Matrix Resurrections – Nur Nostalgie oder aktueller denn je?

Morpheus sagt im neuen vierten Teil der Matrix-Filme kurz vor Neos Rückkehr in die „reale Welt“: „Nichts mindert unsere Angst mehr als ein Hauch Nostalgie“.

Warum haben wir uns auf den neuen Matrix-Film „Matrix Resurrections“ so gefreut? Sicher auch wegen der nostalgischen Sehnsucht nach der guten alten Zeit vor ca. 20 Jahren, als der Matrix-Film mit einer genialen Idee Filmgeschichte schrieb und filmisch den Verdacht umsetzte, dass das Internet und die neuen digitalen Medien nur eine virtuelle Welt, die die „eigentliche Realität“ verschluckt hat. Mich hat dieser Gedanke im Jahr 1999 fasziniert, da ich mich damals mit dem Gegensatz von Simulation und Realität/Authentizität in meiner Dissertation beschäftigte. Vor allem setzte ich mich intensiv mit Jean Baudrillards Theorem vom Simulakrum auseinander, auf das sich der erste Matrix-Film explizit bezog.

Nun nach 18 Jahren erscheint endlich wieder einen neuer Matrix-Film…und was passiert? In Mecklenburg-Vorpommern sind die Kinos zu – wie unglaublich schade. Ich habe es dennoch geschafft, mir den Film zweimal anzuschauen 😉

Zuallererst: mir hat der Film sehr gut gefallen – er ist kurzweilig und hervorragend inszeniert. Keanu Reeves konnte mich auch wieder begeistern. Aber die wichtigste Frage lautet: Was hat uns der Film medientheoretisch im Jahr 2021/22 mitzuteilen, nach dem so viel Zeit seit dem dritten Teil von Matrix vergangen ist und die digitalen Medien einen wahnsinnigen Aufschwung seitdem genommen haben?

Der vierte Teil ist der erste Matrix-Film, der Humor hat und selbstironisch darauf Bezug nimmt, dass es sicherlich finanziell sehr lukrativ war, einen weiteren Matrix-Film zu produzieren. Man freut sich auch über so lustige Ideen wie das Café mit dem vieldeutigen Namen „Simulatte“, in dem sich Trinity und Neo erneut begegnen oder über die Büste von Friedrich Nietzsche auf dem Schreibtisch des Agenten Smith.

Und der Film macht auch noch etwas sehr Kluges: Lana Wachowski, die Regisseurin, weiß, dass es längst ein Allgemeinplatz geworden ist, dass die digitalen Medien uns eine Scheinrealität vorspielen: aus dem Verdacht ist mittlerweile Wahrheit geworden. Aus diesem Grund erscheint es uns wiederum sehr aus der Zeit gefallen, dass die reale Welt im Film noch immer existiert und so furchtbar grau, gruselig und alles andere als einladend aussieht. Irgendwie möchte man dann doch lieber in der bunten, kuscheligen und warmen Matrix bleiben – auch wenn man scheinbar keinen eigenen Willen mehr besitzt und von einem Chef-Programmierer gesteuert wird.

Wir wissen inzwischen, dass sich die „alte“ reale Welt allmählich beginnt aufzulösen. Die Grenze zwischen digitaler und analoger Welt wird einerseits immer sichtbarer und auf der anderen Seite verschmelzen diese beiden Welten immer mehr miteinander. Bleibt in den ersten Matrix-Filmen die Differenz zwischen Realität und Illusion erhalten, hat nun die These von Baudrillard ihre Bestätigung gefunden, nämlich darin, dass es keine Ursprungsrealität gibt und die Realität selbst in der Hyperrealität aufgegangen ist. Es gibt im Film zwar noch die reale Welt, aber der Film glaubt darin selbst nicht mehr so recht.

Neo arbeitet im neuen Film als Computerspielentwickler, der die ersten drei Matrix-Spiele entwickelt hat, damit berühmt geworden ist und Preise gewonnen hat. Und man fragt sich als Zuschauerin während des Films die ganze Zeit, ob es sich wirklich nur um ein Computerspiel handelt oder der wahre Neo, der im dritten Teil eigentlich gestorben ist und dadurch die Stadt Zion, die reale menschliche Welt, gerettet hat, doch wieder von den Maschinen in die Matrix eingeschleust und umprogrammiert wurde.

Aber eigentlich spielt es auch schon fast gar keine Rolle mehr, denn die Botschaft des Films lautet vor allem: Holt Euch Eure Selbstbestimmtheit und das freie Denken zurück! Ihr habt es selbst in der Hand! Das ist freilich eine sehr zaghafte und schlichte Botschaft…

…aber Trinity und Neo sind am Ende wieder vereint und könnten die Menschen gemeinsam aus der Matrix retten…das schreit quasi nach einem fünften Teil, vielleicht dann auch wieder etwas mehr sophisticated 😉

(Titelbild: Wikimedia Commons)

Betrachtungen aus dem Home Office

Tja, nun befinde ich mich also auch im Home Office, da die Universität, an der ich arbeite, erst einmal bis Mitte April geschlossen wurde. So ein bisschen bedauere ich es, dass mein Buch „Smiley – Herzchen – Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co.“ schon fertig ist. Wie viele tolle Beispiele hätte ich noch diskutieren können – jetzt, wo gerade Online-Meetings und WhatsApp-Gruppen Hochkonjunktur haben. Die Server glühen. Die Sehnsucht der Menschen nach Kommunikation ist unersättlich – das wird gerade in diesen Zeiten sichtbar, und ich merke es bei mir selbst. Allein im Home Office hat eine WhatsApp-Nachricht eine ganz andere Bedeutung und wird zu einem kleinen Highlight. Und als Trost sind da immer noch die Anderen, denen es genauso geht.

Wir werden uns zwar in den nächsten Wochen damit arrangieren können und Online-Meetings werden nach und nach besser funktionieren. Aber es ist jetzt schon zu merken, dass digitale Medien den persönlichen zwischenmenschlichen Austausch bei weitem nicht ersetzen können. Im Büro können wir unsere Kolleg*innen gleichzeitig wahrnehmen, können die Atmosphäre spüren und auch erkennen, in welcher Stimmung sie sich gerade befinden. Das können wir in gewissem Maß auch via Skype, GoToMeeting oder Zoom, aber nicht so, wie es unter normalen Umständen möglich wäre. Es gibt natürlich auch humoristische Momente, wenn zum Beispiel zehn Personen versuchen, ein Online-Meeting abzuhalten und sich darüber in der WhatsApp-Gruppe austauschen. Im Sekundentakt werden Nachrichten verschickt, die da lauten: „Ich bin noch nicht drin“, „Ich kann Euch sehen, aber nicht hören“, „Ich kann Euch sehen und hören, aber ihr mich nicht“, „Ich bin wieder rausgeflogen“, „Versuchs nochmal“, „Du musst das Mikro anmachen“, „Ich hänge gerade“ – das ist schon sehr lustig. Das Positive daran ist, dass jetzt auf einmal ganze viele Leute das Medium der Videotelefonie kennen lernen, d. h. eine neue Fähigkeit dazugewinnen.

Man könnte die derzeitige Corona-Krise auch als ein sozialwissenschaftliches und gesellschaftliches Experiment bzw. eine Übung verstehen, die auslotet, wie sich eine Gesellschaft in Krisenzeiten verhält und welche Dinge als Essenz übrigbleiben, die eine Gemeinschaft zusammenhält.

Auf mich wirkt die Situation im Moment noch etwas surreal oder „hyperreal“, wie es Jean Baudrillard formulieren würde. Ich weiß, dass die Krise real stattfindet. Gleichzeitig wird sie jedoch so sehr medial begleitet mit stündlichen Aktualisierungen von Grafiken und Zahlen (wie es Mario Donick in seinem Blogeintrag schon beschrieb), wie es bisher bei keiner Krankheit gemacht wurde, so dass die Menschen, die sich noch nicht intensiv mit Infektionskrankheiten auseinandergesetzt haben, keine Vergleichsgrundlage haben. Das heißt, die Krise findet real statt, wird aber sofort in den medialen Kreislauf eingebracht, so dass es uns als Beobachter*innen nur möglich ist, uns mit der medialen Version der Krise auseinanderzusetzen. Es gibt Corona-News, Corona-Newsletter, Corona Kompakt, Corona Spezial, Corona-Podcast usw.

Eine Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und der Hyperrealität ist nicht mehr möglich. Und da wir alle zu Hause bleiben müssen, sind wir auf die Medien angewiesen, von denen wir unsere Informationen bekommen. Wir lechzen nach den neuesten Einschätzungen der Virologen, der wichtigsten Berufsgruppe im Moment. Und die Redewendung „die Kurve kriegen“ hat in diesen Tagen auch eine neue Bedeutungsvariante dazubekommen.

