Retro, aber kein altes Eisen: KC85-Entwicklung heute. Interview mit Mario Leubner

Über nostalgische Retro-Computer-Erfahrungen habe ich in Bezug auf Textverarbeitung schon hier und hier berichtet; letztes Jahr schrieb ich bei VSG.de außerdem einen Artikel über Retro-Programmiererlebnisse. Da ich in Ostdeutschland groß geworden bin, ist mein Bezugspunkt da nicht der bekannte Commodore C64, sondern der Kleincomputer KC85/3. Aber der KC und seine Software werden immer noch weiterentwickelt — auch 30 Jahre nach der Wende. Im Umfeld des KC-Clubs und des KC-Labors entstehen neue Betriebsssystem-Varianten, die mittlerweile auch Festplatten und USB-Sticks unterstützen, sowie Hardware-Zusatzmodule, mit denen sich u.a. Musik abspielen oder manche Internetdienste nutzen lassen. In den letzten Wochen habe ich zu dieser Thematik mit einem der aktivsten heutigen KC-Entwickler, Mario Leubner, ein E-Mail-Interview geführt.

Der KC85/4 war der letzte offiziell produzierte KC85 in der DDR. Inoffiziell wurde er in den KC85/5 weiterentwickelt. (Bild: Wikipedia)

Kannst du kurz sagen, wer du bist und warum du dich auch im Jahr 2022 (!) immer noch aktiv mit der Verbesserung des KC-Systems beschäftigst?

Die Computer haben mich bereits in den 1980er Jahren fasziniert. Damals habe ich mir die Radio-Sendungen von Prof. Dr. Horst Völz und Dr. Joachim Baumann auf Radio DDR II oder Jugendradio DT64 reingezogen und teilweise auch mitgeschnitten sowie sämtliches Begleitmaterial zu den Sendungen zuschicken lassen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nicht einmal einen KC. Die waren anfangs ja gar nicht zu bekommen und dann ziemlich teuer. Erst als sie von 4.600 (Ost-)Mark auf 2.150 Mark gesenkt worden sind, habe ich mir meinen KC85/4 gekauft.

Wie alt warst du damals denn?

Damals war ich 25.

Worin besteht heute die Faszination?

Was mich bis heute an dem KC85-System reizt, ist die universelle Erweiterbarkeit mit Modulen. Damit kann man einfach fast alles realisieren. Auch Sachen, die früher überhaupt nicht denkbar waren wie USB, Netzwerk oder Festplatte. Und dann kann ich sagen, dass ich inzwischen beim KC fast jedes Bit persönlich kenne 😉 und weiß, wofür es da ist.

Heutige Computer haben Taktfrequenzen im GHz-Bereich und riesige Speicherkapazitäten. So ein KC85 mit seinen 1,77 MHz Taktfrequenz, dem 8 Bit-Prozessor und 64 K Adressraum liegt davon Welten entfernt. Und dennoch kann man auf diesen alten Kisten wunderbare Sachen machen.

Das ist eben ein Hobby und das soll es auch bleiben, solange es mir Spaß macht.

Gerade du hast ja wirklich sehr viel gemacht: signifikante Updates für Betriebssysteme, Tools oder auch WordPro 6. Bist du mehr der Programmierer oder bastelst du auch an Hardware rum?

Eigentlich bin ich mehr der Programmierer. Ich mache aber auch gern einmal etwas Hardware. Denn beides gehört ja irgendwie zusammen. Was nützt das USB-Modul ohne dazugehörige Software?

WordPro 7 von Mario Leubner wird in Kürze veröffentlicht. Es ist ein Update von WordPro 6 (bis 2007) und eine umfangreiche Weiterentwicklung des originalen WordPro ’86 von Klaus und Stefan Schlenzig, dessen kompletter Quelltext ursprünglich in Buchform zum Abtippen vertrieben wurde.

Auf welches deiner Projekte bist du am meisten stolz und warum?

Das kann ich so nicht beantworten. Manchmal sind es auch kleine Dinge, die einem Freude bereiten.

Wirklich gut gelungen finde ich zum Beispiel die Treiberverwaltung im Grundgerät, während im D004/D008 das Betriebssystem CP/M läuft oder auch die Device-Umschaltung zwischen Kassette, Diskette oder USB seit CAOS 4.7.

