Symbol mit Bedeutung. Glocken und Friedensgebet im Magdeburger Dom

Im Magdeburger Dom findet heute Abend um 18 Uhr ein Ökumenisches Friedensgebet anlässlich des Ukraine-Kriegs statt. In der Stadt also, derer fast völligen Vernichtung im Zweiten Weltkrieg die heutigen Nazis (die echten, nicht Putins imaginierte) regelmäßig gedenken. Ebenfalls sollen um 18 Uhr stadtweit die Glocken läuten. Man kann solche Aktionen als individuelle Bewältigungsstrategie und als bloßes Symbol abtun. Aber da wir unsere Weltsicht immer kommunikativ herstellen, also mit Zeichen definieren, wer wir sind, was wir tun, was wir wollen, sind solche Symbole nicht nur für die individuelle Psychohygiene oder Trauerbewältigung nützlich.

Aus dem Grund finde ich auch Elsa Koesters Text gestern auf der Website der linken Wochenzeitung der Freitag wichtig: „Bleibt weich, bleibt zärtlich!“ fordert Koester darin. Auch das mag man in gerade empfundener Wut und Ohnmacht als naiv abtun. Aber letztlich ist es die Erinnerung daran, in den folgenden Tagen und Wochen seine Menschlichkeit nicht zu verlieren, gerade jetzt.

Es geht Koester darum, Putin klar als Gegner zu benennen, aber dabei nicht „den Respekt vor der Bedeutung des Friedens zu verlieren“ und sich nicht von Wut und Rachegedanken leiten zu lassen. Koester wünscht sich, „dass wir innehalten, wenn uns die Wut packt über die Gewalttätigkeit Putins, wenn uns die Wut packt über eine russische Propaganda, die von Entnazifizierung in der Ukraine spricht, dass wir innehalten und nicht vor blinder Wut zu den Waffen greifen wollen, um zurückzuschlagen.“ Es geht um Besonnenheit.

„Aber damit kommt man einem irren Diktator wie Putin nicht bei!“ dürften so einem Text viele entgegnen. Und das mag sein. Aber man sollte nie vergessen, stets andere Wege zumindest mitzudenken, selbst wenn sie aktuell nicht zu existieren scheinen. Ein System passt sich Situationen immerzu neu an und mit Luhmann kann es auch immer anders sein. Funktionsäquivalente nannte er das Mitdenken von Alternativen. Sobald sich ein System auf nur noch eine Bearbeitungsweise äußerer Reize versteift, wird seine Anpassungsfähigkeit gefährdet und damit es selbst.

Auch deshalb sind Symbole wie Friedensgebete und Demonstrationen bedeutsam. Nicht weil sich dadurch etwas ändern würde. Tut sich leider erfahrungsgemäß nicht. Aber sie halten in Erinnerung, worum es geht und wie es sein sollte, selbst wenn es das gerade nicht ist.

Das Friedensgebet heute findet im Magdeburger Dom vor Ernst Barlachs Plastik „Magdeburger Ehrenmal“ statt, die nach dem Ersten Weltkrieg entstand und seit 1955 im Dom steht. Wikipedia schreibt zur Bedeutung der Figuren:

Barlach selbst charakterisiert die Halbfiguren im unteren Bereich als Not, Tod und Verzweiflung, die dahinter stehenden Figuren symbolisieren den Kriegserfahrenden, den Wissenden und den Naiven.

Ernst Barlach: Magdeburger Ehrenmal (Bild: Wikipedia, CC BY-SA 4.0)

Magdeburgs neuer „Blauer Bock“

Nachdem der alte, aus DDR-Zeiten stammende „Blaue Bock“ in Magdeburg 2016 abgerissen wurde, begannen die Arbeiten am Neubau, und die sind jetzt wohl fast abgeschlossen, wie ich heute eher zufällig bemerkt habe. Hier vier schnelle Schnappschüsse:

Für die Gestaltung des Platzes hätte ich mir Grün statt diese völlige Versiegelung der Flächen gewünscht. Außerdem gibt es schon genug schmucklose Zweckbauten in der Umgebung, und nur eine weitere Fast-Food-Kette als Gastronomie ist jetzt auch eher phantasielos. Dennoch ist der neue Zustand natürlich eine Verbesserung zu vorher, und es ein befreiendes Gefühl, hier nach so vielen Jahren wieder langgehen zu können und relativ viel Platz zu haben (das war heute auch ganz praktisch, weil ich so dem Weihnachtsmarkt ausweichen konnte).

Zum Schluss noch zwei Bilder von den Bauarbeiten im Herbst 2019:

Den Kopf [frei kriegen] über den Wolken

War mal wieder so weit. Die übliche Runde ‚um den Block‘. Mittlerweile sieht es wieder viel trockener aus als letzten Monat, der Elbpegel ist wieder gesunken.

Wir sprachen heute kurz darüber, dass das Selber-Fliegen ein großes Privileg ist. Aber das ist es nicht nur wegen der Landschaft usw. Sondern weil das räumliche Herausheben auch für den Luxus steht, den Alltag hinter sich lassen zu können. Ich weiß nicht, wie das bei Berufspilot*innen ist oder bei Fluglehrer*innen, für die das der normale Job ist. Aber wenn ich vielleicht drei, wenn’s hoch kommt, vier mal im Monat für je eine halbe bis dreiviertel Stunde unterwegs bin, ist das immer noch etwas Besonderes. Und etwas, wo ich dann ganz bei der Sache und mir selbst bin. Für diese Zeit verschwinden alle eigenen und medial vermittelten Weltschmerzen. Das ist das eigentliche, zu hinterfragende, Privileg.

