Magdeburgs neuer „Blauer Bock“

Nachdem der alte, aus DDR-Zeiten stammende „Blaue Bock“ in Magdeburg 2016 abgerissen wurde, begannen die Arbeiten am Neubau, und die sind jetzt wohl fast abgeschlossen, wie ich heute eher zufällig bemerkt habe. Hier vier schnelle Schnappschüsse:

Für die Gestaltung des Platzes hätte ich mir Grün statt diese völlige Versiegelung der Flächen gewünscht. Außerdem gibt es schon genug schmucklose Zweckbauten in der Umgebung, und nur eine weitere Fast-Food-Kette als Gastronomie ist jetzt auch eher phantasielos. Dennoch ist der neue Zustand natürlich eine Verbesserung zu vorher, und es ein befreiendes Gefühl, hier nach so vielen Jahren wieder langgehen zu können und relativ viel Platz zu haben (das war heute auch ganz praktisch, weil ich so dem Weihnachtsmarkt ausweichen konnte).

Zum Schluss noch zwei Bilder von den Bauarbeiten im Herbst 2019:

Den Kopf [frei kriegen] über den Wolken

War mal wieder so weit. Die übliche Runde ‚um den Block‘. Mittlerweile sieht es wieder viel trockener aus als letzten Monat, der Elbpegel ist wieder gesunken.

Wir sprachen heute kurz darüber, dass das Selber-Fliegen ein großes Privileg ist. Aber das ist es nicht nur wegen der Landschaft usw. Sondern weil das räumliche Herausheben auch für den Luxus steht, den Alltag hinter sich lassen zu können. Ich weiß nicht, wie das bei Berufspilot*innen ist oder bei Fluglehrer*innen, für die das der normale Job ist. Aber wenn ich vielleicht drei, wenn’s hoch kommt, vier mal im Monat für je eine halbe bis dreiviertel Stunde unterwegs bin, ist das immer noch etwas Besonderes. Und etwas, wo ich dann ganz bei der Sache und mir selbst bin. Für diese Zeit verschwinden alle eigenen und medial vermittelten Weltschmerzen. Das ist das eigentliche, zu hinterfragende, Privileg.

Gedankenlos

Sobald das Flugzeug abhebt, verfliegen alle Gedanken.

Das Gefühl des Steigens, körperlich und leiblich, und der Blick auf Geschwindigkeit, Steigrate, Richtung, mehr ist nicht wichtig, und je kleiner die Welt unter mir wird, umso irrelevanter erscheinen die Sorgen des Alltags aus der ersten Tageshälfte.

Spontan (statt nur Platzrunden) ein Rundflug, die Stadt von oben in 2.000 Fuß ist so ruhig, alles so klein und unwichtig. Magdeburg habe ich mittlerweile schon so oft aus der Perspektive gesehen, aber trotzdem ist es immer wieder neu.

Der Elbpegel ist mit knapp 2,50 m gerade recht hoch (im Vergleich zu den letzten Jahren) und aus der Luft sieht man gut, wie der Fluss vor kurzem noch begehbare Spazierwege überschwemmt hat:

Da unten, auf dem schmalen grünen Streifen unterhalb des Hafens, war neulich noch viel mehr Platz.

Sogar Gräben in der Umgebung sind voll mit Wasser gefüllt.

Aber das ist alles noch im Rahmen, fast „normal“, so wie man sich einen großen Fluss vorstellt.

Nach der Landung das übliche Highsein.

Und das Abendessen, Pilzsuppe am Flugplatzrestaurant. Dort zufällig einen ebenfalls fliegenden Bekannten getroffen, der erzählt, dass das Restaurant in Stendal jetzt auch wieder geöffnet hat, mit gutem Eiskaffee. Und unverständlich, dass es in Dessau am Platz nicht mal Kaffee gibt, und auch keinen Fahrradverleih (mehr). Luxusprobleme, die mir aber in diesem Moment sehr interessant erscheinen.

Dann die Fahrradfahrt nach Hause, noch mal 9 Kilometer durch die laute Abendstadt, die zurzeit noch wie vor Corona wirkt, und die ich lange nicht mehr so gesehen haben. Nach der Ruhe am Himmel wirkt sie doppelt.