CAOS 4.8 ist die neueste, 2021 erschienene, Version eines Betriebssystems aus den 1980ern. Im Emulator JKCEMU können neue Features wie Festplatten- und USB-Unterstützung auch ohne echten KC ausprobiert werden.

Neue Möglichkeiten

Dieses „CAOS“ ist das Betriebssystem des KC85 und steht eigentlich für kassettengestütztes Betriebssystem (Cassette Aided Operation System) – auch wenn mittlerweile die von dir erwähnten anderen Speichermedien unterstützt werden. Mit deiner im September 2021 veröffentlichten Version 4.8 (letztes Update: 01.01.2022) dürfte CAOS wohl auch eines der ältesten noch aktiv weiterentwickelten Betriebssysteme sein. Und die Textverarbeitung WordPro (bald Version 7) ist eine der ältesten noch aktiv entwickelten Anwendungen. Wird der KC85 denn noch für Alltagsaufgaben genutzt, die nichts mit KC-Entwicklung zu tun haben (schreiben, verwalten, Berechnungen durchführen)? Oder ist es halt vorwiegend der Spaß am Basteln und Ausreizen bzw. Erweitern der Möglichkeiten?

Für mich persönlich ist es mehr das Ausreizen der Möglichkeiten und der Spaß an der Freude. Aber gern auch einmal ein Spielchen zwischendurch oder, seitdem es das Soundmodul gibt, etwas Retro-Musik hören. Alltagsaufgaben sind für mich noch das Programmieren von EPROMs – aber das ist ja auch eher etwas für die KC-Entwicklung.

Mit der DEVICE-Umschaltung von CAOS 4.8 und dem komfortablen Laden/Speichern auf USB-Sticks macht das alles auch noch viel mehr Spaß, da die Ladezeiten sehr viel kürzer geworden sind.

Wie viel von der Rechenarbeit, die für das Abspielen von Musik oder für den Zugriff auf USB-Sticks nötig ist, macht der KC85 selbst und wie viel wird an spezialisierte Chips in den Erweiterungsmodulen ausgelagert?

Im Soundmodul befindet sich ein Programmierbarer Soundgenerator-Chip AY-3-8910 (PSG), so wie in vielen anderen (hauptsächlich westlichen) Heimcomputern auch. Der KC übernimmt dabei die Decodierung der Sound-Dateien und die Programmierung des PSG. Die Rechenleistung des KC reicht dazu parallel noch für eine recht ansprechende grafische Anzeige aus.

Im USB-Modul verrichtet die Kommunikation mit dem USB-Stick oder der Tastatur ein VNC1 bzw. VNC2 von FTDI. Hier schickt der KC nur die entsprechenden Befehle zum Lesen oder Schreiben der Daten an den Spezial-Chip.

Man kann durchaus sagen, dass in vielen Erweiterungsmodulen mehr Rechenleistung steckt als im KC-Grundgerät selbst.

Mario Leubners KC-Commander ist ein komfortables Tool zur Dateiverwaltung, das man in ähnlicher Form sonst nur von größeren Computern aus westlicher Produktion kennt.

Ebenfalls realisiert habt ihr das TCP/IP-Protokoll und FTP. Wäre es — vielleicht zumindest auf dem KC85/5 — denkbar, das HTTP-Protokoll oder das GEMINI-Protokoll zu implementieren?

Mittels FTP kann man KC-Programme direkt von einem Server aus dem Internet laden. Das ist durchaus eine sinnvolle Ergänzung. TCP/IP ist jedoch nicht so mein Fachgebiet. Aber was willst du auf dem KC damit anstellen?

Einen einfachen E-Mail-Client für Textnachrichten könnte ich mir noch vorstellen. Von GEMINI habe ich vorher noch nie etwas gehört. Wenn ich das richtig recherchiert habe, handelt es sich hierbei um ein Netzwerkprotokoll zum Abrufen von Text-Dokumenten über das Internet. Es nutzt dabei ausschließlich verschlüsselte Verbindungen, was schon wieder eine Herausforderung für den KC darstellen könnte. Das wäre aber auch mit FTP machbar.

HTTP(S) und dessen Hauptanwendung World Wide Web halte ich dagegen auf dem KC für nicht realistisch, denn heutzutage geht im WWW fast nichts ohne Grafiken und Animationen. Dazu ist die Bildschirmauflösung des KC einfach nicht ausgelegt.

