Zwischendurch Krieg

Der Krieg in der Ukraine, der am 24.02.2022 begann, dauert nun schon anderthalb Monate. Frühe Vermutungen, dass es ein schnelles Ende mit Schrecken sein würde, sind der Wahrnehmung eines Schreckens ohne Ende gewichen. Abgesehen von taktisch-strategischen russischen Truppenverlegungen (weg von Kiew, Fokus auf den Osten) gehen die Angriffe weiter und weiter, und zu befürchten sind weitere, fassungslos machende, aber leider nicht überraschende (denn welcher Krieg war je ohne?) Geschehnisse wie in Butscha und Mariupol.

Schon lange verfolge ich den Kriegsverlauf nur noch zeitversetzt, denn die anfängliche Dauerschleife hielt ich nur ein, zwei Wochen aus. Nun schaue ich einmal Nachrichten am Tag, lese einmal in der Woche die Printausgabe des Spiegel, scrolle nur noch sporadisch den Newsticker bei standard.at durch, und bin beruhigt über die glücklicherweise nach wie vor regelmäßigen „wir sind soweit okay“-Meldungen meines vFlyteAir-Kollegen Igor, der zwischen Kiew und der Heimatstadt seiner Frau im Westen des Landes sozusagen pendelt. Und dazwischen – ist Alltag.

Ich schreibe (ehrlich gesagt völlig unwichtige) Artikel über Computerspiele und Flugsimulation, arbeite an meinem seit 2020 angekündigten und immer noch nicht fertigen Buch über Flugsimulation (langsam wird es…), freue ich mich über Regen mehr als über Sonnenschein (denn die Böden sind schon wieder viel zu trocken), hebe irritiert die Augenbraue über weggehamstertes Klopapier und Sonnenblumenöl, gehe auf Tagungen (letztes Wochenende in Rostock die Gesellschaft für Neue Phänomenologie in der protzigen Aula im Uni-Hauptgebäude) und schaue japanische Food-Porn-Serien auf Netflix (Midnight Diner über einen traditionellen Imbiss, der nur nachts geöffnet hat; Samurai Gourmet über einen Rentner, der mittels eines vorgestellten Samurai lernt, Essen zu genießen; und Kantaro: The sweet tooth salary man über einen Vertreter, der die Arbeit schwänzt, um Süßigkeiten nicht nur zu essen, sondern darin freudianisch angehaucht als quasisexuelles Erlebnis zu schwelgen).

Die Verdrängung funktioniert also fast durchgehend super. Aber die Ohnmacht ob der Grundsituation vergeht nicht. In mir entsteht zunehmend der Wunsch: Jemand soll endlich etwas Konkretes tun, um die Lage in der Ukraine grundlegend zu verändern.

Putins Atomwaffendrohungen habe ich nämlich auch schon fast verdrängt.

Kobayashi Maru

Suche nach Antworten im verlässlich wirkenden Gedruckten … aber die gibt es nicht. Keine Analyse, kein Interview kann mir helfen.

Wir stecken in einem moralischen Dilemma, das Star Treks Kobayashi-Maru-Test ähnelt: Putins nuclear insanity riskieren oder weiter zusehen, wie sich die Ukrainer*innen opfern und deren Situation immer schlimmer wird.

Der Kobayashi-Maru-Test ist in Wikipedia gut zusammengefasst:

Mit dem Kobayashi-Maru-Test soll die Charakterstärke der Kadetten an der Sternenflottenakademie in einem No-Win-Szenario getestet werden.

Das fiktive primäre Ziel der Übung ist es, das zivile Raumschiff Kobayashi Maru in einer simulierten Schlacht vor den Klingonen zu retten. Das beschädigte Schiff befindet sich in der Klingonischen neutralen Zone, und jedes Schiff der Sternenflotte, das in die Zone eintritt, würde einen interstellaren Vorfall verursachen. Die getestete Kadettenmannschaft muss entscheiden, ob sie die Rettung der Besatzung versuchen und dabei ihr eigenes Schiff gefährden oder ob sie die Kobayashi Maru entgegen der entsprechenden Sternenflottendirektive ihrer sicheren Zerstörung überlassen soll.

Klingt bekannt, nicht? Aber einen Unterschied zur Realität gibt es: Captain Kirk, der einzige Sternenflotten-Captain, der den Test je „besiegt“ hat, hat geschummelt, indem er den Test vorher umprogrammiert hat. Er hat sich der ausweglosen Situation also nicht gestellt. Doch schummeln können wir in der Wirklichkeit leider nicht.

Räume des Friedens finden: Interview mit Kathrin Marter

Seit einer Woche greifen Truppen der Russischen Föderation das benachbarte Land Ukraine an. Seit einer Woche erleben wir Krieg direkt vor unserer Haustür in Echtzeit. Ticker-Nachrichten, Live-Berichte, echte und gefälschte Sieges- und Verlustmeldungen sowie sonstige Propaganda in sozialen Medien, Aufrüstungspläne und Atomkriegsdrohungen, Bilder von leidenden Menschen, Flüchtenden und immer mehr zerstörten Städten sorgen für eine große Welle der Solidarität. Aber sie erzeugen auch eine Vielzahl körperlicher und emotionaler Empfindungen: Unruhe, Angst und Ohnmacht, Konzentrationsstörungen, Wut, Sarkasmus. Das kann geradezu lähmend sein. In diesem Interview erklärt die Verhaltensbiologin, Coachin, Yoga-Lehrerin und Über/Strom-Autorin Dr. Kathrin Marter, wie wir mit diesem Empfindungschaos umgehen können, um handlungsfähig zu bleiben.

Unruhe, Angst und Ohnmacht

Krieg löst verständlicherweise ein breites Spektrum an Emotionen oder körperlichen Empfindungen aus. Recht durchgehend verspüre ich z.B. eine diffuse Unruhe, die sich als Grundnervosität und Konzentrationsschwierigkeit zeigt. Nervosität einerseits wegen der Situation an sich; andererseits wegen der Ungewissheit. Dann verspüre ich auch den Drang, Newsticker zu lesen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Das beruhigt dann zwar irgendwo (ich bin auf dem Laufenden), ist aber auch eine eigene Art von Stress, nämlich digitaler, über den du ja auch in deinem Buch schreibst. Hast du einfache Tipps, wie man hier für sich einen gesunden Mittelweg finden kann, ohne sich komplett von Neuigkeiten abzutrennen?