Ich möchte mich gar nicht in die Diskussion einbringen, ob sich die Gesellschaft nach der Krise zum Positiven verändern wird, andere Prioritäten von der Politik gesetzt werden und die Menschen geläutert zum Alltag zurückkehren. Höchstwahrscheinlich wird es nicht dazu kommen oder nur in einigen Bereichen, wie zum Beispiel im Gesundheitswesen. Aber ich würde mich freuen, wenn das Runterfahren des gesamtgesellschaftlichen Betriebs die Menschen nicht lähmt, sondern sie zu mehr Kreativität, zum intensiven Nachdenken und zu einer Lust, neue Dingen und Projekte auszuprobieren, anstiftet.

(Titelbild: Free-Photos auf Pixabay)

Traurigkeit im digitalen Zeitalter – Geert Lovink: Digitaler Nihilismus. Thesen zur dunklen Seite der Plattformen

Der niederländische Medientheoretiker und Netzkritiker Geert Lovink hat mit dem sechsten Band seiner Internetchroniken, „Digitaler Nihilismus“, ein Buch vorgelegt, das die Traurigkeit, die die Kommunikation durch soziale Medien auslöst, in den Mittelpunkt stellt. Lovink, Professor für Medientheorie an der European Graduate School, gehört zu den wenigen zeitgenössischen Geisteswissenschaftlern, die versuchen, das Forschungsfeld „Digitalisierung“ nicht den Ökonomen und Ingenieuren zu überlassen.

Lovink umkreist in seinem Text immer wieder das Motiv der Traurigkeit und der Melancholie, die durch das Internet erzeugt werden. Es ist gar nicht so einfach für mich, einen Kommentar zu seinem neuen Buch zu schreiben, weil ich mit den meisten seiner Thesen übereinstimme.  Auch für ihn gilt die „Entzauberung des Internets“ als beschlossene Sache: „Die fantastische Aura, die unsere geliebten Apps, Blogs und Sozialen Medien einst umgab, ist verblasst. Swipen, Sharen und Liken fühlen sich an wie seelenlose Routinen, leere Gesten.“

Geert Lovink nutzt auch den Begriff „Simulakrum“, der von Jean Baudrillard geprägt wurde, um zu verdeutlichen, dass unsere Welt keine Illusion ist, sondern die primäre Wirklichkeit zum „Simulakrum“ wurde. Während das Internet in seinen Anfängen die Möglichkeit bot, die reale Welt für einen Moment zu vergessen bzw. ihr zu entfliehen, sehnen wir uns nun immer häufiger nach der realen Welt zurück, um nach dem erschöpfenden „sozialen Netzwerken“ im Online-Status wieder Energie zu tanken. Lovink beschreibt, wie schwierig es ist, digital enthaltsam zu leben: „Die Tatsache, dass es weder einen Ausgang noch eine Fluchtmöglichkeit gibt, führt zu Angstzuständen, Burnout und Depressionen.“ Immer wieder schauen wir auf das Display unseres Smartphones – gedankenverloren, gelangweilt, um die Zeit totzuschlagen oder einfach als automatisierter Reflex. Und wenn wir das Smartphone ausgeschaltet haben, fühlen wir uns genauso trostlos wie vorher – enttäuscht von der Bedeutungsleere der Informationen und Textnachrichten.

Den sozialen Medien mangelt es laut Lovink an Geheimnissen und Überraschungen: „Es ist ihre kleingeistige, schäbige und hinterhältige Mentalität, die attackiert werden muss.“  Er fragt sich, warum wir uns freiwillig dem zeitlichen Rhythmus der Algorithmen unterwerfen, um in bestimmten Abständen „Neuigkeiten“ zu posten und auf der anderen Seite auch regelmäßig unser Smartphone auf neue Benachrichtigungen zu prüfen.

Wie oft kommt es vor, dass wir wirklich von einer Nachricht positiv überrascht und begeistert sind? Die „technologische Traurigkeit“, wie Lovink es nennt, entsteht dadurch, dass wir ständig von Systemen umgeben sind, die die „Zeitlosigkeit der Melancholie unterbrechen“ und selbst als vereinzelte, zerstreute und einsame Subjekte sind wir immer „(online) von anderen umgeben, die weiterplappern und nach unserer Aufmerksamkeit verlangen“. Die natürliche und „naive“ Kommunikation gebe es nicht mehr. Im Gegensatz zu Thomas E. Schmidt sieht Geert Lovink momentan kaum positive Seiten und Entwicklungen der sozialen Medien, sondern plädiert für einen nihilistischen Umgang mit ihnen. Dazu passend hat die legendäre Band Tocotronic in ihrem Lied „Sag alles ab“ aus dem Jahr 2007 die folgenden Zeilen formuliert:

Sag alles ab

Geh einfach weg

Halt die Maschine an

Frag nicht nach dem Zweck

Unsere Bücher

Über/Strom-Reihe

Band 1: Smiley. Herzchen. Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co.

Uta Buttkewitz, 2020, Sachbuch, Springer Fachmedien, Softcover 20,00 €, eBook 14,99 € (Band 1 der Reihe Über/Strom)

Lieber eine schnelle Sprachnachricht als ein persönlicher Anruf, ein Smiley statt eines Grußes – die Kommunikation verändert sich im digitalen Zeitalter. Kommunikation wird unverbindlich, aber gleichzeitig steigt der Kommunikationsdruck durch soziale Medien und Netzwerke. Wir stehen unter Druck, jederzeit schnell zu kommunizieren. In Ruhe einen Kaffee trinken, die Aussicht genießen? Geht nicht, jede WhatsApp muss umgehend beantwortet werden und die Likes unter dem Foto zählen mehr als der Genuss des Augenblicks. Viel zu kurz kommt bei all dem die zwischenmenschliche Kommunikation.

Dieses Buch zeigt, wie aktuelle Kommunikationsmedien wie WhatsApp, Facebook oder Instagram die zwischenmenschliche Kommunikation beeinflussen und wie diese Veränderungen unsere Beziehungen und unser gesellschaftliches Zusammenleben schleichend verändern. Die Verfügbarkeit einer Vielzahl von Medien stellt uns vor große Herausforderungen. Wenn Sie sich schon immer gefragt haben, warum das Kommunizieren im Privat- oder Berufsleben plötzlich schwieriger geworden ist, finden Sie in diesem Buch Antworten darauf. Sie lernen, wie Sie im digitalen Zeitalter bei sich bleiben und sich nicht von kurzfristigen Erregungszuständen der Medien aus dem Gleichgewicht bringen lassen. Treffen Sie bewusste Entscheidungen für Medien und ihre Nutzung und erobern Sie Ihre kommunikative Selbstbestimmung zurück!

Band 2: Let’s Play! Was wir aus Computerspielen über das Leben lernen können

Mario Donick, 2020, Sachbuch, Springer Fachmedien, Softcover 17,99 €, eBook 12,99 € (Band 2 der Reihe Über/Strom)

Computer- und Videospiele sind mittlerweile so vielfältig, dass sich aus ihnen viel lernen lässt: über unsere eigene Wahrnehmung, über unseren Umgang mit Erwartungen und Enttäuschungen, über Geduld und Ungeduld, über Vorurteile und Weltbilder, über menschliche Kommunikation und Kooperation und vieles mehr.

Das Buch ist ein Reiseführer durch die Welt der Spiele und richtet sich nicht nur an alle, die mit Computerspielen aufgewachsen sind, sondern auch an jene, die Spielen nach wie vor skeptisch gegenüberstehen.

Auf unseren Touren wird deutlich, wie vielfältig und anregend Computerspiele heute sind – dass sie nicht nur bloße Konsumprodukte einer viele Millionen Euro schweren Unterhaltungsindustrie sind, sondern buntes Zeugnis menschlicher Kreativität. Das Buch zeigt Ihnen, wie Spiele uns allen Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung bieten – oft in einem viel weiteren Sinne, als Spiele-Entwicklerinnen und -Entwickler selbst vorhersehen können.

Band 3: Du bist, was Dich stresst! Tabula Rasa für chronisch Gestresste im digitalen Zeitalter

Kathrin Marter, 2021, Sachbuch, Springer Fachmedien, Softcover 22,99 €, eBook 16,99 € (Band 3 der Reihe Über/Strom)

Viele Menschen nutzen täglich die Vorteile des digitalen Zeitalters: wenn sie mal eben ihr Zugticket mit dem Smartphone buchen, sich von ebendiesem zum vereinbarten Treffpunkt navigieren lassen und dann per Textnachricht erfahren, dass die werten Kolleg*innen ein paar Minuten zu spät kommen, der Tisch im Restaurant online schon reserviert wurde und das „Tisch-Ticket“ per QR-Code gleich mitsenden. Viele Menschen erfahren sich bei aller Erleichterung zunehmend reizüberflutet, überfordert und in der Folge gestresst.

Der Begriff und Zustand „Stress“ (heutzutage im Sprachjargon als diffus definierter Normalzustand verankert und schon lange in der Mitte der Gesellschaft angekommen) ist allerdings tatsächlich ein Zustand, der vielfältigen Leidensdruck verursacht und krank macht.