Zu Hause die Nachrichten, um auch gedanklich wieder auf den Boden der Tatsachen zu kommen, mit den Fluten in Südwestdeutschland …

Der Aperol vor der Wahl …

Gestern waren wir das erste Mal seit Herbst 2020 im Außenbereich eines Cafés im Magdeburger Hundertwasserhaus (die sog. Grüne Zitadelle), was eigentlich ein schöner Moment war. Es war auch etwas skurril, wenn man sich so halb-ironisch daran zu erinnern versucht, wie das so funktioniert mit Speisekarten, um die Rechnung bitten, Trinkgeld geben. Das sind ja soziale Fähigkeiten, die lange nicht mehr benötigt wurden.

Interessant war der gestrige Besuch jedoch auch, weil (was wir nicht so richtig wussten) zwei Stunden später die Abschlusswahlkampfveranstaltung der sogenannten „AfD“ auf dem nahegelegenen Domplatz vor dem Landtag stattfinden würde. Und daher saßen an einem Nebentisch zwei nach Rentnerehepaar aussehende Menschen, die, mehrfach Aperol Spritz ordernd, mit irgendwelchen Wahlkampfdingen befasst waren – Kugelschreiber gegen solche von der AfD austauschen … lautstark (und über Lautsprecher) mit einer anderen Person telefonieren über weitere wahlkampftaktische Dinge (mit dem Lautsprecherwagen durch irgendeinen Stadtteil fahren … außerdem irgendwas, das nach parteiinterner Konkurrenzsituation klang … und dass sie vorher noch von dem AfD-Abgeordneten Tilschneider durch den Landtag geführt worden seien). Später kam dann eine Gruppe weiterer älterer Menschen dazu (… aus Niedersachsen scheinbar), alle ganz fröhlich und in freudiger Erwartung der Wahl morgen.

Die Umfragen vor der Wahl, die der AfD sehr gute Ergebnisse vorhersagen, sind einerseits erschreckend, andererseits nicht überraschend. Ja, die Aussage von Marco Wanderwitz, dass manche Ostdeutsche nicht in der Demokratie angekommen seien, sollte man an einigen Stellen differenzieren. Und ja, auch „im Westen“ gibt es strukturellen und offenen Rassismus und alte und neue Nazis. Aber „im Westen“ gibt es auch wahrnehmbaren Widerstand dagegen. Währenddessen zeigen sich Nationalismus, Rechtsextremismus und Rassismus in vielen Regionen Ostdeutschlands mittlerweile mit so einer bürgerlich wirkenden Selbstverständlichkeit und treffen auf so wenig Widerspruch, dass es mich schaudern lässt.

Als ich noch jung war und in einer mecklenburgischen Kleinstadt öfter mal von irgendwelchen Nachwuchsnazis auf der Straße „angehalten“ wurde (die wollten allerdings v.a. Geld zum Kiffen von mir haben und begründeten das irgendwie krude mit Hitler, was auch irgendwo paradox war …), da glaubte man, das würde sich in ein paar Generationen erledigen. Aber dass die Rechten jetzt vielleicht stärkste Partei im Landtag werden, meine Güte, das hätte ich mir damals nicht vorstellen können. Und es ist ja nicht nur die AfD. Die CDU bläst „im Osten“ teilweise ins selbe Horn.

Ich habe jedenfalls fast Angst vor dem morgigen Tag.

Magdeburg, Sievertorstraße (Bilder)

In Magdeburg wird sehr viel gebaut, nicht nur überteuerte Tunnel und Brücken, sondern auch diese heute überall üblichen gesichtslosen Neubauten (gut, in der Innenstadt nahe des Doms ist man zuletzt ein wenig vom üblichen Schema abgewichen). Aber außerhalb des Zentrums gibt es noch viele städtische Räume, die … ‚entwickelt werden wollen‘. Einer dieser Straßenzüge ist in der Alten Neustadt, zwischen Sievertorstraße und Böttcherplatz, nicht weit vom Hafen entfernt. Auch ohne Corona-Lockdown ist da nicht viel los; zwischen Edeka-Neubau und schön saniertem Siemens-Gymnasium verfallen alte Gebäude vor sich hin. Noch gar nicht so alte Graffitis verblassen schon. Aber mehr und mehr Häuser werden saniert, und man fragt sich, wie lange diese recht surreale Stimmung der Straße noch bestehen bleibt.