Zunächst einmal: Der offene Umgang mit solchen Beobachtungen an sich selbst ist der Königsweg in die körperliche, mentale und emotionale Stressfreiheit, mittelfristig Zufriedenheit und langfristig Gesundheit.

Dieser Königsweg ist zunächst das achtsame Bemerken, Beobachten und Beschreiben dessen, was da auf körperlicher, gedanklicher und emotionaler Ebene passiert. Damit ist man ganz bei sich (und nicht im Außen bei den Newstickern) und darf sich in seiner Komplexität in dieser außergewöhnlichen Krisensituation erfahren, kennenlernen, wertschätzen und annehmen. Im Buch zitiere ich dazu Marshall R. Rosenberg, den Begründer der gewaltfreien Kommunikation: Unsere „Gefühle brauchen keine Berechtigung.“ Alles, was ist, darf da sein.

Die beschriebene diffuse Unruhe (nicht in der Ruhe, sondern bewegt sein; erhöhter Muskeltonus; Anspannung) ist ein Zustand (kein Gefühl oder Emotion), den gerade sehr viele Menschen an sich wahrnehmen (könnten). Ich auch. Diese starke körperliche Spannung (auch Nervosität), ein echter Stresshormon-induzierter Stress, lässt sich besonders effektiv durch echte körperliche Bewegung und anschließende echte, ggf. angeleitete Entspannung (z.B. Tiefenentspannungen, Körperreisen, Meditation) lösen.

Ich bin fast jeden Sonntag Wandern, mache meine Wege mit dem Rad, mache mindestens vier mal wöchentlich Yoga. Andere gehen regelmäßig laufen. Das sind gute Routinen gegen Unruhe, in einen konstruktiven Umgang mit den eigenen Bedürfnissen. Eine langsame, tiefe Bauchatmung ist ebenso wichtig und direkt stress-entlastend. Ein gesunder Geist, d.h. ein kühler, klarer Kopf braucht einen gesunden, gestärkten, gut versorgten Körper (und ein weites, weises Herz).

Newsticker, doomscrollen etc. verstärken die Unruhe natürlich noch, weil die Angst (Emotion), die eigentlich hinter der Unruhe steckt, sowohl mental (durch Informationen), als auch emotional (Betroffenheit, Mitgefühl, Sorge), als auch körperlich (Reizüberflutung, ungesunde Körperhaltung, körperliche Anspannung) nur weiter genährt wird und das sympathische Stresssystem am Laufen bleibt. Wir bleiben am ‚Problem‘ orientiert, an der Krise, am Krieg, wo wir uns eigentlich eine Lösung erhoffen, z.B. durch neue Informationen, die uns eine neue Gewissheit bringen, mit der wir besser leben können. Das scheint mir derzeit ein unrealistischer Wunsch.

Ich schaue aktuell zwei Mal am Tag Nachrichten und meide die digitalen Netzwerke. Durch meine Filterblase auf LinkedIn geht gerade eine Welle der Solidarität, die ich ganz wundervoll finde und die mich so berührt, dass ich immer weinen muss. Da ich nicht den ganzen Tag weinen, sondern auch noch was schaffen möchte, schaue ich da nur dosiert rein. Weinen ist aber sehr okay. Das Weinen löst auch sehr viel Spannung!

Was kann man tun, wenn zu dieser Unruhe richtig gehende Angst kommt? Wenn Medien neulich zum Beispiel etwas ungenau von Putins Atomwaffen schrieben und man glauben musste, dass da quasi schon der nukleare Erstschlag vor der Tür steht. Kann man verhindern, dass man von solchen Nachrichten aus der Bahn geworfen wird — und sollte man das überhaupt, oder ist es besser, diese Emotion ruhig zulassen?

In meinem Buch schreibe ich: „Die Angst lässt sich gut als die Fluchtreaktion der sympathischen Stressantwort bezeichnen. Sie warnt uns vor Gefahren und sichert so unser Überleben.“

Wir können nicht und sollten nicht verhindern, dass solche Nachrichten uns berühren, d.h. Emotionen in uns auslösen. Wer wären wir denn dann? Ich hab neulich einen Film gesehen, in dem den Menschen alle Emotionen weg geimpft wurden. Da war alles grau in grau und nichts hatte irgendeinen Sinn. Ohne Emotionen leben wir nicht wirklich, wir funktionieren nur.

Es wäre allerdings mehr als ‚nice‘, wenn die Mehrheit von uns möglichst schon in der Schule und im Elternhaus lernen dürfte, die eigenen Gefühle und Emotionen wahr- und anzunehmen, die Bedürfnisse dahinter zu verstehen und lösungsorientiert und gewaltfrei zu befrieden. Dann gäbe es womöglich weder Narzist*innen in Führungspositionen noch einen Krieg. Max Richard Lessmann (ein Gedichte-schreibender Instagram-Influencer) postete 2021: „Würden mehr Leute eine Therapie machen, müssten weniger Leute eine Therapie machen.“

Was ist mit dem Gefühl der Ohnmacht, das viele von uns jetzt empfinden?

Eine Vorstufe der Ohnmacht ist aus meiner Sicht die Hilflosigkeit, gegebenenfalls auch Ratlosigkeit. Hier ließe sich aus Hilf- und Ratlosigkeit und konstruktiver Aktivität als Schwestertugenden sowie Ohnmacht und blindem Aktionismus als entwertende Übertreibungen ein hervorragendes Werte- und Entwicklungsquadrat erstellen.