Die Autorin unterstützt allgemeinverständlich, anschaulich sowie naturwissenschaftlich und psychologisch fundiert bei der Auseinandersetzung mit Stress, Stressoren und Prozessen der Langzeitgedächtnisbildung. Letztere sind nicht unwesentlich an unserem chronischen Stresslevel beteiligt. Langzeitgedächtnisse, die, häufig schon in der Kindheit geformt, starke negative Glaubenssätze beinhalten. Diese negativen Glaubenssätze erfahren durch die Herausforderungen der digitalen Welt permanente Verstärkung und begünstigen dadurch chronischen Stress – mit seinen für viele Menschen spürbaren Folgen.

Das Buch lädt ein, klärt auf und gibt fundierte, anschauliche und handlungsorientierte Ansätze zur Selbstreflexion und Entwicklung einer gesunden Handlungskompetenz gegenüber dem eigenen Stresslevel, folglich der eigenen Gesundheit und dem eigenen Glück.

Unsere anderen Bücher

Nutzerverhalten verstehen — Softwarenutzen optimieren: Kommunikationsanalyse bei der Softwareentwicklung

Mario Donick, 2020, Fachbuch, Softcover 37,99 €, eBook 29,99 €

Software muss nicht nur technische Definitionen, Standards und Normen erfüllen, sondern von ihren Benutzern auch entsprechend wahrgenommen werden. Nutzer und Käufer erwarten eine bestimmte Leistung, die zu den eigenen Zielen passen muss und es ist Aufgabe der Softwareentwickler, diese Leistung zu liefern.

Da es hierbei nie eine vollständige Passung geben kann, entsteht ein Kommunikationsproblem – ein Kommunikationsproblem zwischen Menschen, das noch zu selten ernstgenommen wird. Über bekannte Ansätze hinausgehend zeigt das Buch anhand vieler praxisnaher Beispiele ein Verfahren, mit dem Sie Kommunikationsprobleme während der Entwicklung von Software aufdecken und bearbeiten und mit dem Sie auch nach der Veröffentlichung Ihrer Software Möglichkeiten der Optimierung identifizieren können.

Zusätzliche Fragen per App: Laden Sie die Springer Nature Flashcards-App kostenlos herunter und nutzen Sie exklusives Zusatzmaterial, um an weiteren Beispielen zu üben und Ihr Wissen zu prüfen.


Das Problem der Simulation am Beispiel der Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull und der Tagebücher Thomas Manns

Uta Buttkewitz, 2005, Dissertation, im ETH Thomas-Mann-Archiv

Die Arbeit untersucht das Wechselspiel von Geheimhaltung und Offenbarung in den „Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull“ und in den „Tagebüchern“.

Thomas Manns Unterschrift (Bild: Wikipedia)

Der Verfasser der diaristischen Schriften bewegt sich ähnlich wie Felix Krull durch Täuschung als Souverän auf der Bühne des Tagebuchs – das ist die Hauptthese des Textes. Die Schreibweise im Stil eines Logbuchs schafft eine eigene literarische Physiognomie, die den Autor in den Hintergrund treten lässt.

Uta Buttkewitz ergründet die Frage, welche verschiedenen Simulationsstrategien sowohl im fiktionalen als auch im scheinbar autobiographischen Text die Verwirrung um Realität, Fiktion, Authentizität und Simulation auslösen.


Die Form des Virtuellen. Vom Leben zwischen zwei Welten

Mario Donick, 2016, Sachbuch, e-Book, telepolis/Heise, 6,49 €

Virtuelle Realität war schon einmal in den 1990er Jahren ein Hype. Es wurden erste Datenbrillen, -handschuhe und -anzüge entwickelt, man träumte vom Eintritt in immersive Welten und von Telepräsenz. Doch erste Versuche, massentaugliche Konzepte zu entwickeln, scheiterten. Erst jetzt, mehr als 20 Jahre später, scheint die Technik in Gang zu kommen, mit günstigen Brillen, neuer Sensortechnik, besseren Grafikchips, leistungsstarken Minidisplays von Smartphones und schnellen Datenverbindungen. Erstmal kann sich jeder von den ungewohnten Wahrnehmungsmöglichkeiten verführen, betören und irritieren lassen. Aber noch fehlt uns das philosophische und ästhetische Verständnis für den faszinierenden Eindruck, uns in einem virtuellen Raum befinden, obwohl wir in Wahrheit nur auf einen kleinen Bildschirm starren.

Der Kommunikationswissenschaftler Mario Donick hat nun erstmals einige der neuen VR-Welten ausgiebig erkundet. Auf empirisch-phänomenologische Weise hat er untersucht, wie das „Einsteigen“ in VR-Bilder die gewohnte Ordnung des Sehens aufbricht und Raum und Körper entkoppelt werden. Daraus entstanden ist eine spannende und konkrete Analyse, die mit Hilfe phänomenologischer Konzepte Grundlagen für eine angemessene Beschreibung der VR-Erlebnisse entwickelt.

Mario Donick hat u.a. stereoskopische 360°-Aufnahmen von Landschaften betrachtet, wohnte einer Tanzperformance mittendrin bei, konsumierte mit überraschenden Ergebnissen einen VR-Porno und streifte durch das verlassene Herrenhaus eines Horror-Computerspiels. Aus der detaillierten, medientheoretisch unterfütterten Beschreibung der Erlebnisse werden die neuartige Form der Präsenz und der oftmals diffuse Begriff der „Immersion“ in VR-Welten fassbar.


Die Unschuld der Maschinen. Technikvertrauen in einer smarten Welt

Mario Donick, 2019, Sachbuch, Springer Fachmedien, Softcover 24,99 €, eBook 19,99 €

Tablet. Smartphone. GPS. In unserer zunehmend smarten und digitalen Gesellschaft sind wir permanent gezwungen, Technik zu vertrauen – im Kleinen wie im Großen. Im Kleinen vertraut man darauf, dass Technik so einfach wie in der Werbung funktioniert: einschalten und fertig. Im Großen muss man darauf bauen, dass Technik nur das tut, was sie soll. Doch je smarter Technik heute wird, desto undurchschaubarer ist ihre Funktionsweise. Deshalb beschäftigt sich Mario Donick in seinem Buch mit der Frage, was es mit dem Technikvertrauen der Menschen auf sich hat. Der Fokus seines Buches liegt auf den folgenden Aspekten:

  • Wie können Menschen Technik (und den abwesenden Menschen dahinter) vertrauen?
  • Wie gehen Menschen damit um, wenn ihr Vertrauen gefährdet ist?
  • Was müssen Menschen tun, um in einer immer „smarteren“ Welt handlungsfähig zu bleiben?

Das alles sind Fragestellungen, die aus Donicks Sicht immer wichtiger werden – insbesondere mit Blick auf die Mensch-Maschine-Kommunikation, die im Alltag an Komplexität gewinnt.

In fünf Kapiteln bringt Ihnen Mario Donicks Buch das Thema Technikvertrauen aus verschiedenen Blickwinkeln näher:

  • Das erste Kapitel untersucht, was Technik überhaupt ist und welche Rolle Vertrauen sowie Wissen in diesem Zusammenhang spielen.
  • Im zweiten Kapitel steht die Human-Computer-Interaction im Fokus: Welche Bedürfnisse muss Technik erfüllen und wie gehen Menschen hier mit Enttäuschungen um?
  • Der Aufbau von Computern sowie ihre Programmierung sind das zentrale Thema des dritten Kapitels.
  • Im vierten Kapitel untersucht Donick die Rolle des IT-Service als Problemlöser in der Technik-Mensch-Beziehung.
  • Abschließend blickt der Autor im fünften Kapitel in die Zukunft und erörtert neue Techniktrends.

Damit liefert Ihnen dieses Buch wertvolle theoretische und praktische Impulse zum Thema Technikvertrauen. Anhand praktischer Fallbeispiele lernen Sie, wie Sie „smarte“ Technik verstehen können. Zudem erfahren Sie, wie Sie erfolgreich mit dem technischen Kundendienst kommunizieren. Ideal für Menschen, die im Alltag auf Technik angewiesen sind und deren Funktionsweise besser verstehen wollen. 


Head Canon

Mario Donick, 2017-2018, Essay-Reihe, telepolis

„Head Canon“ ist eine Reihe zusammenhängender Artikel über den Umgang mit Massenmedien in unserer Zeit und deren Wirkung auf Rezipienten. Sie erschien von Herbst 2017 bis Sommer 2018 bei Telepolis im Heise-Verlag.

