“ klicken kann und schon geht es weiter. Man muss schon genauer hinschauen, um zu entdecken, dass ich die Einstellungen auch ändern kann und nicht alle Tracking-Aktivitäten bestätigen muss. Das zeigt für mich die „Boshaftigkeit“ des Systems.

Boshaftigkeit? Was meinst du damit genau?

Damit meine ich, dass das Internet, hinter dem natürlich Menschen und riesige Konzerne stecken, kein Interesse am Wohl des Menschen hat, sondern ständig den Profit im Auge hat und überlegt, wie man die Daten der User noch differenzierter analysieren kann, um sie zu immer mehr Konsum anzutreiben. Natürlich leben wir im Kapitalismus, so dass wir auch im Supermarkt den Werbepsycholog*innen ausgeliefert sind. Aber das Internet hat den Kampf um die Konsument*innen um ein Vielfaches verschärft und geht damit bis an die Grenzen des Erträglichen.

Ich fühle mich dabei als Person und Mensch angegriffen. Wenn es den Webseiten um die Menschen gehen würde, würde man anders handeln. Jede*r sollte wirklich für sich genau hinterfragen, ob er*sie nicht lieber analoge Zeitungen lesen möchte – ohne „Beobachtung“ bzw. Datenerfassung – oder sich vom System zwingen lässt, ein Abo zu kaufen, um sich von der Werbung freizukaufen. Warum nehmen wir so  ein entwürdigendes Vorgehen einfach so hin? Und mir wird auch häufig ganz anders, wenn ich gerade eine private E-Mail erhalten habe und ich kurz danach im Internet dazu passende Anzeigen sehe. Oder man bekommt ständig ungefragt automatische E-Mails, die man theoretische abbestellen kann, was aber häufig nicht funktioniert. Das Internet fühlt sich dann wie eine aufdringliche Schmeißfliege an, die man einfach nicht los wird und die sich ungefragt in unseren privaten Alltag einmischt.

Ich glaube, manchmal hilft es wirklich nur, den Stecker zu ziehen, um sich vor allem auch die nötige Distanz zum Digitalen zu bewahren und nicht Gefahr zu laufen, die Sicht eines*r kritischen Beobachters*in zu verlieren, die es uns noch ermöglicht, jeder Zeit aus dem System aussteigen zu können.


Uta Buttkewitz: Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2020.

GameStar-Podcast zu Flugsimulation

Vor ein paar Tagen hat Microsoft einen neuen Flight Simulator veröffentlicht. Die GameStar bringt dazu ein Sonderheft raus, für das ich diverse Artikel beigesteuert habe. Außerdem gibt es begleitend einen Podcast, in dem unter anderem ich interviewt wurde und der heute online ging (leider hinter der Paywall): https://www.gamestar.de/artikel/podcast-flight-simulator,3361102.html

Ein virtuelles Universum als Ort: Interview mit Egosoft über X4: Foundations

Vorbemerkung: Räume und Orte

Leser*innen meiner Texte kennen mein Interesse an der Frage, wie wir uns aus einem beliebigen virtuellen Raum (der nur durch seine messbaren Dimensionen bestimmt ist) einen individuell bedeutsamen Ort machen — wie Medien-Orte entstehen, wie Virtual Reality Ortscharakter gewinnt. In einem Artikel bei spielkritik.com schrieb ich: „Die Begriffe ‚Raum‘ und ‚Ort‘, oder in der englischen Literatur ’space‘ und ‚place‘, drücken aus, dass wir uns Räume immer erst aneignen; dass wir sie durch eigenes Handeln und Erleben mit Bedeutung aufladen. […] Erst das schrittweise Erkunden, allein oder mit anderen Menschen, teilte den Raum in handhabbare Teile auf, die irgendwann eine Bedeutung für mich erhielten. Der Raum wurde zum Ort.“ Dies durch virtuelles Flanieren immer wieder neu zu erleben, macht mir ziemlich viel Spaß. 🙂

In dem Artikel ging ich auch auf das Weltraumspiel X4: Foundations ein, was neben der Elder-Scrolls-Reihe seit Jahrzehnten (meine Güte, was für eine lange Zeit …) meine liebste Open World ist. Der Weltraum, durch den wir uns dort bewegen, um Handel zu treiben oder Kämpfe zu bestreiten, sieht toll aus und ist wie das echte Universum prinzipiell endlos, aber doch „nicht der Realität nachempfunden, sondern eine Abstraktion, die Gameplay-Zwecken dient. Dass dieser abstrakte Raum trotzdem nicht beliebig wirkt, liegt an seiner visuellen und narrativen Ausgestaltung“ (ebd.), mit Texten, kurzen Videos, und mit konkreten Missionen, die wir erledigen können. Das bildet „einen Hintergrund, der beim Durchfliegen des abstrakten Raums das langsame Entstehen eines Ortsbewusstseins erlaubt.“ (ebd.).