Die Balance zwischen Kontrolle und Loslassen (Teil I)

Was haben professionelle Kommunikation und Fliegen gemeinsam? Sie gelingen nur dann, wenn es eine Balance gibt zwischen geplantem Handeln (Steuern und Kontrolle) und der Bereitschaft, auch mal loszulassen und die Dinge laufen zu lassen. Darüber möchte ich in diesem zweiteiligen Artikel schreiben. Heute geht es zunächst ums Fliegen; nächste Woche dann um Kommunikation.

Disclaimer: Das Problem von Klimafolgen und Flugscham blende ich in diesem Artikel einmal komplett aus. Dazu kommt im Lauf des Sommers noch ein größerer Beitrag.

Vorbemerkung

Wie wir als Menschen mit Unsicherheit, Ungewissheit oder unerwarteten Ereignissen umgehen, treibt mich schon lange um. In Bezug auf Computertechnik habe ich dazu meine Dissertation geschrieben und daraus zwei Bücher gemacht. Ich finde das Thema erstens gesellschaftlich wichtig, weil früher gewohnte Sicherheiten heute einfach nicht mehr greifbar sind und neue Gewissheiten noch nicht erkennbar. Aber zweitens habe ich auch individuell damit immer mal wieder zu kämpfen.

Wenn ich selbst die Person bin, von der professionelles Handeln erwartet wird, neige ich dazu, einen Plan zu machen, diesen kontrolliert abzuarbeiten und Abweichungen vom Plan korrigieren zu wollen. Aber — und darum geht es in diesem Artikel — das ist oft gar nicht nötig. Es ist mitunter kontraproduktiv und das Ergebnis am Ende besser, wenn ich nicht ständig eingreife. Schauen wir uns das erstmal am Beispiel des Fliegens an, bevor ich in Teil II auf Kommunikation eingehe.

Das Steuer loslassen

Wenn wir mal das ganze Drumherum weglassen, das man bei großen Verkehrsflugzeugen findet und wir auf kleine propellergetriebene Flugzeuge schauen, dann sehen wir: Fliegen an sich ist erstaunlich einfach. Bei genügend Geschwindigkeit hebt man fast von allein ab. Solange man nicht zu langsam wird, hoch genug ist und genug sieht, kann auch nichts passieren. Den Umgang mit und die Zusammenhänge von Quer-, Höhen- und Seitenruder, der Motorleistung und den Landeklappen hat man schnell verinnerlicht. Einem entspannten Sonntagsausflug zum Bratkartoffelessen auf dem Nachbarflugplatz steht schnell nichts mehr im Wege.

Da die meisten Flugzeuge aerodynamisch stabil gebaut sind, muss man nach Erreichen der gewünschten Flughöhe kaum noch eingreifen (wenn nicht gerade etwas Unerwartetes geschieht — aufmerksam sein, ist natürlich wichtig). Das Flugzeug fliegt einfach so, wie man es eingestellt (getrimmt) hat. Vielleicht wackelt es wegen Thermik oder Turbulenzen hin und her, oder es hebt oder senkt mal die ‚Nase‘, aber in der Regel bringt es sich von selbst wieder in die eingestellte Ausrichtung. Und wenn es doch mal etwas stärker abweicht, genügen sanfte Stupser mit den Fingerspitzen, um das zu korrigieren. Man kann also sehr entspannt sein und die Landschaft genießen.

Eigentlich.

Ziemlich viel Betrieb für einen Sonntag morgen in der Schleuse Rothensee, die Elbe (hinten) und Mittellandkanal (vorne) verbindet.

Denn wie viele andere Flugschüler*innen vor mir neige ich dazu, zu viel Kontrolle ausüben zu wollen. ‚Mit dem Knüppel rühren‘, wird das genannt: Wie einen Kochlöffel bewegt man den Steuerknüppel nach links oder rechts, oder spielt ständig an der Motorleistung herum, um ein Verhalten des Flugzeugs ausgleichen zu wollen, das zwar für den Moment unerwünscht scheint, aber das sich in den meisten Fällen wenige Momente später ganz von selbst korrigieren wird. Man arbeitet also gegen die natürliche Stabilität des Flugzeugs.

Dass das auf Dauer sowohl körperlich anstrengend ist als auch generell stresst, kann man sich bestimmt denken. Körper und Geist sind angespannt statt entspannt, als wäre man ständig auf dem Sprung. Zwar ist es wichtig, aufmerksam zu sein, den Luftraum zu beobachten und die Instrumente im Auge zu behalten. Aber wenn man sich schon beim normalen Fliegen, wo absolut nichts Aufregendes passiert, ständig unter Strom setzt, ist es viel schwieriger, ruhig und besonnen zu bleiben, wenn wirklich mal was Unerwartetes geschieht. Man weiß dann zwar, was zu tun ist, kann das aber nicht, nicht richtig oder nur verzögert in Handlungen umsetzen. Was dann unter Umständen alles noch schlimmer macht.

