Zum Nachlesen: Amanda Gormans Gedicht zur Amtseinführung Joe Bidens

Gestern war in den USA die Amtseinführung Joe Bidens, und in vielen Medien wird das Gedicht hervorgehoben, das die Autorin Amanda Gorman bei der Zeremonie vorgetragen hat. Die Washingtoner Zeitung „The Hill“ hat den Text des Gedichts veröffentlicht, sodass man es noch einmal in Ruhe nachlesen kann. Gerade, wenn Englisch nicht die erste Sprache ist, hilft das doch sehr beim Verständnis. Hier geht es zum Artikel: https://thehill.com/homenews/news/535052-read-transcript-of-amanda-gormans-inaugural-poem .

Update: Eine deutsche Übersetzung hat das Redaktionsnetzwerk Deutschland veröffentlicht: https://www.rnd.de/kultur/amanda-gorman-gedicht-auf-deutsch-lesen-sie-hier-die-ubersetzung-und-das-original-the-hill-we-climb-QOXSZUHXRREFJNXHXKM2S4VEUY.html

Ein wenig Erleichterung

Gerade habe ich die New York Times-App geöffnet und sehe, dass endlich, drei Wochen nach der US-Wahl, die offizielle Vorbereitung der Amtsübergabe von Trump an Biden und Harris beginnen kann. Ich bin zwar immer noch etwas beunruhigt, wie sich Trump und seine Fans in den nächsten Monaten verhalten werden, aber trotzdem fiel mir tatsächlich ein Stein vom Herzen.

Titelseite der New York Times-App am 24.11.2020

Hier geht es zu dem Artikel der New York Times.

Interessant finde ich übrigens wieder die Bildauswahl, mit Biden an seinem Tisch. Sieht einerseits aus, als würde er auf jemanden warten; andererseits auch, als würde er in Ruhe nachdenken. Geduld und nachdenken — beides hat die letzten Jahre nur wenig eine Rolle gespielt …

Vier Tage

Die Titelseiten der letzten vier Ausgaben der New York Times International Edition erzählen eine serienreife Geschichte — jede Headline und jedes Foto eine Folge einer Serie, die sicher irgendwann mal von Netflix, Amazon oder sonst wem produziert wird.

Da haben wir zuerst den „American Cliffhanger“, der zwischen zwei sehr alt und müde aussehenden Männern ausgetragen wird. Man hätte es auch American Standoff nennen können, in Anlehnung an den Mexican Standoff, eine Konfrontation, die von keiner Seite gewonnen werden kann. Damit meine ich nicht die Wahl an sich, sondern die Teilung der Gesellschaft als Konflikt, den kein Präsident allein lösen kann.

Die zweite Folge hält die Spannung. Erschöpft aussehende Wahlhelfer*innen dominieren die Seite, darunter ein Foto von Demonstrant*innen und ein Bild eines Wahllokals, dessen Fenster mit Papier abgeklebt werden, wohl um die Störungen von außen zu minimieren, was das Wahllokal aber gleichzeitig als geschlossenen Ort inszeniert. Zu dem Zeitpunkt lag Trump in der Auszählung noch vorn, aber langsam drehte sich das zugunsten Bidens. Die vorsichtige Formulierung „Slow count pushes Biden close“ zeigt Biden jedoch noch passiv — er wird durch die Auszählung näher an den bis dahin Führenden herangeschoben.

Das finde ich deshalb wichtig, weil in der dritten Folge Biden nun als aktiver Akteur gezeigt wird. Da wird er nicht mehr ‚gepusht‘, sondern „Biden clears a path to victory“ — er räumt den Weg Richtung Sieg frei. Interessant ist zudem die Bildauswahl und -aufteilung. Die beiden zentralen Fotos zeigen Demos im Bundesstaat Pennsylvania. Oben sehen wir Demonstrant*innen in Philadelphia, die fordern, dass die Auszählung weitergeht — „Black votes matter“ steht auf ihren schwarz-weiß-roten Schildern, hinter ihnen sehen wir Hochhäuser. Darunter quasi das Spiegelbild — Trump-Unterstützer*innen im kleinen Ort Harrisburg, der nichtmal 50.000 Einwohner hat, aber trotzdem Hauptstadt des Bundesstaates ist; „Stop the Steal“ steht auf ihren vorwiegend weißen Schildern, im Hintergrund offenbar das State Capitol, der Regierungssitz. Oben also die jungen, diversen Einwohner*innen der Großstadt, die Hände zur Faust geballt und damit aktiv dargestellt — unten die älteren, weißen Einwohner*innen außerhalb der Großstädte, schweigend, abwartend. Neben den Fotos sind jeweils kurze Artikel zum Stand der Wahl, oben mit einem kleinen Foto Bidens (den Blick nach vorn gerichtet, den Mund geöffnet, Entschlossenheit ausstrahlend), unten mit einem Foto Trumps (den Blick nach unten gerichtet, die Augen geschlossen).

Und dann schließlich Folge vier — ein sehr großes, staatstragendes Foto von Joe Biden und Kamala Harris, die Überschrift: „Taking the reins of a divided nation“ („die Zügel einer geteilten Nation übernehmen“). Und da sind wir nun — Joe Biden als alter weißer Mann, Kamala Harris als dunkelhäutige, vergleichsweise jüngere Frau. Das ist das Team, das das geteilte Land zusammenhalten soll.

Doch allein durch eine Wahl wird nicht plötzlich „Alles wieder gut!“, wie gestern Nikolaus Blome bei Spiegel Online behauptete. Dafür werden fanatische Trump-Anhänger und frustrierte, alle politischen Initiativen Bidens blockierende Republikaner auch nach einer offiziellen Vereidigung Bidens schon sorgen (und ich wünsche mir, dass ich mich irre). Das winzige Foto Trumps nach seiner Rückkehr vom Golfplatz, das die Zeitung ganz unten platziert, ändert daran leider noch nichts.

Hoffnung und Sorge

Ich würde mich ja gerne freuen darüber, dass Joe Biden die Präsidentschaftswahl in den USA gewonnen zu haben scheint. Schon allein deshalb, weil ‚alles besser als Trump‘ ist (aber das habe ich 2001 auch über George W. Bush gedacht und dann kam es 2016 noch viel schlimmer). Vorerst bin ich vorsichtig hoffnungsvoll, dass der mediale und politische Albtraum der letzten vier Jahre bitte bitte bald zu Ende gehen möge, aber diese Hoffnung wird doch von der Sorge überschattet darüber, was in den verbleibenden Monaten bis zum 20.01.2021 (wo die Amtseinführung wäre) noch mit juristischen Tricks oder — nicht auszudenken — von Seiten gewaltaffiner Trump-Anhänger geschehen kann.