Tatsächlich empfinde ich mich keinesfalls hilflos oder ratlos. Denn mit den zahlreichen, aktuell durchgeführten Maßnahmen überall auf der Welt, den vielen, noch nie dagewesenen wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland, den vielen Statements, Spenden, Demonstrationen und Hilfsangebote übernehmen viele Menschen (so auch du und ich), Staaten und Unternehmen Verantwortung. Und zwar selbst dann, wenn das persönliche und/oder wirtschaftliche Einschnitte oder gar Insolvenz bedeuten kann.

So viele sind bereit für Liebe, Werte und Frieden einzustehen. Wir wachsen zusammen, wir stehen zusammen. Nicht aus der Angst heraus, sondern aus der Liebe und dem Wunsch nach Frieden, im Kleinen und im Großen. Annalena Baerbock hat am 24.02. gesagt: »Wir alle sind heute Morgen fassungslos, aber wir sind nicht hilflos«.

Trotzdem verfallen manche Menschen jetzt vielleicht ein wenig in Panik. Die Zeitung »Der Standard« in Österreich hat in deren Newsticker neulich davor gewarnt, jetzt hektisch Jodtabletten wegzukaufen, was in dem Land wohl kurz nach Putins Drohung punktuell passiert ist. Aber auch in Leser*innen-Kommentaren unter Medienberichten spürt man vereinzelt leichte Panik.

Sowohl das Gefühl der Ohnmacht (in der Angst nichts tun können, was häufig auf eine in der Kindheit gemachte traumatische Erfahrung zurückgeht), als auch der Zustand Panik (eine Steigerung der Unruhe, als körperlicher Ausdruck starker Angst) sind ganz furchtbar schlimm.

Bei andauernder Ohnmacht und Panik ist es wichtig, dass die betroffene Person sich professionelle Hilfe holt, d.h. Hilfe von Expert*innen, die zuhören, ohne zu werten, die bei der Stressentlastung unterstützen und Werkzeuge an die Hand geben, in die Handlungsfähigkeit zu kommen. Als Beobachtende ist es außerordentlich wichtig, hier Verantwortung zu übernehmen, betroffenen Personen wertungsfrei zuzuhören, mit ihnen spazieren und/oder Eis essen zu gehen und sanft bei der Suche nach professionellen Unterstützungsangeboten zu helfen. Das ist auch eine Form der Solidarität in Krisenzeiten.

Weitere Ideen, wie wir in Krisenzeiten für uns sorgen können, um gesund und handlungsfähig zu bleiben, sowie Telefonnummern zu Unterstützungsangeboten gibt es in meinem Februar-Artikel vom letzten Jahr: Do’s & Don’ts im Lockdown des Jahrhunderts: Ein Mutmacher und Ideengeber.

Wut und Sarkasmus

An mir selbst verspüre ich überraschenderweise noch etwas anderes: Wut. Und ich gebe zu, dass sich diese bei mir gerade vor allem gegen Putin als Person richtet. Ich kenne diesen Menschen nicht und eigentlich bin ich sehr friedliebend, habe mich als Kind nie geprügelt, usw., aber ich stelle mir zum Beispiel vor, irgendein Film-Action-Held wie John Wick (Keanu Reeves) würde Putin mal besuchen. Andere Leute kleben sich vielleicht eine Putin-Karikatur auf eine Dart-Scheibe und bewerfen ihn mit Pfeilen. Sind solche Ideen oder Handlungen ein legitimes Ventil zum Umgang mit dem Gefühl der Wut, oder sollte man sich besser nicht auf diese Ebene begeben? Was können dann Alternativen sein?

Ich bin auch abwechselnd wütend, traurig und besorgt. Ich glaube nicht, dass der Beschuss von Dart-Scheiben mit Putin-Karikaturen mir wirklich helfen würde, meine Wut in konstruktive Aktivität zu verwandeln — die körperliche Aktivität, Konzentration, Fokus auf die eigenen Ziele und Freude bei so einem Spiel allerdings schon.

Ein Beschuss des Feindbildes ist in Gedanken, Worten und Tat letztlich auch ein Akt der Gewalt, der sowohl im Kleinen wie im Großen weder zu einer Einsicht noch zur Linderung von Leid führt. Es bleibt die klare Abgrenzung mit entsprechenden Maßnahmen, sowohl individuell als auch (welt-)politisch, eine nie da gewesene weltweite Solidarität und die fortwährende Einladung an den Verhandlungstisch zurück zu kommen, und konstruktiv, wertschätzend und ehrlich Lösungen zu erarbeiten.

Oft helfen mir auch Lachen, Ironie und Sarkasmus. Im Internet findet man viele Karikaturen und Memes, die sich derzeit mit Putin und dem Krieg beschäftigen — nach Putins Atomwaffen-Drohung dauerte es nur wenige Minuten, bis jemand ein altes Meme mit dem Foto des nordkoreanischen Diktator Kim Jong-Un postete, auf dem dieser leicht irre grinst, und darüber der Text „I no longer craziest leader, lol“. Da musste ich wirklich herzlich lachen. Aber es gibt auch Lachen, das einem im Halse stecken bleibt, etwa fiktive IKEA-Anleitungen für den Aufbau gelieferter Waffensysteme. Irgendwie auch lustig — zumindest, bis man sich erinnert, dass genau diese Waffen natürlich weiteres Leid verursachen werden. Ist eigentlich alles, was uns medial-digital in der jetzigen Situation zum Lachen bringt, erstmal legitim? Und wieder: Was können Alternativen sein zu einer sarkastischen Einstellung, die solche Memes und Karikaturen oft zeigen und fördern?

Auch hier bietet sich ein Werte- und Entwicklungsquadrat an. Ich liebe Werte- und Entwicklungsquadrate und weiß aus meinen Coachings, dass sie ganz vielen Gestressten im digitalen Zeitalter helfen, zwischen ‚Schwarz und Weiß‘ (‚Gut und Böse‘, ‚Richtig und Falsch‘) Lösungen zu entdecken.