Letztlich sollte man also darauf vertrauen, dass das Flugzeug das tut, wofür es gebaut wurde: Fliegen. Meine beiden Fluglehrer geben sich glücklicherweise viel Mühe, dass ich dieses Vertrauen immer wieder bestätigt sehe, und dafür, dass ich früher Flugangst hatte, sind wir sehr weit gekommen. Eine Übung haben wir heute einige Male gemacht: Für einige Sekunden den Schubhebel und den Steuerknüppel loslassen, die Hände auf die Oberschenkel zu legen, den Blick nach draußen schweifen lassen, die Landschaft genießen, das Flugzeug einfach machen lassen, tief durch die Nase ein- und langsam durch den Mund ausatmen, und dann körperlich und geistig entspannter wieder übernehmen. Trotz einiger spürbarer Thermik, tiefen Wolken und ziemlichem Wind hat sich das sehr positiv auf den weiteren Flug ausgewirkt.

Mein Rundflug heute um Magdeburg

Eigenstabilität der Kommunikation

Was hat das alles nun mit Kommunikation zu tun? Meine These ist, dass wir auch in Kommunikationssituationen, etwa zwischen Kund*in und Mitarbeiter*in einer Hotline, von einer Eigenstabilität der Kommunikation sprechen können, die wir dazu nutzen können, die Kommunikationssituation insgesamt ruhiger und erfolgreicher zu erleben.


Zu Teil II

Zu Teil III

(Titelbild: Mopsgesicht / Pixabay.com)

Auf dem Möbiusband: Kommunikation als Annäherung

Gestern an der Käsetheke: „Guten Tag 🙂 Haben Sie Old Amsterdam nur abgepackt, oder auch frisch?“ — „NEIN!! Nur abgepackt!! UND DER IST AUCH FRISCH!! Den habe ich gerade erst abgepackt!“ — „oh … okay … entschuldigung … . . .“ Hui. Das war mal herzlicher Kundenservice. Aber im Nachhinein fallen einem tausend Gründe ein, warum diese Kommunikationssituation so unbefriedigend verlief, und die haben alle mit Perspektivwechseln zu tun. In meinen Büchern benutze ich dafür zur Verdeutlichung gerne das Möbiusband: Als Kommunikationspartner stehen wir zwar auf einer Seite, aber finden uns doch weit entfernt — wie kommen wir zusammen?

Möbiusband?

Ein Möbiusband ist ein sich verdrehtes Band, das durch die Drehung nur eine durchgehende Seite hat, auf der man sich aber trotzdem getrennt voneinander gegenüberstehen kann. Man kann sich so ein Band leicht selbst aus Papier basteln und das Prinzip mit kleinen Legofiguren (oder Papierkügelchen) nachstellen.

Kommunikation auf dem Möbiusband: Wir stehen zwar auf derselben einen Seite, können aber trotzdem weit voneinander entfernt sein. Wir glauben also, dass wir doch dasselbe wollen, aber unsere Perspektiven können ganz unterschiedlich sein. Wie nähern wir uns an?
Kommunikation auf dem Möbiusband: Wir stehen zwar auf derselben einen Seite, können aber trotzdem weit voneinander entfernt sein. Wir glauben also, dass wir doch dasselbe wollen, aber unsere Perspektiven können ganz unterschiedlich sein. Wie nähern wir uns an? (Eigene Grafik, aus meinem Buch „Die Unschuld der Maschinen“, 2019)

Mir hilft dieses Modell als Metapher, die wesentlichen Herausforderungen zwischenmenschlicher Kommunikation zu verdeutlichen: Indem wir miteinander kommunizieren, setzen wir zumindest voraus, dass wir ein gemeinsames Interesse haben und dass wir Formulierungen wählen, die für unsere Partner verständlich sind. Das ist das Kooperationsprinzip, das der Sprachphilosoph Paul Grice formuliert hat. Wir sind auf derselben, einen (einzigen) Seite des Möbiusbandes. Aber oft erleben wir, dass trotzdem kein Zusammenkommen möglich scheint — wir stehen trotzdem weit auseinander, und müssen uns irgendwie aufeinander zu bewegen.