In meinem in Kürze erscheinenden Buch „Let’s Play: Was wir aus Computerspielen über das Leben lernen können“ (das ist Band 2 der Über/Strom-Buchreihe) spielt X4: Foundations im Kapitel über das Entstehen von Atmosphäre in Spielwelten eine Rolle. Interessant finde ich dabei, dass die Raumstationen, die Raumschiffe und die Wirtschaft in der virtuellen Welt dynamisch simuliert werden, d.h. obwohl die Räume — die Sektoren, die sichtbaren Planeten, Sterne, Nebel usw. — bei jedem Spieldurchlauf dieselben sind, kann sich ihr Ortscharakter doch stark unterscheiden, denn unsere Erlebnisse darin sind jeweils andere. Zu diesem Aspekt habe ich für das Buch ein E-Mail-Interview mit Egosoft-Gründer Bernd Lehahn und seinem Kollegen Michael Baumgardt geführt, was es aber leider aus Platzgründen nur auszugsweise in den gedruckten Band geschafft hat. Daher veröffentliche ich es nun hier im Blog zur Buchreihe.

Interview: Das dynamische Universum in X4: Foundations

Die X-Serie ist mittlerweile über 20 Jahre alt. Sie begann 1999 mit X: Beyond the Frontier. Das 2018 veröffentlichte X4: Foundations ist ungleich größer und komplexer. Habt ihr eine „Vision“, die ihr seit Beginn verfolgt?

Die große Vision ist in der Tat das simulierte offene Universum und die völlige Freiheit für den Spieler darin. Der Unterschied zu früher ist meist durch die technische Weiterentwicklung gegeben. Mehr Speicher, schnellere Rechner etc. erlauben von Generation zu Generation einfach näher an das Ziel zu kommen.

Wie entscheidet ihr, welche Elemente älterer Spiele ihr in den neueren Spielen fortführt und welche nicht?

Die meisten Entscheidungen ergeben sich fast von allein aus der Zielsetzung, möglichst viele Freiheiten in diesem Universum zu geben. Natürlich hören wir auch immer genau auf Feedback aus der Community, nur muss man dabei natürlich vorsichtig sein, da es dort auch sehr widersprüchliche Meinungen geben kann. In Fällen, wo es Konflikte im Design gibt, sind wir hier dann eher Vermittler zwischen den Fronten, die versuchen gute Kompromisse zu finden. Solche Konflikte ergeben sich aber nur in wenigen Bereichen, meist dann wenn es auch wichtig wird, das Spiel einsteigerfreundlicher zu machen.

Zur Erzählzeit von X4 gibt es mehrere kriegerische Konflikte, die wir zumindest miterleben. Ist es aus eurer Sicht auch möglich, sich als Spieler*in daraus herauszuhalten?

Das Universum sollte im Idealfall groß genug sein, um jeder Art Spieler eine Nische zu bieten. Natürlich entstehen trotzdem Konflikte bei der Zielsetzung, aber es sollte zumindest immer die Möglichkeit geben, auszuweichen.

Das Universum in X4 bewegt sich auch unabhängig von uns weiter: Völker treiben selbstständig Handel, bauen Stationen und Schiffe, und müssen sich gegen Angriffe böser Mächte verteidigen. Das kann man sich auch mal ein, zwei Stunden angucken, ohne selbst einzugreifen. Dadurch entsteht eine besondere, lebendige Atmosphäre. War es von Anfang an euer Wunsch, ein so komplexes Universum zu gestalten?

Das Ziel war von Anfang an da und auch die Umsetzung in X: Beyond the Frontier ist schon diesem Grundprinzip gefolgt. Was sich im Laufe der Jahre verändert hat, ist der Detailgrad. Zu Beginn konnten wir nur den Handel zwischen den Stationen simulieren, nicht aber den Verbrauch der Waren, etwa um Schiffe herzustellen. Inzwischen reicht die Simulation auch in die Politik der Beziehungen der Völker zueinander und vieles mehr.

Werdet ihr die Politik noch ausbauen? Kann man irgendwann, wie in einem Strategiespiel, Verhandlungen zwischen Fraktionen beeinflussen?

Das Update 3.0 (Frühling 2020) brachte viele Missionen, die genau in diesen Bereich der Diplomatie zielen. Wir sehen das allerdings auch in der Zukunft eher als Mittel im Rahmen von Story-Missionen.

Sehr interessant ist das Entstehen unvorhergesehener Situationen, mit denen man nicht rechnet. Gerade so etwas gehört ja zum Leben insgesamt dazu, weswegen das X-Universum so glaubhaft wirkt. Wie stellt ihr sicher, dass das Spiel dabei nicht aus dem Rahmen läuft?

Durch „trial and error“. Das ist hart, aber der einzig gangbare Weg. Natürlich versuchen wir, unerwünschtes Verhalten vorher zu sehen und auszuschließen, aber die Praxis lehrt uns, dass wir dabei immer wieder Dinge vergessen oder falsch einschätzen. Da hilft letztlich nur das (zeitbeschleunigte) Simulieren des Universums, um es dann mit dem gewünschten Zustand zu vergleichen.

Kannst du ein Beispiel geben, wo ihr völlig überrascht davon wart, wie sich das Universum entgegen eurer Erwartungen entwickelt hat?