Offenheit für Kreativität

Wie würdest du die „KC-Szene“ (wenn man das so nennen kann) beschreiben? Sind das Leute, die schon früher mit dem KC gearbeitet oder gespielt und halt einfach nie aufgehört haben – oder ist da auch viel von der aktuellen „Retro“-Welle dabei, die man auch bei anderen Computern sieht?

Ich denke, das ist eine Mischung unterschiedlicher Leute.

Zum einen kenne ich viele, die sich schon jahrelang mit dem KC befassen und zum Kern des KC-Clubs zählen.

Dann gibt es auch Leute, die früher einmal mit dem KC gearbeitet/gespielt haben und diesen gerade wieder neu entdecken oder ihren Kindern bzw. Enkeln zeigen wollen, wie früher die Computer waren.

Es gibt aber auch Neueinsteiger. Dabei Menschen, die wesentlich jünger als so ein KC sind.

Grundsätzlich könnte man bei den alten Computern auch noch eine Unterteilung in zwei Gruppen vornehmen. Die einen möchten die Geräte möglichst unverändert erhalten und defekte Geräte wieder in Ordnung bringen. Die anderen erweitern ihre Geräte auch mit neuer Technik. Die „KC-Szene“ würde ich größtenteils in der zweiten Gruppe sehen.

Hast du eine Idee, woran das liegen könnte?

Vermutlich an der bereits vom Hersteller in Mühlhausen vorgesehenen Erweiterbarkeit des KC-Systems.

CAOS 4.8 enthält auch einen vernünftigen Texteditor, der auch 80 Zeichen pro Zeile unterstützt. Die 80-Zeichen-Routine wurde erstmals 1986 in WordPro von Klaus und Stefan Schlenzig vorgestellt; WordPro wurde nach der Wende von Mario Leubner bis Version 6 weiterentwickelt und in Kürze soll Version 7 erscheinen.

Verstehe – das heißt, die recht offene Konzeption des KC-Systems motiviert besonders zum Basteln. Das ist heute ja oft nicht mehr gegeben. Geschlossene Systeme wie Tablets und Smartphones, oder kommerzielle Betriebssysteme wie Windows 11 oder macOS verstecken technische Abläufe eher, als dass sie zur aktiven Auseinandersetzung einladen würden. Stattdessen nimmt man als Einstieg in die Technik dann eher kleine Rechner wie den Raspberry Pi oder auch Arduinos. Aber der Z80-Prozessor wird ja heute noch in modernisierter Form hergestellt, und das Modulsystem des KC hat ja schon zu sehr kreativen Arbeiten geführt. Wäre ein modernisierter KC85 nicht eigentlich heute auch ein super Lernsystem?

Auf jeden Fall. Der Z80 bzw. dessen DDR-Nachbau U880 eignet sich hervorragend zum Erlernen von Computertechnik. Es gibt zum U880/Z80 auch sehr viele gute Literatur. Und wie ich bereits erwähnt habe, kann man beim KC noch alle Hard- und Software-Details verstehen und damit eben auch erklären. Zudem ist der KC hauptsächlich mit Standard-TTL-Bausteinen aufgebaut und die meisten sind bis heute noch erhältlich.

Wäre es möglich, mit heute erhältlichen Teilen einen KC nachzubauen?

Das ist sogar schon gemacht worden, siehe hier diesen Bericht im Forum von robotrontechnik.de.

Ich danke dir für das Interview und wünsche dir ein frohes Jahr 2022 mit hoffentlich schönen KC-Erlebnissen 🙂


Wer den KC85 mal selbst ausprobieren will, kann das am besten in Jens Müllers Emulator JKCEMU tun. Damit läuft auch das CAOS 4.8 von Mario Leubner.