ine Kommunikationssituation ist mehr als die beiden Partner -- weitere Menschen, unsere Erwartungen, Erwartungen an Erwartungen anderer Menschen, allgemeines Weltwissen, spontane Umwelteinflüsse usw. können potenziell wichtig für Verständigung und Verständnis werden, hier symbolisiert als durchsichtige Kugel um das Möbiusband
Eine Kommunikationssituation umfasst mehr als die beiden Partner — weitere Menschen, unsere Erwartungen, Erwartungen an Erwartungen anderer Menschen, allgemeines Weltwissen, spontane Umwelteinflüsse usw. können potenziell wichtig für Verständigung und Verständnis werden, hier symbolisiert als durchsichtige Kugel um das Möbiusband (Eigene Grafik, aus meinem Buch „Die Unschuld der Maschinen“, 2019)

Im Eingangsbeispiel — der Situation an der Käsetheke — kann man sich etwa folgende zwei Perspektiven vorstellen (wobei ich meine bzw. die meiner Frau hier so darstelle, wie wir sie erlebten, während ich über die Perspektive der anderen Person nur aufgrund für uns sichtbarer Kontextfaktoren spekulieren kann):

  • Wir wollten gemütlich und in Ruhe leckere Dinge einkaufen, u.a. Käse. Sehr lange gab es gar keine Käsetheke in unserem Supermarkt, erst seit einem kompletten Neubau des Marktes (bei selben Inhabern) gibt es zumindest eine kleine Auswahl. Eine vernünftige Beratung durch Mitarbeiter*innen, die ihre Produkte kennen und sich Zeit nehmen, gehört zu unserem Idealbild dieser Einkaufssituation dazu. Auf eine scheinbar so einfache Frage so eine LAUTE, fast aggressive Antwort im „ham wa nich“-Stil zu bekommen, hat uns komplett überrascht und uns schnell von der Käsetheke vertrieben (und auch generell die Stimmung verdorben, aber dazu komme ich weiter unten im Artikel noch, wenn es ans Bezahlen an der Kasse geht).
  • Aus Sicht der Mitarbeiter*innen war die Situation wohl etwas anders. Erstmal die generelle Situation: Gerade war Ware angeliefert worden, viele Mitarbeiter*innen waren damit beschäftigt, sie in Regale einzusortieren. Es war relativ voll im Markt, und wegen der Corona-bedingten Einkaufswagenpflicht auch sehr eng. Durch die Nutzung von Gesichtsmasken war es schwierig, Gesichtsausdrücke einzuschätzen. Und dann die konkrete Situation der Mitarbeiterin, die sie uns auch mitteilte, sie hätte den von uns gewünschten Käse gerade erst selbst abgepackt.

Da waren also einerseits wir, die wir an einem Wochentag, am Vormittag, gemütlich einkaufen gehen, während um uns herum alle hektisch am Arbeiten waren. Durch unsere Frage nach nicht abgepacktem Käse stellten wir die gerade erst erledigte Arbeit der Supermarkt-Mitarbeiterin in Frage und zeigten (zwar ohne es zu wollen, aber die Absicht ist für das Ergebnis nicht von Bedeutung) kein Verständnis für die aus Mitarbeiter*innen-Sicht stressige Situation. Die machten wir uns erst hinterher bewusst, als wir mit einem Stück abgepacktem Käse Richtung Kasse rollten.

Die vier Differenzen menschlicher Kommunikation

Unsere scheinbar so einfache Frage nach nicht abgepacktem, frischen Käse betraf also eigentlich ein ganzes Bündel unterschiedlicher Aspekte. Die wichtigen kommunikationstheoretischen Überlegungen und praktischen Kommunikationsmodelle zu dieser Problematik kann man als vier grundlegende Differenzen ausdrücken:

  1. Informationstheoretisch und technisch: Kommunikation als Kodierung und Transport vom Sender zum Empfänger — hier denke ich vor allem an das Sender-Empfänger-Modell von Claude Shannon (1948), das auch auf spätere nichttechnische Modelle großen Einfluss hatte.
  2. Psychologisch: Kommunikation als Beziehung und Haltung der Kommunikationspartner — hier denke ich vor allem an Karl Bühler (Organon-Modell, 1934) und Paul Watzlawick (Axiome der Kommunikation, 1967); auch Schulz v. Thuns bekanntes 4-Seiten-Modell (1981) beruht auf diesen Vorarbeiten.
  3. Leibphänomenologisch: Kommunikation als Dynamik von Körper und Leib — hier denke ich vor allem an die neophänomenologischen Arbeiten des Philosophen Hermann Schmitz, der sich für eine Rehabilitierung leiblicher (d.h. nicht auf bloße messbare Sinnesdaten reduzierbare) Aspekte von Wahrnehmung starkmacht.
  4. Systemtheoretisch: Kommunikation als Differenz des tatsächlich Realisierten vor dem Hintergrund des potenziell Möglichen — hier denke ich an Luhmanns Begriff der Funktionsäquivalente, an Dirk Baeckers „Form und Formen der Kommunikation“ (2007), aber auch an Heinz von Foersters Konzept der nicht-trivialen Maschine.

Einigermaßen quer zu (1) und (2) liegen sprachphilosophische, linguistische und semiotische Modelle der Kommunikation, etwa die Sprachfunktionen Roman Jakobsons (1960), die Sprechakttheorie in der Tradition John Austins (1955) und John Searles (1969), die Konversationsmaximen von Paul Grice (1975) und die Relevanztheorie von Dan Sperber & Deidre Wilson (1986).

Lesetipps

Ich kann in diesem Artikel nicht auf jeden einzelnen der genannten Ansätze eingehen; wer einen umfassenden Überblick sucht, verweise ich gerne auf „Kommunikationswissenschaft. Eine Einführung“ (2018) meines früheren Doktorvaters Wolfgang Sucharowski. Denn das Buch schränkt Kommunikationswissenschaft nicht auf Publizistik und Medienwissenschaft ein, sondern gibt sprachphilosophischen und differenztheoretischen Ansätzen viel Raum. Eine spezifische Anwendungsperspektive biete ich zudem in meinem neuen Fachbuch „Nutzerverhalten verstehen — Softwarenutzen optimieren“ (2020).

Die vier Differenzen am Beispiel

Auf unser Käsebeispiel angewandt, lässt sich im Nachhinein folgendes feststellen (aber siehe unten: „Warum wir oft erst hinterher schlauer sind“):

  1. Kommunikation als Transport vom Sender zum Empfänger: Es war laut, es war hektisch, durch Masken kann man weder deutlich sprechen noch Gesichtsausdrücke einordnen. Was also allein auf Signalebene (Sprache, Mimik, Stimmlage usw.) von unserer eigentlich freundlich und sachlich gemeinten Frage bei der Mitarbeiterin ankam (und umgekehrt), ist fraglich.
  2. Kommunikation als Beziehung und Haltung zum Kommunikationspartner: Wie schon erwähnt, drückten wir durch unsere Frage nicht nur ein sachliches Informationsbedürfnis aus. Dass uns die Mitarbeiterin extra darauf hinwies, dass sie den abgepackten Käse gerade erst frisch verpackt hatte, ist ein Indiz, dass wir sie auch in ihrer Rolle als fachliche kompetente Person angegriffen hatten — einerseits, indem wir das Arbeitsergebnis selbst entwerteten (abgepackter Käse sei weniger gut als nicht abgepackter Käse), andererseits, indem wir ihr implizit zu verstehen gaben, sie würde sich nicht um die Frische der Produkte kümmern und damit unprofessional agieren.
  3. Kommunikation als Dynamik von Körper und Leib: Interessant an der Stelle sind die Körperhaltungen und die auch leiblich gespürten Regungen. Während wir zu Beginn körperlich aufgerichtet auftraten und leiblich nach außen zugewandt waren, sozusagen ’schwelgend‘, konsumierend und selbstvergessen die Atmosphäre des Marktes aufnehmend, wirkten die dominante Körperhaltung, die Stimme und der scharfe Blick der Mitarbeiterin leiblich engend auf uns, sodass wir danach auch körperlich etwas zusammensackten und ein wenig wie getroffene Hunde von dannen zogen. Dadurch veränderte sich auch unsere Wahrnehmung der Atmosphäre des Marktes. Jetzt spürten wir den Stress und die Hektik um uns herum.
  4. Kommunikation als Differenz des tatsächlich Realisierten vor dem Hintergrund des potenziell Möglichen: Welche alternativen Formulierungen unserer Frage wären angebracht gewesen? Welche, eine als positiv empfundene Beziehungsebene fördernden, Begriffe wären denkbar gewesen? Welche unserer eigenen Grundannahmen hätten wir zuerst in Frage stellen sollen, bevor wir die Frage stellen?