In diesem Werte- und Entwicklungsquadrat stehen Sarkasmus und Ironie als entwertende Übertreibungen unter der Tugend Humor. Humor tut gut. Lachen schüttet Glückshormone aus und ist eine wichtige Ressource sich, gerade in Krisenzeiten aufzutanken, um gesund und handlungsfähig zu bleiben und so eben auch die Kraft zu haben, Gutes zu tun und eine positive Energiequelle für andere zu sein! Deshalb von mir, als Expertin für Ressourcenmanagement und promovierte Verhaltensneurobiologin, … hier der Darfschein zum Lachen! Und hey, seien wir nicht zu hart zu uns selbst!

Ich mache einmal pro Woche online Lachyoga. Es ist ganz herrlich und wahnsinnig heilsam! Es ist auch, im Gegensatz zu Sarkasmus und Ironie weder bitter noch verletzend.

Die Schwestertugend zum Humor könnte die Ernsthaftigkeit sein. Und die entwertende Übertreibung, d.h. das ‚Drüber‘ der Ernsthaftigkeit, die Verbissenheit oder Sturheit, oder ein übertriebener moralischer Anspruch. Während Humor und Ernsthaftigkeit als positive Schwestertugenden den Regenbogen hunderter gesunder Denk-, Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten für uns schaffen, sind die entwertenden Übertreibungen eher ungesund und weder für uns selbst noch andere in unserem Umfeld und darüber hinaus nützlich. Die Kunst ist es nun, zu beobachten und zu entscheiden, in welchen Spannungsfeldern wir uns (wirklich) bewegen und wie wir aus den ungesunden entwertenden Übertreibungen (mit viel Freude an der Sache, ohne erhobenen Zeigefinger! und über die Diagonalen) in die gesunden ‚Tugenden‘ kommen.

Innerer Frieden für eine friedliche Einstellung

Du hast Yoga eben schon erwähnt. Du bist ja nicht nur Biologin und Coach, sondern du beschäftigst dich auch viel mit Yoga und bist Yoga-Lehrerin. Wie lässt sich das bis hierher Gesagte eigentlich aus dieser Perspektive beurteilen?

Aus dem yogischen und spirituellen Weltbild heraus sind wir alle energetisch miteinander verbunden. Zum Beispiel wird durch den von dir vorhin erwähnten Beschuss von Dart-Scheiben mit Putin-Karikaturen viel negative Energie produziert, die weder dem*der Werfenden, noch dem Feindbild hilft, aus der Aggression zu kommen. Es ist nicht die Reaktion des*der mittlerweile Krisen-erprobten, konfliktfähigen Erwachsenen, sondern die des hilflosen Kindes. Das ist okay, wenn ich mir dessen bewusst bin und nach dem Austoben wieder in den Körper und den Verstand der*des Erwachsenen zurückkomme.

Wie würde das heile, geliebte, genährte Kind in uns reagieren? Meins würde durch Friedensgebete, -Meditationen, -Mantra-s, durch Segnungen, Vergebung, Solidarität, Unterstützungsangebote, Spenden etc. positive Energie produzieren, die mir selbst und anderen gut tun. Für diesen Weg entscheide ich mich auch als Krisen-erprobte, konfliktfähige Erwachsene. Was ich selber denke, sage und tue, kommt tausendfach zu mir zurück. Es ist meine Entscheidung, in Angst und Wut aufzugehen oder den Weg der Liebe und des Vertrauens zu wählen.

Ich sende täglich dichtgepackte Energiepakete der Liebe und des Lichtes nach Russland, auch zum Aggressor und in die Ukraine und binde solche Segnungen auch in meine Yogastunden ein. Auch das Gebet des heiligen Franziskus eignet sich hervorragend, um Entlastung in die aktuelle Situation zu bringen. Ich singe das Mantra der grünen Tara (Om Tare Tu Tare), einer buddhistischen Göttin des Mitgefühls uvm.

Also quasi neben allgemeiner Solidarität, Unterstützungsangeboten, Spenden etc. auch verschiedenste Formen des ›Betens für den Frieden‹, verstehe ich das richtig? Skeptiker*innen könnten einwenden, dass das lediglich ein schönes Symbol ist oder vor allem dem individuellen Wohlbefinden dient …

Wir sind gewordene Wesen. Unsere Worte und Taten sind immer ein Spiegel von dem, was wir denken. Wir denken, höchst subjektiv, was wir meinen erfahren zu haben. Im digitalen Zeitalter meinen wir vor allem nicht genug zu haben und nicht genug zu sein. Ich weiß, dass auch schöne Symbole und vor allem individuelles Wohlbefinden einem gewaltfreien, toleranten und emphatischen Miteinander dienen.

Gebete, Meditationen oder Mantras sind Räume des Friedens, der Reflexion und ggf. die Handlungsempfehlung, die wir uns gerade in stürmischen Zeiten wünschen. Bei ‚regelmäßiger Einnahme‘ führen solche ‚Wunderpillen‘ zu einer achtsamen, wertschätzenden und gewaltfreien Denke, Kommunikation und Handlungsfähigkeit. Mit Mahatma Gandhi: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“


(Titelbild: Alexas_Fotos / pixabay.com)

Bilder aushalten und reflektieren

Dass im Krieg die Wahrheit zuerst stirbt, muss man hier wohl nicht extra erwähnen. In der digitalen Gesellschaft wird das nicht einfacher. Einerseits beansprucht quasi alles, ‚Wahrheit‘ zu sein. Andererseits war es nie einfacher, in Windeseile Fälschungen zu erstellen und zu verbreiten. Und schließlich reißt der mediale Strom von Bildern nicht ab, er ist endlos und leicht droht man in seiner Flut unterzugehen. Was ist echt, was nicht? Was stammt aus dem aktuellen Krieg, was ist viele Jahre alt? In diesem Artikel lasse ich einige heutige mediale Eindrücke Revue passieren und versuche, sie zu ordnen.

Vorweg: Beim Spiegel gab es heute einige sehr nützliche Tipps, wie man zumindest ein bisschen den Überblick behält. Auch wenn ich persönlich empfehlen würde, sich gar nicht erst da reinziehen zu lassen oder nur sehr bedacht. Dann vermeidet man das, was mir heute Vormittag passiert ist. Ich will das hier mal ausführlicher schildern, um die Mechanismen der Bildwirkung nachzuzeichnen.