Die einzelnen Teile bauen wie die Kapitel eines Buches aufeinander auf:

  1. Der Kanon im Kopf. Medien im epikritischen Zeitalter (05.11.2017)
  2. „Sie haben uns angelogen“: Kanon und Head Canon in „Star Trek: Discovery“ und „The Elder Scrolls“ (26.11.2017)
  3. Konflikt und Krisis: Partizipativer Umgang mit Massenmedien (11.02.2018)
  4. New York Times lesen in Magdeburg: Leib, Stadt und Medien (04.03.2018)
  5. Das dynamische Lokale (02.09.2018)
  6. Konstruktion, Reflexionsgeschichte, Freiraum (09.09.2018)

„Offensichtlich weigert sich Facebook, mir darauf eine Antwort zu geben“ – Strukturelle Analysen und sinnfunktionale Interpretationen zu Unsicherheit und Ordnung der Computernutzung

Mario Donick, 2016, Dissertation, Kovac, 99,80 € (schreiben Sie mir eine Mail an mdinmd (at) web (punkt) de für ein kostenloses Exemplar; so lange der Vorrat reicht)

Die Verwendung von Computern erzeugt vielfach Unsicherheit. Dennoch entsteht in den meisten Fällen trotz Nutzungsproblemen letztlich eine Ordnung erfolgreich scheinender „Computernutzung“. Der Autor untersucht dieses Phänomen empirisch an Fallbeispielen.

Die Ergebnisse der Untersuchungen deuten auf ein komplexes Geflecht des Umgangs mit Unsicherheit hin: Wenn Pläne und Vorstellungen von Entwicklern und Nutzern kollidieren, dann ist Software zwar durchaus Medium, aber keineswegs immer Schnittstelle zur Unterstützung der Nutzerziele.

An den Fallbeispielen wird gezeigt, wie Nutzer mit dieser Schwierigkeit umgehen.

Seit 20 Jahren in der Matrix

In diesem Jahr feiern wir das 20jährige Jubiläum des Erscheinens des Kinofilms „Matrix“. Ich befand mich damals am Ende meines geisteswissenschaftlichen Studiums an der Universität Rostock, als wir innerhalb eines Seminars meines späteren Doktorvaters im Fach Germanistik den Film gesehen und im Anschluss in unserer Stammkneipe „Heumond“ darüber diskutiert haben. Obwohl ich nicht unbedingt eine geborene Cineastin bin und mich auch nicht so sehr für das Genre der Science-Fiction-Filme interessiere, hat mich der Film damals absolut gepackt. Ich habe mir nun die drei Filme, die damals kurz hintereinander erschienen, noch einmal angeschaut: „Matrix“, „Matrix Reloaded“ und „Matrix Revolutions“.

Es ist äußerst erhellend, die Filme aus heutiger Perspektive zu betrachten – in einer Zeit, in der das Internet enorm an Fahrt gewonnen hat und immer mehr zum Bestandteil des normalen Alltags eines jeden Menschen geworden ist. Die Filme haben mich immer noch genauso fasziniert wie vor 20 Jahren, und interessant ist dabei vor allen Dingen die Tatsache, wie aktuell die Filme immer noch sind und wie unglaublich hellsichtig die Filmemacher damals agierten.

Gleich in einer der ersten Szenen des Films „Matrix“ greift die Hauptfigur Neo (hervorragend gespielt von Keanu Reeves) zu dem Buch „Simulacres und Simulation“ des bekannten französischen Medientheoretikers Jean Baudrillard und verweist damit auf einen der bis heute wegweisendsten und scharfsinnigsten Medientheoretiker des 20. Jahrhunderts und seine Theorien und Modelle der Simulakren, die eine wesentliche Grundlage für den Plot des Films spielten.

Jean Baudrillard untersucht in seiner Simulationstheorie die Beziehung zwischen Gesellschaft und Realität mit einem besonderen Fokus auf die Massenmedien. Mit dem Begriff der Simulation bezeichnet Baudrillard die überhand nehmende Macht verselbständigter Zeichenprozesse seit Ausbreitung der technischen Medien. Er unterteilt die Simulakren (Trugbilder, Abbilder) in drei Ordnungen, wobei das Simulakrum erster Ordnung als Imitation der Natur zu verstehen ist, von Baudrillard in die Zeit der Renaissance verortet wird und damit die Opposition zum Realen aufrechterhält. Im nächsten Schritt besetzt das Simulakrum den Vorgang der Produktion und der identischen Reproduktion. Dieses Phänomen des Simulakrums zweiter Ordnung positioniert Baudrillard in das Zeitalter der industriellen Revolution. Beim Simulakrum dritter Ordnung wird die Repräsentation vollständig von Modellen und Codes verschlungen. Alles ist Teil der Simulation. Es findet eine Hyperrealisierung des Realen statt. Die Simulation generiert sich aus dem Realen ohne Ursprung oder Realität. Jean Baudrillard schreibt in seinem bekanntesten Werk „Der symbolische Tausch und der Tod“:

Jegliche Realität wird von der Hyperrealität des Codes und der Simulation aufgesogen. Anstelle des alten Realitätsprinzips beherrscht uns von nun an ein Simulationsprinzip. […] Es gibt keine Ideologie mehr, es gibt nur noch Simulakren.

Die Matrix-Trilogie bezieht sich vor allem auf Baudrillards Definitionen der Begriffe Simulation und Hyperrealität. Die Hauptfigur Neo gilt als Auserwählter, der die Menschen aus der Matrix, d. h. aus dem Software-Programm des so genannten Architekten befreien soll. In der Zeit, in der der Film spielt, existiert nur noch eine „reale“ Stadt Zion, die sich in der Erde selbst befindet. Ansonsten wird die Erde von einer Maschinenstadt kontrolliert. Im letzten Film „Matrix Revolutions“ schafft es Neo schließlich zur Maschinenstadt zu kommen und die Menschen von den Maschinen zu befreien. Es bleibt jedoch am Ende unklar, ob der Architekt nicht lediglich eine neue Matrix erschaffen hat und worin die Befreiung der Menschen genau besteht. Aber das spielt am Ende eigentlich auch keine große Rolle. Das Revolutionäre der Filme war es, am Beginn des digitalen Zeitalters darauf hinzuweisen, dass die Gefahr droht, dass die Menschen allmählich mit Maschinen, die sie selbst immer mehr mit künstlicher Intelligenz ausstatten, und der digitalen Technologie verschmelzen und dadurch den Blick auf ihre eigene Wirklichkeit verlieren könnten.

Die Maschinenstadt könnte als Metapher für das Silicon Valley stehen, das unsere heutige Welt scheinbar kontrolliert und ständig neue Programme installiert, die sich immer weiter multiplizieren – so wie der Agent Smith sich im Film auch ständig vervielfacht. Die Simulation bedeutet für Baudrillard keine Illusion, die früher oder später durch die Wirklichkeit aufgelöst wird, sondern sie ist etwas Irreales, das den Platz des Realen eingenommen hat, ohne dass es noch eine Differenz zwischen dem Wirklichen und der Simulation gibt. Im ersten Teil meines Aufsatzes „Eine Welt ohne Puls“ bin ich auf dieses Theorem von Baudrillard, das häufig missverstanden wird, auch schon einmal näher eingegangen. Das ist es auch, was Jean Baudrillard selbst an den Matrix-Filmen kritisiert hat, dass die Macher des Films (die Wachowskis) der Meinung sind, es gäbe im System der Welt selbst einen Verdacht, ein Simulakrum, das sich von der „guten“ bzw. eigentlichen Realität aufdecken und vernichten ließe. Aber dem ist nicht so. Im ersten Band der Reihe „Über/Strom. Wegweiser durchs digitale Zeitalter“ werde ich dieser Frage auch noch einmal genauer nachgehen.

Interessant ist auch die Schnittstelle, die es im Film zwischen der Matrix und der realen Welt und ihren Bewohnern gibt. Es ist das analoge Telefon, durch das die Helden des Films von der Matrix wieder in die reale, dunkle Welt zurück gelangen – ein  nach Marshall McLuhans Kategorisierung sehr kühles Medium, das auch im digitalen Zeitalter noch nicht zu verschwinden droht…eine Fortsetzung der Matrix-Filme könnte hier ansetzen.

Geisteswissenschaften im Aufbruch – Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie.

Wenn man das Buch von Philipp Felsch „Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 – 1990.“ liest, dann wünschte man sich fast die 1960er und 1970er Jahre zurück, als sich die Intellektuellen und Studierenden noch in Lesezirkeln trafen und sich stundenlang abends über soziologische und philosophische Theorien austauschten sowie aus rein idealistischen Motiven Zeitschriften, Buchreihen und kleine Verlage gründeten. Wahrscheinlich ist das eine Verklärung der damaligen Situation, da ich 1976 geboren wurde und diese Zeit nicht (bewusst) miterlebt habe. Und wahrscheinlich hat mich gerade deshalb die Lektüre des Buches so in ihren Bann gezogen. Außerdem spielt mein Doktorvater auch eine Rolle in dem Buch, da er aktiver Teil dieses langen Sommers der Theorie war. Durch seine Seminare, die ich begeistert besucht habe, bin ich während meines Studiums mit Texten der Theoretiker und Philosophen Michel Foucault, Jean Baudrillard, Jean Starobinski, Paul de Man, Roland Barthes u.v.a. „aufgewachsen“ und durch sie wesentlich geprägt worden, ohne den Kontext ihrer Entstehungszeit zu kennen. Diese Lücke hat das Buch nun gefüllt. Die poststrukturalistischen Denker haben mich fasziniert, da sie mir eine ganz neue Art des Denkens und neue Perspektiven auf Kultur, Literatur und Gesellschaft eröffneten.