Gedankenlos

Sobald das Flugzeug abhebt, verfliegen alle Gedanken.

Das Gefühl des Steigens, körperlich und leiblich, und der Blick auf Geschwindigkeit, Steigrate, Richtung, mehr ist nicht wichtig, und je kleiner die Welt unter mir wird, umso irrelevanter erscheinen die Sorgen des Alltags aus der ersten Tageshälfte.

Spontan (statt nur Platzrunden) ein Rundflug, die Stadt von oben in 2.000 Fuß ist so ruhig, alles so klein und unwichtig. Magdeburg habe ich mittlerweile schon so oft aus der Perspektive gesehen, aber trotzdem ist es immer wieder neu.

Der Elbpegel ist mit knapp 2,50 m gerade recht hoch (im Vergleich zu den letzten Jahren) und aus der Luft sieht man gut, wie der Fluss vor kurzem noch begehbare Spazierwege überschwemmt hat:

Da unten, auf dem schmalen grünen Streifen unterhalb des Hafens, war neulich noch viel mehr Platz.

Sogar Gräben in der Umgebung sind voll mit Wasser gefüllt.

Aber das ist alles noch im Rahmen, fast „normal“, so wie man sich einen großen Fluss vorstellt.

Nach der Landung das übliche Highsein.

Und das Abendessen, Pilzsuppe am Flugplatzrestaurant. Dort zufällig einen ebenfalls fliegenden Bekannten getroffen, der erzählt, dass das Restaurant in Stendal jetzt auch wieder geöffnet hat, mit gutem Eiskaffee. Und unverständlich, dass es in Dessau am Platz nicht mal Kaffee gibt, und auch keinen Fahrradverleih (mehr). Luxusprobleme, die mir aber in diesem Moment sehr interessant erscheinen.

Dann die Fahrradfahrt nach Hause, noch mal 9 Kilometer durch die laute Abendstadt, die zurzeit noch wie vor Corona wirkt, und die ich lange nicht mehr so gesehen haben. Nach der Ruhe am Himmel wirkt sie doppelt.

Zu Hause die Nachrichten, um auch gedanklich wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen, mit den Fluten in Südwestdeutschland …

Der Aperol vor der Wahl …

Gestern waren wir das erste Mal seit Herbst 2020 im Außenbereich eines Cafés im Magdeburger Hundertwasserhaus (die sog. Grüne Zitadelle), was eigentlich ein schöner Moment war. Es war auch etwas skurril, wenn man sich so halb-ironisch daran zu erinnern versucht, wie das so funktioniert mit Speisekarten, um die Rechnung bitten, Trinkgeld geben. Das sind ja soziale Fähigkeiten, die lange nicht mehr benötigt wurden.

Interessant war der gestrige Besuch jedoch auch, weil (was wir nicht so richtig wussten) zwei Stunden später die Abschlusswahlkampfveranstaltung der sogenannten „AfD“ auf dem nahegelegenen Domplatz vor dem Landtag stattfinden würde. Und daher saßen an einem Nebentisch zwei nach Rentnerehepaar aussehende Menschen, die, mehrfach Aperol Spritz ordernd, mit irgendwelchen Wahlkampfdingen befasst waren – Kugelschreiber gegen solche von der AfD austauschen … lautstark (und über Lautsprecher) mit einer anderen Person telefonieren über weitere wahlkampftaktische Dinge (mit dem Lautsprecherwagen durch irgendeinen Stadtteil fahren … außerdem irgendwas, das nach parteiinterner Konkurrenzsituation klang … und dass sie vorher noch von dem AfD-Abgeordneten Tilschneider durch den Landtag geführt worden seien). Später kam dann eine Gruppe weiterer älterer Menschen dazu (… aus Niedersachsen scheinbar), alle ganz fröhlich und in freudiger Erwartung der Wahl morgen.

Die Umfragen vor der Wahl, die der AfD sehr gute Ergebnisse vorhersagen, sind einerseits erschreckend, andererseits nicht überraschend. Ja, die Aussage von Marco Wanderwitz, dass manche Ostdeutsche nicht in der Demokratie angekommen seien, sollte man an einigen Stellen differenzieren. Und ja, auch „im Westen“ gibt es strukturellen und offenen Rassismus und alte und neue Nazis. Aber „im Westen“ gibt es auch wahrnehmbaren Widerstand dagegen. Währenddessen zeigen sich Nationalismus, Rechtsextremismus und Rassismus in vielen Regionen Ostdeutschlands mittlerweile mit so einer bürgerlich wirkenden Selbstverständlichkeit und treffen auf so wenig Widerspruch, dass es mich schaudern lässt.

Als ich noch jung war und in einer mecklenburgischen Kleinstadt öfter mal von irgendwelchen Nachwuchsnazis auf der Straße „angehalten“ wurde (die wollten allerdings v.a. Geld zum Kiffen von mir haben und begründeten das irgendwie krude mit Hitler, was auch irgendwo paradox war …), da glaubte man, das würde sich in ein paar Generationen erledigen. Aber dass die Rechten jetzt vielleicht stärkste Partei im Landtag werden, meine Güte, das hätte ich mir damals nicht vorstellen können. Und es ist ja nicht nur die AfD. Die CDU bläst „im Osten“ teilweise ins selbe Horn.

Ich habe jedenfalls fast Angst vor dem morgigen Tag.