Im Emulator JKCEMU kann man so gut wie alle Neuheiten der letzten dreißig Jahre ausprobieren. Und wünscht sich, das hätte es alles schon damals gegeben …

Und zu dem im Interview erwähnten KC85-Neubau gibt es bei YouTube dieses Video:

Lesetipp: Retro-Programmieren auf dem KC85 (Videospielgeschichten.de)

Hier wieder ein Lesetipp in eigener Sache (ohne Paywall): für Videospielgeschichten.de habe ich einen kleinen Bericht über eine Retro-Programmierwoche geschrieben, die ich letzte Weihnachten eingelegt hatte. Da hab‘ ich für einen emulieren DDR-Computer (KC85, quasi das Ost-Gegenstück zum C64) ein Computerspiel programmiert (ein roguelike, ähnlich wie mein ‚richtiges‘ Spiel LambdaRogue: The Book of Stars). Anfang bis Mitte der 1990er hatte ich einen echten KC85/3, und es war recht spaßig, nochmal in diese Zeit zurückzugeben. Den Artikel habe ich übrigens ebenfalls mit einem KC-Textprogramm verfasst. Hier geht’s zum Artikel: https://www.videospielgeschichten.de/retro-programmieren-auf-dem-kc85/

Lesetipp: „Avantgarde der Computernutzung. Hackerkulturen der Bundesrepublik und DDR“ von Julia Gül Erdogan

Der [sic, da fälschlich meist männlich vorgestellte] Hacker wird von vielen Leuten noch immer als Bedrohung angesehen. Da sind Bilder von Einbrüchen und Diebstählen im Kopf. Dabei geht es beim Hacken eigentlich um Zweckentfremdung von bzw. kreativen Umgang mit Technik. Die Historikerin Julia Gül Erdogan hat nun ein Buch vorlegt, das Hackerkulturen in Deutschland untersucht — und zwar, was sehr erfreulich ist, in beiden früheren deutschen Staaten. Denn auch in der DDR gab es eine lebhafte Computerszene; ich selbst bekam kurz nach der Wende einen ausgemusterten „Kleincomputer KC85/3“ geschenkt und damit habe ich sehr viel gelernt, was mir heute noch hilft. Vor allem, dass wir vor Computern und ihren für Laien manchmal undurchschaubaren Leistungen keine Angst zu haben brauchen. Die Blackbox lässt sich öffnen.

Ein offenes Verhältnis zur Technik ist sowohl Folge als auch Voraussetzung für einen selbstbewussten Umgang mit ihr. Um in der immer mehr von Computern strukturierten Welt handlungsfähig zu bleiben, dürfen wir uns selbst nicht als der Technik hilflos ausgesetzt ansehen. Leider wird das durch immer abgeschlossenere technische Systeme heute stark erschwert — Technik wird in der Bedienung einfacher, aber wollen wir sie tiefer durchdringen, gibt es oft keine handhabbaren Ansatzpunkte mehr, zumindest nicht für Selbststudium oder das spielerische Ausprobieren. Das war in der 1980ern noch anders, und wie sich das in Ost wie West in der Gesellschaft niederschlug — inklusive der Frage nach weiblichen Hacker*innen — stellt Julia Gül Erdogan in ihrem Buch ausführlich da.

Schreiben wie früher: WordStar, TP und WordPro

Jede*r Autor*in hat wohl Lieblingswerkzeuge — Stifte, Notizbücher, Schreibmaschinen, Computer und entsprechende Textverarbeitungsprogramme. Bei berühmten Autor*innen, wie George R.R. Martin (Das Lied von Eis und Feuer bzw. Game of Thrones) oder William Gibson (Neuromancer), gehört es zum Image, dass sie ihre Vorliebe für veraltete Technik herausstellen. Gibson schrieb Neuromancer auf einer 1927 gebauten Schreibmaschine. Und Martin erklärte noch 2014, dass er seine — immerhin äußerst umfangreichen — Fantasy-Romane auf einem uralten PC aus den 1980ern verfasst, was einige Wellen im Internet schlug. Martin setzt WordStar ein, eine heute längst nicht mehr erhältliche, aber bis Anfang der Neunziger sehr beliebte Textverarbeitung. Auch andere Schreiber*innen, wie Michael Chabon oder Anne Rice, konnten sich nur schwer zu neuerer Software durchringen.

Intuitives Schreiben statt sich nach Maschinenlogik richten

Der kanadische Science-Fiction-Autor Robert J. Sawyer hat die Vorliebe für WordStar einmal damit begründet, dass bei diesem Programm der Schreibprozess im Vordergrund stünde, während spätere Programme, wie WordPerfect oder Microsoft Word, die Nutzer*innen zwingen würden, sich der Logik des Programms zu unterwerfen. Sawyer erklärte das am Beispiel Copy & Paste: Bis heute hat sich durchgesetzt, dass wir einen auszuschneidenden oder zu kopierenden Textblock von Anfang bis Ende markieren, dann die Aktion (ausschneiden oder kopieren) wählen, dann den Cursor an die Zielposition verschieben und den Block dort einfügen.