Warum wir oft erst hinterher schlauer sind

Im normalen Alltag, das heißt abseits professionell ausgeübter Kommunikationsformen, reflektieren wir diese Perspektiven kaum. Wir sind in einer Kommunikationssituation, nehmen sie nicht nur intellektuell, sondern auch leiblich und atmosphärisch wahr, und wir gehen damit relativ spontan um. Würden wir die Situation erst ewig durchdenken, dann würde sie, um mit Hermann Schmitz zu sprechen, in eine Konstellation zerfallen, also in einzelne Elemente, bei denen das Wesentliche fehlt.

Darum ist es zwar relativ einfach, gestörte Kommunikation als Beobachter*in von außen zu erkennen oder sie im Nachhinein zu analysieren, aber so schwer, das Scheitern in der Situation zu vermeiden.

Damit das gelingt müssten wir uns eine Haltung angewöhnen, in der wir zwar als, sozusagen, ganze Menschen in der Situation verhaftet sind, aber dennoch eine Metaperspektive auf sie einnehmen und uns selbst reflektieren können. Wir müssten erkennen: Ich stehe hier, du stehst da, und das sind die Perspektiven, die wir auf uns und die Umwelt einnehmen.

Das kann funktionieren, wenn man ähnliche Situationen bereits kennt, oder Kommunikation, wie in beruflichen Situationen, nach den immer gleichen Skripts abläuft, aber wenn man spontan auf Unerwartetes reagieren muss, ist es nicht so leicht. Oft macht uns dabei auch unsere Emotionaliät und unser Ego einen Strich durch die Rechnung.

Epilog

Der Supermarkt-Besuch aus dem Eingangsbeispiel ging noch weiter. Wir standen an der Kasse und wollten bezahlen, aber die Paprika ließ sich nicht über den Scanner ziehen. Ich fragte die Kassiererin, ob ich nochmal nachschauen soll, sie nickte, ich tat es. Den Einkaufswagen ließ ich an der Kasse. Da das Gemüse im Eingangsbereich liegt, hielt ich mich also kurzzeitig ohne Einkaufswagen im Gemüsebereich auf, um den Preis nachzuschauen. Und wurde sofort zurechtgewiesen: „Bitte NUR MIT EINKAUFSWAGEN DEN MARKT BETRETEN!“ Laute Stimme, böser Blick, und aus Sicht der Mitarbeiterin zurecht. Denn sie konnte nicht wissen, dass ich nur einen Preis nachschauen wollte. Ich finde grundsätzlich gut, wenn die Mitarbeiter*innen darauf achten, dass Abstände eingehalten werden.

Dennoch war ich mittlerweile von der gesamten Einkaufssituation (Käseerlebnis, Enge, seit zwanzig Minuten unter der warmen und feuchten Maske, und die Notwendigkeit, überhaupt den Preis nachgucken zu müssen) so genervt, dass ich für meine Verhältnisse ungewöhnlich laut und genervt antwortete: „Wir STEHEN bereits MIT dem Wagen an der KASSE, ABER IHRE KOLLEGIN WEIß NICHT, was die Paprika kostet, deswegen gucke ich das hier schnell nach“. Und warf ebenfalls einen bösen Blick zurück.

Ich bin rückblickend nicht glücklich darüber, insbesondere war mein Ausdruck „ihre Kollegin weiß nicht“ eine stellvertretend an alle Mitarbeiter*innen gerichtete Du-Botschaft. Sie diente eindeutig dazu, mich emotional abzureagieren. Normalerweise tue ich sowas nicht, sondern bin ziemlich defensiv. Gerade auch, weil ich weiß, wie nervenzehrend es im Kundendienst ist, wenn man anstrengende Kund*innen hat, die glauben, sie hätten immer Recht. Aber ich fühlte mich selbst ungerecht behandelt, glaubte ich doch, gerade helfen zu wollen.

Da waren sie wieder, die Perspektiven. Immer wieder aufs Neue müssen wir wahrnehmen und reflektieren, in welcher Kommunikationssituation wir gerade sind. Um zu vermeiden, dass wir andere Menschen, die es nicht verdient haben, zu verletzen.

(Titelbild: Reimund Bertrams / Pixabay.com)