Unklarheit aushalten

Ich beziehe mich zunächst auf ein Ereignis, das heute vom Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) in deren Ukraine-Newsticker berichtet und mit Video verlinkt wurde. Bewusst verlinke ich das nicht. Wer unbedingt will, kann danach googlen, aber für diesen Artikel ist das nicht relevant. Gezeigt wurde ein Panzer, der in Kiew ein auf der anderen Straßenseite fahrendes Auto überrollt.

Auch andere Medien haben das aufgegriffen, und in den sozialen Medien wurde das selbstverständlich auch geteilt und debattiert. Ich habe heute früh leider den Fehler gemacht, das Video schon angeklickt zu haben, bevor ich gelesen hatte, worum es ging. Sollte man echt nicht machen, wenn man sich gerade nicht resilient genug fühlt. Aber mir geht es hier um etwas anderes: Die spontane Einordnung des Gesehenen — wie schnell man ungewollt in Kategorien denkt.

Ich habe (natürlich?) direkt das gedacht, was heute auch RTL in einer Meldung in sensationslüsterner Formulierung zu der Szene schreibt: „Von Russen-Panzer in Kiew überrollt — dieser Autofahrer überlebt“. Das ist genau die Form von für Suchmaschinen und schnelle Klicks optimierter Überschriften, von denen das Internet heute leider voll ist.

Nachdem ich mich von dem anfänglichen Schock der Bildwirkung erholt hatte, zeigte genauere Recherche dann, dass das Ereignis zwar wirklich in Kiew stattgefunden hat. Dass aber darüber hinaus Spekulation herrscht:

  1. Die einen sagen, es war ein russischer Panzer, der ein ukrainisches Auto überfuhr. Und direkt nach dem Anschauen des Bildes habe ich das auch genau so eingeordnet und hatte auch direkt die passende emotionale Reaktion parat, nämlich Wut.
  2. Die anderen sagen, es war ein ukrainischer Panzer, der aber von Russen erbeutet wurde; das ist dann eine Variation von 1., nur mit der zusätzlich anklingenden Frage, was wohl mit der vorigen Besatzung des möglicherweise erbeuteten Fahrzeugs passiert ist.
  3. Auf Twitter gab es die Theorie, dass durch Kiew heute schwarze Zivilfahrzeuge gefahren seien, in denen russische Saboteure unterwegs gewesen wären. Der (in dieser Version ukrainische und nicht von den Russen erbeutete) Panzer hätte dieses feindliche Fahrzeug also durch das Überrollen ’neutralisiert‘ (um mal den jetzt üblichen entmenschlichenden Militärsprech zu benutzen).
  4. Und dann las ich auch, dass dieses spezifische Panzermodell dafür bekannt sei, bei Rückwärtsfahrten oder in Kurven manchmal ungewollt auszubrechen; dass der Panzer zudem auch rückwärts fuhr; und dass das ganze Ereignis daher schlicht ein Unfall gewesen sei.

Im Sinne des Glaubens an das Gute im Menschen möchte ich die Erklärungsversuche 1 und 2 nicht wahrhaben. Ich will mir solche mögliche Skrupellosigkeit nicht vorstellen. Erklärungsversuch 3 erscheint mir im Sinne von Ockhams Rasiermesser dagegen etwas überkomplex. Daher hielt ich am Ende des Reflexionsprozesses Theorie 4 für am wahrscheinlichsten. Aber ob die stimmt — keine Ahnung. Ich habe keinerlei Kenntnis der echten (nicht medial gezeigten) Situation, geschweige denn Ahnung von osteuropäischen Panzermodellen. Und doch wird einem so ein Bild vorgesetzt, ohne dass die Redaktion selbst schon Genaueres schreiben kann.

Aber es geht hier auch gar nicht darum, welche Theorie stimmt. Ich will an diesem eindrücklichen Beispiel nur zeigen, wie groß die Diskrepanz zwischen spontaner Einordnung eines visuellen Eindrucks und möglicher alternativer Erklärungen ist, und dass wir es nicht beurteilen können. Wir sind hilflos, und je emotionaler oder eindrücklicher Bilder wirken, umso hilfloser vielleicht. Daher ist es wichtig, sich bei spontanen emotionalen Reaktionen innerlich zu Ruhe zu zwingen. Das sollte bei sozialen Medien ohnehin gelten, aber jetzt ganz besonders.

Es ist meines Erachtens auch ein großer Fehler, sich auf der Suche nach Antworten immer tiefer in irgendwelche Twitter-Statements oder Forenkommentare einzugraben. Es ist besser, auszuhalten versuchen, dass man die Wahrheit für den Moment nicht beurteilen kann. Das ist unbefriedigend; Menschen streben nach Kohärenz. Aber die gibt es halt nicht immer.

Helden?

Es gibt noch eine andere Art von Bildern, die ich hier kurz ansprechen will. Eine Kriegserzählung braucht traditionell natürlich auch ihre ‚Helden‘, die inszeniert werden. Dazu blieben mir heute fünf Szenen in Erinnerung — alle haben mich ebenfalls im ersten Moment auf der emotionalen Ebene angesprochen. Indem ich jetzt darüber schreibe, distanziere ich mich davon, um mich nicht mitreißen zu lassen, sondern weiter zu versuchen, halbwegs nüchtern zu beobachten:

  1. Die Frau mit den Sonnenblumenkernen: Ein Video, das u.a. die britische Zeitung The Guardian geteilt hat, zeigt eine offenbar ukrainische Frau, die auf der Straße einen offenbar russischen Soldaten beschimpft. Unter anderem will sie ihm Sonnenblumenkerne geben, die er sich in seine Jackentasche stecken soll, damit — wenn er denn in diesem Krieg gestorben ist — wenigstens Sonnenblumen aus ihm wachsen. In den Kommentaren unter dem Video wird einerseits der Frau für ihren Mut Bewunderung ausgesprochen. Andererseits wird dem Soldaten Respekt gezollt, der die Frau quasi deeskalierend nur ruhig gebeten hat, weiterzugehen. Wer ist da nun der Held? Die Frau, weil sie dem Besatzer die Stirn geboten hat? Der Soldat, weil er ‚professionell‘ und ‚friedlich‘ agiert hat? Beide Kriegsparteien können so ein Video zu ihren Gunsten auslegen.
  2. Der „Geist von Kiew“: Es wurde in sozialen Medien behauptet, dass ein veraltetes ukrainisches Kampfflugzeug vom Typ MiG-29 im Alleingang mindestens 6 technisch weit überlegende russische Flugzeuge vom Typ Su-27 und Su-35 abgeschossen hätte. Von ukrainischer Seite wurde das unbekannte Flugzeug als „Ghost of Kyiv“ bezeichnet, es entstanden dazu einige Memes. Dass es dieses Flugzeug wirklich gibt oder gegeben hat, wird mittlerweile ausgeschlossen. Aber das Beispiel zeigt, wie Heldenmythen geschaffen werden, die unter anderem dazu dienen, die Motivation und Identifikation auf ukrainischer Seite zu steigern oder die ein Versuch sein können, Unsicherheit auf russischer Seite zu erzeugen.
  3. Die Schlangeninsel: Eine Insel im Schwarzen Meer vor der ukrainischen Stadt Odessa wurde durch russische Kriegsschiffe erobert. Wie unter anderem beim Spiegel zu lesen war, hätten sich 82 ukrainische Soldaten ergeben, aber 13 Grenzschützer hätten verbal Widerstand geleistet — indem sie auf die Aufforderung der Russen, sich zu ergeben, einfach nur geantwortet hätten: „Russisches Kriegsschiff, fick dich.“ (so die überraschend wörtliche Darstellung). Diese 13 Soldaten wurden dann getötet. Im Kommentarbereich unter dem Artikel wurde diskutiert, ob es sich nun um Heldentum handelt oder um Dummheit. Die eine Seite bewundert offenkundig die Trotzigkeit der Reaktion. Die andere Seite fragt, was das nun gebracht hätte, außer noch mehr Toten und Leid für die Hinterbliebenen. Von offizieller Seite wurden offenbar einige der Getöteten posthum mit Orden ausgezeichnet und so zumindest formal zu Helden erklärt.
  4. Der Präsident: Heute Abend hat der ukrainische Präsident Wolodomir Selenskyi ein Handyvideo gepostet (Link zur Version mit Untertiteln beim Spiegel), das ihn und einige weitere Politiker in Kampfmontur auf der Straße zeigt. Etwas müde, aber geradezu jugendlich und ruhig will Selenskyi zeigen, dass er nach wie vor im Land ist und genauso wie die Bürger auf der Straße gegen den Gegner vorgeht. Auf emotionaler Ebene spricht das Video nicht nur die Spiegel-Leser*innen im Forum an. Im ersten Moment wirkt Selenskyi in dem Video auch auf mich echt sympathisch und ich schwanke zwischen Daumendrücken und Kopfschütteln ob der vermutlichen Sinnlosigkeit angesichts der russischen Übermacht. Doch dann erinnere ich mich daran, dass das Video natürlich die Funktion hat, Ruhe zu erzeugen und zu motivieren, während Selenskyi gleichzeitig versucht, mit Russland in Verhandlungen zu treten (Russland hat Minsk vorgeschlagen, die Ukraine bevorzugt Warschau) und sogar die künftige Neutralität der Ukraine in Aussicht gestellt hat. Aber für die Funktion des Videos ist die gewählte Form genau richtig. Weder eine klassische Ansprache aus dem Büro oder Bunker heraus noch inszenierte klassische TV-Bilder würden so nahbar wirken wie so ein Selfie-ähnliches Handyvideo.
  5. Das junge Ehepaar: Der amerikanische Fernsehsender CNN hat heute über ein junges ukrainisches Paar berichtet, die am Tag des Angriffs noch schnell geheiratet haben. Im Newsticker des Senders gab es zusätzlich einen Eintrag, wo das Paar gezeigt wurde, nachdem sie sich Waffen abgeholt haben, um nun zusammen zu kämpfen (Screenshots beider Szenen unter diesem Absatz). Einerseits ist da die traditionelle Hochzeit, die ein Gefühl von Normalität und Identität erzeugt. Andererseits … dieses Foto mit den Waffen, vor dem ich ziemlich sprachlos stehe. Dieser Kontrast aus jungen, hübschen Menschen, die eigentlich ihr Leben noch vor sich haben und den Waffen, und dem, wofür diese stehen. Wollt ihr wirklich euer Leben wegwerfen, ruft es in mir. Was habt ihr und euer Land davon, wenn ihr als junge(r) Held(in) sterbt? Und wieder die Erinnerung an das 19. oder frühe 20. Jahrhundert.

Man bekommt solche und weitere Bilder und Videos in Newstickern vorgesetzt und soll sich irgendwie dazu verhalten. Der emotionale Impact kann auch hier aus der räumlichen Distanz groß sein. Um sich dabei nicht zu verlieren, kann ich nur empfehlen, nicht ständig Newsticker zu lesen [… was ich mir auch selbst sage] und nach dem ersten Eindruck auch bewusst die möglichen weiteren Wirkungen der Bilder mitzudenken. Mehr will ich mit diesem langen Text gar nicht sagen.

Symbol mit Bedeutung. Glocken und Friedensgebet im Magdeburger Dom

Im Magdeburger Dom findet heute Abend um 18 Uhr ein Ökumenisches Friedensgebet anlässlich des Ukraine-Kriegs statt. In der Stadt also, derer fast völligen Vernichtung im Zweiten Weltkrieg die heutigen Nazis (die echten, nicht Putins imaginierte) regelmäßig gedenken. Ebenfalls sollen um 18 Uhr stadtweit die Glocken läuten. Man kann solche Aktionen als individuelle Bewältigungsstrategie und als bloßes Symbol abtun. Aber da wir unsere Weltsicht immer kommunikativ herstellen, also mit Zeichen definieren, wer wir sind, was wir tun, was wir wollen, sind solche Symbole nicht nur für die individuelle Psychohygiene oder Trauerbewältigung nützlich.