Philipp Felsch zeichnet in seinem Buch die Entwicklung des Merve-Verlags nach, der sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Texte der genannten Theoretiker nach Berlin zu „bringen“ und damit dem gesellschaftspolitischen und kulturtheoretischen Diskurs eine neue Richtung zu geben. Peter Gente, der mit Texten von Adorno seine Liebe zu theoretischen Texten entdeckte, gründete 1970 den Merve-Verlag. Die Berliner Student*innen stürzten sich begeistert auf die Texte und diskutierten sie ausgiebig.

Der Verlag hat sich bis heute gehalten und bringt bis heute hoch komplexe, theoretische Texte heraus, die teilweise darauf angelegt sind, dass sie sich einem nicht vollständig erschließen. Sie stellen hohe Ansprüche an die Leser*innen und sind gerade deshalb so wertvoll, weil sie eine nicht zu unterschätzende Beobachtungsfunktion in der heutigen Gesellschaft innehaben. Die zweite Ehefrau von Peter Gente und Co-Verlegerin, Heidi Paris, hat in den 1980er Jahren sogar die geringen Stückzahlen ihrer Bücher positiv hervorgehoben, da es dadurch gelang, sie – „frei nach Walter Benjamin – in der Schwebe zwischen Aura und Reproduzierbarkeit zu halten“ (Felsch, S. 180).

Bildnachweis: S. Fischer Verlage

Die Lektüre des Buches ist deshalb so lohnenswert und erfrischend, weil nicht die Personen im Vordergrund stehen, sondern die theoretischen Texte und ihre Einbettung in den Kontext der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Merve-Verlags und der linkspolitisch ausgerichteten Studierendenschaft in West-Berlin im Zuge der Ereignisse rund um das Jahr 1968. Philipp Felsch hat es geschafft, die Temperatur und Stimmung der 1970er und 1980er Jahre im akademischen Umfeld äußerst lebendig und mit sehr interessanten Details zu beschreiben. Es ist gerade für die heutige Zeit ein wichtiges Buch – eine Zeit, in der die Geisteswissenschaften weiterhin nach Orientierung suchen.

Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990. S. Fischer Verlage, 2016.

Eine Welt ohne Puls, Verbindlichkeit und Tiefe…tatsächlich. (Teil 2)

Dies ist die Fortsetzung des ersten Teils, den Sie hier finden.

Fernsehen vs. Computer

Während man das Fernsehen und den Computer sowie die Vernetzung von Computern (eine wesentliche Eigenschaft des Internets) noch als technologische Weiterentwicklung bezeichnen konnte, sind die neuen Anwendungen im Rahmen des Internet vor allem durch marktrelevantes Agieren der Wirtschaft entstanden, indem ständig neue Bedürfnisse kreiert werden – mit dem Ziel, neue Absatzmöglichkeiten zu schaffen. Beim Fernsehen handelte es sich um eine mediale Revolution – es entstand eine zweite Realität, die simultan eine Vielzahl von Zuschauern erreichte und in Echtzeit abgebildet wurde. Damit wird den Fernsehzuschauern suggeriert, dass die Realität genau SO stattfindet, wie sie sie in dem Moment des Schauens wahrnehmen. Es ist schwer, zu abstrahieren, dass es sich bei den Fernsehbildern nur um einen Wirklichkeitsausschnitt handelt, der in komplexe kausale Zusammenhänge eingebettet ist, die von den Fernsehbildern nicht gleichzeitig mitvermittelt werden können. Während das Fernsehen aber noch durchaus die Menschen zusammengebracht bzw. einen gemeinsamen Konsens hergestellt hat, führen die neuen Entwicklungen wie Facebook, Instagram und Twitter dagegen zu weiterer Individualisierung – nicht zu verwechseln mit dem Begriff der Einsamkeit. Auch vor dem Fernseher sitzen viele Leute allein, aber die neuen medialen Anwendungen rund um das World Wide Web führen dazu, dass die Menschen ihre Individualität und dementsprechend auch ihre persönlichen Wünsche in den Vordergrund stellen – das heißt, paradoxer Weise führen die sozialen Netzwerke eben nicht zu sozial engeren Beziehungen, die moralisches Verhalten, gegenseitige Rücksichtnahme, Empathie und altruistische Handlungen fördern. Die sozialen Netzwerke führen nicht zu neuen, bedeutungsschweren Texten oder Gedanken, sondern sie potenzieren lediglich die Anzahl von redundanten Texten, die nichts meinen oder aussagen. Und wenn doch mal gute Gedanken dabei sind, gehen sie sofort unter, ohne dass irgendjemand länger darüber nachgedacht hat. Aber nur wenn ein Rezipient länger über einen Text oder über die Gedanken eines anderen nachdenkt – entsteht Kommunikation und nicht lediglich ein Kontakt.

„Man ist durch diese Entwicklung in der Tat der Welt des Taktilen näher als der des Visuellen, in der die Distanzierung größer, die Reflexion jederzeit möglich ist. In dem Moment, in dem die Berührung für uns ihre sensorische, sinnliche Bedeutung verliert („die Berührung ist eher eine Interaktion der Sinne als ein bloßer Kontakt zwischen der Haut und einem Gegenstand“), ist es möglich, daß sie wieder zum Schema einer Welt der Kommunikation wird – aber als Spielraum für die taktile und taktische Simulation, wo die „message“ zur „massage“ wird, zur alles erfassenden Anstrengung, zum Test. Überall wird man getestet, betastet, die Methode ist „taktisch“, die Sphäre der Kommunikation ist „taktil“. Ganz zu schweigen von der Ideologie des „Kontakts“, die in all ihren verschiedenen Formen darauf abzielt, die Idee des sozialen Zusammenhangs zu ersetzen.“ ( Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod, S. 101.)

In dem Moment, wenn eine Nachricht auf dem Smartphone erscheint bzw. durch Vibration oder einen Klingelton angezeigt wird, werden wir davon unmittelbar berührt – durch eine Direktheit in ihrer unmittelbarsten Form, die kein distanziertes Verhalten zu der Nachricht ermöglicht. Im Gegenteil – sie stellt eine Art Bedrohung dar und fordert möglichst in kurzer Zeit von uns eine Antwort. Der Kommunikationswissenschaftler Mario Donick schreibt, dass „[…] in Medien reproduzierte radikale Aussagen zu einer Reaktion bedrängen. Sie fokussieren auf sich und engen den Blick auf sich ein. Sie fragen: ‚Auf welcher Seite stehst du ?‘ und sie fordern: ‚Du musst dich entscheiden‘. Sie setzen unter Druck“ ( Donick, Mario: Head Canon: Medien im epikritischen Zeitalter. Essay in sechs Teilen. 4/6, S. 3.) Wir sind dadurch fremdbestimmt, weil die Nachricht uns aus einer bestimmten Situation herausholt und uns in Sekundenschnelle in eine positive oder negative Stimmung versetzen kann. Es besteht zumindest potentiell die Gefahr, dass unser Gefühlsleben von jetzt auf gleich beeinflusst wird. Das kann natürlich auch durch das herkömmliche Telefon, Radio oder Fernsehen passieren. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass die Kommunikation in Form von SMS oder Whatsapp die unmittelbarste Art der Kommunikation ist, die es bis zum jetzigen Zeitpunkt gibt. Via Telefon lässt sich diskutieren, man kann sich zu seinem Gegenüber verhalten und Gesprächsthemen verhandeln. Eine kurze heiße Nachricht ist jedoch plötzlich da und verlangt nach einer Reaktion. Marshall McLuhan differenziert zwischen heißen und kalten Medien: Heiße Medien wie das Radio und die Fotografie sind sehr detailreiche Medien, die nur wenig „persönliche Beteiligung“ durch den Zuhörer ( McLuhan, Marshall: Heiße Medien und kalte. (1964) In: Kursbuch Medienkultur, Stuttgart, 2004, S. 45 ff.) oder Betrachter benötigen, während das Telefon als kühles Medium dem Zuhörer und Sprecher einen hohen Konzentrationsgrad abverlangt. Nach dieser Kategorisierung hätten wir es bei der Kommunikation via SMS oder Whatsapp mit einem äußerst heißen Medium zu tun. Die Form der taktilen Kommunikation unterbindet jede Form einer Diskussion und eines kommunikativen Aushandelns. Erst wenn dem Rezipienten die Chance und Zeit gegeben wird, über einen Sachverhalt zu reflektieren, entstehen Diskussionen, die wiederum im Dialog mit anderen zu neuen Gedanken weiterentwickelt werden können, d.h. es entsteht die gemeinsame Arbeit an einer Idee. Und genau dieses gemeinschaftliche Denken wird momentan unterbunden. Man möchte Facebook und Co. nicht unterstellen, dass sie der Weiterentwicklung hin zu einer besseren Gesellschaft negativ gegenüber stehen, aber ihr Pakt mit Mephisto in Form des zügellosen Strebens nach neuen Entdeckungen (im Unternehmen Google werden solche Entdeckungen „Moonshots“ genannt) verbunden mit kapitalistischem Profitstreben führt nicht zu einem Gemeinschaftsgefühl sondern fördert egozentrische Verhaltensweisen.