Dies hat nach Sawyer zwei gravierende Nachteile: Erstens sind wir nach Abschluss der Prozedur nicht mehr an der Stelle, wo wir vorher waren, was den Gedanken- und Schreibfluss unterbricht. Zweitens muss der ganze Vorgang in einem Rutsch durchgeführt werden, was uns zwingt, genau zu wissen, was wir wohin kopieren oder verschieben wollen. Was aber, wenn wir zwar intuitiv ahnen, dass wir den gerade aktuellen Textblock eventuell irgendwo hin verschieben wollen, aber noch nicht genau wissen, wo der Block enden wird und wohin er am Ende soll? Da wäre es doch schön, den Block zwar schon mal zu markieren, aber ansonsten erstmal abzuwarten.

WordStar 3.0 sieht aus heutiger Sicht sehr unintuitiv aus, aber das liegt vor allem daran, dass wir an grafische Icons und Mausbedienung gewöhnt sind. Da alle wichtigen Tastaturbefehle stehts eingeblendet sein konnten, gewöhnte man sich schnell an die wichtigsten und konnte dann sehr effizient auch an längeren Texten arbeiten. (Bild: Wikipedia)

In Word & Co. lässt sich so eine Offenheit nicht umsetzen, da herrscht die binäre Logik des Computers, in der es nur Entweder-oder gibt. Entweder du schreibst, oder du markierst und kopierst bzw. verschiebst. Beide Prozesse (Sawyer spricht vom Modus der Komposition einerseits und dem Modus des Überarbeitens andererseits) sind getrennt. Sie intuitiv vermischen, das wollen vielleicht spinnerte Schriftsteller*innen, aber doch keine rational denkenden Computeruser, die sich doch bitte schön so verhalten sollten, wie es Aufgabenmodelle in der Softwareentwicklung vorsehen! Allein, im viel älteren WordStar ging das problemlos. Blöcke wurden einfach am Anfang und Ende mit sichtbaren Sonderzeichen markiert, und die Markierung blieb so lange bestehen, bis sie (vielleicht) gebraucht wurde. Es konnten sogar mehrere Blöcke markiert sein. Für Sawyer kommt dies dem handschriftlichen Entwerfen und Überarbeiten näher als die Konzepte anderer Programme.

Textprogramme in der DDR

Ich selbst bin mit WordStar über Umwege in Kontakt gekommen. Kurz nach der Wende, als ich noch Teenager war, hatte ich das Glück, einen nicht mehr benötigten DDR-Computer namens „Kleincomputer KC85/3“ zum Geburtstag zu bekommen. Mindestens bis 1996 oder 97 nutzte ich das Gerät sehr intensiv, was sich noch verstärkte, als ich dazu ein Diskettenlaufwerk bekam (vorher konnte ich nur auf Musikkassetten speichern).

Kleincomputer KC85/4. Ich hatte das äußerlich fast gleiche, aber etwas schwächere Modell KC85/3. (Bild: Wikipedia)

Zu dem Diskettenlaufwerk gehörte auch ein komplett anderes Betriebssystem: MicroDOS. Das war die KC85-Variante von SCP. SCP wiederum war ein DDR-Nachbau des amerikanischen Betriebssystems CP/M. Daher war es für die Softwareverfügbarkeit zu DDR- Zeiten ein leichtes, auch entsprechende Programme des „Klassenfeindes“ zu beschaffen und für eigene Zwecke anzupassen. Und so wurde aus WordStar das vom Staatsbetrieb Robotron illegal auf Deutsch übersetzte TP (TextProgramm). Als TPKC landete es auf meinem kleinen Computer. TPKC war die erste kommerzielle Bürosoftware, die ich je verwendet habe, wenn auch viele Jahre „zu spät“.