Aus dem Grund finde ich auch Elsa Koesters Text gestern auf der Website der linken Wochenzeitung der Freitag wichtig: „Bleibt weich, bleibt zärtlich!“ fordert Koester darin. Auch das mag man in gerade empfundener Wut und Ohnmacht als naiv abtun. Aber letztlich ist es die Erinnerung daran, in den folgenden Tagen und Wochen seine Menschlichkeit nicht zu verlieren, gerade jetzt.

Es geht Koester darum, Putin klar als Gegner zu benennen, aber dabei nicht „den Respekt vor der Bedeutung des Friedens zu verlieren“ und sich nicht von Wut und Rachegedanken leiten zu lassen. Koester wünscht sich, „dass wir innehalten, wenn uns die Wut packt über die Gewalttätigkeit Putins, wenn uns die Wut packt über eine russische Propaganda, die von Entnazifizierung in der Ukraine spricht, dass wir innehalten und nicht vor blinder Wut zu den Waffen greifen wollen, um zurückzuschlagen.“ Es geht um Besonnenheit.

„Aber damit kommt man einem irren Diktator wie Putin nicht bei!“ dürften so einem Text viele entgegnen. Und das mag sein. Aber man sollte nie vergessen, stets andere Wege zumindest mitzudenken, selbst wenn sie aktuell nicht zu existieren scheinen. Ein System passt sich Situationen immerzu neu an und mit Luhmann kann es auch immer anders sein. Funktionsäquivalente nannte er das Mitdenken von Alternativen. Sobald sich ein System auf nur noch eine Bearbeitungsweise äußerer Reize versteift, wird seine Anpassungsfähigkeit gefährdet und damit es selbst.

Auch deshalb sind Symbole wie Friedensgebete und Demonstrationen bedeutsam. Nicht weil sich dadurch etwas ändern würde. Tut sich leider erfahrungsgemäß nicht. Aber sie halten in Erinnerung, worum es geht und wie es sein sollte, selbst wenn es das gerade nicht ist.

Das Friedensgebet heute findet im Magdeburger Dom vor Ernst Barlachs Plastik „Magdeburger Ehrenmal“ statt, die nach dem Ersten Weltkrieg entstand und seit 1955 im Dom steht. Wikipedia schreibt zur Bedeutung der Figuren:

Barlach selbst charakterisiert die Halbfiguren im unteren Bereich als Not, Tod und Verzweiflung, die dahinter stehenden Figuren symbolisieren den Kriegserfahrenden, den Wissenden und den Naiven.

Ernst Barlach: Magdeburger Ehrenmal (Bild: Wikipedia, CC BY-SA 4.0)

Kriegs-Spiele und die Undenkbarkeit des Krieges

An diesem völlig verrückten Tag sitze ich gemütlich-privilegiert im IC nach Magdeburg, schön mit Kaffee serviert am Platz, Zeitschriften und Tablet, draußen scheinen gelb-orange Sonnenstrahlen Götterdämmerung-like aus einer Lücke in der grauen Wolkendecke … und ich frage mich, was man Sinnvolles zum Ukraine-Krieg, seiner medialen Aufbereitung, der Politik und dem persönlichen Befinden sagen kann. Hätte ich noch Twitter, würde ich mich wahrscheinlich durch ‚doomscrollen‘ dumm scrollen. Aber diese Sedierungsform steht mir nicht mehr offen (was gut ist).

Also arbeite ich irgendwie an einem Artikel für spielkritik.com, wo es um die Verarbeitung von Ukraine-Szenarien in Computer-Strategiespielen seit 2014 gehen soll, und ich recherchiere für einen Beitrag für den geplanten Sammelband „Politiken des (Digitalen) Spiels“, in dem ich Beziehungen zwischen dem sogenannten militärisch-industriellen Komplex und Computerspielen sowie der möglichen Rezeption und Reflexion seitens der Spieler*innen untersuchen werde. Beide Beiträge habe ich seit etwa Dezember im Hinterkopf, jetzt war die Wirklichkeit schneller.

Und eh‘ man sich’s versieht, schreibt man Mails mit einem ukrainischen Bekannten, der in Kiew lebt (und mit dem ich bei vFlyteAir virtuelle Flugzeuge für Flugsimulationen entwickle), um zu schauen, wie er, seine Frau und sein Kind gegebenenfalls für eine Weile ‚zu Besuch‘ kommen können.

Computerspiele und Krieg – da gibt es von Anfang an Verbindungen.

In meinem Buch „Let’s Play“ gibt es ein Kapitel zu der Thematik, in dem ich vor allem über die moralische Problematik der Beliebtheit von Kriegsspielen nachdenke. Da geht es mir weniger um das Klischee des ‚Killerspiels‘, sondern um Strategie- und Taktikspiele, die in ihrer Komplexität große Denkleistungen verlangen, will man erfolgreich sein. Da werden alle möglichen historischen Szenarien immer wieder und wieder aufgewärmt.

Besonders beliebt ist natürlich der Zweite Weltkrieg. Immer wieder und wieder versuchen Spieler*innen (ich gendere das mal wie gehabt, weil ich nicht ausschließen kann, dass es nicht nur Männer sind, die sowas spielen), das zu tun, woran Deutschland glücklicherweise am Ende gescheitert ist. Zwar gibt es auch Szenarien, die die Seite der Alliierten darstellen, aber wenn ein Spiel vielleicht anfangs ohne „große Kampagne“ auf Seiten der Deutschen rauskommt, werden in Foren sofort Stimmen laut, die das einfordern.