Der koreanische Philosoph Byung Chul-Han kritisiert zu Recht die heutige Transparenz- und Authentizitätsgesellschaft. Alles muss transparent und authentisch sein. Wir sehen uns quasi einer „Aufdeckungsindustrie“ gegenüber: Eine Woche lang erregt sich die deutsche Öffentlichkeit über die so genannten Panamapapers – und was passiert in der Konsequenz? Nichts. Es werden Informationen an die Oberfläche geschwemmt, die als Informationen stehen bleiben, ohne dass sich jemand ausführlich damit beschäftigt, denn dafür fehlt die Zeit. Prinzipiell eröffnet das Internet die Möglichkeit, sich umfassend zu informieren, die Glaubwürdigkeit von Nachrichten zu überprüfen und verschiedene Sichtweisen zu einem bestimmten Ereignis einzunehmen bzw. nachzuvollziehen. Das große Manko liegt jedoch darin, dass das Netz – so wie der Name es auch schon verrät – so gut wie nicht entwirrbar ist und man sich darin verstrickt. Die vielen Verlinkungen lassen kein geradliniges Lesen zu. Sie sind effektiv, um schnell an Informationen zu kommen, jedoch nicht, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Es erfordert einen erheblichen Rechercheaufwand, um akzeptable Wahrscheinlichkeiten für den Wahrheitsgehalt eines Ereignisses zu erzielen. Insofern ist die Arbeitserleichterung im Vergleich zur früheren analogen Literaturrecherche nicht besonders auffällig.

Rückkehr zum Analogen?

Vor allem die stark verkürzte Kommunikation via Twitter, SMS uns Whatsapp und die Wucht der (bewegten) Bilder via Facebook und Instagram führen dazu, dass auch bei gut gemeinten politischen Aktionen häufig Vermarktung und die Generierung von Aufmerksamkeit in keinem Verhältnis zur substanziellen Unterfütterung der Aktion stehen bzw. diese in vielen Fällen schlicht und einfach gar nicht existiert.

„Die Information liegt einfach vor. Das Wissen im emphatischen Sinne ist dagegen ein langsamer, langer Prozess. Er weist eine ganz andere Zeitlichkeit auf. Es reift. Das Reifen ist eine Zeitlichkeit, die uns heute immer mehr abhandenkommt. Es verträgt sich nicht mit der heutigen Zeitpolitik, die zur Steigerung der Effizienz und Produktivität die Zeit fragmentiert und zeitstabile Strukturen beseitigt.“ ( Han: Die Austreibung des Anderen, S. 10 )

Boris Groys vermisst die Möglichkeit zur Kontemplation:

„Das Nichtstun ist in der Moderne die größte Anstrengung, die man sich vorstellen kann. Wie Faust war auch Goethe selbst immer zu den größten Anstrengungen gezwungen, er musste die ganze Zeit als Bürokrat funktionieren, um ein bisschen Zeit zu haben, um Muße zu haben. […] Das schlimmste Drama unserer Zeit ist, dass die kontemplative Einstellung uns von der Gesellschaft nicht garantiert werden kann. Es gibt keine sozial abgesicherte, politisch und ökonomisch garantierte Kontemplation. Das heißt, die Kontemplation muss erarbeitet werden. Das ist der größte Widerspruch unserer Zeit. Dieser Widerspruch ist fatal. Das ist das, was den Zusammenbruch der Wissenschaft, der Philosophie, der Kunst in unsere Zeit gebracht hat“ ( Hegemann: Wie man ein Arschloch wird, S. 141-142 )

Mario Donick spricht, angelehnt an Marc Augé, von so genannten „Nicht-Orten“ (Donick: Head Canon: Medien im epikritischen Zeitalter. Essay in sechs Teilen. 4/6, S. 9.) , um zu verdeutlichen, dass es zunehmend Orte gibt, an denen man sich anonym bewegen kann und die man nur aus funktionellen Gründen aufsucht und immer weniger aus Gründen des Müßigganges oder einer persönlichen Bindung zu dem Ort. So wie die ständig pulsierende, sich ändernde und dynamische digitale Welt, in der die User anonym umherschweifen und sich anonym ohne jede Verbindlichkeit äußern können, so überträgt der moderne Arbeitsnomade sein Verhalten auch auf die analoge Welt, das Donick als Rückbesinnung auf das „dynamische Lokale“ (Donick: Head Canon: Medien im epikritischen Zeitalter. Essay in sechs Teilen. 4/6, S. 2 ff.) beschreibt. Wir vermeiden das Persönliche, das Eigentliche und das Statische, das uns Schutz, Sicherheit und einen festen Anker bieten könnte. Die Menschen werden zu dieser analogen Welt zumindest in einem gewissen Maß zurückkehren müssen, um die Realität erster Ordnung noch wahrnehmen zu können, die sich nicht wie die digitale Welt innerhalb eines Ja/Nein – bzw. Positiv/Negativ-Spektrums bewegt, sondern eine natürlich Kontingenz und unvorhersehbare Entwicklungen zulässt, die für das Zusammenleben von Menschen von entscheidender Bedeutung sind.

Dieser Essay wurde erstmals am 1. Februar 2018 im „Freitag“ in der Rubrik Community veröffentlicht: „Eine Welt ohne Puls, Verbindlichkeit und Tiefe…tatsächlich.“

Eine Welt ohne Puls, Verbindlichkeit und Tiefe … tatsächlich. (Teil 1)

Eine der Hauptthesen in unserer heutigen Gesellschaft lautet immer wieder, dass das digitale Zeitalter die Gesellschaft so sehr verändert hat wie kaum je zuvor. Die Frage ist jedoch, ob diese These sich immer noch so leicht halten lässt wie noch vor zehn Jahren. Durch unseren alltäglichen Umgang mit digitaler Kommunikationstechnik tauchen wir immer mehr ein in die virtuelle Realität; und während es vor zehn Jahren noch viele Menschen gab, die sich bewusst gegen den Umgang mit Computern oder Smartphones bzw. Handys entschieden, ist das heutzutage kaum noch möglich – wenn man nicht gleich als weltfremd gelten möchte. Das bedeutet aber auch, dass kaum noch jemand eine so genannte „Ursprungsrealität“ kennt, von der man quasi von außen aus der realen auf die hyperreale Welt schauen kann, weil sich beide Welten immer mehr miteinander vermischen und ineinander greifen. Trotzdem bleibt die Skepsis, ob nicht die Einführung der Fotografie und der bewegten Bilder und die Erfindung des Telefons entscheidender zur Veränderung der Gesellschaft beitrugen als es jetzt die Computer tun und den derzeitigen Veränderungen andere Ursachen zugrunde liegen. Worin liegt diese Skepsis begründet? Der vorliegende Text erhebt nicht den Anspruch einer technisch basierten detaillierten Medienanalyse, sondern möchte die kommunikativen Umwälzungen, die sämtliche gesellschaftliche Bereiche erfassen, in erster Linie als „Temperatur“ beschreiben.