In der DDR war das Textprogramm „TP“ verbreitet, hier in der Variante TPKC für den Kleincomputer KC85. Schon am Menüaufbau und den dort gezeigten Tastenkombinationen ist zu erkennen, dass TP eine Kopie des westlichen WordStar war. Erlaubt war das nicht. Das Bild zeigt den Emulator JKCEMU, mit dem man zahlreiche DDR-Heimcomputer nachstellen kann; den Text im Bild habe ich getippt.

Zum richtigen Schreiben — neben Hausaufgaben waren das vor allem recht nihilistische Weltschmerzgeschichten, wie sie im Jugendalter wohl häufiger vorkommen — benutzte ich aber eine andere Software: WordPro. Das war eine echte DDR-Eigenentwicklung. Sie wurde vom Vater-Sohn-Gespann Klaus und Stefan Schlenzig programmiert und 1986 in Buchform verbreitet.

WordPro in seiner ursprünglichen Version, die 1986 in Buchform verbreitet wurde. Den seitenlangen Maschinencode in Hexdump-Form musste man selbst abtippen. Trotz des Aufwands verbreitete sich das Programm und führte zu zahlreichen Folgeversionen.

Ich entdeckte das Buch in der Stadtbibliothek der Kleinstadt, in der ich wohnte, und wo ich mir ständig irgendwelche Computersach- und Fachbücher auslieh. Dass auch umfangreichere Programme als abgedruckte Quelltexte zum Abtippen verbreitet wurden, war in den Homecomputer-Szenen in Ost wie West nicht ungewöhnlich. WordPro jedoch lag als reiner Maschinencode vor — viele Seiten untereinander gedruckte Hexadezimalzahlen, nicht mehr als ein 1:1-Speicherabzug jedes einzelnen Bytes, die in ihrem Zusammenspiel das Programm bildeten.

Lange überlegte ich, ob ich den Aufwand wirklich auf mich nehmen wollte, aber das Programm klang toll und es hatte sogar hübsche Icons in seinem Ein-/Ausgabemenü. Also setzte ich mich eines vormittags wirklich hin und tippte alles ab, eine sehr meditative Wochenendbeschäftigung, die ich damals noch ganz ohne Kaffee absolvieren konnte. Computeraffine Mitschüler waren zu jener Zeit längst mit modernen PCs ausgestattet und hatten derlei Aufwand nicht nötig, aber ich mochte meinen KC und brauchte damals auch nichts anderes. Tatsächlich hatte ich abends eine funktionsfähige WordPro- Kopie, die ich schnellstens auf Kassette abspeicherte.

Nach stundenlangem Abtippen von hexadezimalen Codes war es geschafft: Das per Buch „kopierte“ Programm startete und funktionierte in den folgenden Jahren problemlos. Ich weiß bis heute nicht, ob ich beim Abtippen nicht doch irgendwo Tippfehler gemacht habe; gemerkt habe ich jedenfalls nichts davon.

Das Besondere an WordPro war, dass es (zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung) erstmals erlaubte, 80 Zeichen in 30 Zeilen auf dem KC-Bildschirm darzustellen — also die komplette Breite einer normalen Textseite. Normalerweise wurden (wie auf dem westlichen Commodore C64) nur 40 Zeichen dargestellt, vermutlich, weil das beim Anschluss des KC an ein Fernsehgerät mittels Antennenkabel besser lesbar war. Ernsthafte Textverarbeitung war so aber kaum möglich; zwar gab es dafür das von Horst Völz entwickelte Programm TEXOR, das im 40-Zeichen-Modus arbeitete und viele grundlegende Funktionen besaß, aber man konnte einfach nicht gut erkennen, wie der gedruckte Text am Ende aussehen würde.

TEXOR (hier im Emulator) wurde extra für die Kleincomputer-Serie entwickelt; es war auf die normalerweise nur 40 Zeichen/Zeile zeigende Darstellung abgestimmt. Die Texterstellung und -bearbeitung war damit durchaus machbar, aber es war schwer, das Druckbild einzuschätzen. Das ging mit WordPro besser.

Mit WordPro ging das, und so machte das Schreiben am KC richtig Spaß. Offenbar fanden das auch andere, denn wie ich Jahre später in der KC-Emulatorszene im Internet merkte, gab es vom originalen WordPro zahlreiche Varianten, die es um neue Features ergänzten. Am ausgereiftesten war am Ende WordPro 6 von Mario Leubner, das bis 2000 kommerziell vertrieben wurde und seitdem Freeware ist; das letzte Update gab es immerhin noch 2007.