Jede Simulation verläuft anders, mal mehr, mal weniger, insofern gibt es immer eine Überraschung, wenn es ans Auswerten geht. Es ist durchaus spannend zu sehen, wie sich die Fraktionen entwickeln und teilweise ungeahnt expandieren – oder nahezu ausgelöscht werden. In der Entwicklung sind natürlich die extremsten Ergebnisse oft auf Fehler zurückzuführen, aber gerade dabei wird einem der „butterfly effect“ recht deutlich vor Augen geführt.

So sorgte ein kleines Problem mit einem Versorgungsschiff dafür, dass eine einzige Station niemals die von ihr gewünschten Resourcen erhalten konnte. Das Spiel hat verzweifelt versucht, diesen Warenbedarf zu decken, indem zunächst mehr Transportschiffe und schließlich mehr Fabriken gebaut wurden. Nach vielen hundert Stunden sind dabei zahllose neue Stationen errichtet worden und nochmal mehr, um wiederrum deren Produktionen zu versorgen – am Ende waren es über 500 und es sah auf der Karte aus wie in einer Petrischale mit lebenden Kulturen.

Einmal gefunden, war dieser Fehler schnell behoben und wir haben noch einige weitere Mechanismen eingebaut, um zu verhindern, dass die Situation nochmal derart ausufert.

In der Erzählung der Serie spielen die sogenannten Xenon eine große Rolle – Künstliche Intelligenz, die von Menschen erschaffen wurde, aber im Laufe der Jahrhunderte völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Was waren eure ursprünglichen Inspirationsquellen dafür?

Schwer zu sagen. Die Story ist am Anfang aus der Feder mehrerer Leute gewachsen. Wir haben Ideen hin und her geworfen und auch in diesem Bereich unterschiedliche Ideen ausprobiert. Natürlich waren wir alle inspiriert von Star Trek oder auch Star Wars. Ich persönlich bin ein großer Fan der Geschichten von Isaac Asimov. Auch er hat ja viel mit der Idee der (allerdings meist dem Menschen gut gesinnten) KI gespielt. Schließlich hat Helge Kautz mit der Story für den ersten X-Roman Farnhams Legende begonnen, den Grundstein für die erweiterte Story jenseits des Spiels zu legen.

Die Xenon sind, wie erwähnt, KI. Ein Forschungsfeld, das heute, in der echten Welt, immer wichtiger wird. Könnt ihr euch vorstellen, dass künftige X-Spiele durch Machine-Learning-Verfahren angereichert werden? Es hätte eine gewisse Ironie, wenn ein Spiel, in dem eine böse KI der Hauptgegner ist, auf KI setzen würde.

Denkbar ist alles. Machine Learning ist auf jeden Fall eine sehr interessante Disziplin. Wir hatten hier auch schon Überlegungen in diese Richtung. Für einen echten Einsatz ist es aber noch zu früh.

Wir haben intern nur Ideen diskutiert Deep Learning für die KI des Raumschiff-Flugs zu nutzen. Es gibt in der Industrie schon einige Ansätze, zum Beispiel für das Erstellen glaubwürdiger Pfade zur Verbesserung der Bewegung computergesteuerter Figuren (NPCs). Speziell wenn die Ergebnisse gar nicht live im Spiel berechnet werden müssen, wird dies auch bereits von einigen Spielen eingesetzt.

Heute sind Online-Spiele sehr beliebt, für das Weltraum-Genre denke ich an EVE Online oder Star Citizen. Versucht ihr, das bestmögliche, lebendige Offline-Universum zu machen?

Es gibt ja durchaus seit einigen Monaten einen Online-Modus in X4: Foundations. Noch ist das ein Experiment, aber wir planen definitiv, das weiter auszubauen. Für uns ist aber das Universum jedes einzelnen Spielers nicht automatisch nur ein Teil eines größeren Online-Universums, da wir sonst unweigerlich auch die Freiheiten des einzelnen Spielers stark beschränken müssten. Natürlich kann der Spieler in unserem Spiel weitaus mächtiger werden und schneller große Fortschritte erzielen, als das in einem vollständig synchronen Universum aller Spieler machbar wäre.

Wir versuchen hier ebenfalls wieder einen Kompromiss zu finden, der auf der einen Seite die Vorteile von Onlinespielen (vor allem der Community-Aspekt) mit den Vorteilen von einem Einzelspieler-Universum (schnellerer Fortschritt des Spielers und mehr Macht und Einfluss) verbinden kann.

Ich danke euch für die Zeit und das Interview!

Interview in der neuen „Freundin“

Ich habe heute einen kleinen Hinweis in eigener Sache: In der neuen Ausgabe der beliebten Zeitschrift „Freundin“ (15/2020) gibt es ein Interview mit mir zu lesen, in dem ich über mein Buch „Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co.“ erzähle und erkläre, wie man am besten digital kommuniziert, wo die Gefahren liegen und was man beachten sollte, um die „zwischenmenschliche Nähe“ auch im digitalen Zeitalter nicht zu verlieren.