Nachrichten ohne Aussage

Bei jeder neuen Nachricht fallen wir in einen kleinen Schockzustand. Jean Baudrillard und Marshall McLuhan nannten diese Form der Kommunikation taktile Kommunikation. Es handelt sich um eine Form der Kommunikation, bei der der Rezipient nur kurz von der Nachricht berührt wird, ohne dass eine Reflexion darüber möglich ist, denn im Hintergrund wartet schon die nächste Nachricht in der Timeline auf Facebook und keine ist so wichtig, als dass es sich lohnte, länger als zehn Sekunden darüber nachzudenken. Ein typisches Beispiel, wie Hyperrealität nach dem Verständnis von Baudrillard funktioniert, ist die Causa Jan Böhmermann und seine Äußerungen über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ am 31. März 2016. Der Fall bestimmte zwei Wochen sämtliche Medien. Die Auseinandersetzungen darüber fanden jedoch nur hyperreal innerhalb des medialen Kreislaufs statt. Es ist eine Nachricht, die von den Medien selbst in Umlauf gebracht wurde und nur rein medial diskutiert wurde, d. h. die Medien bekämpfen das, was man im analogen Zeitalter „Papiertiger“ nannte. Der Medienkreislauf erzeugt Nachrichten, über die sich dann wiederum medial ausgetauscht wird – es handelt sich dabei nahezu um ein Nullsummenspiel ohne jeglichen Erkenntniswert, der nachhallt. Nachrichten lösen sich immer schneller ab, kaum eine kann noch längerfristige Wirkung erzeugen. Geniale Theateraufführungen wie Frank Castorfs Abschiedsinszenierung „Faust“ an der Berliner Volksbühne erreichen zwar mediale Präsenz, gehen aber im Rausch der Medien unter, so dass sie ohne gesellschaftliche Auswirkungen bleiben. Es lässt sich schwer antizipieren, wie wir diesem Dilemma entkommen könnten. Zeichenwelten oder Simulationen verfügen über keinen Referenten (Signifikanten) mehr, bezeichnen nichts, sondern interagieren nur noch mit anderen Simulakren, die den Zugang zur unmittelbaren und sinnlichen Wahrnehmung der Welt verschüttet haben. Die Geistes- und Kulturwissenschaften sind quasi narkotisiert und liefern kaum Erklärungsversuche bzw. Versuche zur Einordnung der rasant voranschreitenden digitalen Kommunikation und der sich damit verändernden Arbeitsgesellschaft und der zwischenmenschlichen Kommunikation. Es fehlen Erklärungsversuche, die über die bekannte Mensch-Maschine-Dichotomie hinausgehen und auch die psychologische und moralische Perspektive beleuchten. Damit ist in erster Linie nicht das veränderte Nutzungsverhalten hinsichtlich digitaler Kommunikationstechniken gemeint, sondern die Auswirkungen, die das Nutzungsverhalten auf das zwischenmenschliche Miteinander ausübt. Wir können zunehmend beobachten, dass das „Frontend“, das nach außen Sichtbare und Plakative, in der Kommunikation immer mehr an Relevanz gewinnt, während das „Backend“, die komplexe Gedankenvielfalt, nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Parallelität der Kommunikationsmedien

Im Gegensatz zu früheren kommunikationstechnologischen Entwicklungen, bei der ein Medium das andere ablöste bzw. Medien mit neuen Funktionen dazukamen, haben wir mittlerweile eine Reihe von Kommunikationstechnologien, die trotz gleicher oder ähnlicher Funktionen parallel existieren und genutzt werden (Facebook, Instagram, Whatsapp, SMS; CD, Schallplatte, Mp3, Streaming-Dienste, Radio; lineares Fernsehen, Mediatheken, Netflix, Amazon, DVD, Kino; Telefon, Skype, Handy; Buch, ebook; Fotoapparat, Smartphone; PC, Tablet, Smartphone; Email, Twitter, Facebook, Website; Zeitung, epaper, Videotext, Online-Zeitungen). Die Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig. Sie soll vor allem verdeutlichen, welche Entwicklung sich gerade einmal in den letzten 15 bis 20 Jahren vollzogen hat und warum die Menschen immer mehr auf der Suche nach „Zeit-Oasen“ sind. Es gibt zu viele Kommunikationsmöglichkeiten, die noch nicht ausreichend voneinander abgegrenzt sind. de Bis zur Übernahme der Massenmedien durch das Internet gab es neben dem Fernsehen noch eine „Realität erster Ordnung“, d. h. einen Gegenpol. Jetzt haben bzw. nehmen wir uns nur noch die Zeit, uns mit „Weltausschnitten“ zu beschäftigen, die beispielsweise auf Facebook zufällig erscheinen, je nachdem was unsere „Freunde“ geliked oder geteilt haben – so entsteht dann eine kleine neue Welt mit Ausschnitten, deren Auswahl zwar auf bestimmten Algorithmen beruht, die jedoch von künstlicher, und nur indirekt von menschlicher Intelligenz berechnet wurden. Auch die Journalisten haben nicht das „Große, Ganze“ im Blick. Das Silicon Valley mit seinen großen Akteuren wie Facebook, Google, Youtube, Uber, Airbnb usw. präsentieren sich als moderne Visionäre und strotzen vor Selbstbewusstsein, wenn einmal wieder eine „innovative“ Idee wie die Vermietung von Wohnungen enormen Profit abwirft. Diese Ideen haben jedoch nichts mit einer nachhaltig wissenschaftlich technologischen Weiterentwicklung im Interesse der Menschen zu tun – wenn im Vordergrund die kapitalistische Frage der Vermarktungsmöglichkeit steht:

Ein faustisches Territorium in den USA ist das Silicon Valley. Die Leute dort sind die Faustfiguren unserer Zeit. Auch sie wollen alles. Sie wollen das Globale, sie wollen Unsterblichkeit, sie wollen alle Informationen sammeln. Der Faust unserer Zeit ist Google.“ ( Hegemann, Carl Wie man ein Arschloch wird. Kapitalismus und Kolonialisierung, Berlin, 2017, S. 110. )

Vor allen Dingen durch Anwendungen wie Facebook, Instagram, Whatsapp usw. verliert die tiefgründige und analytische Debattenkultur zunehmend an Bedeutung. Jeder kann zwar zu allem seine Meinung kundtun – oft ist es durch die dem Internet inhärente Öffentlichkeit und Selbstzensur eine gebremste Meinung. Die Folge ist der Verlust von Meinungsvielfalt, Kreativität und Originalität. Die parallele Nutzung von Kommunikationsmedien und die Verbreitung derselben Nachrichten auf verschiedenen Informationskanälen und die schnelle, technische Möglichkeit des Nachrichtenaustauschs (Teilen, Liken, Weiterleiten usw.) führen zu einer eindimensionalen, oberflächlichen und indifferenten Debattenkultur. Es fehlt oftmals schlicht und einfach die Zeit eines substanziellen Austausches, so dass ich die These formulieren möchte, dass die gegenwärtige Ausprägung der Kommunikationstechnologien nicht zu mehr Zeitersparnis führt, sondern im Gegenteil wertvolle Zeit verschluckt. Beispielsweise können die Effektivitätssteigerung und Vereinfachung der Arbeitsabläufe, die durch eine professionelle Internetnutzung in der Tat erreicht werden, keine kreative Energien freisetzen, da zunehmend beim Personal gespart wird – paradoxerweise mit der Begründung der technologischen Weiterentwicklung in vielen Bereichen.

Facebook und Instagram befördern ein egozentrisches und individualistisches Verhalten, während gleichzeitig die globale Nutzung dieser Medien wiederum Einförmigkeit im Denken und in der Lebensweise unterstützt. Die Kommunikation innerhalb von Gruppen wird zwar forciert – das ist jedoch nur oberflächlich der Fall, denn bei den meisten Spielarten der digitalen Kommunikationsmittel geht es in erster Linie um die Darstellung der eigenen Person.

Authentizität des Digitalen

Durch die Reizüberflutung in der modernen Gesellschaft und die Angst etwas zu verpassen, löst immer schneller ein Ereignis und ein neuer Trend den nächsten ab – egal ob es sich um Musik, neue Apps, Kleidung, Filme, eine Ausstellung oder andere diverse Events handelt.

„Das Eindringen des binären Frage/Antwort-Schemas hat eine unabsehbare Tragweite: es zerstückelt jeden Diskurs, es schließt alles kurz, was im inzwischen vergangenen goldenen Zeitalter die Dialektik des Signifikanten und des Signifikats, des Repräsentanten und des Repräsentierten war. Es ist vorbei mit den Objekten, deren Signifikat die Funktion wäre, vorbei auch mit der freien Meinung, die in Abstimmungen sogar zu „repräsentativen“ Repräsentanten führte, vorbei die wirkliche Befragung, der die Antwort entspricht (vorbei vor allem die Fragen, auf die es keine Antwort gibt). Dieser ganze Prozeß ist auseinandergerissen: der widersprüchliche Prozeß zwischen dem Wahren und dem Falschen, dem Realen und dem Imaginären wird durch die hyperreale Logik der Montage beseitigt.“ ( Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod, Berlin, 2005, S. 101.)

Jean Baudrillard hat bereits im Jahr 1976 die aktuelle Problematik des digitalen Zeitalters beschrieben. Sein luzides Postulat von der Agonie des Realen ist von der Wirklichkeit insofern absorbiert worden, als dass wir uns mittlerweile in der „Matrix“ befinden. Es ist nicht so, dass es die Realität nicht mehr gibt oder die Realität lediglich simuliert wird. Nein, die Realität ist zu einem großen Teil mittlerweile zur Realität des Digitalen geworden. Es geht nicht mehr nur um die Simulation oder Dissimulation des Realen, sondern das Reale ist vom Digitalen kassiert worden. Und wenn es ein Verdienst von Facebook und Co. gibt, dann ist es das der Entzauberung des Digitalen. Es gibt keinen Verdacht mehr, der unter der opaken Schicht der Oberfläche lauern könnte. Die Simulation der Medien im Fernsehzeitalter wurde durch eine neue Authentizität des Digitalen abgelöst – es handelt sich jedoch um eine äußerst oberflächliche Authentizität. Die spielerische Referenzlosigkeit der Kommunikation via Youtube, Facebook, Twitter, Instagram und Whatsapp ist allgemeiner Konsens geworden. Die Schwierigkeit besteht darin, dass diese referenzlose Kommunikation jede Möglichkeit eines ernsthaften dialektischen Diskurses verwehrt. Nachrichten, Kommunikationen und Reaktionen drehen sich in einem digitalen Kreislauf. Hinzu kommt die Steuerung der neuen digitalen Welt durch ein Silicon Valley, das immer mächtiger wird und sich anschickt, die Grundlagenforschung an den Universitäten ernsthaft zu beeinflussen und zu bestimmen.