Im Retrofieber: WordPro für ablenkungsfreies Schreiben

Diesen Artikel, den Sie gerade lesen, schreibe ich auf einem emulierten KC85 unter WordPro 6. Der Emulator heißt KC85EMU und läuft selbst wiederum nur unter DOSBox (diese verschachtelte Emulation — der echte Computer emuliert einen MS-DOS-PC, und der emuliert den KC85 — wäre fast selbst einen Artikel wert …) Obwohl das aus heutiger Sicht alles sehr pixelig aussieht (die Bildschirmauflösung des KC beträgt 320×256 und ist im Emulator auf 1024×768 hochskaliert), schreibt es sich sehr gut. Heute gibt es Programme wie FocusWriter oder Online-Dienste wie Writer, die ablenkungsfreies Schreiben ermöglichen, aber eigentlich mache ich hier gerade nichts anderes. Mit so alter Software ist Schreiben immer ablenkungsfrei. Es geht ja gar nicht anders.

Der echte Computer, auf dem der KC-Emulator letztlich läuft, ist ein ThinkPad T420 (2011). Den Laptop habe ich mir vor ein paar Jahren gebraucht und aufbereitet gekauft. Mit seinem matten Bildschirm und seiner wirklich tollen Tastatur ist er ohnehin ein hervorragendes Schreibgerät, und ich überlege gerade ernsthaft, ob ich die Kombination aus ThinkPad und KC-Emulator mit WordPro eine Weile so beibehalte, um die Artikel für Über/Strom zu schreiben, auf altmodische Weise, wie zu meiner Jugend. Großen Aufwand bereitet das nicht, und das Problem des Datenaustauschs ist offensichtlich lösbar (sonst wäre dieser Text nicht im Blog sichtbar). Den Text kann man als .txt speichern und auch wieder laden. Auf dem PC muss man nur darauf achten, die alte DOS-Zeichenkodierung OEM 850 einzustellen, damit Umlaute und Sonderzeichen richtig übernommen werden. Alternativ ist auch virtuelles Ausdrucken als .rtf-Datei möglich. Die lässt sich dann in jedem modernen Textprogramm öffnen. Dabei bleiben auch Formatierungen (fett, unterstrichen, usw.) erhalten.

Erst Jahre nach meiner aktiven KC-Nutzungszeit entdeckte ich im Internet, dass es WordPro bis zu einer Version 6 gebracht hatte und einem letzten Update, das erst 2007 erschien. Im Vergleich zur alten „Buchversion“ aus 1986 war die Texteingabe komfortabler und eine einblendbare Hilfeseite fasste die wichtigsten Tastaturbefehle zusammen. Diesen ganzen Artikel, den Sie gerade lesen, habe ich mit WordPro 6 geschrieben — freilich in einem Emulator — und anschließend in Windows und schließlich WordPress importiert.

Fazit

WordStar, bzw. seine DDR-Variante TP, habe ich damals erst nach WordPro kennengelernt. Wie erwähnt, war die Verbreitung von TP nach internationalen Maßstäben nicht erlaubt, weil es eine modifizierte unlizenzierte Kopie von WordStar war. Ähnliches geschah auch mit anderer westlicher Software: Aus der Datenbank dBase wurde REDABAS, aus dem Betriebssystem MS-DOS wurde DCP, aus CP/M SCP. Naja, und der Prozessor fast aller Ostcomputer, der U880, war ebenfalls eine illegale Kopie des westlichen Z80.

Das Betriebssystem des KC85 hingegen (es trug den Namen CAOS, was für Cassette-Aided Operation System oder kassettengestütztes Betriebssystem stand) war eine eigene Entwicklung und mit seinem menübasierten Aufbau meiner Meinung nach komfortabler als der westliche C64 (der direkt in die Programmiersprache BASIC startete).

Aber vor allem Programme wie WordPro zeigten, dass es zwar vielleicht aus staatlicher Sicht effizient (oder „rationell“, wie es in der DDR-Literatur zum Computereinsatz oft hieß) war, Westsoftware wie WordStar zu kopieren, dass sich aber die Programmierer(*innen?) mit ihren eigenen Ideen und Produkten nicht verstecken brauchten.

(Titelbild: tookapic / Pixabay.com)