Andere Spiele widmen sich älteren Szenarien: Napoleon. Dreißigjähriger Krieg. Amerikanischer Bürgerkrieg. Eher selten der Erste Weltkrieg. In modernen Szenarien geht es um Korea, Vietnam, Irak, Afghanistan. Immer wieder und wieder wird echter Krieg nachgespielt, auf abstrakte Brettspiel-Weise, die das Leid echten Kriegs völlig ausblendet. Technisch plausible fiktive Zukunftsszenarien gleichen dabei fast schon Planspielen, die auch aus den Stuben echter Militärs stammen könnten.

Neulich habe ich kurz darüber nachgedacht, ob die Beschäftigung mit solchen Spielen gerade in Zeiten wie jetzt ein Weg sein kann, die individuelle Machtlosigkeit und Ohnmacht zu kontrollieren. Die abstrakten Nachrichten zu militärischen Details werden handhabbar, wenn man sie auf dem Spielbrett darstellt. Diffuse Spekulationen werden zu konkreten Möglichkeiten. Aber den Gedanken habe ich wieder verworfen. Es geht vor allem um die spielerische Herausforderung.

Wenn ein Nutzer für das Spiel Command Modern Operations (2019) Szenarien erstellt, in denen der russische Truppenaufmarsch seit Dezember detailliert nachgestellt wird … oder in einem Spiel wie Combat Mission: Black Sea (2021) nachgestellt wird, wie Russland die Ukraine einnehmen könnte … wieso? Im Werbetext des zuletzt genannten Spiels steht:

„Combat Mission Black Sea is a military grade simulation depicting a fictional series of escalations between Russian and Ukraine which results in open conflict in the summer of 2017. As Russian forces move into Ukrainian territory the Ukrainians do their best to defend their country against a numerically and technologically superior adversary. Events surrounding the invasion cause NATO to send its advanced rapid deployment forces to check the Russian advance. A brutal scenario, for sure, but one which allows you to get a glimpse of what full spectrum contemporary near-peer tactical warfare is all about.“

„Military-grade simulation“ … „brutal scenario“ … das zeigen soll, worum es bei heutiger taktischer Kriegsführung gehe. Quasi ein Bildungsszenario. Ganz toll. Dass solche Spiele in einer sehr langen Tradition stehen, die bis auf das preußische Kriegsspiel (1824) zurückgeht und dass manche Spiele des Genres explizit zur Ausbildung im Militär verwendet werden (wie das erwähnte Command), macht es nicht besser. Es geht um Unterhaltung.

Klar, ich verstehe das auch, sowohl als selbst Spielender als auch auf eine sachliche Art: Ganz abstrakt liefern solche Spiele herausfordernde Problemlöseszenarien. Wie Schach, nur komplexer und durch den Wirklichkeitsbezug ‚spannender‘. Ich selbst finde sowas ja spannend. Ich mache mich da echt nicht frei von. Auf dem Tablet, auf dem ich diesen Text hier schreibe, sind auch diverse Strategie- und Taktikspiele installiert. Und was tue ich zur Rechtfertigung? „Es ist doch nur ein Spiel“ ist jedenfalls keine gültige Ausrede.

In meinem Buch beziehe ich mich auf die Idee des Schattens von C. G. Jung, um mir zu erklären, warum man so etwas spielen darf und warum solche Spiele eigentlich nicht verboten werden. Weil man sich so seine eigenen dunklen Seiten bewusst machen kann. Anyway.

Jedenfalls halten solche Thematiken in Spielen die Möglichkeit solcher Ereignisse in der Realität im Bewusstsein. Sie bleiben denkbar. Und solche Spiele vermitteln die Illusion von Planbarkeit und Umsetzbarkeit. Dabei wäre es angebracht, die Undenkbarkeit von Kriegen zu vermitteln. Undenkbarkeit – immer wieder und wieder.

Der Himmel leuchtet mittlerweile düster-rot (echt, denke ich mir nicht aus).

… willkommen im 19. Jahrhundert

Heute früh wurde die Ukraine von mehreren Seiten aus durch Russland angegriffen (Spiegel-Bericht). Die ukrainische Regierung hat den Kriegszustand ausgerufen und den Luftraum für zivile Flugzeuge gesperrt. Im Deutschlandfunk sagt dazu gerade der lettische Präsident Egils Levits im Interview, dass so etwas in Europa seit Deutschlands Einmarsch in Polen 1939 das erste Mal passiert sei. Da ein Krieg jedoch immer destabilisierend sei und die Ukranie sich verteidigen würde, könne das der Anfang vom Ende des Putin-Regimes sein. So etwas gehöre nicht ins 21. Jahrhundert, so Levits.

In der Tat ist das gerade alles sehr 19. Jahrhundert / erste Hälfte 20. Jahrhundert. Es gibt bekanntlich leider ständig Krieg und Gewalt auf der Welt, auch in Europa (siehe nur die Kriege in den Neunzigern in Ex-Jugoslawien), aber trotzdem ist das gerade von einer anderen ‚Qualität‘ und jede*r hat wohl gehofft, dass Putin nur eine Drohkulisse aufbauen wollte für andere Forderungen. Aber mehr und mehr wurde deutlich, dass sehr genau geplante Spielzüge durchgeführt werden. Der monatelange schrittweise Truppenaufmarsch. Zum Zeitgewinn oder zur inneren Legitimation durchgeführte diplomatische Gespräche. Der seltsame Vortrag zur historischen Einordnung aus Putins Sicht. Und jetzt die Begründung des Angriffs.

Puh. Was für’n Scheiß.

Bürgerkrieg und Glühwein

Die New York Times, deren Artikelauswahl und Layout ich mir in letzter Zeit öfter mal angesehen habe, hatte gestern in ihrer International Edition mal wieder eine bemerkenswerte Gegenüberstellung von Themen. Einerseits die humanitäre Katastrophe in Äthiopien. Andererseits das Corona-bedingte Fehlen von Weihnachtsmärkten in Deutschland: „A christmas fundamentally lacking glühwein“. Während ich den Fokus auf ersteres absolut nachvollziehen kann, halte ich letzteres für doch bestenfalls sekundär. Und daneben dann Qualitätswerbung.