„Denn schließlich hat sich als erstes das Kapital im Laufe seiner Geschichte von der Zerstörung aller Referentiale, aller menschlichen Zwecke genährt und hat dabei alle Unterscheidungen zwischen wahr und falsch, gut und böse zerschlagen, um so ein radikales Äquivalenz- und Tauschgesetz, das eherne Gesetz seiner Macht zu zementieren.“ (Baudrillard, Jean: Agonie des Realen, Berlin, 1978, S. 39.

Wir befinden uns im Zeitalter der Reaktion und nicht der Aktion, Kreativität und Originalität:

„Es gibt kein Medium im buchstäblichen Sinne des Wortes mehr: von nun an lässt es sich nicht mehr greifen, es hat sich im Realen ausgedehnt und gebrochen, und man kann nicht einmal sagen, es habe sich dadurch verfälscht. Obwohl sich die Medien derartig einmischen und wie ein Virus endemisch, chronisch und panisch präsent sind, können sie in ihren Wirkungen nicht mehr isoliert betrachtet werden. Die Wirkungen werden wie die Werbeskulpturen des Lasers im leeren Raum von durch die Medien gefilterten Ereignissen spektralisiert. Auflösung des Fernsehens im Leben, Auflösung des Lebens im Fernsehen – eine nicht mehr zu unterscheidende, chemische Lösung […]“. (Baudrillard, Jean: Agonie des Realen, Berlin, 1978, S. 48-49.)

Während das Fernsehen noch Informationsübermittlung und Zeit des Reflektierens bietet, schaffen soziale Netzwerke keinen eigentlichen Mehrwert mehr. Jeder Mensch hat weiterhin nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Die fehlende Zeit führt dazu, dass sich die Menschen vor permanenter Kommunikation in Kurzform keine Zeit mehr zur Reflexion gönnen:

„Die Tyrannei des Moments‘ liegt in der Abfolge an Augenblicken, die, bei aller Intensität, nichts meinen“. ( Simanowski, Roberto: Die Facebook-Gesellschaft, Berlin, 2016, S. 45 )

„[…] die Möglichkeit umfassender Kontrolle des individuellen und kollektiven Verhaltens in sozialen Netzwerken führt subtil zu Selbstzensur; die vorrangig phatische Kommunikation und der Ausbau nicht-reflexiver Selbst- und Weltbezüge untergräbt die intellektuelle Basis einer politischen Gegenbewegung.“ ( Simanowski, Roberto: Die Facebook-Gesellschaft, Berlin, 2016, S. 154 )

Die Filme der letztjährigen 67. Berlinale spiegelten visionär den aktuellen Zeitgeist wieder. Den Menschen und dem kritischen Denken geht die Puste aus. Sie sind müde und überreizt vom permanenten Nachrichtenfluss in der scheinbar immer komplexer werdenden Welt und den stressigen und beschleunigten Arbeitsbedingungen. Was bleibt ist das Sitzen auf der Parkbank wie im koreanischen Film „On the beach at night alone“, dessen Hauptdarstellerin einen silbernen Bären gewonnen hat. Das völlig kraftlose Loslassen ersetzt aktives kreatives Denken und den Drang, neue Lebensmodelle zu entwerfen und zu erproben. Die Zukunft bleibt ungewisser denn je.

Die Menschen lassen sich durch die sozialen Medien wie eine Kugel in einem Flipperautomaten zufällig und ziellos umhertreiben ohne konkretes Ziel. Dieses Verhalten ähnelt dem Aufenthalt in einem Hotel. Während dort das sich treiben lassen jedoch als Entspannung vom Alltag erwünscht ist – nach einer fest bestimmten Zeit steigt man aus dem Spiel aus und wechselt wieder in die „Realität“ – ist der Ausstieg aus der digitalen Kommunikation so gut wie nicht mehr möglich: „Die digitale Abstandslosigkeit beseitigt alle Spielformen von Nähe und Ferne. […] Das Spiel bedarf eines Scheins, einer Unwahrheit. Die nackte, pornographische Wahrheit lässt kein Spiel, keine Verführung zu“ ( Han, Byung-Chul: Die Austreibung des Anderen, Frankfurt a.M., 2016, S. 13-14 )

Der Ruf nach ständiger Transparenz, Konstruktivität und Authentizität verhindert jegliche Form von Geheimnissen, „zwischen den Zeilen lesen“, gedanklicher Tiefe und der Lust nach der Suche von Erkenntnissen. Dabei ist es dieses spielerische Moment, das das Leben überraschend und spannend und gleichzeitig entspannend macht. Die Transparenz- und Kommunikationsgesellschaft widerspricht dem natürlichen Bedürfnis eines jeden Menschen nach Privatheit und einer Intimsphäre. Deutlich wird das an dem verzweifelten und aussichtslosen Kampf des Menschen im digitalen Zeitalter um die Beibehaltung der Herrschaft über die eigenen Daten. Man kann jedoch nicht seine Daten bereitwillig preisgeben, um sie dann wieder mühsam beschützen zu wollen. Es bedeutet eine Form von Anstrengung und Stress, Transparenz und Authentizität zu simulieren, um weiterhin eine gewisse Privatsphäre und Anonymität zu wahren und somit die spielerische Leichtigkeit nicht völlig zu verlieren.

Vor lauter hektischem Teilen, Liken und Kommunizieren vergessen die Menschen immer mehr, ihren eigenen Gedanken zu vertrauen. Es passiert nur das, was gerade aktionistisch in sämtlichen Medien berichtet wird und auch nur darüber wird diskutiert. In der kulturellen Landschaft und an den Universitäten passiert scheinbar kaum noch etwas Relevantes – auch innovative Denkansätze und Entwicklungen gehen im allgemeinen Medienrauschen unter. Wie bereits oben beschrieben, verhindern die vielen Worte und die ständige Aktualisierung von Daten und Nachrichten jegliches Nachdenken, die Entwicklung von Visionen und ihre Umsetzung in die Tat. Wenn es noch Taten gibt, dann bleiben sie ohne größere substanzielle Wirkung.

Die Fortsetzung des Essays finden Sie hier.

Thomas E. Schmidt sieht den Menschen wiederkehren

Thomas E. Schmidt stellt die These auf, dass gerade im  Zeitalter der Digitalisierung die Natürlichkeit oder Mensch an sich zurückkehrt. Schmidt unternimmt mit seinem neuen Buch den Versuch, den Antagonismus von realer und virtueller Welt aufzulösen. Es entspricht sicher dem Zeitgeist, die digitale Welt nicht mehr absolut als simulative und manipulierte Welt zu betrachten, wie es zum Beispiel Jean Baudrillard getan hat. Aber Schmidt beschreibt, wie der Mensch allmählich mit dem Digitalen verschmilzt und darüber reflektiert, dass die Kommunikation immer eine medial vermittelte ist.

„Das Digitale ist folglich keine Anderswelt“, so beschreibt es Schmidt. Das Internet mit all seinen verschiedenen Austauschplattform ist kein System, das entkoppelt von der Gesellschaft funktioniert, sondern uns als eine Form der sozialen Gemeinschaft gegenübertritt, die lediglich nach etwas anderen Regeln als die herkömmliche analoge Gesellschaft funktioniert. Da sich die Menschen bei ihrer Kommunikation gegenseitig beobachten und darüber reflektieren, entsteht in der digitalen Sphäre also eine eigene Binnenethik, konstatiert Schmidt.

Im Mittelpunkt der digitalen Kommunikation stehen seiner Meinung nach nicht mehr die Informationen, sondern die Mitteilungen, emotionale Inszenierungen, Meinungen und geäußerte Wahrheitsansprüche. Hoffnung äußert Schmidt dahingehend, dass die sogenannten „sozialen Episoden“ im Netz neue gesellschaftliche Alternativen und Lebenswelten hervorbringen könnten, die die Menschen der „Naturzeit“ im Unterschied zur „linearen kapitalistischen Globalzeit“ wieder näherbringen.

Das Buch überzeugt durch interessante, neue Thesen; das Lesen erfordert jedoch durch seine dichte Darstellung und nicht einer immer ganz klaren Struktur, eine hohe Konzentration.

Thomas E. Schmidt: Wiederkehr des Menschen: Natur und Natürlichkeit im digitalen Zeitalter, Merve, 2019, 240 Seiten.